KuldaerMIertung
mit den Beilagen
29. Jahrgaus,
IuLöa, Samstag, den 15. November 1902.
M 264.
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^Zweites WLcrtt. ||
Mochen-Nnndschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 15. Nod. 1902.
Der Kampf gegen die Obstruktion ist «öffnet, dar ist das Kennzeichen der letzten Woche. Die Freifinnigen und Sozialdemokraten hatten es aber auch arg getrieben. An jeden § des ZEtarrf- gesetzes hängten fie verschiedene Anträge und Eventualanträge, deren Gegenstand meist so unbedeutend wie nur möglich war; einer derselben betraf z. B. Zollbeträge von 5 Pfennig l Und dann wurde über diese Anträge nicht nur ein Langes und Brettes geredet, wobei der Abg. Stadthagen mit einer vier- einhalbstündigen Rede den höchsten Rekord erzielte, sondern die Linke verlangte auch bet den weiften dieser Anträge, ferner auch über bloße Geschäftsordnungs-Anträge, wie auf Schluß der Debatte oder Vertagung, die namentlich- Abstimmung. Mehrere Sitzungen wurden überhaupt fast ganz durch namentliche Abstimmungen ausgefüllt. In Folge besten 'hat sich die Berathung des Zolltarifgesetzes, welches dem eigentlichen Zolltarif vorausgeht, noch bis tn diese Woche hingezogen. Und bei alledem wagte die Linke noch immer zu leugnen, daß sie Ohstruktlon treibe; die ganze Zeitvertrödelung, die sie voüsuhrte, nennt sie eine „grüttdliche und sachliche Berathung ! Ja, ihre Presse suchte die Sache sogar so darzusiellen, als ob die Linke durch die Mehrheit vergewaltigt werde; dabei hat die Mchrheit sich wochenlang auf der Nase herumtanzen last^u und sich nur hier und da einmal durch einen Mußantrag schüchtern zur Wehr gesetzt. Als nun über gar Herr Bebel noch wenigstens 700 Abstimmungen in Aussicht stellte, da war die Geduld der Mehrheit denn doch erschöpft. Sie stellte nun einen Antrag, der nach dem ersten Unterzeichner Antrag Aichbichler genannt wird, zu dem Zwecke, das Verfahren der namentlichen Abstimmungen abzukürzen. D.ese sollen nämlich nicht mehr durch Namensaufruf, sondern durch Zettel oder Karten erfolgen; dadurch würden sich die namentlichen Abstimmungen, die bisher jede etwa 3/e Stunde dauerten, auf die Hälfte oder noch weniger abkürzen lassen. Die obstruktionistische Presse mußte zngeben, daß dieser Antrag an dem Recht, jederzeit eine namentliche Abstimmung beantragen zu dürfen, nichts ändert, und daß er an sich „diskutabel" sei; trotzdem stimmte sie aber ein Geheul über „Umsturz der Geschäftsordnung" an, weil der Antrag gerade jetzt eingebracht und seine alsbaldige Berathung allen sophistischen Formeleinwänden der Gegner zum Trotz durchgesetzt wurde.
Die Mehrheit war sich dem Ansehen des Reichstags und den Wählern, die immer stürmisch« ein energisches Vorgehen gegen die Obstruktion verlangten, diesen Antrag schuldig. Sie ist sich wohl bewußt, daß damit allein die Obstruktion nicht überwältigt werden kann! - Der Antrag, der dann auch am Freitag mit großer Mehrheit angenommen wurde, ist zunächst auch nur als eine ernste Warnung an die Adresse der obstruklionisti. schen Parteien auszufassen. Wenn diese die Warnung unbeachtet lassen, so wird die Mehrheit sich genöthigt sehen, schärheve Maßregeln zum Schutze der von der Linken bedroht«» Parlamentarismus zu treffen. Rur darum kann es sich handeln, daß der Reichstag als solcher in seiner Würde, in seiner Arbeitsfähigkeit und schließlich in seiner Existenz geschützt wird vor den freventlichen Angriffen jener Parteien, die sich sonst so gerne als die patentirten Vertreter der Bolksrechte ausspielen. Gegenüber dieser hohen Aufgabe tritt für unS das Schicksal dcS Zolltarifs selbst ganz in den Hintergrund. Was aus dem Zolltarif wird, das weiß kein Mensch, auch wenn die Obstruktion überwältigt werden wird. Jedenfalls wird sich das Centrum auch durch einen glücklichen Sieg über die Obstruktion, der aber nur möglich ist, wenn die Mehrheit stets ungefähr vollzählig zur Stelle ist, nicht dazu verleiten lassen, sich mit der Regierung um jeden Preis über den Zolltarif zu verständigen. Wenn die Regierung ein Entgegenkommen zeigt, so wird auch die Reichstagsmehrheit in einigen Punkten noch mit sich rede» lassen; aber dieser Geneigtheit sind durch die Lebensintereffen des arbeitenden Volkes in Stadt und Land gewisse Grenzen gezogen, die nicht überschritten werden können.
Gegen diese große Sorge, wie sich die Wirth- schaftspolitik des deutschen Reicher und die Entwickelung im Reichstag fortan gestalten soll, treten die mancherlei anderen politischen Fragen in den Einzelstaaten weit zurück. In Baden tobt weiter der Kampf, den einige wildgewordene Kulturpauker nicht blos gegen die katholische Mehrheit des Volkes und ihr Verlangen nach einigen OrdenSniederlaffungen, .sondern auch gegen die Regierung und neuerdings sogar gegen den Großherzog führen, obwohl noch gar nicht feststeht, daß die Regi«ung wirklich einige OrdenSniederlaffungen gewähren wird. Der Kampf hat Forme» angenommen, die selbst den badischen Liberalen unheimlich geworden find, seitdem die Jangliberalen Münchener Neuesten Nachrichten' fich nicht gescheut hatten, sogar den Großherzog und seine nächsten Familienangehörigen in der beleidigendsten Weise in die Hetze hineinzuziehen. — In Hessen find die Landtagswahlen nunmehr abgeschlossen. Das Ergebniß besteht in einigen Fortschritten der Frei- smnigen einnseits, der Antisemiten «ad des Bundes
der Landwirthe anderseits, die alle auf Kosten der Nationalliberalen sich vollzogen. Der Besitzstand des Centrums und der Sozialdemokraten blieben unverändert. ,
In dem heftigen Getriebe des inner polt tischen Kampfes ist die Reise des deutschen Kaisers nach England nicht so sehr beachtet worden, wie es in ruhigeren Zeiten der Fall gewesen wäre. Zwar haben auch gegen diese Kaiserreise einzelne hypernationale deutsche Blätter fich mißbilligend geäußert, aber im Großen und Ganzen hat man in Deutschland diese Reise doch sehr kühl und nüchtern aufgefabt. ES war ja längst bekannt, daß der Kaiser seinen Oheim, den König Eduard von England, nach dessen Genesung besuchen wollte, und thatsächlich ist die Anficht vorherrschend, daß dieser Besuch weiter nichts als ein Akt familiärer Zuneigung ist, der mit der Politik der beiden Ländern nichts zu thun hat. In England hat sich die Presse weniger verständig gezeigt. Auf der einen Seite benützte sie taktlos genug den Besuch des deutschen Kaisers, um ihm Vorlesungen über sein Verhalten gegenüber England und über die burenfreundliche Stimmung in Deutschland hämische Bemerkungen zu machen; auf der anderen Seite wollte sie von bedeutsamen politischen Abmachungen wissen, zu deren Abschließung und Besiegelung der Kaiser nach England gekommen sei. Deutschland, so hieß er, - wolle Englandin den portugiesischen Kolonien Afrikas, i namentlich an der Delagoa-Bai, freie Hand lassen,: wenn dafür England dem deutschen Einfluß in Schanghai - und im Iangtsegebiet Zugeständnisse mache. Von einem solchen Handel ist aber gar keine Rede, das hat auch der englische Premierminister Balfour in seiner Rede auf dem Londoner Bürgermeisterbankett, bei welchem dem Herkommen gemäß der Premierminister über die auswärtige Politik Englands zu sprechen pflegt, kundgegeben, in dem er alle diese Ausstreuungen als leere Phantastereien behandelte. Bezüglich der portugiesischen Kolonien find gewisse Abmachungen längst getroffen, die freilich ängstlich geheim gehalten werden, und was : das große Mitteldecken Chinas, das Aangtsethal be- l trifft, so ist lediglich ein Abkommen darüber zwischen ■ allen Mächten und mit China getroffen worden, wie > sich die Zurückziehung europäischer Streitkräfte aus ? diesem Gebiete und dem ihm vorgelagerten Hafen von I Schanghai vollziehen soll.
I Wie Deutschland, so hat auch Oesterreich im Innern schwere Kämpfe zu bestehen; durch welche seine wirthichaftlichen Interessen gesährdet werden. Die j Sprachenfrage in Böhmen und Mähren ist der Wunde r Punkt, der jede gesunde Weiterer twickelung immer ; stört. Der österreichische Ministerpräsident Herr v. Körber hat in dieser Hinficht am Dienstage im österreichischen Reichsrathe „ernste und mahnende Worte" ausgesprochen, die zwar bei der großen Mehrheit des Hauser begeisterten Beifall fanden,, aber gerade von denjenigen, an welche sie gerichtet waren, den Tschechen, mit höhnischem und hefigem Widerspruch ausgenommen wurden. In derselben Sitzung kam es zu einem leidenschaftlichen Kampfe zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen. Dieser Zusammenstoß war ebenso wie die wüsten Straßenszenen am Stichwahltage in Favoriten eine Folge der fast bis zum Wahnsinn gesteigerten Wuth der Sozialdemokratie über die Niederlage ihres Führers Dr. Adler bei dieser Wahl. Die Christlich-Sozialen haben damit den glänzenden Sieg, den fie schon im ersten Wahlgang errungen, vervollständigt. Der neue niederösterreichische Landtag wird eine starke christlich-soziale Mehrheit aufweisen.
Während in Oesterreich sich ein neuer Aufschwung der christlichen Gedankens zeigt, herrschen in Frankreich noch immer unumschränkt die Feinde des Christen« thums. Sie haben jetzt auch noch eine Ergänzung des Bereinsgesetzes mit 337 gegen 245 Stimmen in der Kammer durchgesetzt, wodurch auch den einzelnen Mitgliedern der aufgelösten Kongregationen er unmöglich gemacht werden soll, irgendwo eine Stelle alr Lehrer oder Lehrerin zu bekleide«. Wen» an einem einzigen Orte auch «ur ein einziges Mitglied einer der nicht genehmigten Orden sich aufhält, so soll dies hinfort als eine Ordensniederlassung betrachtet werden! Da beibt also den Ordensleuten nur noch übrig, den Boden Frankreichs gänzlich zu verlassen. Wie lange soll dar noch so »eiter gehen? Vielleicht ab« ist dar Strafgericht nicht mehr fern !Ueber die weit«en Schritte, die geschehen sollen, um die katholische Kirche in Frankreich zu v«nichten, find die Kirchenfeinde unter sich selbst nicht einig. Dar wird fich wohl demnächst auch in der Kammer zeigen.
In Spanien ist der Klostersturm, den gleichzeitig auch dort die Kirchenfeinde unternommen hatte«, bisher so ziemlich im Sande verlaufen. Denn hier waren die liberalen und radikalen Kirchenfeinde von Anfang an nicht einig. Deshalb blieb e» bei einige« Anläufen, aber zu einem größ«en Schlage kam e» nicht. Eine weitere Folge ist die, daß die liberale Mehrheit, in mehr al» einer Hinsicht uneinig, kaum noch als Mehrheit fich betätigen konnte. Dies« Tage sah sich nun Sagasta genöthigt, mit seinem ganze« < Kabinet vom König seine Entlassung zu fordern. Der König hat zwar Sagasta mit der Blldung des neuen Kabinet« Wied« beaufttagt, ob diese ab« gelingt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird daS neue Ministerium auch wenn sein Chef Sagasta heißt, doch ein wesentlich anderes Gepräge ttagen, wie das bisherige Kabinet.
Italien hatte in der letzten Zeit einen kleine« Strauß mit der Türkei auszufechten wegen der Se«äubereien im Rothen Meer, denen die Türkei kein Ende machen konnte oder wollte. Italien hat fich denn selbst Grmtgthumrg verschosst, indem es die See- räubernester an der arabischen Küste durch seine Kriegsschiffe in Trümmer schießen ließ. Die Türkei suchte einen Augenblick den Italienern dabei ihrerseits durch Kriegsschiffe za imponiren, ab« fie hat wohl noch
rechtzeitig sich darauf besonnen, daß die türkischen Kriegsschiffe eine Seefahrt gewöhnlich nicht lange auS- halten, und hat deshalb nach einigem Sträuben klein beigegeben.
Unpolitische Zeitläufe.
G Berlin, 13. November 1902.
Wenn die Frau ihrem leichtsinnigen Manne, der durchaus ins WirthShaus gehen will, die Stiefel fortntmmt und einschließt, waS ist daS? Obstruktion. Dir Frau benutzt die Mittel der häusliche« Geschäftsordnung, um dem sog. Haus- Herr« die Ausführung seines Willens unmözlich zu mache«. Das gehört in dasselbe Kapitel, wie die parlamentarische Obstruktion, die jetzt in voller Blüthe steht.
Die Mittel bei einer solche« Obstruktion sind sehr mannigfaltig. Zur Vereitelung des Wirths- Hausbesuches wird z. B. sehr oft die Entziehung des Hausschlüssels angewendet. Wenn das nicht hilft, kommt als schärfere Waffe die Vorenthal- tung nothwrndigerer Gegenstände, wie z. B. die erwähnte» Stiefel. Ts soll sich sogar schon ereignet «haben, daß eine tapfere Frau im ver- zweifelten Obstrultionskampfe das unentbehrlichste aller Kleidungsstücke in sämmtlichen vorhandenen Sx-mplaren in diebessicheren Verschluß gebracht hat, um ihren Mann a« den häuslichen Herd oder sogar an's Bett zu fesseln.
Ein Prachtstück von Obstruktion habe ich einmal bei einem Bräutchen beobachtet. Der Bräutigam war zum Besuch herübergekommen. Eines schönen Morgens gab es ein ernstes Zerwürfniß zwischen den Beide», und Nachmittags mußte er i abreisen. Sie halte das Gefühl, »£.... er in Lieser Stimmung abreife, so kö-rne es leicht zum l vollen Bruche kommen, und das hätte, wie man fix den verliebte« Kreisen sagt, „ihr Herz ge- «brachen". Sie wollte aber auch nicht so schnell z und glatt einlenken, daß sich die Sache tn wenigen i Stunden beilegen ließ; dann hätte fie sich ja, ’ wie sie meinte, zu viel vergeben. Die Abreise sollte also um jeden Preis verhindert werden. Die Angehörige» des besorgten Fräuleins halfen redlich mit. Erst gutes Zureden mit einer Hartnäckigkeit, die sozialdemokratische Dauerredner hätte beschämen können. Als der Mge Mann höflich, aber bestimmt auf die Nothwendigkeit seiner Abreise bestand, gab es Verzögerungen über Ver- zögerunge«. DaS Mittagessen, zu dem der Bräutigam geladen war, wollte nicht fertig werden, die Gerichte kamen mit wunderbar langen Pausen auf den Tisch, der Bruder der Braut trug einen recht artigen, aber auch einen recht langen Trinkspruch sor, es wurde immer noch ei« Glas einzeschenkt, die Droschke war zu bestimmter Zeit nicht da und der auszeschickte Bote konnte offenbar nicht zurückkommen. Schließlich wollte die künftige Schwiegermutter noch allerhand schöne Dachen holen, um sie ihm einzupacke». Als der Bräutigam mit der Uhr in der Ha«d Ernst machte, dauerte das Abschiednehmrn recht lange, und wie er fich zuletzt von seiner Braut verabschieden wollte, mußte fie erst umständlich gesucht und herbeigeholt werden. Nun suchte fie ihn noch zurückzuhatten, erst unter Lächeln, dann mit Thränen. Und als auch das nicht fruchte« wollte, wurde das letzte und schwerste Geschütz der weiblichen Obstruktion abgefeuert: fie fiel in Ohnmacht, natürlich in seine Arme. Damit war das Verpaffen des Zuges entschiede«, daS Versöhnungsfest brach an. Sie haben sich richtig gekriegt und standen so gut miteinander, daß sie ihm die Kriegeslist selber oerrathen konnte und er in dieser Obstruktion «ur ein Zeichen ihrer Liebe sah.
Urbrigens ist die Obstruktion durchaus nicht auf daS Liebes- oder Eheleben beschränkt. Die Schuldner z. B., die nicht zahlen kö«ne« oder nicht zahlen «ollen (namentlich die Letzteren) find vielfach Meister der Obstruktion. Der Gläubiger kann fie kaum fassen, und wenn er fie persönlich gefaßt hat, so hat er auch noch nichts. Unerschöpflich find die Ausrede», die Vertröstungen und die freundlichen und unfreundlichen BerschleppungS- künste. Bei der Ktage gibt er Einreden, die bloß zur Verzögerung dienen sollen, und wen« schließlich der Gerichtsvollzieher kommt, so macht man auch dann «och möglichst viel Weiterungen.
Ueberhaupt ist der bürgerliche Rechtsstreit ein Tummelplatz von Obstruktionskünsten. Der Richter spielt oft eine ganz traurige Rolle, indem er nichts weiter zu thun hat, als die Verschleppungs-A«- träge der Parteien zu registriren und fich auf Vertagungen, Vorladungen, Beschwerden rc. ge- dulvig rinzulaffen, obschon es mit Händen zu greifen ist, daß nichts anderes, als Zeit gewonnen werden soll. Es geht da ganz ähnlich, wie im Parlament: all' die schönen formale« Vorschriften, die zum Schutze des Rechtes erlassen find, werden raffinirt auSqenutzt, um dem Unrecht so lange als möglich Oberwasser zu verschaffen.
Im gesellschaftlichen Lebe» gibt es zwei seh* beliebte Obstruktionsmittel: das Unwohlsein und die Erklärung: Herr So u«d So oder Fra» So und So ist nicht zu Hause. Mit de» „Unwohlsein", daS alle gesellschaftlichen Pflichte» aufheben fall, arbeiten die Frauen lieber, als die Männer. DaS erklärt fich aus dem einfachen Umstand;, daß die Frau mehr auf die Häuslichkeit angewiesen ist, während der Mann hinaus muß zu seinen Geschäften, oder hinaus will zu seiner Erholung. Der Zimmerarrest, den ein vorgeschützteS Unwohlsein mit fich bringt, ist also für den Man« viel lästiger, als für üie Frau. Die „Selbstverleugnung" dagegen (d. h. die Erklärung: „Ich bin nicht zu Hause") wird von Männern und Frauen als Abwehrmittel gegen unliebsame Besucher sehr gerne häufig angewendet und gilt als zuoerläsfige „Nothlüge". Der Besucher weiß manchmal^ ganz genau, daß die Sache nicht stimmt, aber er kann gegen diese Obstruktion nichts mache«; entweder muß er auf seine« Besuchsantrag verzichte« oder geduldig «och einmal »jeder anklopfen.
DaS ist die gesellschaftliche Obstruktion durch Zurückhaltung. Es gibt auch eine thätige Obstruktion auf diesem Gebiete. Da will z. B. Jemand in eisern Kaffeekränzchen bei einem Hausbesuche eine Angelegenheit zur Sprache bringe», die ihm sehr am Herze« liegt, aber den Zuhörer« nicht. Er schlägt das kritische Thema a«; aber ehe er es sich versteht, ist der Fade» der Gespräches ihm aus der Hand gewunden, eine gewandte Zunge schlägt alsbald wieder andere Frage» an und spinnt fie so lebhaft weiter, daß eS ganz unmözlich ist, für die erste Sache das richtige Gehör zu finden oder die gewünschte Entscheidung herbeizuführen. Manchmal ist diese Art Obstruktion, aus Höflichkeit und Schonung hervorgegauge»; ma« will dcm „Antragsteller" die Unannehmlichkeit eines klaren Nein ersparen, indem ma« ihm von vorn herein in scheinbar harmloser Weise de» Weg verlegt. Eine solche höfliche Obstruktion spielt namentlich im Gebiete der Liebe und der Werbung eine Rolle. Wenn der Bewerber nicht erwünscht ist, so stößt er bei feine« Versuchen der Sondirung auf allerhand. „zufällige" Hemmnisse und Störungen. Gefällt er den Eltern nicht, so entschlüpfen ihm diese möglichst, kürzen das unvermeidliche Gespräch ab oder springen mit kalter Höflichkeit auf banale Redensarten über, sobald er ernstere Töne anschlägt. Gefällt er der AuS- erwählten selbst nicht, so weiß diese erst recht mit der Geschmeidigkeit eines Aales ihm zu entschlüpfen oder im BetretungSfalle ei» abkühlendeS Schneegestöber von kalthöfltchrn Worten oder ein abschreckendes Hagelwetter von spitzen Bemerkungen herbeizuführen, daß ihm die weitere Annäherung nicht möglich wird. — Die Nutzanwend««- ist: Wer int gesellschaftlichen Verkehr auf eine unbequeme Obstruktion stößt, soll nicht allrS auf de« Zufall schieben, sondern prüfen, ob nicht eine Absicht dahinter steckt und was sie zu bedeute» hat. Wonach sich zu richten! Sonst kann die mißachtete Obstruktion sich zu sehr uxangenehnmr Formen auSwachsen.
Die anscheinend so unschuldigen Kinder »«- stehen fich auch schon auf Obstruktion. Von der groben Art ist die Vorschützung von Krankheiie«, um die Schule schwänze» zu können. Fei««« Mittel wenden manchmal die Kinder an, um sich vor unangenehmen Aufgaben solange al« möglich zu drücken. Wa» kann so ein kleine« Köpfchen be für Ausreden vorbringen und Hindernisse erfinde«, um z. B. die Inangriffnahme schwieriger Schularbeiten hinaurzufchteben. Da soll es am Licht oder an den Schreibmaterialien oder am Os« fehlen, da muß erst noch eine Etkundigung bei einem Schulkameraden eingezogen werden, da muß die Entfernung der Geschwister oder die Beseitigung sonstiger ruhestörender Momente abgewartet werd«. Oder da« gute Kind fühlt plötzlich da» Bedürfxiß, für Papa oder Mama oder die sonstige» Angehörigen noch diese« oder jene» zu besorg«, hier oder da zu helfen. — Manche Kind« «oll« Abend« nicht gern in'« Bett; da leisten fU denn auch großer in allerhand Obstruktionskünsten, am die Entscheidung über den Abmarsch zur Schlafstelle hinauszuschieben. Sogar da« einfache Geschäft de« Gutenachtsagen« läßt fich mit Umständlichkeiten, Wiederholungen, Zärtlichkeiten, Scherzen rc. recht zeitraubend gesialten, und ein schlauer Bengel „vergißt" sogar absichtlich etwas, um noch einmal au» der Schlafstube zurückkehren zu können.
Nothwendig und heilsam ist eine gewisse Obstruktion gegenüber Kranke», namentlich Genesenden. Dem Kranken muß man die Erfüllung mancher Wünsche versage», weil sie ihm schädlich wären; eine direkte Ablehnung köRNte ihn oft reize» und ärgern. Da gilt eS, durch allerhand Kunstgriff; Zeit zu gewinne«, bis der Kranke feixen Wunsch vergesse» hat oder Umstände etngttreten sind, welche die Er. füllung offenbar unmöglich machen. Das gesähv- liche Essen z. B., das sie haben wolle», will