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JuLöcr, Dienstag, den 11. November 1902,
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29. Jahrgang.
>*eranto«rtti4: 5»# tte Krtattten J«|. StlflV für Jaferele 3. Pezjeller in Lnlda.
entS und verleg der Fnldeer EctlendrnSei» | Peteregegt klr. 8 (Sermonit).
Erscheint täglich, ar. Ausnahme der Sonn-und Feier- tnge.Bierteljährl.
Se,n,8pr«i, ohne Bringerlohn «nd Bestellgeld in Fulda und au«- »LrtriM.dÜLl,
einspaltige V, «eile oder oereitz RaumlSPfg..Re» Hamen die Pt ' zeile LS Pfg.; btf Wiederhvlungei» wird entsprechend»
mit den Beilagen
„Ülusfririe Sonntags-Zeitung", Juldaer 0esd)ichtsblätter" und Cotterie-risfe.
Berlin, 10. November 1902.
X MtL einer Merlängernns der -Handelsverträge sucht die offiziöse Karlsruher „Güdd. Reichskorresp." die lardwirthschaftSsreundlichen Parteien des Reichstag zu schrecke». Ma» braucht auf diese Drohung nicht viel zu geb?», denn einstweilen ist kaum zu glauben, daß alle Handels- vertragSstaaren mit einer Verlängerung der jetzigen Verträge auf Jahre hinaus einverstanden wären. Die Hauptsache ist: diese Verlängerung würde auch der Zu stimmungdes Reichstages bedürfen; hier aber schwerlich Annahme finde». Selbst wen« — was wir nicht glaube» — dir nächsten Reichstags wählen der Linken einennennenL- werthe» Gewinn bringen sollten, bezweifeln wir sehr, ob die Regierungen mit einer ei»fachen Verlängerung der Verträge im Reichstage Glück haben würden. Außerdem kündigt die „Deutsche Lagesztg." für diese» Fall bereits heute die Ob- struklio» des Bundes der Landwirthe an. Das Centrum könnte diese Obstruktion freilich ebensowenig billlgen. wie die jetzige freisinnige sozialdkmokrattscheObstruktion,aber die Freifinuigr» und Sozialdemokraten hätten dann j-sensalls kein Recht zur Klage. Heute mir, morgen dir! „Haust du meine» Zolltarif, haue ich deine Handelsverträge", so würde der Bund der Landwirthe frei nach Fritz Reuter sage», und die Herren Linke» würden sich zu spät an das Dichter- wort vom Fluch der böse» Thal erinnert fühle», die „fortz ugend Böses muß gebären."
# Gin Knud der dentschev ArSeit -etzer ist, wie sie .Deutsche Arbeitgeber Zeitung' erklärt, von den ceutrslisirte» Arbeitgeber-Ber- bände» von Berlin, Hamburg und München begründet worden. Der Bund will, wie auS dem Artikel heroorzugche» scheint, unterschiedslos gegen jeden Streik, mag derselbe begründet sein oder nicht, die ganze Arbeiterschaft aufbteten. Das Bedenkliche einer solchen Koalition wird noch Aarer, wenn man weiter liest, daß der Arbeit- geberbund auch „nach oben hin den Arbeitgeber vor Uebrranstrengung seiner Kräfte im Dienste einer allzu straff gespannten und überstürzten sozialen Gesetzgebung zu bewahren" suchen soll. In Deutschland kann man doch wahrlich nicht von einer sozialpolitischen Ueber- stürzung spreche». Eher hatte man Ursache, über das Segentheil zu t agen. Wir können den Arbeitgeber» selbstverständlich nicht das Recht abspreche», von dem Koalitionsrecht ebenso wie ihre Arbeiter Gebrauch zu mache«. Wen» aber ihre Koalition, wie man leider nach manche» Beispiele» — so erst jüngst wieder im westfälischen Ttxtilzewerbe — zu fürcht m triftigen Grund hat, »eben der Hemmung der Sozialreform nur dazu dienen soll, die Koalitions- sreiheit der Arbeiter zu vernichten, so wird ma» ihr aufs Entschiedenste entgegentreten müssen. Katholische Arbeitgeber, die einem Versande mit solchen Zielen beiträte», würden sich
Strandgut.
Roman von O. Elster.
12 -------- (Nachdruck »erbaten.)
„Ich habe Dir eine freudige Nachricht mit« zutheile» ..."
Else fuhr empor. „Hat er sich verlobt, Mama?"
Erstaunt blickte Mama Brückner sie an. „Von wem sprichst Du, Else? Ich glaube gar, Du denkst noch an Jobst von Windheim."
Jäh erröthend senkte Else da« Haupt. „Verzeih' mir, Mama. . ."
„Steh' diese« Telegramm", fuhr ihre Mutter fort.
„Er ist von Bernhard. . .“
„Von meinem Bruder?!"
„Ja, er befindet sich auf der Heimreise. Die Depesche ist au« Liverpool — er konnte nicht mehr vor seiner Abreise schreiben, da er plötzlich den Befehl von dem japanischen Marineministerium «hielt, abzureisen; alle« Nähere will er uns mündlich mittheilen, da er schon in den nächsten Tagen in Berlin eintrifft."
„Meine liebe Mama, welche freudige Heber« raschung!"
„Freilich, freilich! Und über der Freude wollen wir all da« andere Unangenehme und Traurige vergessen — nicht wahr, mein Kind?"
„Ja, Mama — ich will e« versuchen", entgegnete Else tief aufathmend.
Jobst ruhte in einem bequeme* Krankenstuhle auf der Veranda der Villa Brückner und blickte sinnenden Auge« in den grünen Park hinan«, in
dadurch selbst aus der CsntrumSpartei ausschließest, falls sie ihr biä dahin angrhört Habs» sollten; denn mit. solchen Grundsätzen rann man nicht Mitglied einer Partei sein, welche gemäß ihrer eigene» Ueberlieferung und de» christ« lieben Grundsätze», wie sie in dem Rundschreiben Leos Xlll. Berum novarum nisdergelezt sind, den Arbeiterschutz fördern und unbeschadet de« Rechtes der Arbeitgeber doch ebenso gut das R-cht der Arbeiter verwahrt und vertheidigt.
X Die gerverStiche KinderarSeir ist im Hausgewerbe vielfach noch recht schlimm. Am schlimmsten in Sachse» und Thüringen, wo 23 v. H., nämlich (im Königreiche Sachsen) 137,872 von 604,600 Schulkindern, »ach der Erhebung vom 1.1898. hauSgewerblich beschäftigt wurden. Der Prozentsatz im übrigen Deutschen Reiche betrug etwa 7. Unter den bete. Gewerben waren auch solche, die höchst gesundheitsschädlich sind. Was aber allem die Krone aufsetzt, ist die Beschäftigung selbst von Kinder» in noch nicht schulpflichtigem Alter bei der Spiel- waaren-, bei der Mundharmonikaindustrie! Ein grausamerer sozialer Hohn ist gar nicht auS- zusinnen, als er in der Beschäftigung solcher Kinder unter dem schulpflichtigen Alter zur Herstellung von Kinderspielzrug steckt. Und auf wie viel beziffert sich der Arbeitsverdienst dieser be< klagenswerthen Wesen? Auf durchschnittlich kaum mehr als einen Pf e nnig die Ar. beitsstunde! Die beste» Löhne werden in Chemnitz bezahlt; nämlich 1 55 Mark wöchentlich an Knabe» und 1,22 Mark an Mävchen. Arbeite» bis spät in die sinkende Nacht — wie man zu sage» pflegt — oder mit dem ersten Morgengrauen bilden die Regel. I« diesem Zusammenhänge bemerkt das «Berliner Tageblatt': „Bisher wurde nichts aus dem Gesehenl- wurf, betreffend die Regelung der gewerblichen Kinderarbeit überhaupt, der dem Reichstage zu Anfang dieses Jahres oorgelegt wurde. Der Reichstag ist ja ausschließlich mit der Berathung über de» Zolltarifrntwurf beschäftigt, so daß für die Erledigung anderer ebenfalls sehr wichtiger sozialpolitischer Vorlage» keine Zeit erübrigt werden kann. So schlappt sich den» diese soziale Schuld an den gewerbsmäßig arbeitenden Volksschulkindern und an den im vorschulpflichtigen Alter an die Arbeitssitze gespannten armen Kindern wieder um eine Legislaturperiode weiter. Die soziale Sch'.'.ld wird schwerer, und die Zahl der sozialdemokratischen Stimme» bei den Reichstagswahlen schwillt höher." Aber wer ist denn schuld daran, wen» aus dem Gesetzentwurf jetzt nichts wird? Gerade die Freisinnige» und Sozialdemokraten, die, indem sie den Zolltarif verschleppe», auch jedes sozialpolitische Gesetz unmöglich machen. Nette Arbeiterfreunde!
+ Der Krrrrd der Landwirthe hält am 26. November eine Hauptversammlung in Nassau ab, in welcher Lucke-Patershause» und Dr. Hahn sprechen; tags darauf, am 17. November in Essen eine Versammlung, in welcher Dr. Hahn gleichfalls spricht. Der Bund der Landwirthe macht also wieder einmal den Versuch im Westen, in die Gebiete bestehender Bauernvereine ein» zufallen. Die Mißerfolge, welche er dabeierlitten
hat, wie z. B. seine klägliche Niederlage b i der Reichstags-Ersatzwahl für de» verewigten Dr. Steher, scheinen ihn nicht abzuschrecken. Jn Naffau versucht et mit den abgelehnten Gärlneret-Mi». deftzollaniräge» zu krebsen, in Effen die Industrie zu gewinnen, wozu wir ihm allen Erfolg wünschen. Ebenso versucht er auch in Bayern seinen Einfluß weiter auszudehnen. In Würzburg hat als Vertreter des Bundes der Landwirthe Herr Dr. Hahn an der Generalversammlung des (Memmingerschen) „Bayerisch enBauern- Bundes für Franken und Schwaben" theil- genommkn, und zwar, wie die.Deutsche Tages- Leitung' betont, aus Einladung. Dies wirkt einigermaßen überraschend, aber auch erheiternd, wenn ma* bedenkt, daß Herr Anto » Memminger noch soeben aus Anlaß der letzte» Ersatzwahlen gegen den norddeutschen Bruder Gift und Galle gespuckt hat. Nun ist aber auch in Würzburg Herrn Dr. Hahn gleichsfall« wieder ein unanMehmr« Abenteuer passtrt: Herr Memminger sagte von dem deut- sch;:» Kaiser, an dem Tage, an welchem er in England lande, sei er der bestgehaßte Manu in Deutschland. Dazu konnte Herr Dr. Hahn nicht schweigen, ohne seine eigene kaisertreue Gesinnung i» Frage zu stellen. Er legte daher gegen die Acußerung Memminger'« Verwahrung ein und brachte ein Hoch auf Kaiser und Reich au«. Als Herr Memminger darauf erwiderte und weitere Angriffe auf die Person de» Kaiser« richtete, verließ Herr Dr. Hahn den Saal. Herrn Dr. Hahn war die Sache so wichtig/ daß er die Richtigkeit seine« Bericht« an die deutsche Tageszeitung sich durch vier Zeugen bestätigen ließ, welche Mit- gltedrr de« Bunde« der Landwirthe st b. (Vgl. Würzburg unter Nachbargebiet. D. Reo.) Nach diesem unangenehmen Abenteuer wird der Bund der Landwirthe wohl so bald keine Verbrüderung mehr mit Memminger und dessen Leuten versuchen.
Ans dem Reichstage.
*<* 212. «ltzwlg Dem 10. November 1902, 1 Uhr.
Die Berathung de« ZollkarifgefetzeS wird fortgesetzt beim § S, der in 14 Nummern von den zollfreien Wegen« ständen handelt Die Debatte über den § 5 war schon am Freitag geschlossen worden. Bei der ersten namentlichen Abstimmung über einen Antrag Albrecht hatte fich am Freitag Beschlußunfähigkeit ergeben. Heute ist zunächst diese namentliche Abstimmung zu wiederholen. Der Antrag wird abaelehnt mit 166 gegen 54 Stimmen.
In einfacher Abstimmung werden einige Anträge der Bbg. Bothein abgelehnt, in namentlicher Abstimmung zwei wettere Anträge Albrecht und zwar mit 160 gegen 64 unv 157 gegen 57 Stimmen. Bei einer vierten namentlichen Abstimmung ergab sich die Beschlußunfähigkeit de« Haukes, da nur 191 Abgeordnete (149 gegen, 42 für den betreffenden Antrag Albrecht) abstimmlen.
Fortsetzung Dienstag 12 Uhr.
Schluß 8‘ « Uhr.
• Zfaris, 10. Nov. 1902. Präsident Loubet Hai dem italienischen Ministerpräsidenten
Zan ar dellt und dem Minister deS Auswärtigen, Prinetti, das Groß kreuz der Ehrenlegion überreichen kaffen und dem ehemalige» Minister deS Auswärtigen, Visconti Veno st», sowie dem frühere» Schatzsekretär Luzzatti fei» B'.ld mit einer herzlichen Widmung geschenkt.
• Mer», 10. Nov. 1902. I» der Schweiz sind die Stichwahlen zum Nationalrath nunmehr beendet. Nach dem Ergebniß derselbe« haben im National, ath die Radikalen vo» de» 167 Sitze» ungefähr 100, die Konservative» etwas über 50, die Sozialdemokraten fünf. Die Uebrigen find unabhängige Sozialpolitik«! und Wilde.
® Mir«, 10. Nov. 1902, JuOesterreich stocke« die Verhandlungen im Abgro dnetenhaufe. Mehr als 50 Dringlichkeitsanträge verrammel» bereits die Tagesordnung und noch immer stelle« die Tschechen neue Anträge. Nach der ,Voff. Ztg.' erklärte Körber em Freitag beim Verlasse» des Parlaments: „Mit diesem Haus kann ich nicht arbeite»."
• Ls«do«, 10 Nov. 1902. Der Prinz von Wa les begleitete heute Morgen de» Kaiser Wilhelm auf die Entenjagd. Entgegen einige« Berichte» wird der Kaiser vor dem Besuch beim Earl of LondSdale weder »ach Cambridge, «och sonst wohin gehen. Chamberlain, Brodrick, Balfour und die übrige« Gäste, die Ende der vorigen Woche in Sandringham eingetroffen find, find heute nach London wieder abgereist. — I« ihrer Mtttagsausgabe befürwortet die .Westminster-Gazette^ die Pflege freundschaftlicher Beziehungen mit Deutschland und sagt: Der Besuch des Kaisers lönne viel dazu beitrage«, die Wolken des Mitztrauens zu zerstreuen, die über den deutsch englischen Beziehungen auSgebreitet seien. Es möge« triftige Gründe vorhanden sei« für die Empfindung der Engländer, daß da« deutsche Publikum keine freundliche Rolle während des Krieges gespielt hat; aber es würde thöricht sein, diese Gründe für die Leitung der englische» Politik gegenüber der deutschen Regierung gellend zu machen.
® Madrid, 10. Nov. 1902. In Spa»i«v ist wieder einmal eine MinisterkristS auS- gebrochen. Der MmisteiprSfioent Sagasta hat heute dem König das EntlaffungSgesuch des gis^mmlcn RabinetS überreicht. Die Kortes stelle» ihre Sitzungen bis zur Lösung der KrifiS ei». Ueber den Grund der Krisis meldet da- Wolff'sche Bureau: Die Hauptschwierigkeit bildet die Vorlage, betreffend daS R-krutenkontingent, welche die Kammern vor dem 31. Dezember ds. I«. genehmigen müffen. Jedenfalls wird die Vorlage, betreffend das Affidavit, falle» gelaffen.
• 10. Nov. 1902. Der Gou
verneur von Huna» erhebt Einspruch dagegen, daß der für die Ermordung der englischen Missionare in Cheuchvu verantwortliche militärische Beamte hingerichtet werde, und erklärt, die Bevölkerung sei einmüthig gegen die Todesstrafe und der Vollzug der letztere» könne einen Aufstand herbeisühren. Der Gouverneur schlägt vor, daß der Beamte, anstatt zum Tode, zur Zahlung einer hohen Entschädigungssumme vcrultheilt werde. Die Kaiserin-Wsttwe ist von Anfang dagegen gewesen, daß der be
beffen hohen Baumwipfeln der laue Sonnenwivd rauschte und flüsterte. In der Mitte her grrß n Rasenfläche vor der Billa sandte ein Spring brunnen seinen Strahl zum blauenHimmel empor. Wie tausend und abertausend blitzende Edelsteine funkelten die Strahlen und Tropfen de« Springbrunnen«, die plätschernd in da« Wafferbasstn zurückfielen, in dem fich eine Schaar glänzender Gold- und Silberfische tummelte. Auf der Thurm» sp'tze der Villa flatterte eine gewaltige Fahne, weithin verkündend, daß den Bewohnern ein freudige« Ereigniß begegnet sei. Und in bet That eine freudige Nachricht war mit der heutigen Morgenpost eingetroffen: der Fabrikant Herr Friedrich Brückner war zum Königlichen Korn- merzienrath ernannt worden!
Da« Ziel, nach dem Friedrich Brückner schon so lange gestrebt hatte, war erreicht, und unverzüglich fuhr er noch seiner Fabrik, um den Beamten und Arbeitern die Nachricht zu überbringen und in der Freude seine« Herzen« für den heutigen Tag die Fabrik zu schließen. An die Beamten und Arbeiter vertheilte er Gratifikationen und Geschenke; die höher« Beamten lud er zu einem solennen Festmahle in einem großen Restaurant ein, für die übrigen Angestellten und Arbeiter sollte in den nächsten Tagen ein große« Fest gefeiert werden.
In der Billa Brückner und dem weiten, prächtigen Park herrschte tiefe Ruhe im Gegensatz zu den Fabrikgebäuden, in denen die Ernennung be« Chef« große Aufregung hervorrief. Die neuernannte Frau Kommerzienrath war zur Stadt gefahren, um wichtige Besorgungen zu machen, nur Gerda war daheim und Jobst von Windheim,
der allein auf der breiten Veranda ruhte, wohin man seinen Krankenstuhl getragen.
Jobst mußte sein Bein noch schonen. E« lag noch in einem fefien Verbände; er vermochte noch nicht wieder aufzutreten und bediente sich beim Gehen einer Krücke ober ber Unterstützung seine« Burschen. Im übrigen hatte ber kräftige, junge Offizier die Folge der Verletzung vollkommen Überwunden. Ja ernstem Sinnen blickt« er hinan« in den sonnenüberflutheten Park. Er rang mit einem Entschluß, er mußte ein Ende machen mit dem gegenwärtigen Zustande der Ungewißheit, be« Zweifels, er durfte nicht länger in der glänzenden Villa weilen und die Gastfreundschaft Brückner« in Anspruch nehmen, er mußte scheiden au« der reichen, glänzenden, freudigen Umgebung und iu die Einsank-it feines Junggesellen zimmer« ober seine« elterlichen Gute« zurückkehren.
Unwillkürlich verglich er die prächtige Villa Brückner mit dem „alten Eulennest", wie sein Vater nur allzu treffend dar Schloß in Machnow genannt hatte. Hier war Alle« in Licht, Sonne, Luft und Leben getaucht, dort herrschte düsterer Schatten; lange, dmkle Korridore durchschnitten da« alte Herrenhaus, dessen meterdicke Mauern von tiefen Fensternischen durchbrochen wurden, die kaum ben Eintritt be« hellen Sonnenlichte« in die weiten, alterthürnlichen Zimmer gestatteten. Und während fich hier um die prächtig« V.lla ein herrlicher Park breitete, auf dessen freundlichen Rasenplätzen und Baumgruppen da« Auge «r qaickt und erfrischt ruhte, umgab Schloß Machnow ein verwilderter Garten mit düsteren Föhren und mit hundertjährigen Eichen und Buchen, an deren zer- riffelten Stämmen schwärzlich-grüner Ephe» empor«
wucherte, und auf dessen höchsten Baumgipfeln die Krähen und Raben in großen Schaare« ni fielen.
Der Vater Jobst'« hatte keine Zeit und — keine Mittel, um au« der immer mehr verwachsenden Wildniß be« großen Garten« eine» freundlichen Park zu gestalten und da« alte Schloß Macht ov wieder der Neuzeit entsprechend ein- zurichten. Wie er dasselbe von seinem Vater erhalten hatte, so war es liegen geblieben und so würde er e« auch feinem Sohne überliefern, »en» — ja, wenn er überhaupt dazu kam!
Aber lag e« nicht in seiner — be« Sohne« — Hand, ba« väterliche Schloß der Familie, sich selbst zu erhalten und auch in freundlicher, Herz und Auge erquickender Weise umzugestalten?
Jobst fuhr sich mit der Hand über die Stirn und die Augen. „Fort, ihr Träume", flüsterte er. „Nimm da« Leben, wie e« ist, alter Jung«, und gib Dich keiner Sentimentalität hin. Dir wird hier Liebe entgegengebracht, weshalb willst Du sie nicht erwidern? Die Zeit der schöne» Jugendschwärmerei ist vorüber, und be« Manne« Liebe soll eine andere sein, wie die be« träumenden, sch wärmenden Jüngling«."
So sprach der Verstand in ihm. Aber ber Verstand hatte gut reden, da« Herz träumte fort und fort, e« ließ fich durch ben Verstand fei» Recht nicht rauben — und Jobst seufzte tief auf.
„Woher dieser tiefe Seufzer?" fragte eine freundliche jugendliche Stimme, und als Jobst überrascht den Kopf zur Seite wandte, sah er Gerda, die in der Thür stand, welche in ben großen Gartensalon führte, und lächelnd zu ihm herüberblickte.