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MuLHa, Samstag den 18. Oktober 1902.
29. Jahrgang.
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auch einen sprachlich-nationalen Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen anzubahnen, ist nur geeignet, die Verwirrung noch ärger zu machen. Es verlohnt sich an dieser Stelle kaum, auf seine Vorschläge zur Abänderung der Sprachenverordnungen des Näheren einzugehen, denn es wird doch schwerlich etwas dabei herauskommen. Die Tschechen, deren Obstruktionswuth Herr v Körber besänftigen wollte, machen im Gegentheil Miene, seine gutgemeinten Vorschläge als eine neue Beleidigung ihrer Nationalität aufzufassen. Auf der anderen Seite sehen die Deutschen in den Vorschlägen des Ministerpräsidenten nur ein Zurückweichen vor den Tschechen. Die Friedensvorschläge Körbers haben also die vielen Zankäpfel in Oesterreich einstweilen nur um einen weiteren vermehrt. Dieses nationale Gezanke ist wahrlich trostlos. Unter diesen Umständen wird man den Beraihungen des Reichsraths, der jetzt auch einberufen. wurde, nur mit sehr schwachen Hoffnungen entgegensehen dürfen.
Auch in Frankreich ist soeben bas Parlament wieder zusammengetreten. Gleich die erste Sitzung zeigte das Gepräge der ganzen neuen Session: Fortsetzung des großen Ringens zwischen Katholiken, Nationalisten, Konservativen und Melinisten einerseits, Radikalen und Sozialdemokraten anderseits. Letztere sind allerdings keine so ganz zuverlässigen Stützen der Regierung mehr, so wohl, sie sich auch in dieser Rolle fühlen; ihnen bangt nämlich ob der großen Brbeiterausstände. Kommt es dabei zu Krawallen, welche die Regierung „nötigen", zum Schutz des Eigenthums und der Menschen Gewalt gegen die Streikenden anzuwenden, dann können die Sozialdemokraten die Regierung nicht mehr unterstützen, wenn sie sich nicht um jeden Kredit bei ihren Anhängern bringen wollen. Jene Arbeiterausstände aber, die — o Ironie! — den gewählten „Arbeiter- Vertretern" so peinlich find, lassen trotz einzelner Schwankungen im Ganzen noch fein rasches Ende erwarten. Das ist für Frankreich, das obendrein mit einem Zweihundertmillio nen-Defizit von seinen radikalen Vormündern beglückt wurde, eine ernste wirthschaftliche Kalamität.
B» war eS also ganz berechtigt, wenn Graf Kauitz für die Arbeitslosigkeit des letzten und voraussichtlich zum Theil auch des kommenden Winters die Syndikate und die ganze verkehrte Vernachlässigung de« Inlands« markier zu Gunsten der ausländischen verantwortlich machte und — ebenso wie vor ihm schon der Staatssekretär Graf Posadowsky — die unsinnige Ueberproduüion der fetten Jahre als die Hauptursache der ArbeitSnoth hivstellte. Die Arbeiter, welche die Industrie in jene» Jahren einer schrankenlosen Produktion weit über ihren normalen Bedarf hinaus an sich zog, können jetzt tu de, „mageren" Jahre», wo sie wieder überzählig sgeworden find, sehe«, woher sie ihr Brod nehmen; die Großindustrie kümmert daS blutwenig. Für die Landwirschaft aber sied jene Arbeiter größtentheilS nicht mehr tauglich, ganz abgesehen- davon, daß Biele lieber in der Stadt daS armseligste Leben führen, al« nach I dem Lande zurückkehren, wo ihnen da« Leben zu „langweilig" und „öde" vorkommt, »en» ste dort auch noch so gut ihr Auskommen fänden. So ist denn auch die Landwirthschaft durch den verkehrte, Industrialismus anfS Schwerste geschädigt.
Herr Hilbck hätte die ganze „Entwickelung zum Industriestaat", wenn er es gewollt hätte, nicht blutiger verspotten können, als er e« unfreiwillig durch die erwähnt« Aeußerung, die )ie ganze volkSwirthschaftliche Weisheit der Eyn- dikatSbarone in all' ihrer Nichtigkeit offenbarte, tethan hat.
tu können. Aber da« darf nicht so w it gehen, daß sie Kohlen an das Ausland zu P eisen liefert, die sie im Inland mit der Begründung ablehnt, daß sie bei solchen Preisen mit Verlust arbeiten würde. Und e« geht nicht an, daß da» Inland dann um so höher geschraubte Preise zahlen muß, damit die Industrie auf de« Weltmarkt mit Schleuderpreisen die Konkurrenz uvterbieten kann.
Wollte die kartellirtr Großindustrie behaup. ir«, da» sei eine Nothwendigkeit, dann wäre damit nur der Widersinn einer industriellen Entwickelung bewiesen, welche kein anderer Absatzgebiet hat als denAuSlandsmarkt, zu deffeu Gunsten daS Inland auSgezo-en wird. Die weitere Folge einer solchen Entwickelung ist eine Produktion inS Ungemrffene, denn im Gegensatz zu dem Inlands- j markte, dessen Bedürfnisse ihre erkennbare«, durch Erfahrung bewiesenen Grenzen habe«, gibt eS für die industrielle Ausfuhr scheinbar keine Schranken. Daher die Ueberproduk-ion, die — wenn sich dann doch die Grenzen der Aufnahmefähigkeit des I ausländischen Marktes zeigen — die schweren industriellen Krisen mit ihren Arbeiterentlaffungen nach sich zieht.
O Die Jndustriekartelle
find bei der „Arbeitslosen-Debatte" im Reichstag auch gestreift worden. Einer ihren unermüdlichsten Gegner, Graf Kanitz, nahm Gelegenheit, auf die Einschränkung der Kohlenförderung durch da« Ruhrkohlensyndikat hinzuweisen. Dadurch verminderte sich natürlich die Arbeitsgelegenhrit der Bergleute. Allerdings hatten diese auch gute Löhne, solange das Syndikat die Kohlenpreise künstlich Hochzutreiben verstand. Inzwischen aber stnd die Bergarbeiterlöhne wieder stark g Junten, den Arbeitern hat di« von den Vertheidigern der Kartelle vielgerühmte „regulirende" Wirkung derselben nicht« genützt. Jedenfalls aber steht der Ratzen, den die Arbeiter vorübergehend durch höhere Löhie hatten, in keinem Berhältniß zu dem Riesenp'vfit der Grubenbesitzer einerseits, zu der kolossalen Belastung de« gesummten Kohlenverbrauches andere» seil«. Die letztere war um so unerträglicher, als bekanntlich das Kohlensyndikat die Kohlen noch dem Ausland viel billiger lieferte, al« den inländischen Verbrauchern.
So machen er freilich diese Kartelle sammt und sonders, und der nationalliberale Abgeordnete und Großindustrielle Hilbck bezeichnete düs in der Rrichstagsfitzung vom Mittwoch al» ihr gutes Recht Je, er erklärte es für ihöricht, vom Ausland ebenso hohe Preise erzielen zu wollen rote vom Inland. Herr Hilbck macht sich die Sache leicht. Natürlich weiß Jeder, daß unsere Industrie auch auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben muß, und kein Verständiger wird e» ihr daher verübeln, wenn sie unter Umständen ihren au«- ländischen Abnehmern etwa» billigere Preise macht, um gegen die Industrie anderer Länder konknrriren
bei der Sache, dann würde er doch nicht den Mund zuknetfen." Und daun daS Studium der Mienen! ES wird „festgestellt", daß der Mau« bei dem betreffende« Falle ein gleichgiltigeS oder ärgerliches oder spöttisches Gesicht gemacht habe, und daraus wird frischweg gefolgert, daß er ver- ständnißloS oder mißgünstig oder gar verächtlich dieser hochwichtigen Angelegenheit gegenüberstehe.
Wen« vor dem Strafgerichte dunkele Ange- I legenbeiten zur Verhandlung stehen, wird oft mit dem Judicien«Beweis gearbeitet, d. h. die Schuld soll durch eine Reibe von Anzeichen erwiesen werden, von denen keiner für sich durchschlagend ist, aber alle zusammen schwer in die Wagschale des Verdachtes fallen. Obschon bei Gericht nur mit eidlichen Aussagen und unter manöitgsaltigen VertheidignngSmittel« gearbeitet wird, führt doch der sogen. Jndtcien-Beweis nicht | selten zur Berurtheilunq eines Unschuldige«. Und daS Gericht will nur Handlungen aus Anzeichen feststellen! Die erwähnten Gedankenleser «xs Ge- sinnungSriecher aber wollen au8 einzelne« Judicien, die obendrein meistens schlecht beglaubigt find, ntcht nur auf strafbare Handlungen, sondern iogar anf daS innere Denken und Fühlen schließe«; fie trauen fich zu, den Grund deS Herzens durch ihren leichtfertige« Jnd.cien-Beweis bloßlegeu z« können.
Wenn auf diese Weise wirkliche oder attgeb» l che Gedanken eines Menschen „festgestellt" stnd, so bleiben ste durchaus nicht zollfrei, sondern der Betroffene muß oft dz weif eit hart dafür zahle«. Er wird in seiner Laufbahn gehemmt, in seine«
Unpolitische Zeitläufe.
M-chhnuk IKtiitot.)
® Berlin, 16. Ott. 1902.
Mocherr-Rrmdfcharr.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 18. Oft. 1902.
„DieSache kommt zum Klappen!" schreibt Eugen Richter in seiner .Freis. Zig.' und reibt sich vergnügt die Hände. Und dies auS dem Grunde, weil des Zoll ar iss zweite Berathung schon in dieser Woche gleich mit den grundlegenden Bestimmungen, mit den Minimal- und Maximalzöllen für landwirthschastliche Erzeugnisse anhebt. Der Reichstag, der am Dienstag wieder seine Pforten öffnete, konnte allerdings nicht sofort in die Zolldebatten eintreten, weil, abgesehen von der Besprechung verschiedener Petitionen, die Sozialdemokraten die Weiter- berathung ihrer schon bald nach Neujahr eingebrachten Interpellation über die damals herrschende Arbeitslosigkeit verlangten und auch ihre Interpellation über die angebliche Fleischnoth vor Beginn der Zollver- bandlungen auf die Tagesordnung gesetzt haben wollten. Daß solche Debatte.! nichts weiter sind als Zeitver-
ZoS, Zoll und wieder Zoll! Alle Welt redet
einem fort vom Zolltarif. „Ein Glück noch",,,»»,».» uuai otu »>ui <lH w«
sagte dieser Tage Jemand, „daß die Gedanken sonst ein Eingriff, der die raffinirte Faltungver-
» 3$ fragte ihn, ob er denn schiebt und einen Einblick auf daS Unterzeug ge«
baS sicher wisse. So kamen wir in einen Disput I stattet. Der Krug der Heuchelei geht auch fa
Über „Gedankenfreiheit", an dem Schiler'S Marquis Posa wenig Freude gehabt hätte.
Gedanken stnd zollfrei, soweit es fich «m die Waage und de« Maßstock der Steuerbramten handelt. Aber eS wäre leichtsinniger Aberglauben« wen« man den Spruch so auslege« wollte, als ob alle Gedanken vor Verfolgung und Strafe hier auf Erdei gesichert seien.
Ja den siebziger Jahren, als der grimme Bismarck fich seine Hörner im Kulturkampf ablief, wurde bekanntlich ein gewählter Bürgermeister von der Beflätlgungsbrhörde gefragt, ob er auch die Maigrsitze in seinem Amte auSführe« werde. „Jawohl" sagte -r. „Aber", fragte die Behörde weiter, „werden Sie das auch gerne thun?" Darauf konnte er nicht ja sagen und wurde deshalb nicht bestätigt. Die strenge« Vorgesetzten drangen also in sein inneres Gedanken- und Gefühlsleben ein, und feine Gedanken und Gefühle blieben nicht zollfrei, obfcho« er verfichert hatte, daß er fich bei seiner Amts- thätigkeit nicht von ihnen, sondern vom Gesetz leiten laffen werde.
Es war eine grobe, gewaltthä:ige Gedankenleserei, als man dem Gewählt?« die Frage stellte, ob er's gerne thäte. ES gibt auch «och eine feinere, sanftere Gedankenleserei, und die wird fort und fort geübt, von dr« Beamten und von den Brodherr« und von der ganze« Gesellschaft.
„WaS für eine Gesinn u«g hat der Mann?" Go lautet die Frage, und dis Antwort wird zusammengesetzt aus einer bunten Menge von „Anzeichen", wie ein Mosaikbild und einem Haufe« kleiner Steinchen. Spitzel uwb Ohrenbläser gibt es in Hülle uwb Füll?. Derr lieben Nächsten «it Luchsaugen zu beobachten, ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Ihre Parole habe« sie von Herr« Gabor: „DaS läßt tief blicken". Wenn Jemand bei einem Lebehoch mit seine« steife« Beine« nur langsam aufstehen kann, so läßt dieser Mangel an Begeisterung schon tief bl cken. Wenn Jemand aus angeborener Gntmüthigkeit mit eine« unbeliebten Mitbürger ein paar höfliche Worte wechselt, kann seine Gefinnungstreue schon verdächtigt werden. „Sage mir, mit wem Du umgehst re." Auch Schweigen kann ungünstig an»- gelegt werde«: „Wäre er wirklich mit dem Herze«
Während so Nordamerika von sozialen Streitigkeiten beunruhigt und geschädigt wird, werden die Republiken von Mittel- und Südamerika immerfort von Bürgerkriegen um die Macht im Staate erschüttert. In Venezuela wird ja jetzt hoffentlich bald Ruhe einkehren, der Tyrann Castro hat die Hauptstadt Caracas aufgeben müssen und ist von den „Aufständischen" fast ganz umzingelt. Mato», der Führer der Letztem, wird daher wohl bald in Caracas als Präsident ausgerufen und zweifellos auch von den anderen Mächten sofort anerkannt werden. Zu beneiden ist er um die heillose Erbschaft, die ihm Castro hinterläßt, freilich gan, und gar nicht — zuwal Matos für Deckung der Staatskchulden wird sorgen müssen, die Castro gemacht hat zum Ankauf von Kriegsmaterial — gegen
«UrkLeink täglich. .M. Ausnahme der ^Bon«» und Feier- gagr.Bierteljährl. sf t}ee«prtl« ,hneBnnaerlohn ,nd Bestellgeld in «ultra und aus- »Lrl» 1 M.50 Pß
Der Generalstreik in Gens ist dagegen sehr rasch zu Ende gewesen, viel eher als man erwarten konnte. Und das hat in der freien Schweiz! — das scharfe Einschreiten der Staatsgewalt gethan, die ganz offen gegen die Streikenden Partei nahm, die Streikführer verhaftete und eine Masse Militär ausbot. Freilich hatten sich die Arbeiter auch um die Gunst der öffentlichen Meinung gebracht, da fie fich von Anarchisten dirigiren ließen. Als deren eine erkleckliche Zahl eingesponnen war, nahmen die Arbeiter ernüchtert die Arbeit wieder auf.
Viel ernster ist der große Arbeitskampf in Nordamerika. Alle Versuche, eine Verständigung zwischen den Grubenbaronen und den Arbeitern her- beizusühren, waren bisher gescheitert, einerseits an der Weigerung der Grubenbesitzer, die Organisation der Arbeiter anzuerkennen und mit ihr zn verhandeln, andererseit» an der von den Arbeitern al« zu riskant zurückgewiesenen Forderung, daß fie die Arbeit so- fort nach Einsetzung einer Prüfungskommission, also ohne deren Entscheidung abzuwarten, wiederansnehmen sollen. Es ist schließlich doch gelungen, die Bedenken der Arbeiter gegen die vom Präsidenten vorgeschlagene Lösung zu zerstreuen. Uebrigen« darf man nicht vergessen, daß es fich nur um eine vorläufige Lösung handelt. Die Entscheidung der Streitfragen selbst ist einer Art Schiedsgericht oder gemischten Kommission Vorbehalten.
Erwerbe geschädigt, er verliert das Vertraue« und dis Freundschaft in feinem Kreise, er bekommt eine« Korb, wird im gesellige« Verkehr geschult- tsn, mit Nadelstichen bis auf's Blut gepeinigt, sogar grob gekränkt und beleidigt. Wenn er aufbegehrt mit der Frage: „WaS habe ich den« ge- thau?" so zuckt man die Achseln oder höchsten- sagt ihm eine mitleidige Seele, daß man seiner Gesinnung nicht recht traue.
Die Spürkraft der berufenen und unberufenen Spitzel thut es übrigens nicht allein. ES ist überhaupt sehr schwer, seine Gedanke« und Gefühle zu verberge«, und auf die Dauer gelingt eS «ut ganz feiten. Heuchelei ist eine mühsame Kunst, schwieriger noch, al« daS zeitweilige Schauspiel auf dem Theater. Die Heuchelet ist ein Mantel, der hier und da Löcher hat; wenn eine Zeit lang die Falten kunstvoll so gelegt und gehalten werden, daß Niemand daS Loch sieht, so kommt doch mit der Zeit mal ein Windstoß, oder
geubung, aber beabsichtigte Zeitvergeudung, um den Zolltarif durch obstruktionistische Verschleppung todt zu machen, ist klar. Und doch bedürfte es solcher Mittel offenbar gar nicht, nm das Tarifwerk als fast hoffnungslos zu erkennen. Denn einerseits ist nicht einzusehen, wie eine Mehrheil zusammenkommen soll, die eine Verständigung mit der Regierung findet, und anderseits bietet der Zolltarif selbst so viele Schwierigkeiten, daß seine Gegner wahrlich nicht nöthig hätten, aus alten abgelagerten Anträgen und Interpellationen Barrikaden vor ihm aufzurichten Eugen Richter ist sicher ein schlauerer Taktiker, wenn er auf derartige Mittelchen verzichtet und die Sache bald „zum Klappe," zu bringen sucht. Anderseits haben freilich auch diejenigen, welche das Scheitern des Tarifwerkcs beklagen würden, keinen Grund, die Entscheidung länger hinauszuschieben. Aendern kann fich die ganze Situation doch kaum noch. Dann aber Klarheit — je eher, desto besser! Der Worte sind wahrlich (enug gewechselt, nun laßt uns Tbaten sehen, mag die Entscheidung fallen, wie fie will. Das ist die allgemeine Stimmung, und darum wollen auch wir nicht mehr viel Worte machen, sondern einfach abwarten, was die nächsten Tage uns bringen werden.
Dieses „Abwarten" bedeutet aber nicht, daß wir nunmehr mit Fug und Recht unsere Hände in den Schooß legen und wie türkische Fatalisten in stumpfer Willenlosigkeit in ein dunkle« Schicksal uns fügen dürsten. Nein, mag in der Zollfrage die Entscheidung fallen, wie sie will, hinterher kommt da« große Exenpeldarauf, da» da heißt: ReichStagswahlen! Zwar schwerlich sofort, denn die Regierung muß doch t ihren Etat vom Reichstage bewilligt bekommen. Aber wenn dieser erledigt ist, dann ist ganz gewiß kein I Halten mehr! Zu Ostern, spätesten« zu Pfingsten wird der Reichstag heimgeschickt werden, um der Feuerprobe der Wahlen unterzogen zu werden; e« ist aber flar nicht ausgeschlossen, daß die Wahlen sogar schon ,m Februar oder März statlfinden. Alle« schon dagewesen! Darum heißt e« jetzt schon frisch an« Werk, die Wahlen vorbereitet, die Organisation ergänzt, ver- bessert und schlagfertig gemacht!
| Zu den Wahlvorbereitungen im weiteren Sinne bars man auch den Delegirtentag rechnen, den die Natronalliberalen in Eisenach abgehalten haben. Die .Nationalzeitung', die vor ein paar Jahren «Mt eine Minderheit ihrer Freunde ihrem freihändle- k rssch-agrarsemdlichen Programm folgen sah, bat die«. ■ mal den Ton angegeben, und der größte Theil der t norddeutschen und auch etliche süddeutsche national- uberale Blätter haben ihn ausgenommen — der Delegirtentag aber ließ fich aufgeigen und tanzte nach der Musik, die ihn von dem heute „oben" nicht mehr beliebten Agraricrthum weg nach der Linken hintrieb, «me entschiedene Betonung der alten liberalen Grund- latze verlangt die eine Resolution von der Fraktion
Reichstag, höhere Getreidezölle als die im Regie- rungsentwurs verwirft die andere. Die Bayern, die sich gegen diese Obergrenze nach oben zulässiger <lanernfreundschast sträubten in schämiger Erinnerung an ihr Votum in der bayerischen Kammer zu Gunsten "ner Erhöhung der vorgeschlagenen landwirthschaft- uchen Zölle, wurden überstimmt. In der Praxis wird die Sache freilich nicht so gefährlich werden, °'nn die Konsequenz, daß nun auch die von den Wrteitagsbeschlüsien abweichenden nationalliberalen Abgeordneten emwoder fich löblich unterwerfen oder ?us der Fraktro« austreten müßten, wurde auf keiner Gegentheil betonte der Ober- ?°up-lmg Soff ermann ganz ausdrücklich, in wirth- ^astlichen Fragen müsse jedem Einzelnen in der hattet volle Freiheit gelassen werden wie seither. Die nat nationalliberalen Abgeordneten, die sich bisher Ichon für höhere Getreidezölle als die von der Regie- ung zugestandenen erklärt haben, dürfen also auch bä»!? babei bleiben, ebenso wie einzelne sehr frei- y ndlerrsch gesinnte Abgeordnete auch den Zolltarif in leb«^/?Ibr«ngrWung schon als „zu agrarisch" ab- °ynen dürfen. Das Gros in der Mille wird für RegrerungSentwurf eintreten. Kurz, es bleibt halt fän» es kommt so, wie man es längst
'^°n erwarten mußte.
iö 'm deutschen Reiche, so verschwinden auch Äus»..^.-"-ch-Nugarn Zoll- und wirthschaftliche biet ‘v toflta n c? 6on ber Tagesordnung. Auch ■Uni) bL ™erauä ""klar und verworren,
oer Versuch des MimsterpläsidenttN v. Körber,
Und nun mit einem großen Sprung über den Ozean nach Europa zurück! In dessen Südostecke geht ei auch wieder bunt genug her. Die Türker scheint ernstliche Besorgnisse »egen der Haltung Bulgariens zu hegen und hat deshalb Rußland bewogen, in Sofia „Vorstellungen" zu erheben; auch die anderen Großmächte sollen dies versprochen haben. Allzu streng werden die Vorhaltungen Väterchens an Ferdinand nicht ausgefallen fein, denn Rußland wird fich hüten, dem Sultan zuliebe sich in Bulgarien unbeliebt zu machen. Mch dazu in einem Augenblick, in welchem Serbien, wenn die Berichte aus Belgrad nicht trügen, fich anschickt, mit Rußland zu brechen und fich in Oesterreichs Arme zu werfen. Und da« Alles nur — wegen der Königin Dr aga, die mit
Älejanber in Petersburg Besuch machen wollte, aber fich dort eine Abweisung holte. Da« ruffen- freundliche Ministerium Wuitsch mußte deshalb sogar ferne E n t l a s s ll n g nehmen. Aber wird Kaiser Fr«iz Joseph Frau Draga empfangen, nachdem fie m Petersburg abgelehnt wurde? Schwerlich! Jedenfalls wird sich Oesterreich-Ungarn nicht der Frau Draga wegen mit Rußland verfeinden. Da wird den Serben wohl nichts Anderes übrig bleiben, al» — den Sultan mit dem Besuche der Fran Draga zu beglücken; dort, im Harem, wird mau ja Wohl nicht so zrmperlich sein!
mit den Beilagen
lllustrirte Sonntaas-Zeituna", .Juldaer 0csd)id)f$b!ä"ttcr" und foflerie--ri$fe