Jutöa, Samstag, den 29. November 1902.
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29.Jahrgaug.
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mit den Beilagen
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[] Die Organisation der Centrumspartei im Reg.-Bez. Kassel.
Die wesentlichste $orbebi«guxg für de» Bestand und die Aktionöfähigkeil einer politische» Partei ist eine gute Organisation. Gnt ist ob« eine Partei nnr dann orgauifirt, »en« die Leitnng mit al ihre» Glieder» in beständiger Fühlung steht und die einzelnen Glieder Die Parteileitung all solche anerkenne» nnd ihr Verttaue» entgegenbringen. Da» ist aber, mir die Erfahrung lehrt, nur dann «»glich, «en» die Organisation sich von unten herauf au»ge- bildet hat, so datz die An «hörigen der Partei er selber gewesen find, die jene Männer mit der Führung betraut haben, denen fie vertrauen.
Auf diese» Grundsätze« ist die Tentrum»- Partei, wie t« anderen Provinzen und Bezirken, insbesondere auch hier bei »nS iw Regierung«, bezirk Raffet organifirt. Ihre» jetzigen Ausbau erhielt die Organisation in unsere« Bezirk im Jahre 1893, mo eine größere Anzahl von Herren aus allen «reise» bei Bezirks, nach kärgere» und ei»gehendrn Berat Hungen eine» a«i 70 Mit- gliederte bestehenden Wahlausschuß der CentrumSpartei sür den Regierungsbezirk Raffel einsetzte.
Dieser Wahlausschuß hat die Aufgabe, iet Sinne der EentrmnSpartei die Wähler deS NegierungSbezirkS Raffel zur AuSübur-, ihres Wahlrechtes zu bewege», die von der Partei seither innegehabten Reichstags- und Landtagsmandate zu behaupte» und weitere zu gewinnen, sowie in de» Rreisrn, wo kein CrntrumSkandidal durchgis tzk werde» kann, sür Derjenigen ei»zu- treten, der im Interesse bei TrntrumS am dien- lichsteu «scheint.
Die Mitglied« deS WahlauischuffeS werden von den Vertrauensmänner» ihrer Rteife gewählt, und zwar wählen die ein- zelne» Rreife folgende «»zahl »on Mitglied«: Fulda 14, Raffel, Hünfeld, GerSfeld, Schlüchtern, Hanau und Rirchhain (mit Frankenberg) je 6, Fritzlar, und Gelnhausen je 4, Wolfhage», Hofgeismar, Marburg, H»mb«g, Hrrsfeld und Schmalkalden, je 2, zusammen also 70 Mitglieder. SS find in der Regel nur solche Vn- tret« zu wählen, die in de» betreffenden Rteife» ansäffig sied. Kommt in einem oben mehreren Rteife» keine Wahl zu Stande, so ist der Wahlausschuß befugt, für die ausgefallene Zahl andere geeignete Vertreter zu cooptiren.
Die Reuwahle» finde» alle fünf Jahre statt. Die »l »gewählte» Vertreter werden jeder Mal alsbald durch den Vorsitzenden dir voraus gehenden MandatSperiode zur konflitutrende» Versawmlnng berufe». Diese wählt eine» Vor« fitzende», dessen Stellvtttreter und zwei Schrift- führ« ; diese 4 Personen bilden de» Vorstand deS SsahlsuSschuffeS und mit den übrige» i» der Stadt Fulda wohnenden Mitgliedern zu- gleich den engeren geschäftSführende»Ausschuß, der die laufenden Geschäfte bei Wahlausschusses, so lange dieser nicht versammelt ist, z» erledigen hat.
Da die letzten Neuwahlen zum WahlauS- schuffe zu Anfang der Jahre 1898 erfolgt st»d, müssen jetzt wiederum Neuwahlen stattfinden; in de» meisten Kreisen find dieselben bereits in den letzten Wochm erfolgt und die konstttuirende Bnsammliing wird vorauSstchtlich in kurzer Zeit anberaumt «erden.
Im Urbrige« «folgt die Berufung deS Wahl- auSschuss?» durch den Vorsitzenden, sobald Beran- laffung vorliegt, oder et» schriftlich« Antrag von mindestens drei Mitgliedern ei verlangt. D« Wahlausschuß saßt seine Beschlüffe mit */- Mebr- h«t der erschienenen Mitglieder. Dies- Beschlüsse werde» allen Mitgliedern deS AuSschuffeS schriftlich Litgetheilt. Die auf diese Weise zu Stande gekommenen Beschlüffe gelten als der M e i n u n g S. au6druck der berufenen Vertreter der GentrumSpaDLei des Regierungsbezirks R aff el.
A«S dem Gefasten geht hervor, daß die -Orgemisatiou der GentrumiPartei in unserem Regierungsbezirk nichts zu wünsche» übrig läßt.
Für di« Stadt ,Fulda ist sür Mitt« Dezember eine Versammlung von Vertrauens- Männer» in AuSficht genommen, in welcher oor- auSfichtkich unsere Adaeordnete» sür Reichstag und Eaebtag sowie Herr Richard Müller sprech, n werde». Sinlotsagen .dazu werde» «ochtzkitig «gehen.
Wochen-PttndschR«.
(Rachbrnck verboten.)
X Fulda, 29. No». 1902.
Nach langen Berathunge» ist endlich am DonnerS- tag zwischen den Verbündete« Regierungen «nd de» Mehrheitiparteien der Reichstages eine Verständigung über den Zolltarif zu Stande gekommen. ES steht nun zu hoffen, daß trotz all« Ekandalszeue» d« Sozialdemokraten das ganze Werk rechtzeitig zu Ende geführt werde.
Wohl noch mehr als der Zolltarifstreit hat in der vergangenen Woche der tragischeTod des.Kanonen» königi" Friedrich Alfred Krupp die breite Oeffent- lichkeit beschäftigt. Der .Vorwärts' hatte ans b« sozialdemokratische» „Brnderblättern" Italiens schwere persönliche Angriffe gegen Krupp entnommen. Mögen »»» diese« Angriffen Thatsachen zu Grunde liege» oder nicht, so bleibt daS Vergebe» des sozialdemokratischen Hauptorgans doch «nt« alle» Umstä»den eine Gemeinheit. I» der anständigen Presse Deutschlands gilt e» gottlob auch heute noch all eine Niedertracht, den politische» Gegner durch Herabwürdigung sein« p«sö«liche» Ehre zu vernichten. D« .Vorwärts' hat aber in de» Augen bei Volkes, das nicht weiter klügelt »nd fpiutistrt, »icht nur die Ehre, sondern auch daS Leben Krupps vernichtet. DaS bleibt bestehe», wie auch immer die Todesursache Krupp» beschaffen gewesen sein mag. Es ist begreiflich, daß unter den angegebene» Umstünden vielfach in ersten Augenblick geglaubt wurde, Krupp habe selbst Hand an fich gelegt. Doch ist die später gegebene Auskunft, wonach Krupp, der schon an fich stark herzleidend und sehr schwächlich war, in Folge der «ufregung dies« Tage eine» zweimaligen Schlaganfall erlitt, sicherlich ganz glaub- würdig. War auch immer gegen Krupp pnsönlich gesagt werde« wag, der .Vorwärts' hatte umsoweniger ein Recht, ihn zu richten, als er selbst die »«gehen, deren sich nach seiner Behauptung Krupp schuldig gemacht hat, nicht verdammen wollte, sondern sogar als moralisch erlaubte oder doch entschuldbare Handlungen hinzustellen suchte. Wir uns««seits müssen Vergehen, die nicht nur durch das 6. Gebot GotteS, sondern in Deutschland auch durch daS Strafgesetz getroffen w«den, unter allen Umständen aufs schärfste verurtheilen. Aber ebenso müssen wir eS auch mißbillige« und verabscheuen» daß an die Stelle deS sachlichen politische» Kampfe» die persön- liche Verunglimpfung und ein skandal- lüstern eS Denunziantenthum tritt. Die katholische Presse hat dieser schmählichen KampfeSweise schon ost entgegentreten »tü{fen, wenn sozialdemokratische, demokratische und liberaleBlät1«den Kampf gegen die katholische Kirche durch H«vorzerru»g und Erfindung aller möglichen Ekandalgeschichten meist ausländischer Priester, OrdenSleute rc. führte. Wir haben kaum jemals vernommen, daß liberale ob« protestantische Blätter in dieser Abwehr einer unwürdige» KampfeSart fich den katholischen Blättern zur Seite gestellt hätten. Aber jetzt, nachdem der vergiftete Pfeil einmal einen der Großen i« »Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte", einen Man«, der in einem Militärstaate «nd Jndustrielande eine einzigartige Stellung einnahm, getroffen hat, jetzt kann man fast in allen Zeitungen, die sozialdemokratischen und wenige bürg«« lich radikale ausgenommen, Klagen über die Verrohung unserer politischen Sitten und über die unwürdige KampfeSweise mit der Waffe deS Skandals lesen. Vielleicht ist die» dn Beginn einer Umkehr, ein« Besserung der öffentlichen Moral, vielleicht ab« verpufft die ganze Entrüstung auch wie Kkrohfeu« «nd läßt keine aufrichtige Reue und keine Vess«nng zurück.
«u» den Ernzetstaate» find diesmal einige bemnkeu». werthe Thatsachen zu »«zeichnen. In Bayern hat der neue Kultusminister Herr v. PodewilS durch die Ablehnung der Errichtung von Slwultanschulen und durch die Beilegung des Würzburg« U«iv«fität»streite» einen i« allgemeine» günstigen Eindruck hnvorgerusen. Doch wird ma« gut thun, noch weit«e Thaten de» neuen Ministers abzuwarten. JuSbesond«e dürfte d« Würzburg« UnivnfitätSstreit noch weitne Folgen nach fich ziehen. Auch da« Justizministerium hat eine» neuen Leiter erhalten i« d« Person de» ReichkgnichtS- rath» Miltner, der Katholik ist. — Inzwischen tobt in Bade» der Kampf der wüthigen Kultnrpanker unter Führung de» Herr« Boehtlingk gegen die Zu- laffung von Orden»gesell!chaften weiter. In Karlsruhe haben die Nationalliberaleu eine Bnsammlung gegen die Orden abgehalten, um auf de» Großherzog unmittelbar in seiner Hauptstadt im ordensfeindlichen Sinne einzuwirken. DaS Toben der Liberalen kann Niemand darub« täuschen, daß fie froh wären, wenn die OrdenSftage «lebigt wäre; fie werden unter allen Umständen zu ben Fleischtöpfen der Regierung zurückkehren. — In Württemberg ist vorläufig bie Steuerreform die wichtigste inn«politische Frage. Die erste Lamm« hat den hmhsten Steuersatz, der von d« 2. Kammer auf 6°/0 festgesetzt war, auf 41/2°/0 «mäßigt Auch verlangt fie einhellig das Budgetrecht für fich bezüglich der Einkommensteuer. ES wird nicht leicht fein, über diese Schwierigkeiten Hinwegzukommen.— Im Großherzogthum Hesse» ist soeben d« Landtag «öffnet worden. Die Tbronrede de» GroßhrrzogSmalt die Finanzlage des Lande» ziemlich trübe, indem fie auf den Rückgang d« Erträgnisse d« Staatreisenbahnen und der Forstdomäne, sowie auf die steigenden Anforderungen deS Reiche» hinweist. Hätten die einzelstaatlichen Fwanzminist« nnr bei Zeiten den Daumen auf die Beutel gehalten, al» e» fich um die großen Militär-nnd Marinevorlagen handelte, dann brauchten fie j-tzt nicht alle Stein «nd Bein zu klage». — In Mecklenburg will die Regierung ben Katholiken und Refor- mirten lkirchenpollüsch dieselbe« Rechte gebe« wie d«
lutherischen Landeskirche. Dagegen sträuben fich bezeichnender Weise g«obe .liberale" und „freisinnige" Blätter, während die Kons«vativen, obwohl fie auch kein Wohlwollen gegen bie katholische Kirche hegen, im Interesse be» Ansehen» Mecklenburg» dennoch da» Toleranzgesetz annehme» wollen. — Ein ähnliche» Gesetz hat auch de« braunschweigische» Landtag beschäftigt, doch enthält e» für die Katholiken noch manche Härten, die selbst in einige» lib«alen Blättern getadelt werden.
Auf dem Gebiete der auswärtige» Politik herrschte in diese» Woche» im allgemeinen Ruhe. I» Oesterreich bemüht fich Herr v. Körb« noch immer, eine Verständigung zwischen Deutsche» und Tschechen herbei- znführen. Er hat zu diesem Zwecke sogar einen Schach- zug unternommen, welch« in Böhmen i» ein« bestimmten Frage, Deutsche und Tschechen gegen ihn selbst zusammengeführt hat! Ma» hat dort nämlich die Lehrergehälter «höht «nd die Kosten dafür au» d« Bierbesteuerung bestreiten wollen. He« v. Körber hat diesem Beschlüsse aber seine Zustimmung versagt, indem er unter deutlichem Hinweis auf bie Möglichkeit verfassungswidriger Zustände die Bierbesteuerung für bie ReichSfinanzen in Anspruch nahm. Dagegen haben Deutsche und Tscheche» gemeinschaftlich Widerspruch «hoben und demselben auch im österreichischen Abgeordnetenhause Ausdruck gegeben. Herr ». Körber aber ist bei der Ablehnung geblieben, indem er den streitenden Parteien zu v«stehen gab: „Einigt euch in der Sprachenfrage, nachher sollt ihr auch die Biersteuer habe»!"
DaS bemerkenswertheste Ereigniß der AuSlandS- politik ist im übrigen die von Deutschland und England gemeinsam geplante Flottenbemonstration gegen ben Präsidenten Castro von Venezuela. Nachdem Castro nämlich wieder im Besitze der Regie- rungSgewalt ist, ist e« Zeit, die alten Forderungen d« deutschen und englischen Gläubiger Venezuela» vo» neuem anzumelden; und da mit Güte hi« nicht» auszurichten ist, so muß es mit der Androhung rnili- tärssch« Gewalt versucht werden. Die B«einigten Staaten von Nordamerika mußten gleichsam Wied« um die Erlaubniß ersucht werden, die fie dann auch großmüthig ertheilten unter der Bedingung, daß Deutsche uv d Engländer keinen Platz an d« venezuelanischen Küste besetzen.
Die größte Thalsperre der Welt.
ES ist uns alle» au» der biblischen Geschichte bekannt, daß der Nilfiuß in jedem Jahre au» seinen Ufern tritt und durch einen äußerst fruchtbaren Schlamm, den er auf den überschwemmten Gefilde» ablazert, der segensreiche Fr«chtspe»der Aegypten» wird. Wir wissen aber auch »eiter, daß auf die Zeit der Hochfluth lauge Monate eine» äußerst niedrigen Wasser stände» folge». Dann muß da« Wasser den verdorrende» Feldern mühselig durch Kanäle zugeführt werde» und weiter vom Fluß entfernte Flächen könne», trotz- dem fie während der Fluth befruchtet «erden, nicht bebaut werben.
Da haben nun die Engländer al» die derzeitige» Herren de» Lande» in den Stromschnellen bet Assuan einen gewaltige» Damm errichtet, der an Ausdehnung und monumentaler Größe mit den Bauwerke« der alten Pharaore» wetteifern kann. Bei Assuan treten ziemlich hohe Felsen zu beiden Setten so dicht an den Fluß, daß fie fei» Bett stark verengen. Flußaufwärts bildet da» Bett dagegen eine feeartige Mulde, in welcher unter anderen die Insel Phtlä mit uralten ägyp tischen Tempelruiuen liegt. Der Damm erstreckt fich an der engsten Stelle be» Flusse» von ei«em Ufer zum anderen und gestattet e», die Finthen de» Stil» etwa 16 Meter hoch über Mittelwasser aufzustaue«. In schweren Granit qr adern au»* geführt und bi» tief in den seifigen Grund be» Flußbettes fanbamentht, zieht er sich in einer Länge von fast einer englische» Meile qrer durch be» Fluß ooe Ufer zu Ufer und enthält je fünf Meter breite Schleusenthore, durch welche man ben Wasserabfluß beliebig reguliren und einstellen taun.
Die Benutzung diese» Damme», welcher in diesem November zum erftenmale in Betrieb gesetzt wird, geht nun in folgender Weife vor fich. Etwa im Juli setzt bei Assuan nach der Zeit de» niedrigsten Wafferstande» Vie Fluth ein nd e» strömt zunächst eine trübe Waffermenge, welche eben ben fruchtbaren Schlamm enthält, zu Thal. Während dieser Zeit find sämmiliche Schleusenthore weit offen. Da» Wasser läuft uvg-hindert durch ben Damm und der Schlamm findet keine Zeit, fich abzusetzen. Nach wie vor düngt er bie stromabwärts gelegenen Gefilde. Nach wenigen Woche» scheint jedoch da» obere Bett von allem Schlamm gesäubert zu sein uxb bie Fluth bringt bereit» klare» Wsff«. Jetzt ist e» nicht mehr röcht«, bie flußabwärts gelegenen Felder hoch überschwemmt stehen za lassen, so werde» bie Schleusenthore etwa im November geschlossen. ES läuft nur fb.n so viel Wasser durch, wie einer BO «raten Sp *<fang des Flußbettes zukommt. Der WafferÜberfluß staut fich oberhalb deS Damme» und i» bei Fluß-eitmuide b bet fich ein gewak- tütet See mit wem Inhalt von etwa 1065 Mill Kubikmeter«. Da» ist «in kostbarer Borrath für
ben Sommer. Während der Monate Dezember- Januar, Februar und auch März füllt fich dieser See, während im April der Zufluß bereit» schwächer wirb. Im Mai beginnt «an bereit» bie Schleusenthore stellenweise zu öffnen, unb «ährenb jetzt ber Zufluß au» dem Innern Afrikas allmählich schwächer wirb u«b nachläßt, wirb die fehlende Waffermenge au» dem Inhalt de» See» ergänzt. Ende Juni ist ber See wieder völlig abgelaufen. Die Schleusenthore stehen weit offen und alle» ist für ben Empfang ber neuen Fluth vorbereitet.
Interessant waren bie VorfichtSmaßregeln, die man zu Gunsten ber Tempelruinen auf der Insel Philä treffen mußte. Durch b»e Erhöhung be» Wasserspiegel» stehen ja biese Ruinen mit sammt ber Insel nun nach der Vollendung be» Dammes während eine» große» Theile» bei Jahre» unter Wasser unb ei ragen nur bie Tempelzinnen au» dem See. Wegen einer solchen Ueberschwemmunß bet Ruinen erhoben sich bereit» beim ersten Auftauchen von Projekten für einen Rilbamm in ber europäischen Gelehrtenwelt vielfach Proteste. Die Tempel stehe» ohne tiefergehende Fundamente birekt auf lockerem Sand. Sie wurden daher mit neue» Fundamenten unterzogen, welche bi» auf ben Jnselfels h nabreichen. Weitere Rückstcht konnte man aus bie wissenschaftlichen Jutereffen Europa» nicht nehmen. Schließlich hat ja auch ber englische Standpunkt eine Berechtigung, ber da meint: „Aegypten gewinnt durch diesen Damm viel mehr al» die übrige Welt an ben Tempeln verliert. Also wirb er gebaut.*
Al» eine praktische Folge be» neuen Damme» wirb fich in Aegypten eine starke Steigerung be» Ernteerträge» zetoen. S» wirb erheblich mehr Ackerfläche unter Kultur genommen werden können al» jetzt, unb weiter wird man bei der Wahl ber auSzubauenben Früchte nicht so sehr durch de» Wassermangel im Sommer beschränkt sein.
In zweiter Linie kommt bet Damm auch bet Schifffahrt zu Gute. ES hrrrscht barsch im unteren Lauf während be» ganzen JabreS eine gleichmäßige Fahrwaffertiefe. Um schließlich auch eine Schifffahrt über be» Damm hinauf zu ge« währen, find seitlich von bemselben große Schleuse» von 80 m Kammerlänge vorgesehen, sodaß eine direkte Schifffahrt von UnterSzypten »ach Nubien und dem oberen Suda» möglich ist.
Der Damm b.-i Affuan ist ein wunbetvolle» Zeugniß moderner Wasserbaukunst unb wirb dem Lande viel nützen. Freilich kann mau au» bet Errichtung diese» Bauwerkes «lebet mit Sicherheit darauf schließe», baß die Engländer auch nicht im entferntesten baten beulen, die Herrschaft über Aegypten aufzugebe», sondern eifriger denn je an bet Grünbung eine» zusammenhängenden Reiches von Alexandrien bi» nach Kapstadt arbeiten.
E» dürste bekannt sein, daß die Engländer berei» ähnlich: Bauwerke im unteren Nillauf errichtet haben, wo durch große Stauwerke auch bet oberhalb gelegene Wasserspiegel regulirt unb ebenfalls große Reservoir» au»gefüllt werben. Da» Bestreben bet Verwaltung geht dahin, ben Nilfiuß in seinem ganzen Lauf einmal schiffbar und ferner nach Möglichkeit für bie Landwirth- schast nutzbringend auSzubaue».
Solchem Plane stelle» fich ja viele und große Schwietiakeiten entgegen und den bi,ber geschil- betten Bauwerken werbe» noch größere unb mehrere folgen müssen. Allgemein kann man ja wohl annehmen, daß bie afrikanische» Flüsse jünger find al» d e europäischen. Sie haben fich ihr Bett »och nicht zur Genüge ausgewaschen, sonder» weisen vielfach böse Stromschnellen und Wasserfälle auf. An solchen Stellen wird e» »öthig fein, Schleusentreppen neben dem Flusse avzulegen, um eine Umgehung der unpaffitbaren Stellen zu ermöglichen.
Eine besondere Spezialität bei Riloberlaufe» find ferner die gefährlichen, die Schifffahrt völlig spnrenben Rrautbarre», welche in Länge von vielen Kilometern bal Flußbett völlig verstopfe». Diese Batte», a» deren Entfernung die Engländer gleichfalls arbeiten, werden durch ein schier undurchdringliche», filzartig verflochtene» Pflanzrngewirt gebildet, da» eine aecdlbeartige feste Deck, Übet den Fluß schlägt, so daß man ihn zu Fuß pafften kann. Bi» beinahe aus ben Boden reicht da» Pflanzen- aewirr unb ba» Wasser ist genöthigt, unter der Rrautbarre, dort freilich mit reisender Strömung, dahin zu fließen. Immer länget wirb bie Barre durch weitere anaeichwemmte Pflanz- n »nd immer gefährlicher für Mensch unb Thier. WaS oberhalb eiter solchen Ba re in ben Mass-rwirbe! geräth, da» wirb eben angesogen unb von der Strömung langsam unterhalb der Barte mitgenommen. Mensche» unb Thiere, aber auch ganze Boote verschwanden so oberha b der Barre und kamen nach Woche» unterhalb derselben wieder gum Vorschein.