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Fuldaer

cihntit

MuLöcl, Samstag, den 10. Januar 1903.

Jahrgang.

mit dti Beilag«

Ulustrfrte Sonntags-Ztilun«*,Vuldaer 6e$chid)f$bl3fttf und rotttrff-risfe.

Wochen'Rnndschan.

r Nachdruck verboten.

X Fulda. 10. Jan. 1903.

Der Jahresanfang fällt in eine Zeit der Feste, die in der Kirche und im trauten, aber stillen Kreise der Familie gefeiert werden, in eine Z'it der politischen ArbeitSruhe. Auch das Jahr 1903 hat sehr ruhig angefangen, wenigstens in unserem deutschen Baterlande. Den Erörterungen in der Presse liegen keine neuen Tatsachen zu Grunde. Auch der Reichs­haush altsplan für 1903/4, der stückweise ver­öffentlicht wurde, bietet kaum noch den Reiz der Neuheit bar, da er das Gesamtbild, das wir schon bisher von unserer Finanzlage hatten, nur bestätigt. Bei der allgemeinen Ebbe in den Kaffen lassen sich natürlich auch keine großen Sprünge machen. Größere Neuforderungen über das Maß des Herkömmlichen oder gesetzlich Festgelegten hinaus zeigen daher auch der Militär- und Marineetat nicht, obwohl an ein­zelnen Stellen doch vielleicht noch etwas mehr ge­spart werden könnte. Aus der Aufbefferung der Militär Pension en scheint wegen der Geld­knappheit einstweilen auch nichts zu werden. Das wird in den Kreisen der Beteiligten große Ent­täuschung Hervorrufen. Dasselbe gilt von der für diese Session anscheinend endgiltig beseitigten Revrsion des Börsengesetzes. Die Ent­täuschung über das Ausbleiben derselben trifft hier aber nur solche Leute, »die es aushalten können", während die große Mehrheit des Volkes im Gegen­teil nur wünschen kann, daß das Börsengesetz nie­mals im Sinne der Spekulanten geändert werden möge.

Die Leute, denen das Börsengesetz eis Dorn im Auge ist, sind dieselben Kreise, die auch den Zolltarif bis auf'S Messer bekämpft und gedroht haben, auf Grund dieses Zolltarifs würden sich niemals neue Handelsverträge abschließen taffen. Heute ober zweifelt sogar der HandekSvertragSverein, der die ganze Hetze gegen dan Zolltarif gemacht hat, nicht mehr an dem Zustandekommen neuer Verträge, und auch mehrere Handelskammern haben sich schon ganz hoffnungsvoll geäußert. Wahrscheinlich ist schon längst von den deutschen Vertretern im AuSlande Jondiert worden, welche Zugeständnisse wohl vom luSlande zu erlangen find. Nachher werden die Verhandlungen um so leichter sein; hoffentlich aber lassen sich die deutschen Unterhändler dadurch nicht »erführen, ihre Sorgfalt und Wachsamkeit einschläfern zu lassen. Namentlich die Interessen unserer Land­wirtschaft, unserer Winzer und Gärtner dürfen nicht den ausländischen Forderungen geopfert werden. UebrigenS wird die Kündigung verschiedener Handelsverträge wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Den Anfang hat Oesterreich-Ungarn gemacht, indem es seinen Handelsvertrag mit Italien Rindigte.

Behält unsere Regierung bei de« Vertragsver­handlungen die Interessen der Landwirtschaft im Auge, dann wird sie auch die Agitation des B u n d e s der Landwirte, der überhaupt keine Handels­verträge zustande kommen lassen möchte, überwinden. Die Kriegserklärungen und Drohungen, die der Bund jetzt sehr freigebig nach allen Seiten hin austeilt, können nur dort ihre Wirkung nicht verfehlen, wo man sich schwach fühlt. ^aS Zentrum hat dazu keine Veranlassung. Ueberall wo seine Abgeordneten während der Weihnachtsferien ihren Wählern Bericht «statteten, ober wo bie provinzialen Bauernvereine tagten in Schlesien, am Rhein, in Westfalen, in Hessen-Nassau, in Bayern u. s. w. überall zeigte sich bas vollste VerstänbniS auch der ländlichen Wähler für die Beweggründe, welche das Zentrum zur Ver­ständigung mit der Regierung und den anderen OrdnungSparteie» des Reichstags bestimmten, und überall zeigte sich namentlich auch in den Sauern- vereinen der feste Wille, sich vom Bunde bet Landwirte keine Vorschriften, keine Zwangsjacken ge­fallen zu lassen.

Mehr noch als diese wirtschaftliche Auseinander­setzungen bewegten da» deutsche Volk die traurigen Ereignisse am sächsischen KönigShofe. Schien doch sogar infolge der Sorgen und seelischen Leiden, die eine pflichtvergessene Gattin und Mutter über ihre Familie heraufbeschworen, das Leben des kranken König» Georg ernstlich bedroht. Gott sei Dank scheint sich, wenn die hoffnungsvollen Zeichen nicht trügen, die zähe Soldatennatur des greifen Königs noch ein­mal durchzuhelfen. Die flüchtige Kronprinzessin ist inzwischen zum 28, Januar vor ein besonderes Ge­richt in Dresden geladen, daS der König eingesetzt für den Antrag des Kronprinzen auf Aufhebung der h^slichen Gemeinschaft zwischen ihm und der Prin- Mrn. Ein gleichartiger Antrag liegt dem kirchlichen Gerichtshöfe vor. Die Prinzessin selbst will an­scheinend bie volle Scheidung erzwingen, die frei­lich mcht aus Sympathie für bie Prinzessin, im Gegenteil! vielfach auch von ber protestantischen Bevölkerung gewünscht wirb. Ob nun juristisch ba» eine ober andere Urteil gefällt wirb, an den Grnnb- satzen ber katholischen Kirche unb ihrer Achtung durch das katholische Königshaus wird dadurch nichts ge- äul^rt. Sollte die Prinzessm, um sich mit ihrem Buhlen .verheiraten" zu können, protestantisch werben, so w«ben wir diesen Gewinnst dem Protestantismus neidlos lassen. Auf das tolle Geschreibsel, was bei diesem Anlaß über das katholische Eherecht in

protestantischen Blättern verbrochen wirb, können wir nicht eingeben; es sei nur kurz betont, daß auch bie historischen Erinnerungen an angebliche Ehe­scheidungen durch den Papst in diesen Blättern durch­weg auf falschen Voraussetzungen und schiefer Auf­fassung beruhen.

Auch bas österreichische Kaiserhaus ist durch die Schmach, die bas ehebrecherische Weib eu: sich geladen, in tiefe Trauer versetzt; war dieses doch, ebenso wie ber lockere Bruder Erzherzog Leopold, der jetzt ein einfach« Herr Wölfling geworden, nach­dem er schon Lange ein Wüstling gewesen, ein Mit- glieo dieser so oft schon schwergeprüften Hnrscher- familie. Eine andere Sorge ist dafür von Oesterreich und Ungarn genommen: der Ausgleich ist, freilich auf Kosten Oesterreichs, in der Sylvesternacht endlich zu Stande gekommen. In den beidttsestige» Parla­menten wird er allerdings noch schwere Kämpfe zu bestehen haben. Im Wiener Reichsrat würde die Sache immerhin viel günstiger liegen, wenn inzwischen die Verständigung in der Sprach en frage, bie in neuerlichen Konferenzen angestrebt wird, gelingen sollte. Viel Hoffnung hat man aber in Oesterreich einstweilen nicht.

Der Besuch be» russischen Ministers Grafen LamSborff in Wien hat bie von naiven Leuten er­warteten sensationellen Ereignisse nicht gebracht. Was beschlossen würbe, bleibt natürlich ein diplomatisches Geheimnis. Im übrigen genügt es auch vollkommen, daß Oesterreich-Ungarn und Rußland gezeigt haben, daß sie in den Balkanfragen durchaus einmütig vor­gehen wollen.

In Frankreich haben die Senat-Wahlen stattgefundeu. Bei den sehr beschränkten, breimol durchgesiebten Wahlkörpern, zu denen bie Abgeord­neten, Generalräte, Kreist aasvertreter usw. gehören, war von diesen Wahlen natürlich keine politische Um­wälzung, sondern nur eine Bestätigung der ministe­rielle» Politik zu «warten. Diese Erwartung ist ein­getroffen; bie Regierungspartei zählt jetzt ungefähr ein Dutzend Senatoren mehr. Zum Senator ist u. a. auch ber Finanzminister Rouvicr gewählt. Der frühere Minister be» Auswärtigen Hanotaux, ber gern Nach­folger von Delcasss werben möa,te, ist burchgefallen; er suchte e» in seinem Programm allen Parteien recht zu machen, unb gerade deswegen hat ihm keine getraut.

Wichtiger war für Frankreich b« Aufstand in Marokko, ber durch bie Niederlage des Sultans unb ben siegreichen Vormarsch be» Ausrührers Bu Hamara (.Vater ber Eselin") gegen Fez plötzlich ein sehr bedrohliches Aussehen gewonnen hatte. In­zwischen aber machte b« Sultan ben klugen Schachzug, seinen ältnen Bruder Muley Mohamed, für den sich Bu Hamara ausgegeben, nach Fez kommen zu lasse«, wo er sich feierlich mit ihm aussöhnte. Da auch ein Stamm ihn verließ, wurde der Gegensultan ängstlich und zog sich zurück. Ob er nicht doch noch zu neuem Schlage ausholen wird, muß sich «st noch zeigen. Einstweilen wird man au« seiner überraschenden Retirade ben Schluß ziehen, daß ber .Vater der Eselin" naturgemäß nur ein Esel sein k»n«.

Den drei, an Marokko besonder» interessierten Mächten, Frankreich, England und Spanien, ist nun bedeutend leichter zu Mut. Zn ein« Erbauseinand«- setzung fühlte sich keine von ihnen im Augenblick stark genug. Spanien wäre wohl noch am ehesten dazu geneigt gewesen, weil es von der Eifersucht d« beiden größeren Mächte profitiert. Inzwischen beklagt e» den Tod des Führers d« spanischen Lib«alen, Saga st a, d« seit 30 Jahren unzähligen liberalen Regierungen seinen Namen gegeben hat. Er wird nun im Tode wie ein Nationalheld gefeiert. Wir fürchten sehr, daß ihm die Geschichte einen sehr viel bescheideneren Platz anweisen wird.

Der deutsch-englisch-italienische Stteitfall mit Venezuela steht noch auf demselben Fleck, wie Ende vorigen Jahre». Es wird zwischen Castro und den Mächten immer noch über das Haager Schiedsgericht verhandelt. Unterdessen breitet sich der Ansstand in Venezuela immer weiter au». Vielleicht ist es mit der Herrlichkeit Castros, die durch den Krach der National­bank von Venezuela auf» Hellste beleuchtet wird, eh« zu Ende, al» mit den langwierigen diplomatischen Verhandlungen, die doch nur Verschleppungsmanöver sind. Vernünftiger Weise haben sich die Mächte da­durch nicht abhalten lassen, die Blockade aufrecht zu «halten und auf die Zollhäuser Arrest zu legen.

[] Wohnungsnot.

Zur Beschaffung kleiner Wohnungen für Ar­beiter und geringbesoldete Beamten find, wie schon mitgeteilt, im neuen ReichShauShult 4 Millionen Mark gefordert. Dieselbe Summe war auch für da» laufende Rechnungsjahr im Reichstage be­willigt worden. Der gleiche Fonds war für da» Jahr 1901 nur mit 2 Millionen Mk. au »gestellt. Eine offiziös veröffentlichte Denkschrift, die dem neuen Etat beigegeben ist, bringt nun sehr interessante Mitteilungen über die Verwendung dieser Gelder. Die ersten 2 Millionen, und so­gar noch etwas mehr, wurde» für Darlehen verausgabt, die dem Arbeiterbauoerein in Eller- deck bei Kiel, der Baugenossenschaft .Freie Scholle" in Berlin, dem Spar- und Bauoerein für den Kaiser Wilhelm-Kanal Bezirk Brunsbüttel, dem Bauoerein für den Kaiser Wilhelm Kanal Bezirk Holtenau, dem Beamten-WohnungSorrein zu Ber« in, der Berliner gemeinnützigen Baugesellschaft, dem Kieler Bau- und Sparverein, dem deutschen Beamten-WohnungSbauverein in Posen, der Brann- schweizer Baugenossrnschast, dem Allgemeine»

Wohnungsbauverein i» Königsberg t. P. und dem Beamten. Wohnu»g»verein i« Dirschau zu Gute kamen.

Auch die nächsten 4 Millionen Mk. wurden größtenteils zu Darlehen verwendet, doch wurde ein kleiner Teil, nämlich rund 400 000 Mark für den Ankauf von Baugelände veraus­gabt, welches an Bauvereine zu Erbbaurecht, begeben worden ist, und zwar an Vereine in Holtenau, Rendsburg, Brunsbüttel und Dresden- Löbtau. AuS den übrigen 3600 000 Mark er­hielten folgende Genossenschaften Darlehen: Ar- beiterbauverei« Elberbcck, Spar- und Bauverein Brunsbüttel, BauvereinHoltenau, Kieler-Beamten« Wohnungsverein, Danziger Spar- und Bauverein, Berliner Beamten-Wohnungsverein, Danziger Beamten-Woh»ungSv«ein, Berliner gemeinnützige Ballgesellschaft, Rxdorfer Bauoerein, Kölner Beamten-Wohnungverein, (100 000 Mk.), Dort­munder Spar- und Bauoerein (300 060 Mark), Dortmunder Bramten-WohnungSoerei» (220 000 Mark), Emdener Bau- und WohnungSverein, Königsberg« Wohnungs-Baugenossenschaft, Bau- Genossenschaft von Beamte» in Metz und Um­gegend, Dresdener Spar- und Bauoerein,Deutscher Beamten - WohnungSba uverein Posen Bauge­nossenschaftFreie Scholle" in Berlin, Beamten- WohnungSverein i» Wiesbaden (150 000 Mk.)

ES find indeß noch von einer Reihe anderer Genossenschaften wohlbegründete Darlehnsgesuche eingegangen, die auS Mangel an Mittel« in diesem Jahre nicht brrückfichttgt werden können. Die beteiligten Genossenschaften find dadurch ge­zwungen, entweder die Ausführung der Bauten trotz des vorliegenden dringenden Bedürfnisses um ein volles Jahr zu verschieben oder aber sofern dies »egen Inangriffnahme der Bau­arbeiten nicht mehr angängig war die er­forderliche» Baukapitalien zwischenzeitlich zu hohen Zinssätze» zu beschaffen.

Auch sür das Rechnungsjahr 1903 liegen bereits Anträge aus Gewährung von Darlehen im Gesamtbeträge von etwa 4000000 Mk. vor.

Deshalb war eS notwendig, diesen Fonds wieder mit 4 Millionen Mark auSzustatten. Nur wo wirklich ernste WohnungSmißflände vorliegen, solle» Darlehe» gewährt werde». Aber wie die Denkschrift be.ont, herrschen i» alle» diesen Fällen auch wirklich sehr ungünstige WohnungSverhält- niffe. Die Denkschrift hebt besonder- die Hafen­städte Kiel, Danzig und Wilhelmshaven mit ihren große» reichsfiskalische» Betrieben hervor, aber ebenso drückend ist die Wohnungsnot fin den dichtbevölkerten industriellen Bezirken deS Westens und in einige» anderen rasch gewachsene» Großstädten. UeberauS ungünstig liegen, so be­tont die Denkschrift, die WohnungSoerhältniffe für die gering besoldete» Reichsbeamten i» den große» Jndustriebezirken der Rhet»Provinz und Westfalens, »amentlich im Ruhr« reoiere. Ja den letzten drei Jahrzehnte« des vorigen Jahrhundert« hat fich die Bevölke- tu«g i« den Städten Köl» a. Rh., Elber­feld, Barmen und andere verdoppelt, in den Städten Düsseldorf, DuiSburg, Bochum, Oberhausen, Gelsenkirchen, Dort­mund und andere verdreffacht u«d ver­vierfacht. Mit dieser unverhältnismäßig rasche« Bevölkeru«gSzunahme hat die private Bautätigkeit «icht gleiche« Schritt zu halten ver­mocht, und eS macht fich daher in den meiste« dieser Orte «icht nnr ein empfindlicher WohnungS« mangel geltend, sondern eS find auch die Miet- Helfe für die vorhandenen, dazu «eist «och i« sehr schlechtem Zustande befindlichen Wohnungen übertrieben hoch. Auch hier ist daher ei« rasche- und entschiedene- Eingreifen deS Reich- im In­teresse der beteiligte« Reichsbeamten dringend ge­beten. Sehnlich liegen die Verhältnisse beispiels­weise i« Königsberg, Pose«, Dre-de a, Leipzig, Wiesbaden, Straßburg, Metz u. f. w., und überdies herrschen auch in verschiedene« klri«eren Städten, namentlich des Oste«- Woh- nungSmißstä«de schwerster Art.

SS ist selbstverständlich, daß daS Reich ebenso wie der Staat i« erster Linie für seine eigenen Beamten u»d Arbeiter zu sorge« hat. Mittelbar «halte» dadurch auch die Privatangestellte» und mdustriellen Arbeiter eine Besserung chreS Woh­nungswesen-; denn durch die Erbauung von Beamten« und Arbeiternhäusern durch Reich und Staat werden andere Wohnungen frei und so >ie Wohnungsnot etwa- gemildert. Bei einer Besserung der Finanzlage »«den daS Reich und »ie Einzelstaaten wohl auch eine unmittelbare Unterstützung von Genossenschaften privater Be­amten und Arbeiter ins Auge fassen dürfen. Im lebrige« liegen hier große Aufgaben besonders ür die Gemeinden und auch für kommunale verbände. Auch in den Kleinstädten find die Wohnungen der ärmeren Volk-klasse» nicht selten unter jeder Kritik. Da- Gleiche gilt vielfach auch für das flache Land. Hoffentlich wirkt das gute Beispiel deS Reiche- anregend n»d fördernd

auch auf die privaten und kommunalen Be­strebungen zur Besserung der Wohnungsnot ete.

Unpolitische Zeitläufe.

(Nachdruck verboten.)

® Berlin, 8. Januar 1908.

DerSport" verdirbt die beste» Sache», z. B. auch die Nutzgeflüael«Zucht. ES ist ei»e Flugschrift von W. Cremat erschie»en: .Wie Milliarde» i» bet deutsche» Landwirt, schäft verlöre» gehe»", u»d der Ma»n hat recht, wenn er denSport" mit prächtig au«- sehenden Hühnerraffen dafür verantwortlich macht, daß wir in Deutschland zu wenig gute Nutzhühner habe» und de-halb alle 5 Jahre eine Milliarde für Sier rc. an daS Ausland bezahle» müsse». Jahr für Jahr ein paar hundert Millionen Mark daS ist wirklich keine Kleinigkeit. Und wir könnten i« der Tat di fe Summe» im Lande be­halten, wenn man fich nur etwas mehr auf die Züchtung von guten Sterleger« werfe» und den Keinen Leuten die Anschaffung eines rentable« Hühnerstammes erleichtern wollte. Cremat sagt, Hühnerrasse«, die früher 180200 Sier pro Jahr und Huhn lieferten, seien jetzt auf 5060 Ster herabgesunken. Bon «fahrenen Hühnerfreunden ist mir diese Tatsache schon längst bestätigt »«b lebhaft beklagt worden. Und diese Sachverstän­digen geben in Uebereinstimmung mit Storno! als Hauptgrund an, daß bei den Ausstellungen, bie von Behörden, Landwirtschafts Kammer«, Ver­einen rc. veranstaltet würden, nicht auf die Züch­tung von Legehühnern für das Volk, sondern auf die Spielerei und Protzerei mit schön gewachsenen und farbenprächtig schillernde» Raffetieren hin­gearbeitet würde. Mit den öffentlichen oder Set- einSgeldern werden allerhand Versuche mit neuen Raffen und verschmitzten Raffenkreuzungen prä­miiert, und die prämiierten Züchter preisen nun unter Berufung auf die AuSstellungS-Erfolge ben Landleuten Bruteier an, die unbrauchbare, un­rentable Tiere ergeben. Durch die Züchtung auf Farbe und sonstige bestehende Aeußerltchkeftsn ver­kümmern die Lege-Sigenschafte«. Während also, sagt Cremat, den Landwirten vorgeredet wird, daß sie Raffetiere einführen müßten, um die Er­träge zu steigern und daß diese Tiere reinrasfig seien, find fie nichts wetter als der allergewöhn­lichste Kreuzungsfchund in einem glänzenden Feder­kleide.

Natürlich, wenn man einem kleinen Manne solche Tiere aushängt, die im Jahre kaum 60 Eier legen und auch als Fleischhuhn nichts rechte- einbringen, so gibt er seine» Hühnerhof auf. Die Hühnerzucht rentiert fich nicht, sagt er und sagen mit ihm Tausende. Dadurch gehen unS Millionen von Eiern verloren, die wir durch kostspielige Zufuhr auS dem AuSlande ersetzen müssen. Für Leute, die etwas AuSlaus haben unb für Futter und Arbeit nicht viel zu berechne» brauchen, rentiert fich aber die Hühnerzucht sehr gut. Ich kenne einen Hühnerfreund, bei dem die Sache erst mit 150 Eiern pro Jahr unb Huhn anfängt. Er hält 180 bis über 200 Eier sür nichts Außer­ordentliches. Auch die Züchtung solcher Eier- iühner hält er für sehr leicht. Der Züchter »raucht nur mittels Fallnester die Sier der beste» !egerinne« immer wieder zur Brut auszuwshlen. Der kleine Mann mag fich mit Fallnester« und onstigen Finessen wohl nicht abgebe« können; ibet da- ist auch »icht nötig. ES muß »uu oon LandwirtschaftSkammern oder Vereinen dafür ge- orgt werden, daß jeder für billige- Geld die ge­wünschten Bruteier, die Auslese vo» ben lang- ährigsten Tieren, jederzeit erhalte» lan«. Wenn »er kleine Mann nicht selbst züchtet, so ka«« er ich auch den Hahn sparen. SS ist «ämlich «ur Aberglaube, daß der Hahn zur Anregung der iegetätigleit nötig oder nützlich sei. Meine Sr- ahrungen auf diesem Gebiete find nicht groß, aber doch in dieser Hinficht beweiskräftig. Ich habe schon von Hühnern, die nie einen Hahn gesehen, Eierträge erzielt, die den Neid der Nach- »arschast erregten.

Bei der Züchtung von Sierlegern braucht man auf die Verwertbarkeit deS Fleische- durch­aus nicht zu verzichten. SS gibt Raffen, bie nach Ausnutzung der besten Eierjahre «och ein gutes und gewichtiges, lohnenb zu verwertende- Zleifch liefern. DaS ist von wesentlicher Be- »eutuxg. Denn die Rentabilität deS Hühnerhofes etdet sehr unter der Beibehaltung der älteren Jahrgänge. Sobald die Eierproduktion nach- äßt, muß daS Tier einem ehrenvollen Tode ge­weiht werden. Der Hühnerhof darf nicht zu einem Spital werden. Um die nötige Verjüngung ortgesetzt zu sichern, müssen die gute« Bruteier allezeit und überall in garantierter Ware o«- eboten werden.

Ob das eierlegende Tier hübsch auSfieht unb dem Geschmack der Raffekundigen entspricht, ist ungeheuer gleichglltig. Die reichen oder oer-