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vrnck und Verlag der FuldaerAetiendruSerei in Fulda (Harmonie). Fernsprecher Nr. 9.
JVfi 79.
flllda, Dienstag, den 7» April 1903.
30. Jahrgang.
** Vie Sozialdemokratie und die wahlstatiftik.
Die 2107000 Wahlstimmen, welche die Sozialdemokraten im Jahre 1898 aufbrachten, sind das Paradepferd, das sie immer wieder vorreiten. Auf so viele Stimmen hat es keine andere Partei 'gebracht; selbst das Zentrum blieb um mehr als eine halbe Million dahinter zurück. Die Sozialdemokraten täten aber auch klug, sich mit der Vorführung dieser schönen Zahl zu be- Snügen und weiter nicht in der Wahlstatistik erumzuforschen, vor allem nicht die Ergebnisse ihrer Forschungen bekannt zu machen. Sobald sie nämlich das tun, wird den „bürgerlichen" Parteien sofort wieder handgreiflich vor Augen geführt, auf wie schwachen Füßen am Ende doch die ganze sozialdemokratische Herrlichkeit steht.
Schon die Gesamtzahl ihrer Stimmen konnte einem Kundigen nicht so imponieren, wie es beabsichtigt war. Denn man wußte, daß eine Vergleichung mit den Wahlstimmen der anderen Parteien gar nicht möglich ist, oder zu ganz falschen Ergebnissen führen muß. Erstens haben die Sozialdemokraten 1898 in nahezu sämtlichen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufgestellt und so sämtliche Stimmen gesammelt: Keine andere Partei hat sich diesen kostspieligen Luxus gestatten können. Ihnen sind für die Statistik also zahlreiche Stimmen verloren gegangen, mögen sie nun gar nicht abgegeben oder an eine andere Partei verschenkt worden sein. Zweitens verstehen es die Sozialdemokraten, ihre Anhänger bis auf den letzten Mann an die Wahlurne zu bringen. Keiner anderen Partei gelingt das; dem Zentrum gehen vielleicht Hunderttausend« von Stimmen infolge der Lässigkeit der Wähler, namentlich in den sicheren Wahlkreisen verloren. Endlich stecken in den sozialdemokratischen Wahlzahlen auch.zahlreiche Stimmen, die zwar für Sozialdemorraten, aber nicht von Sozialdemokraten abgegeben worden sind. Würden alle diese Fehler bei der Statistik inbe- tracht gezogen, so würde sich ein ganz anderes Bild ergeben, die Sozialdemokraten würden weitaus nicht als die stärkste Partei dastehen.
Diese Tatsachen vergegenwärtigen uns sehr deutlich die tabellarischen Uebersichten über das „Wahlfeld der Sozialdemokratie", die der.Vorwärts' veröffentlicht hat. Man ersieht daraus, daß voy sämtlichen 58 sozialdemokratischen Mandaten nur zwei mit den Stimmen der Mehrheit aller Wahlberechtigten erlangt.worden sind, und auch diese Mehrheit war recht knapp; in Altona entfielen 50,8, inLeipzig-Land 5O,4Prozent derStimmen aller Wahlberechtigt^! auf Sozialdemokraten. In allen übrigen Wahlkreisen haben sie mit Hilfe einer Minderheit von Wählern das Mandat erlangt.
KeimatgEck.
Erzählung aus den Bergen. Von I. Fichtner.
2 ------- (Nachdruck verboten.)
„Wenn wir aber wollen, daß Du ein gelehrter Mann würdest," sagte nun die Mutter.
„Vielleicht wie unser verehrter Herr Doktor Reismüller," fiel Lenchen lächelnd ein.
„Habt Ihr etwa das große Los gewonnen?" rief Heinrich, noch immer halb ungläubig.
„Für Dich soll unser Entschluß das große Los bedeuten. Wenn Du fleißig bist und sparsam bleibst, Deiner Schwester später alle Zeit ein guter, sorgender Bruder zu sein versprichst, so wollen wir das Opfer bringen. Und dafür kannst Du Dich bei Lenchen bedanken", sagte die Mutter nun mit Ernst und Nachdruck.
Einen Augenblick konnte er's kaum fassen. Dann flog er zu der kleinen Schwester und erdrückte sie fast in stürmischer Freude.
„Wirst Du er denn auch gerne — ich meine, so Einer, der immer um kranke Menschen sein muß und sich vor nichts fürchten und ekeln darf?" fragte Lenchen, noch ganz atemlos von der Liebkosung.
Er hatte daran noch gar nicht gedacht und besann sich nun einen Augenblick.
„Und zu den geachtetsten und feinsten Herren im Orte gehört und Pferd und Wagen halten kann, wie unser Herr Doktor", malte Lenchen weiter.
„Gewiß wird mir da« gefallen — es bleibt dabei, ich will Euch beide so pflegen und kurieren, imß (ein6 von Euch sterben soll!" rief er begeistert.
Und sie küßten ihn und glaubten ihm so gern. Ein Stück echten Frühlingsglanzes mit seinen Hoffnungen und Erwartungen war in das kleine Stübchen gefallen.
Heinrich dachte, nachdem er wußte, daß sein Wunsch erfüllt werden würde, gar nicht mehr über
Selbst in ihren sog. Hochburgen waren es Minderheiten, die ihnen zum Siege verhalfen. Im 6. Berliner Wahlkreise erhielt Singer nur 46,7 Prozent und im 4. Liebknecht nur 41,3 Prozent der Stimmen sämtlicher Wahlberechtigten. In 11 von den 34 Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokraten 1898 gleich im ersten Wahlgange siegten, erhielten sie noch nicht, oder nicht viel mehr als ein Drittel dieser Stimmen. Im Durchschnitt entfielen auf sie 41,17 Prozent der Stimmen, d. h. sogar etwas weniger als im Jahre 1893, wo der Durchschnitt 42,5 Prozent betrug.
Noch ungünstiger liegt die Sache natürlich in den 24 Wahlkreisen, die sie erst in der Stichwahl oder bei der Nachwahl eroberten. Das konnte nur geschehen, indem andere Parteien ihnen zu Hülfe kamen oder am Wahltag zu Hause blieben. Daß sie da irgendwo die Mehrheit der Wähler auf ihrer Seite gehabt haben sollten, ist ja von vorn herein ausgeschlossen. Das gleiche gilt von den im ,Vorwärts' noch nicht zusammengestellten Wahlkreisen, in denen sie nahe daran waren, in die Stichwahl zu gelangen und dann die Möglichkeit gehabt hätten, zu siegen. Die Statistik weist mit aller Kraft die bürgerlichen Parteien darauf hin, daß sie es in der Hand haben, die Sozialdemokraten nahezu sämtlich wieder aus dem Reichstage zu vertreiben. Sie brauchen nur zusammenzuhalten. Der,Vorwärts' hat mit seinen Veröffentlichungen kaum beabsichtigt, die bürgerlichen Parteien zum vereinten Widerstande anzuspornen, sondern er will die Genossen anspornen, indem er vor ihnen die Siegespalme sckwenkt. Er wird aber nicht verhindern können, daß auch die voy ihm nicht beabsichtigte Nebenwirkung eintritt.
Freilich, allzuviel wagt er ja nicht. Der Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien ist und bleibt eine Utopie. Auch wenn jetzt in der Presse wieder zum Zusammenschluß gemahnt und die Zersplitterung beklagt wird und wenn in Resolutionen u. s. w. der Kampf gegen die Sozialdemokratie als Wahlparole proklamiert wird, so werden die bürgerlichen Parteien doch genau so auseinandergehen und sich genau so erbittert bekämpfen wie bisher. Aber die Statistik sollte doch wenigstens für die Wähler der bürgerlichen Parteien ein Anstoß sein, die Indolenz und Wahlfaulheit abzuschütteln. Jeder, der sich nicht an der Wahl beteiligt, muß sich doch sagen: Ich bin mit schuld, wenn ein Sozialdemokrat gewählt wird, denn wir Wähler der bürgerlichen Parteien sind in der Mehrheit und. können es verhinderu. Die'Wahlen würden ein ganz anderes Bild ergeben, wenn die bürgerlichen Parteien nicht durch ihre Lässigkeit zum Triumphe der Sozialdemokratie beitrügen und wenn die Wahlen die Volksmeinung wiederspiegelten. Man fühlt sich angesichts der Statistik lebhaft versucht, für die Einführung der Wahlpflicht zu plädieren.
Wie die Dinge leider liegen, ist die Möglichkeit, den Sozialdemokraten nahezu sämtliche Mandate abzunehmen, zwar vorhanden, aber sie bleibt eine rein theoretische, „rechnungsmäßige"
das „Wie" und „Wodurch" nach. In echter Jüng- liügsausgelassenheit suchte er nun auf a"e mögliche Art seiner Freude Ausdruck zu geben. Er pfiff und sang und sprang umher, soweit es der beschränkte Raum gestattete.
Und Lenchen kam sich plötzlich zum erstenmal im Leben so wichtig und unentbehrlich vor. Sie hatte nun auch eine Lebensaufgabe und war ganz erfüllt davon. Ja, sie begann schon jetzt ihrem Schützling Anstandsregeln für seinen künftigen Beruf zu erteilen, die aber vorläufig noch auf einen sehr unfruchtbaren Boden fielen.
Frau Kämmerer Winter aber war ganz still; der heißeste Wunsch ihres Herzens nahte der Erfüllung. Der hübsche, sonnige Knabe war ja stets ihr Augapfel gewesen und Lenchen nur ihr Sorgenkind. Jenem hätte sie eine goldene Leiter in den Himmel bauen mögen, und er wäre wohl ein recht verzogenes Bürschchen geworden, wenn ihr verstorbener Mann nicht mit Herz und Händen dagegen g.wehrt und noch am Ende seines Lebens die schon erwähnte Bestimmung getroffen hätte, wonach daS unglückliche Lenchen doch in etwa für ihr drückendes Los entschädigt sein sollte. Und das war stets Frau Winters stiller Kummer. Ihre Tochter war so geschickt, und damit half fie sich schon durch's Leben, aber dem Jungen mußte der Weg geebnet werden. Es gab im Städtchen viele talentvolle Jünglinge, die ein höheres Lebensziel erstrebten, und da sollte ihr Heinrich, der ja auch ein Beamtensohn war, allein zurückstehen und darauf verzichten? Nun hatte fie heute mit gar zu williger Selbsttäuschung so leicht und ohne Kampf ihren Wunsch enercht. Sie wußte wohl, daß dieser bei Lebzeiten ihres Mannes vollständig gescheitert wäre, denn dieftr pflegte zu sagen: „Wir brauchen in allen S änden kluge und tüchtige Leute; man muß es der Jugend nicht so leicht machen; der Kamps des Lebens ist der beste Probierstein für verborgene Kräfte; wers Zeug dazu hat, kann auch ohne teures Studium seinen Weg machen." Unb nun durfte doch ihr Herzenssohn sich
Möglichkeit. Jndeß, sollte wirklich die Wähler- inaffe so schwer in Bewegung zu setzen sein, daß ihnen nicht wenigstens ein Teil der Mandate abgenommen werden könnte? Sie scheinen auf 70 bis 80 Mandate zu rechnen und die „Nation" ihres freisinnigen „jungen Mannes" Dr. Barth stellt ihnen diese ja auch in Aussicht. Wenn der .Vorwärts' behauptet, in nicht weniger als 158 Wahlkreisen hätten fie Aussicht auf Sieg, so wird diese Renommisterei natürlich niemand ernst nehmen. Wenn die Wähler sich ernstlich vergegenwärtigen wollten, auf wie schwachen Füßen die Macht der Sozialdemokratie ruht, so sollte man glauben, sie würden sich zum mindesten soweit aufraffen, um alle Hoffnung der Genossen auf Zuwachs zu vereiteln.
Deutsches Zeicl),
Berlin, den 6. April 1903.
% Die ,Kreuzztg.' bestreitet, daß sie unter allerlei Vorwänden eine Fernhaltung der Katholiken von höheren Staatsämtern befürworte. Aus ihrer Stellungnahme zu dem besonderen Falle in Trier dürfe man nicht folgen, daß sie geneigt sei, ein System zu befürworten, das zu einer einseitigen Bevorzugung der evangelischen Beamten führen müsse. Wir geben zu, daß sie ein solches System nicht befürwortet, aber in der Praxis ist sie kaum sehr weit davon. Warum denn s. Z. ihre „Beklemmung" wegen des katholischen Oberprästdenten in Schlesien und jetzt wieder ihre Bedenken gei,en einen katholischen Regierungspräsidenten in Trier?
* Technische Schwierigkeiten sollen nach der ,Preuß. Korr.' die Regierung verhindert haben, die Reichstagswahlen schon im Mai stattfinden zu lassen. „Unzweifelhaft hat ursprünglich die Idee 'bestanden, bereits im Mai wählen zu lassen und so . der Heuernte, den Schützen-und Sängerfesten und derlei aus dem Wege zu gehen. Des Klosettgesetzes wegen ging es nicht an, und so ist der Gedanke bereits vor Wochen endgiltig fallen gelasfen worden. Entscheidend waren allein die Fragen: wann können die Kouverts in Auftrag gegeben werden, und wann können sie fertig sein? Um sie in Auftrag geben zu können, mußte man sich einigermaßen über das Werden und die endgiltige Gestalt des Klosettgesetzes im klaren fein; man durste dem Fiskus nicht das Risiko aufpacken, eines schönen Tages im Besitze vieler Millionen unverwendbarer Kouverts zu sein. Vom Tage der Erteilung des Auftrages an muß eine Mindeststist von vier Wochen auf die Ausführung in Ansatz gebracht werden. Erforderlich find mit Berücksichtigung der Stichwahlen etwa 28 Millionen Kouverts, die beiläufig ein Gewicht von 1400 Zentner haben würden. Auf Preußen allein entfallen etwa 17 Millionen. Es gibt zwei Sorten von Kouverlmaschinen; die Durchschnittsmaschine liefert 5000 Kouverts den Tag; zur Deckung des Bedarfs würden aber ca. 190 Ma-
mit Bürgermeisters, des reichen Stadtmüllers unb bes Sternwirts Söhnen ans eine Stufe stellen. Das machte b<e einfache unb praktische Frau so glückverwirrt, baß fie heute Zucker statt Salz in die Fleischbrühe warf und die ganze Milch davon laufen ließ.
Trotzdem war es ein gar fröhliches Mittagsmahl; immer noch zuckten die Sonnenstrahlen kosend um die bunten Bilder an den Wänden, spiegelten sich neckend in dem altmodischen Glasschrank und zeichneten auf den weißen Dielen lichte Kreise, in welchen ein niedliches Kätzchen sich so wohlig dehnte und streckte.
Heinrich verließ zuerst die kleine Tafelrunde und stürmte hinaus, wobei er beinahe ein altes Mütterchen umgestoßen hätte, das, von Alter und Arbeit gebückt, sich mühsam an einem Stocke forthalf.
„Mutter, das alte Hanner! kommt, gib ihr das Uebriggebliebene vom Esten!" meinte Lenchen, die schon wieder an ihrer Arbeit saß, jedoch ein kleines Büchelchen in der Hand hielt, daS fie, als die Alte hereinkeuchte, flugs wieder in der Tasche verschwinden ließ.
Mit einem „Gott grüß" und einem sehnsüchtigen Blick auf den gedeckten Tisch sank Hannerl auf den nächsten besten Stuhl.
„Hannerl, 's wird Sommer und auch wieder bester;" tröstete Lenchen das alte Stadtinventar, das selbst von der Zahl seiner Jahre keine Ahnung mehr hatte.
Die Alte nickte mechanisch mit dem Kopfe, „s' würd schon geh'», wenn ich mein Armen geld erhielte, aber wenn b' Sonne scheint, da krieg ich kein,s mehr!" sagte sie in ihrer Gebirgsmundart.
„Immer noch nicht?" bedauerte Lenchen.
„'s liegt am Burgerneister, Lenchen, unb ich hab mich halt herceschleppt, daß Du möchst a gut Wort einleg'n für mich. Bist so gut, Lenchen?" bettelte Hannerl.
„Freilich — herzlich gern, Hannerl! Jetzt aber setz Dich zu Tisch und iß. Morgen treff ich schon mit ihm jufammen, ich will ihm Deine Not gleich an's Herz legen."
schinen einen Monat lang arbeiten müssen' Große Maschinen, von denen nur 12 bis 13 in Deutschland vorhanden sind, liefern 50,000 Stück )en Tag; diese 12 Maschinen würden rund 50 Tage ununterbrochen beschäftigt sein. Nun hat sich aber die Entscheidung über die Vorlage zur Sicherung des Wahlgeheimnisses erheblich verzögert, so daß auch jetzt die Maschinen noch nicht laufen können; dann aber sollen die Kouvert- industriellen es keineswegs eilig mit der Unterschrift der Verträge gehabt haben. Das Geschäft war lohnend; aber sie sind syndiziert und die Regierung mußte ihnen kommen; weshalb also »rängen? Alle diese Verhältnisse haben jeden Maitermin für die Reichstagswahlen längst unmöglich gemacht, und auch jetzt noch, für den Jünitermin, war schleunigst Aufstellung der Wählerlisten notwendig, wenn man in der Kouvert- frage einerseits sicher gehen und andererseits nicht unökonomisch wirtschaften wollte." Wir geben diese Mitteilungen ihrer technischen Angaben wegen wieder, wenn wir auch nicht recht glauben, daß die Schwierigkeiten, die sich der Herstellung der Kouverts entgegensetzen, die Regierungen auf den 16. Juni haben greifen lassen. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' hat wenigstens staatsrechtliche Gründe angegeben.
** Der Erbprinz Bernhard von Sachsen- Meiningen, der kommandierende General des 6. (schlesischen) Armeekorps, hat aus Anlaß einer Mißhandlung, die ein Unteroffizier einem Gemeinen zugefügt hat, einen Erlaß an alle ihm unterstehenden Dienststellen gerichtet. Er verurteilt darin in den schärfsten Worten die vorschriftswidrige Behandlung von Soldaten und fordert die sorgsamste Beobachtung der gegen die Soldatenmißhandlungen bestehenden militärischen Bestimmungen. Der Erlaß führt weiter aus: Mißhandlungen zu erdulden, sei für den Soldaten schimpflich und erniedrigend. Es entspreche weder dem Willen des Kaisers noch dem der sonstigen Vorgesetzten, wenn sich die Soldaten eine so ehrenrührige Behandlung gefallen ließen und dazu noch stillschwiegen. Durch dieses ihr Schweigen würden die Fälle von unvorschriftsmäßiger roher Behandlung geradezu provoziert und könnten mit der Zeit dann leicht zur Gewohnheit werden. Damit die Leute aber ohne Furcht vor etwaigen „dienstlichen Ungelegenheiten" offen ihre Anzeigen erstatten könnten, wird int Erlaß angeordnet, daß von jeder Beschwerde eines Mannes über eine erlittene Mißhandlung sofort dem Generalkommando (das heißt also dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen selber) Meldung erstattet werde, damit dieses „geeignet erscheinenden Falles" die Versetzung des Beschwerdeführers in einen anderen Truppenteil verfügen kann. Weiter wird bestimmt, daß alle Vorgesetzten schärfste Kontrolle über etwa vorkommende Soldatenquälereien ausüben, und endlich, daß dieser Erlaß des Erbprinzen sämtlichen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften mindestens dreimal jährlich vorzulesen sei, sowie daß bei jeder sich bietenden Gelegenheit, besonders in den Jnstruktionsstundery die Mannschaften auf ihre Pflicht hinzuweisen seien, etwaige Mißhandlungen anzuzeigen.
„Verdienen kannst Du wohl doch nichts mehr?" „Möcht schon gern — 's geht aber nicht mehr!" Frau Winter rief die Hannerl zum Tische, unb Lenchen sah mit Genugtuung die behagliche Gier, mit welcher die Alte den Rest des Mittagseffens vertilgte.
Hannerl war ein allwöchentlicher Gast bei Winters, und um keinen Preis hätte Lenchen das vielfache und auftichtige „Gott bezahl's" bermiffen mögen. Es war ihr wie ein Trost, ein Segen für ihre Arbeit, und oft fügte fie aus ihrer eigenen Tasche eine kleine Münze zu dem Mahle hinzu. Wenn fie bisweilen in stillen Stunden mit bitterer Pein gedacht, daß fie mit ihrem Unglück doch so überflüssig aus der Welt sei, so war ihr eine gute Tat aus eigener Kraft doch wieder eine tröstliche Erhebung. Heut in ihrer gehobenen Stimmung gab Lenchen aber reichlicher als sonst.
Da hatte sie nun wieder eine Mission übernommen! Ja — ganz gewiß würde fie dem Herrn Bürgermeister die so nötige Unterstützung abschmeicheln. Für Andere war fie zu allem bereit, und je mehr man von ihr verlangte, desto freier unb glücklicher fühlte fie fich.
In den Nachmittagsstunden kamen mehrere halberwachsene Mädchen, denen fie ihre eigene Handfertigkeit beizubringen übernommen hatte.
Lenchen freute fich immer schon im voraus auf diese Stunden, welche unter der ihr zusagenden Beschäftigung und angenehmem Geplauder leider nur zu schnell vergingen. Auch als heute der Abend niedersank, kam er wieder viel zu früh. — Lenchen war allein; Mutter hatte gegen Abend immer kleine Bo- forgungen und verspätete fich sowohl bei dieser ober jener Nachbarin; da zog Lenchen wieder ihr Büchlein aus der Tasche — es war ein kleines Tagebuch — ihr einziger höchster Schatz — ihr größtes Geheimnis» das sie des Tages bei fich trug und abends unter ihre Kopfkissen legte. Schon am Nachmittage hatte es ihr in den Fingern gezuckt, ben großen Entschluß des TageS darin zu verzeichnen; da kam das alte Hannerl dazwischen. Nun gab die Dämmerstunde wieder ein Viertelstündchen Rast; fie schlug das Buch auf —