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IuEöcr, Samstag, den 24. Januar 1903.

30. Jahrgang.

Mochert-Krmdschim.

. Nachdruck verdate«.

X Fulda. 24. Jan. 1903.

I» Zeichen der Etat» stand die letzte So^e, — »der richtiger im Zeichen der Etats» der«tung. Den« diese wird keineswegs nur durch de« Inhalt des Etat» selbst bestimmt; alle Schmerzen, die die Verschiedenen Parteien a«f de« Herzen habe«, Pflegen bei der Etatsberatung zum ««»drucke zu kommen. Infolgedessen bringen die Etatsdebatte» stets eine wahre Ueberproduktion von politischem Stoffe, den die geplagten Zeitungsleute kaum zu bewältigen vermöge». In diesem Jahre ist dieser Üeberflnß um so größer, als gleichzeitig im Deutschen Reichstag und iw Preußische« Abgeordnetenhause tter de« Etat verhandelt wird. Die eigentlich fimivziellen Fragen, die doch gewiß auch nicht „ohne" sind — Fehlbeträge von fast 120 und von 73 Millionen im Reiche und in Preußen find gewiß kein Pappenstiel! —, trete« dennoch weit zurück hinter anderen großen Fragen der Politik. Ware» im preußischen Abgeorvnetenhause vor allem die Polenfrage und dann die Kanalvorlage, vo» der die Herren Minister in alle» Sprachen schweigen, die wichtigste», und zwar keineswegs nir in Preußen intereff erenden Themata de» Debatten, so im Reichs­tage die verschiedene» Kundgebungen, mit denen der Kaiser seit dem letzte» Zusammensein de» Reich»» tag« vor die Oesfentlichkeit getreten ist. Es ist ge- wch ein bedenkliche« Zeichen der Zeit, daß der Kaiser immer mehr zum Gegenstände der politischen Debat'en wird, «ber es ist dies unvermeidlich, solange der Kaiser sich nicht größere Beschränkung auferlegt. E» ist durchaus nicht gut, daß bei allen größeren Fragen der Kaiser als Herold jeder Aktion vorangeht. Auch die Redekämpfe im preußischen Abgeordnetenhause betrafen ja Fragen, in welchen der Kaiser eine führende Rolle gespielt hat. Die Erinnerung an die energischen Worte, mit denen er s. Z. die Kanal­vorlage angekündigt, wirkt gewiß nicht stärkend auf seine Autorität angesichts des jetzig»» verlegenen Schweigen» der Regierung über ihre Kanalpläne. Und darum bedauern wir auch ganz besonder« die Forderung für ei» Refideuzschloß in Posen uud die Art ihrer Begründung. Trotzdem wird die Forder«»g von der hakatistischen Mehr­heit der preußischen Landboten mit dem- selben Hip-hip»Hurra! angenommen werden, wie es mit alle« anderen Forderungen für die Polen­bekämpfung geschieht. Das Cent rum, das gegen fie durch den Mund de« Abg. Fritzen entschiedenen Widerspruch erhoben hat, wird nur einige kleine Fraktionen auf seiner Seite sehen; doch es läßt sich weder hierdurch »och durch den Undank eine« Teile« ba Polen abhalten, den geraden Weg de» Rechte» auch weiterhin zu verfolge«

Im Reichstage trat da» schlimme Hervortrete» btt „kaiserlichen Politik- noch weit schärfer in die Erscheinung. Hier aber nicht als hochgemute politische Führung, sondern als Gegenstand einer vielfach nur z« berechtigten Kritik. Gleich am erste« Tage rechnete btt Abgeorbnete Dr. Schädler, der Führer der bayerischen Zentrumsmitglieder, t» ebenso ent­schiedener wie formell maßvoller Weise wegen der Swinemünder Kaiserdepesche an den Prinz- regente« von Bayern ab, die in den schärfsten Aus­drücken die Schale der kaiserlichen „Empörung- über die Zentrumsmehrheit des bayerische« Landtage» er­goß. Die ernste Verwahrung, welche Dr. Schädler bei aller Anerkennung ber persönlichen Vorzüge Wilhelms II. gegen sein Uebergreisen in die inneren Lngelegenheiten eines deutschen Bundesstaates ein» legte, machte einen tiefen Eindruck, de« der Reichs­kanzler Graf Bülow durch die künstliche Deutung ber Katferdepefche al» einer ganz privaten Aeußerung nicht abzuschwächen vermochte. Auch der Sozialdemo­krat v. Bollmar erkannte, obwohl er gerade in ber strittigen Angelegenheit des bayerischen Landtags der schroffste Gegner des Zentrum» gewesen war, aus­drücklich da« Recht de» Zentrum« gegenüber der kaiserlichen Einmischung an. Al« er dann auch seinerseits Protest erheben wollte gegen die scharfen ««griffe, die der Kaiser au» Anlaß deS Falles Krupp gegen die Sozialdemokratie gerichtet, hinderte ihn der Präsident Graf vallestrem daran, weil er nicht zulassen wollte, daß der Fall Krupp al« eine Privat»Angelegenheit im Reichstage zur Sprache käme. Da» ist gewiß berechtigt, aber wir glauben doch, daß Herr von Bollmar non der privaten Seite be» Falle» Krupp gänzlich absehen wollte und auch konnte, und vermögen daher nicht das Verhalten de« Grasen Balleflrem ol» richtig anzuerkennen. Es hat tatsächlich auch im ganzen Reichstage die größte Ueberraschung hervor­gerufen, und in ber erregten Auseinandersetzung zwischen den Sozialdemokraten und dem Präsidenten fand dieser aus keiner Seite Unterstützung. Der Zwischenfall, der vielleicht nur aus einem Mißver» ständniffe de« Präsidenten beruht, der doch sonst schon fo ost gezeigt, daß er die Redefreiheit der Abgeord­nete» nicht zu beschränke« geneigt ist, wird natürlich vo» den Sozialdemokraten weidlich oaSgebeetet und aÜ6 ein Beweis verwertet, daß man an gewisse« hohen Stellen eine offene Aussprache über die en be« Fall Krupp anknüpfende» Vorgänge zu scheuen habe. Ohne Ucbertreibungen geht es bat« selbstver­ständlich nicht ab, aber für bie sozialdemokratische

Agitation ist damit ein neue» Zugstück gewonnen. Graf Ballestrem aber hat sein Amt als Präsident des Reichstage» niedergelegt.

Was Herr v. Bollmar sonst noch sagte über Ab­solutismus und cäsaristische Neigungen usw. enthielt wohl manche« Körnchen Wahrheiten, aber doch auch viele» Schiefe und Einseitige, sodaß ber Reichs­kanzler Graf Bülow Gelegenheit fand, in einer großen, sehr geschickte» Rede den Kaiser und die Re­gierungen in Schutz zu nehmen, in der äußeren so­wohl wie in ber inneren Politik. Bezüglich ber letzteren wer besonders bemerkenswert, wie Graf Bülow sich befleißigte, den Kaiser als entschiedene» Sozialreformer und Freu»d der Berfaffung und der Volksrechte zu preisen. Er betonte dabei, daß ber Kaiser auch daS Reichstagswahlrecht unange­tastet erhalten wissen volle; dasselbe soll in der Praxis sogar noch verbessert werden durch Sicherung der Wahlfreiheit, und zwar durch eine Verordnung bezüglich der Stimmzettelabgabe in geschloffenem Um­schlag, die den alten Wünschen des Reichstags ent­spricht. Vielbemerkt wurde auch eine vo» dem Kanzler wiedergegebene Randbemerkung der Kaisers, die die sozialpolitische Haltung ber Bourgeoisie nicht sehr steundlich beurteilte. In liberalen Blättern äußerte sich deswegen nicht geringe Mißstimmung. Wenn ber Kaiser ober bie liberale Bourgeoisie im Auge hatte, so hatte er nicht Unrecht; das katholisch« Bürgertum dagegen hat mit verschwindenden Aus­nahmen in durchaus rühmenswerter Weise ber Sozial­politik des Zentrums keineswegs widerstrebt, sondern sie vielfach gefördert.

Die Mitteilungen be» Kanzlers über bi« aus­wärtige Politik bezogen sich vorwiegend auf Lenezuela. Sie zeigen, daß bie Blockade nicht aufgehoben werden wird — trotz kleiner Mißerfolge, wie dieser Tage das Kanonenboot „Panther- einen erlebte —, solange die Verhandlungen in Washington nicht zum Abschlüsse gediehe« sind. Doch scheinen diese Verhandlungen jetzt einen schnelleren Fortgang zu nehmen.

Im übrigen bewährte die auswärtige Politik des deutschen Reiche» ihren friedlichen Grundzug wieder in dem Besuche be# deutschen Kronprinzen am Zarenhofe. Die Ueberreichun, eine« sehr genauen Modell« de» neuen Panrerschiff» „Braun­schweig- an de» Zaren bewies auch, daß der Kaiser zur fnedvchen Gesinnung de» Zaren volle» Ver­trauen hat, sonst wäre gerade ein solcher Geschenk unmöglich.

In Oesterreich hat der Ausgleich der Herrn v. Körber im allgemeinen einen guten Eindruck ge­macht ; er hätte freilich «och besser fein können, wenn nicht bie Zustände im Parlament die Energie Körbers beeinträchtigt hätten. Immerhin hat sich da« Parlament doch dazu aufgerafft, die Obstruktion der Tschechisch-Radikalen durch eins 54stti»dige Dauersitzung zu brechen oder doch vorläufig zu unter­breche«. Wenn die jetzigen Verhandlungen in der Sprachenkommission zwischen Deutschen und Tschechen wieder ergebnislos bleibe», dann darf man sich auf neue Schwierigkeiten im Reichsrate gefaßt machen.

In Marokko ist die Lage noch ganz verworren und dunkel. Zu entscheidenden Kämpfen zwischen dem Sultan und B» Hamara ist es bisher n cht gekommen.

Unpolitische Zeitläufe.

© Berlin, 22. Januar 1903.

Lite« Weib — da- klingt nicht erbau­lich. Graf Bülow, der Reichskanzler, brauchte vorgestern diese» verächtlichen Ausdruck Er meinte, ei« Reichskanzler, der diesen Namen verdiene und nicht ei» alte- Weib sei. werde nichts gegenzeichnen. war. er nicht mit seinem Gewisse« verantworten könne. DaS „alte ®eib" wurde also hier als ei» abschreckendes Muster von Schwäche und Feigheit gekennzeichnet.

G af Bülow führte dann über das Ver­hältnis zwischen Kaiser und Kanzler noch weiter auS, der Reichskanzler müsse Augenmaß habe», um z« unterscheiden «wische» großen Dinge», die eiuenKo»fltkt wert seien, und Angelegenheiten von geringerer Bedeutung, bei denen eS auf eine Meinungsverschiedenheit nicht so ankäme. Er hätte auch da wieder dar „alte Weib- er­scheinen lassen können; denn gewöhnlich will man durch diesen Titel auch andeute», daß die be­treffende Person um Kleinigkeiten viel Klatscherei und Gekeife macht.

„Alles Weib- ist eia Schimpfwort geworden, daS alle schlechte Eigenschaften zusammenfaffen soll, die dem weiblichen Geschlecht »achgesagt werde». Im Gegensatz dazu soll der „Manu­als Ausbund an Herrlichkeit und Tugend er­scheine». Boshafter Weise setzt man noch daS Eigenschaftswort .alt- hinzu; daS soll bedeuten: Junge Weiber pflegen die Schwäche» «ad Fehler ihres Geschlechts »och durch Schönheit und An- mut auSzugleichen; hier aber gibt eS keine Bor- züge mehr, nnr die dunkilflen Schattenseite» der Weiblichkeit!

AlteS Weib hat einen ganz andere« Sinn, als alle Frau. Der alte» Frau zollt man Refpett mit etwas M^letd gemischt, dem „allen Weibe- nur grausame Mißachtung. Frau heißt so viel wir Herrin, und diese Bedeutung deS Wortes steckt nnS noch so gut im Gefühl, daß wir da? schön« Wort Frau niemals zum Schellen

und Schimpfe» gebrauche». Wir sprechen von Frauenlob, Frauenliebe, Frauenrecht u. f. w., oder do» Weiber haß, Weiberlaune«, Weiber, tränen, Wetberklatsch re. Sine alte Frau ist immer eine betagte Person weibliche» Geschlechts: ein „alles Weib- »ber kann «och io jüngeren Jahre» stehen u»d sogar einen Bart trage».

Weib wird aber nicht immer im verächt- lichrn Sinne gebraucht. Für daS Höchste und für daS Tiefste kann eS gebraucht «erden. Die Dichter fingen in de» erhabenste« und süßesten Tönen vom Weibe, wenn fie die höchste Lieb- lichkeit und Milde verheüiclichen wollen. Die heilige Schrift preist dal Hute Weid, u»d mit dem Worten drS Engels betet die Ehristenheit: Du bist gebenedeit unter den Weiber«! Da hat daS Wort einen himmlische» Klang. Und wie ein Höllenruf mutet eS uns dagegen an, wen» eS bei einem Dichter heißt: Da werden Weiber zu Hyäne«, oder wenn et» anderer ausruft: Schwachheit, dein Name ist Weib.

Daraus sieht man schon, daß eS eine sehr gemischte Gesellschaft von Eigenschaften und Personen sein muß, die wir in dem Kapitel Weib zusammenfaffen. Doch dürfe» die stolzen Männer sich nicht einbilden, daß eS bei ihnen anders fei. Zur Verherrlichung eine- großen Tote» sagt der Dichter: Nehmt alle- nur in allem, er war ein Ma»n! Gewiß, eS gibt Leute, dir in so wuch­tigem Sinne de« Namen Mann verdiene« wegr» ihrer Tüchtigkeit und Tapferkeit und Treue, Ader eS läuft auch in ManneSkleiderm eine Masse von geistigem und körperlichem Kroppzeug herum, da- gar nicht verdient, zum starken Geschlecht gezählt zu werden: Schwächlinge und Feiglinge, Klatscher und Zänker, Gecken und Windfahnen. Dem äußern nach Männer, aber in ihrem Wese« uud Tu» „alte Weiber" in deS Wortes schäbigster Bedeutung. Dieser Sorte von Männern kann nichts bessere- pasfiere«, als daß fie unter eine» weiblichen Pantoffel geraten, vo« einer guten und starken Frau (und fei eS auch die Schwie­germutter) bevormundet werde«. Seen ebenso, gut wie daS männliche Geschlecht mit alten Weibern gespickt ist, finden fich unter den Weibern Prachtmenschen voll Besonnenhell, Tatkraft, Wagemut und Ausdauer, die mit allen männ­lichen Tugenden geziert find. Nicht »Mann- wetber" meine ich, sondern echte und recht weib­liche Wesen, die mit dem Frauenhafte» die männliche Kraft zu verbinde» wiffe«. Man braucht nicht erst in die älteren Jahrgänge zu greifen, um solche Heldinnen zu finden. Ich denke Stern zurück an ein Schulmädchen, daS nach dem Tode der Mutter die ganze Familie versorgte und regierte, drei Geschwister und ei» bummeliger Vater, den da- junge Ding am Abend deS Lohn- tage* nach Hause führe« mußte, damit »och etwa- von dem Wochengeld übrig blieb. Was war ein Junge von gleichem Alter gegen diese- kluge und tapfere - Mädchen? Er war ein dummer Junge, der fich selbst nicht zu helfen wußte, und fie war de« ihrigen Vater und Mutter zugleich. — Wenn da- Mädchen in de» Ehestand tritt, so darf eS fich eigentlich für geschützt und geborgen halten: in der Obhut deS starke« ManneS, dem Efeu gleich, der fich um di« starke Eich« schmiegt. Aber wie oft zeigt fich die sog. Elche morsch und windbrüchtg. Dann muß der zarte Efeu fich zum starken Stamm auSwachse«, die angeblich schwache Frau muß die Sorgen und Lasten de- Regiment- übernehmen. DaS ist eine alltägliche Erscheinung, über die fich selten noch Jemand verwundert. „Sie hat die Hosen an“, sagt man gleichmütig, und da- heißt soviel alS: Sie ist ihm in de« Tugenden überlegen, die ge­wöhnlich de» Männer« zugeschriebe« werde«, und er befitzt die Fehler, die man gerne den Weibern nachsagt; fie ist der Man» und er ist daS alte Weib. Daß der „zarte Efeu" ohne bie protzige Eiche fertig werden kann, sehen wir besonder­deutlich an den 2 Milltynen deutsche« Witwen. Wenn der Man« stirbt und ihr nicht- hinterläßt, al- ein Häuflein hungriger Kinder, dann muß die „schwache- Frau die Arbell um'S tägliche Brot und zugleich die Arbell der Hau-fra» und Mutter allein leiste», und wir sehen mit Bewun­derung, daß eS ihr i« tausenden von Fällen mit zäher Kraft gelingt; wir sehen aber auch mit Rührung, daß die tapfere Witwe fich aufreibt in den schweren Sorgen und Mühe» und als ei» wahre- Opfer ihrer Pflicht und Liebe dem Tod« entgegensteht, eine stille Heldin, die mehr leistet, als ein Mann, der mit Hurrah in bie Schlacht zieht.

Also, bärtige SeschlechtSgenoffen, nehmen wir den Hut ab und bekennen, daß wir von dem Ge­schlechte der „Weiber- «och sehr viel lernen kön- »en und oft von einem echte« Weibe beschämt werden. Und wenn wir einmal daS Scheltwort „alte Weiber- gebrauchen, so wolle« wir et« doppelte- bedenken: 1) Daß eS auch sehr viele „alte Weiber" männlichen Geschlechte- gibt und 2) daß die wirkliche« alten Weiber mit ihren

häßliche« und lächerlichen Eigenschaste» vielfach erst durch die Schuld der Männer da» ge- worden find/waS ste find. 7"___ ,

"Alte Weiber- gelten als klatschsüchtig «nd zänkisch. Wird nicht unter den Männer« auch viel geklatscht und bei Reinung-oerschiedenhell«« gekeift? An den Stammtischen, auch an den feinere», geht eS in dieser Hinsicht ost nicht besser zu, alS in der Waschküche. Ein höhere- Maß von Vernunft bewahren die alle» Weiber »och insofern, al- fie wegen ihrer Zänkereien nicht zu Säbel und Pistole greife», wie eS gewisse Blüte» der Männlichkeit zu tun pflegen, die wegen bei albernsten Wortwechsels in besoffenem Zustanb« fich zu einem parademäßigen Mordversuch ans Gegenseitigkeit für verpflichtet hatten.

„Alte Weiber" gelten ferner als launisch, ver­bissen in Kleinigkeiten, unberechenbar und schwäch­lich in großen Angelegenh-tten. Wenn wir Män­ner in diesen Spiegel gucken, wie ungeheuer viele sehe» bann ihr eigenes Bild! Wer zähtt die launischen, kleinlichen, unentschlossenen Männer? Wie dicht gesäet sind die männlichen Gecken, bie wegen Aeußerlichketten und Nichtigkeiten riefig dick tun »nd bei bet ernsten Prüfung zusammenklap­pen wie ein angestochener Windbeutel? Wie schlecht ist eS namentlich bei uns mit der Geduld «nd Ausdauer bestellt? — Alte Weiber hübe« u»d alle Weiber drüben! Für meinen XeU sehe ich noch lieber alte Weiber mit langen Haare» al- mit kurzen.

Nicht bloß ungerecht, sonder» geradezu grau­sam ist ei, über die Frauen zu spotte», die de« Reiz der Jugend und der Lebenslust verlöre« haben. Denn in den meisten Fällen habe« bie alten Weiber ihre Leben-frische im Dienste bet Männer geopfert. Welch' ein Unierfchieb zwischen ber ehrwürdigen Großmutter, bie unter ihrem weiße« Haar frisch und fröhlich in bie Well blickt und Behagen rings um fich verbrellet, wie die Herbstsonne, bie auf die vergilbende» Flure« herabstrahlt, und dem „alten Weibe", daS schlampig und verdrossen einhergeht und deffen Ange« nur bax» hämisch aufblitze», wenn es zu klatschen und zu keife» gibt! Die sonnige Großmutter hat vielleicht in ihrem Leb«, viel Arbell und Prüfung gehabt, aber fie besaß einen guten Mann, bet ihr bei allem Stab und Stütze war, der nicht bloß ihre körperliche Gesundheit beschützt, sonder» anch ihr Geiste-- und Semütslebe« warm und frisch erhiett und so bie Gefährtin seines Leben- und die Mutter seiner Kinder durch alle Dornen hindurch und über alle Riffe hinweg zu einem gefunden und lebensfrohen Alter hinaufhalf. Die andere Frau hatte eine» Mann, der fie nicht auswärts zu führen verstand, sondern sie nieder­drückte. Da- Familienleben war «ach dem erst« Rausch vielleicht nicht eigentlich unglücklich g*> mord«, aber es war wie ein Marsch durch die Wüste Saharay; von morgens früh brS ab«bi spät alle Tage di« gleiche Plage ohne Erquickung für daS Herz, ohne Erfrischung für be« Geist. Dabei erschlaffe« alle guten Kräfte in Leib und Seele, bet Mensch wird welk und schlaff, vermag fich zu nichts Höherem mehr aufzuschwingen und fielt in daS Gewöhnliche und Läppische hinab. Und wer will über eine Fra« zu Gericht fitze», die einem wirklich schlechten, boshafte« Manue preisgegeben war und von mißratenen Kindern ge­quält worden ist, bi- fie schließlich a» allem Gute« und Schöne« verzweifelte und bis in da- Semeine finkt!

Nein, statt über di« alt« Weiber zu spotte» oder zu schimpfen, sollten die Männer lieber ihr Gewissen erforschen wegen der Behandlung, die fie dem schwächer« Geschlecht zuteil werd« lassen. In den Flegeljahren fängt die Rücksicht-- lofigkeit schon an. Der junge Bursche schwätzt dem Mädchen, die ihm gerade gefällt, daS schönste Zeug vor «nd läßt die Getäuschte kalllächelutz fitzen; da wird vielfach schon ber Grund gelegt zu der späteren Verbitterung und Berzagthell bet „alten WeibeS". Dann kommt der Ehemann mit all' feinen Bräutigams. Aufmerksamketten «eb TraualtarS.Schwüren, am fich nach kurzer Honig- zell als ein schwächlicher >der gewalttätiger Egoist zu mtpuppen. deffen „Siebe" nur auf seine eigene werte Person, auf seiner Bequemlichkeit, seinen Zeitvertreib und seinen Eigensinn gerietet ist. Die Frau wird abermals bitterlich enttäuscht, und soll doch noch ein fröhlicher Engel bleiben. Run denke man sich noch den Aerger mit roilbe« oder gar boshaften Kindern dazu. Da ist e- wirklich ein Wunder, daß e- nicht noch mehr «nd »och schlimmere alte Weiber gibt. Wir Männer hab« es im allgemeine» viel leichter, frisch «nd edel zu bleiben, unb viele vo» u»S finke» doch auf die Stufe der eiten Weiber herab. Darum wolle» wll kill, pharisäischer To« anschlagev. sondern lieber mit dem Zöllner sprechen: Gott sei mit gnädig wegen oer Sünden unb Miß­griffe, die ich gegenüber meiner Mutter oder meiner Frau begangen habe.