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mit IlnteryalKmgs-Beilage „Klütstrirte Sonntags-Aeiülng"

JuLöcr, Samstag, den 21. Februar 1903.

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30. Jahrgang.

Mochen-R««dschau. Nachdruck verboten.

X Fulda. 21. Febr. 1908.

Für oder wider die Sozialdewo- kratie — hört oder liest man die Reichstag»»«. Handlungen der letzten acht Tage, man sollte meinen die Stellungnahme zur Sozialdemokratie beherrsche die ganze innere Lage. Dem ist aber nicht so. Die neidische Eifersucht der Sozialdemokratie besonder« gegen da« Zentrum, ihr Haß, mit dem sie alle Sta­ttet er der bestehenden Ordnung und besonders die» jenigen, welche den Arbeitern Gutes getan haben, »erfolgt, hatten fich zu Beginn dieser Debatte, die sich an dar Gehalt des Staatssekretär» des Innern knüpft, etwas allzu deutlich und unvorsichtig hervor» gewagt. Da ist ihnen nun sehr kräftig heimgeleuchtet worden, und namentlich haben verschiedene Zentrums- Redner sich daS Verdienst erworben, die Sozialdemo­kratie stark in die Enge zu treiben und zu zeigen, daß eS Sozialreformer, begeisterte Vertreter de» Arbeiterschutzes wie den unvergeßlichen Bischof Kettelet gegeben hat, lange ehe man an die Herten Singet, Wurm, Hoch u. s. w. dachte. Insofern war diese Debatte einmal ganz nützlich, aber das Thema ist nun auch hinlänglich erörtert. *;te Debatte hätte ruhig schon zu Ende der letzte» Woche abschließe« können. Aber dazu hatte der Reichstag nicht die Macht wegen seiner fortwährenden Beschlußun­fähigkeit, der nur durch Diäten abzuhelfen ist.

Jedenfalls darf man aber nicht glauben, daß diese große Abrechnung mit der Sozialdemokratie, an der sich fast alle Parteien beteiligten, das Vorspiel zu einem allgemeinen Wahlkartell gegen die Sozial­demokratie wäre. An ein solche- Kartell ist heute nicht mehr zu denken- Ja, wenn fich die Wahlen unter dem unmittelbaren Eindruck der Zolltarif- Obstruktion vollzogen hätten! Bi« znm 16. oder 17. Juni ober, dem Lage der Wahlen, wird dieser Eindruck wieder viel zu sehr verblaßt sein. Die Hauptsache aber ist, daß durch das heran»fordernde Auftreten des Bunde» der Landwirte sich die taktische Lage für die alten Parteien vollständig 'ver­schoben hat. Vielleicht mag in einzelnen Teilen Süd­deutschlands ein Zusammengehen des Zentrum» mit dem Bunde der Landwirte — natürlich ohne jede .Verpflichtung! — nicht zu den Unmöglichkeiten ge­hören, aber im Westen wie im Osten tritt der Bund direkt feindselig gegen das Zentrum auf, wie z. B. jüngst in Schlesien, die allerdings — Dank der Klugheit und Energie der ZentrumSsührer, besonders de- Abgeordneten Hubrich — einen für den Bund sehr urerfteulichen Verlauf genommen haben.

Hierdurch wie auch durch andere sachliche Gegen­sätze wird ein Zusammengehen bei Zentrum» mit den konservativen Parteien erschwert. Dazu kommt dann noch die Erwägung, daß der neue Reichstag nach Erledigung der Handelsverträge, wo so manche be­deutsame Frage gestellt werden wird, in der daS Zentrum und die rechtsstehenden Parteien weit aus­einander gehen. Die Militär vor läge, die für da» Jahr 1904 zu erwarten ist und nach einer Mit­teilung deS preußischen SriegSminister» in der Bud­getkommission des Reichstags sowohl bei der Infanterie wie bei der Kavallerie eine „mäßige" Vermehrung fordern wird, wirst ja jetzt schon ihre Schatten voran». In der Budgetkommission gebt auf der einen Seite das Zentrum darauf aus, Erspar- niffe zu erzielen, und hat daher sowohl die Neu­formationen von Jägern zu Pferde wie die Gehalts­aufbesserung der Oberstleutnant- zu Fall gebracht, während andererseits die Konservativen mit der Reichspartei, den Nationalliberalen, den Antisemiten, und der Freisinnigen Bereinigung für fast alle Forde­rungen der Militärverwaltung eintreten.

Daß da» Zentrum mit den Nationallibe­ralen keine Bündnisse eingehen kann, dafür sorgen diese selbst schon durch immer neue» Schüren de» Kulturkampf-Feuer». Die Sprache, welche m dieser Beziehung die Herrn Jungban» und Keller in Baden führen als gelehrige Schüler de» famosen Herrn Böhtlingk, ist ebenso lehrreich wie die Hintan­setzung der grundsätzlichen Forderungen der katbo- lische» Kirche beim württembergischen Volk»- schulgesetz das jetzt nur noch der Erledigung in der Ersten Kammer harrt, die fteilich eine katholische Mehrheit hat. Und wie in Bayer« die liberale Presse mit Verdächtigungen aller Art den Kampf gegen das Zentrum führt, wie in Braunschweig, in Sachsen n. s. w. der gesamte Liberalismus in Uebereinstimmmig mit den Evangelischen Bundes- Pastoren gegen die Abbröckelung deS Jesuitengesetzes und überhaupt gegen alle Zugeständnisse an die Katholiken eifert, ebenso erfaßte er int preußi­schen «bgeordnetenhause die Gelegenheit, um a«S Anlaß des Trierer Schulstreites, der den Bischof nötigte, gegen die dortige konfessionslose staaüiche Töchterschule Stellung zu nehmen, die Staatsgewalt und den Staatsanwalt gegen die katholische Kirche aufs neue in Bewegung zu setzen AuS alledem ergibt fich, daß auch zwischen National, liberalen und Zentrum kein Paktieren möglich ist. DaS Zentrum wird also wie bisher allein, nur auf die eigene Kraft, auf das Vertrauen seiner.Wähler gestützt, in den Wahlkampf eintreten und ihn, da» Hessen wir zuverfichtlich, auch siegreich bestehen, wenn alle ihre Pflicht tun — und dies bei Zeiten!

Wenn der Reichstag den Etat des Reichsamte» des In netn erledigt haben wird, dann soll da» ReichSamt

der Auswärtigen an die Reihe komme». Auch hier wird es sicher an großen Debatte« nicht fehle». Dafür hat schon allein der Venezuela-Streit hinlänglich gesorgt, der jetzt zwar vorläufig ge­schlichtet ist, aber die großen Koste» der Exekution offenbar dem Reiche ausbürdet, anstatt dem böswilli­ge« Schuldner. Die Art, wie der neue deutsche Ge­schäftsträger in Washington, Herr Speck v. Stern­burg, fich als den Vertreter amerikanischer In­teressen «ufgespielt haben soll, wird zweifellos auch der Gegenstand scharfer Kritik im Reichstage werde«. Hoffentlich wird wenigstens kein Anlaß bestehe», auch bezüglich ihrer Haltung in der mazedonischen Frage dem deutschen Auswärtigen Amte bezw. dem Reichskanzler eine schlechte Zensur zu geben. Die österreichisch-russische Note, die am Dienstag den Kabinetten von Berlin, Paris, Bento« und Rom überreicht worden ist, enthält ficher keine Vorschläge, die dem deutschen Interesse widerstreite». Die Forde­rung, daß Mazedonien einen Gouverneur mit größeren selbständigen Amtsbefngnissen und der Verfügung über die vollen Steuereingänge feiner Provinz erhalten soll, ist durchaus berechtigt. Selbst England scheint — nach der AuSdrucksweffe der englifchen Thronrede zu urteilen, mit welcher da» Parlament in London eröffnet wurde — keine Einwendungen gegen die For­derungen Rußlands und Oesterreich-Ungarns erhebe» zu wolle».

England hat auch alle Ursache, die internationalen Schwierigkeiten nicht noch zu vermehren. Ist doch, von anderem abgesehen, auch die marokkanische Frage noch keineswegs von der Tagesordnung abge­setzt. Die Herrschaft des Sultans ist durch leinen letzten Sieg über Bu Hamara noch nicht gefichert. Offenbar Ware», wie wir gleich vermuteten, die Nach­richten über diesen Sieg stark übertrieben, und Bu Hamara lebt nicht nur noch, sondern ist offenbar in Freiheit und bereitet neue Angriffe auf den Sultan vor.

Den Vorgängen in Nordafrika folgt man in F r « n k - reich natürlich mindesten« ebenso aufmerksam wie in England, obwohl Frankreich mit feinen inneren Schwierigkeiten gerade genug zu tun hat. Die Gefahr für da» Ministerium Combe», die fich au» der Brannt­weinsteuer-Novelle des Finanzministers Reuvier ergab, ist allerdings durch gegenseitiger Nachgeben noch ein­mal abgewendet worden; aber die Zustände werden doch immer unhaltbarer. Da» Vorspiel zum Hum­bert-Prozeß, der Beleidigungs-Prozeß Cattani- Humbert hat verschiedene republikanische Größe» in sehr bedenklichem Lichte gezeigt. Die Dreyfusisten lasse» nicht locker, um die „Affaire" wieder aufzuräh- ren, trotz allem Widerstreben» der ihnen befreundeten Minister. Dabei geht der Kulturkampf lustig weiter und hat neuerdings auch zu einem Konflikt der ftanzöfischeu Regierung mit dem päpstliche» Stuhle wegen der neuen Rechte geführt, die fich die Macht­haber in Pari» hinsichtlich der Ernennung von Bischöfen anmaßen. Wohin soll daS noch führen?

Unpolitische Zeitläuse.

(Nachdruck verboten.)

® Berlin, 19. Februar 1903.

Vor 115 Jahren hat Göthe sich de» Karne- val in Rom angesehen. Aus seiner ersten italienischen Reise vermochte er der Sache keinen Geschmack abzugewinnev; er meint, darüber könne man nicht schreiben, sondern höchstens plaudern, und wenn man den römischen Karneval einmal gesehen, so habe man genug. Aber bei dem zweiten Besuche Rom's ging dem deutschen Dichter ein anderes Licht aus. Jetzt gewann er so viel Verständnis sür das römische Faschings­treiben, daß er einen langen Aufsatz darüber schrieb, der recht genau und liebevoll aus die Einzelheiten eingeht und ein anmutiges Bild vom Karneval in Rom entwirft. Göthe hat auch den Kern der Sachs richtig erfaßt, wie folgende Sätze zeigen:

„Das römische Karneval (Göthe gibt ihm das sächliche Geschlecht) ist ein Fest, das dem Volk« eigentlich nicht grg-ben wird, sondern das sich dem Volk selbst gibt.

Der Staat »acht wenig Anstalten, wenig Aufwendungen dazu; der Kreis der Freuden bewegt fich von selbst, und die Polizei regiert ihn mit milder Hand.

Drr Unterschied zwischen Hohen und Niederen scheint einen Augenblick aufgehoben; alle- nähert fich einander. Jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die wechselseitig« Frechheit und Freiheit wird durch eine allge­mein gute Laune im Gleichaewichk gehalten."

Daran teflpft er die Bemerkung, daß die Saturnalien in der christlichen Zeit zwar ver­schoben waren, aber nicht aufgehoben feien. Er will also dar Faschingtreiben an daS alte Fest der Saturnalien anknüpfen, das die heid­nischen Römer um die Wintersonnenwende feierten. Der bezeichnendste Zug in den Satur­nalien war die kurzweilige Umkehrung veS Ver­hältnisses zwischen Herrschaft und Gesinde; dir Sklaven spielten einmal die Herren und ließen fich von der Herrschast bedienen.

Wenn Göthe daS Markentreiben aüf dem römischen Korso schUdert, so betont er besonders, daß keine protzige Aufspielerei von Einzelnen herrsche, sondern fich alle mit genügsamer Gr- mütlichkeit in daS Ganze fügten und ihr Ver­

gnügen darin suchten, daß fie auch den anderen Vergnüge« machten.

Der römische Karneval stand damals (1788) noch in vollster, urwüchsiger Blüte. Jetzt hat er, wie die ewige Stadt überhaupt, unter den Umwälzungen und dem modernen Geiste schon sehr gelitten. Die alte Gemütlichkeit gedeiht in den neuzeitlichen Weltstädten nicht mehr recht. Wo man aber den alte« guten Karnevalsgeist noch kennt, da wird man zugeben, daß Göthe die Wurzel« derselbe« richtig erkannt hat.

Wo der Fasching i« der Oeffentlichkett ge­deihen soll, muß daS Volk selbst der Festgeber sein. ES ist ein Baum, der fich nicht zimmern läßt, sondern gewachsen fein muß in der Ueber- lieferung und de« natürliche« Sitten der be­treffende« Bevölkerung. Es ist ein alter Baum, der fich nicht beliebig verpflanze« läßt. AIS man in den fiebenziger Jahren deS letzten Jahrhun­derts den Versuch macht, in Berlin einen öffent­lichen Karneval zu begründen, stand daS Volk verständnislos und eifig kalt dem Fastnachtszuge gegenüber; es machte nicht die geringste Anstalt zur Teilnahme, zum Mitspieler, sonder« be- trachtete die Veranstalter als wirkliche Narre», die verspottet werden wüßte«, kett dieser gründ­liche« Niederlage beschränken fich die Berliner Faschingsfreunde auf die geschlossenen Lokale, wo ma« nicht auf die Gnade des großen Publikums angewiesen ist.

Wenn nicht das ganze Volk, auch die bessere« Kreise, von Herzen mittun, so wird das Straßen- treibe« auch sofort polizeiwidrig, I« de« mo­dernen Großstädten ist der Janhagel zu mächtig; die Polizei ist nicht im Stande, ihrerseits bei ein em öffentlichen FastnachtS treiben Ausschreitungen zu verhüten. DaS Volk selbst^nuß Polizei spielen. Wen» die rohen Gesellen wissen, daß fie bei ärgerlichem Benehmen eS mit ihrer ganzen Hand- festen Umgebung zu tun kriegen, nehmen sie fich schon zusammen oder bleibe« fort. Damit erkiätt fich daS Rätsel, warum in gewissen Großstädten ein lustiger Karneval fich gemütlich abfp'ele« kann, während in andern, z. B. in Berlin, nicht einmal daS bischen Sylvesterulk fich ohne Rohheiten und Karneval abspielen kann.

I» Zusammenhang damit steht der wesent­liche Punkt, daß die soziale« Unterschiede sür de» Augenblick bei Seite gesetzt werde«. Hoch und niedrig, reich und arm, alle Stände und Klaffen müssen fich zusammen finden in dem gleichmäßige« Wunsche, sich einmal in der verkehrten Wett zu amüsiere» S» wird nichts rechtes, wenn nicht die Parole „Freiheit, Gleichheit und Brüderlich, leit“ herrscht. Gleiche Kappen, gleiche Brüder. Gäck, los Säck elanS! Maskenfreiheit, Narren­gleichheit, FaschingSgemütlichkeitmuß von denVor- lehme« und den Gewöhnlichen respektiert und ge- übt werden; dann erst kann unter dem Einflüsse der soliden Elemente ein erfrischendes Volksfest zu stände kommen; sonst bleibt es ein rohes Austoben von grünen Jungen und leichtsinnigen BrrgnügungSjäger«.

Ich fürchte, der altväterliche Karneval wird m Laufe der modernen Zeit immer mehr zusam­menschrumpfen. DaS liegt nicht nur in her wach­senden Roheit der großstädtischen Massen, son- d.rn auch an der zunehmenden Blasiertheit deS Nachwuchses. Alle Ballmütter klagen ja darüber, daß die moderne Jugend lieber in der Pose eines selbstbewußten Leutnants oder eines schläfrigen Kommis in de« Ballsäle« fich foul herumdrückt, alS daß sie das ortsübliche Tanzbein schwingt. Die selbstbewußten Herrchen wolle« unterhalte« werden, aber nicht selbst zur Unterhaltung Mit­arbeiten. Mit spöttischer Herablassung durch ein oder zwei Brillengläser sich einen FaflnachtSzug begucke«, das tun fie allenfalls noch in einer freien Stunde; aber selbst fich beteiligen a« einem ge­mütlichen Spaß auf Gegenseitigkeit — nein, das ist zu anstrengend und zu ordinär für ihres Vaters feine Söhne.

UebrtgenS ist nicht nur-die „vornehme“ Jugend blast-rt, sondern diese moderne Krankheit haust auch unter den jungen Arbeitern, de« Lehrlingen und Gesellen. Ach, wist altklug find die grünen Burschen, mit welcher Selbstgefälligkeit puff » fie ihre Zigaretten, wie wissen fie in ihren Gesprächen und oft auch in ihrem Benehme« den erfahrenen und abgebrühten Sünder herauSzubeiße«. Kind- lichkett und harmlose Lebensfreude find versch->un- drr.; frühreife und vorzeitige Uebersättigung treten an chre Stelle und machen auS dem Schwächling einen keifenden Schleicher, aus dem robuste« Ge­sellen eine« anmaßende« Polterer. Die sozial­demokratischen Einflüsse tragen zu dieser Vor- bildung erheblich bei. Ehe der Junge überhaupt die Welt kennt und selbständig denken kann, hat man ihm in Werkstatt, Kneipe und Versammlung schon Glauben, Respekt und Zufriedenheit auS- gettteben. Die Sozialdemokratte ist die verkör­perte Ungemütlichkeit. Ei« Volksfest, an dem auch di» Kapttaliste« und Ausbeuter teilnehme«, ist diesen verhetzten Leute« schon oo« vornherein

widerlich; nehmen fie daran teil, so spüre« fie den bedenklichen Trieb, in der einen oder andern Weise ihr Klaffen - Bewußtsein zur Geltung zu bringe«, entweder sich mürrisch abzusondern oder fich frech aufeufpkle».

Wie schon so viele Volksfeste, wird auch der Karneval einen immer schwereren Kamps umS Dasein führen müffen. Die auflackierten Schützen­feste und die neuzettlichen VereiuSfeste gebe« keinen vollwichtigen Ersatz.

Nun kann man ja sagen, es fei recht gut, daß die Gelegenheiten zur Verschwendung, zur Unmäßigkett und Unfittlichkett re. beschränkt wurden. Ja wohl; aber wenn vorne ein Der» gnügungrteufel zum Hause hinauSgegrault ist, so kommen hinten wieder mehrere hinein. Wo früher ein- oder zweimal im Jahre kräftig gefeiert wurde, da gibt eS jetzt alle Sonntage oder wenigstens alle vierzehn Tage Tanzmusik mit Zubehör. Und zahllose Kneipen stehen alle Tage offen, find alle Tage gefüllt und vielfach auch alle Nächte. Und wenn man ftüher in der Familie Wasser trank oder höchstens daS dünne HauSbier, fo gibt es jetzt bis nach unten hi» bayerisch Bier, alS ob damit daS menschenwürdige Getränk überhaupt erst anfinge; von der allzeit gefüllten Schnaps- fiafche wollen wir erst gar nicht reden. Bei den Festzüzrn auf der Straße läuft wohl manche Rohheit und Boshett mitunter; aber bei den modernen Vergnügungen in den vier Wänden kommen doch schlimmere Dinge vor. Ich glaube nicht, daß die moderne Welt sparsamer ober tugendhafter geworden ist, als unsere gemütlichen Vorfahre».

Auf dem FafchingSgrbiete zeigt fich ja schon ein Nachteil: Früher feierte man kräftig in der „fetten* Woche, aber am Aschermittwoch machte man auch gründlich Schicht unb ließ biS Ostern eine Ruhepause eintreten. Jetzt gehen die Maskenbälle und sonstigen Vergnügungen bis zum Palmsonntag weiter, und die betelligten Unternehmer schreie« schon, wenn die Polizei wenigstens in der Karwoche einige Mäßigung verlangt. „Kurz und gut ick wohl daS Beste", beißt eS in dem Kindersprüchlein. DaS vernünftige Maß in der Sache uvd in der Zeit zu wahren, gebietet sowohl das Gewissen, als auch der Ver­stand.

Hinter dem Vergnügen steht lauernd das graue Elend. Besonders sollen die FastnachtS- gecken von dem Katzenjammer am Aschermtttwoch bedroht sein. Jeder tst seines Katers Schmied. Wer nachher körperlichen ober moralischen ober finanzielle« Jammer spürt, ist mehr alS vergnügt gewesen, unb bas war unklug. DaS Uebermaß ist kein wahres Vergnüge« mehr. Die wahre, wirkliche beseligende Freude ist zu Ende, wenn die Leidenschaft durchbricht. Wir können das ja bei den neueste« Feste« beobachten; erst bleibt alles in vernünftigen Grenze» und da herrscht volle Gemütlichkeit, sichtliches Behagen ringS um­her; zum Schluß wird'S immer lebhafter, immer lautet und wilder, aber der herzliche Frohsinn strahlt nicht mehr aus den flickernden Auge«, und daS Ende ist oft verzweifelt ungemütlich. Wer klug ist, hört beim Esse», beim Trinke« und bei allen sonstigere Genüssen gerade dann auf, wenn's ihm am besten fchmeckt.

In liberale» Blätter« ist so oft die Rede, von dem Recht der Persönlichkeit und daß man fich auStoben müsse. Damit soll die Liderlichkett entschuldigt werbe«, bie nach verbotene« Genüsse« greift. Jawohl, bie Menschen müssen sich aus- toben, aber nicht im Ballsaal ober in Lasterkam- meru, sondern in der Werkstatt und am häus­lichen Herbe. Arbeiten unb für dieSeinige« sarge», baS ist bas wahre Lebe», und wer daS redlich tut, der spürt am Feierabend mehr Freude und Glückseligkeit in fich, alS er bei den üppigsten Feste» finden könnte. DaS sage«. Vergnügen ist nur dem Gewürz vom Lebensbraten zu ver­gleiche«. Ma» kann eS mitmachs», wie eS ver- nünfiig und schicklich ist, aber es muß Neben­sache bleibe« und darf den geregelten Lebensgang nicht auS dem Geleise werfen.

Wenn wir mit Göthe angefange» haben, so können wir auch mit Göthe schließen, der da sagt:

Tage» arbeit, Abends Gäste, Saure Wochen, frohe Feste, Sei dein künftig Zauberwort.

Die srohe» Feste müsse» in fleißigen Arbeits­wochen verdient unb verdaut werben.

KrrMfchte«.

* Aufklärung. „Ich hätte gar nicht gedacht, daß der filzige Meier so wohltätige Anwandlungen — neulich leitete er im Gaßhaus sogar eine Sammlung für eine Witwe ein, die den Zin» nicht erschwing«« fann." — „Ja, das ist die Witwe, die i» seinem Hause wohnt!"

* Entschuldigung. „Sie sind Automobilist, Bacv« ? . . . Habe» Sie auch schon Menschen überfahre« ?" — Nur zwei, Gnädigste, ich bin noch Anfängers