KuldaerMIeitung
mit den Beilagen
■
Iu0-a, Samstag den 8 November 1902.
29. Jahrgang
M 258.
vnt i*6 r>«t«e Kf flaiM« xctifl»neee p«k«4e|e Ur. 1 (Bareoakl»
Erscheint täglich, rn Aitsnahme der Eon«-und Feier- taqt. CierteliäbrL
ohne Bringerloha und Bestellgeld in Fulda uud au<* wärt613R.50$i,
gefüllt: Di- einspaltige Vetil-. xeite oder deren! Raunt tSPfg.,Rv> Hamen die Petit. E geile 25 Pfg.; bet Wiederholuuger»
, wird entsprechend», Rabatt gewährt»
„niusfrirle Sonntags-Zeitung", Juldaer ßescbicbtsblättet' und rotietFe-nsft.
rath fallen.
Jener Odftruktionsantrag ist dann am Mittwoch «it großer Mehrheit abgelehat worden. Aber damit ist nicht gesagt, daß die großindustriellen Syndikate, gegen die sich der Antrag richtete, über so viele Freunde im Reichstage verfügten. Im Gehentheil bietet der Reichstag sicher eine Mehrheit dar für eine ernsthafte Bekämpfung der Syndikate. Nur der Obstruttion zu Liebe konnte die Mehrheit natürlich nicht so nebenbei die ebenso schwierige wie hochwichtige Frage der Kartelle lösen. Da- wird entschieden viel gründlicher geschehen muffen, wann der Zolltarif erledigt ist. Dann wird inzwischen auch das Material vorliegen, daS die vomBundesrath angekündigte Enquete über daS SyndikatSwesen ergeben wird.
Za diesen bedeutungsvollen wirthschaftlichen Fragen, welche die öffentlichen Erörterungen der Woche beherrschten, trat zeitweilig auch die Kanalfrage, die durch den Besuch de» preußischen Tisenbahn- minister» Budde in München angeregt wurde. Zuvor wurde auch wieder einmal von einer Reichs- Eisenbahngemeinschaft geredet, aber davon kann gewiß ernstlich nicht gesprochen werden. Wohl mögen auch manche EisenbahnverkehrSfragen in München behandelt worden sein, der wichtig» e Gegenstand der Besprechung war aber die Fortführung der Mainkanalisirung nach Aschaffenburg, also nach Bayern hinein, ein Pl
Bayern hinein, ein Plan, dessen Ausführung der Kaiser schon vor Jahren dem Prinzen Ludwig von Bayern, dem regen Förderer der Kanalsache, versprochen hat, der aber bisher an unannehmbaren Forderungen der preußischen Eisendahnverwaltung scheiterte. Jetzt scheint Preuße» ja günstiger« Bedingungen gestellt zu haben, so daß eine Borlage über die Mechüavalifirung für die nächsten Land-
Wochen-Krtudscharr.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 8. Nov. 1902.
Ueber die Aussichten deS Zolltarif» wird in den Zeitungen am so mehr geredet, ie weniger der Sang der ReichStagsverhandlungen ein Se. lingen de» allzu umfangreichen und viel zu kom- plizirten Werke» erwarte» läßt. Ein einziger Vorgang im Reichstage hat Veranlassung gegeben, sehr viel Druckerschwärze über die Möglichkeit emes Zustandekommens der Tarifwerkes zu vergießen. Da» war die Beseitigung der auf eine Verschleppung der Verhandlungen vielleicht nicht gerade abztelende, aber thatsächlich darauf hinauSlaufenden Anträge der Bunde» der Landwirthe, welche auch für verschiedene gärtnerische Erzeugnisse Mindestzölle festsetzen wollten. Wie sehr gerade diese Anträge geeignet waren, der Obstruttion Vorschub zu leisten, beweist die grimmige Wuth der Sozialdemokraten über den Antrag Her o ld, der die erhoffte mehrtägige Debatte über jene ganz aussichtslosen Anträge abschnitt, indem er ihre Befestigung durch llebergang »ur Tasesord- nung bewirtte. Jetzt können sich d e sozialdemokratischen und liberalen Blätter «och immer nicht darüber bernhigen, ob der Uebergang zur Tagesordnung «ach der Geschäftsordnung zuläflrg gewesen sei oder nicht. Warum haben dann aber die Herren von der Linken «icht gleich gegen den Antrag Herold protestirt, al» derselbe gestellt wurde? Man überschätzt aber die Tragweite diese» Antrag», wenn man meint, nach dem gleichen Rezept laffe sich jede wettere überflüffige Diskussion im Keime ersticken. Uebergang zur Tagesordnung kann doch nur gegen Anträge aus dem Hause, nicht aber gegen die 946 Positionen de» Zolltarifs beantragt werden; außerdem auch nur dann, wenn eine Mehrhest dafür, und zwar m beschlußfähigem Hause Vorhände« ist. .
Nun hat da» Organ des Bunde» der Landwirthe wegen de» Antrag» Herold die schärfsten Angriffe gegen da» Centrum gerichtet, als ob diese» die Interessen der Gärtner pressgeben wolle. Davon kann natürlich keine Rede sei«. Für gärtnerische Schutzzölle wird ohne Frage das ganze Centrum eintreten, nur den aussichtslosen Versuch, auch für diese Schutzzölle den Regierungen bestimmte Mi ndest- sätze vorzuschreiben, konnte daS Centrum nicht mit» mache», weil der Zolltarif dann erst recht keine Aussicht gehabt hätte, von den Regierungen angenommen zu werden. Ohnehin find ja schon Gegensätze genug vorhanden zwischen BundeSrath und ReichStagsmehr- hrst — Gegensätze, deren Ueberbrückung auch heute noch, trotz alles Gerede» von einer „Verständigung", welche die liberalen und sozialistischen Blätter, von einem „Umfall" der Mehrheitsparteien phanta- firend, an die Wand malen, sehr wenig Wahr- scheinlichkeit für sich hat. Eine Verständigung wäre freilich die erste Vorbedingung für eine Ueber- Windung der Obstruktion. Aber es gehört dazu noch eine zweite, noch viel nothwendigere Bedingung: Die dauernde Erhaltung der Beschlußfähig k e i t de» Reichstags. Wie schwer aber gerade diese ist, hat der „Hammelsprung" am Dienstag, der die Anwesenheit von nur 135 Abgeordneten ergab und damit bewirkte, daß die Abstimmung über einen sozialdemokratisch - freisinnigen Obstruktionsantrag auf Msttwoch verschoben werden mußte. Daher ist die Gewährung von «nwesenheitsgeldern an die ReichstagSmitglieder das Erste und Nothwendigste, was der Bundesrath thun muß, wenn er wirklich etwas zu Stande bringe« will. Dazu ist aber leider auch herzlich wenig Hoffnung. Fällt der Zolltarif, so wird auch aus diesem Grunde die ganze Verantwortung dafür auf den Bundes-
Uupolitische Zeitläuse.
G Berlin, 6. November 1902.
------ (Nachdruck verboten.)
Im „Rothen Hause" von Berlin wird heute über eine hochwichtige Titelfrage verhandelt. Dir städtischen Beamten wollen nämlich auch gern
tagSseffionen in Bayern und Preußen erwartet wird. Ob damit in Preußen gleichzeitig auch die Mittel- landkanal-Frage wieder anfgerollt werden wird, mag dahin gestellt bleiben. Vorher müßte jedenfalls die Zollfrage erledigt fein.
JnOesterreich haben inverschiedenen Kronländern Landtag-Wahlen stattgefunden, welche im Allgemeinen den Niedergang der Lo» von Rom- Bewegung beweisen. In Oberösterreich haben die katholischen Konservative«, in Niederösterreich die Christlich-Sozialen glänzend gesiegt und den katholikenfeindlichen Parteien eine schwere Niederlage bereitet. I« Steiermark machte sich in den Landgemeinden eine neue Parteigruppe, der Bauernbund, geltend, der den Deutschkonservativen vier, aber auch den katholikenfeindlichen „Deutschvolttichen" zwei Mandate enttiß, während die katholischen Slovenen alle 8 Mandate behaupteten. Nur ein „Deutschvolklicher" wurde in dieser Kurie gewählt, während die Konservativen immerhin acht Mandate behaichteten.
In Ungarn drohten wieder einmal die Koffu- thianer mit Obstruktion. Die neue Wehrvorlage, die daS Kontingent um 20000 Ersatzreservisten ver- stärken wollte, fand auch sonst viel Opposition, so daß sie in einem Kronrath wieder zurückgezogen wurde. Sie wird aber in anderer Form, die statt der 20000 Ersatzreservisten nur 20000 andere Rekruten mehr fordert, wieder vorgelegt. Inzwischen haben die Koffu- thianer sich auch besonnen und wollen nun, entgegen dem Drängen ihres linken Flügels, keine Obstruktion, sondern nur noch energischere Opposition mit den erlaubte» parlamentarische» Mitteln machen.
In Frankreich ist die parlamentarische Lage nicht ohne Gefahren für das Ministerium. Das neue Unterrichtsgesetz deSMinistersChapwi«befriedigt die radikalen und sozialistischen Kirchenfeinde nicht, da eS die privaten Mittelschulen angeblich nur schärfer koatrolliren, aber nicht die Lehrfreiheit ganz beseitigen will. ES haben sich aber auch schon die radikalen Führer Bourgeois und Clemenceau für Aufrechterhaltung der Lehrfreiheit ausgesprochen, während andere radikale Parteihäuptlinge den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen. Die Katholiken werden aber trotz dieser Meinungsverschiedenheit unter ihren Feinde» gui thu», sich deswegen nicht allzuviel Hoffnungen zu machen. Jedenfalls bleibt die Schaffung einer einheitliche« Organisation für sie nach wie vor ihre oberste Psi:cht und auf die Dauer ihre einzige Rettung
In der auswärtige» Politik hat Frank eich einen Keinen Erfolg zu verzeichnen, da die Türkei sich endlich dazu verstanden, die Forderungen der t inzösische» Staatsangehörigen Lorando und Tubini zu bezahlen. Dagegen hat sich die Regierung des Sulia n» bisher hartnäckig geweigert, die Forderung Jtalie iS, dem Räuberunwesen im Rothen Meere ei« Ende zu mache» und Entschädigung für Verlust an Gütern und Menschenleben, welche die Piraten italienische« Unterthanen zugefügt, zu gewähren. Italien hat nun sich selbst Genugthuung genommen, indem es daS arabische Dorf Midi durch seine Panzerschiffe in Brand schieße« ließ.
Im Somalilande, das nicht mehr weit von dieser interessanten Seeräubergegend entfernt ist, soll der „teile Mullah" den Engländern eine neue Schlappe beigebracht haben. Jedenfalls werden sie noch manches Pfund Sterling aufwenden muffen, bevor sie den Aufstand bezwingen werden. Für Südafrika wolle« sie jetzt 160 Millionen Mark auf» wenden, um die Verheerungen de» Kriege» wieder gut zu machen. Ob diese Summe auSreicheu wird, um den Forderungen der Buren einigermaßen gerecht zu werden, wird Herr Chamberlain ja an Ort und Stelle prüfen können.
Die englischen JingoS ergötzen sich a» einer Schmähschrift des bisherigen englischen Botschafter» Rumford in Men, die den deutschen Kaiser hemnterreißt und — man sollte eS nicht für möglich halten! — als Engländerfeivd zu brandmarken sucht, und da» in einem Augenblick, wo Kaiser Wilhelm sich anschickt, England zu betreten, um seinem miebergenefenen Oheim Eduard einen familiären Besuch abzustatten. In Deutschland ist man bekanntlich eher geneigt, an dem Kaiser eine zu große Hinneigung zu England zu tadeln.
Bei den angelsächsischen Vettern jenseits de» Ozean» bat es große Wahlen gegeben. Sie hatten da» Resultat, daß daS nordamerikanische Parlament in feiner Mehrheit republikanisch bleibt, wenn auch die Demokaten manche bemerkenSwerthen Erfolge zu verzeichnen hatten. Die vielen Dollars der republttanifchen Trustmagnaten find eben noch zu mächtig, und die Bestechlichkeit ist leider in weiten Kreisen noch zu groß.
I» Haiti ist ei, kaum daß der Prätendent Firmin geschlagen wurde, zu neuen Kämpfen gekommen. Diesmal heißt der Prätendent Fouchard. Die Herren Neger werden also noch ein Weilchen sortsahren, sich gegenseitig zu massakriren.
Da» wird wohl auch in Venezuela noch so bleibe», obwohl die Regierung des Abenteurers Castro erttären läßt, daß die „Rebellen" vollständig geschlagen und in wilder Flucht be- Sen seien. Ob die Revolution wirttich, wie Herr ro behauptet, beendet ist, wird matt abwarten muffen. Jedenfalls aber wird kein Mensch daran glauben, daß die anständigen Elemente de» Lande» sich auf die Dauer von einem Menschen wie Castro tyrannifiren laffen werde».
so schäre Titel haben, wie sie den staatlichen Beamtet b scheert werden. Der Magistrat war im Vcll-fühl seiner goldenen Kettenmacht der Ansicht, daß et auch Titel zu fabriziren vermöge. Er ver- ordnete also, daß seine Assessoren nach einer ge- wiffen Dienstzeit „Magistiatsräihe" heißen, daß die Bauinipektoren zu Magistrat»bauräthen ernannt werden sollten. Halt, sagte di« Regierung, Amts- titel find Staatetnonepol! Also ei« Rechtsstreit wegen der Titelverleihung vor dem BerwaltungS- gertchtel Und daS Verwaltungsgericht fällte in dieser schwerwiegenden Sache rin wahrhaft salomonische- Urtheil: einen städtischen Titel könne jedenfalls nicht der Magistrat all i« verleihen, die Stadtverordneten müßten auch darüber beschließen, und wenn so ein. regelrechter Beschluß der städtischen Körperschaften vorliege, — dann erst werde zu entscheiden fein, ob dieser regelrechte Beschluß überhaupt zulässig und rechtswirksam sei.
Zum Vorspiel der Titeldebatte zieht nun heute ein Berliner freisinniges Blatt kräftig gegen daS Titelwesen zu Felde. Die Berliner Spießbürger werden angesichts dieser Verspottung der Titel- sucht vermuthlich sagen: „Sie haben ja soooo Recht!" Diese alte Redensart bedeutet bekanntlich: Sie haben im Prinzip oder in der Theorie Recht, aber in der Praxis kriegen Sie kein Recht! An Titeln hängt, nach Titeln drängt sich alles! Die Titel sind außerordentlich begehrt und demjenigen, der sie verleiht, kosten sie nichts. Also, warum sollen die Stadtoäter nicht Titel verleihen, um einem tiefgefühlten Bedürfniß abzuhrlfen?
Gegen ote Mode wird bekanntlich von Zett zu Zeit heftig geredet und kräftig geschrieben. Aber e» hilft nichts. Die schärfste Lauge der Spott- rede« und daS schwärzeste Sturzbad von Ent- rüstungS-Tinte gleiten an der „modernen Tracht" wirkungslos ab. Ja, man will sogar beobachtet habe», daß eine Mode umsomehr an Ansehen und Verbreitup» gewinnt, je schä fer sie ange- grffen wird. WrS so viel Widerspruch erregt, das muß doch etwas Auffallendes, Vornehmes und Feines fein, denken die Eitelkeit«. Narren beiderlei Geschl cht«. Die Krinoline z B. nahm an Umfang u a Beliebtheit zu, so lange man Spottlieder von h r nSthtgen Thür- und Straßen- Verbretterung te. fing. Als jedes Dienstmädchen seine Reifen hatte und alle Welt mit ergebungS- vollem Sletchmuth das glockenförmige Verhängntß ruhig sich entwickeln ließ, da starb die Krinoline eines langweiligen Todes. — Mit der Tttelfucht verhält eS sich ähnlich. Die Titel werde, vielleicht auch noch einmal aus der Mode lommte, aber nicht, so lange sie noch grimmig bekämpft werd-». Erst wenn gar nicht mehr »o» Titüfruge und Titelwesen gesprochen wird, daun sterben die Titulaturen an der Schwindsucht. Aber ob dann daS goldene Zeitalter der höheren Kultur anbrtcht, das nur den Menschen und seine persönlichen Verdienste kennt und von aüen Aeußerlichkeiten, wie Titel, Orden rc absteht, daS wollen wir doch lieber erst ab warten. Wahrscheinlich wird man bann wieder eine neue Form der Auszeichnung erfanden haben. Den« soweit ich die Geschichte der Vorzeit und der Neuzeit, der wilden und der halb- oder ganz cioilifirten Völker verstehe, habe ich den Eindruck, daß die Eitelkeit zu den unveräußerlichen MenschheitSeigenschafteu gehört. Jmm ir und überall haben die Leute daS Bestreben gehabt, äußerlich zu bekunden, daß ste nicht zu dem ganz gewöhnlichen großen Haufen gehören, sondern zu einer höheren Schicht von Menschen. Die innerliche Ueberlegenheit, daS Bewnß sein der eigenen Tugenden und Leistungen, genügt nur ganz seltenen AuSnahme-Nature«; es muß äußer- lich anerkannt werden, sei eS durch ei» Abzeichen, das den anderen Leuten in die Augen fällt, sei eS durch einen Titel, der fort und fort auS dem Munke der Anredenden angenehm in das Obr des Ausgezeichneten oder in das seiner Frau fällt.
Ja, die Frau spielt eine wesentliche Rolle, sowohl in der Kleider- wie in der Titelmode. „Frau Müller" — ach, wie armselig klingt da«, aber „Frau Räthin" — daS ist Gphärermustk.
Die Frauenrechtlerinnen faffrn freilich das Ding anders an, aber es kommt schließlich auf dasselbe heraus. Sie wollen ihren Titel nicht der Heirach verdanken, sondern ihn sich selbst für ihre eigen« Person erwerben. Bisher hatten wir nur eine „Frau Doktor", jetzt haben wir auch «Fräulein Doktor" und sogar „Frau Doktor Doktor" ist möglich, wenn nämlich eine promooirte Dame einen promovirten Mann zu heirathrn geruht. Also aus diesem Wege kommen wir nicht auS den Titulaturen heraus, sondern vielmehr »och tiefer hinein. Denn während wir bisher nur zu fragen brauchten, waS für Titel der Mann habe, müffen wir künftig auch noch zusehen, ob nicht die Frau außer dem vorbehaltenen Heirathsgut auch noch besondere Titel für sich habe. Man wird dann ferner unterscheiden müffen zwischen der »Frau SrheimrLthin", die selbst zu irgend einem Raths- posten emporgekletlert ist, und der „Frau Geheim
rath", die „bloß" einen Mann dieses Titels ge- hrirathet hat. Dann wird eS auch im Titelwesen heißen: „Doppelt hält bester!"
Aber wenn der sozialdemokratische ZukunftS- staut eiimal kommt, dann wird doch mit dem Titelwesen gründlich aufgeräumt? Ich glaube eS richt. Man redet freilich von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", aber die Freiheit muß und wird in diesem Zuchthausstaate noch mehr beschnitte» werde», als wt- jetzt, und da die Brüderlichkeit bei der durchschnittliche» Selbstsucht der Menschen-Ratnr einfach undenkbar ist, so wird eS mit der Gleichheit auch nicht viel «erden. Dan» solle» freilich alle ohneAusnahmeZwangSarbetter i» den Staats-Werkstätten sein; aber sie können doch nicht alle an der gleichen Stelle stehen. Wer die Arbeiten in den BureanS besorgt, wird schon darauf bedacht sein, daß et sich von dem Kloakenräumer unterscheidet. Wollte man das Titelwort den „Bürgern" verbiete», so würde um so mehr die Titelkleidung gepflegt werden. Bei den Chinese» benutzt daS Titelwesen ja auch vorwiegend die bürgerliche Kletdurg, wie bei uns das Militär die Rangstufe in der Uniform und ihrem Zubehör ansprägt.
liefet militärisch es System der Rangbekundung ist freilich nicht bloß auf die Eitelkeit zurückzuführen, sondern entspricht einem wesentlichen Bedürfnisse deS Dienstes. Jeder Soldat muß leicht und sicher jeden Vorgesetzten richtig erkennen können. In neuerer Zeit freilich wird über das Bedürfniß hinaus viel mit allerhand Auszeichnungen a» der Uniform gearbeitet, und die Auszeichnungen nehmen manchmal einen Umfang su, der nicht mehr im richtigen Berhältniß zu der Sache steht, z. B. die auffallenden Fang- schnüre für vchießleistungen ober dergleichen. In dieser Erscheinung kann man die allgemeine Zeitströmung erkennen, die nicht aus Einschränkung, sondern auf Vermehrung deS glänzenden Beiwerks geht. Wir bekämpfen die Ehinrsen, aber wir ahmen ihnen auch nach.
Die Nordamerikaner gelten bekanntlich seit mehr als hundert Jahren für die Muster von vorurtheilSl»sen Demokraten. Bon der Tttelsucht find sie aber keineswegs frei. Und sonderbarer Weise waren in diesem „bürgerlichen" Staatswesen von Alters her die militärischen Titel sehr gesucht und geschätzt. Welch' eine Unmasse „Oberste", die niemals Pulver gerochen hatte», find in Amerika schon stolz über die Schaubühne des menschliche« Lebens geschritten! Und wie viel Geld laffen eS fich die amerikanischen Krösuffe koste», daß ihre Töchter fich einen pomphaften Adelstitel anheirathen. In Südamerika soll es sogar „Armeen" geben, die mehr Offiziere als Gemeine aufweisen. — Die Titel find verschieden, aber die Titelsucht ist überall dieselbe. Jm repu- bltkanifchen Frankreich beftiebigt man die Eitelkeit hauptsächlich durch das Bändchen der Ehrenlegion. Letztere hat bekanntlich Napoleon I. gestiftet mit der Bemerkung, daß man mit solchem Kinderspielzeug die Menschen regiere. Das war ein MenschenverSchter, aber ein Menschenkenner.
Die Menschheit kriecht nicht au» ihrer Haut, «enn dieselbe auch noch so scharf kritifi t wird. Wir „Zeitungsschreiber" haben e» allerdings leicht, gegen die Titulaiionen und die sonstigen äußeren Auszeichnungen zu Felde zu ziehen. Denn wir werden nicht in Bersuchung geführt. Un« wird kein Gebeimrathrtitel brschieden. Höchsten» die oberofstziösen Preßbediensteten werden mal zu „Kommiffionsräthen" ernannt, wobei fie bann mit Cirka«dtrek.'»ren zufamme»gerathen. Die eigene Ttellofigkeit darf aber die Preßleute nicht zu voreiligem und ungerechtem Urtheil in der Tttelfrage hinreißen. Er geht nun mal nicht ohne diese Zn- tbat. Man kann auch nicht einmal sage», daß oorurtheittlose Leute verpflichtet seien, von ihre« Auszeichnungen keinen öffentlichen Gebrauch z« machen. Da« würde in der Regel bedenkliche Folgen haben. S» würde vielfach al» eine Beleidigung der verleihenden Stele aufgefaßt werden und gesellschaftlich sehr unangenehme Lage« herbeiführen. Ja, mau würde vielfach sagen: Nu» seht doch mal fcea eingebildeten Mann an; der glaubt so viel inneren Werth und überlegene Tüchtigkeit zu haben, daß er nicht mal einen Titel ober Orden nöthig habe, um fich auszuzeichnen! Sokrates sagte bekanntlich zu einem Schüler, der sich mit einem zerrissenen Mantel al« bedürfniß- loser Philosoph aufspielen wollte: durch die Löcher deine« Mantel« schaut die Eitelkeit! Der Richt- gebrauch landesüblicher Auszeichnungen würde auch auf eine besondere Art von Estelkeit zurückgeführt werden.
Also keine Aufregung wegen der Titelftage. Da« ist längst nicht die schlimmste „Zeitkrankheit". Ein Schnupfen, der fich au»toben muß. Riesen wir inzwischen mit! Man muß die Titel geben und nehmen, wie e« die gute Lebensart gebeut. In Deutschland helfen un« ja auch die Titel über einen Mangel unserer Umgangssprache hinweg. Wir haben ja leider nicht die allgemeine Anrede-