wirb ent! Rabatt
FuldaerMIeitung
mit den Beilagen
M 280.
Wnwk.O. l OflMMk*
SSSBBOM0* 1
29. Jahrgang.
Uluslrirte Sonntags-Zeitung*, „Suldatr SeschichkblZM' und CofierFe-fisf^.
Juk-a, FreUag, den 5. Dezember 1902.
O Mehr Schneid!
Das ist wohl der allgemeine Wunsch, mit welchem die Wähler der Mehrheitsparteien die Abwehr der sozialdemokratischen Obstruktion im Reichstage verfolgen. Wenn von den OrdnungS- patteien des Reichstags in dem heißem Ringe« dieser Tage Fehler gemacht worden find, so be» stehen fie darin, daß fie nicht immer energisch und folgerichtig die Obstruktion in ihre Schranke« zurückgewiesen haben. Aus jeden energischen Anlauf folgte in der Regel alsbald ei« Stadium uubegreifl cher Nachgiebigkeit. BesouderS bedauerlich ist eS, daß ma» am Mittwoch sich von der Linken fast widerstandslos den Zwang auferlegen ließ, fämmtliche 38 einzelne Referate ««zuhören. Es bestand dazu durchaus keine zwingende Rothwendigkeit. Gewiß ist es im Allgemeinen Brauch, daß daS Plenum die Referate der Kommiffion anhört, aber die Geschäftsordnung sagt nichts davon, daß daS Plenum genöthig) sei, auch alle diese Referate wirklich entgegenzunehmen. Herr Richter, der hierbei den Obstruktisnsparteien leider Hilfe leistete, berief sich darauf, daß die Berichterstatter von der Kommiffion eine« förmliche« Auftrag hätte«, dem Pleuum Bericht zu erstatten und wenn fie dies nicht schriftlich getha« hätten, so müßten fie es eben mündlich thun. Das mag hinsichtlich der Verpflichtung der Berichterstatter zutreffen, aber damit ist keineswegs gesagt, daß nun auch das Plenum die Verpflichtung habe, die Berichterstatter anzuhören. Es ist in der That «ich. einzusehen, warum daS Plenum nicht das Recht habe« soll, aus ein Referat z« verzichten, wen« eS dasselbe nicht für nöthig hält. Der Standpunkt der Linken hätte nur dann eine« Sinn, wenn die Kommiffion auch dem Plenum Vorschriften zu machen hätte. So steht aber die Sache nicht. Die Kommiffon ist lediglich ein Hilfsorgan deS Plenums und steht natürlich unter diesem. Die Kommiffion mag beschließen, was fie will, fie mag auch Berichterstatter aufstellen und diesen bestimmt- Auf- träge geben; das Plenum braucht sich nicht daran zu kehren. Do gut, wir eS die Beschlüffr der Kommiffio« «ach fteiem Ermessen ««nimmt oder ablehnt, ebenso wohl'hat es daS volle Recht, fich frei zu entscheiden, ob eS die Berichte der Kommiffion «»hören will oder nicht.
Wären jene Fehler nicht gemacht worden, so hätte der Antrag Kardorff und damit die zweite Lesung des gesammten ZolltarisS schon am Mittwoch erledigt werde» kö»»rn. So aber bedarf e8 jetzt der äußersten Anstrengungen, um die 38 Referate zu bewältige». Soweit die Referenten der Linken angehöre«, referiren fie natürlich in epischer Breite, um die Verhandlung möglichst lange aufzuhalten. Faffen fich nun die der Mehr- hett angehörenden Berichterstatter um so kürzer, so hängen die Obstruktionsparteien a» ihre Referate eine Geschäftsordnungsdebatte mit den obligaten Verschleppungsanträgen nach der andern. Dieses Gebühren gäbe der Mehrheit das volle Recht, in jedem Augenblick auf die Anhörung weiterer Referate zu verzichte«. Man sollte eS nicht für möglich halten, daß nach den wüste« Skandalen dieser Tage, namentlich aber nach dem frechen Auftreten Singers in der Donnerstags»
sitzlmg es »och zartbesaitete Gemüther geben könnte, welche gegenüber einer so böswilligen Obstruktto» »icht nur nach dm strengsten Wortlaut der Geschästsordnung, sondern auch »ach «Billigkeitsgründen", die Geschäfte weiterführen wolle». BilligkettSgrü»de können doch einer derartige» Obstruktto» gegenüber wirklich keine Be- rechtigu»g mehr in Anspruch nehmen. Ihr gebührt nur, was fie auf Grund der Geschäftsordnung unbestreitbar fordern können und kein Deut mehr!
Herr Singer hat am Donnerstag dem Präfi- deuten offen Trotz geboten. Er hat die Sache foweit auf die Spitze getrieben, daß er vo» der Sitzung auSgefchlofse» werde» mußte. Gleich- wohl sah ma» ihn nach Wiederaufnahme der unterbrochene« Sitzung feinen Platz ruhig wieder einnehme» u»d das Präfidium hi»derte ihn »icht daran. Allerdi»gs mag es unter de» gegebenen Berhältniffen im Reichstage schwierig sein, dem Befehle des Präfidenten nöthigenfalls auch durch körperliche Gewalt Nachdruck zu verleihe». Man scheut fich davor, einen Abgeordneten durch die Dienet hinausgeletten zulasten, Polizei und Militär möchte man auch nicht requirire». Aber soll eS dem Präfidenten des deutschen Reichstages dauernd unmöglich fein, seinen Anordnungen auch unter alle« Umstände« Geltung zu verschaffen? Das beißt doch das Präfidium gegenüber Radaubrüder», wie fie fitzt auf der Linke» fitze«, von vor» herein zur Ohnmacht verdammen. Die Geschäftsordnung schreibt auch vor, daß der Prästdent die Polizei im Hause wahrzunehmen hat. Wie kann er das aber, wenn ihm die Organe dazu fehlen? Ma» wird nicht verlangen können, daß er eine» unbotmäßigen Abgeordnete« höchst eigenhändig zum Saale hinausbesördere- ES dürste daher doch zu erwäge» fein, ob man dem Präfidenten nicht, wie es auch in andere» Parlame»ten der Fall ist, einige Handseste Männer zur Seite gibt, die seinen Befehle» be» nöthigen Nachdruck verschaffe» könnm. Im französischen Parlamente, deffen Mttglieder doch gewiß auf ihre Freiheit eifersüchtig bedacht find, hat man huiesiers zu diesem Zwecke, die sogar ohne Aufforderung durch den Präfidenten die Abgeordueten zur Ruhe ver- weisen können, und zwar sogar in den Wandelhallen, wen» fie dort durch allzu laute Unterhaltung die Sitzung störe». '
Berlin, 4. Dezember 1902.
X Der Zteicholag hat am Donnerstag zwei Sitzungen abgehalten, deren erste um 10 Uhr Vormittags begann und bis 5 Uhr dauerte, während die zweite Sitzung um 7 Uhr Abends ihren Anfang nahm. Er handelte fich um die Fortsetzung der gestern begonnene» 38 Einzeldebatte» zum Zolltarif. In der erste» Sitzung gelang eS nur 2 dieser Referate mit den darangehängte« DerschleppunzSanträge» und Geschäfts- ordnungSdebatten zu erledigen. Die Sitzung wurde obendrein auf eine gute halbe Stunde
unterbrochen, weil der von den Sozialdemokraten aufgeführte wüste Lärm und die Widersetzlichkeit ihres Führers Singer gegen die Anordnung des Präsidenten jede wettere Verhandlung unmöglich machte. Herr Singer glaubte nämlich, Anspruch darauf zu haben, dar Wort zur Geschäftsordnung zu erhalte». Der Präfide»t wollte eS ihm auch ertheile», aber erst in einem späteren Augenblick. Als nun Ginger zunächst daS Wort nicht erhielt, suchten die Sozialdemokraten durch wüstes Schreie» n»d ununterbrochene Rufe „Zur Geschäftsordnung!" die« zu erzwinge» und de« Abz. Dr. Spahn, dem detVizeptäfi- deut Graf Stolberg daS Wo« ertheilt hatte, nicht zum Worre kommen zu laffrn. Herr Spahn sprach freilich trotzdem mitten i« dem wüsten Lärm, in welchem die Glocke des Präsidenten vergeblich Ruhe heischte. Herr Singer, der oben an der Treppe stand, und dem Präfidenten vor den Augen herumfuchtelte, immerfort fchreiend, das Wort verlangend, sollte auf Aufforderung des Präsidenten die Treppe, die ft ei bleibe» soll, verlasse», aber er weigerte sich deffen so lange, bis der Präsident ihn von der Sitzung ausschloß. Die Erregung im Saal und auf den Tribüne» war »«geheuer, zumal als Herr Singer fich auch anZiese Anordnung niSt kehrte und an seinem Platze verharrte. ES blieb dem Vizepräsidenten kaum etwas anders übrig, als die Sitzung auf eine halbe Stunde auszusetzen. Nachher erschien Singer mit gewohnter Unverfrorenheit wieder im Saale. Sei« Fraktion«- genoffe Bebel wollte die ganze wüste Seenr auf ein Mißverständniß zurückführe», aber mit Recht entgegnete ihm Abg. Spahn, daß die Sozialdemokraten auch ohne ein solches Mißverständnis Lärmszenr« herbeizusühre» wiffen. — I« der Aöendsttzung hofft ma» de» Rest oder doch de» größten Theil der noch ausstehende» Referate bewältigen zu können.
X A«» Aörvehr der Aerschleppuusr- rederei wird, wie ein der konservativen Partei nahestehender Berichterstatter mtttheilt (eine Nachprüfung ist in diesem Augenblicke nicht möglich), ei« Antrag vorbereitet, der fich auf die Ertheilung des Wortes und die Dauer der Reden bezieht. Anscheinend handelt es sich hierbei nur um die, durch eine von uns nie begriffene Conuivenz dcs Präfidium« wett Über ihre eigentliche Bedeutung ausgedehnte« Rede, recte Bemerkungen „zur Geschäftsordnung". Diese Auffaffung wird durch eine weitere Mittheilnnj bestätigt, wonach der Antrag, der bereit» formulir sei, die Machtbefugnisse be« Präsidenten bezüglich der Behandlung von Geschäft«» orbnungsbebatten erweitere. Der Antrag soll aber erst am nächsten Dienstag bem Plenum zur Berathung vorgelegt werden.
+ Die Akeichstas-stsnograpHe« sind in diese» Tage» so angestrengt, baß bas Präfidium zur Aushilfe die offiziellen Stenographen Les prenß. Abgeorbnetenshauser «och zugezogen hat,
+ Ileichotag» - Kanbibalnre«. Für bie Reichstags-Ersatzwahl im Wahlkreise Meppen, den bekanntlich Winbthorst von 1871—1891 vertrete» hat, stellt bas Cent rum einen Neffen Winbthorft's, ben NmtsgerichtSrath Engelen in Osnabrück, im Vorjahre Prästdent des Lokal-
Komttee'S der Katholiken-Versammlung, als Ran» btbate» auf. Die Konservative« haben im 14. sächsischen Wahlkreise, ben bisher Herr v. gtege vertrete» hat, ben Ritterguts - Besitzer Kopp-Altenheim ausgestellt. — Im Wahlkreise Lanbsberg-Solbi» stellen bieKonservative», Antisemiten und der Bund der Lanbwirthe be» Lanbgerichtsrath Max Paucksch i» Berlin auf. Für bie freisinnige Bereinigung kandiditt «lebet >er bisherige Abg. Schrader, für die Sozialdemokraten bet Former Pritzel.
+ Ade- Aevel hat am Mittwoch vom Vizepräsidenten Graf Stolberg einen Ordnungsruf erhalten, weil er die Aeußerungen der Staatssekretärs Grafe« Pofadowsky „unpaffenb" nannte. Dagegen hat Bebel Einspruch et» »oben, über welchen der Reichstag am Freitag ohne Debatte zu entscheiden haben wird. Es gibt eine« „Präzedenzfall" für einen solchen Einspruch; doch hat sich ein ähnlicher Einspruch, aber nicht gegen einen Ordnungsruf, sondern gegen eine Wortentziehung, im Jahre 1871 zugetragen. Auch damals war es Bebel, der den Einspruch erhob; und der Reichstag beschloß auf Antrag Windt» Horsts, der Bebel« Einspruch für begründet er» klärte, Rückverweisung au die Geschäftsordnung«- kommiffion, die anfangs dem Präfidenten von Sims»« Recht gegeben hatte. Dieser legte in» olgedeffen sein Amt nieder. — Dazu wird e« diesmal schwerlich kommen; man mag darüber zweifelhaft sein, ob der Ausdruck Bebels wttkllch einen Ordnungsruf verdiente, aber man wird der Linken nicht den Gefallen thun, in diesem Augenblick die Lage durch eine PrSfidialkrisi« noch mehr zu verwirren.
+ Kttr soziakdrWokratischer Hänschnugv- »ersuch. ES paßt zum Ganze«, was wir heute aus katholischen % beiter freien Berlins vernehme«: Die Sozialdemokraten haben eine von ben 27 Protestversammlungen, bie sie aus Donnerstag Abend in Berlin anberaumt haben, um ihre Genoffen gegen bie Reichstagsmehrheit aufzu- Hetzen, in das Leo-Hospiz, bas Heim bet katholischen Arbeitervereine bei Ostens von Berlin einbetufe», indem sie offenbar ben Pächter über bie wahre Natur bet Versammlung täuschten. Der Zweck ist bet, ben Anschein zu erwecke», als wenn eine katholische Arbeiterversammlung gegen bie „Brobwucherparteien" Stellung genommen hätte. Die katholischen Arbeitervereine, christlichen Gewerkschaften re., bie über ein solches Manöver mit Recht empört find, habe« so zu sagen in letzter Stunde versucht, eine größere Anzahl ihrer Mitglieder zu benachrichtige», um durch ihre Theilnahme a« bet Versammlung und durch Protest gegen be» sozialdemokratischen Täuschungsversuch be» Zweck bet Herten Rothen zu vereiteln. ES muß schlecht um bie Sache bet Sozialdemokraten stehe», baß fie zu solchen Mitteln ihre Zuflucht nehme« l
[] Stimmungsbild aus dem Reichstage.
So ruhig wie bie Mittwochfitzun« be« Reichstage« »erlief, so wilderregt gestaltete sich alsbald bie DonaerStag» fitzung, bie schon um 10 Uhr Morgen« begann. Zunächst würbe die Reihe ber Referate durch dasjenige be« Abg KlauKenhorn über die Nummern 176 bi« 189, die hauptsächlich oerschiedeuene Getränke umfaffen.
Die Macht des Geldes.
Kriminal-Roman von Arthur Eugen Simson.
8 ------ (Nachdruck verboten.)
„Die Gesellschaft verlangt ja nichts weiter, als be« überzeugende» ,Beweis, baß bet Ser» sicherte eines natürliche» Todes gestorben ist", erwiberte bet Agents
„Und diese» Beweis liefert ihr ber Tobten- schein!"
„Der Herr Medizinalrath wat nerreist, et hat Ihre» Schwager in dessen letzter Krankheit nicht behandelt. Sie müsse» diese» Einwand berechtigt finden, Herr Gruner; ber Tod be« Versicherte» ist so plötzlich erfolgt, und bie Beerbt- gung hat so halb »ach bem Ableben stattgefn«- bw, daß ein leiser Argwohn wohl begreiflich ist."
„So gilt Ihnen auch da« Zengniß des Herrn Doktor Kleinschmidt nicht«?" fragte Gruner mit scharfer Betonung. „Welche andere« Beweise verlangen Sie den« noch?"
„Ich werbe ae die Direktion schreiben unb ch« bie Dokumente einsenden; warten Sie ruhig bie Antwort ab; ich zweifle nicht daran, daß »fr u»S in Güte einigen werden. Hätten Sie mich nut sofort von bem Ableben Ihres Schwagers benachrichtigt! Ich würde einen Arzt beauftragt haben, bie Leiche zu besichtigen, unb ein Attest von ihm wäre bann genügend gewesen. Jetzt läßt fich nicht vorauSsehen, welche Forde- Hingen bie Direktion stellen wird l Sie ist berech- Ast, Ausgrabung ber Leiche zu verlangen —"
„Dieser Forderung würde die Wtttwe unter keinen Bedingungen nachgeben", unterbrach Srunert ihn entrüstet; ihre heiligsten Gefühle werden durch eine solche Entweihung eine« ihr theuten Grabes verletzt. Das ist ber Gesellschaft so gut bekannt, wie ich es weiß, unb wenn fie trotzdem diese Forderung stellt, so ist daS nut eine Machlnatio», durch bie sie ihren Verpflich- tungen fich zu entziehen gedenkt. Bedenken Sie denn nicht, baß solche GeschäftSprinzipien Ihre Gesellschaft a« ben Pranget stellen würden?"
„D nein, wir fordern ja nur Sicherheit, und da« kann un« Niemand verargen. Ich vertrete da« Jntercffe der Gesellschaft."
„Sie stehen zwischen der Gesellschaft und dem Versicherten, Sie sollten auch das Interesse des letzteren vertreten. Ich stütze meine Forderung auf die Atteste zweier Aerzte, die in allgemeiner Achtung stehen; Sie verlangen dagegen Entweihung des Grabes —"
Ich verlange durchaus nicht«, Herr Gruner; es ist nicht meine Sache, sondern Sache der Direktion, darüber zu bestimmen, welche Beweise vorgelegt werden müssen. Sie werden also ge- nöthtgt fein, fich zu gedulden, bl« die Antwort der Direktion eingetroffen ist. Wir haben in unseren Statuten un« überhaupt Vorbehalten, die Verficherungesumme erst «ach Ablauf eine« Viertel- jähre«, vom Todestage an gerechnet, auszuzahlen. Dem Ermesse« der Dtrektiou ist e« anheimgestellt, ob fie in dringenden Fälle« diese Frist abkürzen will."
Willi Gruner drehte an den Sp tzen seine» Schnurrbartes und ließ den Blick forschend durch da» einfach ausgestattete Gemach schweifen. —
„Eine junge Gesellschaft, wie die Ihrige, muß besonderen Werth darauf legen, daß die Ansprüche ber Versicherten rasch und prompt erledigt werden," sagte er in angemessenem Tone, „nur dadurch kann fie fich Vertrauen erwerben unb den Boden unter ihren Füßen befestigen. Ich hatte e« gewissermaßen für meine Pflicht, de« übrige« Versicherten Ihrer Gesellschaft darüber, wie dieser Fall erledigt wird, Mitthsilung z« machen, unb da bie Angelegenheit auch für da« größere Publikum Interesse hat, so werde ich z« diesen Mittheilungen die Spalte einer großen Zeitung benützen."
„Soll darin eine Drohung liegen?" fragte bet Agent, auf ben diese« Vorhaben Eindruck zu machen schien.
„Keineswegs, zu Drohungen habe ich einstweilen «och keine Veranlassung. Wenn die Direktion unbillige Forderungen stellen sollte, so werbe ich den Prozeß gegen fie anstrengen u« > richterliche Sutscheidung verlangen. Und weil ich darüber so bald al« möglich Gewißheit habe« möchte, halte ich e« für das Beste, mit der Direktio« persönlich zu unterhandeln, fie wird wir gegenüber keine Winkelzüge machen könne«. Wollen Sie mich in meine« Bemühungen unterstützen, so werde ich Ihne« dafür sehr dankbar sein; legen Sie mit aber Hindernisse in den Weg, so mache ich Sie auch für die Folgen verantwortlich."
Gruner wat bet ben letzten Worten von seinem Sitz aufgestanden; eine feste Entschlossenheit spiegelte sich in seinen Zügen.
„Für Ihre Gesellschaft wirb dieser Fall eine Lebensfrage werden," fuhr er fort, während er langsam seine Glacehandschuhe anzog; „ich werbe nicht
da« mindeste Bedenken tragen, in meinem öffentliche« Bericht rücksichtslos die Wahrheit zu sagen."
Der Agent verbeugte fich schweigend und gab seinem Gast das Geleit bis zur Hansthür, dann kehrte er in sein Äablnet zurück.
68 war nicht so ruhig tn seinem Innern, wie et fich den Anschein gegeben hatte; eine geraume Weile wanderte er rastlos auf unb nieder, und die tiefen Furchen auf seiner Stirne ließen erkennen, daß feine Gedanke« fich ernster Beschäftigung Hingaben.
Er verkannte keineswegs die Nachtheile, bie nicht der Versicherungsgesellschaft allein, sonder« auch ihm barau» erwachsen konnte«, wenn Gruner seine Drohung ausführte, und war Griesheim eine» natürlichen Tode» gesto den, bann mußt« unter allen Umstände« die Verficherungssnmme gezahlt werbe». ' <
In diesem Falle lag allerbttigS tusche «nd prompte Zahlung im Interesse bet Gesellschaft; eine öffentliche Anerkennung mußte ihr bas Vertrauen bei Publikums erwerben, unb eine wirksame Reklame war im Hinblick auf be» bisherigen schlechten Geschäftsgang keineswegs z« verschmähe».
Hier gatt eS rasch zu handel»; Gruner hatte eine Entschlossenheit an ben Tag gelegt, bie bem Agenten ernsthafte Besorgnisse einsiößte. 4
St nahm seinen Hut unb eilte hinaus; ein» halbe Stunde später trat er i» das Witte» zimmer bei DoktorS Kleinschmidt, unb ber Zufall fügte ei, daß gerade kurz vor seiner Ankunft bet letzte Patient bie Stubirftnbe beS vielbeschäftigt« Arztes verließ.