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niustrirte Sonntags ■Zeitung'*, „Suldaer 8esd)icW>lätteP und EofletüiDsfe,

Jfö 36.

JuLöcr, Samstag, den 14. Febmar 1903.

33. Jahrgang.

Wochen-Krmdschan.

Nachdruck verböte».

X Fulda. 14. Febr. 1903.

Die LtatSberatang im Reichstage steht seit dem letzten SamStag beim Reichsamt des Innern; da» Reflort des Grafen PosadowSky aber ist das­jenige, daS stets die ausgedehnteste« Debatten veran­laßt. Alle«, was mit Sozialpolitik zusammen» hängt, alle Fragen der Gewerbeordnung gehören zum Geschäftsbereich dieser Verwaltung. Wie immer, so find auch in diesem Jahre wieder eine Reihe sozial- polittscher Anträge hierzu gestellt. Da» Zentrum wahrt seinen alten Ruhm al» ttfrigste soziale Reform» Partei, indem eS die meisten und prattisch bedeut­samsten dieser Anttäge gestellt hat. Heraufsetzung de» Schutzalters der jugendlichen Arbeiter von 16 aus 18 Jahre, Verkürzung der Frauenarbeitszeit aus 10 Stunden und weiterhin überhaupt Einführung einer regelmäßigen zehnstündigen Moximalarbeitßzeit, dann Verbot der Mitgabe von Heimarbeit an jugend­liche Arbeiter, Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine und weitere Förderung einer Regelung de» Wohnungswesen» — da» find in Kürze au»ge- drückt die Ziele, welche die vom Zentrum gestellten und unterstützten Anträge zum Etat de» Inner« ver- folgen. Weitere Ziele seiner Sozialvolitik hat der Abg. Trimborn in der großen Rede entwickelt, die er bei diesem Etat, gleichsam al» ein soziale» Programm der Zentrum»partei, gehalten hat. Es ist anzuerkennen, daß Graf PosadowSky einem zwar gemäßigte« Tempo in der Sozialreform, aber doch im Ganzen guten Abfichten und vernünftigen An­fichten huldigt.

Nur sein« Anschauungen über de» Mittel­stand könne« wir nicht ganz teilen. Es ist »war richtig, daß da» wirklich nicht mehr Lebensfähige nicht lebendig erhalten werden kann, aber über die Frage, was nicht mehr und wa» noch lebensfähig ist, kann man verschiedener Ansicht sein. Auch der Trost, den Graf PosadowSky bereit hatte, nämlich, daß an Stelle de» absterbenden alten ein neuer Mittelstand trete, der au» den besseren Angestellte«, de» Beamten, Werkmeistern, Vorarbeitern u. s. w. der Großbetriebe besteht, ist ein sehr schwacher. Denn dieser neue Mittelstand bleibt bi» in» höchste Alter abhängig und unselbständig. Auf da» Einkommen allein kommt e» nicht an, sondern auf die Sicherheit und Selbständig­keit, aus da» Schaffen im eigenen Heim für eigene Rechnung. Daß dieser MUtelstand im gewerblichen und kaufmännischen Leben immer mehr verschwindet, ist eine betrübende Erscheinung, der «an doch nicht so gleichglltig gegenüberstehen sollte.

Standen so im Reichstage Arbeiter» und gewerb­liche Mittelstandsfrage« im Vordergründe der Er­örterungen, so war e» außerhalb des Parlamente» die Landwirtschaft, welche in der abgelaufenen Woche den Gegenstand de» öffentlichen Jnterkfle» bildete. Die „große Landwirtschaft-Woche", wie in Berlin die Gesamtheit aller Versammlungen dieser Tage genannt zu werden pflegt, war in diesem Jahre nach den Kämpfen um den Zolltarif, besonder» bemerkenswert. Bon den verschiedenen Veranstaltungen «ar die de» Bunde- der Landwirte nur äußerlich die bemerkenswerteste, denn daß die blind­ergebenen Anhänger de» Bunde-, die um diese Zett einige vergnügte Tage i« Berlin verleben, nur dazu dienen, um der Bundesleitung für ihre großen Sprüche die nötige Resonanz zu verschaffen, weiß und wußte man ja schon vorher. Auch ihr „Beschluß- War vom Vorstände de» Bundes vorher sestgkstellt. Ein Versuch der Herrn von Sröcher, die Zustimmung der meisten Konservativen zum Antrag Kardorff zu rechtfertigen, konnte in dieser Versammlung natürlich keine Wirkung erzielen. Umgekehrt war es aber dort, wo nicht das dröhnende Schlagwort, sondern die ernste, gewiffenhafte Arbeit etwa» gilt, in der Ver­sammlung des Deutsche» Landwirtschafts­rate-. Hier unterlag die bündlerische Richtung gegen eine große Mehrheit besonnener Landwirte, die dem ständigen Ausschuß des LandwirttchastSrate», der die Zustimmung deS Reichstag» zu« Antrag Kartmff gebilligt hatte, ihr volle» Vertrauen allSsptachen.

Im preußischen Abgeordnetenhanse «ahm die Etatsberatung in der letzten Woche auch eine ruhigere Gangart an. Die Behandlung sensatio­neller „Fälle" kann nun wohl al» abgeschloffen gelten. Erp beim Kultusetat dürste e» wieder mehr Leben geben.

Bon den anderen Einzelstaate« nehmen zur Zeit die süddeutschen durch kirchen» und schulpolitische Fragen oder — wie Bayern — durch die Ausein­andersetzungen, die an den Parteitag de» Zentrum» anknüpsten, da« meiste sachliche Interesse io An­spruch. In Bayern wie in Württemberg und in Baden schneidet da» Zentrum dabei sehr gut ab. In den "‘•S«1 de» großen Publikum» wag allerdings Sachse« zur Zeit der interessanteste deutsche Bundesstaat sein wegen bet traurigen Hofaffäre. Diese ist nun ent­schieden, indem die Ehe gerichtlich geschieden wurde wegen Ehebruchs unter Aufbürdung der Schuld auf die Prinzeflm. Diese hatte kurz vorher ihren Giro» fortgeschtcki und fich in eine Heilanstalt begebe«, um einen Aufschub oder eine Aenderung de- Prozesse» herbeizuführen. Aber vergeblich — man traute ihr nicht! Selbstverständlich bat die Ehe-Scheidung nur bürgerliche Folgen. Al- Katholiken bleiben der Kron­prinz und die Psinz ffin gebunden und können eine zweite Ehe nicht eingehen, solange der andere Ehegatte

noch lebt. Cb fich ein protestantischer Geist­licher findet, der Giron und Louise in feine „Kirche" aufnimmt und fie kopuliert, muß einstweilen auch noch bezweifelt werden.

Auf internationalem Gebiete veranlaßt der Brnezuela-Streit noch immer die meisten Preß­erörterungen. ES scheint, daß die Blokademächte und besonders England mit der Tätigkeit de» amerikanischen Bowen al- Vertreters von Venezuela mit gutem Grunde sehr unzufrieden find. Man sprach de-halb neuert)mg» von der Verweisung an ein Schiedsgericht. Aber niemand möchte das undankbare Amt über­nehmen. Anderersett» beharre« freilich auch die Optimsten dabei, daß ein befriedigender Austrag der letdigen Handels nahe bevorstehe.

Unklar ist auch die Lage in Marokko noch, da man schwer beurteilen kann, ob der jüngste Sieg der 'Sultanstruppen von entscheidender Bedeutung war. Man weiß nicht einmal so recht, was auS dem Präten­denten Bu Samara geworden ist. Der Stamm der Riuta, bei welchen er al» „Gefangener" weilen sollte, benimmt fich so zweideutig, daß man versucht sein könnte, Bu Hamara eher al» ihren Schützling denn al» ihren Gefangenen zu betrachten.

In F r a n I r e i ch ist der „Block" der Regierung»« Mehrheit noch einmal zusammengeleimt worden. Aus wie lange, muß abgewartet werd»». Fast jeden Tag finden fich neue Anlässe zu Zwistigkeiten in der Mehr­heit. Dazu gehört auch da» Branntweinsteuerprojekt deS FinanzministerS Rouvier, da» einem beträchtlichen Telle der Mehrheit sehr gegen den Strich geht. Doch wird wohl auch dieser Riß noch einmal geflickt werden.

Die iMbrntieg dks CWkiims, des «ltgkschichtlichrVniimiß des Papsttums.

ES gibt Leute, sonderbare Käuze, denen eS nicht wohl ist, wenn, fie nicht fortgesetzt Schmähungen gegen daS Papsttum erbeben. Labri ist t8 sonder­bar, daß diese Leute fich zu denjenigen rechnen, welche erst die richtige Bedeutung und den Höch- sten Wert deS Christentum» wollen erkannt haben. Wenn es ihnen aber wirklich Ernst ist mit dieser ihrer Betonung deS Christentum-, dann sollte« fie doch vor allem von Dank gegen jene welt­geschichtliche Trschetuung erfüllt fein, welche mehr denn jede andere die Ausbreitung des Christen­tum- als eigentliche Lebensaufgabe betrachtet und auipiflit hat.

Dw Ausbreitung des Christentums ist aber eben die eine große weltgeschichtliche Tätigkeit des Papsttum-, durch da- eS fo recht der Schöpfer und Träger der europäischen Kultur geworden ist.

„Wenn die Ausbreitung deS Christentums," sagt Herder in feine« Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (II., 336), „an fich ein Verdienst ist, dann hat der Oberhirr zu Rom fich dieses in hohem Grads erworben."

Dieses Zeugnis auS dem Munde einer Geg. «erS ist nicht- als die Feststellung deS tatsächliche« Bestandes.

Denn wem verdankt denn dieW;lt d!e Aus­breitung deS Christentums als eben den Päpsten? Niemals, auch nicht unter den Stürmen der Ver­folgung, haben die Nachfolger des Apostelfürsten PettuS deS diesem gewordenen Lehrauftrage- ver- geffen, in aller Welt da- Evangelium zu verkün­den. Wir wollen hier keine« befondern Nachdruck darauf lege», daß eS der Eifer für dis Ausbrei­tung des Christentum- war, welcher zu mancher Entdeckung fremder Läsder geführt hat.

Wo aber immer ein Volk aus der Nacht drS UnbekanntfeinS in den GrstchtSkreiS der Kultur­welt trat, war es sofort Gegenstand der väter­lichen Fürsorge des Papsttums.

Vo» Rom, dem Sitze deS Papsttums, gingen die mächtigsten Impulse aus, welche immer fort- wirkten und niemals erlahmten, mochten in den neuentdeckten Ländern dem j«gen Christentum auch die schwer-e» Verfolgungen zu teil w-rden.

Europa und Amerika, Australien, Asien und Afrika verdanken der kraftvollen Jntttative bei Papsttum» die Botschaft bei Christentum-. Wir wolle« nicht mit zahlreichen historischen DetaUS diese Tatsache belegen. Der eine Name deS von Gcezor XV. gegründeten Instituts der „Pro-, paganda (AuSbrettung) des christliche« Glauben»" redet allein Bände. Ziehen doch von diesem einzig in seiner Art dastehenden Weltinstitut jährlich Zöglinge aller Nationen und Sprachen alS Sendboten des Christentums hinaus In alle Welt WaS tn unteren Tage« alle Welt an 2i0 XIH. bewundert hat, fein energische- Ein­treten für das eben erst erschlossene Afrika, fein Aufruf zu der internationalen Antisklaverei­bewegung zum Schutze der Neger de- schwarzen Erdteil- — daS ist nichts andere-, al- eben die Betätigung des dem Papsttum innewohnenden Geiste- und der gesamte« Tradition dieser In­stitution. Während andere die Hilslostgkeit und geistige Rückständigkeit der Afrika-Neger miß­braucht haben zu schmachvoller Ausbeutung und den Namen der europäischen Völker durch ihre „Lrist"ungen mit Schmach bedeckt haben, hat diese- Volk im Papsttum einen Fürsprecher ge­funden, der vor aller Wett laut feine Stimme erhoben hat für besten Rechte.

Da- aber mögen die heutigen Kulturfanatiker wohl beherzigen, daß mit dieser Ausbreitung deS Christentum- da- Papsttum auch da- unerschütter­liche Fundament gelegt hat für den stolzen Bau der abendländischen Kultur.

ES ist unleugbar, war einmal Friedrich von Schlegel gesagt hat, daß die mit der Völker­wanderung zusammenfallende Ausbreitung de» Christentums unter den deutschen Stämmen durch die Bemühungen der Päpste die fruchtbare historische Grundlage eirer neuen moralischen und intellektuellen Entwickelung geworden fei.

Wer da- alle- in Erwägung zieht, kann nur mit Bedauern wahrnehmen, daß Leute in ihrem Romhaß sich zu den leidenschaftlichste« Schmähungen de- Papsttums hinreißen laste« und sich nicht schäme«, Ausdrücke, wie: „da- Papsttum fei der verhängnisvollste Irrtum der Weltgeschichte" auS der Feder fließen lasten.

DaS ist die Sprache der verblendete« Leiden­schaft, aber nicht die Sprache der geschichtlichen Wahrheit.

Unpolitische Zeitlänse.

® Berlin, 12. Februar 1908.

„Mummenschanz und Narrenposse« find jetzt zettgemäß." Du sollst und mußt lachen, heißt die Parole. Er wird dann auch ein krampf­hafter Spaß, eine schweißtreibende Lustigkeit daraus.

„Spaß muß fein!" Nun, meinetwegen. Aber gibt es den« nicht schon Narrheit genug in der Welt, ohne daß man eine zeitweilige Fabrik für Narretei in Beiri b fetzt? Gibt eS nicht schon ge­nug Leute, die alle 12 Monate deS Jahre» hin­durch ohne Kavpe und Klapper die lächerlicvsten Gecken spielen? Wer lachen will über die Tor­heiten dieser Welt, findet fortwährend Urbelflaß an Stoff. Im Notfälle kann er auch mal in den Spiegel blicken.

Auch Verkleidungen find außerhalb der Faschingszeit an der Tagesordnung. Ich kenne eine Menge von Mädchen und Frauen, die fich alle Son», und Festtage recht spaßhaft verkleiden und mit diesem KarueoalSkostüm sogar in die Kirche gehen. Da» Dienstmädchen donnert fich aus wie eine Theaterprinzesfin, und die ehrsame FlickschusterSgattin schreitet einher wie eine Gräfin von hundert Ahnen und zehn Schlöffe»«. Bon weitem steht daS imposant an», in der Nähe sehr spaßig. Denn der modische Kram paßt nicht zu den robusten Gliedmaßen, den ungeschickten Bewe­gungen, den grobgejchnittenen oügen. Wer genau zusteht, denkt sofort: Verunglückte Marke, ich kenne dich! — und lacht innerlich über da» auf­gedonnerte Pfiingstkälbchen, die auSstasfierte Pfi»gst!uh. Die maskierte« Damen selbst aber merken nicht» von Spaß und Spott, fie find fast überzeugt, daß die Männer fie bewundern, und die Frauen fie beneiden; da» letzte ist dir Haupt­sache.

Die Weiblichkeit treibt zumeist den Mum­menschanz der Eitelkeit und wird dabei lächerlich, weil der unpaffenbe Putz, dir grobe Be­malung, der protzige Schmuck, da» gezierte Wesen erst recht die Mängel und Häßlichkeiten hervor­treten taffen. Die Jugend treibt den Mummen­schanz der Großmannssucht; der grüne Bursche, der bei knabenhafter Tracht und Haltung recht hübsch auSsehen könnte, wirkt alS krank- Hafter Stutzer fürchterlich komisch, vielfach s-gar widerwärtig, daß man sich versucht fühlt, ihm durch Nachholung der versäumten Prügel seine Jugend wieberzuoetschaffen. Die Männer ma». tieren fich bald al» Helden der Tat, bald al» WeiSheitSheld im Rat. Wenn man die Lruie .sieht und hört, (letztere» namentlich am Stammtisch) so sollte man S kaum für möglich halten, daß eS auf dieses» Jammererde fo viel Tapferkeit nnd Männertugend, so viel Scharfsinn und Klugheit geben könne.

lieber das „Jägerlatein" der Waidmänner wird viel gespottet, aber unter den Spießbür­gern, die nicht auf die Jagd gehen, gibt es sehr viele, die meisterhaft fich und den geduldigen Zu« Hörer« die Hacke vollschwindeln. Faulpelze trock­nen mit theatralischer Gi ündlichkeit fich de« Schweiß ab, der gar nicht ausgedrochen ist, und Feiglinge, bie vor dem Stirurunzeln ihrer befferen Hälfte unter den Tisch krieche«, spielen sich auf wie Herkules und Siegfried. Der verworrene Kopf redet klüger wie zehn Reichstags • Abgeordnete, und wer sein kleines Geschäft nicht in Ordnung 8« hallen «ersteht, besorgt im Handumdrehen die Reform der ganzen Gemeinsr», Staats» und Reichsoerfaffung, rückt auch zwischen dem — dritten und vierten Schoppen die ganze Wett wieder in ihre Angeln. Manchmal wird so einem närrischen Bramarbr- wohl von einem offenher­zigen Freunde die Wahrheit gesagt; aber er will sie nicht hören und verstehe«, er glaubt, daS sei nur Reid, und der Neid behagt ihm, weil e» eine andere Sorte vo« Bewu«derung ist. Oft

kaffe« die Zuhörer daS Maulheldentum stillschwei­gend oder gar mit lächelnder Höflichkeit über fich ergehen, und der Narr nimmt daS als Bewun­derung hin, ohne von dem verkniffene« Gelächter etwas zu ahnen. Er selbst freilich spottet manch­mal mit über andere Gecken, die «eggegangen find; doch der naheliegende Gedanke, daß eS ihm ebenso ergeht, wenn er den Rücken gewendet hat, kommt ihm nicht in den Sinn.

Der Unterschied ist der: Zu Fastnacht wollen vernünftige Menschen die Narren spielen, und in der übrigen Zeit deS Jahres «ollen die Narren fich als vernünftige Mensche« aufspielen.

Der FastnachtS-Seck ist imstande, zur Erhei­terung seiner Mitmenschen sich selbst zu erniedri­ge«; er stellt fich dumm und macht sich häßlich rc. Der unbewußte Geck dagegen will immer oben hinaus, er will seiner und schöner, reicher und vornehmer erscheine«, als wie er wirklich ist. ES seht ihm wie den Erfindern der Flugmaschine. Mit künstlichen Flügeln kommt man schwer in die Höhe, aber ungeheuer leicht wieder herunter, manchmal etwas plötzlich. Wer klug ist, hebt be« Kopf nicht höher, als die eigenen Bene ihm gestatten, Eine große Lebensweisheit liegt in dem bib­lischen Gleichnis: Wenn du zur Tafel geladen bist, fo sitze dich unten hin und mcht oben; wenn der Gastgeber dich von unten heraufholt, fo hast du Ehre, aber wenn er dich von den oberen Plätzen nach unten weist, fo hast du Schande. — Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Der andere Teil diese-Spruche-: Wer fich selbst erniedrigt rc, mag vielleicht manchem schwachen Herzen schwer verständlich sein. ES wird ja auch nicht von Jedem verlangt, daß er heldenmütige Akte der Demut setzt und fich selbst schlechter macht, alS er ist. Wohl aber muß Jeder bei der Wahrheit und Wirklichkeit bleiben und fich selbst nicht besser mache« wollen, alS er ist.

Da ist z. B. einer, bet baS Pulver nicht erfunben hat. Sein Gehirn ist etwa-schwerfällig; er weiß nicht viel unb denkt langsam, manchmal denkt er auch hübsch vorbei. Dabei könnte et aber als fleißiger Geschäftsmann unb braver Familienvater richt glücklich und in alten Ehren leben, wenn er nicht die Sucht hätte, sich al­be« klugen Manu aufzuspielen. Für ihn wäre Schweigen baS lauteste Sold; doch er kann nicht den Munb zuhalten, sondern muß immer da­zwischen reden, wenn bie Leute über Dinge sprechen, von benen er nicht» versteht. Unb habet blamiert er fich regelmäßig. Wer nicht teilen kann, soll xiit aus'- Pferd steigen; ein unbeholfener Sonn- tagSreiter wirb verspottet, währenb bet bescheidene Fußgänger freundliche Aufnahme findet.

Die Frauen wollen durchaus schöner sei«, als sie find. Dabei suchen fie die Schönheit an der verkehrten Stelle, Die Fähnchen au- dem Mode- bazar, Teit'S Diamanten, Schnürleib und Puder, spitze Schuh und verdrehte Friffuren sollen ei machen. Die wirklichen „Schönheitsmittel" aber find Gesundheit, Frische, Einfachheit und Anmut in ben Bewegungen. War hilft z. B. der elLr« feinste Schuh dem F äulei«, wenn eS nicht ordentlich darauf gehe» kann? Die gefallsüchtige« Damen wessen anscheinend gar nicht, wie häßlich fie ein steifer Sang macht und wie viel Wohl- gefallen dagegen eine sriicher, elastischer Schritt erregt. Aehnlich steht eS mit dem Benehme«. Ein stolze- G-ficht unb ein hochfahrende- Wese« mögen für Heldinnen unb Huldinne« von ganz besonderen Vorzügen wohl paffe«; für die Durch­schnitt--Mädchen und -Frauen aber gibt eS nichts Schönere- und Klügeres, als bescheidene Freund­lichkeit. Da- Veilchen ist schön unb wirb be­wundert und geliebt, wenn eS fich einfach als Veilchen gibt. Wollte es fich auf ben Rofenstock schwingen oder fich zur Georgine aufblähen, so würbe e- häßlich unb lächerlich.

Und dann da- närrische Bestreben, fich über seinen Stand zu erheben, den Schein deS Reich­tum- unb bet Vornehmheit zu erwrckm! Nein, die Leute find wirklich nicht so dumm, baß sie fich durch Flitterkram unb Großtuerei täuschen lassen. Deine Bekannten wiffrn ja doch genau, «aS bu wert bist — manchmal noch besser, al» die EinschätzungSkommiffion. Wenn bie Fra« auS einem knapp gestellte« Hause in einem neue« seidenen Kleide herumrauscht, so erhöht er nicht be« Kredit, sonder« regt vielmehr die Frage a«: Wo ist fie denn da» schuldig geblieben? Und «er mit bet Komödie bi» Reichtum- unb der Vornehmheit Schwiegersöhne einfangen will, der muß schon auf polizeiwidrig dumme Exemplare dieser Art rechne«. Denn im allgemeinen find die modernen HeiratSkandidate« viel zu gerissen, als baß fie nicht erst gründliche Erkundi­gungen über die Mitgift unb bie sozialen Vor­teile einigen. Unb bann sagen fie fich: Ei« bescheiden», einfache- Mädchen ohne Vermöge« kann mm allenfalls heiraten; aber ein hoch­fahrende-, prunk' unb genußsüchtige- Fräulein. baS kaum Mittel zur Befriedigung ihrer großen Ansprüche mitbringi — nicht in die Hand!