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mit den Beilagen

„Jllustrirte Sonntags •Zeitung”, „Fuldaer ßescbicbtsblättef* und £oftetfe;ri$fe.

SSSSSSSSSMSSNSSSSNSWSSSSSSSSSSSSSSMSMDWSWWSWMMWSSN'^MW^W'USWWMSSSSSVSSSWSSSSSSSWS Jutöa, Mittwoch, den 26. November 1902.

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29. Jahrgang.

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G Sijyphus

war ein Günstling des Glückes, wenn man ihn einem gewissen Grafe« Bernhard v. Bülow, derzeit Kanzler deS deutschen Reiches, vergleicht. Nicht eine«, sondern eine ganze Anzahl von schweren Steinen des Anstoßes liegen seiner Zolltarif. Brr« fiändigung im Wege; täglich müht er sich in heißer Arbeit, sie aus dem steilen Wege zur Spitze des Berge- zu wälzen, um sie von dort in de« Ab­grund zu stürzen, aber immer wieder „hurtig mit Donnergepölter entrollt ihm der tückische Marmor". Schien ihm heute die Ausstcht auf das Gelinge« seiner Mühen zu winken, morgen rück fie wieder in weite Ferne. Am Montag betrachtete «an in manchen Kreisen die Aussichten einer Der. stäudigung etwa« günstiger. Wir haben pflicht­gemäß unseren Lesern davon Mitthetlung gemacht, obwohl wir stets die Situation mit recht skeptischen Augen angesehen haben, aber wir haben daran gleich wieder unsere Vorbehalte geknüpft und au die vorhandene» Hindernisse und Schwierigkeiten hingewiesen. Wie berechtigt und «othwendig diese Vorsicht war, zeigte sich gleich am folgenden Tage schon. Lasse» wir zunächst einem mit der konser­vativen Partei in Fühlung stehende« Stimmung-- zeichner das Wort. Dieser schreibt uns:

„Nach dem Verlaus der heutigen FraktionS- fitzungen sind die Aussichten auf eine Ver­ständigung deS Reichskanzlers mit den Mehrheitsparteien über de» Zolltari sehr gesunken. Man hat allgemein die (Em* pfindung, daß der Reichskanzler selbst zu weuig nachgibt uud zu viel Nachgibigküt von der Mehr heit verlangt. I« authentischer Form wird erst jetzt die Basis bekannt, aus welcher sich Gras Bülow bei dieser Verhandlung bewegt. Im Tarifgesetz will er zwar eine Erhöhung bei GerstenzolleS, aber nur auf Koste« des Haferzolles zugeftehen, dagegen will er die Bindung der Vieh- und Fleischzölle auf keinen Fall zugeben. Eine Feststellung des TermineS für das Inkraft­treten deS Gesetzes im § 12 widerstrebt ihm, er will der kaiserlichen Verordnung mit Zustimmung des BundeSraths diese» Recht vindiziren. Be­züglich der gewünschte» Herabsetzung der Jndu- striezölle macht er vorläufig keine festen Ber- sprechungen. In verschiedenen Fraktionen ist der Mißstimmung ausdrücklich ein kräftiges Wort verliehen worden und von mancher Seite ein schleuniger Abbruch der Verhandlungen empfohlen worden. Im Centrum find die Vertreter des bayerischen Flügels hart mit dem SroS aneinan­der gerathen; auch bezüglich der Frage der Bin- düng der ViehzSlle gingen die Ansichten des OstenS und Westens auseinander. Bei dieser pessimistische» Auffassung der' augenblicklichen Sachlage darf nur dann auf einen günstigen Fortgang gerechnet werden, wenn der Reichs­kanzler sich heute (Dienstag) Abend entschließen könnte, neue Konzessionen zu mache». Die Delegirte« der einzelnen Fraktionen werden dem Grafen Bülow darüber reinen Wei» einschenke«,

Strandgut.

Roman von O. Elster.

24 -------- (Nachdruck »erbaten.)

./Ich habe eine Frage an Dich zu richten," sagte fie langsam und mit tiefer Stimme.

„Bitte" . . .

„Wie kommt e», daß Else und ihr Bruder gerade hier in Machnow landen wolle»?"

Erstaunt blickte Jobst seine Braut an.

„Welche sonderbare Frage! Du weißt, daß Bernhard auf der Fahrt nach Kopenhagen begriffen war, um sich von dort nach England zu begeben."

Sie lachte leicht und spöttisch auf.

„Verlangst Du, daß ich diese» Märchen glaube?" „Gerda -!"

Mit einem Male war es klar vor seinem Auge. Mit einem Male sah er, welcher Verdacht Gerdas Seele bewegte, was zwischen ihm und seiner Braut stand, und er neigte dar Haupt, da er sich in gewisser Hinsicht schuldig fühlte. Er vermochte seiner Braut nicht mehr frei und offen ins Auge zu sehen, denn seit jener Fahrt über da« sturmerregte Meer, seit jener Stunde wußte er, daß seine Neigung zu Gerda nur ein flüch­tiger Schatten gewesen war, ein flüchtiger Traum seiner Sinne, und daß er niemals seine Braut mit jener tiefen, ungeteilten Empfindung lieben konnte, welche sie als seine künftige Gattin z« fordern berechtigt war.

„An Dein Mä'chen glaube ich nun und nimmer," fuhr sie mit starker Stimme fort, „oder Du gibst mir den Beweis, daß Dir diese« Mädchen, da»

wie die Stimmung der Fraktionen gegenüber seinen Vergleichsvorschlägen sich gestaltet hat."

Wir haben diese- Stimmungsbild absichtlich unverkürzt wiedergegeben, obwohl wir eS ttn Einzelnen durchaus nicht vertrete» könne». Nament­lich stimmt nicht, was vom Tentrum gesagt wird: Die Centrumssraktio» deS Reichstage- ist sich vollständig klar darüber, welche» Weg sie zu gehe» hat, und wir find über­zeugt, daß man fie bei de» Entscheidungen so einig, wie man nur irgend erwarte» und wünsche» kann, sehen wird. Aber daß bei de« Konservative« noch sehr viel Unklarheit herrscht und sehr bedeutende Gegensätze zu über­winden find, da« scheint freilich festzustehen und wir wollen daher in dieser Beziehung derSchilderung jenes konservativen Berichterstatters nicht wieder­sprechen. Die Verhandlungen mit dem Reichs­kanzler stehen im übrigen noch genau so, wie wir fie gestern aekennzeichnet haben. Nachdem in de« andern Differenzpunkten eine Verständig»»!; »Sher gerückt ist, bleibt eS die Hauptsache, daß der Reichskanzler sich hinsichtlich der Viehzölle da« Vertraue» erwirbt, daß er bei Handelrver- trägen mit den Viehzöllen unter ei» gewisse- MÄdestmaß nicht heruntergeht. Kann die Re­gierung diese Garantie aus anderem Wege als durch gesetzliche Minimalzölle der ReichStagS- mehrheit gebe«, dann — aber auch «ur dann — kann die ReichrtagSmehrheit auf die gesetzliche Bindung der Viehzölle verzichte».

Eine andere Sisyphusarbeit hat frellich auch der Reichstag «och zu leiste«: Die Urberwindung der sozialdemokratische» Obstruktion, die jetzt nach einer ander» Methode arbeitet. Die stellt eine« Antrag nach dem andern, immer jeden hübsch für sich allein, um zu verhindern, daß die Mehrheit über die Anträge zur Tagesordnung übergeht. Mit ihre« zwischen § 11 und 12 ein» gebrachten Anträge» über die Verwendung der Zollerträge machte fie, wie wir schon gestern an­gekündigt, gute Miene, da- ganze Alphabet durchzunehmen. Bis f find fie am DienStag gekommen. Die „Berathung" dieses § 11 t mußte aber auf Mittwoch vertagt werden. In den Wandelhallen wurde die Ansicht geäußert, dar wäre der letzte soz. Antrag vor § 12. Wir sehe« keinen Grund zu einer so hoffnungsvollen Auffassung der Dinge. ES wird schwer genug sei», dieser neueste« Obstruktionsmethode einen Damm entgegenzusetzen.

* * *

Um unseren Lesern zu zeigen, wie verschiede» i« verschiedenen Köpfen sich das Bild der gegen- wärtigen Lage zeichnet, wollen wir im Folgende» auch einem Berichterstatter liberaler Blätter daS Wort geben, der im Gegensatz zu seinem konservativen Kollegen einen sehr optimistischen Standpunkt vertritt, indem er schreibt: „Es be­stätigt sich, daß der Reichskanzler Namens der Verbündeten Regierungen einen Mindest zoll für Braugerste von 4 Mk. (bisherige Re- gierungSvorlage 3 Mk.) unter der Voraussetzung den MehrheitSparteie« angeboten hat, daß ein Minimalzoll für Futtergerste nicht in das Tarif­gesetz eingestellt wird. Die MehrheitSparteie», einschließlich der Nationalliberalen, habe« heute Vormittag in ihren Fraktionen über dieses Du mit solcher zärtlichen Sorgfalt umgibst, nichts

„Was forderst Du?"

„Daß Else mit ihrem Bruder morgen Schloß Machnow verläßt!"

„Bist Du denn wahnsinnig, Gerda? — Ich, wir alle halten Bernhard sowohl, wie seine Schwester nicht zurück — fie können reisen, wann fie wollen — aber das Recht, die Pflicht der Gastfreund­schaft zu verletzen, dazu sind wir nicht im Stande. Wie magst Du eine derartige Forderung stellen!"

„Weil ich nicht mit der Geliebten meines Verlobten unter einem Dache wohnen kann." . .

.Gerda!"

Zornbebend stieß er ihren Namen hervor. Dar war zu viel — das vermochte er nicht zu ertrage»! Seine Schuld war gefühpt, die et in feinen Gedanke» begangen, Gerda selbst hatte sich »rS Rechts begeben, ihn schuldig zu sprechen. Sie selbst hatte die Grenzen überschritten, welche Ehre, Vertrauen und Liebe um sie zogen, sie -lbst hatte daS Band zerrisse«, welches sich um ie geschlungen.

»Du weißt nicht, waS Du sprichst," fuhr er mit leiser, heftiger Stimme fort. „Dein Stolz, »eine Anmaßung find unerträglich. Du be­eidigst ein reines, unschuldiges Wese« auf ei«en leere», haltlose« Verdacht hi», Du beleidigst mich — mei»e Fanzilie — mein elterliches HauS! Nach diesem einen Worte habe ich nichts mehr zu sagen. — Daß ich Deinen Wunsch nicht er- Ülle, wirst Du selbst als berechtigt einfehen."

Er wandte fich ab. Ihr Auflache« veran­laßte ihn, noch einmal stehe« zu bleiben.

„Dein Zorn Überzeugt mich nicht," sagte fie

Angebot verhandelt. Das Centrum hat fich, wie bestimmt verlautet, mit dem Angebot einmüthig einverstanden erklärt. ES wird in der dritte« Lesung auf den Boden der so.v er- änderte» Regierunss-Vorlage zurücktreten. Die große Mehrheit der Nationalliberalsa wird de« Reichskanzler in feister DerständlgungS-Politi! unterstütze». Nicht völlig einig soll man da­gegen im Lager der beide» konservativen Fraktionen geworden sei». SS ist auch kaum a»- zuuehmen, daß die hier vorhandene« Gegensätze völlig auszugleichen find. Mit Sicherbett wird aber darauf gerechnet, daß die für die MehrheitS- blldung erforderliche» Stimme« fich bei de« Kon­servativen werde» finde« lassen. BorauSfichtltch werde« dis heute Abend zwischen de» Vertrauens­männer» der Mehrheit und dem Reichskanzler stattfindende» Verhandlungen de« formelle» Abschluß bringe». Die Berathung des Tarifes soll dann „mit Dampf" gefördert werden."

Dieser Berichterstatter kommt, wie unsere Leser bei einem Vergleich mit unseren vorhergehende« Ausführungen erkenne» werde«, der Wahrheit wohl etwas näher, als sein konservativer Kollege; aber er irrt, wenn er meint, daß alle Schwierig- teile» schon so gut wie überwunden feie». Auch er läßt übrigens erkennen, daß die Konserva­tiven »och nicht wissen, waS fie wollen. Der Bund der Landwirthe sitzt ihnen im Racken Mit den 140 Jndustriezoll - Anträgen haben sie fich selbst ihre Lage erschwert.

D Zur Wahlvorbereitung.

AllerwärtS find die politischen Parteien rege a« der Vorarbeit für die nächste» Reichstags- wählen. Bereits wiederholt habe» auch die provinziellen Leitungen der CentrumSs artet zur Prüfung uud Au-gestaltung der Crntrumsorgani- suttonen h den größere» sowohl wie i» den kleineren Bezirken von Stadt und Land auf­gefordert und selbst die geeignete» Schritte hierzu gethan. Aber nicht nur sozusagen von obe» herab, auch von unten herauf muß die Initiative der Wähler geweckt werde». We»n bei irgend einer früheren ReichStagSwahl, so gilt es bei der kommenden, dieArbeiter seitens der CentrumS- partei ax der Wahlvorbereitung und der AuS. Übung des Wahlrechtes selbst zu interesstren. Man muß dem „Arbeitertaschenbuch für 1903", das soeben von de« Verbände» der kath. Arbeiter­vereine West- und Süddeutschlands herauSgegebe» worden ist (Verlag der Germania, Berlin 50 Pf.) Recht geben, wenn es die „bedauerliche Thatfache" feststellr, daß bisher soviel kathol. Arbeiter an der Vorbereitung der Wahle« fich noch so wenig betheiligen, ja, daß viele nicht einmal zur Wahl gehen. Haben diese ein Recht, fich zu beklagen, daß durch die Gesetz- gebung noch lange nicht genug für die Arbeiter geschehen fei? Biele entschuldige» fich zwar damit, daß der CentrumSkandidat doch nicht gewählt werde, da die Zahl der Katholiken im Wahl­kreise zu gering sei. Alle diese „Schlachten­bummler" vergessen aber, daß bei der Reichstags- wähl jede abgegebene Stimme gezählt wird, und daß die Gegner wie vor allem die Re­

mit kränkendem Hohn. „Meine Augen sehen scharf, und schon längst ahnte ich, waS mir heute zur Gewißheit geworden ist: Du liebst Else."

Dem Zorn war verflogen. Er wußte jetzt, waS seine Pflicht war: offen und frei zu be­kennen, wessen er fich schuldig gemacht hatte, seine Ehre zu wahren und die Ehrs des geliebten Mädchens.

Tiefaufathmend entgegnete er: „Du hast recht — ich liebe Else. Ich war mir dieser Liebe biS vor kurzer Zeit nicht bewußt, ich hätte fie ver- zeffe», wie man einen schönen Traum vergißt n der sonnigen Helle des Tages. Ich hätte sie vergesse«, wen« Du mir die wahre Liebe, das wahre Vertrauen entgegengebracht hättest. Denn o wahr es ist, daß ich Else liebe und diese Siebe jetzt niemals mehr vergessen kann, so wahr st es, daß ich um Deine Hand in aufrichtigster Neigung warb, daß ich hoffte, an Deiner Seite glücklich zu werde», daß ich hoffte. Dich selbst glücklich machen zu können. Da selbst hast diese Neigung zu mir in meinem Herzen getödtet, Du elbst hast jene Hoffnung zerstört, Du selbst mit Deinem Stolz, Deinem Mißtrauen, Deinem Egoismus. Diese Stunde scheidet uns auf mmer! Ich verachte eS, auf Deine Der- dächtigung zu antworten, — und warne Dich, »ie Ehre jenes Mädchens anzutasten. Die Ehre Elses ist jetzt meine eigene Ehre geworden, und ungestraft soll Niemand meine Ehre verdächtigen. Lebe wohl — Du bist frei — möge eS Dich niemals gereuen, ein ehrliches, treues Herz von Dir gestoßen zu haben!"

Seine Stimme erstickte in dieser Erregung, in der er fich befand. Rasch entfernte er sich, ohne

gier«»gen, wen» es sich um die Stellung­nahme des CentrumS für oder gegen eine» Ge­setzentwurf handelt, nicht bloß damit rechne», wie viel Abgeordnete daS Centrum hat, sonder» »och weil mehr damit, wieviel Wähler und Stimmen das Centrum hinter sich hat.

Darum muß jeder kathvlische Arbeiter am Tage der Wahl zur Wahlurne schreiten und durch feine Stimmabgabe dem Centrum öffentlich fei» Vertrauen kundgeben.

Der intelligente katholische Arbeiter, so fährt das „Arbeitertaschenbuch" fort, muß aber noch mehr thun. Er muß ein Agitator für da» Cent rum sein, vor allem zur Zeit vor den Reichstagrwahlen. Er soll, wenn ihm ein Ver­trauensposten im Wahlkreise seine« Orte« an- geboten wird, nicht bloß diesen annehmen, sondern auch in demselben tüchtig Mitarbeiten. Aber auch die übrigen kathol. Arbeiter, besonder« die MU- glichet der kathol. Arbeitervereine sollen jeder al« AgUator in Unterordnung unter da« Wahlkomitee thätig sein beim Vertheilen von Wahl- flugblätiern und Stimmzettel, am Tage der Wahl beim Heranholen säumiger Wähler. Er soll zu den Wahlversamm­lungen der Eentrumspartei seine Kameraden einlaben und mltbringen. Kan« er als Redner auf solche» Versammlungen auftreten oder in eine Diskussion wirksam eingreifen, so biete er sich der ParteileUung an. Hier müssen besonder» die Mit­glieder unserer sozialen Unterrichtskurse zeigen, wa» sie gelernt habe». Noch wichtiger aber ist, daß jede» Mitglied de» katholischen Arbeiterverein« bei der Agitation von Mund zu Mund auf den Werkstätten, in de» Fabriken, bei ge­selligen Zusammenkünften seine Gesinnungsgenossen aufklärt und auf« ckt, daß sie ihrer Wahlpflicht genügen, vor allem aber de» Angriffen der Gegner, insbesondere den rührigen Anhängern der Sozial­demokratie durch fachliche schlagende Gegenrede und Antwort entgegentritt. Da« dämpft de« Usbermuth der Gegner, dar stärkt vor allem den Muth ber kathol. Kameraden.

Diese rege überall zu bethätigende Aglta- tieniarb'eit ist sür uns dringend noth- wendig. Bei der letzte» ReichStagSwahl 1898 wurden für das Centrum 1455 000 Stimme» abgegeben. In manchen fast ganz katholische» Wahlkreise» wählte» nur 40 biS 50 Proz. der stimmberechtigte» Wähler! Demgegenüber erhielt damals die sozialdemokratische Partei über 2*/ie Millionen Stimme«, seit 1893 eine« Zuwachs von 340 000 Stimmen. Sie hat 21 Wahlkreise gewonnen und 13 verloren, zählt demnach hente 56 Reichstagsabgeordnete. An Eifer und Opfer­willigkeit i» der Agitation für die Wahlen, in Abhaltung vo» Versammlungen, Verbreitung von Flugblätter» übertraf die Sozialdemokratie alle anderen Parteien. Die stellte in sämmtliche« 397 Wahlkreise», auch dem, wo fie nur auf eine ganz geringe Dtimmenzahl rechne» konnte, Kandi­daten auf und verbreitete in verfchwenderischer Weise überall ihre Wahlflu;blätter und Stimm- zettel.

Wenn trotzdem die Sozialdemokratie 13 Wahl­sitze verlor und in vielen anderen, namentlich in katholischen Wahlkreisen, gegen 1898 einen Stimmen* rückgang aufwies, so beweist die«, daß in jeder

noch einen Blick nach Gerda zurückzuwerfe», die regungslos dastand.

Keine Bewegung machte sie, ihn znrückjuhalien. Ein leises, verächtliche« Lächeln umspielte ihre Lippe», ein stolzer, hochmüthiger Glanz schimmerte in ihren Ange«.

Dann athmete sie tief auf, wie befreit von einem Alpdruck.

Langsam stieg sie die Treppe zum Park hinunter; fie wollte nicht durch bex Gartensaal in da« Hau« zurückkehren, sondern wählte den Weg durch den Park, um durch das große, vordere Vestibül da« Innere do» Hanse« und ihr Zimmer zu erreiche».

Jetzt stand fie in dem finsteren Portal, in dem nur eine Laterne im Wind heftig hin- und her« laderte. Einzelne Reflexe warf ber Schein der kleinen Flamme auf die gBctffen und Rüstungen, welche fich an den Wänden de« Vestibül« be- anden, mit unheimlichem Licht beleuchtete fie da» »lasse Gesicht eine« Porträts, welches über de» Eingang i» das Innere hing. Die dunklen Auge» »es Bildes schienen in finsterer Drohung auf hrem Antlitz zu ruhen.

Einen Augenblick bebte Gerda zurück. Die unheimliche, erdrückende Stimmung des ihr so un« ympathischen alterthümlichen Schlosse« umfing sie wieder. Doch mit Gewalt verscheuchte fie diese Stimmung; fie lächelte über fich selbst in leichte« Spott und trat ein.

Ein Diener eilte an ihr vorüber.

„Ist Herr Gehelmrath von Windhelm noch da?" fragte fie.

„Ich soll soeben seinen Sagen bestellen." „Warten Sie einen Moment . .