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M 269.

mit den Beilagen

lllustrirle Sonntags-Zeitung0, Juldaer 8eschichKdIAlet" und roflerie-risft.

MuLöa, Samstag, den 22. November 1902.

era» uns Berte« ter SnIMer ItttteHeee» Ptteweefa tu. e ffcaneeiUk

29. Jahrgang.

Mocheu-Knudscha«.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 22. Nob. 1902.

WaS macht die Verständigung?" Da» ist die stereotype Frage, mit der mich meine Bekannte« begrüßen, und ich beantworte sie ebenso regelmäßig nur mit eine« Achselzucken. Ich bin sonst ein höf­licher Mensch, aber eine bessere Antwort habe» die Frager wirklich nicht verdient. Woher soll i ch wissen, war die Verständigung «acht"? Weiß es Herr Dr. Spahn oder Herr Graf Schwerin? Weiß es Herr Graf Posadowsky oder selbst der Herr Reichs­kanzler Graf von Bülow? Ich bin überzeugt, fie alle wissen er nicht. Sie haben er nicht gewußt vor dem Diner beim ReichStagspräfidenten a« Sams­tag Abens, und nach dem Diner haben fie es auch noch nicht gewußt. 68 ist leichter eine vorzügliche Speisekarte zu absolvire», als einen Zolltarif von 946 Gängen, pardon Nummer». Soviel weiß ich auch. Schließlich, wen« ich mit« recht überlege, weiß ich vielleicht auch noch einiges Andere vom Hörensagen. Daß die Regierung möglicher Weise noch 50 Pfennige auf den Gerstenzoll zugeben will; daß fie bereit wäre, den Centrumsantrag auf Verwendung des Mehrertrage» der NahrungS«ittelzölle für eine Witwen- und Waisenverfichernng fich gefallen zu lassen wen» er in eine Resolution, also in einen bloßen Wunschzettel verwandelt wird, und vielleicht »och eine Kleinigkeit daz» davon hat man schon immer munkeln hören. Aber wie diese Sache gedacht werden soll, damit man fich dann auch fest darauf verlassen kann, davon verlantet leider nichts. Auch hört man nichts von einer Bindung der Bieh- zölle, aas welche ei» beträchtlicher Theil der Mehrheit entscheidender Gewicht legt. Wie dem auch sei: Bon einerBerständigung" zu reden, ist jeden­falls ein sehr müßige»Beginnen, solange die Frakti­on e n selbst über die Propositione« des Herrn Reichs­kanzler» noch nicht gehört worden find. Darum mag die dreitägige Pause in der Reichrtagsverhandlung gewiß dazu dienlich gewesen sein, um eine Fühlung ein­zelner hervorragender Parlamentarier mit der Regie­rung vor weiteren wichtigen Entschließungen des Reichstage» zu ermögliche»; aber wirkliche Ab­machungen konnte« i» diesen Tagen nicht getroffen »erden, eben weil der Reichstag nicht versammelt «ar, die Fraktionen also nicht gehört werden konnten.

Man kann nicht genug immer wieder von einer SMmistischen Auffassung der Sachlage warnen, wie e durch die Niederwerfung derObstrukt ion Iege» den Antrag Aichbichler in «anchen öpfen entstanden ist. Nicht al» ob ich die Obstruktiv» für auf die Dauer unüberwindlich erachtete. O «ei«, fie kann auch weiterhin besiegt werden, wenn immer für ein beschlußfähiges Hau» gesorgt wird wozu auch der vunde»rath durch die endliche Ge­währung von Anwesenheit»geldern beizutragen die Pflicht hätte. Aber da» Schicksal de» Zolltarif» hängt nicht allein von der Niederhalt«ng der Ob­struktion, sondern auch von einem vernünftigen Aus­gleich zwischen dem Standpunkte de» BundeSrath» und den an fich schon nicht» weniger al» über­triebenen Forderungen der Reichrtagsmehrheit ab. Auf alle Fälle, wag der Zolltarif zu Stande kommen »der nicht, begrüßen die Wähler der Mehrheit»- parteien und Alle, die für da» Wese«, die Existenz- Möglichkeit und Nothwendigkeit de» Parlamentarismus ein Berfländniß haben, die Thatsache, daß fich der Reichstag endlich dazu aufgerafft hat, den Stören- frieden und Possenreißern auf seiner Linke« die Ruthe zu »eigen. Die neue Abstimmung-art durch Karte» hat fich sehr gut bewährt. Die namentlichen Ab- stimmunge», die früher jede etwa 40 Minuten in Anspruch nahmen, lassen sich jetzt in acht Minuten erledigen- da» ist ein dauernder Gewinn, den man noch wohlthätig empfinden wird, wenn an die Zolltariffchlachten kein Mensch mehr denkt. Und wenn die Obstruktion jetzt nicht vernünftig wird, fr wird «an noch andere Verbesserungen der Ge­schäftsordnung, um diese vor Mißbrauch zu schützen, dnrchzusetzeu wissen.

Bei allen Betrachtungen der politischen Lage ist schließlich nicht außer Acht z« (offen, daß nicht nur von link», sondern auch von recht« einer Verständigung fort und fort Schwierigkeiten bereitet werde». Das Fähnlein der Aufrechte«', der Bu»d der Land- Wirthe wird mit Vergnügen alleZollverbefserunge«, welche die Mehrheit im Interesse der Landwirthschast heransschlägt, einstreiche», zugleich aber dennoch die­selbe Mehrheit de«verraths" an den Interesse» der Landwirthschast zeihen, weil sie nicht »ach seiner Pfeife tanzen will: da» füllt den Beutel und schafft Wahlparolen. Auf diese Weise kann man ohne eigene» Risiko de»Unentwegte»" spielen; auf die Stimmen der paar vündler wird'» i« Reichstage ja schließlich nicht ankommen, aber die Konservative» lassen sich : durch da» Geschrei de» Bunde», der ihnen i« Racke» fitzt, nur zu leicht «»schüchtern. Auch sonst sucht »an auf dieser Sette Verwirrung anzurichten. Wen« Z- B- die »Deutsche Tage-ztg.' eine Regsdrung»- Irifil au die Wand malt und zur gefälligen Auä- »ahl de« Rücktritt de»Reich»k»nzlerS oder de» Grafen PosadowSky »der de» Herr» von PodbielSki präsenttrt, I» kann die» in der gegenwärtigen Lage doch keine» andere» Affekt und Zweck habe», als flau zu wachen und auf der Linken neue Hoffnuuge» zu erwecken.

Der ränkevolle Erzlump Romer» Robledo, den Sagasta gar zu gern iu seinem Ministerium untergebracht und dadurch kalt gestellt hätte, blieb draußen; er hat offenbar keine Lust, sein Geschick an da» wurmstichige Schiff der liberale» Partei zu kette», die »ach Ansicht der «eiste« Spanier doch bald wieder dnrch die ton» servative i» der Herrschaft abgelöst werden wird.

Luch in Serbien und Bulgarien tafelt e» unaufhörlich. In Serbien hat H da» neue Ministerium Welimirowitsch sogar nur auf wenige Tage Lebens­dauer gebracht. In der Kammer erzielte e» zwar eine Mehrhett von 8 Stimmen, aber viele seiner Gegner waren der Sitzung fern geblieben. Welimiro­witsch sah ein, daß er unter diesen Umständen keine Stütze an der Kammer hat, «ud «ah« daher sofort seine Entlassung. Nun soll ein andererwitsch" da» Kunststück versuchen.

Einr ernste Gefahr schien dem Frieden jüngst aus Marokko zu drohen, dessen Sultan Maley Abdel Azi» fich bei den fanatischen Mo»lemin dnrch allzu europäische Neigungen sich mißliebig gemacht hat. Ein Marabu benutzte die», um fich al» ben recht­mäßige« Sultan, den ältere» Bruder de» regierenden Sultan», anSjugeben, und brachte e» auch rasch zu einer Menge von Anhänger», mit dene» er gege» die Hauptstadt zog. Zugleich wurde die Hafenstadt Tetur« von aufständische» Kabyle» bedroht. Doch der Sultan ettoie» fich al» ein ebenso energischer wie kluger Herrscher. Mit de» Kabylen machte er Frieden und zog seine ganze Heere»«acht gegen den falsche» Sultan" zusammen; er dauerte gar nicht lange, da waren dessen Anhänger wie Spreu au»ei«anderge- stoben, nnd der Prätendent fiel iw die Hände de» Sultans. So ist denn die Gefahr, die bei der Eifer­sucht, mit der fich England, Frankreich und Spanien dieErbschaft" von Marokko strettig machen, nicht gering war, »och einmal glücklich beschworen.

»ar überraschend: die Kränklichkeit war unter denabgehärteten" Kindern größer, als unter den andern. Ich weiß nicht, ob die Angaben richtig find. Aber ich möchte fie auch nicht von vornherein für unmöglich erklären. Wo dieAb- Härtung* systematisch betrieben wird, da ist oft schon etwas faul im Staate Gesundheit; weil die Eltern selbst ihrer Gesnudheit nicht ganz sicher sius oder die Kinder nicht ganz fest er­scheinen, greift man zu künstlicher Nachhilfe. Der kräftigste Nachwuchs erwächst dem Volke be- kanntlich da, wo die Lents in voller Natürlich­keit und Einfachheit vahinleben und um ihre «erthe Gesundheit sich gar kein Kopfzerbrechen machen. Anderseits fürchte ich auch, daß durch übertriebene Adhärterei mancher Unheil angerichtet und bei schwächlichen Nrturen vielfach daS Gegen- theil der erhofften Stärkung erreicht wird.

Vorsicht bei der Künstelei, eS lebe die Na tut l Die moderne Kurirfucht hängt fich freilich gern den Mantel des NaturheilverfahrenS um, aber waS da getrieben wird, ist oft unnatürlich. Wen» man den Menschen zu« kaltblütigen Wafferthtere machen will, so streikt daS gegen die Natur, und wenn man den Körper mit heißen Umschlägen oder mit Thee's bearbeitet, so ist daS ein Kunstheiloerfahren, mögen die betteffenden Stoffe i» der Apotheke oder in der eigenen Küche gekocht sein. Gewiß, die Kunstmittel sind manch­mal nothwendig und gut, aber dann soll man auch Leute zu Aathe ziehen, die wirklich etwas verstehen vom menschlichen Körper und von der Heilkunst. Deshalb geht meine nnmaßgebliche Ansicht dahin: Willst du dich selbst oder deine Kinder einem künstlichen AbhärtuugSverfahren unterziehen, so frage den Arzt, wuS der be- treffende Körper vertrage» kann, wa» ihm gut fein möchte, wie und wann die Sache vor sich gehen soll. Willst du den Arzt nicht fragen, nun, s» bleib' bei der einfachen Parole: Nicht ver­zärteln! Laß den Körper mitmache«, waS der gewöhnliche Lauf des Lebens mit fich bringt. Halte die Haut sauber und frisch durch die üb­lichen Waschungen, Bä4er, Wäschewechsel re., aber suche ihr nicht die Unempfindlichkeit eines NovdpolfahrerS gewaltsam beizubringen. Stecke dich oder daS gesunde Kind nicht bei jedem rauhen Lüftchen hinter den Ofen, aber sorge auch für gehörige Kleidung, die den Körper erträglich warm hält, und führe Rachen und Lunge nicht in übermäßige Versuchung durch stundenlanger Laufen gegen den schneienden Ostwind. Schlafe in einem kühlen Raume, aber nicht in einem SiS- schrauk, und halte vor allem die Betten trocken, damit der schlafende Körper fich behaglich war« fühlen und gehörig auSdünsten kann.

DaS größte Verdienst j^eipp'« besteht darin, daß er dar wichtige Raßhalten in der Anwen­dung des kalten WafferS so eindringlich empfohlen hat. Gr fordert, daß man das kalte Wasser nur auweude, wenn der Körper fich widerstandsfähig fühle, und auch nur in de« Maße, daß alsbald die Gegenwirkung der angeregten Blute» eintritt und der Körper wieder warm und behaglich wird. Da» ist auch eine goldene Regel für alle Ab­härterei. Ran darf den Körper nicht über feine Kräfte versuchen. Gr muß jede Probe sofort glatt bestehen können, die abgekühlte Haut muß wehrfähig bleiben, nach dem Angriff deS kalten WafferS oder der kalten Luft muß die Reaktion eiutreten, da» warme Blut in frischem Strome an die gereizten Stellen strömen und fich eine behagliche Erwärmung einstellen. Wen« statt besten der Schauder fortdauert und fich Frösteln eiustellt, so ist die Sache gefehlt und der Versuch muß sofort eingestellt werden.

DaS »udauerude Frösteln ist auch bei Kin­dern, die sich in kalten Zimmern »der in der freien Frostlust aufhalteu, et» bedenkliche» Zeichen. Wenn da» Kind da« Frösteln nicht überwinden kann, so ist feiner Widerstandskraft zuviel zage- muthet worden. Daun muß mau eingreifen, um da» gestörte Gleichgewicht im Körper wiederher- »»stellen. Gin gesunde» Kind fühlt von selbst ben Drang, in der kalten Luft sich munter herumzu- tummeln. Kriecht ein Kind fröstelnd in fich hinein, statt fich durch Bewegung war« zu machen, so darf man nicht ohne Wettere» sage», da» fei Faulheit oder sonst eine Borheit, sondern muß erst prüfen, ob nicht eine Krankheit dahiuterste«,

Etrea sehr vernünftigen Rathschlag fand ich dieser Tag wiederholt, nämlich d-ßs man beide» kalten Wetter durch die Nase athmeu und be­sonders die Kinder dazu anhattrn solle. Sehr wichtig! Aber nun darf man nicht glauben, daß e» mit der Ermahnung, den «nnd zu- und bte Nase aufzumachen, schon gethan sei. Die Kinder können da» Schreien nicht Uffe», und dabei athmeu sie durch de» Ru»d. Wen» da» Schlitt- chuhlaufeu »der da» so»stige Herumtummeln HW » einer gewiffeu Pul«beschleuaigung getrieben »HA, so geht auch »ur zu leicht der Ruud auf, und die teile Luft wird direkt eiugeathmet. RA solchen Uuoot stchtigkeite» muß man immer rechne»

Diese Leute betrachten die ganze Politik nur vom Standpunkte ihrer Agitation aus.

Während im deutschen Reichstage die größten An­strengungen nSihig find, um da» MajoritätSprinzip gege« eine dörwillige Minderheit zu behaupten, hat im englischen Parlament die Regierung ein sehr einfache» Mittel angewandt, um eine übermäßige Ver­schleppung der Entscheidung durch die Opposition zu verhindern. Sie hat durch ihre Mehrheit beschließen lassen, daß bis zn eine« bestimmten Sennin die Be- rathung deS neuen Schulgesetze» beendet sein muß; vo» diesem Tage an wird alles Debattiren aufhören, AbänderungSanträGe, die »och nicht erledigt find, fallen glatt unter den Tisch e» wird abgestimmt und weiter nichts. Auf diese Weise wird da» Schulgesetz, da» der Regierung bis jetzt viel Sorge gemacht, bis Ende November unter Dach und Fach sein. Die Liberalen könne» fich über diese» Verfahren nicht beschwere», da fie selbst »nter Gladstone dasselbe auch schon angewandt haben. Wollte man in Deutschland solche radikalen Mittel anwende», in England nennt man jene Fristbestimmung die closure welcher EntrüstungS- sturm würde sich dann gegen eine solcheVergewalti­gung" der Minderheit erheben? Und doch liefert dieS Vorbild England, das klassische Land des Parlamen­tarismus, auf welche» unsere Freihändler sonst doch stets mit schmachtender Bewunderung Hinblicken. Da- «tt soll aber nicht gesagt sein, daß wir dem deutschen Reichstag ebenfalls die Anwendung der closure em­pfehlen wollten. Die Obstruktton wird fich wohl auch mit gelinderen Mitteln, als dieser Debatten-Guillotine, zähmen lassen.

Anchdiefranzö fische Reg ier'nng hat Schwierig- taten im Parlament zu überwinden; doch find diese Schwierigkeiten anderer Art. Sie beruhe» in der Haupt­sache darauf, daß die radikal-sozialisiische Mehrheit nicht i» allen Punkten einig ist, und daß auch die Maßnahmen der Regierung nicht immer nach dem Ge­schmack der Mehrheit find. So wurden kürzlich gegen Pelleta« gerade aus den Reihen der radikalen Partei heran» Borwürfe deswegen erhoben, weil er den Bau mehrerer Panzerschiffe hatte einstellen lassen, um an chrer Stelle ganz anders geartete Kriegsschiffe baue» zu lassen. Pelleta» rechtfertigte fich in der Kammer damit, daß der frühere Marineminister fich von den Lieferanten und Schiffsbauwerften habe über- vortheile« lasse», und daß die Schiffe deswegen zu theuer seien für ihren Werth. Diese Rechtfertigung gefiel zwar einem große« Theile der radikalen Re- gieru«g»partei, in welchen die Inhaber einiger dieser mächtige« Firme» selbst den Ton angeben, sehr wenig; trotzdem stimmte aber auch dieser Theil der Regierungs­partei mit de« übrigen Radikale» und Sozialisten für eine Tagesordnung, welche ein Vertrauensvotum für Pelleta» enthält. Hätten fie nämlich nicht dafür ge­stimmt, so wäre die Minderheit der Kammer auf ein­mal zur Mehrheit geworden, e« wäre ein Mißtrauens­votum gegen Pelleta» beschlossen und dadurch vielleicht da» ganze Ministerium Combes gestürzt worden. Da» aber ist offenbar oberster Grundsatz der Radikalen und Sozialisten geworden, jede parlamentarische Gefahr von dem religion-feindliche» Ministerium fernzuhalten. E» ist spaßhaft z» sehen, wie dieser Grundsatz jetzt gegenüber den Schwierigkeiten, die der Vertrag mit Siam geschaffen hat, zur Anwendung gebracht wird. Obwohl nach dem Urtheil de» Auslands dieser Vertrag für Frankreich große Vortheile bot, hat er in Frankreich selbst mehr Widerspruch als Zustimmung gesunden; die Zugeständnisse, die der Minister Del- cefls den Siamesen gemacht hat, um dasür andere Vortheile herau»zuschlagen, find nach der Änficht der französischen Kolonialpolittker zu weitgehend. Der Ver­trag hat daher auch im Kammerau»schuß, dem er über­wiese« war, eine ungünstige Aufnahme gesunde«. Im Auftrage de» Au»schuffe» begab fich dann dessen Vor­fitzender Etienne zu dem Minister, um ihn zu bewegen, de» Vertrag mit Siam zurückzuziehen. Dazu wellte sich Delcass« aber nicht verstehen. Nu» sollte man meinen, dieser Konflikt müsse mindesten» zu einer partielle» Ministerknfi» führen. Aber so groß auch die Regierung»mehrheit ist, so wenig scheint sie sich doch sicher zu fühlen. Obgleich gerade Herr Delcass« viel Gegner unter den Regierunzsparteien hat, so wagen diese doch nicht einmal diesen einzelnen Ministerawt- zuschiffen" und durch einen anderen Radikalen zu er­setze». So wird denn ganz gewiß auch in dieser schwierige« Frage der Riß verkleistert werden. Schon spricht man davon, daß die Entscheidung über de» Vertrag solange verzögert werden soll, di» der Termin, bi» zu welchem er perfekt sein soll, verstrichen ist. Auf diese Weise weicht wa» allerdings einer parlamentarischen Entscheidung au», aber kann Delcass« sich eine solche Behandlung seine» Vertrage» gefallen lassen? Nach seiner Ansicht kann er niemals mehr einen besseren Vertrag mit Siam bekommen; er hätte also die Pflicht, eine Beschlußfassung über diesen Antrag unter allen Umständen durchzusetzen. Wird er dies thun, oder wird er fich von Herr« Combe« begreiflich machen lassen, daß der Bestand de» gegenwärttgen Ministerium» wichtiger ist als die Wahrung der Interessen Frank­reich» i, Hinterindien? Da» ist die Frage der nächsten Zukunft; nach den bisherigen Erfahrungen kann man nur annehme», daß fie nach dem Grundsatz entschiede« wird: Erst die Partei, dann da» Vaterland!

Gegen den König Leopold von Belgien ifl von einem italienischen Anarchisten Namen Ru­bino ei» Revolver-Anschlag verübt worde», doch ging die Kugel fehl. Ob Rnvino i« Vollbesitze seiner Geisteskräfte ist, erscheint »och nicht »»«gemacht. Mir scheint, daß von der Geschichte in der Preße mehr Wesen» gemacht wird, al» die ganze Sache »erth ist.

In Spanien hat es eine Ministerkrisi» gegeben, die eber ganz wie eine Komödie «udsteht. Von den Minister» wnrde» einige N-lle» dnrch ein paar andere Naflen «setzt Sagasta ist geblieben.

Unpolitische Zeitläuse.

------ (Nachdruck verboten.) © Berlin, 20. November 1902.

Der Ostwind schnob es» Rußland her nab brachte »nS eine Januar-Kälte, die zum halben November gefchästSorbrruagSwibrig ist. Na» den Berliner Getteraufzeichnuuge», die bis 1848 z». rückgehe«, war e$ dort bisher am 18. «ab 19. November Höchstens 31/* Grade kalt gewesen, währenb jetzt die DurchschmttStemperatur dieser Tage auf 51/» Grad Kälte fiel. Heute hat.sich der Frost zwar etwa« gemilbert, and die Wetter- »rophetea küabigeu auch für Freitag geliadereS Werter an, allerdings mit leichten Schneefällen. Sin gründlicher Umschlag ist daran« noch nicht in Aussicht Befiel!; denn die östlichen Winde sollen vorläufig »och bleiben. Wohl dem, der reichlich Hotz und Kohlen, stvarrne Kleidung und satt zu effra hat. Der Winter ist eigentlich nur hart für die armen Leute, uud darum sollte» die wohlhabende» Stille gerade im Winter ihren Herzen dann und wann einen Stoß geben und etwas «ehr Nächstenliebe iu Werke» üben, wie e« sonst lanseSüblich ist. Denn im großen Ganze» wird in der Christenheit die Nächsten- Hebe «ehr mit dem Munde als mit be» Händen praktizirt.

Weun'S ernstlich kalt wird, tauche» i» den Zeitungen allerhand Rathfchläge auf;, wie «an fich verhalte» soll«. Geärgert habe ich «ich heute über einen Artikel, der bei Eltern empfiehlt, ihre Kinder abzuhärten. Potztausend, bei schnei- dendem Ostwind ist doch ket» Platz mehr sür künstliche Abhärtung« kunst! Die Natur ist ja jetzt selbst damit deschästtgt, unS abzuhärten, und fie besorgt eS recht gründlich. Wenn ei» Kind Morgens früh au« den Feder» gerissen wird und nach schnell verschluckte« Frühstück durch die Winterkälte be« Weg zur Schule macht, später wteber auS der warmen Schalluft in da« schneidende Lüftchen hinaus muß, Nachmittags dieselbe Tour wiederholt oder zu Hause zwischen dem heiße» Ofen und der zugigen Thüre fich herumtreibt, vielleicht auch »och draußen Schlitt- schuh läuft ober schlittet so reicht diese na­türliche AdhärtungSkur für de» Tag schon auS. Mau braucht wirklich nicht noch mit künstlichen Kälterrtzen über die Zeit be« Winter« zu kommen.

Nederhaupt «»» unterscheide zwischen Ab­härte» und Ärchtverzärteln. Die Berzürtlichuug und Verweichlichung ist zu verwerfen. Aber ob «an nun z« einem förmliche« AbhärtungSver- ahre» mit künstliche» Mittel» übergehen soll, da« st eine andere Frage, die von Fall z» Fall go- öst werden muß. «in« steht zweifellos fest: mit bem AdhärtungSverfahren durch recht kalte Güsse, Bäder re. darf «an nicht im Winter be ginnen, sondern «ar im Frühling voran«, gesetzt, daß die sonstigen Vorbedingungen gegeben find. I« Winter hat bet Körper genug mit bet Beriheidigung zu ihn», will man zu« An- griff übergehe», so warte «an die frische» Trieb- trifte deS Frühling« ab.

Neulich wurde iu einem Blatte berichtet, ei» Gesu»bheittf»r,cher habe Untersuchungen «gestellt bei einer Anzahl von sog. abgehärteten Kinder» u»d von Kinder», die i» gewöhaltcher Weise ohne Adhärtungkvirsnche anfwachse». Da« Grgedniß