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M 75.
flllda, Donnerstag, den 2 April 1903.
30. Jahrgang.
Vie Gesetzentwürfe über die Bildung von kirchlichen Gesamt- verdänden und von Diözesanhllsssonds.
(Schluß.)
Der zweite Gesetzentwurf entspricht gleichfalls einer Anregung der Bischöfe. Er ermächtigt die Bischöfliche Behörde, behufs Gewährung von Beihilfen an neu zu errrchtende, leistungsunfähiqe katholische Pfarrgemeinden, welche zur Aufbringung von Beihilfen zur Erreichung des Mindeststelleneinkommens oder von Alters- oder Ortszulagen für die neu zu errichtende Pfarrstelle Umlagen ausschreiben müssen, sowie zur Gewährung von Beihilfen zu Um-, Erweiterungs- und Neubauten von Kirchen, Pfarr- und Küsterhäusern einen Diözesan- hilssfonds zu bilden, für welchen alljährlich eine Umlage bis zu einem Prozent der von den katholischen Gemeindegliedern zu zahlenden Staatseinkommensteuer erhoben werden darf.
Das Gesetz vom 2. Juli 1898 über das Diensteinkommen der katholischen Pfarrer verpflichtet auch bei nach seinem Inkrafttreten neu errichteten Pfarrstellen den Pfarrgemeinden ein Stelleneinkommen von mindestens 1500 Mark und Alterszulagen, sowie gegebenenfalls Ortszulagen und freie Dienstwohnung zu gewähren. Erst wenn nachgewiesen ist, daß die der Pfarrgemeinde gesetzlich obliegende Verpflichtung erfüllt wird, kann die Neugründung von Pfarrstellen genehmigt werden. Es ist indeß ein staatlicher Fonds von 200 000 Mark bereitgestellt, aus dem neu zu errichtend« leistungsunfähige Gemeinden, die zur Aufbringung von Zuschüssen zur Erreichung des Mindesteinkommens usw. Umlagen ausschreiben müssen, Beihilfen gewährt werden. Die Bewilligung hat zur Voraussetzung, daß die Bischöfliche Behörde auch ihrerseits Mittel zur Versügung stellt und die Pfarrgemeinden nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit zu den Kosten der Neugründung beiträgt. Der Staat leistet im allgemeinen grundsätzlich nur eine Beihilfe in dem Betrage, der auch von der Kirche geleistet wird. Es werden also die staatlichen Beihilfen zur Aufbringung des Mindesteinkommens von 1500 Mk. in der Regel bis zur Hälfte des Fehlbetrages und in der Form eines den Pfarrgemeinden zu überweisenden Dotationskapitals gewährt. Die andere Hälfte wird durch ein kirchliches Dotationskapital oder eine feste Rente aus kirchlichen Mitteln sichergestellt. Behufs Aufbringung der Alterszulagen gewährt der Staat in der Regel gleichfalls höchstens die Hälfte der erforderlichen Leistungen und zwar durch Bereitstellung eines Dotationskapitals von höchstens 24,500 Mk. bei der Regierungshauptkasse. Ist die Pfarrgemeinde zur Aufbringung eines Teils der Alterszulagen fähig, so wird ein entsprechend geringeres Dotationskapital gewährt. Die andere Hälfte muß wiederum aus kirchlichen Mitteln bereitgestellt werden.
Die kirchlichen Behörden sind zur Bestreitung der ihrerseits zu übernehmenden Verpflichtungen in der Hauptsache auf freiwillige Gaben aus den
Her Raub auf brr Dsigsburg.
Originalerzählung aus der Geschichte der ehemaligen Jülicher Lande von Aleca Ruth.
4g ------ (Nachdruck urrboieu.)
Lauter, ferner Lärm drang zu ihm herab. Die Volksmenge sammelte sich vor dem Tore der Königsburg an. Das Hochgericht nabte!
In der Fensternische des Rittergea al es lehnten die Fürstin und Jsengard und schauten stumm und bewegt nach dem Burgtore hinüber, das von Dien ra geöffnet ward. Sie erblickten eine tast unübersehbare Volksmenge, die einander drängend und stoßend de. nächsten Platz beim Tore zw erreichen strebten. Plötzlich trat lautlose Stille ein. Die Frauen schlossen daraus, daß das Gericht fick nähere. In eben dem Augenblicke schritt eine Anzahl Söldner in den Burghof herein, ihnen folgte der Henker im scharlachroten Gewände, das Schwert in der Hand, auf bem Arm ein Seil und auf der Schuller ein Beil, die ve> fch:edenen Insignien der emgesührten Todesarten.
Diesem folgte < die Männer des Gerichtes. Der Richter im schwarzen Talare, und die 17 Schöffen, daruat r fünf Dürener Bürger und zwei R '.ter der Umgegend. Zuletzt der Schreiber mir zwei Gehilfen und der Büttel, der die Volksmenge zurücktrieb.
Jsengard wandte sich erichaudernd ab.
„Fast möchte ich wünschen, daß er seinem Sch ck- sale enteilt wäre," sagte sie erschüttert, „ich lürchte mich in der Lönigsburg, feit ich weiß, daß fie zum Richtplatze wird '
„Gott stehe dem Unglücklichen bei," erwiderte die Fürstin mitle-dig, ihr liebreiches Herz schloß selbst den Verbrecher nicht aus, oder folgte sie dabei der geheimnisvollen Macht, welche wir „die Stimme des Blutes nennen?" Sie wußte sich die Unruhe selbst nicht zu erklären, ihre Mfregung teilte fick Jsengard mit und
katholischen Gemeinden angewiesen. Erfahrungs gemäß lassen sich aber auf diese Weise die Beträge nicht für die Dauer in ausreichendem Maße sicher stellen. Es hat bereits in einer Diözese die Uebernahme weiterer Verpflichtungen abge- gelehnt werden müssen, wodurch die Errichtung neuer Pfarrstellen unmöglich gemacht wird. Bei den Verhandlungen über das Psarrbesoldungs- gesetz hatte die Regierung die Einführung besonderer kirchlicher Steuern beabsichtigt, die Bischöfe hatten sie aber beanstandet. Jetzt sind sie auf den Gedanken der Besteuerung zurückgekommen und dem ist in dem vorliegenden Gesetzentwürfe entfprochen worden, wie es für die evangelischen Landeskirchen bereits ftüher geschehen ist. Er soll den Bischöflichen Behörden ermöglichen, aus dem Diözesanhilfsfonds Dotationskapital oder Renten regelmäßig in Höhe der staatlichen Leistungen aus dem Fonds von jährlich 200,000 Mk. bereit zu stellen. Der Fonds wird von der Bischöflichen Behörde verwaltet. Aus einem Diözesanhilfsfonds können Beihilfen auch an Diözesanhilfsfonds anderer preußischer Diözesen gewährt werden. Die Diözesanumlage wird auf die Kirchengemeinden unmittelbar verteilt.
Da die beiden Entwürfe die Zustimmung der Bischöfe bereits gefunden haben, werden sie vom Landtage ohne Zweifel rasch und unverändert angenommen werden.
Berlin, den 1. April 1903.
** Der ,Vorwärts' bleibt bei seiner Behauptung, „daß die amtliche Anweisung zur Aufstellung der Wählerlisten den Wahltermin auf den 17. Mai verlegt hat", und will glauben machen, daß er diese Behauptung „bewiesen" habe. Dazu bemerkt die ,Nordd. Allg. Zig.': „Wir haben bisher von einem solchen „Beweise" im /Vorwärts' nicht das Geringste entdeckt und würden den Beweis erst als erbracht anerkennen, wenn das Blatt den Wortlaut einer Anweisung des zuständigen Ministers veröffentlichte, in der der 17. Mai als Wahltermin bezeichnet wäre. In Wahrheit hat die vorläufige Anweisung zur Aufstellung der Wählerlisten den ausdrücklichen Vorbehalt der Festsetzung des Wahltermins, und damit des Zeitpunktes der Auslegung der Wählerlisten enthalten. Auf die Aufforderung, zu erklären, ob wir bestreiten, „daß in der bis zum letzten Samstag geltenden Wahlanweisung der 17. Mai als Wahltag angenommen worden war", erwidern wir, daß wir dies allerdings mit Entschiedenheit betheiten und unsererseits vom .Vorwärts' den Gegenbeweis verlangen. Der schwindelhafte Charakter dieses Wahlmanövers des .Vorwärts' tritt deutlich in seiner dreisten Behauptung hervor, daß erst seine „Enthüllung" vom Samstag die Entschließung, die Wahlen aus den 16. Juni zu verlegen, bewirkt habe. Wir haben bereits am Mittwoch
voriger Woche mitgeteilt, daß der 16. Juni als Wahltag in Aussicht genommen sei; der .Vorwärts' selbst hat am Donnerstag diese unsere Mitteilung wiedergegeben. In der Zwischenzeit bis zu der am 28. v. M. erfolgten Vollziehung der Kaiferlichen Verordnung ist ein anderer Termin gar nicht in Frage gekommen. Wenn der .Vorwärts' übrigens meint, daß es nicht sehr angenehm fein müsse, Redakteur unseres Blattes zu sein, so geben wir ihm dies insoweit ohne weiteres zu, als wir int Interesse der Wahrheit genötigt sind, uns mit den unlauteren Machenschaften des sozialdemokratischen Zentralorgans zu befassen, dem wir int Laufe der letzten Monate das Gegenteil aller der Eigenschaften, die man bei einem anständigen Blatte zu erwarten berechtigt ist, nachzuweisen wiederholt Gelegenheit hatten." •
% Der Staatshaushalt Preußens für 1902 dürfte sich infolge der Besferung der wirtschaftlichen Lage günstiger gestalten, als noch bis vor kurzem zu hoffen war. Nach dem ,Berl. Pol. Nachr.' ist Aussicht vorhanden, daß die Rechnung dieses Jahres ohne Fehlbetrag abschlteßev. vielleicht selbst einen kleinen Ueber- s ch u ß liefern wird.
% Im schlesischen Armeekorps hat die Zahl der polnisch sprechenden Mannschaften im Vergleich mit dem vorigen Jahren erheblich zugenommen. Der kommandirende General Erbprinz Bernhard von Sachsen-Meiningen hat nun, wie aus Breslau gemeldet wird, die von ihm früher erlassene Bestimmung erneuert, daß die Truppenteile die Kenntnis der deutschen Sprache bei den Mannschaften unausgesetzt durch die Erteilung des deutschen Sprachunterrichts zu fördern haben. Wo sich ein Mangel an gutem Willen bemerkbar mache, sei dem Betreffenden jede Vergünstigung, besonders der Urlaub nach auswärts zu versagen.
% Die vom Kaiserlichen Statistischen Amt vorbereitete arbeiterstatiftische Zeitschrift wird am *21. des nächsten Monats zum ersten- male zur Ausgabe gelangen und alsdann fortgesetzt am 21. jedes Monats erscheinen. Der Preis der Zeitschrift (C. Heymanns Verlag, Berlin) wird im Jahresbezug 1 Mark betragen, die Einzelnummer 10 Pfennige kosten.
* Trier, 1. April 1903. Ueber die Trierer Sch ul frage bringt die .Koblenzer Volksztg.' folgende Mitteilung: Die Trierer Schulangelegenheit soll in Kürze zur beiderseitigen Zufriedenheit geregelt werden. Es wird ein bisher an einem Gymnasium angestellter geistlicher Germanist und Historiker als erster Oberlehrer an dem Lehrerinnen- fetninar angestellt und demselben Deutsch *und Geschichte am Seminar und in den Oberklaffen der Töchterschule übertragen. Sodann wird der Bischof die zuständige Pfarrgeistlichkeit von Liebfrauen mit dem Religionsunterrichte für die katholischen Schülerinnen beauftragen. Die Frage nach der Errichtung eines katholischen Lehrerinnenseminars in Trier ist noch in der Schwebe.
Herrenhaus.
5. Sitzung vom 1. April 1903.
Eröffnung: VI« Uhr.
Am Ministertisch: Frhr. v. Rheinbaben. Podbielski, Frhr. v. Hammerstein.
Beratung des Etats.
Generalberichterstatter ist Graf von Königs- marck. Er sei der 'ustcht, daß der Etat im ganzen ein befriedigendes Bild gebe. Das Jahr 1903 werde aller Voraussicht nach nicht mit einem Fehlbeträge schließen. Bedauerlich sei. daß in den letzten drei Jahren die Matrikularbeiträge die Ueberweisungen überstiegen hätten.
In der sich sofort anschließenden Spezialberatung bemängelt beim Domänenetat
Oberbürgermeister Struckmann - Hildesheim das geringe Entgegenkommen der Domänenverwaltungen gegenüber den gemeinnützigen Baugesellschaften.
Minister Podbielski erwidert, daß bei entsprechendem 'ingebot das in der Nähe von Städten gelegene Dominalland verkauft werden würde.
Beim Etat des Finanzministeriums sprach Graf v. Hutten-Chapski sein Bedauern aus. daß der Etat wieder so spät an das Herrenhaus gelangt sei und wünscht frühere Einberufung des Landtages.
Finanzminister v. Rheinbaben erwiderte, im Vorjahre sei der Landtag früher einberufen worden, der Etat sei aber nicht früher, sondern noch später fertig geworden. (Heiterkeit.-
Herr v. Chlapowski kritisierte die Polenpolitik, speziell die sog. Ostmarkenzulagen, die er als „Strebegelder" bezeichnete. Selbst die Justrz werde durch den Antipolenkurs in Mitleidenschaft gezogen und man müsse sagen, daß die Urteile in Thorn und Wreschen ab irato gefällt seien.
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben trat diesen Ausführungen mit großer Lebhaftigkeit entgegen. So lange in Preußen noch ein Stein auf dem andern stehe, würden die polnischen Landesteile untrennbar mit der preußischen Monarchie verbunden bleiben.
Dr. v. Dziembowski billigte die Polenpolitik der Regierung.
Auch Frhr. v. Wilamowitz-Möllendorf glaubte der polnischen A gitation die Schuld an den unleidlichen Zuständen in den polnischen Provinzen zuschieben zu sollen.
Graf Finck v. Finckenstein bemängelte, daß einzelne Teile von Westpreußen bei den Ostmarkenzulagen unberücksichtigt bleiben sollen.
Finanzminister v. Rheinbaben rechtfertigte dies damit, daß in diesen Kreisen eine polnische Gefahr nich,t vorhanden sei.
Beim Etat der direkten Steuern beklagte Frhr. v. Tnrant das Zurückgehen der mittleren Einkommen und forderte eine tatkräftige Mittelstandspolitik.
Beim Etat der indirekten Steuern forderte Oberbürgermeister Struckmann, den Städten durch Gewährung von Bier- und Weinsteuern neue Einnahmequellen zu eröffnen.
Morgen Fortsetzung.
* Paris, 1. April 1903. Den Karthäusern wurde amtlich mitgeteilt, daß ihr Ge- nehmigungsgesuch abgelehnt worden sei. Dieselbe Mitteilung wird in nächster Zeit auch den anderen Kongregationen gemacht werden. Das Gesetz ist
je länger die Entscheidung des Gerichtes sich verzögerte, desto döher stieg ihre Unruhe. Endlich hörte mau im Burgho-e vereinzelte Rufe und Stimmengewirr.
„kannst D» höieu, was sie rufen?" fragte die Fürstin, denn sie war unfähig sich zu bewegen, ihre Kniee zitterten. Jsengard legte ihr Ohr dicht an die Scheiben. Dann wandte sie ihr totenblaffed Antlitz der Fürstin zu.
„Weiß Du, was jene sagen? Zu für.l terlich ist's. — Durch den Strang!"
Die Fürstin schloß momentan die Augen, als muffe sie etwas Schreckliches an sich Darüber,jieben lassen.
„Gott st he dem Unglückliche bei," wiederholte sie. Da kehrte der Fürst schon zurück, ernst und äußerst ruhig, aber nicht weniger e< regt. Er bestätigte die schrecklichen Worte: _
^Tod durch den Str ng! Morgen in aller Frühe wird das Urteil an ihm vollzo en."
„Durch den Strang," kam es schauler, d Von den Lippen der beiden Frauen. Jsengard stützt- den Kopf in die Hand und fügte hmzu: „Wie unglücklich der Mensch durch eigene Schuld werden kann!"
„Darüber laß uns fein Urteil fällen, liebes Kind," wandte die Fürstin saust ein, „könnten wir dem Mißachtesten unter den Menschen durch alle Zwischenfälle seines Lebe s folgen, wir hätten keine Verachtung für ihn — nur Mitleid und noch öfters das Gefühl, ihn bewundern zu müssen, der aus dem Sumpfe seiner Lebensipbäre noch so viel Menschenehre sich gerettet. Erst wer am Ende steht, weiß von sich selber die Wahrheit."
Der Fürst ließ sich neben sie auf den Divan niebe .
„In diesem Falle bewahrheitet sich Deine Lebensansicht, Julitta. Unser Gefangener ist fern Räuber der gewöhnlichen Sorte. Er gehört nach Deiner Darlegung zu der Ka egorie der Verb echer, die man noch bewundern kann. Unzweifelhast h it er feine Geschichte Mir kommt immer wieder der Verdacht, — nun, lassen wir ihn unausgesprochen. Mir deucht, der Krieg traf von dem Uebel den Stamm, nickt die Wurzel."
„Machte er denn diesbezügliche Andeutungen? — Es sollte mich eigentlich wundern," versetzte die Fürstin.
„Dieser Vorwurf bleibt ihm erspart. Er blieb aus alle Fragen des Richters stumm. Man legte ihm die Beraubung der Kanfsmamiszüge zur Last, klagte ihn des zehnfachen Mordes an, des versuchten Mordes an mir, unb er — schwieg! Kein Wort zu seiner Verteidigung! Ich verstehe dies Verhalten nicht. Nur als ich ihm die Erfüllung e net letzten Bitte in Aussicht stellte, öffnete er den Mund unb — was glaubt ihr wohl, welche Gnade er heischte?"
„Die Henkersmahlzeit," sagte Jsengard.
„Ich vermute eher: Tas Fernhalten der neugierigen Volks'enge,", äußerle die Fürstin.
„Das wäre ohndem auch schon geschehen," versetz e der Fürst, „nur die notwendigsten Zeugen werden bei dem ichauerlichen Akte zugegen fein. Sein Wm sch ist: „Gestaltet wir, daß ich mit der Maske sterbe! ' Ich achte dieses Verlangen. Es spricht für ihn." Unterdessen neigte sich der Tag seinem Ende zu. Dem Gefangenen wurden Speisen gereicht, er verschmähte sie. AlS Jsengard von dem Fürrenpaare sich verab- schiedite, um sich zur Ruhe zu begeben, warf sie einen Blick durchs Fenster und sah über die niedrigen Wirtschaftsgedöude einen langen Balken mit einem kurzen Querbalken daran emporragen. Sie deutete scheu hinüber.
„"ras sehe ich dort über den Dächern? Mir deucht —Der Fürst wandte ihren Kopf aus jener Richtung weg.
„Bücke mutt dorthin. Es beleidigt dein Auge. Das ist der — Galgen!"
„W lche entsetzlicke Nacht für den Unglücklichen!" dachte Jsengard, als sie sich zum Schlafen niederlegte, „die letzte sei. e» Lebens! Ich würd - sterben in dieser Gewißheit." Ihre Gedanken brschäsUgt n sich ausschließlich mit dem Verurteilten, der morgen zum Tode geführt werden sollte. Der Eindruck auf ihr zartes Gemüt war noch zu neu, ztt gewaltig, als daß
sie zu ruhigem Schlmnm r hätte die Augen schließen können. Sie mußte immer wieder daran denken, was der Fürst von ihm vermutet. Er sprach von einem Verdacht, dem er nicht Ausdruck verleihen wollte. War jener Unglückliche ein Edelmann! War er ein Jüngling oder Greis? In diesem Augenblicke war es lediglich Interesse, weniger Mitleid für den Verurteilten. Dasselbe wuchs mit jeder neuen ungelösten Frage. Schließlich richtete sie sich im Bette empor, blickte in den grauenden Morgen Hinern und sagte lästig: „Ich muß ihn sehen."
Der Fürst hatte d e volle Rüsiung angelegt und sich mit allen Abzeichen seines Standes bekleidet, so wie es der Brauch vorsch ieb. Nachdem er sich überzeugt, daß seine Gemahlin noch nicht erwacht, ging er !e:se hinaus. „Wenn sie aufwacht," dachte er bei sich, „wird alles vorüber sein." Aber kaum hatte er das Gemach verlassen und fein Schritt war verhallt, als die Fürstin sich schnell aufricht, te und das Lager verließ. Ihre Wangen glühten fieberhaft, und ihre Augen hatten einen unnatürlichen Glanz. In überstürzender Eile legte sie ihr Gewand an und schlang ein Seidentuch um den Kopf. Der Gegenstand ihrer schrecklichen Träume war jener Verurteilte gewesen, und nun trieb es sie auf, ihn in feinem letzten Augenblicke zu sehen. Ob sie wach' e oder träumte, darüber konnte sie sich keine Rechenschaft geben, sie wußte nur, laß sie nicht mehr infolge ihres Willens, sondern beeinflußt durch eine höhere Gewalt handelte. — Geräuschlos verließ sie das Gemach.
„Im Ramendes dreieinigen Gottes und der irdischen Macht, die Dich gerichtet, folge uns zum Richtplatz!" Bor der geöffneten Kerkertüre standen die Häscher. Das Haupt stolz erhoben, schnell, als treibe die Ungeduld ibn zum Sterben, schritt er zwischen den bewaffneten Gewalten dahi. Nur einen Blick warf er auf den Galgen, dann üb.rjog ihn jähe Bläffe. Welch schimpflicher Tod! Einige Schritte von dem Galgen entfernt stand der Fürst kalt und ruhig. Lange rechte