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Jto 25.
Jutöa, Samstag, den 31. Januar 1903.
30. Jahrgang.
Ip^ites Wolf.J
Wochen-R«ndscha«.
, Nachdruck verboten.
X Fulda. 31. Jan. 1903.
Kaiser Wilhelm II. dat am Dienstag seinen 45. Geburtstag gefeiert. Das in seiner großen Mehrheit treu monarchisch gesinnte Volk bat ihm an diesem Tage so herzlich wie immer seine Glückwünsche dargebracht. Das deutsche Volk läßt sich in seiner Anhänglichkeit an da- angestammte Herrscherhaus nicht beirren, am allerwenigsten durch die Hetzereien der Sozialdemokraten, die in letzter Zeit im Reichstage den Versuch machen, durch übermäßig scharfe Kritik an dem Verhalten und den Reden des Kaisers die monarchische Gesinnung des Volkes zu untergraben. Der Präsident des Reichstages Graf Balle« strem ist stets darauf bedacht gewesen, die Person deS Kaisers nach Möglichkeit aus den Debatten des Reichstages fernzuhalten. In letzter Zeit war dies nicht mehr in der Weise, wie es früher allgemein üblich war, möglich und am Donnerstag der vorigen Woche konnte Graf Ballestrem es nicht verhindern, daß der Abg. Bebel die kaiserlichen Reden scharf krfti- sirte. Daß der Kaiser dem Grasen Ballestrem die Zu« laflung derselben nicht übel genommen, beweist die hohe Auszeichnung, die er dem Grafen Ballestrem durch die erbliche Berufung ins preußische Herrenhaus hat zu teil werden lassen; mag diese Berufung nun mit den Vorgängen der letzten Zeit zusammenhingen oder nicht, sie wäre unmöglich gewesen, wenn der Kaiser dem Grafen einen Vorwurf daraüs gemacht hätte, daß er die Besprechang beglaubigter Kundgebungen de» Kaisers int Reichstage gestattet.
Diesen Vorwurf hatte ihm dagegen die .Kreuz- zeitung', da« Hauptorgan der konservativen Partei, machen zu solle» geglaubt. Sie hat diesen Vorwurf allerdings nachher widerrufen, indem sie bemerkte, nur der Kaiser selbst könne eine Hereinziehung seiner Person in die Reich»tag»debatten verhüten. Aber sie hätte sich daS eher überlegen sollen. Inzwischen hatte Graf Ballefire» bereits, in der Annahme, daß hinter dem tadelnden Artikel der.Kreuzzeitung' die konservative ReichStaglfraktion stehe, sein Amt al» ReichStagSprSsident niedergelegt. Die konservative und die uationalliberale Partei versicherten de« Grafen nun sofort ihre» ur.veränderten Vertrauen», da» durch da» Mißtrauensvotum der Sktndaldemokratie nicht ausgewogen wird, und alle großen Ordnungsparteien de» Reichstages bemühte» sich, den so ost in den schwierigsten Lagen als vorzüglich bewährten Präsidenten seinem Amte zu er» hättet,. Am Donnerstag ist denn auch seine Wiederwahl al» Präsident erfolgt.
Weniger aufregend und erheblich kürzer al« im deutsche« Reichstage ist i» preußischen Abgeordnetenhaus e die erste Lesung de» Etat- ausgefallen. Jetzt befindet es sich schon mitten in der zweiten Lesung der Spezialberatung. Die bi»her erledigten Etat», die der Domänen und Forsten und der landwirtschaftlichen Verwaltung gaben zur Erörterung landwirtschaftlicher und forstlicher Fragen reiche Gelegenheit, hielt sich aber in engst-m sachliche« Rahmen, und bi» auf einzelne kleine Erinnerungen bliebe» sie frei von einem Nachhall der großen Kämpfe um den Zolltarif im Reiche.
Auch im Au »lande hat dieser Zolltarif lange nicht die Aufregungen hinterlassen, die feiten» seiner deutschen Gegner vorauSgesagt waren. I» Rußland z. B. denkt kein Mensch an einen Zollkrieg. Ma« weiß, wie sehr man Deutschland nötig hat al» Absatzgebiet der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Rußlands ebenso wie al» Lieferant der russischen Industrie und Beleber seine» Handelsverkehr» in Europa und Russisch-Asien. Daher hat auch die russische Presse bei Gelegenheit des Besuches de» deutschen Kronprinzen in Et. Petersburg, der erst mit Anfang dieser Woche wieder zurückgelehrt ist, der Zuversicht Au»druck gegeben, mit Deutschland wirt- Kmftlich wie politisch im besten Einvernehmen zu eiben.
Rußland hat auch den begreiflichen Wunsch, daß Deutschland de« russisch-österreichische» Vorgehen bezüglich Mazedoniens keine Hindernisse bereite. DaS kann Deutschland um so leichter zugestehen, als es auch im Interesse des von ihm begünstigten Sultans liegt, wenn er für eine gründliche Abstellung der Beschwerden über die türkisch« Verwaltung baldigst Sorge trägt. Allerdings machen ihm die muhamedanischen Albanesenhiuptlinge dabei große Schwierigkeiten. So verlangten sie dieser Tage von dem Sultan, daß er keine Christen in der Verwaltung, Rechtspflege und Gendarmerie anstelle. Gerade aber darauf ko»»t es an, daß die Unduldsamkeit de» muhamedanischen Element» endlich einmal gebrochen wird.
Während hier meisten» Rußland die moralische Unterstützung Deutschland» sucht, steht e» jetzt fest, daß im fernen Weste», in Venezuela, England e» war, welche» dem Deutschen Reiche ei« gemeinschaftliche» Vorgehen vorgeschlagen hat. Daher kann denn natürlich auch von einer Zustimmung der englischen Regierung zu der in manche» englischen Blättern betriebene« Hetze gegen Deutschland keine Rete sein. Diese Hetze, die auch i« Amerika stark betrieben wird, hat begreifliche, Weise auch die Beschießung der Forts San Carlo» durch die deutschen Kcicgs- schisse im schlimmsten Sinne gedeutet, als ob Deutschland auf Landerwerb in Venezuela auSgehe. Tat
sächlich aber war es daS Fort, welches zuerst auf den „Panther" geschossen hat, al« dieser den Schmuggel über b;e Lagune von Maracaibo verhindern wollte. Der Zwischenfall bat übrigens einen günstigen Fortgang der in Washington zwischen den Vertretern der Mächte und Bowen, dem Bevollmächtigten Castros, geführten Verhandlungen eher gefördert als beeinträchtigt. Es scheint, daß die Aushebung der Blockade nahe bevorsteht, da Castro einen Tell der Zolleinnahmen von La Guayra und Puerto Cabello als Bürgschaft für die Erfüllung der Forderungen Deutschlands, Englands und Italien« angeboten hat.
Für unS Deutsche war in der letzten Woche besonders bemerkenswert eine Rede Les französischen Sozialistenführers JaureS gegen die Revanche- Schwärmerei. Er verlangte, daß von einem Kriege gegen Deutschland keine Rede mehr sein solle, und wünschte ein friedliches Zusammengehen des Zweibunde» mit dem Dreibund. Die Mevrheit der Kammer spendete ihm begeisterten Beifall. Weniger erfreulich ist der unauslöschliche Haß dieser Mehrheit gegen die katholische Kirche. Diese Brrfolgungswut ist so groß, daß sie selbst dem radikalen Ministerpräsidenten Co mb es zu arg geworden ist. Daß ihm dabei schon lange nicht mehr wohl ist, haben wir zwar schon öfter bemerkt, aber so entschieden wie in den letzten Tagen hat er sich noch nie gegen die blinde Wut seiner Gesinnungsgenossen gewandt. Ja, er trieb diese fast zur Raserei, als er sogar die hohe Bedeutung der Religion für die Volkserziehung anerkannte. Schon betrachten ihn die Radikalen als einen Abtrünnigen und drohen, ihn demnächst zu stürzen. Beinahe wäre es schon jetzt dahin gekommen: für ihn erklärte sich nur eine ganz knappe Mehrheit von wenigen Stimmen, und er wäre in der Minderheit geblieben, wenn nicht die Katholiken zum Teil für ihn gestimmt hätten; der linke Flügel seiner eigenen Partei stimmte gegen CombeSI Leider ist, wenn er stürzt, kein besserer Ministerpräsident, im Sinne der Katholiken, an seiner Stelle zu erwarten. Di« Mehrheit der Kammer »erharrt nun einmal bei ihrem blinden Kirchenhasse.
♦ Die neueste soziale Gesetzgebung, soweit dieselbe den Arbeiterfland betrifft, wird in übersichtlicher Darstellung in Nr. 18 der vom Loiksverei» für da« katholische Deutschland herauSgegebene» sozialpolitischen Flugblätter behandelt, welcher jetzt in neuer Auslage erschienen ist unt r dem Titel: „War ist für die Arbeiter in der neueste« sozialen Gesetzgebung geschehen?" (Zn beziehen von der Zentralstelle deS VolksveretnS in M.-Gladbach.) Die wichtigsten gesetzgeberischen Erfolge der letzten Jahre: Scheitern »er sogen. Zuchthaus-Vorlage und Aufhebung deS sogen. VerbindungS- Verbotes, die Verbesserung durch das neue Invaliden- und Unfallversicherungs-Gesetz, sowie die neuen durch die letzte SewerbeordnungS- Novelle oder neuere Bundesrats • Verordnungen getroffenen Arbeiter- Vorschriften, ferner die Reform der Gewerbege- richte, die Fortschritte in der WohnungS-Gesetz- gebung, die bevorstehende Regelung der gewerblichen Kinderarbeit und sonstige in näherer Aussicht stehenden Reformen werde» in diesem Flugblatte kurz in die Erinnerung gerufen. Zugleich wird damit durch die nackten Tatsachen he Hin- fälligen der sozialdemokratischen Phrase» oo» den „kläglichen" und „unbedeutenden" sozialpolitischen Erfolge» dargetan. Flugblatt Nr. 18 bildet als» eine gute Ergänzung bei vor einiger Zeit ebenfalls in neuer Auflage erschienenen Flugblattes Nr. 3: „Was har daS Zentrum für die Arbeiter getan?" Zur Verbreitung in Arbeiterkreisen, namentlich t« Anschluß an Vorträge über die neuere soziale Gesetzgebung eignet sich Flugblatt Nr. 18 umsomehr, als es mit einem Appell an die Arbeiter schließt und diese daran erinnert, daß ste auch selbst Pflichten gegenüber der Gesetzgebung zu erfüllen haben. „Die Arbeiter," heißt eS da, „müssen fich vor allem über die zu ihrem Nutzen geschaffene» Gesetze genau unterrichte» durch aufmerksame- Lesen einer guten Arbeiterzeitung und geeigneter Schriften, eifrigen Besuch belehrender Vorträge in den Vereinen und womöglich Teilnahme an einem sozialen UnterrichlS-Kursus. Solche gründlich: Unterrichtung brauchen die Arbeiter umsomehr, als ste doch selbst in ihrem eigenen Interesse an der Durchführung der sozialen Gesetze mitwirken müssen. Denn einerseits können diese ihren vollen Nutzen nicht entfalte», wenn noch ein sehr großer Teil der Arbeiterschaft z. B. (nach ben steten Klagen der GeweLbeinspektionSberichtr) um Unfallverhütung«' und andere Arbeiterschutzvorrichtungen fich überhaupt nicht kümmert oder an de» Wahlen der Arbeitervertreter für die Gewerbe- zerichte und Krankeukassen nicht teilnimmt rc. Andererseits bildet eine solche Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit der Arbeiter sicherlich für Regierung und Volksvertretung kein Ansporn zu weiteren Reformen. Möchten daher alle Arbeiter ihrer Pflichten gegenüber der sozialen Gesetzgebung stets eingedenk sein! Möchten sie ein recht große» Interesse hierfür ganz besonder« auch bei den Abgeordneten wählen krkunden, wenn es gilt, derjenigen Partei, welcher sie die bisherigen Erfolge
haupliüchttey zu Sanken haben, unserem bewährten Zentrum, ein Vertrauensvotum auszustellen. Kein pflichttreuer Arbeiter darf dann zurück- bleiben, denn jede Stimme bedeutet für unsere Abgeordnete» einen Zuwachs an Ansehen und Einfluß gegenüber der Regierung, welcher sie um so mehr in den Stand setzt, die Interessen der Arbeiter mit allem Nachdruck zu vertreten."
Unpolitische Zeitlänse.
® Berlin, 29. Januar 1903.
Sind die Menschen zu Sklaven der Maschine herabgesunken?
Neber diese Frage sprach zu KaiserSgeburtS- tag lder Rektor der 'technischen Hochschule von Berlin. AIS Professor hatte er seinem Thema natürlich eine gelehrte Fassung gegeben; erstellte die Frage so: Ist die Unfreiheit der Kultur eine Folge der Jngrnieurkunst? DaS häßliche Fremd- wort „Ingenieur" ist leider an Kindesstatt angenommen worden. Unter Jngenirurkunst versteht der Professor die gesamte Ausnutzung der Naturkräfte zur Arbeitsleistung, also daS ganze Maschinenwesen und was dazu gehört, besonders die moderne Industrie.
In der Tat ist die Welt im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft der Maschine gekommen, und eine gewaltige Zahl von Menschen find dabei auch zu Maschinen geworden.
Ein Hirt in einem wilden Lande, so sagt ein englischer Weltbetrachter, führt ein würdigeres nnb glücklicheres Dasein, als ein schweizerischer Fabrikarbeiter, der von seinem zehnten Jahre ab bis in sein Grab täglich 14 Stunden lang ein bestimmtes Rädchen für das Uhrwerk immer von neuem herstellt.
Daran ist e>was wahres. Leider ist eS erst recht wahr, daß die jungen Leute sich von der menschenwürdigeren Tätigkeit In der Landwirtschaft abwenden und haufenweise zu der geisttötenden und gesundheitsschädlichen Fabrikarbeit fich drängen. Bei dem weiblichen Geschacht tft es jr ebenso. Die Hausarbeit, die daS Dienst- mäsche» in einer bürgerlichen Familie zu leiste» hat, ist doch gewiß viel schöner, als die mechanische Täligkett zur Bedienung eines WebestuhleS oder einer Spule. Und doch laufen die Rädchen in die Fabriken.
In Afrika werden noch Sklavenjagden veranstaltet. Die Maschinen brauche» nicht auf die Jagd »ach Mensche» fleisch zu gehen; ihnen ströme» die Sklaven von selbst zu. Eine Unmasse moderner Menschen betrachtet eS al» eine Befreiung und Erhebung, in den Sklavendienst der Maschine zu treten und auf dem Altar dieses neumodischen Götzen fich langsam aufopfern zu dürfen.
Um daS zu verstehen, meß man freilich bis zu dem Hintergedanke» dieser Fabrikschwärmer ootdtinge». Sie meinen, wenn sie zehn bis vierzehn Stunden täglich im Dienste der Maschine arbeiteten, so blieb ihnen der Rest der Zeit zur freien Verfügung, zum Genuß aller der Ver- gnüge», die fich in den industriellen Orten bieten. Sie hoffen als Sklaven erst recht frei zu werden, und geraten so für ihre Arbeitspause» i» eine falsche „Freiheit", die oft an Leib und Seele noch mehr aufreibt, als die Arbeü selbst.
Der gelehrte Prosiffor faßt die Frage elwaS *h enge, wenn er nur die unmittelbaren Wirkungen deS Maschinenwesens und die veränderte Arbeitsweise in Betracht zieht. Nein, die Umgestaltung der ganze» Lebensweise ist sie Hauptsache. Die ganze menschliche Gesellschaftsordnung hat fich umgestaltet. Früher war jedermann e i» g e g l i e d e r t in den kleine» u»d größere» Verbände», zu denen er von Natur und Rechtswegen gehört. Jetzt ist er ei» Einzel- mensch, der dasteht wie ein Baum mitten im Felde, losgelöst aus dem traulichen Waldoerbande, «frei und haltlos, preisgegebe» den Stürmen und dem Sonnenbrand.",
Wie stark war einst die Familie! Jetzt kehrt der genußsüchtige Bursche und das eigensinnige Mädchen den Eltern einfach den Rücke», wenn sie so weit aufgeschoffen find, daß sie bei der Bedienung irgend einer Maschine ihr tägliches Brot verdienen können. Früher wurde» Lehrling, Geselle und Meister in der strengen Zunftordnung zu gedeihlicher Entwicklung und heil- samer Zucht ar gehalten; jetzt haben wir Gewerbefreiheit, bei der jeder »ach Beliebe» fich und andere ruinieren kau». Wer ist den» jetzt noch verwachsen mit der « em ei» d e? Freizügigkeit heißt die Parole, daS Heimatgefühl schwindet. Sie »ganze Welt" steht dem modernen Menschen offen, aber eine wirkliche Heimstätte hat er dabei doch nicht.
DaS Alte stürzt, e« ändert fich die Zeit, sagt der Dichter. Damals war die Maschiuenwirtschaft mit ihre» gewaltige» Wirkungen »och nicht im Schwünge. Sonst hätte er schwerlich so ver
trauensvoll hinzugefügt: „Uno neues Lebe» blüht aus den Ruinen!" DaS neue Leben, die neue Gliederung der zerriebenen Gesellschaft läßt leider »och auf fich warten.
Nun sagte der Professor in seiner Festrede, die Maschine werde in ihrer weiteren Vervollkommnung schon wieder menschenwürdige Verhältnisse herbeiführen. Al« die ersten Dampfmaschinen gebaut wurde», mußte ein Mensch danebenstehen, der nicht« anbei« zu tun hatte, al« »ach dem Takte ber Maschine bie Dampfhähne immerfort auf» uub zuzubrehen. Balb brachte man einige Räbchen und Stangen an, welche diese Hahnsteuerung mittel« ber eigenen Kraft ber Maschine besorgte, sodaß ber menschliche Hahnbreher entbehrlich wurde. Solche Vervollkommnungen bet Maschinen find noch mehrfach erfolgt und werden gewiß noch erfolgen. Die mechanische Tätigkeit be« Menschen bei der Ueberwachung uub Bedienung ber Maschinen schrumpft also zusammen; der Dienst ber Maschinensklaven ist nicht mehr so grob, wie früher. Aber ob da« eine Erlösung bedeutet, ist doch noch fraglich. Werden beim Muschinendterst bie Muskeln erleichtert, so werben bie Nerven um so stärker angespannt und um so schneller verschlissen. Je vollkommener die Maschinen find, desto größer ist die IKapttal«- anlage, desto schwieriger die Rentabilität, desto mehr muß also bie Maschine leisten. Der Betrieb wird intensiver, wie man sagt, und jeder intensive Betrieb, in ber Industrie wie in ber Landwirtschaft, bedingt eine stärkere Anspannung der menschlichen Leit- und Hilfskräfte. Fort und fort betätigt fich da da« alte Gesetz, baß bie Maschinenarbeit bie Menschenarbeit nicht erleichtert, sonder» nur verändert.
Al« die Maschine aufkam, dachte man, sie nähme dem Menschen die Arbeitslast ab, unter der er bisher geseufzt, und wäre den Heinzelmännchen gleich, von denen es im Liede heißt: „®enn war man faul, man legte sich hin auf die Bank und pflegte fich ; ba kamen bei Nacht, eh' man’« gebucht, bie Männlein nnb schwärmten und klopfte» untr lärmten rc. Und war der Schläfer dann erwacht, so war bie Arbeit schon gemacht." Nein, bie Maschinen taten keine Arbett für schlafende Stute, sonder» sie zwange» die Mensche», erst recht wach und arbeitsam zu bleiben. Die Arbeitsleistung steigerte sich im ganze» ans ba« zehn-, hundert- unb tausendfache, und wenn die Maschinen auch den gröbste« Teil der Mehrleistung auf fich nahmen, so fiel auf die Menschen doch noch mehr Arbeitslast, al« früher, und um die Massenerzeugniffe an den Man» zu bringen, mußte ste billig sein. Da nun von dem Verkaufspreise erst die Rente für die Maschinen uns sonstige» Anlagen, darnach der Gewinn de« Unternehmer« bestritten werden mußte, so blieb für den Arbeitslohn nicht viel übrig. Die Leute drängte» fich massenhaft zu« Maschinendienst in de» Fabriken, deshalb brauchte ber eigennützige Unternehmer ihnen nicht viel zu bieten, rot: er an Lohn noch an sonstigen Vorteilen.
Je diese» traurige» Anfangs - Verhältnisse» hat nicht die steigende Jngenieurkunst Wandel geschafft, sonder» vielmehr die Sozialreform. Die Arbeiter, die zunächst eine zerriebene, haltlose Masse darstellten, finge» im neuen Standes- beroußtsein an, fich zu organisiere». Bei einem Telle der Unternehmer erwachte auch daS menschliche unb christliche Gefühl für soziale Pflichten. Große Parteien forderte» den Schutz der Schwache»; vor allem stellte daS Zentrum schon im Jahre 1877 in dem Anträge Gale» die Grundzüge der Sozialreform auf. Dann fing in de» 80er Jahren die staatliche Gesetzgebung zum Schutze unb 8« Wohlfahrt der Arbeiter an. So tarn bann allmählich eine Milderung bet neuzeitliche»Nebel in Gang. Schutz der Kinder nnb Frauen, Sonntagsruhe, Fürsorge für Verunglückte, Kranke unb Invalide», Schutzvorrichtungen, Arbeitspause», Verkürzung der übermäßige» Arbeitszeit — daS ist teils mühsam errungen, teils »och ein Gegenstand des Ringens. Zwischen die gesetzgeberische» Reformen schoben fich Lohn kämpfe, bie eine» angemessenen Anteil der Arbeit an dem Gesamterträge zu sicher» suchten; und alS Gru»dlage für die Vervollkommnung der einheimische» ArbettS- Verhältnisse mußte das Schutzzoll-System auSgebaut werden. Politisch «olle» wir a» dieser Stelle nicht werben; aber diese Dinge mtffe» wir hervorheben, um zu zeigen, daß die Vervollkommnung der Maschinen für sich allein de» Kohl nicht so fett machen kann, wie der Professor in seinem Bortrage u»S glaube» mache» wollte. Die Jngeuieurkunst schafft neue Verhältnisse, aber noch keine gute» Verhältnisse. Wirkliche Sknltur- fortschritte, bie dem Wohle bet Menschheit diene», Mnur baS praktische Ehriste» tu», daS den staatlichen und gesellschaftlichen Sozial- «formen betätigt.
Und damit komme« wir auf de» Ker» der Frage, warum jetzt i» der Welt so viel Unrast und Uizafriebenheit, so viel „Urfreiheit der