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Aus -er Vudgetkommiffion öes

> Zweites Llatt

30. Jahrgang

flllM Samstag, den 21. März 1903

llnpolittsche Zeitläuse.

T Berlin, 19. März 1903.

(Nachdruck verboten.)

„Ein Stein liegt in unserem Wege, wir schelten ihn nicht, sondern gehen um ihn herum, oder tun ihn beiseite; eine Ühr oder Maschine geht nicht, wir schlagen sie nicht, sondern sehen zu, woran es liegt, oder übergeben sie einen Kundigen, daß er das Hemmnis beseitige. Wenn aber ein Mensch uns nicht zu Willen' ist, wenn ein Nachbar tut, was uns nicht zusagt, wenn ein Freund anders handelt, als wir für recht halten, wenn der Köchin die Suppe nicht gerät oder ein Dienstmädchen sich nicht so geschickt int Auf­trägen erweist, als wir erwarteten, dann werden wir böse und schelten, als ob Schelten und Zorn da^ Universalmittel wäre, Menschenseelen zu lenken. Ein tiefer Menschenkenner, der hl. Fran,! von Sales, sagte mit Recht: Mit einem Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen, als mit einem

** Die von Professor Ruhland gegründete Wochenschrift Metreidemarktt hat der .Deut­schen Tagesztg/ zufolge heute schon so viel An­sehen gewonnen, daß ein österreichischer Staats­minister seinen Sohn, der russische Landwirt- schastsminister einen besonderen Attache je drei Monate lang bei Ruhland im Bureau „Getreide­markt" praktizieren ließen, daß der Herausgeber einer englischen Fachzeitschrift des Getreidehandels seinen Sohn zur weiteren Ausbildung für die Fortführung seiner Zeitschrift Ruhland anver-, traute, daß ein Professor von der Universität Paris und ein Spezialdelegierter von Budapest das Ruhland'sche Bureau eingehend kennen zu lernen bemüht waren, und daß „die deutsche Sektion der internationalen landwirtschaftlichen Vereinigung für Stand und Bildung der Ge­treidepreise" die Wochenschrift,Getreidemarkt' zu ihrem amtlichen Organ erhoben hat.

** Die gemeinsame Tätigkeit deutscher und englischer Streitkräfte während der Chirrawirreu hat dem König von Eng­land Veranlassung gegeben, dem Kapitän zur See, Pohl, dem Korvettenkapitän Lans und dem verstorbenen Major Christ den Bathorden 3. Klaffe, Militärabteilung, zu verleihen. Auf ausdrücklichen Befehl des Königs Eduard sind die Insignien den Angehörigen des letztgenannten Offiziers zum bleibenden Angedenken zugestellt worden, während die Ueberreichung an die beiden anderen Offiziere durch die englische Botschaft tattgefunden hat.

Es folgt die Beratung der Einnahmen an Stempel- abgiben. Der Titel 1 und 2 (Spielkartenste-npel 1565 000 Mk., Wechselstempel 12 538000 Mk.) wer­den genehmigt. Titel 3 nimmt an 78497 000 Mark als Stempelabgabe für Wertpapiere, Kaufgeschäfte, (Börsensteuer) Lotterielose und Schiffsfrachturkunden. Speck wünscht hierbei eine gehörige Kontrlloe der Wettbureaus in bezug auf die Steuer. Geheimrat Kühn entgegnet, die Kontrolle der Wettbureaus sei schon jetzt eine sehr scharfe. Dr. Arendt will eine reichsgesetzliche Regelung des Lotteriewesens. Krug von Nivda, sächsischer Bundesratsbeoollmächtigter, verwahrt hie Kleinstaaten gegen den Borwurf, sie trieben Mißbrauch mit ihren Lotterien. Müller- Fulda ersucht, in der nächsten Sitzung ihm darüber Aufklärung zu g-ben, woher bei di fern Trtel die Mindereinnahme von 1 335 000 Mark berrühre. Di: Abstimmung über diesen Titel wird deshalb ausgesetzt. Titel 4 „statistische Gebühren 1053 300 Mark" wird genehmigt. Am Freitag gedenkt die Kommission die Etats- Beratung zu beenden. (Siehe Erstes Blatt. D.R.)

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Schriftleiter:Zof.vaum

I. pärzeller in Hulda. WO^CltbCifodC I „Illustrierte Sonntagrzeitung

eine Schutzwehr gegen Verführung und sittliche Verlotterung ist.

Ein Wegweiser für die gute Lebensart ist für alle nützlich, und deshalb freut es mich, daß wir auch ein gründliches und reichhaltiges An- ftandsbuch haben, das vom katholischen Stand­punkte die Sache behandelt. Für diejenigen Kreise, denen^ 5 ober 4 .< zu viel sind, macht vielleicht der rührige Verlag noch eine Volksausgabe, die das wesentliche kurz bringt.

Vielleicht sagen nun die Gegner: „Seht, die Ultramontanen wollen alles konfessionell scheiden und wollen jetzt sogar eine besondere katholische Höflichkeit haben!" Laßt sie reden! Wir wollen nur, daß auch die katholischen Einrichtungen und ■ Gebräuche gehörig berücksichtigt werden, wenn von dem Verhalten bei Taufe, Trauung, Kommunion- Feier, Namenstag rc. die Rede ist, und daß als Grundlage der guten Lebensart die wahren christ­lichen Grundsätze und Tugenden erscheinen.

Grundsätze? Tugenden? — fragt da viel­leicht jemand; was haben denn die mit Etikette und Komplimenten zu tun? Wer so fragt, weiß nicht, was Höflichkeit und gute Lebensart zu bedeuten haben. Das ist nicht hohler Formelkram, sondern angewandte Nächstenliebe. Ein gutes Anstandsbuch ist nicht'etwa eine Aufzählung von Redensarten und eine Anleitung zu kunstge­rechten Bücklingen, sondern ein Lehrbuch der Weisheit, Güte und Schönheit im Umgänge mit Menschen. Es handelt sich um einen wesentlichen Teil der Bildung und Gesittung, zugleich um Tugend und um Kunst. — „Von dem Wesen der Höflichkeit" - so heißt es in der genannten Schrift, „machen sich allerdings manche Menschen einen falschen Begriff. Sie meinen, die Höflich­keit bestehe darin, daß man sich eine Reihe von Mienen, Bewegungen, Verbeugungen, einschmei­chelnden Redensarten u. s. w. aneignen, um da­durch die Gunst der Mitmenschen zu gewinnen. Die wahre Höflichkeit besteht aber darin, daß wir eine demütige, opferwillige und wohlwollende Ge­sinnung gegen unsere Mitmenschen im Herzen hegen und diese Gesinnung auf eine entsprechende Weise äußerlich ausdrücken oder zu erkennen geben. Die Grundlage der Höflichkeit ist daher nichts anderes, als die echte, christliche Nächsten­liebe."

Also kann ein schlechter Mensch keine gute Lebensart haben? Nur dann, wenn er sich ver­stellt. Ein schlechter Mensch achtet und liebt seine Mitmenschen nicht, wie es sich gehört, aber wenn es ihm darauf ankommt, so stellt er sich recht rücksichtsvoll, befcheiden und wohlwollend an. Zu Hause gegenüber der Frau oder dem Gesinde oder im Geschäft gegenüber feiner Unter­gebenen kehrt der schlechte Mensch oft feinen rohen Charakter heraus und benimmt sich gemein und grausam; aber in der Gesellschaft kann er den feinsten Kavalier, den artigsten Festgenoffen, den interessantesten Plauderer spielen. Er weiß, daß er etwas zu verdecken und zu beschönigen hat, und deshalb gibt er sich besondere Mühe, um durch artige Manieren zu blenden. Er will mehr scheinen, als er ist, und darum pflegt er die Kunst des schönen Scheins.

Wird nun ein guter Mensch immer eine gute Lebensart haben? Er könnte es leicht, aber manchmal ist es doch nicht der Fall. Er fällt oft in das andere Extrem. Er meint es ja gut mit allen Leuten und denkt nur, die Leute müssen ihn doch kennen und ohne weiteres überzeugt sein, daß er es gut meine. In der Einfalt seines guten Gewissens läßt er sich gehen, verachtet und vernachlässigt die Aeußerlichkeiten und den Formel­kram, redet frisch von der Leber und benimmt sich mit unbeleckter Natürlichkeit. Dabei stößt et hier und dort an, führt durch unpassende Kleinig­keiten Verstimmung herbei, kränkt durch ein un­bedachtsames Wort empfindliche He^enst er findet >ei all' seinem guten Willen fein Wohlgefallen bei den Menschen. „Er ist ein guter Kerl, aber . . ." Der Mangel an Lebensart ver- chließt ihm viele wertvolle Türen, hindert ihn vielfach auch in seiner Berufslaufbahn.

Zur guten Lebensart gehören zwei Dinge: Tugend und Kunst. Der gute Wille allein macht den gesellschaftlichen Kohl nicht fett; es muß auch Klugheit und Geschick dazu kommen.

Da ist z. B. ein Fuhrmann vom Lande, der Pferde und Wagen in schönster Ordnung hat, ein Ziel und den Weg dahin recht gut weiß. Auf der stillen Landstraße geht es glatt und lott. Aber nun muß er über eine bÄebte tädüsche Straße fahren. Er denkt: der gerade Weg ist der beste, immer fest auf das Ziel los! Aber nun kommen andere Wagen rechts und inks und in die Quere, große und kleine, lang- ame und schnelle, Lastwagen und Omnibus und Automobile und Kutscher und Karren. Dazwischen >ie Fußgänger, die den Damm überschreien. Das raffelt und kribbelt, das faucht und pfeift und tutet, das schlängelt und drängelt sich wirr

Die Kommission fuhr am Donnerstag in der Prüfung des Reichshaushaltsetats bei den Einnahmen des deutschen Reiches an Zöllen, Verbrauchs­steuern und Aversen fort. Bei den Einnahmen, an welchen sämtliche Bundesstaaten teilnahmen, werden angenommen nach Abzug der Ausfuhrvergütungen (Steuervergütungen), Erhebungs- und Berwaltungs- kosten an Einnahmen durch Zölle 472 563 000 Mk., Die Steuern sind wie folgt veranschlagt: Tabaksteuer 12712000 Mk., Zuckersteuer 98629000 Mk., Salz­steuer 49073 000 Mk., Branntweinsteuer a) Maisch- bottichsteuer 18559000 Mk., b) Verbrauchsabgabe für Branntwein und Zuschlag 108667000 Mk., Schaumweinsteuer 4531000 Mk. Bei den Einnahmen, an welchen Bayern, Württemberg, Baden und Essaß- Lothringen keinen Anteil haben, sind veranschlagt für Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 30 846 000 Mk. An Einnahmen von den außerhalb der Zollgrenze liegenden Bundesgebieten werden angenommen 72880 Mk. Insgesamt betragen die Einnahmen hier 795 252 880 Mk. In der Generaldiskussion bedauert Speck (Ztr), daß seitens der Hansastädle keine Ver­treter zur Herst-Hang des neuen Warenverzeichnisses enffandt worden s ien. Auf keinem Gebiete der Reichs­verwaltung sei so sehr alles in das subjektive Urteil bet Beamten gelegt, als bei der Zollverwaltung. Die Vorbildung dieser Beamten müsse einheitlich geregelt werden, nur dann sei ein gleichmäßiger Vollzug des Zolltarifs möglich. Abg. Müller-Fulda (Ztr.) wünscht eine Mitteilung über die Revisionen bei den Stempelabgaben (Börsensteuer), da Defrau­dationen vorgekommen seien. Hierauf wurde b;c Generaldiskufsivn geschloffen.

der Spezialdiskussion werden die Einnahmen aus den Zöllen und der Tabaksteuer genehmigt.

Bei dem Titel „Zuckersteuer" bemängelt Refe­rent Speck die mangelhafte Erläuterung. Die Ein- nahmeu seren zu gering bemeffcn, der Zuckerkonsum habe zugenommen. Man solle das Etatssoll um acht Millionen erhöhen. Die am 1. September 1903 ein­tretende Steuerermäßigung um 6 Mk. für 100 kg 8ucker und der gleichzeitige Wegfall der Betriebssteuer kommen als erheblich nicht in Betracht. Die an­genommene Steuervergütung von 35000000 Mk. sei ju hoch angesetzt. Die Ausfuhr würde abnehmen. Er beantrage bei der Steuervergütung 7 Millionen abzusetzen. Geheimrat Rauschning verteidigt die Etatsausstellung der Zuckersteuer. Seine Ausiührungen finden nicht den Beifall der Kommission. Müller- Fulda meint, die Verwaltung arbeite ru sebr nach Schema F ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Verhältnisse. Der Konsum des ' Zuckers habe sich wesentlich infolge des Fallens der Preise gesteigert Die'Satze des Kollegen Speck seien noch viel zu ge- riug bemessen. Die Ausfuhr würde ganz erheblich fallen. Er müsse nochmals betonen, der Verwaltung fehle jegliches Bild von den wirklichen Verhältnissen. Schatz'ekretär Frbr. v. Thielmann: das Schema F sei gar nicht so sch echt, es sei jedenfalls richtiger als Phantasiegebilde. Er füge sich einer Erhöhung, wenn dafür genügende Gründe angeführt würden. Dies sei bis jetzt noch nichts geschehen. Dr. Paasche (natl.) wünscht, daß das Schema F nicht zum Prinzip werde. Müller-Fulda habe doch genügend Gründe sür die Steigerung des Konsums angegeben. Der Konsum steige von Mo at zu Monat mehr. Schon durch das Eacharinverbot allein fei ein Steigen de» Konsums bedingt. Richter findet den Antrag des Referenten noch sehr bescheiden. Müller-Fulda bemerkt, die Bestände in den deutschen Fabriken hätten erheblich abgenommen, dies komme vom vermehrten Konsum. Man solle sich bei den Exportziffern keinen Täuschungen hingeben. Er habe Zahlen aus Fachkreisen, die oft zuverlässiger seien, als die der Regierung. Mit dem Verbot der Sacharinherstellur'g sei doch zweifellos eine Zunahme des Zuckerkonsums verbunden. Korreferent Dr. Slockman n ist mit den Anträgen Speck einver­standen. Sie seien vorsichtig und entsprechen den tat­sächlichen Verhältnissen. Richter beantragt, bei den Steuern überhaupt 19 Millionen hinzuzusetzen. Zu der Abstimmung wird der Antrag Speck ein­stimmig angenommen, die Einnahme der Zucker- peuer wird also um 8 Millionen höher angesetzt, die Steuervergütung wird um 7 Millionen herabgesetzt. Der Antrag Richter wird abgelehnt.

Die Einnahme von Salzsteuer und Branntwein- »ehmigt'erdEn den Etatsansätzen unverändert ge- K Titel „Schaumweinsteuer" wünscht Referent man3>ere Steuerzeichen wie die jetzigen, die in ^E^rckfen bestehen, der über das Etiquett ^."de. Man müsse Steuerzeichen haben, die mrt Ö ffnung der Flaschen vernichtet werden. Korre- ftrent Dr. Stockmann unterstützt diesen Wunsch. M<m solle Blcivrrschluß wählen. Schatzsekretär Frhr. JL. »alt ” ^"-brkennt an, daß die Zeichen besser s»n konnten, tt werde der Frage näher treten.

Die Schaumweinsteuer-Einnahme wird genehmigt. . dem Titel „Brausteuer" will Speck wissen, die Einführung einer Reichsbiersteuer beafc Migt 5« Er glaube nnht daß sich eine dahingehende Äeußerung U n terftaatöf ctretärl Schrant bewahrheite.

Dr* Reservatrechte der Emzelstaaten find zu respektieren.

Deutsches Reich.

Berlin, den 20. März 1903.

** lieber das Befinden des Abg. Dr. Frhr. V.Heereman wurde heute früh folgender Krank­heits-Bericht ausgegeben: „DieNacht war wieder ruhig, Temperatur heute Morgen 38,2; Herz schwach und leichte Benommenheit." Der Zustand des Kranken läßt binnen kurzem das schlimmste befürchten. Er liegt meistens apathisch da.

** Regierungspräsident v. Brandenstein, der bekanntlich von Hannover nach Magdeburg versetzt, bann aber zur Disposition gestellt wurde, soll nach der ,Hgnnov. Allg. Ztg.' nicht wegen feiner politischen Tätigkeit für die Konservativen aus Hannover abberufen, sondern durch eine Jntrigue gestürzt worden sein. Für diese Jn- trigue hat, so berichtet das Blatt, ein hoher Be­amter, der die Verhältnisse in Hannover kennt, gestern die kurze Bezeichnung: „Bodenlose Ge­meinheit" gefunden. „Man" hat in Berlin an hoher Stelle so lange und so treuherzig er­zählt, Herr v. Brandenstein sei ein Trunkenbold, der das Ansehen seines Amtes untergrabe, und er sei deshalb in Hannover unmöglich, bis von dieser Stelle aus seine Strafversetzung angeregt wurde. Er wurde also gemaßregelt. Herr von Brandenstein erfuhr erst, als er den „blauen Brief" in der Hand hatte, hiervon. Er reifte nach Berlin. Herr v. Hammerstein, der momen­tane Inhaber des Portefeuilles des Innern, em­pfing ihn, wie man in Ungnade gefallene Leute zu empfangen pflegt, und gab ihm den Rat, „Ge­sundheitsrücksichten" zu bekommen. Da weigerte sich Präsident von Brandenstein, denn er ist kein geschmeidiger Höfling, sondern ein aufrechter und bestimmter Mann. Und weil er hinter­listig verleumdet war, ging er zum Kaiser, der ihm immer freundlich und gnädig gesinnt ge­wesen war, um sich zu verteidigen. Der Kaiser empfing Herrn von Brandenstein nicht. — Die ,Nat. Ztg/ ärgert sich gewaltig, daß liberale Blätter diese aus konservativer Quelle stammende Erzählung sowie die Behauptung verbreiten helfen, Herr von Brandenstein habe niemals seinen Einfluß zur künstlichen Züchtung einer konservativen Partei in Hannover angewendet. Sie schienen bewirken zu wollen, daß er bald Ober- präsident werde.

So lese ich in dem „Goldenen Anstauds- buch" von I. v. Eltz, einem empfehlenswerten Buch, das zum'Nachdenken über den „Um­gang mit Menschen" anregt und zum Nach­schlagen in kritischen Fällen sehr geeignet ist. Ick) werde das Buch, das die Ver­leger Fredebeul u. Koenen in Essen (Ruhr) mit einem schönen Einband versehen haben (Preis geb. 5 Mk., drosch. 4 Mk.), meinem Jungen schenken, der zu Ostern den feierlichen Schritt aus der Kindheit in das Jünglingsalter tun soll. Einen solchen „Wegweiser für die gute Lebensart zu Hause, in ‘ Gesellschaft und ‘ im öffentlichen Leben" haben die Jungen noch nötiger, al» die Mädchen: denn die letzteren ge­hören zu dem Geschlecht, bei dem man nach dem bekannten Dichterspruche erfahren kann, was sich ziemt, während die männliche Statur gröber und steifer ist, zu Rfficksichtslosigkeit oder gar zur RuHigkeit neigt.

Wer)gute Lebensart hat, gebt um die Steine im Wege herum, während der Trotzkopf oder Tölpel überall anstößt und stolpert. Darum ist es auch falsch, wenn man denkt, das gute Be­nehmen sei nur ein Kapitel für „feine" Leute ober für die „höhern" Klaffen und gehe das „gewöhnliche Volk" nichts an. Nein^ überall und in allen Schichten gibt es Steine des An­stoßes, an denen man sich Weh und Schaden Kn kann. Nicht bloß die städtische Gesellschaft, sondern auch die Bauern auf dem Lande haben natürliche und herkömmliche Anstandsregeln, und sie sind recht empfindlich, wenn jemand^ sich rück­sichtslos über ihre Lebensart hinwegsetzt. Wer erfolgreich mit Arbeitern verkehren will, braucht mehr Takt und Geschick in Wort und Benehmen, als wer beim Minister Audienz hat; denn der letztere sieht eher über die Aenßerlichkeit hinweg auf den Kern der Sache, während der Arbeiter oft für die besten Vorschläge unzugänglich wird, wenn ihm an der Form etwas nicht paßt; bald spürt er zuviel Herablassung, bald eine zu­dringliche Vertraulichkeit rc.

Uebrigens leben wir in einer Zeit der allge­meinen Durchschüttelung. Alles fließt, alles mischt sich; zwischen Stadt und Land und zwischen den einzelnen Ständen und Klaffen gibt es keine feste Scheidewand mehr. Wir geben der Jugend eine möglichst gute Bildung, damit sie auch fort­kommen kann, wenn sie einmal in ganz andere Verhältnisse gelangt, als um ihre Wiege geherrscht haben. Der Junge muß Soldat werden; der Dienst wird ihm sehr erleichtert, wenn er mit etwas Lebensart in die Kaserne kommt, der Tölpel oderFlegel muß dort manchmal ein sehr bitteres Lehrgeld zahlen. Von Beruf wird der Junge z. B. Handwerker. Früher mag es wohl genügt haben, wenn er feine Kunst gründlich lernte und einen gutsitzenden Rock, ein passendes Paar Stiefel oder ein regelrechtes Möbelstück fertig stellen konnte. Aber wenn jetzt der Handwerker vorwärts kom­men will, muß er noch mehr verstehen, als die Kunstgriffe in der Werkstatt. Er muß „in die Welt passen", er muß die Gewandtheit eines Un­ternehmers und den Schliff eines Kaufmanns haben, er muß seine gegenwärtigen und zukünftigen Kunden, seine Kreditgeber und Lieferanten, seine Gesellen und seine Kameraden mit Takt und Ge­schick zu behandeln verstehen, wie sie behandelt sein wollen. Wenn er sich auf den Umgang mit Menschen nicht versteht, so kann er wohl in den Himmel kommen, aber nicht auf einen grünen Zweig im Diesseits, lieber die Mädchen brauchen wir kein Wott zu verlieren; jeder weiß ja, wie votteilhaftes ist, wenn zudem guten Herzen noch gute Manieren kommen, und wie manches Lebens­glück schon gescheftert ist, weil das brave Mädchen den Fehler hatte, sich nicht richttg benehmen zu können. Es sei nur nebenbei erwähnt, daß das entwickelte Taft- und Schicklichkeits-Gefühl auch

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