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Verachtung, dann lehnte er sich ausstöhncnd und innerer Qual in die dunkle Wagenecke.

beziehung der Handelsangestellten, die Erhöhung der Mindestleistungen, die Erweiterung der Rechte der Arbeiter ufro., alles das sind doch ganz erhebliche Ver­besserungen, die ohne zwingenden Grund preis­zugeben eine unverantwortliche Handlung ge­wesen ' wäre. Der Umstand, daß die Sozial­demokraten eine Zusatzbestimmung der Kommission nicht wollten, war kein zwingender Grund, alles fallen zu lassen, selbst wenn sie sich ihres Er­folges rühmen sollten. Man durfte lediglich fragen: ist es besser, das augenblicklich Er­reichbare anzunehmen, oder auf alles zu verzichten? Hätte der Reichstag auf alles verzichten wollen, bloß damit die Sozialdemo­kraten hinterher nicht renommieren könnten, fo hätten ihm die Arbeiter gewiß wenig Dank gewußt.

„Brückenstraße Nr. 9, ganz oben!" flüsterte voll Scham und Schwäche das junge Mädchen.

„Fort!" befahl Heinrich — seine Stimme klang rauh und hart. Noch einen Blick auf die erleuchtete Front des Hauses, das er so oft in Sehnsucht Hoffnung betreten, einen Blick der Bitterkeit

dem Gewerbegerichtsgesetze verwirklicht worden sind.

% Kaum hat der Reichskanzler im Reichstage die Antwort auf die Znterpellation über die Kündigung der Handelsverträge verweigert, da haben die Konservativen im Herren hause schon wieder einen Antrag eingebracht, wonach der Ministerpräsident ersucht wird, im Bundes­rat dafür einzutreten, daß eine Kündigung der bestehenden Handelsverträge sowie der kündbaren Meistbegünstigungsverträge alsbald erfolge. Die Konservativen glauben im Reichstage sehr un­höflich behandelt worden zu sein. Ob sie im Herrenhause besser behandelt werden, muß sich ja morgen zeigen. Unserer Meinung nach ver­rechnen sie sich, wenn sie mit ihrem Ansturm gegen die Handelsverträge große Wahlgeschäfte machen zu können glauben. Mögen sie sich vor den Landwirten nun über die Unhöflichkeit der Regierung beschweren oder über deren „Schwäche" klagen, wir glauben, daß die Liberalen den Hauptvorteil aus diesen „Aktionen" ziehen werden. Die Zahl des Heißsporne, die in diesem Augen­blick eine Kündigung der Handelsverträge fordern, ist doch sehr gering, und der Vorwurf, die Konservativen wollten das Reich mutwillig in einen Zollkrieg mit der ganzen Welt stürzen, wird nicht so leicht abzuweisen fein.

% Bei dem gestrigen Empfange des öster­reichisch-ungarischen Botschafters v. Szögyeny und der Geheimen Räte Bärnreither und v. Hieronymi durch den Reichskanzler soll es sich um Beratungen in der Znckerfrage gehan­delt haben, insbesondere soll ein gemeinsames Vorgehen in der Kontingentierung der Zucker­produktion zur Verhandlung stehen.

** Der,Reichsanz/ veröffentlicht die Bekannt­machung betr. Abänderung des Wahl-Regle­ments (Sicherung des Wahlgeheimnisses).

** Sozialdemokratie und Schule. Unter diesem Tiiel sucht ein Artikel der sozialdemo­kratischen Presse Stimmenfang für die Wahlen zu treiben. In den strahlendsten Farben wird hier ausgemalt, wie herrlich schön die Programm- foroerungen der Sozialdemokratie für die Schule feien: „Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehr­mittel und der Verpflegung in den öffentlichen Volksschulen, sowie in den höheren Bildungs­anstalten für diejenigen Schüler und Schülerinnen, die kraft ihrer Fähigkeiten zur weiteren Aus­bildung geeignet erachtet werden." Das alles steht im Erfurter Programm; aber seltsam, daß der Mann zwei Sätze weggelassen hat, welche in demselben Abschnitt desselben Programms stehen und die lauten: „Weltlichkeit der Schule . .. obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen." Zufall kann das Weglassen dieser Sätze nicht fein, sondern nur wohlberechnete Ab­sicht. Denn wenn auch diese Sätze angeführt und näher ausgeführt würden, müßte man ja eingestehen, daß in den Schulen der sozialdemo­kratischen Zukunflsgesellschaft der nackte Unglaube gepredigt, die Religion bekämpft werde und daß die katholischen und christlich denkenden Eltern gezwungen würden, im Namen der sozialdemo­kratischen „Freiheit" ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. Von diesem Gewissenszwang und

Die Straßen waren füll und leer! Tausend Christbaumkerzen beleuchteten ihren Weg — doch all' den Glücklichen, die da überstrahlt von Christ­baumglanz und Liebe und süßem Weihnachtsfrieden der Geburt des Heilandes erfreut-n, ahnte wohl Niemand, daß selbst in dieser Stunde schwere Kämpfe um das Dasein und um das sogedannte Glück ausge- kämpft wurden.

dieser Gewissenstyrannei sollen vorderhand di christlichen Arbeiter nichts erfahren, daher das Schweigen! Aber dieses Schweigen ist sehr beredt, denn es verrät, daß der Artikelschreiber selbst die Ueberzeugung hatte, die christlichen Arbeiter vor den Kopf zu stoßen, wenn er die Katze ganz aus dem Sacke lasse. Deshalb be­handelt er nur Nebensachen und unterschlägt die Hauptsache, nämlich daß die Schulgesetzgebung der sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft nur die krasseste Intoleranz und die unerhörteste Ge­wissensknechtung bedeutet.

* Sozialdemokratisches Bekenntnis zur Mittelstandsfrage. Mit wünschenswerter und rückhaltloser Offenheit wird im Schuhmacher-Fach­blatt vom 26. April die Stellung der Sozial­demokratie zum Mittel- und im besonderen zum Handwerkerstände dargelegt. Das Schuh­macher - Fachblatt erscheint in Gotha und wird von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Bock herausgegeben. Es heißt dort in einem Artikel über „Die Gewerkschaften und die Konsum - Ge­nossenschaften": „Uns als Arbeiter kann der Untergang des sogen. Mittelstandes gleichgültig sein, im Gegenteil, je eher er verschwindet, desto besser ist es, denn derselbe ist der größte Hemmschuh in ökonomi­scher, sozialer, gewerkschaftlicher und politischer Bewegung, überall tritt er uns hindernd in den Weg, und darum können wir dessen Untergang nicht früh genug herbeiwünschen." — Ein jedes Wort der Kritik würde dieses unverblümte Bekenntnis sozialdemokratischer „Mittelstands­freundlichkeit" abschwächen. Die Handwerker werden hoffentlich bei den Wahlen den sozial­demokratischen Volkszerstörern die gebührende Antwort erteilen. Nur eins wollen wir noch her­vorheben: Das aus sozialdemokratischem Munde kommende Zeugnis, daß der Mittelstand der größte Hemmschuh der revolutionären Bewegung in ökonomischer, sozialer und politischer Beziehung ist, ehrt den Mittelstand und bezeugt feine staats- erhaltende Kraft und Bedeutung, wie nichts anderes.

* Weimar, 30. April 1903. Eine Sonder­ausgabe der Zeitung Deutschland' in Weimar veröffentlicht einen landesherrlichen Erlaß des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach, durch den aus Anlaß der Vermählung eine Amnestie für alle diejenigen Personen gewahrt wird, welche wegen politischer und anderer in dem Erlaß auf­gezählten Verbrechen verurteilt sind. — Der Kaiser hat den Großherzog zum General er­nannt. (Der Großherzog ist 27 Jahre alt; er ist also auch dem Lebensalter nach der jüngste General des deutschen Heeres.)

** Lin „Kotau“ vor der Sozial­demokratie?

Das Krankenkassengesetz ist unmittelbar vor Toresschluß vom Reichstage mit großer Mehrheit angenommen worden, nachdem es kurz vorher ernstlich gefährde war. Das Zustandekommen wurde nur dadurch gesichert, daß die Mehrheit dem Widerspruche der Sozial­demokraten gegen den § 42 Rechnung trug und diese io zum Verzicht auf die namentliche Ab­stimmung bewog. Ohne Zweifel werden die Sozialdemokraten nun im Lande mit einem großen Erfolge prahlen. Das war voraus- zufehen und nicht zu verhindern, wenn man das Jntereffe der Arbeiter nicht ebenso leichtfertig opfern wollte, wie sie. Sehr überflüffig und gänzlich grundlos aber war es, wenn der Abge­ordnete Dr. Arendt nach dem Vorgänge der konfervativen und Scharfrnacherpreffe von einem „Kotau des Reichstags vor den Sozialdemo­kraten" und von „schwächlicher Nachgiebigkeit der Regierung" sprach und die Sozialdemo­kraten damit in ihrem Bemühen unterstützte, sich als die Sieger hinzuftellen.

Wie verhält sich in Wirklichkeit die Sache? Alles, was die Mehrheit, insbesondere das Zentrum wünschten, fft erreicht worden. Die Regierungsvorlage hat in allen wesentlichen Punkten Annahme gesunden. Was preisgegeben wurde, ist lediglich ein in der Kommission einge­fügter Zusatz über die Dienstordnung der Kranken­kaffen. Gwiß wäre es sehr wünschenswert, wenn man auch ihn hätte durchsetzen können. Aber man hat von oornherem auf die Berücksichtigung der Wünsche so weiter Interessentenkreise ver­zichten müffen, daß ■.§ doch nicht allzu sehr in's Gewicht fällt, wenn man auch diesen Punkt zurückstellte bis zu der großen und durchgreifenden Revision der Krankenkassengesetzgebung, die doch einmal kommen muß. Die Hausgewerbetreibenden, die landwirtschaftlichen Arbeiter, das Gesinde, die Aerzte, die Apotheker, sie alle haben in der otoceUe vorläufig nicht berücksichtigt werden können. Daß die Kaffenbeamten, die die Kom- mfffion berücksichtigen wollte, nun ebenfalls zurückstehen müssen, ist ja bedauerlich, aber wenn soviele andere unberücksichtigt bleiben, so konnte man ooch wegen der Kassenbeamten allein nicht wohl das ganze Gesetz fallen lassen.

Will man das Vorgehen des Reichstags richtig würdigen, so muß man nicht darauf sehen, was er noch gern in die Vorlage hineingebracht hätte, aber nicht hineinbringen konnte, sondern darauf, was darin steht. Die Ausdehnung der Krankenunterstützun-g auf 26Wochen und die damit erreichte Ausfüllung der empfindlichen Lücke, die bisher zwischen Kranken- und Unfallversicherung bestand, die Eiu-

Berlin, den 30. April 1903.

** „Dieser" Reichstag, der heute ge­schlossen worden ist, hat m der abgelaufenen Legislaturperiode nicht weniger als 511 Sitzungen abgehalten. Diese verteilen sich auf nur zwei Sessionen, da dreimal statt des üblichen Schluffes eine Vertagung über den Sommer etntrat. Die erste ^Session dauerte vom 6. Dezember 1898 bis 12. Juni 1900, mit einer Zwischenpause vorn 22. Juni 1899 bis 14. November 1899. In der ersten Hälfte dieser Session wurden 99, in der zweiten 110 Sitzungen abgehalten. Die nunmehr beendete zweite Session Hal vom 14. November 1900 bis 30. April 1903 gedauert. „Vertagt" wurde der Reichstag in dieser Seiston vom 15. Mai bis 26. November 1901 und so­dann vom 11. Juni bis 14. Oktober 1902. In die beiden ersten Drittel dieser Session fielen je 96 Sitzungen, in das letzte Drittel 110. Die geleistete Arbeit entspricht allerdings nicht ganz der Menge der Sitzungen, da die Sozialdemo­kraten dank der Diätenlosigkeit wochenlang nach Herzenslust sich ausschwätzen dursten, ohne daß Schluß gemacht werden konnte. Immerhin ist auch eine stattliche Anzahl wichtiger Gesetze zu­stande gekommen. Wir erwähnen nur einige: Die Militärvorlage von 1898, das Flottengesetz von 1900, die Branntwein-, Zucker-, Schaum­wein- und Stempelsteuergesetze, verschiedene Post- und Telegraphen-Gesetze, die Revision der Jn- validitätsversicherung, das Gewerbegerichtsgesetz, das Gesetz über den Neunuhrladenschluß rc., das Gesetz über die gewerbliche Kinderarbeit, die Seemannsordnung, die Krankenkassennovelle, die Aenderung des Wahlreglements. Das auf An­trag des Zentrums beschlossene Gesetz über die Freiheit der Religionsübung hat leider noch nicht die Zustimmung des Bundesrats gefunden. Auch die Beschlüffe zum Jesuitengesetz harren noch der Stellungnahme des Bundesrates. Sehr groß war bie Zahl der vom Zentrum eingebrachten sozialpolilifchen Anträge, von denen mehrere in

Weit hinaus ging es über den feftgefrorenen, be­schneiten Fluß in das Stadtviertel der Arbeit und Armut. Doch auch hier erzähllen die erhellten Fenstern von Glück und Zufriedenheit.

Ter Wagen hielt und beide Insassen schreckten aus aus ihren Träumen. Der Doktor stieg aus und bot Miß Horw-wd die Hand, um ihr behülflich zu sein.

„Verzeihen Sie mir — ich habe Sie so lange bemüht — nehmen Sie meinen herzlichsten Dank," sagte ^sie und strebte an ihm vorbei zu kommen.

„Sie müssen mir erlauben. Sie in ihre Wohnung zurück zu führen, der Anfall könnte sich sonst wieder- Hosen. Ich gehe nur einen Augenblick in die nahe- li „en^e Apocheke — bitte warten Sie auf mich."

Tr Wagen wendete -und su r zurück, Heinrich verschwand, und Miß Hcrmood lehnte sich an den Türpfosten.

In der Fremde, krank und mittellos! Der einzige Gedanke beherrschte den ganzen Tag, die ganze Woche und nun — hatte sie einen Freund, einen Helfer ge­sunden ' Tränen der Dankbarkeit stoffen schwer und heiß zur Erde. Buch bei ihr wollte das Christkind einkehreu!

gott — bald wäre er zukückgeprallt — hier lag eine Frau, jedenfalls bewußtlos oder krank.

Ter Doktor klopfte dem Portier und hob, schon von Pflichtgefühl durchdrungen, den Körper in die Höhe. Der Portier öffnete das Schiebefenster und gleichzeitig die Tür. Heller Lichtschein fiel in den Vorbau.

„5S8aö ist hie vorgefallen, Johann? Wiffen Sie nicht, daß Jemand hier liegt?"

„Ach, der Herr Doktor sind's!" — — —

„Um’ö Himmelswillen, das ist ja Miß Horwood!" fiel Heinrich dem Portier in's Wort. Er hatte den dunklen Schleier zurückgeschlagen, der das Gesicht verhüllt und nun zeigte sich ihm das blasse, verhärmte Antlitz, das er zu genau kamue. ,

„Miß Horwood!" .s schien ihm unsaßlich „Wie kommt sie hierher?" fragte er fick, und den Portier. Dieser kraute sich verlegen hinter den Ohren.

„Ich hab' ihr doch gesagt, daß sie nicht wieder- kommeu sollte und doch —"

„Helfen Sie mit das Fräulein dinauftragen'" befahl Heinrich. Der Portier machte ein erschrockenes Gesicht und rührte sich nicht. W

„Wo denken Sie bin, Herr Doktor, ich würde meine Stelle verlieren, wenn ich das täte — die gnädige Frau hat befohlen, das Fräulein nicht über die Schwelle zu lassen!" Durch den Körper des jungen Mädchens lief ein Zittern — hatte es diese herzlosen Worte vernommen?

Doktor Winter fragte nicht weiter. Ein unsag­bares Gefühl schnürte ihm fast die Kehle zu. Was würde er noch erfahren in diestr Stunde.

Er setzte die leichte Gestalt auf die Stufen des Vorbaues, und trat hinaus, eine i Wagen zu holen. Nach kurzer Zeit kehrte er mit d-mselben zurück, hob die nun zum Bewußtsein gekommene Gesellschafterin hinein und setzte sich an ihre Seite.

„Wohin", fragte der Kutscher, und „wohin Miß Horwood, wo wohnen Sie?" fragte Heinrich die Aermste.

Keimatgiücti.

Erzählung aus den Bergen. Bon I. Fichtner.

21 -------- (Rechvruü »erboten.)

Der Wagen, den sich Heinrich bestellt hatte, wartete schon lange; endlich kam er heraus, er bestieg ihn nicht, sondern lohnte den Kutscher ab und ging zu Fuß.

Er fühlte daS Bedürfnis, fein erregtes Blut zu kühlen und ohne auch nur im geringsten auf den Lichterglanz und Kinderjubel zu achten, der aus un- zahligeii^Fenstern hinaus in die heilge Nacht drang, tief er Straße um Straße, ehe er die rechte Richtung emschlug. Wie kam es, daß an diesem Abend, der allen Menschen Frieden und ihm besonders Glück bringen sollte, keine Ruhe, kein Frieden in sein Herz ernkehren wollte.

Da lag nun die Aussicht auf Pracht und Reichtum doch ertappte er fich dabei, wie ein seh wuchtiger Gedanke nach den armen b scheidenen Äett?n<ia)t£irenben seiner fern-n Heimat in ihm auf« muct)«, wo «n paar Aepfel, ein buntes Lichtchen, die A'°ng. der Weihnachtslieder im lichter- Wen Jhrduetn, ihm das reichste Glück bereite!. Und J3!,; ■ t?enn " im dürftigen Röcklein und doch unler sternbesaetem Himmel, dem ?^Afe Röschens lauschen durfte, was ihr das < gebracht, und alles rings herum so

und l chi war, wie war er bann glücklich j

„lorbeit!" schllt er bei sich und mühte sich, diese Gedanken zu oe-)ü>er,chea. - Und da stand er schon vor dem.stattlich,!! H ine uuo aus den hohen Spiegel­scheiben urab'te blendende Lichtfülle.

Er iah hinauf und sammelte seine Gedanken Hoch- OMaemc.w hob er den Fuß zu der hohen Einqangs- 'P>o«e, da — was war das? Er trat auf etwas V"'tE.es, Weich s — er beugte fich nieder —

301. Sitzung vom 30. April.

Eröffnung 11« Uhr.

Die 2. Beratung des Krankenkassengesetzes wird fortgesetzt beiß 42 a (Enthebung von Kranken­kassen beamt en).

Bor Eintritt in die Tagesordnung bemerkt

Doktor Winter kam bald zurück. Unter feinem Mantel verbarg er eine Flasche köstlichen Wein und einige Lebensmittel. Auch eine bunte Weihnachtsk> rze hatte er erhandelt. — Es war ihm selbst ein Rätsel, wie es ihm möglich war, so besonnen und klar zu handeln in dieser Stunde, die seine Ve-lobungsstunde fein sollte.

Als sie beide erschöpft vom langen Treppensteigen, da« kalte, öde Zimmerchen betraten, fühlte Heinrich, daß er mit feiner Vorsorge das Richtige getroffen. Er handelte zunächst nicht wie ein Arzt, sondern wie ein Freund. Nachdem er das Licht angezündet, ent­korkte er die Flasche und nötigte das wieder in ihre Ermattung zurücksinkende junge Mädchen kräftig zu trinken und auch etwas zu genießen.

Diese Praxis tat Wunder. Die blassen Wangen 'ärbten fich und die matten Augen bekamen Glanz und Leben. Mit dem scharf beobachtenden Blick des Arztes fand er, daß nur Mangel an Nahrung, nur Angst und Sorge das junge Leben schwach gemacht. — Jetzt war sie stark genug, um ihm zu berichten, was vorgesalleii war. Er setzte sich ihr gegenüber und tagte: „Bit e, Miß Horwood, erzählen Sie mir, weshalb Sie das Haus von — von Frau Riegner ver- laffen haben." — Sie zögerte und schwieg.

„Haben Sie Grund, mir die Ursache zu ver­schweigen?" fragte er forschend und faßte ihre Hand. Sie wollte ihm dieselbe entziehen und — als sie bittend zu ihm aufsah, füllten fich ihre Augen mit Tränen und sie brach in heftiges Weinen aus. Er l ieß sie gewähren, hielt ihre Hand fest und beruhigend in der feinen.

„Wenn es Ihnen peinlich ist, so — —"

„Ich habe nichts zu verfchweigen, nur gönnen Sie mir Zeit." Beruhigend nickte er. Dann begann sie:

„Ich weiß nicht, daß es Ihnen bekannt ist, daß ich erst kurze Zeit in F-au Riegners Diensten stand, als wir hierher kamen. Sie nahm mich aus einem Pensionat mit, das ich wegen Todesfall und Ber-

Maer

fllldd, Freitag, den 1. Mai 1903.

M 98

30. Jahrgang.

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Mitling

ntomtsbeiiage: „Fuldaer Geschichtrblätter".

erstes

Deutsches Reith