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Verantwortlicher rchriftleiter:Zos.vaum für die Inserate 3. porzeller in Fulda.

Zuldaer

w-chkiidellage: „Illustrierte Sonntagsjtitung"

monatsbeuage: „Fuldaer Geschichtsblätter".

»■»eigen: Ne ein­spaltige Petit,eile ober bete* Sau« 15 pfg- SeNamen bi« petitzeile 25 Pfg.; bei wieder- holungen wirb eitfpr. Rabatt gewährt.

Druck und Verlag ber Fuldaer Aetieudruckerei in Fulda (Harmonie) Fernsprecher M. 9.

fUlda, Samstag, den 4. April 1903.

30. Jahrgang.

** Nur die Tüchtigkeit und -a§ 5taat5interefse!

Man hat immer wieder Ausreden, wenn die Katholiken ein wenig mehr Berücksichtigung bei der Besetzung der hohen Staatsämter fordern. Jetzt ist die Stelle des Regierungspräsi­denten in Trier erledigt. Da die Bewohner des Bezirks zum weitaus größten Teile katholisch find, ist es wohl kein unbilliges Verlangen, daß endlich auch einmal ein Katholik Regierungs­präsident dort werde. Dagegen sträubt sich indes nicht blos die liberale Presse, sondern sogar die ,Kreuzztg.", die sich doch sonst bemüht, den Katho­liken einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie bekommt wieder ihre „Beklemmungen".

Und sie hat gleich auch eine ganze Menge Gründe, warum kein Katholik den Posten er­halten darf. Gewiß wäre es „dringend er­wünscht", daß die Konfession der höheren Ver­waltungsbeamten nicht als eine gleichgiltige Sache behandelt, daß insbesondere der Schein der grund­sätzlichen Zurücksetzung einer Konfession bei der Besetzung der Stellen „innerhalb der Monarchie" vermindert werde. Aber für die Besetzung der „einzelnen Aemter" darf nicht eine „mechanische Parität" den Ausschlag geben. Bekanntlich wird die „mechanische Parität" von den Katholiken gar nicht gefordert. Warum uns also immer wieder vorhalten, sie dürfe nicht geübt werden. „Innerhalb der Monarchie" wünscht die ,Kreuz- Ztg.' selbst Parität, aber wie soll die geübt werden, wenn jedesmal, so oft eine Stelle besetzt werden soll, erklärt wird: Bei der Besetzung der „einzelnen Aemter" darf keine „mechanische Parität" Platz greifen! Das heißt doch nur: in der Theorie bewilligen wir den Katholiken Parität, in der Praxis verweigern wir sie.

Nach der ,Kreuzzeitung' darf auch die Rück­sicht auf die in einem Bezirk überwiegende Kon­fession den Ausschlag nicht geben. Das besagt mit anderen Worten: Nicht einmal in den überwiegend katholischen Bezirken dürfen die höheren Stellen mit Katholiken besetzt werden. Denn sobald wir den Satz auf die überwiegend protestantischen Bezirke anwenden wollten, würde die,Kreuzzeitung' entschieden Ein­spruch erheben. Sie bekam schon ihre „Be­klemmungen", als die überwiegend katholische Provinz Schlesien einen der freikonservativen Partei angehörenden Katholiken als Oberpräsi­denten erhielt. Wie würde sie erst in Krämpfe verfallen, wenn Pommern, Brandenburg, Ost­preußen, Schleswig - Holstein usw. katholische Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten er­hielten und das so systematisch durchgeführt würde, wie die Besetzung der hohen Aemter in katholischen Gegenden mit Protestanten. Dann

Die Auktion.

Erzählung von Peter Bliß.

(Nachdruck verböte».)

„O welch ein Anblick! Der Rhein mit seinen Bergen, Burgen und Städten war ichön, aber diese Schweizer­landschaft übertrifft alles, was ich bis jetzt gesehen habe!" — So sprach eine junge Engländerin zu ihrem Vater. Der Vater ließ den Wagen halten und stieg mit der Tochter aus. Nachdem er dem Bedienten den Ort bezeichnet hatte, wo er ihn mit dem Wagen er- n arten solle, sagte er zu seiner Tochter: „Komm nun, mein Kind, ich werde Dich jetzt auf den Punkt führen, von dem aus die Landschaft betrachtet werden muß."

Sie wanderten rüstig einen Pf cd entlang, der sich in einer Schlangenlinie zur Höhe zog. Bald war der Ort erreicht, den der Vater bez ichnet hatte. Bänke, in Stein gehauen und zum Teil mit Moos bewachsen, luden zum Sitzen ein. Der Vater zog einen kleinen silberne« Becher hervor, füllte ihn aus der Feldstasche mit Wein und trank. Er bot auch der Tochter einen Labetruuk an, allein diese, in die Anschauung des reizenden Gemäldes versunken, das die Natur ihren Blicken darbot, dankte und nippte endlich auf Zureden des Vaters ?in wenig an dem Becher.

Darauf holte sie aus ihrem zierlichen Reisetäschchen ein in Rot und Gold gebundenes Album hervor, in welches sie mit Meisterhand manche Skizze schöner Gegenden eingetragen batte. Sie legte es auf ihren Schoß und zeichnete. Der Vater, ihr zur Seite fitzend, blickte wohlgefällig auf die Marmorhand seiner schönen Tochter, unter deren Bewegungen in fast zauberhafter Weise das Bild der Landschaft entstand.

„Sieh, lieber Vater," sagte die Tochter, „der silberne Fluß in der Ferne, der See mit seinen im Sonnenglanz rosig leuchtenden Segeln, die fernen Ebenen. Berge und Wälder, die sich am Horizonte nn zauberhaften Farbenduste verlieren — dies alles, so

würde sie sich ganz gewiß zu dem Grundsatz be­kennen, daß auf die Konfession und die Em­pfindung der Mehrheit der Bevölkerung Rücksicht genommen werden müsse. Des Protest- und Wehgeschreies im ganzen Lande würde ja auch kein Ende sein.

Die ,Kreuzzeitung' aber geht noch weiter in ihrem „Paritäts"-Bestreben. Indem sie erklärt, das Staatsinteresse müsse ausschließlich ent­scheidend sein, stellt sie den Grundsatz auf, dies könne unter Umständen geradezu verlangen, einen Regierungspräsidenten aus der Konfession der Minderheit eines Bezirkes zu ernennen. Damit sind wir denn glücklich zu dem Ergebnis gelangt: die Katholiken haben überhaupt keinen Anspruch auf einen höheren Verwaltungs­beamten ihrer Konfession. Selbstverständlich wird das Blatt sich nie und nimmer zu der Meinung bekennen, das Staatsinteresse könne die Ernennung eines katholischen Regierungspräsi­denten für einen überwiegend protestantischen Bezirk verlangen. Sein Satz gilt also nur für die katholischen Bezirke. Somit ergibt sich: in überwiegend protestantischen Bezirken darf kein Katholik ein höheres Staatsamt be­kleiden aus Rücksicht auf die Konfession der Be­völkerung; in überwiegend katholischen Bezirken macht das Staatsinteresse es erforderlich, oder zum mindesten wünschenswert, daß Protestanten angestellt werden.

Was speziell Trier angeht, so teilt die ,Kreuzzeitung' die „Bedenken" der .Kölnischen Zeitung', daß ein katholischer Regierungspräsi­dent in die schwersten Gewissenskonflikte geraten könne, wenn er Töchter hätte, die er in die paritätische Mädchenschule schickte, und wenn dann wieder durch eine Kanzelverkündigung der Besuch dieser Schule als sündhaft untersagt würde. Somit sprechen also sowohl „allge­meine" als „besondere" Gründe gegen die Be­setzung des Trierer Postens mit einem Katho­liken. Merkwürdig, daß man jetzt so zart­fühlend ist in bezug auf Gewissenskonflikte katho­lischer Beamten. Im Kulturkampf nahm man solche Rücksichten nicht. Man würde es auch heute nicht tun, wenn sich diese Rücksichtnahme nicht so trefflich als Mäntelchen verwenden ließe zur Verdeckung der Rücksichtslosigkeit, mit der man in Wahrheit die Katholiken behandeln möchte.

Dem scheidenden Regierungspräsidenten Zur Nedden rühmt die ,Kreuzzeitung' nach, daß er das allgemeine Vertrauen genossen habe. Das ist in erster Linie ein Lob für die katholische Bevölkerung des Bezirks. Wir bezweifeln, daß ein katholischer Regierungspräsi­dent in einem proteftanischen Bezirk überall das allgemeine Vertrauen genießen würde, auch wenn er dieselbe strenge Unparteilichkeit übte, die die .Kreuzzeitung' Herrn Zur Nedden nach­rühmt.

Das tadellose Verhalten der katholischen Be­völkerung des Trierer Bezirkes aber soll nun den Grund abgeben: Weil der Protestant Zur Nedden so gut ausgekommen ist, muß wieder ein Protestant hingeschickt werden. Also sckön es ist, erreicht bei mir nicht den Zauber eines Pünktchens der Landschaft. Sieh jenes Häuschen dort am Bergeshange, gerade dort, wo unter Wagen jetzt hält. Der Anblick regt Empfindungen in mir auf, tote sie mich erfüllen, wenn ich ein süßes Gedicht lese oder eine sanfte Melodie höre. Steh, in grauem Silber leuchten die Giebel, in Braun und Grün das Moos, das nur wenig noch vom grauen Stroh des Daches sehen läßt. O wie glücklich muß es sich tn dem Hütt­chen wohnen! Ich glaube gar nicht, daß es für Menschen . erbaut ist. Gewiß hat die Fee des Berges es dinge- zaubert für sich, und es verschwindet vor unseren Augen, wenn wir uns ihm nähern."

„Dann hebt sie, meinst Du, den farbigen Duft- schle-er hinweg, und wir erkennen, daß das poetische Farbenspiel am lieblichsten oft gerade dort leuchtet, wo die innere Zerstörung am weitesten vorgeschritten ist."

„O lieber Vater," sagte die Tochter, „Deine Worte könnten mich traurig machen."

„Traurig?" versetzte der Vater. „Müssen wir es nicht der Natur danken, daß sie ihre Wunden so freund­lich verdeckt?"

Die Tochter neigte ihr schönes Haupt von der Seite. „Ob nun die Leute, die in dem Hüttchen wohnen, glücklich fein mögen?" sagte sie.

„Glücklich! — Glücklich, mein Kind, ist der, dessen Wünsche und Hoffnungen erfüllt werden. Du fühltest Dich glücklich, als ich Dir sagte, in diesem Jahre mache» wir eine Reise durch Deutschland, Frankreich, durch die Schweiz, durch Tirol und Italien. Die Leutchen, die in dem Hüttchen wohnen, würden vielleicht dasselbe Maß von Glück empfinden, wenn ihnen je­mand eine Ziege schenkte. Gebe Gott, daß ihre Wünsche und Hoffnungen inbezug auf irdisches Gut nur gering sind. Sonst möchte das bunte Zauberhäuschen für sie ere Stätte btterer Not und Qual sein "

Während sie so sprachen kam ein Jäger des Weges daher. Der Engländer fragte ihn nach den Bewohnern jenes Hüttchens.

„Ihr könnt es dem verfallenen Hause ansehen,"

immer wird die Sache so gedacht, daß die Katho­liken benachteiligt werden und man an der Wahrung der Parität vorbeikommt.

Wenn nun wirklich ein Protestant zum Nach­folger des Herrn Zur Nedden ernannt wird, so wird es natürlich heißen, man habe auf die Kon­fession gar nicht gesehen, sondern nur auf die Tüchtigkeit Das ist gleichfalls ein bequemes Mittel, um Katholiken bei Seite zu schieben. Zu­fällig finden wir heute in den Blättern eine kleine Statistik, welche die Phrase von der Auswahl der Beamten nach der „Tüchtigkeit" eigenartig beleuchtet. Nach den ,Akadem. Monatsheften', dem Organ der studentischen Korps, sind von den 35 preußischen Regierungs - Präsit enten 21 ehe­malige Korpsstudenten. Wahrscheinlich würde man bei genauerem Zusehen auch noch unter den übrigen einige entdecken. Ebenso werden die Minister, Oberpräsidenten rc. meistens alte Korps­studenten sein. Ist das Zufall oder ragen die die paar Korpsstudenten Über die Masse der übrigen Studierenden an Talent und Fleiß so auffällig hervor, daß sie ihnen in der Karriere den Rang ablaufen? O nein, es hilft nur der eine Korps­bruder dem andern brüderlich weiter. Wer offen angekommen ist, reicht dem andern die Hand und zieht ihn in die Höhe. Für die Gutgläubigen draußen heißt das dann: Die Beamten werden nur nach ihrer Tüchtigkeit ausgewählt und be­fördert. Daß Protestanten und Korpsbrüder be­vorzugt werden, ist nur eine Sinnestäuschung neidischer„Ultramontanen" und „Demo­kraten".

Berlin, den 3. April 1903.

% Den Kaiser werden nach Rom u. A. begleiten Oberstleutnant und Flügeladjutant v. Plüskow, der größte Offizier der deutschen Armee, der seiner Zeit schon in Paris beim Begräbnis Felix Faures „Sensation machte", ferner Generalleutnant und Generaladjutant von Scholl und Rittmeister von Kleist vom Großen Generalstabe, auch beides Männer, die über 2 Meter groß sind. Außer­dem sind zwei Chargirte vom Regiment der Gardes du Korps ausgewählt worden, die als Ehrendienst mit nach Rom reifen. Es sind wahre Hünengestalten und zwar der Standarten­träger Sergeant Mollenhauer und Unteroffizier Tapplick, der 2 Meter 7 cm groß ist und da­mit die Ehre hat, der größte Unteroffizier der deutschen Armee zu sein. Der Kaiser hat sich diese Riesen bereits vorstellen lassen. Von der Leib-Gendarmerie des Kaisers sind ebenfalls die größten Leute für diese Reise bestimmt worden.

% Der orthodoxe .Reichsbote' scheint dem .Vorwärts' Konkurrenz machen zu wollen in der Veröffentlichung vertraulicher Aktenstücke. Er ist aber weniger glücklich darin. Er veröffent­licht ein „strengvertrauliches" Rundschreiben, welches der „Generalsekretär" des „Zentral­

sagte der Jäger, daß dort nichts als bittere Armut wohnt. So lange der Mann lebte, der ein Führer durch die Berge war, gings noch, aber seitdem er tot ist, ist die Familie nach und nach in wahres Elend versunken. Und dabei ist die Hausmutter brav rchv arbeitsam und würde ihre Kinder redlich ernähren, wenn sie nicht Ja tu und Tag mit Krankheit zu kämpfen hätte. Uebrigens wird sie auch nicht mehr lange in dem Hüttchen wohnen, denn ber Eigentümer hat ihr, weil sie den Mietzins nicht zu bezahlen ver­mochte, gekündigt, und es ist, um die Schuld einzu­treiben, für den heutigen Nachmittag eine Auktion bei der Witwe angekündigt."

Der jungen Engländerin standen die Augen voll Tränen.

„Lieber Mann," sagte der Engländer, „ich danke Euch für Eure Mitteilung. Abel nun erfüllt mir einen Wunsch. Verschafft mir Bauernanzüge für mich und meine Tochter."

Der Jäger machte ein verwundertes Gesicht. Doch merkte er bald die Absicht des Engländers.

„Ihr wollt bei der Äuk.ion zugegen fein?" sagte er mit heiterem Gesicht.

„Ja wohl!"

„Nun, das ist schön," fuhr der Jäger fort.

„O liebster, bester Vater!" rief die Tochter und hing sich freudestrahlend an seinen Arm.

„Sehet, dort hinter den Büschen liegt mein Haus," sagte bir Jäger. „In einer halben Stunde sollen zwei Anzüge bereit liegen."

„Wir finden uns ein," versetzte der Engländer, „und ich werde für Eure Güte nicht undankbar fein."

♦ *

In der Hütte saß die Witwe am Tisch und brockte für ihr jüngstes Kind, das fröhlich auf ihrem Schoße jauchzte, grobes Brot in ein Näpfchen mit Milch, die durch Wasser reichlich verdünnt worden war. Die Mutter, der von Zeit zu Zeit eine Träne über die bleichen Wangen tief, hatte neben sich ein Stück Brot liegen, bas sie als Mittagsmahl verzehrte. Ein zwei-

wahlkomitess der Zentrumspartei", Weiß, von Duisburg aus erlassen haben soll. Darin teilt der „Generalsekretär" dem „Ortskomitee" zu Mülheim a. d. Ruhr mit, in anbetracht der rednerischen Ueberlegenheit der Nationalliberalen in den Volksversammlungen habe „die Gnade Sr. Eminenz, des hochwürdigsten Herrn General der Jesuiten" auf Bitte des „Zentralwahlkomitees" „durch Breve vom 25. Februar er. zwanzig Redner des Ordens bestimmt, welche jeden Tag bereit sind, öffentlich aufzutreten." Mit ihrer Hilfe werde das Zentrum diesmal unfehlbar siegen. Wünsche bezl. der Redner seien an die „bekannte Zentralstelle" zu richten. — Dieser Unsinn scheint dem ,Reichsboten' selbst zuerst etwas verdächtig vorgekommen zu sein. Aber da von 20 Jesuiten und sogar von „Sr. Eminenz, dem hochwürdigsten General der Jesuiten" die Rede war, konnte er nicht widerstehen. An eine Mystifikation, erklärte er, sei nicht zu denken; das Schreiben sei offenbar echt. Beweisend ist für ihn: Das Schreiben ist hektographiert, ber Kopf „Zentralwahlkomitee" u. s. w. ist gedruckt und die Unterschrift des „Generalsekretärs" ist „eigenhändig". Wir müssen den ,Reichsboten' leider aus seinem schönen Traume reißen: es gibt weder ein „ Zentralwahlkomitee der Zentrums­partei" noch einen „Generalsekretär". Das wird wohl auch für den genügen, ber gleich bem ,Reichsboten' nicht imstande ist, bie Geschichte mit ben 20 Jesuiten aus sich selbst als Unsinn zu erkennen. Wahrscheinlich ist ber gute ,Reichs- bote' auf einen — Aprilscherz hereingefallen!

% Es ist jetzt amtlich nachgewiesen, daß in bem letzten Zeitabschnitte, über die Erhebungen vorliegen, der Bierverbrauch in Deutschland einen nicht unerheblichen Rückgang erfahren hat. Und wohl verstanden, es ist dies ebensowohl im Süden wie im Norden des Vaterlandes der Fall. Früher gemachte Erfahrungen ließen erwarten, es werde infolge dessen sich eine Zunahme des Branntwein-Verbrauches feststellen lassen. Das ist aber diesmal durchaus nicht ber Fall. Im Gegenteil, es hat auch eine, wenn schon nicht beträchtliche, immerhin doch merkbare Ver­minderung des Branntwein - Konsums stattgefun­den. Mit um so größerer Berechtigung läßt sich annehmen, der Rückgang in bem Verbrauche ber genannten „Lebensmittel" hänge zusammen mit dem Rückgänge in den Erwerbsverhältnissen.

* Zur Ladenschlutzsrage äußert sich in der .Sozialen Praxis' (Nr. 26) ein Interessent, ein Geschäftsinhaber, der aber weitgehendem Schutze des Ladenpersonals das Wort redet und Anhänger der allgemeinen Sonntagsruhe und des Achtuhr-Ladenschlusses ist, dahin, daß die gesetzliche Festlegung ber 1*/»stündigen Mittags­tischzeit des Geschäftspersonals eine unverhält­nismäßige Schädigung der Arbeitgeber bedeute; schon deshalb, weil sie in bie flotteste Geschäfts­zeit — von 12 —3 Uhr falle, während deren die Geschäftsinhaber mit bem auf bie Hälfte rebu- zie-ten Geschäftspersonal arbeiten müßten. Dazu komme, baß erfahrungsgemäß bie große Mehr­zahl ber Veruntreuungen in bie Mittagszeit falle, in ber wegen der Verringerung des Personals

jähriges Töchterchen saß auf ber Erde und ließ sich eine gewaltige Mohrrübe wohl schmecken, die der acht­jährige Bruder, der eben aus der Schule gekommen war, mitgebracht hatte. Er saß auf der Bank am Fenster, batte eine halbzerbrochene Schiefertafel vor sich liegen, schrieb mit ber rechten Hand, und hielt in der linken Hand ebenfalls als Mittagsbrot eine große Mohrrübe, m die er tapfer einbiß.

Die Mutier hatte ihr Brot nur halb gegessen; von dem übrigen gab sie jedem Kinde noch ein Stück. „Eßt euch nur noch einmal recht satt", sagte sie, „denn wer weiß, wie es euch armen Würmchen in den nächsten Tagen ergehen wird!" Und sie verbarg ihr Angesicht in ihre grobe Schürze und weinte bitterlich.

„Vertrau' auf Gott!" rief plötzlich eine Stimme. Es war der Star im grünen Vogelbauer, den der Vater ab gerichtet und ihm einige Worte beigebracht hatte. Der Bauer, bei dem die Witwe verschuldet war, hatte ihr diesen Vogel schon mehrmals abkaufen wollen, allein, es war ihr nicht möglich gewesen, darauf einzugehen, und zwar besonders deshalb nicht, weil ber älteste Knabe mit ganzer Seele an ihm hing.

„Siehst Du wohl", sagte ber Knabe, „ber Star hat schon oft zu Dir so gejagt, wenn Du weintest. Du solltest ihm nur folgen, liebe Mutter, denn er ist fo klug, ich glaube gar, so klug wie unser Pastor. Der war heut in ber Schule, und hat auch gesagt, wir sollen nur immer auf Gott vertrauen, denn ber nährt bie Vöglein unb kleidet die Lilien, und einen Menschen verläßt er gar nicht, sondern er steht ihm bei, unb wenn bie Not am größten ist, bann ist er am nächsten mit feiner Hilfe. Siehst Du. liebe Mutter, so hat ber Pastor gesagt, und ich nahm mir sogleich vor, Dir dies zu sagen, wenn Du wieder einmal meinen würdest."

Die Mutter sagte nichts auf bie Worte ihres Kindes. Wohl hing sie mit Vertrauen an dem, ber Himmel unb Erde regiert, aber sie konnte doch auch in manchen Augenblicken, in denen ber Kelch, den ihr bas Geschick reichte, zu bitter munbete, eines schweren Kummers nicht Herr werden.