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Druck und Verlag der Suldaer Actiendruckerei in S«lda (Harmonie) Sernfprecher Nr. 9.
JVo 106.
flllM Montag, den 11. Mai 1903.
30. Jahrgang.
*„ Der Rücktritt öes Kricgsminijters v. Göhler,
der zwar noch nicht erfolgt ist, aber-in wenigen Monaten mit Sicherheit zu erwarten steht, wird in der Presse mit der kommenden Militärvorlage in Verbindung gebracht. Die einen sagen, er sei mit der Vorlage nicht einverstanden und deshalb in Meinungsverschiedenheiten mit dem Kaiser geraten; die andern sagen, seine Kräfte reichten zur Durchfechtung der Vorlage int Reichstage und zu ihrer Durchführung nicht mehr aus, es sei dazu eine frische Kraft nötig. Beide Lesarten deuten auf bedenkliche Forderungen in der nächsten Vorlage hin.
Bekanntlich läuft das Quinquennat von 1899 am 31. März nächsten Jahres ab. Bei der letzten Militäroorlage strich der Reichstag von den geforderten rund 23 000 Mann 7006. Nachdem die Militärverwaltung «sich mit diesem Abstich bereits zufrieden gegeben hatte, wäre es plötzlich zwischen der zweiten und dritten Lesung beinahe noch zu einem „Krach" gekommen. Es schien alles „kurz und klein geschlagen" werden zu sollen, falls der Reichstag nicht nachgebe. Er hätte es sicher nicht getan, und schließlich gelang es Herrn v. Goßler ja auch, die Sache wieder ins Geleise zu bringen. *Die Militärverwaltung behielt sich vor, die 7006 Mann innerhalb des Quinquennals nachzufordern, falls ohne sie nicht auszukommeu sei, und der Reichstag erklärte sich in einer Resolution bereit, in diesem Falle die Frage nochmals zu prüfen. Auffallender Weise hat man die fünfjährige Frist verstreichen lassen, ohne die Nachforde- rung zu erheben. Vielleicht dachte man, daß mit der inzwischen angenommenen neuen Marinevorlage der Reichstag einstweilen Opfei- willigkeit genug bewiesen habe.
Daß es bei der Neufestsetzung der Präsenzstärke nach Ablauf des Quinquennats bei der Mehrforderung von 7006 Mann nicht bleiben wird, sagt sich wohl jeder selbst. Was bisher über die neue Vorlage verlautet, bestätigt das denn auch durchaus. Da ist erstens von der Vermehrung der Kavallerie, der Aufstellung zweier neuer Armeekorps im Osten oder der Verdoppelung und Teilung des einen ostpreußischen, drittens von der Vervollständigung der aus zwei Bataillonen bestehenden Regimenter um dritte Bataillone die Rede. Diese Regimenter — 61 an der Zahl — haben sich bekanntlich im Jahre 1897 aus den Halbbataillonen der Militärvorlage von 1893 entwickelt. Bisher hatte man nur von der Absicht gehört, den in den Grenzbezirken stehenden Regimentern diese Art dritte Bataillone zu geben. Wenn sie nämlich dritte Bataillone erhalten sollten, so würden dazu allein schon 30000 Mann notwendig sein. Das sind 7000 Mann mehr als im Jahre 1898/99 gefordert und beinahe doppelt soviel als bewilligt wurden. Nehmen wir noch die übrigen Forderungen hinzu, so würde die iteue Vorlage eine ganz erschreckende Vermehrung der Präsenzstärke in Aussicht nehmen.
Lonsuelos Schicksale.
Novelle von Marg. Scylichter.
5 (Nachdruck verboten.)
Dann stellte sie diesem ihre übrigen Kinder vor. Bernard und Anton hatten jeder einen schonen Blumenstrauß in der Hand. Ersterer lieferte den seinen programmgemäß an Käthe ab; Anton stand zögernd mit dem (einigen vor Consuelo, als ob er sich nicht gern von ihm trennen wolle. M i beiden Händen hielt er ihn fest umklammert und schien mit einem harten Entschluß zu käntpfen. Dabei blickte er mit seinen freundichen hellen Augen bald auf das von der Erregung gerötete Gesichtchen Consuelos, bald auf seinen prächtigen Strauß. Schließlich war er mit sich im Reinen; er reichte ihr das Bukett und stieß gepreßt hervor: „Da hast Du ihn, weil Du so schön bist!" Ein schallendes Gelächter folgte dieser naiven Liebeserklärung.
Dann fegte der ganze Zug sich nach dem Bra > • schen Hause zu in Bewegung. Die Tür zum zimmer war mit einer Guirlande geschmückt; auf der schwelle desselben stand ein hübsches, hoch gewachsenes junges Mädchen, mit ungemein sanften, dunkelblauen Augen und üppigem blonden Haar. Es war Elisabeth, die älteste Tochter des Hames; sie war zurückgeblieben, um den Kaffertisch für die Ankommenden herzurichten Herzlich umarmte sie ihre Schwester und begrüßte dann Consuelo so freundlich und liebenswürdig, als ob sie alte Bekannte wären. Alle fitzten sich vergnügt um den Tisch und ließen sich den Kaffee und den von Elisabeth zu Ehren der beiden Gefeierten gebackenen Kuchen gut schmecken.
Consuelo fühlte sich sofort heimisch und glücklich in diesem trauten Kreise.
Dte vierzehn Tage, welche sie in der Zraunschen Familie zubrachte, vergingen ihr viel zu schnell. Man
Da man indes tatsächliches gar nicht weiß, sondern nur Wünsche von Militärschrist stellern und Vermutungen vorliegen, so wäre es zwecklos und gegenstandslos, sich heute schon darüber aufzuregen. Die ,Postt meint, man habe es bei den Angaben über die Vorlage mit einem freisinnig-sozialdemokratischen Wahlmanöver zu tun. Es würden Gerüchte über sehr starke Forderungen verbreitet, weil sie sich als Agitationsmittel verwerten ließen. Daß aber keine außergewöhnliche Mehrsorderungen kommen werden, kann die ,Post' auch nicht mit Sicherheit sagen. Wir finden es sehr begreiflich, wenn die Militärverwaltung mit ihren Plänen bis nach den Wahlen hinter dem Berge hält, denn wenn der Reichstag auch zweimal mit Erfolg wegen einer Militärvorlage aufgelöst worden ist, so werden doch die besten Freunde der Regierung und der Armeeverwaltung kaum danach Verlangen tragen, die Militärvorlage bei der Wahlbewegung in den Vordergrund geschoben zu sehen.
Immerhin werden die Wähler gut tun, nicht zu vergessen, daß der neue Reichstag gleich in seiner ersten Tagung auch über eine solche Vorlage zu entscheiden haben wird. Das Zentrum ist immer Gegner übertriebener und nicht ausreichend begründeter Heeresforde- rungen gewesen Damit steht seine Zustimmung zu der letzten Vorlage nicht im Wtderspruch. Hat die Militärverwaltung bei dieser doch fast ein Drittel ihrer Forderung nachgelassen. Bei gleicher Nachgiebigkeit wäre es wohl früher nicht zur Auflösung gekommen. Nun kann man vielleicht sagen: Die Regierung wird sich gleich auf das Abhandeln einrichten, also vorschlagen, und dann erhalten, was sie wirklich haben wollte. Glücklicherweise ist man jedoch noch in der Lage zu prüfen, was unbedingt erforderlich ist, was nicht. Mit dem Händlerkniff des Aufschlagens würde die Regierung also wohl kein Glück haben.
Indes, wie gesagt, vorläufig ist diese Frage noch nicht brennend. Der Rücktritt des Kriegsministers beweist noch nicht, daß unge- heue'-liche Forderungen gestellt werden sollen, die er nicht vertreten und durchsetzen zu können glaubt. Er ist nächstens sieben Jahre im Amte, also so lange wie alle seine Vorgänger in diesem Amte unter dem jetzigen Kaiser zusammengenommen. Sieben Jahre ist heutzutage für einen Minister bei uns eine ungewöhnlich lange Lebensdauer. Also selbst wenn Herr v. Goßler in seiner langen Ministerschaft nicht durch irgend etwas die Gunst und das Vertrauen des Kaisers verloren haben sollte, würde schon das Bedürfnis nach Abwechselung seine Ersetzung durch eine neue Kraft erklären. Veranlaßt ihn aber die kommende Milüärvorlage zum Rücktritt, um s o schlimmer für seinen Nachfolger.
Ob die neue Vorlage abermals auf fünf oder sieben Jahre berechnet ist, ist bisher nicht berichtet worden. Mehr und mehr hat sich in parlamentarischen Kreisen die Auffassung Bahn gebrochen, daß überhaupt mit den für
bot aber alles auf, iir die kurze Erholungszeit recht angenehm zu machen.
Mit wehmütigen Gefühlen nahm sie Abschied von den liebenswürdigen Mensche", deren Gastfreundschaft sie genossen hatte, und fuhr schweren He.zens ihrem Bestimmungsorte entgegen.
Schloß Lahrenstein, der Wohnsitz der fteiherrlichen Familie von Schwarzburg, liegt in einer anmutigen Gegend des südlichen Württemberg. Das in gotischem Stile gehaltene Gebäude ist ein herrliches Denkmal mittelalterlicher Baukunst. Ein hohe Freitreppe führt ins Innere des Schloffes, welches auf beiden Seilen zwei schöne, schlanke Türme trägt, die demselben einen imposanten Anblick geben. Eine breite Lindenallee führt von der Landstraße her znm Schloß, welches an drei Seiten von einem Graben umgeben ist, hinter welchem sich an der Rückseite des Gebäudes schöne Anlagen dehnen, während sich an beiden Seiten gut gepflegte Gärten befinden. Von einem erhöhten Sitze des Parkes aus sieht man die klaren Fluten der Donau,* die bald üppige Felder, bald die Abhänge bewaldeter Höhen bespült.
Der Herr dieses prächtigen Besitztums, Baron Albert von Schwarzburg, steht im achtundvierzigsten Lebensjahre; wer ihn aber sieht, ist versucht, ihn für bedeutend älter zu halten. Seine Züge find scharf markiert und verleihen seinem Aenßeren etwas Abstoßendes, welcherEindruck durch die unheimlich funkelnden stets unruhig umherirrenden graugrünen Augen, die so tief in ihren Höhlen liegen, noch verschärft wird. Haar und Bart des Barons sind stark ergraut, und seine hohe, hagere Gestalt ist leicht gebeugt. Ein schweres Nervenleiden hat den einst so blühenden Mann vor der Zeit zum Greise gemacht. Zwar hat er die berühmtesten Aerzte des In- und Auslandes konsultiert und alles Mögliche angewandt, um von diesen furchtbaren Herzbeklemmungen,dieser permanenten Schlaflosigkeit und dieser verzehrenden Unruhe befreit zu werden, aber alles blieb erfolglos, und mit Gott und den Menschen hadernd, trug er nicht nur selbst
eine Reihe von Jahren bewilligten Militärvorlagen ein Ende gemacht und die Präsenzstärke alljährlich im Etat festgestellt werden sollte. Daß unsere Wehrkrast dadurch nicht im Geringsten geschwächt oder auf unsicheren Boden gestellt würde, ist zweifellos. Freilich läßt sich dagegen sagen: Dann würden wir alle Jahre die Kämpfe um Mehrforderungen haben und vielleicht noch schlimmer wegkommen als heute, wo wir doch jeweils für eine Reihe von Jahren Ruhe haben.
Berlin, den 9. Mai 1903.
* Abg. Dasbach veröffentlicht in der .Germania' ein Schreiben an den Grafen Hoens- broech. Darin nimmt Abg. Dasbach auf die Erklärung des Grafen Hoensbroech in der ,Tägl. Rundschau' vom 20. April bezug,
worin sich dieser weigerte, das zu beweisen, worauf es ankommt, nämlich, daß der Satz „Der Zweck heiligt die Mittel" in dem Sinne, in welchem er dem Jesuitenorden nachgesagt wird, in einer Schrift eines Jesuiten klar und beutln!) enthalten ist. Dem Jesuitenorden wird dieser Satz nachgesagt in dem Sinne, er stelle den Grundsatz auf, jede an sich schlechte Handlung könne dadurch zu einer erlaubten werden, daß man sie zur Erreichung eines guten Zweckes vollbringe. Sie aber, Herr Graf, legen in Ihrer Erklärung den den Jesuiten gemachten Vorwurf ganz anders aus. Sie erklären: „Unrecht hat aber Herr Dasbach, ober er brückt sich mißverständlich aus, wenn er ben berechtigten Grundsatz dahin auslegt, baß burch ihn jebe an sich verwerfliche Handlung dadurch, baß sie vollbracht wirb, um als Mittel zur Erreichung eines guten Zweckes zu dienen, sittlich erlaubt werde." Von allen und jeden in sich sittlich verwerflichen Handlungen ist und kann natürlich an den betreffenden Stellen der jesuitischen Schriften nicht die Rede fein." Sie, Herr'Graf, gestehen also zu, baß kein Jesuit ben berüchtigten Grundsatz in dem Sinne, in welchem alle Gegner der Jesuiten aus früherer Zeit ihn auslegen, gelehrt hat. Einen ganz anderen Vorwurf machen Sie einem ober einigen Jesuiten und erklären sich berät, die Berechtigung dieser neuen Anklage zu beweisen. Sie sagen, in ben Stellen der jesuitischen Schriften, durch deren Silierung Sie den von mir ausgesetzten Preis verdienen zu können glauben, „sei die Rebe davon, baß bestimmte, aber in sich sittlich verwerfliche Hanblungen daburch, daß sie vollbracht werden, um als Mittel zur Erreichung eines guten Zweckes zu dienen, sittlich erlaubt sind". Die Handlungen, die Sie hier nennen „in sich sittlich verwerfliche Handlungen", sind offenbar solche, die von Ihnen als in sich sittlich verwerfliche angesehen werden, von den betreffenden jesuitischen Schriftstellern aber als indifferent angesehen wurden. Diese Erörterungen haben aber mit dem infamen Grundsätze, den man den Jesuiten vorwirft, gar nichts zu tun. Wenn Sie eine Handlung für sittlich unerlaubt halten, ein Jesuit sie aber für indifferent gehalten und deshalb behauptet hat, wenn sie zur Erreichung eines guten Zweckes vollbracht werde, dann sei sie erlaubt, so ist das eine sehr untergeordnete Frage, die unsere Streitfrage gar nicht berührt.
Das Schreiben des Abg. Dasbach schließt:
Sobald Sie sich zur Beibringung des durch mich geforderten Beweises anbieten, werde ich Ihnen das Schiedsgericht benennen.
** Eine jener „Unstimmigkeiten", wie sie bei der Beratung des Zolltarifes nach einer
schwer an seinem Geschick, sondern ließ auch anbei e darunter leiden.
Dies galt besonders von seiner Gattin, die, herrsch- süchtig und eigenwillig anderen gegenüber, sich geduldig allen seinen Launen fügte. Seit seine Tochter Florenttne erwachsen war, nahm er die Opfer an Zeit und Bequemlichkeit, welche seine Gattin ihm bis dahin hatte allein bringen müssen, etwas weniger von ihr in Anspruch; diese mußte ihn jetzt häufig auf seinen rastlosen Wanderungen, seinen tollen Ritten und wilden Jagden begleiten.
Sie war ein schlankes Mädchen von zwanzig Jahren; ihre Züge waren, wie die ihres Vaters, scharf und eckig. Groß und spitz war die gebogene Nase; auch der Mund war groß, zeigte aber beim S rechen zwei Reihen blendend weißer Zähne. Ihre a lich schillernden Augen hatten etwas Katzcnartiges, b ers wenn sie ihre Umgebung mit lauernden
Blia ’ musterte. Sie konnten auch sehr kalt und gelingt nb auf anbere blicken und dann wieder in ihren en eine ganze Flut von verhaltenen Leidenschafte n enbaren; edle, echt weibliche Gefühle suchte man ve ns auf diesem Spiegel der Seele. Sie trug ihr Han "it Stolz und Selbstbewußtsein und war nicht roe eitel auf ihr reiches, blondes Haar, das sich glatt a:i die Stirne legte und in zwei dicken Zöpfen geflochten wie eine Krone auf dem Haupte befestigt war. Ueppiges Haar sah man übr-gens auf den meisten Ahnenbilder derer von Schwarzburg. Hätte Consuelo gewußt, auf welchen Hafen das Schifflein ihres Lebens zusteuerte, so wäre ihr das Herz noch schwerer gewesen.
Es war schon spät am Nachmittage eines nebligen Oktobertages, als der Zog, in welchem sie ihre ttüb- selige Fahrt gemacht halte, an der kleinen Station Lahrenstein anhielt. Da außer Consuelo nur einige Landleute ausftiegen, so konnte der auf dem Bahnsteig wartende Diener nicht darüber im Zweifel fern, wer von den Passagieren die von seiner Herrschaft erwartete Gouvernante sei. Er ging also auf Consuelo
Bezeichnung des Reichs-Schatzsekretärs vorgekom° men sind, scheint auch bei der Verabschiedung der Novelle zum Krankenversicherungs-Gesetze im Reichstage mit unterlaufen zu sein. Die Kommission hat im § 21 einen neuen Absatz 2a beschlossen, wonach neben freier Kur und Verpflegung in einem Krankenhause, falls der Unter« gebrachte Angehörige hat, deren Unterhalt aus seinem Arbeitsverdienste bestritten wurde, ein Krankengeld bis zur Hälfte des durchschnittlichen Tagelohnes bewilligt werden kann. In der Zusammenstellung der Kommissions - Beschlüsse ist daraus „bis zur Höhe rc." geworden, und dieser Drucksehler ist dann in die endgiltigen Beschlüsse des Reichstages übergegangen.
* Gouverneur in einer unserer Kolonien zu fein, ist ohne Zweifel nicht etwas unbedingt angenehmes. Man kann es nur schwer allen Recht machen. Bald find die Deutschen in der Heimat, bald in der Kolonie, bald die Eingeborenen nicht zufrieden. Augenblicklich ist der Gouverneur von Samoa, Dr. Sols, der im vorigen Jahre dem Reichstage mit seinen Berwaltun gsgrunds ätzen so außerorbenlich gefiel, Gegenstand b-ftiger Angriffe, namentlich in der alldeutschen Presse. Die deutschen Pflanzer und Ansiedler auf Samoa sollen äußerst unzufrieden mit feiner Verwaltung fein. Er soll nichts für die braven Deutschen tun, alles vernachlässigen und verkomme» lassen, es mit den Engländern halten usw. Auch die Samoan-r sollen unzuftieden sein und vor einem Ausstande stehen. Allem Anscheine nach haben wir es hier mit den Treibereien einiger weniger Deutschen zu tun, deren geschäftliche Spekulationen vor. dem Gouverneur und aus Reich-. Mitteln nicht so gefördert worden find, wie sie gewünscht und erwartet hatten und die nun ihr Deutschtum herauskehren und in der Heimat Gouverneur-Stürzerei treiben. Die ,Nat. Ztg.' erfährt von einer Seite, die in keiner Weise von dem Gouvernement abhängig ist, daß^ die von ein oder zwei Persönlichkeiten ausgehende H tze gegen Dr. Soll bei der weitaus überwiegenden Mehrheit der Deutschen in Apia nicht nur keine Billigung findet, sondern lebhaft bedauert und verurteilt wird. Zeitweilige G gensätze zwischen den auf Samoa arbeitenden großen Gesellschaften, der Deutschen Handels- und Plantagen» Gesellschaft und der von Leutnant Deeken gegründeten Deutschen Samoa-Gesellschaft haben allerdings einen Mißton in den Gouvernementsrat gebracht, dürften sich aber mit der Zeit umsomehr ausgleichen, jemehr die letztere Gesellschaft in die Sage kommt, sich ihren eigentlichen Ausgaben, der Kakaopflanzung, zu widmen. Wenn in Samoa zur Zeit irgend etwas die Gemüter erhitzt, so bilden den Ausgangspunkt nach den Mitteilungen des Gewährsmanns der ,Nat. Ztg.' lediglich Fragen geschäftlicher Konkurrenz, die an sich mit der Politik des Gouverneurs nichts zu tun haben. Daß von gewisser Seite aus die Gegensätze auf polnisches Gebiet hinübergespielt und zu einer chauvinistischen Hetze verarbeitet worden sind, wird offenbar auch in den nächstinteressierten Kreisen bedauert. Zu den beiden genannten Gesellschaften wird in nächster Zeit noch eine dritte, die Safata-Samoa-Gesellschaft, treten, die sich lediglich der Kakao-Kultur zu widmen gedenkt. Für alle drei muß sich Raum zu fiiedlichen Nebeneinanderwirken finden; der alte Geist des Haders, der früher in der Eingeborenen-Bevölkerung festwurzelte und dann zur Zeit der Dreiherrschast unter ben Weißen fortbauerte, darf, nachdem endlich friedliche Zustände herbeigeführt sind und das Land unter einheitliches Regiment gestellt ist, in der deutschen Bevölkerung nicht weiter fein Unwesen treiben.
au unb teilte ihr mit, daß er beauftragt fei, sie nach Schloß Lahrenstein zu führen. Nachdem er ihren Koffer auf einen bereilstehenden Handwagen geladen hatte, schlug er die Richtung nach der Landstraße ein. Obschon es fast den ganzen Tag geregnet hatte, war der Weg auf der Chaussee ziemlich sauber. Schlimmer wurde es aber, als der Diener in einen breiten Landweg einbog. Hier war der lehmige Boden völlig durchweicht; der Karren blieb manchmal im Schlamme stecken und Consuelo stand oft zögernd still, in Verlegenheit, wohin sie den Fuß setzen solle.
»Ja, ja," sagte der Schwabe, „das ist bei solchem Wetter halt kein Weg für so ein feines Fräulein. Ich habe auch der Gnädigen gesagt, unsere Schimmel hätten den ganzen Tag im Stall gestanden, ob ich nicht anspannen solle. Da sah sie mich so von oben herab an, wie das gewöhnlich ihre Art ist, und meinte, bann könne der Joseph sie eine halbe Stunde auf und nieder führen, sie halte keine Equipagen für Erzieherinnen, und so muffen Sie nun mit den feinen Füßchen durch den Schmutz laufen. Ja, ja, ich sag's immer, so eine Gouvernante hat's alleweil auch nicht zum besten. Da war's doch anders bei meiner früheren Herrschaft. Die haben ihre Gouvernante zwölf Jahre gehabt: aber diese hier! Sie find nicht die erste bei der kleinen Baronesse und werden auch nicht die letzte sein"
Rian kann sich denken, daß diese Eröffnungen nich t danach angetan waren, Consuelos Mut aufzurichten; sie gab sich aber den Anschein, als ob sie des Dieners Bemerkungen kaum gehört habe, und sagte nur leichthin: „Ist es noch weit bis zum Schloß?"
„Wir sind halt da," sagte der Diener, und richtig betraten sie jetzt die Lindenallee, die sich bis zum Schloßgraben hinzog. Durch einen hochgewölbten Torweg schreitend, sah Consuelo sich dem Haupteingang des Schlaffes gegenüber. In der geräumigen Vorhalle stand die Wirtschafterin, welche sie in Empfang nahm und über verschiedenen Treppen und Gänge auf die für sie bestimmten Zimmern führte.