Fuldaer
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* .Ulustrirte Sonntags-Zeitung
29. Jchrgang.
Iul'öa, Samstag, den 13. Dezember 1902.
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sprechen lassen! Nein, das Kind selbst will be» Mechanismus ix Bewegung setzen, dann erst macht er ihm wirklich Freude.
Unpolitische Zeitläuse.
------ (Nachdruck verbot«.) ® Berlin, 11. Dezember 1902.
Lausen und lausen, «m zu schenken, das ist da» Zeichen der Zeit. Ob wir fette oder magere Jahre haben, gekauft und geschenkt muß werden. Die Wethnachtrbescheerung mag ein LuxuS sein, aber der Luxus ist nachgerade eine Nothwendig« leit geworden. Wir haben uns und unsere» Kindern ei» „unabweisbares Bedilrfniß" ange» wöhnt. DaS zeigt sich am deutlichsten darin, daß auch die wohlgeordnete Armeupflrge für eine be. scheidene Bescheerung der Bedürftige» sorgt. Auf das trockene Brod der Alltägizkeit gehört mal da» Fett der W;ih»achtS.Uebrrraschu»ge»; bei den einen ist es seine Butter, bei den andere» mittelmäßige Margarine, bei sehr vielen nur etwa« Tchmalz, aber rein gar nichts wäre ein
Unglück.
Dieses Jahr wird manchem Bater und erst recht mancher Wittwe die WeihnachtSauszabe sehr schwer fallen. Die schlechten Zeiten zwingen vielfach zur Einschränkung, aber so lange eS noch eben geht, sollt- man nicht zur vollständ^en Streichung deS AuSgabepostrnS schreiten. Meistens läßt sich auch in anderen Gexüffe» — und sei eS auch Tabak, Bier und Kaffee — noch etwas absparen, und dann kann bei geschickter Auswahl auch schon für wenig Geld die Kinderhand recht niedlich füllen. Von den Erwachsenen kan« man erwarten, daß sie sich »ach der Decke zu strecke» wiffen und «ehr auf Liebe, als aus die Größe der Gabe schauen.
De« Kleine» gibt ma» Spielzeug. Dw Auswahl i» Spielzeug ist kolossal, aber dadurch wird der Eiskauf kei«eswrg» erleichtert. I« Gegentheil, es gehört viel Klugheit und Umsicht dazu, um aus dem Gewirr daS Paffende und Preiswürdige herauSzufinde«. »Billig und schlecht" muß ma« leider oft auf dem «pi-lwarrenmarkt seufze«. Di« iheueren Sachen find aber auch »och längst nicht alle gut. Was protzig oder allzu künstlich ist, taucht nicht für Kinder.
Ich möchte einen leitende« Gesichtspunkt her» vorhrbrn: dir Spielsache« find nicht zum Ansehen la, sondern zum Anfaffen; sie sollen nicht zum Staat hingestellt, sonder« dem Kinde zum u>- genirte» Spiel übergeben werde». Sie sollen dem Kinde Lust bereiten, aber nicht Angst und Leid.
„Aber Kind, sei doch nicht so »«vernünftig. DaS gibt ja gleich häßliche Flecken, wenn Du mit Deinen schmutzigen Fingern darauf kommst. Pfui, Du hast schon einen Flicken gemacht. Schäme Dich, wie garstig steht dasaus! — Und wie grob gehst Du mit den feine» Sachen um. Wer wird denn so ungeschickt sein. Siehst Du, jetzt hat'S schon gekracht. Nein, Du bist ein Flegel, ich muß Dir die Sache« wegnehmen. Da, wahrhaftig, da ist schon ein Zahn abgebrochen und ein Bein ausgefallen. Warte, Du Lümmel, Papa wird Dir schon auf den Kopf kommen. Ihr seid gar nicht wertb, daß euch daS Christ« < ktndchen etwas bringt. Her mit den Spielsachen, ? die schließ« ich ein, und nun marsch in'S B-tt, ihr unartigen Kinder!" Schelte, Klapse, Prügel, Thränen, Aerger und Erbitterung! Und die Schuld liegt nicht an den Kindern, die da glauben, daß Spielsache» wirklich zum Spielen da find, sodann an den Eltern, die zu empfindliche Sache» kaufen oder selbst zu empfindlich sind.
I- billiger die Sache« find, desto schlechter ist natürlich das Material und desto mangelhafter die Verarbeitung. Wer z. B. mechanische Kunstwerke für einige Pfennige kauft, der darf sich nicht einbilden, daß solche Dinger, länger al« ei« Vtertelstündchen stehen und gehen. Hat er de» Schund gelaust, so darf er seinen Kindern keine Vorwürfe mache», wenn er alsbald unter ihre» Händen den Weg aller Schundes geht. Für solche Spottpreise kann man «ur eine Augen. blickr-Unterhaltung erlangen. Darum ist es bester, den ganz billigen Schund links liege» zu laste» und etwas mehr anzulegen, um eine dauer» haste Waare zu bekomme». Der Aerger über daS „Kaputgehen" kommt dann nicht gar so schnell und ist in Folge beste« gelinder.
DaS Kaputgehe» an sich ist aber ««vermeid- lich. Ein Spielzeug, das nicht in de« Hände« der Kinder verschliffe» wird, hat seinen Beruf verfehlt. Dinge, die man den Kindern nur von Weitem zeigt oder höchstens mit Handschuhen unter strenger Aufficht anfaffen läßt, habe» gar keine» Wertb, ebenso wenig wie eine Wurst, die nicht angebiffen werden darf. Das Kind hat «ine« urwüchstge« Thatendrang. ES will die Dinge, die ihm gehöre» sollen, auch voll und ganz in seine Hand und unter seine Fuchtel bringen; so lange e« ganz klein ist, muß auch das Mündchen noch an der Befitzergreisung theilnehme». Sehen ist nicht-, haben ist Glückseligkeit. Es genügt auch nicht, wenn der Vater sagt: Ich werde dir die Lokomotinr mal laufen und bte Puppe mal
Daraus folgt, man muß solche Sachen kaufe«, mü denen daS Rieb sich selbst und ohne viel Umstände beschäftigen kan«. Richt z« empfindliche Sachen und n'cht zu künstliche Sachen; einfach und möglichst derbe, brauchbar für daS KinddeS bett« ff ent»» Alters und Bildungsganges. Man muß nicht fragen, ob daS Ding sehr schön oder sehr fein sei, so»der» nur: WaS kann daS Ktnd mit dem Ding machen?
Einige Eltern wollen durchaus die Spielst»be zur Schulstube mache» und den Kindern um lehrhafte Sachen schenken, an denen sie sich „weiterbilde»" können. Es ist ja sehr schö», wem für die Kinder so nebenbei etwas Lehre abfällt; aber wenn fie die Absicht merke», so werde« sie verstimmt und daS mit Recht. Denn daS Kind kann und darf nicht fortwährend inftet de« Lerndrtll stehen. DaS reine Spielen ist keim Zeitvergeudung, sondern thut dem Kinde so noth, wie frische Luft und klares Waffer. DaS Spiel ist für Körper und Geist des Heranwachsende» KindeS die beste und unentbehrliche Turnübung, und zwar um so wirksamer, je freier und et* wüchsiger es auS der eigenen Natur deS Kinde- herauSwächst. Der Nürnberger Trichter der Schulung muß manchmal abgesetzt, da« Gängelband der häusliche» Dreffur gelockert werden, damit daS Kind a» Selbständigkeit und StlbstthätigkM sich frühzeitig gewöhnt. Wenn dabei «al ei« Dummheit gemacht wird, so muß ma« das all Lehrgeld geduldig gelten lass-n. Sin Ki«d, dal laufen lernt, fällt auch manchmal; aber deshalb sperrt ma» eS nicht wieder in den Gehkorb. Wer die Kinder beim Spiele« ihre eigene« Wege gehe« läßt (natürlich unter einer unauffällige« Aufsicht für den Nothfall), der spart Zeit und Geld; * braucht gar nicht so viele und so kostspielig« Spick- fachen zu kaufe», wie die übereifrigen Elter», ist« auch beim Spiele daS Kind fortwährend bemühet« und dadurch die Erfindungskraft und die Geschicklichkeit deS KindeS lahmlege». DaS ftdfpiebebe Kind macht sich selbst auS den einfachsten Stoff«, 'sogar auS den Scherben alter Geschenke, die schönsten Spielsachen. — Wer richtig die Kinderstube mit Spielsachen versorgen will, muß erst seine Kinder studirrn, aber nicht zu viel dirigire».
Bor allem sei man mit dem Schelte« und Bestrafen etwa- vorfichtig, wen» eS fich nicht um Bosheiten, sondern nur um natürliche Ausflüsse der kmdlichen Lebhaftigkeit, Wißbegterde und Unerfahrenheit handelt. Mit dem Zanken und Prügel« warte man lieber, bis ernster Anlaß vorliegt; je seltener, desto wirksamer. Die Elter« sollten immer fich se'bfi erst frage», ob fie selbst auch die Geduld und die Mäßigung »icht verloren haben. Verziehe» kann man die Stiebte sowohl durch übermäßige Nachsicht, als durch übermäßige Strenge und Schroffheit.
Es ist ja gewiß sehr schön, wen» unsere Kind« bester werden, als wie wir selbst in ihrem Alter gewesen find. Aber waS wir seinerM selbst »icht vermeiden konnten, das brauchen wir ihnen «icht gleich als Todsünde a«zurech»e» und darüber auS dem Häuschen zu gerathen.
WaS nun dieWrihnachtSbescheerung für Gr- wachse ne angeht, so bin ich der Anficht, daß da der Grundsatz gelten soll: Wenig, aber mit Liebe! ES ist eine Verirrung der Zeit, wenn dir Geschenke immer üppiger, immer glänzender, immer kostspieliger werde«. Wozu denn daS? Der Geber wird protzig, der Empfänger wird habgierig, auS dem Fest der Liebe wird da rin Fest der Selbstsucht und der Eitelkeit.
Wenig, aber mit Liebe — daS soll auch bedeuten, daß man dem betreffenden Angehörige« nicht daS erste beste Stück schenkt, daS eine» irgendwie zusäilig vor die Finger gekommen sondern ein sorgsam auSgewählteS Ding, d« gerade für de« Empfänger besonder- gut paßt und also Zeugniß davon ablegt, daß der Schenker fich liebevoll um die Bedürfnisse und Wünsche deS andern bekümmert hat. Erst dieser persönliche Zug gibt der tobten Waare Wärme und Leben.
„Mit Liebe" — darin liegt auch ein recht ernster Sin», der in das Wort der heil. Schrift verklingt: Wenn du deine Gabe zum Mare bringst und dich erinnerst, daß dein Bruder etwal wider dich habe, so gehe hi« und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder. — I« der That, eck gibt kein echtes Weihnachtsgeschenk, wenn i« der Umgebung des ChristbaumeS und deS Weihnachtstisches nicht voller Friede und herzliches Ei» , vernehmen herrscht. Und es gibt kri« besseres Weihnachtsgeschenk, als wenn ma« einem Nächste«, । mir dem man in Zwiespalt lebt, zu ehrlich« Versöhnung Herz und Hand bietet, die Liebe ; wiederherstellt. Ich glaube, so ein versöhnliches : Entgegenkommen wird auch dem Thriftkindchen beffer gefallen, als all' der äußerliche Glan, zu : Weihnachten. Festgeschenke sind tobtet Kram
Richter« sollten dir Handcks vertrage Wahto-role werden. Damit scheint er also Recht zu behalten, aber auch nur noch in beschränktem , Platze, denn es gibt noch eine andere Wahlparole, die m dem bevorstehenden Wahlkampfe mindestens ebenso bedeutsam sei« wird und diese Parole heißt: Gegen die Sozialdemokratie! In ksnservatwen und wohl auch in manche» nationalliberalen Kreisen scheint man sogar an etwas ähnliches wie ei« neues Sozialisten- gesetz -der gar eine Beschränkung deS ReichstagSwahl- rechtS zu denken uno es scheinen einflußreiche Kräfte an der Arbeit zu sei«, um de« Kaiser für solche „Scharf- macherei" z« gewinne». Der Fall Krupp kam ihnen zu diesem Zwecke ebenso gelegen, wie das lärmende nnd anmaßende Austrete» der Sozialdemokratie im Reichstage. Der Kaiser hat auch mündlich und schnst- lich wiederholt seinem Unwillen über die Sozialdemokratie Ausdruck gegeben, sowie der Hoffnung, daß bte deutsche« Arbeiter sich von ihr aowenden möchte«. Ganz besonders eindringlich hat er dies neuerdings in der Ansprache getha«, welche er in Breslau au die Abordnung dortiger Arbeiter hielt. Wir unsererseits haben gewiß den Wunsch, daß die Hoffnung deS Kaisers fich erfüllen möchte und in der Agitation gegen die Sozialdemokratie wird das Ceutrum wie immer seine» Mann stelle», aber weuu etwa Pläne bestehen sollten, rie auf ein neues Sozialistengesetz oder eine Beschränkung des Reichstagswahlrechts hiuauslaufen, dann würde daS Centrum selbstverständlich daran nicht theilnehme» können. Es kann nicht dringend genug vor derartige« Absichten und vor ihrer Förderung durch eine Politik des Zornes gewarnt «erden; denn dadurch wird der Zweck, den Einfluß der Sozialdemokratie zu verringern, gewiß nicht erreicht, sondern im Gegentheil wird der Zusammenhalt der irre geführten Arbeiterwaffen mit de« sozialdemokratische« Führer« dadurch «ur befestigt werden.
Die schärfere Tonart, welche da» deutsche Reich letzthin gegen Venezuela einschlagen mußte, hat jetzt auch zu einem aktiven Vorgehen geführt und zwar gemeinsam mit England, das ähnliche Forderungen wie Deutschland an Venezuela zu stellen hat. Die deutschen Forderungen belaufen sich, wie aus einer dem Reichstag vorgelegten Denkschrift ersichtlich ist, auf über 13 Millionen Bolivares (Franken) und setzen sich zum Theil aus Ersatzansprüchen für Schäden, welche deutsche Unterthanen während der letzten Bürgerkriege in Venezuela erlitten haben, theils auS der Forderung bisher nicht gezahlter Zinsen rc. zusammen. Da der Präsident Castro offenbar die europäischen Machte nur zum Narren hielt und sogar in beleidigender Form, so blieb diesen kein andere- Mittel übrig, al« ihm ein Ultimatum zu stellen mit ein Frist von 24 Stunden. Das Ultimatum ist abgelaufen, ohne daß Castro fich bemüßigt gesehen hätte, die Forderungen Deutschlands und Englands zu befriedigen oder auch nur zu beantworten. Daraufhin haben fich der englische Gesandte und der deutsche Geschäftsträger in Caracas auf die vor dem Hafen La Guayra liegenden Kriegsschiffe ihrer Nation begeben. Von jetzt an haben also nicht mehr die Diplomaten, sondern die Kommandanten der beiden Geschwader das Wort. Sie werden sich wohl zunächst damit begnügen, durch Beschlagnahme venezolanischer Zollstationen einen Druck auf Castro auszuüben. Die Besetzung größeren venezolanischen Gebietes ist anscheinend nicht beabfichtigt und daher haben auch die Bereinigten Staaten von Nordamerika, die sonst sehr eifersüchtig über die Besolgung der Monroe Doktrin wachen, keinen Einspruch erhoben.
In Spanien hat es zur Abwechselung wieder eine Mimsterkr.fis gegeben. Nachdem es nur einige Wochen bestanden, hat das neugebildete Kabinet Sa- gasta seine Entlassung nehmen müssen. Die Versuche, unter dem Vorsitz anderer liberaler Parteiführer ein Ministerium zu bilden, schlugen fehl und so ist denn schließlich nichts anderes übrig geblieben, als die Regierung den Konservativen zu übertragen. DaS neue konservative Ministerium steht unter dem Vorsitze SilvelaS. Wie es in Spanien üblich ist, wird das Parlament nun aufgelöst werden, damit die Wahle« für die neue Regierung — was ebenfalls in Spanien Gewohnheitsrecht ist — eine Mehrheit ergeben.
In Italien hat die kirchenfeindliche Regierung eine schwere Niederlage erlitten, indem von den Bureaus : der Kammer die meisten sich gegen die Ehescheidung : aussprache«. Die Regierung hofft nun allerdings, im ; Plenum doch noch e ne Mehrheit zu erlangen, aber ■ das erscheint doch recht fraglich angesichts der Volks- , stimmling, die in ihrer Mehrheit durchaus gegen die i Neuerung ist. Der Kammer find Petitionen gegen die i Ehescheidun g mit mehreren Millionen von Unterschriften
zugegangen.
In Mazedonien will der Sultan nu« wirklich Reformen einführen — wenn man seinen Versicherungen glauben darf. Da» letztere ober darf man einstweilen noch bezweifeln, namentlich angesichts der Zusammensetzung der Reformkommission, welchernicht ei» einziger Christ und ketner der angeseheneren, als resormfreund- lich bekannten türkischen Staatsmänner angehört.
Au-Venezuela kommen bedrohliche Nachrichten, Ein Gerücht meldet die Verhaftung sämmtlicher in Caracas wohnenden Engländer, ei« zweites läßt sogar daS Leben und Eigenthum der dortige« Engländer und Deutsche« gefährdet erscheine«. Andererseits sollen 4 venezolanische „Kriegsschiffe" von dem vereinigte» deutsch-englischen Geschwader vor La Guayra «egge- «omme« worden sein. Schließlich wird gemeldet, daß ein neuer Ausstand gegen Castro an verschiedene« Punkten deS Landes auSgebrochen fei. Wie viel an diesen Meldungen wahr ist, läßt fich i« Augenblick »ich» feststellen. Bei der bekannte« Frechheit Caüros, die Ich auch i« einem offenen Manifest gegen Deutsch- latAitnd England äußert, wäre eS schon möglich, daß er Wlkerrechtswidrige Handlungen sich zu Schulden kommen läßt und daß daher alSbald mit Gewalt gegen ihn vorgegangen werden »mß.
Mochen-Rundscha«.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 13. Dez. 1902.
Im Reichstage hat die Smger'sche Radau- Taktik vollständig Schiffbruch gelitten, nachdem fie i» dm 8 Tage» vorher ihren Höhepunkt erreicht hatte. Herr Singer selbst brachte es durch s«ne Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen des Präsidiums dahin, daß er von einer Sitzung ausgeschlossen werden mußte. In einer andern Sitzung mußte dem „Genossen" Wurm das Wort entzogen werde». Die wüsten Lärmszenen, welche die „Genossen bet diese» und andern Gelegenheften aufführten sp°"°" irder Beschreibung. Zugleich suchte die Obstruktion bte Verhandlungen dadurch zu verschleppen, daß steetne Menge von Anträgen über bte sesch°siliche Behandlung der Berathungsgegenstande stellten und lange Reden „zur Geschäftsordnung Hielien. m welchen dann die Redner sich über alle-Mögliche u«d Unmögliche verbreitete«. Diesen Unfug, der durch die laxe Handhabung der Geschäftsordnung seitens früherer Präsidien ermöglicht und durch dre unbegretfltche Tvnnivenz der Mehrheit, welche bte Anhörung sammt- licher 38 Einzelreserate zum Zolltartf zugestand, ermöglicht wurde, mußte ein Ziel gesetzt werden. Aus dieser Nothwendigkeit heraus ist der Antrag Gröber entstanden, der von allen Mehrheits- varteien einschließlich der Nationalliberalen und mehrerer kleinerer Parteien unterzeichnet wurde. Der Antrag gibt dem Präsidenten das Recht, zu Bemerkungen zur Geschäftsordnung daS Wort nach freiem Ermessen zu urtheilen und er beschrankt die zulässige Dauer auf 5 Minuten. Der Antrag ist am Dienstag mit großer Mehrheit angenommen worden und dann hat auch gleich praktisch setneProbe bestanden. Dabei kam es wohl noch ewige Mal zu lebhaften Auseinandersetzungen und besonders konnte Herr Singer den Aerger über seine Niederlage nicht verbergen; aber im Ganzen verlief diese Sitzung doch so glatt und so ruhig, wie man es auf keiner Sette erwartet hatte. Der Grund war allerdings nicht schwer zu errathen, da man wußte, daß die Sozialdemokraten am letzten Samstag eine überaus stürmische Fraktionsfitzung hatten, in welcher fich die Genossen so heftig in die Haare geriethen, daß fammtltche Reichstagsdiener aus der Nachbarschaft des Frakttons- zimmers entfernt werden mußten, um nicht Ohrenzeugen dieses Streites zu sein. In dieser Fraktions- fitzung ist offenbar die von Singer geleitete und von Wurm, Stadthagen, Hoch, Hase, Herzseld und Andere, bemerkenSwerther Weise hauptsächlich Juden, am lautesten und wildesten betriebene Radautaktik unterlegen und hat die Erwägung gesiegt, daß eine derartige Obstruktion nur dazu führt, die Geschäftsordnung noch immer weiter zu verschärfen und den Zolltarif, statt ihn unmöglich zu machen, erst recht zu fördern. Thatsächlich ist unter den Mehrhefts- parteien auch die allgemeine Auffassung die, daß der Zolltarif nicht zu Stande gekommen wäre, wenn die Linke des Reichstages dem klugen Rathe Eugen Richters gefolgt wäre und auf die böswillige Obstruktion verzichtet hätte. Unsere Leser werde» sich ja auch er. inner«, daß wir vor Wochen, als die Obfwuktivn «och nicht so gewaltsam vorging, stets die Auffassung vertreten haben, daß an ein Zustandekommen des Zolltarifs schon wegen der großen Meinungsverschiedenheiten der Mehrheitsparteien unter einander und gegenüber der Regierung kaum zu denken sei. Es ist eine unbestrittene Thatsache, daß gerade die Obstruktion der Herren Singer, Barth und Genossen die Mehrheitsparteien zusammengeschweißt, die Konservativen von dem maßgebenden Einflüsse der extremen Landbündler befreit und fast die ganze nationalliberale Fraktion, sowie einige kleinere Parteigruppen der Mehrheit zugeführt hat. Diese ist, wie die letzten Abstimmungen zeigen, dadurch zu einer Größe angewachsen , die nicht nur weit über eine einfache Majorität, sondern auch über eine 2/s Majorität hinausaeht. Sie umfaßt ziemlich genau 3lt des Reichstags. Auch die Verständigung mit der Regie- rung wäre ohne die Obstruktion kaum gelungen, Das lebhafte Bewußtsein, daß alle verfaffungsmäßtgen Gewalten im Deutschen Reiche einfach abdanken könnten, wenn die Diktatur der kleinen sozialdemokratischen Minderheit alle Gesetze verhindern könnte, hat auf allen Seiten erst die richtige Geneigtheit sich zu verständigen geschaffen. So plötzlich in den Zukunftsstaat hinein zu wachsen, dazu hat man im Deutschen Reiche denn doch noch keine Lust.
Noch einen andern Erfolg dürfte die so kläglich gescheiterte Singer'sche Taktik haben. Sie ging darauf aus, die Berathung deS Zolltarifs in dem gegenwärtigen Reichstage unmöglich zu machen, um ihn bei bett bevorstehenden Wahlen als Wahl- varole, die sich ja auch wunderschön zu den kräf- tigflen Hetzereien geeignet hätte, benutzen zu könne«. Heute zweifeln wohl nur noch wenige daran, daß dieses Ziel nicht erreicht wird. Der Zolltarif wird nach der allgemeinen Auffassung int Reichstage, wenn nicht vor Weihnachten, so doch ganz bestimmt gleich »ach den Weihnachtsferien fertig werde« — die zweite Lesung ist bekanntlich nach der Annahme des Antrages Kardorffs mit 184 gegen 136 Stimmen abgeihan — und dann vergehe« «och Monate bi« zu den nächsten Reichstagswahlen, eine lange Zeit, in welcher fich der Blick vorwärts auf die günstige« Handelsverträge richten wird. Mch den Absichten und Bmechmmgen Tugen