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Zuldaer
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X 100.
fUlda, Montag, den 4. Mai 1903.
30. Jahrgang.
* Kaifer Wilhelm in Rom.
Rom, 3. Mai 1903. Der Einzug des deutschen Kaisers in der hl. Stadt gestaltete sich gestern nachmittag zu einer großartigen Kundgebung. Eine ungeheuere Menschenmenge füllte die Straßen und begrüßte den Kaiser, als er mit dem Könige vom Bahnhofe zum Quirinal fuhr, mit lebhaftem Jubel. Der Bürgermeister Prinz Colonna begrüßte den Kaiser namens der Stadt Rom.
Im Quirinal erschien der Kaiser zweimal mit dem Königspaare und allen Prinzen auf dem Balkon, von der Menge stürmisch begrüßt. Bald nachher fuhr der Kaiser zum Pantheon und legte am Grabe Viktor Emanuels und am Grabe Umbertos Kränze nieder. Von da begab sich der Kaiser mit seinem ganzen Gefolge in acht Wagen zur Königin Margherite.
Heute früh wohnte der Kaiser in der Kapelle der deutschen Botschaft dem Gottesdienste bei und verweilte darauf mit dem Reichskanzler Grafen Bülow längere Zeit bei dem Botschafter. Unter der Eskorte einer Abteilung Kürassiere trat der Kaiser um 121/« Uhr die Fahrt zur preußischen Gesandtschaft beim Vatikan an; wenig später folgten die kaiserlichen Prinzen. Auf dem Wege durch die Stadt waren die Kundgebungen der überaus zahlreichen Menschenmenge sehr lebhaft und von großer Herzlichkeit getrageu.
Um 1 Uhr mittags fand in der Gesandtschaft ein Frühstück zu 23 Gedecken statt. An der Mitte der Tafel saß der Kaiser, ihm gegenüber der Gesandte Frhr. v. Rotenhan. Rechts vom Kaiser hatten Platz genommen Kardinalstaatssekretär Rampolla, Reichskanzler Graf Bülow, der päpstliche Oberstkämmerer Msgnr. Bisleti, Generaladjutant Generalleutnant von Scholl und Legationssekretär v. Flotow; links vom Kaiser saßen Kardinal Agliardi, Graf Waldersee, der Sekretär .der außerordentlichen geistlichen Angelegenheiten, Erzbischof Gasparri, Flügeladjutant Oberst v. Pritzelwitz und Major Wild r>. Hohenborn. Zur Rechten des Gesandten Frhrn. v. Rotenhan saßen der deutsche Kronprinz, Kardinal Gotti, Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg, der Stellvertreter des Staatssekretärs Monsignor Della Chiesa, Flügeladjutant Oberstleutnant Plüskow und der Gesandtschaftsattachee v. Kemnitz, zur Linken des Gesandten saßen Prinz Eitel Friedrich, der päpstliche Majordomus Monsignor Cagiano de Azevedo, Generaladjutant General der Infanterie v. Plesfen und Monsignore Monte! von Freunfeft.
Auf der ganzen Strecke, die der Kaiser von der preußischen Gesandtschaft bis zum Vatikan durchfuhr, bildeten die Truppen der Garnison mit Musik und Fahnen Spalier. Beim Vorbeifahren des Kaifers präsentierten die Truppen und die Kapellen spielten die deutsche Hymne. Eine große Menschenmenge erfüllte die Straßen und begrüßte den Kaifer mit lebhaften Hochrufen. Am Platze Santa Marta wurde dem Kaiser von 800 Pilgern, die dort mit Fahnen und deutschen Abzeichen Aufstellung genommen hatten, eine begeisterte Huldigung dargebracht. Um 31/4 Uhr
KeirncrtgMck.
Erzählung aus den Bergen. Von I. Fichtner.
23 -------- (Rachdruck verboten.)
(Schluß.)
„Nein — nein!" wehrte der Bürgermeister, „nicht so schnell! Jetzt gilt es Dein Glück, das Du nicht auf Kosten des meinigen preisgeöen darfst! Nur keine Täuschung in Lebensfragen. Bor allem mußt Du dich prüfen, ob Du ohne spätere Reue Dich von allem lossagen kannst, was Dir noch offen steht draußen in der Welt. — In diesem kleinen beschaulichen Winkel hast Du nichts mehr zu erwarten, keine großen Erfolge, keine äußeren Ehren, da blüht nur das auf Zufriedenheit begründete, kleine, bescheidene Glück---"
„Das eben so viel für mich hat, wie für Dich, lieber Vater! In dem Ringen und Hasten da draußen gehen nach und nach so viel innere Güter verloren, daß man am Ende mit großen erreichten Zielen ärmer ist, als man hier je werden kann!" fiel er ihm ins Wort.
„Du hast Lebensweisheit d. h. Erfahrung genug gesammelt, alter Freund, das beweisen Deine Worte. Lasten Sie ihn darum gewähren, Herr Bürgermeister, er hat das Rechte wohl gefunden," bemerkte Laurenz mit einem freudigen Blick.
Es war ein inniges Zusammenschließen in dieser Stunde, ein Frühlingssonnenstrahl stahl sich in's Zimmer und erwärmte d-e Herzen, Ja, das Unglück kettet fester zusammen als das Glück.
Während die Familie zusammenblieb, ging der junge Geistliche sinnend hinaus in sein stilles Stübchen. Mit dem Gedanken, daß der Bürgermeister sein Augenlicht für immer einbüßen sollte, konnte er sich nicht befreunden.
„Ter Kreisphysikus darf nicht der letzte sein, welcher in diesem schwierigen Falle sein Urteil abgibt! Es gibt noch Leute, die mehr ver
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fuhr der Kaiser durch die Porta Zecca in den Vatikan ein, wo die italienischen Karabinieri Halt machten; die Wagen in Begleitung des Kaisers folgten ihm unmittelbar. Die Pilger begaben sich hierauf nach der Santa Marta- Kirche, wo ein Te Deum abgehalten wurde.
Als der Kaiser im Wagen nach dem Damaskushof des Vatikans gelangte, erwiesen die dort mit Fahnen aufgestellte Kompagnie der Palastwache und eine Abteilung Gendarmerie die militärischen Ehren. Der päpstliche Majordomus Monsignor Cagiano de Azevedo und die dem Kaiser und den kaiserlichen Prinzen beigegebenen päpstlichen Geheimkämmerer erwiesen dem Kaiser beim Verlassen des Wagens Dienste. Im ersten Stockwerk angekommen, wurde der Kaiser von mehreren päpstlichen Würdenträgern, darunter dem Neffen des Papstes, Befehlshaber der Palastgarde, Grafen Pecci, begrüßt. Unter Vorantritt von neun Dienern begab sich der Kaifer, von den Würdenträgern geleitet, über die Skala Nobile nach der Wohnung des Papstes. Hier wurde der Kaiser, dem zur Rechten der Majordomus und zur Linken der Obersthofmeister Marquis Sacchetti schritten, von den anderen hohen vatikanischen Persönlichkeiten, darunter mehreren deutschen, begrüßt. Beim Vorbeischreiten des Kaisers erwiesen die Schweizergarden militärische Ehren. Im ersten Saale erwiesen sodann eine Abteilung Gendarmen, im zweiten die Palastwache, im Gobelinsaale eine Abteilung Nobelgarden Ehrenbezeugungen. Nachdem der Kaiser die Huldigungen der in Rom anwesenden deutschen Bischöfe von Fulda, Limburg, Mainz und Rottenburg und des Erzbischofs von Freiburg entgegengenommen hatte, wurde der Kaiser vom Papste empfangen. Der Kaiser betrat allein das Privatkabinett des Papstes, während die kaiserlichen Prinzen mit einigen Würdenträgern im anstoßenden Gemache verblieben. In einem anderen Vorzimmer verweilte die Begleitung des Kaisers. (Weitere Meldungen siehe unter Depeschen. D. Red.)
Berlin, den 2. Mai 1903.
** Der Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben tritt am Dienstag eine Studienreise nach den Vereinigten Staaten an. Diese Reise erfolgt nicht aus politischen Gründen, vielmehr ist sie auf die persönliche Initiative des Freiherrn von Rheinbaben zurückzuführen, der es für wertvoll erachtet, die wirtschaftlichen Verhält- niffe in Nordamerika aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Der Aufenthalt des Ministers in den Vereinigten Staaten ist auf sechs Wochen festgesetzt; am 23. Juni gedenkt er die Heimreise anzutreten.
** Zu der Trierer Schulangelegenheit schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg.': „In der Presse finden sich mehrfach unrichtige Nachrichten über die Maßnahmen, welche die Staatsregierung be
stehen," so dachte er bei sich und dieser Gedanke beschäftigte ihn Tag und Nacht und wurde schließlich auch zur Tat.--—
Am anderen Abend ging es im „Siern" lebhaft zu. Am Vormittag war Sitzung gewesen und dabei hatte der Vertreter des Bürgermeisters seines Vaters Entlassungsgesuch eingereicht, zugleich aber auch seine Bewerbung um den erledigten Bürgermeisterposten.
Und jetzt wurde hier Nachsitzung gehalten. Die mächtigen Stammkuffen mit den bemalten Deckeln kamen sehr oft geleert in des behäbigen Sternwirts Hände und ebenso lebhaft wurden die Ereignisse des Tages hin und her besprochen.
Der junge Stadtmüller Stephan Reichert führte das erste Wort.
„Es ist schon traurig und ewig schade um unfern Bürgermeister, aber — wir können stolz sein, wenn wir den Rudolph überhaupt bekommen! Was der kann, das weiß ich, der hat was gelernt. Wer weiß, ob den die Regierung wird loslaffen — der ist für jede Millionenstadt reif!"
„Na," krähte der Apotheker, geht mir mit den großen Städten! Ich kenne sie. Mein Lebtag mag ich nichts mehr mit denselben zu tun haben. — Prosit — es lebe W.
Und sie stimmten alle freudig mit ihm ein auf das Gedeihen und Blühen ihres Städtchens.
♦ * *
*
In Lenchens Zimmer blühten Veilchen und Märzbecher; sie saß am Fenster und zählte die Blattknospen an dem einzigen Baum im Hofe. Da trat Heinrich ein und teilte ihr mit, daß er eine kleine Reise machen müsse.
„Du bist aber doch nicht lange fort!" fragte sie ängstlich.
„Höchstens zwei Tage!" erwiderte er.
„Das geht noch, so lange will ich's schon aushalten — aber darf man nicht wissen, wvhin's gebt?"
Der Doktor hatte das Wohl gar nicht gehört. Er sah unverwandt in einen Brief und schien darin etwas
züglich der staatlichen höheren Mädchenschule und des Lehrerinnenseminars in Trier getroffen hat und zu treffen beabsichtigt. Wir sind in die Lage versetzt, diese Tatsachen richtig zu stellen. Es ist unrichtig, daß eine Trennung der Schülerinnen nach Konfessionen für den Unterricht in Deutsch und Geschichte beabsichtigt sei. Es ist weiter unrichtig, daß der für den katholischen Religionsunterricht angestellte Kaplan Reitz auch Unterricht in Deutsch und Geschichte erteilen soll. Dieser Geistliche wird mit der Erteilung der kath. Religionsstunden an den beiden staatlichen Anstalten und mit der Abhaltung des kath. Schulgottesdienstes, welcher mit der Zustimmung des Herrn Bischofs von Trier nunmehr für beide Anstalten angeordnet ist, vollauf beschäftigt sein. Es ist ferner unrichtig, daß die neu angestellte kath. Seminarlehrerin den Unterricht in Deutsch und Geschichte aus der Oberstufe der höheren Mädchenschule und im Lehrerinnenseminar allein erteilen soll. Schon die Zahl der zu erteilenden Stunden würde eine Versehung durch eine einzige Lehrperson unmöglich machen. Wie bisher werden auch evangelische Lehrpersonen diesen Unterricht mitversehen. Richtig ist lediglich, daß die Lehrbücher von Ostermann und Keilmann (Teil U) von Ostern ab nicht mehr gebraucht werden, und daß es endlich gelungen ist, eine kath. Lehrerin mit dem Oberlehrerinnenzeugnis für die Mitwirkung bei der Erteilung des Unterrichts in Deutsch und Geschichte für beide Anstalten zu gewinnen. Richtig ist schließlich, daß Verhandlungen mit der Stadt Trier wegen Einrichtung einer Uebungsschule schweben. Diese Verhandlungen haben schon lang" vor dem sog. Trierer Schulstreit ihren Anfang genommen. Die Unterrichtsverwaltung hat ein Interesse daran, wie das Beispiel aller preußischen Lehrerseminare beweist, die staatlichen Seminare mit eigenen Uebungsschulen auszustatten und sie von andern Schulanstalten unabhängig als selbständige Anstalten unter eigener Leitung zu organisieren. Sie ist deshalb mit der Stadt Trier wegen Üeber- nahme von etwa 8 .Volksschulklaffen und deren Einrichtung zu einer Uebungsschule in Verhandlung getreten. Diese Uebungsschule würde nach den Volksschulverhällnissen der Stadt Trier nur eine katholische sein können. Als die Verhandlungen hierüber mit den städtischen Behörden bereits schwebten, brach der trierische Schulstreit aus. Nachhxm dieser Streit erledigt ist, werden die Verhandlungen mit der Stadt Trier wegen der Uebungsschule wieder ausgenommen werden. Der Landtag der Monarchie wird Gelegenheit haben, falls eine Verständigung erzielt wird, im nächsten Jahre, da es sich hierbei um Etatsänderungen handelt, seinerseits Stellung zu nehmen. Daß die für das Lehrerinnenseminar Gemeldeten ausnahmslos eitler Aufnahmeprüfung zu unterziehen sind, entspricht einer für die gesamte Monarchie seit Jahren erlassenen allgemeinen Anordnung."
** lieber den Kotau des Zentrums vor der Sozialdemokratie beim Krankenkassengesetze ergeht sich die ,Antisoz. Korr.' und mit ihr die Host' in Betrachtungen, die sich ganz im
zu suchen — „der gute, alte Laurenz," dachte er, „so lange habe ich nichts von ihm gehört und nun schreibt er blos, ob ich einem Kranken Hilfe leisten will? — Natürlich, das ist ja mein Beruf — sonst aber auch gar nichts zu erwähnen. Gut wir reisen!" sagte er laut für sich.
„Was, soll ich mit?" fragte Lenchen erstaunt.
„Habe ich das gesagt?" jetzt war er erstaunt. „Nein — vielleicht läßt sich» später tun." ----
Es war ihm eigen zu Mut, als die frische Luft der alten Heimat ihm entgegenwehte.
Als er die niederen trauten Häuschen sah, als er die engen Gassen durchfuhr und — als er — ein großer, weltgewandter Herr, in das einfache Kaplan- stübchen trat, vor dessen Tür er als barfüßiger Junge oft voll Ehrfurcht und Herzklopfen gestanden. — Und als er bann Seite an Seite bei dem guten Laurenz saß, bei einer extra feinen Flasche aus seines Vaters Keller, wie fühlte er sich da so wohl und heimisch!
„Ich hab soviel von Dir gehört, daß ich mich an niemand anders wenden konnte; Du wirst helfen, wenn es möglich ist!"
„Wenn es möglich ist!" bekräftigte Heinrich.
Am nächsten Morgen führte ihn Laurenz zum Bürgermeister. Es wurden nicht viele Worte gewechselt.
„Ich habe einen Spezialarzt kommen lassen," sagte der Kaplan zu dem Blinden.
„Er wird Sie untersuchen, Herr Werner!"
Heinrichs klare, blaue Augen ruhten auf dem Unglücklichen; sie sahen tief und fest in die erloschenen Sterne und — eS baiferte nur Sekunden, da ergriff er freudig die zitternde Hand des Kranken und sprach:
„Ich kann Sie heilen, Sie wieder zum Licht zurückführen!"
Eine kurze Stille, atemlos hatte der Kranke gelauscht.
„Heinrich!" — Fest wie Klammern schlossen sich die Hände ineinander.
„Väterchen, die erften Schneeglöckchen!" rief es schon im Vorzimmer; gleichzeitig tat sich die Tür auf und — ahnungslos erschien Röschen. Ihr Fuß
Geleise der Rede des Abg. Dr. Arendt im Reichstage bewegen. Die Sozialdemokratie soll über das Zentrum und die Regierung triumphiert haben usw. Wir können nur wiederholen, daß das Zentrum trotz aller Siegesfanfaren des ,Vorwärts' durchaus nicht die Empfindung hat, eine „ungeheure Niederlage" erlitten zu haben. Es hat einfach getan, was es im Interesse der Arbeiterschaft für das Richtige hielt. Wahlpolitische Erwägungen, was die Sozialdemokraten dazu sagen würden, konnte für das Zentrum gar nicht ins Gewicht fallen. Um solcher Nebendinge willen konnte und wollte es die Interessen der Arbeiter nicht preisgeben. Hätte das Zentrum den Arbeitern die Wohltaten des Gesetzes vorenthalten, blos weil es sich über die Sozialdemokraten ärgerte, so wäre es damit auf das Niveau der Sozialdemokratie hinabgesunken, für die allein das Parteiinteresse entscheidend ist. Das Zentrum hat ja auch in allem Wesentlichen erreicht, was beabsichtigt war. Aus der Vorlage ist nichts entfernt worden; es ist nur auf eine Verbesserung, die in der Kommission gemacht worden war, einstweilen verzichtet worden. Will man durchaus von einer Niederlage reden, so sind es die Diätengegner, die eine solche erlitten haben, lieber sie allein haben die Sozialdemokraten „triumphiert". Obschon die Beweggründe des Zentrums so durchsichtig und sachlich wie möglich sind, zerbricht sich die Presse ober die .Antisoz. Korr.' doch den Kopf, wie der „beklagenswerte Vorgang" zu erklären sei. Die Antwort lautet, das Zentrum sei seiner Industriearbeiter nicht mehr sicher; es wolle deshalb auf sozialpolitischem Gebiete jeden Streit mit der Sozialdemokratie vermeiden und die Arbeiter allein mit der Jesuitenparole an seine Fahne fesseln. Wir wüßten nicht, daß das Zentrum jemals den Kampf mit der Sozialdemokratie auch auf sozialpolitischem Gebiete gescheut hätte. Was aber die ,Post' unter Kampf gegen die Sozialdemokratie versteht, ist das Scharfmachertum, und dafür ist das Zentrum allerdings nicht zu haben, nicht etwa lediglich aus parteitaktischen Rücksichten auf seine Industriearbeiter, sondern grundsätzlich.
** Eine Mahnung zum konfessionellen Frieden hat der sächsische Kultusminister von Seydewitz in Bautzen bei der Einweihung des katholischen Lehrerseminars ausgesprochen. Er wünsche aufrichtig, daß die Seminaristen überzeugunsvolle Katholiken würden, aber mit der Treue zur eigenen Konfession müsse die Achtung vor den Fremden verbunden fein, Uebergriffe auf fremdes Gebiet müßten vermieden werden. Man solle das Trennende mehr in den Hintergrund, das Gemeinsame mehr in den Vordergrund stellen, und es gebe des Gemeinsamen viel zwischen Evangelischen und Katholiken. Das aber sei gerade einer der großen Fehler unserer Zeit, daß die gemeinsame christliche Grundlage zu wenig beachtet werde. Und doch, könne es nichts Unfruchtbareres für ein Volk geben, als in konfessionellen Streitigkeiten _ seine Kraft und seine Zeit zu opfern. Die fächsischen Lande seien früher mit Recht um ihren kon- stockte, ihre Augen weiteten sich. — Die Hand mit den Schneeglöckchen griff nach dem Herzen, dort steckte etwas.
Im nächsten Augenblick aber war der Arzt zur Stelle und fing sie in seinen Armen auf. Heinrich beugte sich über sie, der strahlende Blick seiner Auge» ruhte auf dem lieben, süßen Gesicht; >s war ja noch dasselbe, nur der kindliche Ausdruck war geschwunden, und ein sinnender Ernst erzählte von vergangenen Kämpfen und endloser Treue.
„Sieh mich an, Röschen, ich will auch Deine Augen sehen; sie sollen mich gesund machen!" flüsterte Heinrich.
Und leise und furchtsam hoben sich die Lider; war denn wirklich der Traum ihrer Jugend Wahrheit geworden? Ja — wie ein Prinz sah er aus, der das arme, verlassene Dornröschen zu neuem Leben, zu neuer Liebe wachrief.
Sie schlang ihre Arme um den stolzen Nacken des Mannes, den sie mit Herz und Seele liebte.--
Mit stillglücklichem Lächeln, die Hände auf der Brust gefaltet, saß der blinde Vater da, der mit dem Herzen doch alles gesehen und gebilligt.
„Ich glaube, ich bin vorläufig hier überflüssig," sagte Laurenz lächelnd und nahm seinen Hut. „Hier fehlten zwei andere, die will ich herschicken." Er suchte in allen Zimmern und fand endlich Frau Werner in der Küche, um für den „berühmten Gast," der ihr angekündigt, ein gutes Mahl zu besorgen.
„Gehen Sie nur hinein, eS ist viel Sonnenschein drinnen und nach und nach wirds ganz hell in ihrem Hanse. Ich gehe jetzt zum Rudolf." —
„Aber wiederkommen müssen Sie und ebenfalls heute unser Gast sein!" rief ihm Frau Werner nach und band freubig erregt die Küchenschürze ab, um hineinzugehen.
Laurenz fand den Assessor in der Aktenkammer, er sah bald ebenso verstaubt aus, als die grauen Aktenstöße.
„Denke Dir — ein interessantes Faktum," rief er saft ohne aufzusehen. „Da finde ich eben, daß