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30. Jahrgang

flllda, Samstag, den 18. April 1903.

M 87

druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher 8r. 9.

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wocheilbrllaik:Illustrierte Somltagrzeitung" m»nakde!iage:Fuldaer GeschichtrblAter".

(:) Auf alten Pfaden.

Sobald und solange es sich für die Sozial- »emokratie um die Bekämpfung desRieth talismus" handelt, ist ihr jedes Mittel recht. DenKlerikalismuS" zu bekämpfen, wird als die höchste sittliche Pflicht* erachtet! Stoff zu diesem Kampfe sucht man auf allen Gebieten: religiösen, wirtschaftlichen, politischen. Wo auch immer in irgend einem Erdenwinkel eine er­logeneklerikale Skandalgeschichte" auftaucht, flugs ist die sozialdemokratische Preffe bei der Hand, ihren Lesern wieder einmal eingenuß­reiches" Bild von derwahren Gestalt des Klerckalismus" zu geben. Nicht anders istS in wirtschaftlichen Fragen. Natürlich muß hier der Klerikalismus der Freunddunkelster Reaktion" fein, und um das gegenwärtig den Wählern zu beweisen", ist der Sozialdemokratie keine Mühe zu groß. So macht die sozialdemokratische Preffe neuerdings den krampfhaften Versuch, den Klerikalismus als Feind des Koalitionsrechtes" zu erweisen. Zu welch'sittlichen" Mitteln sie dabei greift, zeigt ein Artikel des sozialdemo­kratischen Zentralorgans (.Vorwärts', Nr. 81 vom 5. April 1903).

Den Schlüssel zu diesemBeweise" glaubt nämlich der .Vorwärts' in der Arbeiter- Encyklika Leo's Llll. gefunden zu haben, aus der er folgende Stelle zitiert:

Nicht selten greifen die Arbeiter iu gemeinsamer Aebeitseinftellung, um gegen die Lohnherren einen Zwang auszuüben, wen« ihnen die Anforderungen zu schrvrr, dir Arbeitsdauer zu lang, der Lohnsatz zu gering scheint. Dieses Vorgehen, das in der Gegen­wart immer häufiger wird und immer weiteren Um« £ng annimmt, fordert dir öffentliche Gewalt auf, rgenwehr zu ergreifen; denn die AuSstände ge­reichen nicht blos den Arbeitgebern mitsamt de« Ar­beitern insgemein zum Schaden, sie benachteiligen auch empfindlich "Handel und Industrie, überhaupt de« ganzen öffentlichen Wohlstand. Außerdem geben sie er- strhrungsgemäß Anlaß zu Gewalttätigkeiten und Rnrnhen und stören so den Frieden im Staate. Demgegenüber ist diejenige Art der Abwehr am meisten zv empfehlen, welche durch entsprechende Anordnungen xnb Gesetze dem Nebel zuvorzukommen trachtet enb sein Entstehen hindert durch Besritigungjener Ursachen, die den Konflikt zwischen den Anforde­rungen der Brotherren und der Arbeiter herbeizuführen Pstegen."

Aus diesen Worten der Encyklika eine Fein d- schaft Leos XIII. gegenüber dem Koalitions­recht der Arbeiter herauszulesen, ist nur einem unehrlichen Gegner möglich, zumal der richtige Ginn dieser Stelle klar auf der Hand liegt. Offenbar hat der hl. Vater hier die großen Streiks im Auge, die in der Regel zu schweren Schädi­gungen'nicht nur der Beteiligten, sondern auch Her Allgemeinheit führen, Streiks, die erfahrungs­gemäßzu Gewalttätigkeiten Anlaß geben" und Harum notwendigerweise das Eingreifen der Be­hörden im Gefolge haben. Daß aber gegenüber allen Arbeitseinstellungen, und zwar nicht nur Lstchen, welche die bezeichneten unangenehmen Folgen nach sich ziehen, eine vorherige fried­liche Lösung der Streitfragen durch Schaffung von Einigungsämtern, Arbeitskammern und ähnlichen öffentlichen Einrichtungen, ferner durch Vermittelung der Behörden, sei es der staatlichen, kommunalen oder richterlichen, er­wünscht,zu empfehlen" ist das ist nicht nur Hie Ansicht Leos XIII., sondern jedes vernünf­tigen Sozialpolitikers. Ja, das ist doch auch wohl die Ansicht der sozialdemokratischen Gewerk­schaftsführer!! Diese suchen bekanntlich von Jahr zu Jahr immer mehr bei Lohnbewegungen mög- llchst Streiks zu verhüten, z. B. durch gütliche Vereinbarungen und gar durch Abschluß lang­fristiger Tarifverträge. Ebenso sind doch auch Hie sozialdemokrattschen Reichstagsabgeordneten Her Ueberzeugung, daß z. B. durch Ausdehnung Hes gesetzlichen Arbeiterschutzes auf die Konfektions- «beiter verhütet werden muffe, daß letztere sich «us Verzweiflung in Streiks stürzen, wie solche hi den letzten Jahren versucht wurden.

Dieses unehrliche Manöver des .Vor­wärts' ist um so einfältiger, at§ sich der hl. Vater an anderen Stellen der Arbeiter-En- lyklika mit aller nur wünschenswerten Deutlich­keit als einen Freund des Koalitionsrechtes der Arbeiter bekennt. Folgende Stellen beweisen das zur Genüge:

Ein Streben nach Berbefferung brr eigenen Lage »Hne ungerechte Schäbigung anderer tabelt nie- xtonb."Endlich können und müffenauch bir Ard et­ter selbst zu einer gedeihlichen Lösung der Frage durch Maßnahmen und Einrichtungen Mitwirken, die den Notstand möglichst heben und die eine Klasse der andern näher bringen helfen. . . Den ersten Platz aber nehmen in dieser Hinsicht die Arbeitervereine ein."ES ist notwendig, das Korporationswesen . . den vrbiirf-

niffe« der Gegenwart anzupaffen."Es ist die Be­schränktheit der eigenen Kräfte, die den Menschen stets von selbst dazu antreibt, sich mit andere« zu gegenseitiger ae und Unterstützung zu verbinden." Der Staat hat der Ansicht deS hl. BaterS das Recht der Koa­litionen voll und ganz ,« respettieren. Wenngleich diese gewissermaßen einen Teil der staatlichen Gesell­schaft bilden,so besitzt der Staat nicht schlechthin die Vollmacht, ihr Dasein zu verbiete«. Sie beruhen auf der Grundlage des Naturrechtes: «nd das Naturrecht kann der Staat nicht ändern, sein Beruf ist »ielmehr, dasselbe zur Anerkennung zu bringen." .Zweck (der Arbeitervereinigungen) aber ist die Hebung und Förde­rung der leib ichrn und geistigen Lage der Arbeiter."

Das dürfte vollauf genügen zu dem Nach­weise, daß Leo XIII. nicht nur die Berechtigung, ja die Notwendigkeit der Arbeiterorganisationen anerkennt, sondern auch aufs nachdrücklichste die Pflicht des Staates betont, das Recht der Koa- lilion im vollsten Maße zu wahren. Mit dieser Feststellung erscheint die Kampfesweise des vor­wärts' im richtigen Lichte.

Unpolitische Zeitkäufe.

(Nachdruck verboten.)

L) Berlin, 16. April 1903.

Die Mordtat von Essen erregt überall Entrüstung. Ein neunzehnjähriger Fähnrich zur See kommt auf Urlaub in seine Vaterstadt und will nun gerade dort, wo man ihn noch als ver­unglückten Realgymnasiasten gekannt hat, den Leuten einmal zeigen, was fein Unterosfiziers- tang zu bedeuten hat. Den ganzen Tag treibt er sich in den Straßen herum und hält sich mit Vorliebe an den belebtesten Punkten, z. B. vor dem Bahnhofe auf, damit recht viele Soldaten ihm die Ehrenbezeigung machen ntüffen. Trifft er in einem Restaurant mit einemGemeinen" zusammen, so bewegt er sich so, daß der Soldat wiederholt zum Grüßen oder Straminstehen ge­zwungen wird. Wehe denen, die den Herrn Fähnrich nicht rechtzeitig sehen und vorschrifts­mäßig grüßen! Eine ganze Seite seines Taschen­buches ist voll von den Namen der Soldaten, die er wegen Versehen beim Honneurmachen zur Anzeige bringen will. Spät in der Ostemacht sieht der'schneidige Fähnrich unglücklicher Weise noch einen früheren Schulkameraden, der zurzeit des Königs Rock trägt, in ein Wirtshaus gehen. Er hält ihn in der Türe an und befiehlt ihm, zur Wache zu folgen. Auf Zureden seiner Be­gleiter geht der Angehaltene zunächst ruhig mit. Unterwegs reißt der nicht mehr ganz nüchterne Soldat plötzlich aus, um die nahe liegende Wohnung feiner Eltern zu erreichen. Der schneidige Fähnrich eilt ihm nach, zieht blank, verwundet den Fliehenden zunächst am Kopfe und stößt ihm bann sein Stilet in den Rücken, durch die ganze Brust hindurch, sodaß der Soldat alsbald tot zusammenbricht. Am andern Tage schreibt der Fähnrich einen schwülstigen Brief an die Familie des Ermordeten, worin eS heißt: ES war meine harte, harte Soldatenpflicht. Ich mußte mir Gehorsam verschaffen."

Der neunzehnjährige Bursche hat die Unter­offizierswürde erhalten, ehe er dafür reif war. Diese unterste Rangstufe ist fteilich nicht weit her, aber das bischen Würde hat genügt, den militärischen Größenwahn zum Ausbruch zu bringen. Gin Junge, der eine Pistole in die Hand kriegt, muß damit schießen; der grüne Fähnrich muß seine Macht betätigen, daß sie leuchte vor seinen Mitbürgem. Nachdem er sich tagsüber mit der Honneur-Erzwingung belustigt hak, schreitet er in der gehobenen Nachtstimmung zum Arretieren einesUntergebenen". Einen um 4 Iahte älteren Schulkameraden arretieren zu können, das ist ein Hochgenuß. Ein Vor­wand ist ja leicht gefunden: der Mann ist auf seinem mitternächtlichen Urlaubsbummel natürlich nicht ganz nüchtern; also kann der Fähnrich sagen, er habe ihn zu seiner eigenen Sicherheit zur Wache gebracht. Es besteht die Vorschrift, daß Patrouillen und Vorgesetzte mit angetrunkenen Soldaten besonders vorsichtig umgehen sollen; der tatendürstende Fähnrich kümmert sich darum nicht; denn ihn leitet ja bloß der Trieb, feine Macht so schneidig als möglich geltend zu machen. Daß in dem verblüfften Arrestanten unterwegs der Fluchtgedanke auftauchte, war nach Lage der Verhältniffe wohl zu begreifen, aber es wurde ihm verhängnisvoll. Der grüne Fähnrich sollte es sich gefallen lassen, daß sein militärisches Heldenstück als Poffe endigt?! Nimmermehr! Der gekränkte Größenwahn schlägt in Blutgier um. Er begnügt sich nicht damit, dem Fliehenden eine hindernde Wunde beizubringen, sondern sticht ihn durch und durch, von hinten durch die Brust mit voller Wucht. Er soll gesagt haben: Wenn ich meine Waffe ziehe, muß Blut, viel Blut fließen! Jedenfalls entspricht dieser Gedanke dem krankhaft gesteigerten Selbstbewußtsein des 19 jährigen Fähnrichs zur See.

Dieser Fall Hüffener erinnert an den Fall Brüsewitz. Hier der überspannte Ehrbegriff des Offiziers, dort das überspannte Machtbewußtsein eines Aspiranten, der es bis zum Unteroffiziers­rang gebracht hat. In beiden Fällen ein Miß­brauch der Waffe zu einer Mordtat. Die Tat des Leutnants Brüsewitz hatte aber mehr einen privaten, persönlichen Charakter, da Brüsewitz außerhalb des Dienstes gegen einen Zivilisten vorging; der unreifeHeld" von Essen aber legte gerade den entscheidenden Wert daraus, die Be­friedigung seines Größenwahns und Machtkitzels zu einer dienstlichen Angelegenheit zu stempeln; sein brutales Vorgehen sollte alsharte, harte Soldatenpflicht" erscheinen.

Die Wurzel des Unglücks liegt darin, daß ein vollständig unreifer Bursche zu einer Stel­lung befördert ist, die ihm gewisse Rechte und Machlbefugnisse eines Vorgesetzten gab. Das war Gift für feinen krankhaften Geist und eine Gefahr für die Leute, die in feinMachtbe­reich" kommen. Es wird sich nun freilich nicht ganz vermeiden lassen, daß unter die Fähnrichs 2c. auch ungeeignete Personen geraten. Aber es wäre doch wohl möglich, bei der Erziehung der Aspiranten von Anfang an den Ton mehr auf die Pflichten, als auf die Rechte der höheren Grade zu legen, und es würde der nötigen Schneidigkeit wahrlich keinen Abbruch tun, wenn so eindringlich als möglich gelehrt würde, daß es pflichtwidrig und ehrwidrig ist, die amtliche Macht zu persönlichen Zwecken der Eitelkeit, der Rachsucht und Grausamkeit rc. zu mißbrauchen.

Eine andere Frage wird aber durch diesen traurigen Vorfall besonders brennend: Ist es denn wirklich nötig, daß alle Militärs auch außer dem Dienst, ja sogar auf Urlaub, Waffen tragen? Das alte Herkommen ist sehr mächtig; die Gewohnheit ist so stark, daß viele Leute einen Soldaten ohne Seitengewehr wie eine entwür­digende Nacktheit betrachten. Aber wenn man unbefangen die Sache prüft, so kann der Soldat fein Seitengewehr ebenso gut in der Kaserne lafteiLroig fein Schießgewehr. Das außerdienst­liche Mfffentragen ist im Grunde nur ein Zopf, der noch hängen geblieben ist aus der Zeit der Rechtsunsicherheit und der Selbsthilfe, als der freie Mann überhaupt noch bewaffnet ausging. Wir nehmen jetzt zu einem abendlichen Gange keine Laterne mehr mit, weil wir Straßenbeleuchtung haben, und wir tragen keine Waffen an der Seite, weil die Polizei für Frie­den und Ruhe sorgt. Der Soldat gebraucht seine Waffe nur während des Dienstes, sonst ist sie eine überflüssige Beschwerung des Mannes, ja sogar eine gefährliche, wie die Erfahrung lehrt. Es gibt Lokale, namentlich Tanzlokale, in denen man den Soldaten das Ablegen der Waffe vorschreibt; wenn die Waffe wirklich mit der Ehre des Soldaten unauflöslich verwachsen wäre, so dürfte man diesen Zwang zur Waffen­ablegung nicht dulden. Es liegt auch im Grunde ein Mißtrauen in diesem Zwange, das nicht gerade schmeichelhaft ist. Wenn es zu Streitig­keiten kommt, so wird nur zu leicht die Waffe mißbraucht. Es wäre alles in schönster Ordnung, wenn überhaupt das Seitengewehr nach vollendetem Dienste abgelegt würde. Dann könnte es auch nicht mehr vorkommen, daß nach Erhitzung der Köpfe die abgelegten Waffen aus der Garderobe geholt und die törichten Zwiste auf der Straße ausgefochten würden. Ich glaube sogar, der Soldat würde mehr Respekt vor seiner Waffe und mehr Ernst im Dienste haben, wenn ihm das Seitengewehr nicht ein fortwährendes An­hängsel wäre, sondern erst bei Antritt zum Dienst angelegt würde. Der Dienst ist lang genug, um den Soldaten an das Tragen des Seitengewehres zu gewöhnen.

Auch der Helm gehört zur Bewaffnung des Soldaten, er wird aber nicht fortwährend ge­tragen, sondern durch die bequeme Mütze ersetzt, und es geht auch so. So kann man auch das Seitengewehr für die geeignete Zeit aufsparen.

Sollte die alte Sitte sich nicht gleich ganz durchbrechen lassen, so könnte man doch wenig­sten als Abschlagszahlung fordern, daß den Ur­laubern die Waffe entzogen werde. Während des Urlaubs wird gebummelt und getrunken, die Versuchung zu allerhand Dummheiten ist beson­ders groß. Hätte der Fähnrich zur See sein Stilet hübsch auf seinem Schiffe gelassen, so lastete jetzt nicht die Blutschuld auf ihm. Seiner Eitel­keit hätte er ja auch ohne Waffe sröhnen können, aber die Komödie der Schneidigkeit wäre wenig­stens nicht zu einem blutigen Trauerspiele geworden.

Waffen sind kein Spielzeug für Kinder, und königliche Waffen sollen es erst recht nicht werden. Es muß dafür gesorgt werden, daß nicht unreife, unvernünftige Elemente die Einrichtung, die zum Schutze des Vaterlandes vorgesehen ist, zu einer Gefahr für Ordnung und Leben machen. Zu­nächst muß die blutdürstige Schneidigkeit des

aufgeblasenen Fähnrichs eine entsprechende Strafe finden, die abschreckend wirkt auf diejenigen, bte zum Mißbrauch der Waffe oder der Dienstgewatt Neigung haben.

Auf demselben Boden, wie die Effener Un­tat, erwachsen die gewöhnlichen Soldatenmiß­handlungen. Für eitle oder rohe Naturen ist es eine schwere Versuchung, wenn sie Gewalt übet andere Menschen erlangen. Sie wollen ihre Macht und Herrlichkeit auskosten. Es ist ihnen ein Genuß, ihreUntergebene" zu schelten und zu quälen. Der Eine legt dabei mehr Wert auf die Zuschauer, die seine machtvolle Tätigkeit be­wundern sollen, der Andere findet sein Vergnügen in der Tyrannei an sich und ist zufrieden, wenn er sein Opfer auch nur unter vier Augen schuh- riegeln kann. Der Eine- will zugleich bewundert sein, dem Anderen genügt es, wenn er nur ge­fürchtet wird.

Man sagt gewöhnlich, gehorchen fei schwer. Aber herrschen ist noch viel schwerer: auch nut in einem kleinen Kreise herrschen. Geist und Herz, Verstand und Charakter werden auf eine scharfe Probe gestellt, wenn Jemand zu Ehren und Würden gelangt. Dann treten sofort die Torheiten und Bosheiten zu Tage, die in ihm schlummerten. Wer nicht Vernunft und Tugend im Leibe hat, wird dann zu Prahlereien, Wichtig­tun, Radschlagerei, Uebereifer und Härte sich ver­leiten lasten. Er kommt sich als wunderbar groß vor, glaubt Wunderdinge verrichten zu können und beansprucht von seinen Untergebenen auch eine wunderbare Unterwürfigkeit. Zeige mit, roie du deine Untergebenen behandelst, und ich will dir sagen, ob du ein verständiger und edler Mensch bist.

Ueberhaupt wollen wir Zivilisten nicht die Pharisäer spielen und bloß beim Militär den Größenwahn und die Grausamkeit suchen. Auch im bürgerlichen Leben setzt derjenige, der eine Sprosse höhet aus der Leitet steht, dem Unteren gern den Fuß auf den Kopf. Der Lehrling ist von dem Gesellen geschuhriegelt worden, und wenn er selbst Geselle wird, so revanchiert et sich nur zu gern. Der jungeChef" findet oft sein Behagen darin, den Laufburschen körperliche und den ältern Angestellten moralische Ohrfeigen zu geben. Die neugebackene Hausfrau glaubt manchmal ihren Dienstboten gegenüber das Gegenteil von Engel spielen zu müsten, um ihre frische Herrlichkeit zu betätigen. Und manche schneidige Mutter, der die Zügel der Herrschaft über ihre eigenen Kinder aus den Händen ge­glitten find, glaubt nun als Schwiegermutter noch einen neuen Anlauf zu einem ruhmvolle« Regiment nehmen zu sollen. Auf der andere» Seite steht der feige Ehemann, der zu Hause nichts zu sagen hat, aber draußen um so eifriger alle Leute, die von seinem (Selbe oder feinem Einfluß abhängig sind, seine Überlegenheit bitter fühlen läßt. Üeberall, wo die Köpfe nicht ganj klar und die Hetzen nicht ganz lautet sind, findet ma» Sputen von Eitelkeit und Härte in der Behand­lung der Untergebenen. Und wo sich nicht solche Spuren finden, wo Autorität und Liebe sich rein und schön paaren, da soll man den Hut abnehmen und von dem schönen Beispiel zu lernen suchen.

Zerienkuiturkampf.

O Paris, 12. April 1903.

(Nachdruck »erbeten.)

Unter dem Donner der Dreyfusdebatte hat sich die französische Deputiertenkammer bis auf den 19. Mai vertagt. Der Sozialistenführet Ja Utes hat bekanntlich trotz seiner gewandten Dialeklik, die et in einer über 2 Sitzungen sich hinstteckenden Rede erschöpfte und trotz seines Ein­flusses, mit dem er sichtlich auf die drei nicht- sozialistischen Gruppen der Mehrheit wirkt, bei seinem Versuche gescheitert, dieAffäre" wieder aus ihrer Versenkung hetvorzuheben. Inder, wenn Ministerpräsident Combes dem Rufe des Sozialisten nicht gefolgt ist und die Kammer mit 2 50 gegen 75 Stimmen beschloß,die Affäre nichi aus der richterlichen Domäne heraustreten zu taffen," so ließen sich beide sicherlich nur von Gründen der politischen. Strategie leiten. Die Kongregationsfrage soll der Brennpunkt bei innerpolitischen Interesses und die mitunter wankende Mehrheit für sie erhalten bleiben. Be­kanntlich sind ja erst 54 Männerorden mit ihren 1193 Etablissements und ihren 10000 Mit­gliedern abgeschlachtet. Die Frauenorden, d. h. das Gros der religiösen Genossenschaften, müsse« zuvor noch verbluten. Und dann? Und dan« möchten unsere Jakobiner noch eine Reihe ihrer Träume verwirklichen, z. B. Trennung von Staat und Kirche, Vernichtung der Unterrichts­freiheit rc Also für die Affäre ist kein Platz da.

Eine offiziöse Note Hal das Kulturkampfs­programm Combes' für die gegenwärtigen Früh-