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Druck und Verlag der Fuldaer Aetiendruckerei in Hulda (Harmonie)

Fernsprecher Nr. 9.

X 105.

flllda, Samstag, den 9. Mai 1903.

30. Jahrgang.

Der deutsche Kaiser in Monte Cassino.

Kaiser Wilhelm hat, wie schon kurz gemeldet, mit dem Könige von Italien und den beiden ältesten Prinzen von Rom aus einen Ausflug nach der altberühmten Benediktinerabtei Monte Cassino unternommen. Die ,Germania' bringt darüber folgenden ausführlichen Bericht:

Die Ankunft in der Abtei erfolgte mittags gegen 1 Uhr. Bor dem Haupttor zu Monte Cassino wehten zwei Standarten. Der Kaiser, der König und die Prinzen wurden am Fuße der Treppe von dem Erzabt Krug, der von sämt­lichen Mönchen umgeben war, empfangen, sodann stiegen sie die Treppe empor und begaben sich auf de« Bramantischen Hof, wo die Schüler des Seminars an der Haupttreppe mit dem Lehr­personal Aufstellung genommen hatten. Hierauf erstiegen die höchsten und hohen Herrschaften die Haupttreppe in Begleitung des Abtes und der Mönche und begaben sich an dem Kloster neben der Kirche vorbei nach dem Kapitelsaal, wo der Abt eine italienische Begrüßungsansprache hielt. Dieselbe hatte folgenden Wortlaut:

Majestäten, Hoheiten! Es sei mir gestattet. Eueren Majestäten, auch von seilen meiner Mit-Mönche nnd unserer Schüler, die wir in den höchsten Gefühlen für Religion und Vaterland erziehen, unser Willkommen zu bieten mit denselben Worten, mit welchen unser großer und ruhmreicher Patriarch Sankt Benedikt seine Gäste empfing: Der Friede Gottes sei mit euch! Und diesen selben Gruß, der von unseren Vätern anderen großen und frommen Monarchen, von Karl dem Großen bis Ludwig II., von Heinrich II. und III. bis Konrad, von Lothar bis Heinrich VI. und Friedrich II., die sich zu diesem, dem Glauben, der Wissenschaft, den Künsten treuen Berggipfel hingezogen fühlten, dargebracht wurde, haben auch wir Ihren Eltern an dieser Stelle entboten, dankbar gegen Gott und Eure Majestäten. Wenn es wahr ist, daß wir dazu beigetragen haben, die ruhm­reichen Tage der Kunst wieder aufleben zu lassen, muffen wir auch besonders Eurer kaiserlichen Majestät danken, die uns wertvolle Unterstützung dargeboten, indem sie so die Bande der Freundschaft zwischen Deutschland und Italien, zwischen Fulda und Monte Cassino stärtten. Dieser denkwürdige Tag wird für immer unserem Herzen eingeschrieben bleiben, und um unseren Dank zu bezeigen, empfehlen wir St. Benedikt und Gott das Glück Euerer Majestäten und Ihrer erhabenen Familien.

Der Kaiser und der König dankten dem Erz­abt durch Händedruck und freundliche Worte. Hierauf begann ein beinahe zweistündiger Rund- aang durch die überaus interessanten Baulich­keiten des Klosters. Der Kaiser und oie beiden Prinzensöhne nahmen mit unermüdlichem Interesse die prächtige Kirche in reichem Barockstil, ge­schmückt mit Marmor, Vergoldungen und Ge­mälden, und die Sakristei mit Chorstühlen von kunstreichster Holzschnitzerei in Augenschein und stiegen sodann zur Krypta hinab, welche in byzantinischem Stil mit Mosaiken, Fresken und Marmorreliefs neu geziert wird? Die Führung übernahm hier Pater Desiderius, der vor 40 Jahren Professor in Nürnberg war und dem Kaiser von Maria-Laach her bekannt ist. Dieser hat die Pläne und Skizzen zur Ausschmückung entworfen, welche nun meist von deutschen Brüdern ausgeführt werden. Die Arbeit war in vollem Betrieb; für den Ausbau der Krypta schenkte Kaiser Wilhelm 10000 Mark. Der Monarch verweilte hier besonders lange. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich bestiegen das Gerüst, um die Einsetzung der Mosaiksteine in das Decken­gemälde näher zu betrachten.

Der Rundgang führte dann durch die Bibliothek, die Sammlung von Handschriften, das Refektorium, die Schlassäle, die Zellen der Brüder und Schüler, die Ateliers, in denen Brüder als Bildhauer und Mosaikkünstler tätig waren, auf die Sternwarte hinauf, von wo sich eine köstliche Aussicht über die Berge bietet, ferner durch weite Hallen und Kapellen. In der Handschriftensammlung trugen der Kaiser und die Prinzen-Söhne sich in das Fremdenbuch des Klosters ein.

In dem Archiv hatte der Kaiser sich alte Pergamente mit der eigenhändigen Unterschrift früherer Herrscher vorlegen lassen. Die Mönche überreichten dem Kaiser eine bedeutsame historische Publikation Scadenziere di Federigo II. (Schuldverfallsbuch Friedrichs II.), die die Bene­diktiner eigens veranstaltet haben zum Danke für das vom Kaiser dem Kloster gewidmete Geschenk derMonumenta Germaniae historica.

Nach der Besichtigung nahmen die hohen Gäste den Tee in einem Gemache ein, welches neu in Stand gesetzt und mit Spiegeln, Stand­bildern und kostbaren Möbeln aus dem könig­lichen Palais in Casetta ausgestattet worden war, während die übrigen Räume mit größter Einfachheit hergerichtet sind, um den Charakter

dks Klosters zu wahren. Dagegen sind die Kreuz­gänge zwischen den Zimmern mit Blumen und Blattpflanzen verziert. Bei dem Tee dankte der Kaiser dem Deputierten Visocchi sür den glänzen­den Empfang der Bevölkerung von Cassino. Während des Aufenthalts der Herrscher und Prinzen wurde Salut geschossen.

Der Erzabt Krug und die Beuroner Mönchs- künstler, besonders P. Desiderius Lenz, wurden vorn Kaiser sehr geehrt. Derselbe schenkte dem Kloster ein Prachtwerk über die Geschichte Fried­richs des Großen und begrüßte telegraphisch den Erzabt in Beuron und den Bischof Benzler von Metz. Der Kaifer besichtigte eingehend die Krypta. In den Kardinalsgemächern wurden Erfrischungen gereicht. Die Verabschiedung des Kaisers vom Äbt und den deutschen Künstlern trug einen sehr herzlichen Charakter.

Als die hohen Gäste die Abtei verließen, wurden sie von dem Erzabt Krug und den Mönchen bis zur Klosterpforte begleitet. Der Kaiser, der König und die Prinzen kehrten sodann mit dem Gefolge nach dem Bahnhofe zurück, wo sie sich in herzlicher Weise von den Vertretern der Behörden verabschiedeten. Die Monarchen reichten dem Unterrichtsminister Nasi, dem beut' schen Generalkonsul v. Rekowski und dem Depu­tierten Visocchi die Hand und drückten nochmals ihren Dank aus, wobei sie sich höchst befriedigt aussprachen über den in Cassino verlebten herr­lichen Tag.

[] Die Arbetterseinblichkett der Zozial- demokratie

hat sich in der letzten Sitzung des Reichstages der nun beendeten Session recht deutlich gezeigt. Nur durch Konzessionen an die Sozialdemo­kratie war die Verabschiedung der Krankenver­sicherungs-Novelle ermöglicht worden. Nachdem nun die übermütige rote Gesellschaft der Mehr­heit des Reichstages ihre Bedingungen auf­gedrungen und ihren Willen durchgesetzt hatte, verhöhnte sie diese Mehrheit dadurch, daß sie schließlich gegen die Versicherungs-No­velle stimmte und so, rvas an ihr ist, tut, um der Arbeiterschaft die großen Vorteile vorzuent­halten, welche die Novelle ihnen bietet. Es mußte überraschen, daß die Sozialdemokraten, nachdem der von ihnen am heftigsten bekämpfte § 42 nach ihren Wünschen.geändert war, dennoch die Novelle ablehnten und damit wieder die seit 3 Jahren aufgegebene Theorie desalles oder nichts" be­folgten. Sie haben das natürlich aus wahltakti­schen Gründen getan; sie glauben, vor den betörten Arbeitern erfolgreicher debütieren zu können, wenn sie ihnen vorschwindeln: die Novelle biete ihnen nicht nur nichts, sondern verschlechtere noch, wie einer der schlimmsten Rabulisten in der Gesell­schaft im Reichstage tatsächlich zu behaupten wagte, den bestehenden Zustand. Aber die Herren dürften sich diesmal doch verrechnen, denn klarer haben sie kaum jemals bewiesen, daß ihnen an den In­teressen der Arbeiter absolut nichts liegt, daß der Arbeiter für sie lediglich ein Spielzeug ist, das sie ausschließlich zu ihrer Parteiagitation, zu ihren Parteizwecken und das gilt von nicht wenigen der Hetzer und Verführer zu ihren persönlichen Zwecken gebrauchen, richtiger gesagt: mißbrauchen. Niemals ist den be­törten Arbeitern überzeugender vor Augen geführt worden, daß sie von ihren sogenannten Ver­tretern betrogen und verhöhnt worden sind. Denn wie wollen dieGenossen" im Reichstage ihrer Nachläuferschaft, wenn diese ihnen vorhält, daß die Novelle in den wichtigsten Bestimmungen nach ihren Wünschen geändert worden, und daß sie nun hätten dafür stimmen müssen, ihr ab­lehnendes Verhalten klar machen? Etwa da­durch, daß sie ihr vorzuschwindeln suchen: was die Novelle biete, sei weniger als nichts? Das würde vielleicht Eindruck machen, wenn im Volke die falschen Auffassungen herrschten, die seitens der Genossen" im Reichstage vertreten wurden; aber der einfache Mann aus dem Volke hat eine gesunde, natürliche Logik; er sagt sich:von anderen nicht zu unterschätzenden Vorteilen ab­gesehen, sichert die Versicherungsnovelle mir das Krankengeld doppelt so lange, wie seither, statt 13, jetzt 26 Wochen; und den Wöchnerinnen statt der seitherigen vierwöchigen Unterstützung eine solche aus sechs Wochen. Und diese Vorteile wollen die Sozialdemokraten, welche die Arbeiter- Interessen zu vertreten behaupten, mir vorent­halten ! Schöne Arbeitervertreter!" Und aus dieser Erwägung heraus wird er sich mit Abscheu von den Verrätern seiner Interessen abwenden. Dieses Moment muß in der Wahlagitation be­sonders scharf hervorgehoben, es muß den unteren Klassen immer wieder gezeigt werden, wie die Sozialdemokratie die Verbesserung des Kranken- kaffengesetzeszu hintertreiben suchte und damtt

sich wieder einmal als die schlimmste Feindin der Arbeiterschaft gezeigt hat.

Freilich wäre diese ihre Eigenschaft noch weit schärfer hervorgetreten, wenn die Mehrheit ohne weiteres die Vorlage an der sozialdemokratischen Obstruktion hätte scheitern lassen; dann hätten das Odium und die Verantwortung dasür offen vor aller Welt auf der Sozialdemokratie gelastet. Man würde es gewiß verstanden haben, wenn die Mehrheit so gehandelt hätte, aber sie, und namentlich das Zentrum, das in dieser Sache die Führung hatte, vermochte nicht, so frivol und rücksichtslos über die Interessen der Arbeiter­schaft sich hinwegzusetzen, mochte nicht den Sper­ling in der Hand gegen die Taube auf dem Dache eintauschen. Und da so die Annahme der Novelle gesichert war, konnten die übermütigen Genossen" um so leichter ihre Demonstration der Ablehnung ausführen.

Unpolitische Zeitläufe.

(Nachdruck verboten.) (0 Berlin, 7. Mai 1903.

Flieder und Spargel! Das laß ich mir gefallen. Jetzt wird's. Flieder als Frühlings­gruß für Augen und Nase, Spargel als Früh­lingsgruß für Mund und Magen.

Auf den Berliner Straßen werden Flieder­büsche und Spargelbunde neben einander feil ge­boten. . Die Fllederbüsche werden estrig benetzt, aber das hilft nicht viel. Die Spargel werden leider auch vielfach gewässert und gewaschen, und das gereicht mir zum Aerger, denn das Wasser laugt die edle Frucht aus.

Wenn ich Flieder sehe, denke ich immer an die Verse von der Fliederlaube und sonstige Ge­dichte auf die erste Lrebe, die natürlich in den wunderfchönen Monat Mai fallen muß, oder auch an den Schiller'fchen Spruch: Die Leiden­schaft flieht, die Liebe muß bleiben. Der Flieder ist die Leidenschaft, die Rose ist die Liebe. Welch eine Solidität liegt in der Rose, der kernigen, einfachen, und dauernden Rose, die uns den ganzen Sommer hindurch Blume auf Blume liefert und alles abgeschnitten, alsbald wieder reichlich ersetzt. Im Vergleich dazu hat der Flieder etwas Gedunsenes, der Geruch ist nicht so zart, der ganze Strauch blüht mit einem Male protzig aus und darnach ist die Herrlichkeit mit einem Male aus. Hier aufgeblähte und schnell verrauchende Schwärmerei, dort ein festes Bünd­nis in Schönheit und Tugend, gefühlvoll und vernünftig zugleich.

Die Rose ist die schönste und dankbarste Blume im irdischen Garten. Aber zur Frühlings­feier kann man auch Augen und Nase auf dem Fliederstrauch sich ergötzet lassen. Nur sollte man den Flieder nicht abschneiden. Das ist keine Schnittblume; trotz aller Wasserkuren verliert er schnell seine üppige Frische und seinen krästigen Geruch, wenn er von seiner Wiege getrennt wird. Er muß an Ort und Stelle genossen werden, so wie er ist und wann er ist. Die Rose kann man auch mit nach Hause nehmen.

Im übrigen freue ich mich immer, wenn der Blumenhandel in den Markthallen oder auf den Straßen flott geht oder wenn die Ausflügler am Sonntag abend mit Sträußen selbstgepflückter Blumefi heimkehren und ein Stückchen blühende Natur mit zurückbringen in die Steinwüste, die man Großstadt nennt. Auch über die besetzten Blumenbretter an den Fenstern. Nur ist diese Freude nicht ganz ungemischt; denn diese schweben­den Miniaturgärtchen sind oft so mangelhaft ge­sichert, daß man nicht sicher ist, ob einem nicht mal ein Blumentopf auf den Schädel saust, was für beide Teile nicht ersprießlich wäre.

Nach meiner Ansicht sollten die städtischen Baumeister und Bauherrn diesem Punkt mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Mit ben nachträglich stümperhaft angemachten Blumenbrettern ist weder Schönheit noch Sicherheit zu erreichen. Viel besser ist es, von vornherein entweder die Blumen­bretter selbst anzubringen oder doch gleich die Träger desselben einzulassen, damit nachher jeder leicht und wirksam das übrige befestigen kann. Wenn dabei gegen das Herunterfallen der Töpfe oder der Bretter Vorkehrungen getroffen werden, so sind diese auch zugleich zum Schutze der Kinder zu verwerten. Bekanntlich fallen immer wieder Kinder aus den hohen Fenstern auf die Straße oder den Hof. Aus Neugierde oder Lusthunger beugen sie sich über die Fensterbrüstung oder klettern auf dieselbe, verlieren das Gleich­gewicht und stürzen haltlos in die Tiefe. Ein Unternehmer hat schon besondere Apparate zur Verhütung solcher Unfälle unter dem TitelSchutz­engel" auf den Markt gebracht. Aber wie viele Mieter können und wollen sich aus eigenen Mitteln nachträglich so etwas zulegen? Die all­gemeine Baufitte tarnt nur Abhilfe bringen, und

die Baupolizei kann vielleicht der Bildung dieser Sitte nachhelfen.

In manchen Otten werden auf Kosten von Ver­einen oder Gemeinden Topfpflanzen an die Schulkinder verteilt und die sorgfältige Pflege durch Prämien angeregt. Das ist gut für die Kinder und auch für die Eltern; letztere werden überhaupt vielfach mit den Kindern und von den Kindern erzogen. Blumen im Heim sind nicht blos schön, sondern auch heilsam.Schmücke dein Heim!" ruft man. Beim kleinen Manne spielt dabei die Groschenfrage eine Hauptrolle. Oft kauft erSchmuck", der billig und schlecht ist, der den ganzen Zweck verfehlt. Blumen sind schon recht billig zu haben, und sie erfüllen den Zweck der Verschönerung und Gemüts-Erfrischung sehr gut und andauernd, wenn man sich nur ein wenig auf die Pflege versteht. Schöne Blumen und gute Bücher daran sollte es nirgends fehlen. Aber es müssen Bücher fein, die man wirklich lieft und nicht blos unter den Nippsachen zur Schau stellt, und Blumen, die leben und treiben und bleiben; die abgeschnittenen Blumen sind nur ein Notbehelf für den Augenblick. Ein bescheidenes Töpfchen mit einer gesunden Blume ist viel mehr wett, als ein glänzender Strauß, der heute rot und morgen tot ist. Da müssen nun die Frauen und Mädchen nach dem Rechten sehen, die ja überhaupt berufen sind, Rosen in's Leben zu flechten, wie der Dichter sagt. Die Männer haben leider vielfach mehr Sinn für Tabak und Bier, als für Blumen, doch lassen sick) manche wieder den Blumensinn angewöhnen.

Um nun auf den Spargel zurückzukvmmen, fo fchließe ich aus dessen Straßenwanderung, daß die letzten warmen Tage schon eine reichliche Ernte gebracht haben. In Berlin sind nämlich diesefliegenden" Handelsleute, die auf ihren Wagen dieses oder jenes Nahrungs- oder Ge­nußmittel an den Straßenecken seilhalten, zur schnellen Verwertung des Ueberflusses da. Wenn von einem Artikel, der sich nicht lange hält, nun mehr angekommen ist, als die st ä n d i g e n Verkäufer prompt verwetten können, so wird die Kolonne der Straßenhändler mobil. Hunderte von offenen Wagen werden mit dem Artikel an- gefüllt. Auf dem Brett oberhalb des fliegenden Warenlagers wird mit Kreide der Preis ange­schrieben, meist recht niedrig bemessen, weil das Angebot groß ist und die Nachfrage geweckt werden muß. Da Kreide sich gut auswischen läßt, so kann die Preistafel leicht abgeändert werden, wenn zur rechtzeitigen Räumung noch der Preis herabgesetzt werden muß. Der Fremd­ling meint vielleicht, es handle sich da um Schundware, die den Passanten angeschmiert werden soll. Das ist aber im Allgemeinen nicht der Fall, wenn man sich natürlich auch vorsehen muß, daß man nicht etwa Ladenhüter oder viel­mehr Wagenhüter bekommt, die schon im Ver­derben begriffen sind. Man kann da z. B. im Herbst tadellose Weintrauben, direkt aus dem ursprünglichen Versandkistchen oder -Körben und im Anfang des Jahres tadellose Apfelsinen zu recht billigem. Preise haben, und mancher kleine Mann, der zu solchem Zwecke einen Laden nie besuchen würde, nimmt sich im Vorbeigehen eine Düte voll Weintrauben oder ein halbes Dutzend Apfelsinen mit für feine Familie oder in feine Einsiedlerklause. Auf diesen Straßenhandel sind natürlich die Ladeninhaber und die Marktständler nicht gut zu sprechen, und von ihrem Standpunkt haben sie Recht. Aber er wird sich nicht beseitigen lassen. Denn für die Verwertung des jeweiligen Ueberflusses an einer vorzüglichen Ware sind diese Marketender unentbehrlich, sie ziehen Käufer an, die sonst nicht zu haben wären. Gemeinschädlich und unbedingt zu verbieten sind dagegen die fliegenden Händler mit Speiseeis. Für 5 Pfg. verabfolgen sie schon einePortion" von einem ge­frorenen Zeug, das von den Schulkindern gierig verschlungen wird,sogar cnschönenFrühlingstagen, wo der Wind noch Abkühlung genug bringt. Zu einer Menge von Magen- und Darmkatarrhen wird da an der Straßenecke der Grund gelegt; für 5 Pfg. holt sich da manches Kind etwas fürs ganze Leben, und die Eltern wissen nachher nicht, woher das schleichende liebel kommt.

Der Spargel bleibt freilich immer noch ein teueres Gemüse, wenn er auch an den Straßen­ecken verhältnismäßig billig verkauft wird. Zum Sattessen langt es nicht; doch auch ein bischen ftischer Spargel ist schon ein erquicklicher Früh­lingsgenuß. Der sttsche Spargel hat doch viel­mehr Dust und Würze, als der beste Büchsenspargel. Nur schade, daß die Händler durch Waschen und Wäffern so oft das Beste wegschwemmen. An dem Unfug sind auch die unverständigen Haus- frauen mit schuld, die dem blankgewaschenenSpargel den Vorzug geben vor demschmutzigen" und sich die Ladenhüter, die tagelang im Wasser gelegen haben, als sttsche Waare aufhalfen kaffen.