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Zrrnsprecher Nr. 9.
fulda, Montag, den 6. April 1903.
30. Jahrgang.
#* Imperative Mandate.
Keine Partei gibt einem Kandidaten ihre Stimmen, ohne sich vorher über sein politisches Glaubensbekenntnis vergewissert oder doch wenigstens Erklärungen und Zusagen in bezug auf bestimmte Einzelfragen erhalten zu haben. Ein Kandidat, der als ein „unbeschriebenes Blatt" vor di« Wähler hintreten und sagen wollte: „Wählt mich nur erst, das übrige wird sich schon finden", wäre unmöglich. Auch wenn ein Kandidat sich bereits unumwunden zu dem Programm einer Partei bekannt hat, fragen einzelne Jn- tereffenten- und Erwerbskreise ihn häufig nach seiner Stellung zu dieser oder jener speziellen Frage. Besonders wenn ein Wähler für einen Kandidaten zu stimmen beabsichtigt, der nicht zu ihrer Partei gehört, fordern sie von ihm das Versprechen, bei der und der Gelegenheit so und so stimmen zu wollen.
Daß die Landwirte bei den diesmaligen Wahlen besonders „neugierig" und vorsichtig sind und möglichst bestimmte Erklärungen über die Stellung der Kandidaten zu den handelspolitischen Fragen verlangen, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, daß der Bund der Landwirte, der vorläufig keine eigene Partei sein, sondern nur dafür wirken will, daß in die -bestehenden Parteien nur möglichst viele Abgeordnete seiner wirtschaftlichen Richtung kommen, die Kandidaten, die er unterstützt, auf seine Forderungen zu verpflichten sucht. Darüber hat sich nun zwischen der liberalen und der Bundespresse ein staatsrechtlicher Streit entsponnen: Will der Bund den Abgeordneten ein verfassungswidriges, „imperatives Mandat" aufzwingen oder nicht? Die liberale Presse behauptet es, die Bündler leugnen es und versichern, sie forderten nur Erklärungen über gewisse Leitsätze und Antworten auf einfache, klare Fragen, wie andere Parteien sie auch forderten.
Uns scheint der Streit ziemlich müßig zu sein. Es wird sich in der Praxis schwerlich eine deutlich erkennbare Grenze ziehen lassen, wo das verpönte „imperative Mandat" anfängt und die zulässige Erklärung oder Zusage aufhört. Ob die dem Kandidaten vorgelegten Forderungen in mehr oder weniger Nummern formuliert word.m sind, macht keinen wesentlichen Unterschied. Auch danach wird man die Unterscheidung nicht treffen können, ob nur allgemeine Leitsätze oder bestimmte Einzelforderungen aufgestellt werden oder ob sie wirtschaftliche oder andere Fragen betreffen. Ist es unzulässig, daß der Kandidat sich verpflichten soll, für bestimmte Zollsätze zu stimmen, so ist es wohl auch unzulässig, von ihm die Erklärung zu fordern, daß er gegen diese Zollsätze, oder für die Aufhebung des Jesuitengesetzes oder für die Beseitigung des Börsenregisters stimmen werde. Im gewissen Sinne haben alle Abgeordneten „imperative Mandate" erhalten. Die Verfassung sagt auch nicht, daß dies unzulässig sei, sondern nur die Abgeordneten seien „an Aufträgen und Instruktionen nicht gebunden", und das versteht sich schließlich von selbst. Niemand kann sie zwingen, so oder so zu stimmen; sie müssen frei
Keirnatgl-uck.
Erzählung aus den Bergen. Von I. Fichtner.
---- (Nachdruck verboten.)
Endlich wieder Frühling! — Goldener Sonnenglanz bricht durch die grauen Nebelwolken, und ein warmer, erlösender Hauch streicht durch die engen Straßen des Gebirgsstädtchers W-
Die schmalen, hohen Giebelhäuschen sehen aus wie verjüngt und verklärt; lacht ihnen doch die Helle, klare Sonne frei ins Gesicht und spiegelt sich neckend auch in der trübsten grünlich schimmernden Fensterscheibe. Bald klirrt und schwirrt es von sich öffnenden Fenstern und stöhlichen Grüßen hinüber und herüber. Lachende Mädchengesichter, behäbige, schmunzelnde Hausväter, listige Vöglein, hüpfende Kinder beleben bald die sonst so stillen Gassen.
Ja — sie müssen gar zu lange warten in dem fernen Gebirgswinkel auf den lieben, stohen Gast, und um so stürmischer und sehnsüchtiger schlägt das Menschenherz ihm entgegen. — Nun ist er endlich da! Und es scheint, daß man sich auch auf ibn verlaffen kann, denn je mehr der Tag vorschreitet, desto blauer wird der Himmel, desto sonniger die alte graue Erde, — gar nicht mehr zum Wiedererkennen'."
Auch am Fenster einer kleinen Wohnung in der Ecke der Mühlgaffe hantiert eine schmale, weiße Hand; sorgsam, fast zärtlich streicht sie über die grünen Zweige einiger Myrtenstöckchen, befeuchtet sie mit Wasser, stellte sie bei Seite und bemühte sich, den rostigen Fensterwirbel zu drehen. Endlich ist es gelungen, und herein flutet der warme Frühlingrhauch und streicht über ein zartes, ernstes Gesicht mit großen, braunen Augen und noch jungen, lieblichen, aber doch nicht weichen Zügen. Das Antlitz bei Mädchens trägt, obwoMuoch ohne Falten nnd scharfe Linien, den Stempel eines untilgbaren Unglück-, das <-6 sein ganzes Leben hinschleppen muß. —- Helena Winter
nach ihrer Ueberzeugung und ihrem Gewissen handeln.
Die Hauptsache ist also, ' daß niemand Verpflichtungen eingehe, die nicht mit seiner Ueberzeugung übereinstimmen und von denen nicht sicher ist, daß er sie erfüllen könne. Das Bestreben des Bundes der Landwirte geht dahin, den Kandidaten möglichst viels- Verpflichtungen im Sinne seiner einseitigen Bestrebungen abzupressen in der Hoffnung, daß ihnen die Ehrenhaftigkeit verbieten werde, sie unbeachtet zu lassen. Der Kandidat, der es mit seiner Aufgabe als Abgeordneter ge- wisfenhast nimmt, wird sich nicht derartig binden lassen, daß er nachher nicht mehr tun kann, was er im allgemeinen Interesse für notwendig erkannt hat. Er mag z. B. mit dem Bunde der Landwirte der Ansicht sein, daß ein Zoll von 18 Jt für den Doppelzentner Rindvieh dringend zu wünschen wäre; er wird sich aber nicht verpflichten, unter allen Umständen daran festzuhalten und Handelsverträge, die weniger als diesen Zollsatz bieten, aber im ganzen für die Landwirtschaft vorteilhaft sind, zu verwerfen. Gegen solche Zumutungen wehrte sich auf dem konservativen Dele- girtentage bekanntlich auch Graf Mirbach, indem er sich gegen die Uebernahme „imperativer Mandate" aussprach. Es kommt nicht darauf an, wie man das Ding nennt, sondern darauf, daß man sich die Freiheit wahrt, nach eigener Ueberzeugung und unter gewissenhafter Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Umstände zu stimmen.
Am Ende ist ja auch selbst der Bund der Landwirte mit seinen „formulierten Forderungen" nicht so unerbittlich, wie er aussieht. Wiederholt haben wir es erlebt,, daß er triumphierte, ein Zentrumskandidat habe sich auf das Programm des Bundes verpflichtet, während diesem so etwas nicht eingefallen war, sondern nur eine allgemeine agrarfreundliche Erklärung abgegeben hatte. Das mochte nun einerseits eine Tücke von den Bündlern sein, die ihn damit weiter verpflichten wollten, als er selbst sich verpflichtet haben wollte; anderseits war es aber doch auch wieder ein Beweis für ihre „Bescheidenheit", da sie schon durch eine allgemeine Erklärung zu befriedigen waren. Ebenso haben wir bei der Zollvorlage gesehen, wie der Bund sich damit abzufinden vermag, daß seine Mitglieder die extremen Forderungen der „Bundesleitung" im Stiche lassen. Damit wollen wir indes nicht etwa sagen, daß ein Zentrumskandidat die Forderungen. des Bundes ruhig occeptieren könne. Im Gegenteil, es liegt für niemand ein Grund vor, sich zur größeren Ehre des Bundes an dessen Forderungen binden zu lassen. Sehen wir doch auch, wie die Bündler in vielen Wahlkreisen gar nicht auf den von ihrer „Leitung" aufgestellten Forderungen zu bestehen für nötig finden, sondern Kandidaten unterstützen, ohne daß diese einen Eid auf die vorgeblichen unerläßlichen Forderungen des Bundes abgelegt, ja sich auch nur darüber geäußert haben. Für die Zentrumskandidaten liegt um so weniger Anlaß vor, sich um die Bundesforderungen zu kümmern, als sie auf Unterstützung der Bündler ja doch nicht rechnen
ist klein und verwachsen. Irgend ein Unfall, irgend eine grobe Vernachlässigung hat ihr das köstlichste Gut des menschlichen Lebens, die Gesundheit geraubt, hat sie verurteilt, das herbe Geschick eines Krüppels vor aller Welt zur Schau zu tragen.
Hinter der weißen, von glänzend braunem Haar umsäumten Stirn aber wohnt ein klarer, mächtiger Geist, und aus den dunklen, tiefen Augen leuchtet hohe Seelengröße, freubiger Opfermut, und noch nie haben sich die schmalen, roten Lippen zu einer Klage geöffnet. Was den starken, gesunddeitsstrotzenden Menscben unerträglich, unmöglich scheint, das faßt diese Frau mit dem christlichen Sinne einer gottbegnadeten Dulderin. So hat sie sich denn auch jene köstliche Freude am Leben bewahrt, die uns dasselbe wirklich wert macht. Lust und Liebe zur Arbeit, Freude an jedem Sonnenstrahl, warme Anteilnahme am Geschick des Nächsten, verbunden mit Selbstlosigkeit und Zufriedenheit.
Unter dem Denken und Sinnen, den Sorgen und Mühen für Andere vergißt sie ihr eigenes Leid — sic findet nicht Zeit daran zu denken. Am wenigsten eben jetzt, wo sie den Myrthenstöckchen die wärmsten Eckplätzchen am Fenster ausgesucht, damit sie doch endlich Knospen treiben, — denn dies Jahr gibt's sicher Hochzeit unter ihren Freundinnen, und fie hat sich's ausbedungen, für Jede den Brautkranz zu flechten.
„Lenchen, kommst Du ein Stündchen mit hinaus? Ich hol' Dich gleich ab!" tönt eine frische Stimme aus dem gegenüberliegenden Fenster. Lenchen aber schüttelt den Kopf.
„Und warum denn?"
Leuchen nimmt eine unvollendete Handarbeit und zeigt sie bedeutungsvoll hinüber.
„Ach — reiß Dich einmal los — es ist so schön und — ich hab' Dir auch etwas Wichtiges zu sagen." Das hübsche, rosige Mädchengeficht sieht dabei selbst aus wie der Frühling.
„ES geht nicht — wirklich nicht!" bekräftigt nun Leuche", nimmt ihre Arbeit und stichelt darauf los.
dürfen und das Zentrum schwerlich bereit sein wird, Abgeordnete in seine Mitte aufzunehmen, die sich verpflichtet haben, nach dem Kommando der Herren Dr. Hahn, Frhr. v. Wangenheim und Dr. Rösicke zu stimmen.
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Deutsches Reid) J
Berlin, den 4. April 1903.
** Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht den vorläufigen Entwurf eines Gesetzes überFamilien- fideikommiffe von dem dieser Tage im Herrenhause die Rede war.
* Aus der Vorgeschichte des Mittellandkanals hat der Abgeordnete Wallbrecht vor einiger Zeit im Abgeordnetenhause Mitteilungen gemacht, zu deren nachträglicher Wiedergabe in der Presse er sich jetzt infolge von Angriffen veranlaßt sieht. Nach dem stenographischen Bericht der 33. Sitzung des Hauses der Abgeordneten hat Abg. Wallbrecht folgendes mitgeteilt: „Als ich im Jahre 1900 hier wieder in das Abgeordnetenhaus kam, da sah ich, daß die Strömung gegen den Kanal noch ebenso ungünstig war, wie früher. Ich ging deshalb mit einigen Freunden an die Sache und sagte, wir wollen mal sehen, ob wir den Kanal nicht privatim bauen können. Wir machten die Berechnungen sehr vorsichtig. Ich wandte mich an den bekannten Herrn Dr. Bellingrath in Dresden, einen der ersahrensten Kenner in Schiffahrtsfragen, und an den Oberbaudirektor Franzius in Bremen, und die Sache klappte. Ich mache mich auf die Reise, kriege die Interessenten heran, reise nach Bremen, Westfalen, Rheinland, Magdeburg und Hannover, und es ist mir nach langen Verhandlungen gelungen, 100 Millionen Mark von den Interessenten zusammenzubringen, 100 Millionen. Und Herr v. Siemens von der Deutschen Bank war bereit, die anderen 200 Millionen herzugeben. Dann konnten wir den Kanal bauen. Ich wende mich an die Herren Minister. Herr v. Thielen und Herr v. Miquel waren sehr zurückhaltend. Unser jetziger Finanzminister war bereitwilliger — er war sehr entzückt davon — und namentlich war der verstorbene Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, der Frage sehr gewogen. Er wollte mich sofort zu Seiner Majestät führen, um die Sache vorzutragen, da ich aber noch einige Differenzen zu erledigen hatte, bat ich um einige Wochen Ausstand." Inzwischen ließ dann Herr v. Thielen die Sache einschlafen, aber auch die opferwilligen Finanzkreise scheinen sie im Sande haben verlausen lassen. Denn sonst hätten sie doch, wenn der Minister sie nicht rief, sich selbst weiter bemerkbar machen und betätigen können.
* Die erneute Debatte des Herrenhauses über die protestantischen Theologieprofefsoren hat auch in der Presse den Streit über das Thema erneuert. Viel kommt nicht dabei heraus. Liberale und „orthodoxe" Blätter verfechten Hart
Sic ist eine kleine Meisterin in allen erdenklichen Künsten der weiblichen Handarbeit, und ihre größte Lust ist es, sich an recht schweren Aufgaben zu versuchen. Sic besitzt eine Ausdauer und (»eduld ohne gleichen und fördert mit eben solcher Gewissenhaftigkeit die Ausführung, wie die Fertigstellung zur bestimmten Zeit. Ihre Kundinnen, deren sie viele weit über das Städtchen hinaus zählt — denn Leuchen ist genötigt, für Geld zu arbeiten — können sich auf fie verlassen, und sie ist stolz darauf.
Nun kommt Leuchens Mutter vom Ausgang heim, eine große, hagere Frau, mit gelbem, leidensvollem Gesicht und jedenfalls brustkrank, denn ihre Rede ist von einem quakenden Husten oft unterbrochen.
„Mutter, Du hast gewiß Deinen Tee zu trinken vergeffen!" Wenn Du mir doch die einzige Liebe erweisen möchtest, mehr für Deine Gesundheit besorgt zu fein," mahnt sie bittend.
„Ach Gott, man vergißt's eben, und helfen kann dieser Tee doch nicht. Es ist ober auch nicht so schlimm, wie Du denkst!" fügt die Mutter schnell hinzu, als fie das betrübte Gesicht der Tochter bemerkt," aus welchem jedes andere Interesse geschwunden scheint.
Ich hab' doch nur Dich!" flüsterte diese
„Und unfern Jungen, Lenchen! Der soll Dir einmal eine rechte Stütze werden, wenn ich nicht mehr bin! Aber ich muß Dir doch gleich erzählen, wer mir begegnet ist und was ich erfahren habe."
„Nun was denn — wer denn? fragt Lenchen wieder ganz heiter im Gedanken an den „Jungen", ohne ihre Arbeit auch nur einen Augenblick zu unterbrechen.
„Hör nur! Wie ich gerade aus der Kirche trete' treffe ich mit Herrn Doktor Reismüller zusammen' der fragt gleich immer wie wir's geht; und dann tarnen wir auch wie gewöhnlich auf unseren Jungen zu sprechen.
„Jo? — und was meinte er da?" fragt Lenchen mit strahlendem Gesichte.
näckig ihre bekannten Anschauungen. Die,Nat.- Zeitung' benützt die Gelegenheit zu einer Beschwerde darüber, daß das Konsistorium seine Erklärung zu der Wahl des Predigers Heyn in Greifswald zum Diakonus an der Petrikirche in Berlin so lange hinzieht. Der Magistrat hat Heyn im Januar vor. Js. gewählt; der Propst der Petrikirche hat Einspruch gegen die Wahl erhoben, offenbar, weil Herr Heyn liberal ist. Das Konsistorium aber hat bis jetzt noch zu keinem Entschluß kommen können, wem es recht geben soll. Irgend einen formalen Grund, die Bestätigung zu verfugen, scheint es nicht finden zu können. Vielleicht zögert es in der Hoffnung: interim fit aliquid.
* Die Beförderung der Unteroffiziere des Beurlaubtenstandes ist durch kriegsministerielle Verfügung vom 19. März dahin geregelt, daß als Unteroffizierafpiranten auszubilden sind alle Einjährigfreiwilligen, die zu Offizieren sich nicht eignen, aber noch brauchbare Unteroffiziere zu werden versprechen, alle Volksschullehrer und Kandidaten des Volks- schulamtes, die nicht als Einjährigfreiwillige, aber doch nur ein Jahr, dienen, und von den jährlich zur Reserve zur Entlassung kommenden Mannschaften mindestens 5 Prozent. Die Beförderung erfolgt nach abgeleisteter Hebung; Sergeanten werden in Friedenszeiten nicht ernannt. Wenn die Beförderten zwei Hebungen als Unteroffiziere von vierwöchiger Dauer mitgemacht oder mindestens fünf Jahre aktiv gedient und eine vierzehntägige Hebung ab geleistet haben, so kann ihnen die dienstliche Befähigung zur Beförderung zum Vizefeldwebel oder Vizewachtmeister zuerkannt werden. Durchschnittlich sollen je acht derselben auf je 1000 Mann des Beurlaubtenstandes vorhanden fein
* Einführung portofreier Drucksachen an Soldaten. Für Postsendungen an Soldaten und sonstige Militärpersonen des Heeres und der Marine bis zum Range des Feldwebels und Wachtmeisters aufwärts bestanden bisher innerhalb Deutschlands Portovergünstigungen für gewöhnliche Briefe. Postanweisungen und Pakete. Gewöhnliche Briefe bis zum Gewicht von 60 Gr. und Postkarten werden portofrei, Postanweisungen bis 15 Mk. für 10 Pfg., gewöhnliche Pakete bis 3 Kilogr. Gewicht, ohne Hnterfchied der Entfernung, für 20 Pfg. befördert. Für unfrankierte Soldatenbriefe ohne Wertangabe wird kein Zuschlag erhoben. Drucksachen waren bisher ausdrücklich von der Portofreiheit ausgeschlossen. Eine neue Bestimmung des Reichspostamtes ordnet jetzt an, daß auch die an die erwähnten Militärpersonen gerichteten Drucksachen wie Glückwünsche, Danksagungen, Beileidsbezeugungen, Verlobungsanzeigen usw. portofrei zu befördern sind. Diese Drucksachensendungen müffen jedoch auch „eigene Angelegenheiten" der empfangenden Militärpersonen betreffen. Das Meistgewicht dieser Drucksachen beträgt wie bei Briefen 60 Gramm. Diese Drucksachen müssen wie die anderen Sendungen an Soldaten den Vermerk tragen: „Soldatenbrief. Eigene Angelegenheit des Empfängers." Sendungen an beurlaubte
„Der Herr Doktor teilte mir mit, er hätte gestern mit dem Herrn Rektor gesprochen und dieser ihm gejagt, daß unser Heinrich schon lange zur Aufnahme in eine bessere Schule fähig sei, so könne er uns nur dazu raten, ihn studieren zu lassen; er konnte dann Doktor werden und, fügte bet Herr Doktor hinzu, dereinst seine Stelle einnehmen. Was meinst Du dazu, Lenchen?"
„Doktor werden!" ■ kam es wie träumend von Lenchens Lippen. Sie hatte nun doch die Arbeit sinken lassen und schaute ziellos an der Mutter vorüber und doch in die weite sonnenglänzende Ferne.
„Wär's nicht ein großes Glück für den Jungen, wenn er den Beruf dazu hat? — Ja, wenn man's nur durchführen könnte," seufzte die Mutter und rief dadurch ihre Tochter wieder in die Wirklichkeit zurück.
^Durchführen? — Durchführen müssen wir es butter! Wenn er nur den festen Willen und das Beug dazu hat, dann gehts auch, Mutter — es muß gehen!"
„Sie denken alle hier im Städtchen, der Vater habe mehr hinterlassen, wie es wirklich ist. Bei dem kleinen Kämmererposten war doch nicht viel zu erübrigen, so sparsam wir auch gelebt haben, und Tu weißt doch, daß die paar hundert Taler für Dich festgelegt find. Der Vater sagte stets: Der Junge kann sich selbst helfen, der ist gesund und stark — aber für unser Lenchen, das arme Kind, muß gesorgt werden — und so hat er es auch getan, so weit es in seinen Kräften stand.
Frau Winter waren die Augen feucht geworden bei dieser Rückerinnerung.
„Sprich nicht davon, Mütterchen, eS regt Dich auf. Laß den guten Vater ruhen, Du weißt, daß ich mit Freuden mein Recht an Heinrich abtrete, wenn es sich um seine Zukunft handelt! Ist er nicht mein einziger Stolz, meine einzige Freude I?" Sie war anfgestanden und schlang beide Arme um den Hals der Mutter, die ihr treues opferwilliges Kind fest an sich zog.