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Maer

Zeitung

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30. Jahrgang. '1

flllda, Dienstag, den 17. März 1903

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Wenn man von der gedruckten und inhaltlich und dialektisch hervorragend redigierten Ma­nifestation des ftanzösischen Windthorst (Graf de Mun), der gegenwärtig leidend ist, absieht, so gebührt dem Abbe'Gayraud das Verdienst, die Kongregationsschlacht in der Kammer mit dem Antrag eröffnet zu haben, das Flickwerk vom bekannten Kom­missions-Bericht zuvor noch einmal auszubessern. Der Speer flog in die Wunde, und der numerisch überlegene Gegner antwortete mit einem wahren Indianer-Geheul. Der Antrag wurde zurückgezogen. Herr Scrolle (konservativ) bestieg die Tribüne, um in erster Linie den Satz zu beweisen: Was man treffen will, das ist die Freiheit in sich, das ist die Kirche selbst. Herr Rabier (Berichterstatter) hat sich den Vol­tairianer Friedrich den Großen von Preußen zum Vorbild genommen, wie selbst aus gewissen Text­formen hervorleuchtet. (StürmischerBeifall links.) Das ist auch der Plan, den der Freimaurer-Kon­vent im Jahre 1900 entworfen hat. (Sehr gut! rechts und starker Beifall.) Aber wir kämpfen, schließt Lerolle seine einstündige und von seinen Parteifreunden mit beständigen Beifallszurusen begleitete Rede. Barthou ries die allgemeine Aufmerksamkeit des Hauses um so mehr hervor, als er zweimal Minister von gemäßigten Kabinetten (Meline und Dupuy) war. Aber der Herr ist von jeher mit der Macht gegangen. Heute ist er radikaler als Combes, und der stärkste Bei­fall kommt ihm gerade von der äußersten Linken, d. h. von jener Partei, die ihn vor 4 Jahren in den Kot gezogen hatte. „Sie können machen, was Sie wollen", schrie ihm der Nationalist Binder zu, „Combes wird seinen Platz nicht an Sie abtreten." In der Tat ist das Schielen Barthous nach dem Ministerpräsidentenseffel jeder­mann bekannt. Eine und eine halbe Stunde unterhält der Redner sein Auditorium vom mön­chischen Aberglauben" und von der Notwendig­keit der Staatssuprematie über die Kirche. Da­bei unterhält er die entzückten Rom- und Mönchs-

vie Kongregationen vor -er Kammer.

X Paris, 14. März 1903.

(Nachdruck verboten.)

Die Ordensschlacht hat nun am letzten Don­nerstag vor dem Parlamente eingesetzt, nicht die Ordensschlacht, sondern der Ordenskrieg. Die Kammer ist voll Bewegung und Leben. Galerien und Abgeordnetensitze sind voll, und am Minister, tisch sitzt in fast gedrückter Stimmung Minister­präsident Combes mit dem Kultusdireftor Dumay und vier weiteren Portefeuilleträgern. Es liegt etwas wie. Leidenschaft und Zorngewölk in der dumpfen Atmosphäre, gerade keine Normal­stimmung, ein gutes Gesetz zu machen. Gestern indes war die Luft schon etwas abgedämpft. Die Prophezeiung einer zehntägigen Debatten­dauer könnte vielleicht ins Wasfer fallen, und gestern abend machte in den Couloirs das ziemlich glaubwürdige Gerücht die Runde, die Linke habe des „Geredes" schon satt und werde demnächst Schluß beantragen. Damit wäre das offiziell zugestandene Versprechen einer soliden Diskussionsbasis wieder in echt jakobinischer Weise Lügen gestraft. „Man ist ja einer Majorität von ca. 35 Stimmen sicher," verriet mir ein Abgeordneter, der das wiffen konnte, „warum sich also lange abplagen?" Er hätte hinzufügen können: Man fürchtet die Zwischenfälle, die hier zu Lande manchmal wie ein Pilz über Nacht aus dem Boden schießen. Zudem ist die Rednerliste immer noch im Wachsen und weist zur Stunde nun bereits 32 Namen auf, die sich etwa zur Hälfte auf die Mehrheit und Minderheit verteilen. Nach einem Redner der Minderheit kommt in der Regel ein solcher vom bloc an die Reihe.

rede, konnte vor dem Paragraphenmann nicht standhalten. Es wurde nebenbei auch konstatiert, daß über die Hälfte der lehrenden Orden Schulen und Missionen im Ausland hätten. Wurde der Minister des Auswärtigen konsultiert? Den Sozialisten dauert das alles schon zu lang, und einige von ihnen brüllten: Schluß! Schluß!" Unter diesem typischen Wort wollen wir unsere Ausführungen auch beendigen. Die Guillotine für die lehrenden Orden steht bereit. Also rasch, das ist die Bedeutung des Zwischenrufes: „ Schluß 1"

vertilger mit allerhand spaßhaft fein sollenden Geschichtchen vom hl. Antonius von Padua, der auf eine kleine Renumeration hin die verlorenen Geldbeutel wieder finden lasse. „O schreit nicht so," antwortete gestern ein Redner an die Adresse der Sozialisten, „ihr versprecht euren Gläubigen ja, daß es euch gelänge, sämtliche Börsen den andern zu entwenden."

Barthou wurde von der Linken mit heißen Glückwünschen empfangen, als er sich an seinen Platz begab, seine früheren Freunde vom Zen­trum waren jedoch zum großen Teil reserviert. „Barthou ist," bemerkt der,Temps', außerhalb der Frage geblieben. Es gibt keine Staats­orthodoxie, und die Kammer ist keine Universität. Der Gesetzgeber hat die Theorien der Kongregationen nicht zu beurteilen. Er muß sie dulden. Das ist die Freiheit."

Die Palme des zweiten Diskuffionstages gehört zweifellos dem gemäßigten Republikaner Aynard, der in einer meisterlichen Rede der Freiheit eine Lanze brach, der Freiheit int allge­meinen und folglich auch für die katholische. Der gewandte Redner machte um so mehr Ein­druck, als er in seinem langen parlamentarischen Leben dieses Prinzip stets unentwegt hoch­hielt. Barthou und de Pressense bekamen seine Stöße zu fühlen, so daß letzterer etwas wild replizierte, daß sich sogar der Kammerpräsident veranlaßt sah, den wallenden Zorn niederzu- dämpsen. Leider ist eben Herr Aynard für die heutige Jakobinermajorität eine Art prähistorische Erscheinung wie jeder echt liberale Mann. Die Blockleute belächeln diesen „unmodernen" Volks­boten und werden durch ihn höchstens stark gestört. Donnernder Beisall kam diesmal von den Reihen des Zentrums und von der Rechten her. Herr Grousseau, ein gelehrter katholischer Jurist, beschloß den Tag, indem er der ungeduldigen Linken einen getreuen Gesetzesspiegel zur Kon­gregationsfrage vorhielt. Kultusdirektor Dumay, der zum ersten Mal das Wort nahm zur Gegen­

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