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fflustrirte Sonntags-Zeitung', Juldaer 6esd)id)tsblätfer' und Cotlerte-nsf».
Jucüa, Samstag, be« 18. Oktober 1S02.
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29. Jahrgang
0 Die Burengenerale weilen seit Donnerstag Nachmittag in der Reichs. Hauptstadt. Alles hat seither einen Programm« mäßigen Verlauf genommen, kein Mißton hat die herzliche, von edler Begeisterung und echt menschlichen und, man darf wohl auch sagen: verwandtschaftlichem Mitgefühl getragene Stimmung gestört. Insbesondere ist weder von Seiten der Generale, »och von Seiten ibrcr deutschen Fr-unde auch nur ein einziges Wort gefallen, welches England verletzen oder gegen den Kaiser oder die amtlicheWelt gemünzt sein kö »nie. DaßTausende und Abertausende den Generalen am Bahnhof, wie auf allen ihren Wegen zvjabeln, ist so selbst- verständlich, daß wir an dieser Stelle kein Wort darüber zu verlieren brauchen.
Htbrn wir also nur hervor, was au dem Besuche besonders bemerkenswerth erscheint. Vorab sei ein Wort erwähnt, das ich gestern von einem einfachen Minne hörte: „Die amtlichen Kreise dürfen jr von den G:neralen keine Notiz nehmen, umsomehr wird ihnen das Volk zeige», wie wir sie achten und lieben!" DaK gibt genau die Stimmung wieder, welche die ge« wattige Volksmenge beherrschte. Halte begeistert sich sogar daS .Berliner Tageblatt', das kürzlich mit der Ausweisung der Generale drohte, in seinem lokalen Theil, für die Buren, während eS vorn im amtlichen Tieil die wiednholte Vertheidigung der amtlichen Auffassung über die gescheiterte Audienz wiedergibt, welche gestern Abend — wohl zur „Begrüßung" der Buren — in der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' ge- standen hat. Es verlohnt sich nicht, aus die letztere noch einmal einzugeh n. So lange die Burengenerale selbst ihre Zurückhaltung bewahren und die unglückselige Mittelsperson, welche das ganze Mißgeschick und Mißverfländniß jedenfalls verschuldet hat, nicht näher bezeichnen, hat eS gar keinen Zweck, dieses ohnehin nicht wieder gut zu machende diplomatische Meisterstück noch einmal zur Erörterung zu bringen. Die Generale Haden aber jedenfalls guten Grund für ihre Vorsicht, oder vielmehr mehrere Gründe, die nicht schwer zu erkennen find. Einmal können sie nicht wünschen, ihre Besuchstage in Berlin durch eine Polemik gegen die amtlichen deutschen Kreise sich und ben Anderen zu verderben; zweitens aber wissen sie sehr wohl, daß man in London auf jede- allzu offenherzige Wort anS ihrem Munde, daS Herrn Chamberlain einen Vorwand zu neuer Schroffheit und Karuserei bieten körnte, förmlich lauert.
AuS demselben Grunde haben die Generäle auch großen Werth darauf gelegt, daß bei dem Empfang in Berlin und den nachfolgenden Fest- lichkeiten kein Wort fiel, daS England beleidigen konnte, ebenso wie ste selbst — man könnte fast lagen: mit einer gewissen Aengstlichkeit — immer von Neuem wieder betonten, daß fie als gesetzeS« treue britische Unterthanen angesehen
Hiö Wechsnschcrft.
Roman von Paul vom Wildbach.
86 ------(Nachdruck verboten.)
Aber wie paßte daS zu dem Widerwillen, ja dem Haß, den er gegen seine sanftmüthige Gattin trug ! Auch die jetzige Elinnerung West- ktrch'S regte dieses fetndseiige Gefühl in seiner Brust nur von Neuem auf. Nein, ehe er sich vor seiner Gattin demüthigte, eher wollte er selbst auf die Hilfe deS Grafen Westkirch verzichten. Ein unbezähmbarer Trotz war es, der plötzlich über seine Züge glitt. Ohne auf die Vorschläge deS Grafen einzugehen, erhob er sich und erwiderte rauh und trotzig: „Ich sehe schon, Herr Graf, daß Sie mir nicht helfen swollen. Ich bedauere nur sehr, daß ich Sie belästigt habe."
Damit erhob er sich hastig von feinem Sitze, um zu gehen.
Westkirch hatte trotz der Zurückhaltung, deren Cora sich befleißigte, in letzter Zeit Manches gehört-über dar sonderbare, fast krankhafte Wesen Ostmark'S, aber eine solche Empfindlichkeit war ihm unerwartet. •
„Wie können Sie mich so mißverstehen, lieber Ostmark", rief er verstimmt. „Wie ich Ihnen gleich sagte, bin ich ja gern bereit, alles Mögliche für Sie zu thun, aber ei muß Ihnen doch selbst daran liegen, nicht allein für heute und morgen, sondern ein für allemal auS der BedrSugniß herauszukommen. Und dazu scheint mir eine ruhige Aussprache der unerläßliche erste Schritt zn sein."
fein wollen; „Wir haben keine politische Stellung mehr in der Welt", sagte Botha auf dem Bankett am Donnerstag Abend; „wir wollen als britische Unterthanen angesehen werden, wir haben das Friedensinstrument unterzeichnet. Darum freut es mich, daß auf dem ganzen Wege nach unserer Ankunft kein Wort gegen unsere neue Regierung gefallen ist." Und die Versammlung bewies hier durch ihren lebhaften Beifall, daß fie diesen Standpunkt der Generale, die sich in ihr schweres Geschick ergeben haben und vor Allem bestrebt find, nunmehr die Sage ihres ruinirten Volkes zu erleichtern, nicht durch unbedachte Worte noch mehr zu erschwere», vollkommen würdigte und billigte.
Und ebenso betonten Botha und D 'wet immer wieder, daß ihre Reise keinen politischen Zweck habe, daß sie nur gekommen seien als Bettler für ihr armes Volk. Hierin und in der
Südafrika auSgewanserten Hugenotten. Dewet, deffen Mutter, wie et betonte, eine Deutsche war, und fast noch mehr Botho, haben übrigens dir Verwandtschaft der Buren mit dm deutschen Volks- stamme viel stärker betont, als in Frankreich das theilwiise fravzöstsche Blut, ^ctba betonte, daß in Afrika zwischen Buren und Deutschen keine Trennung sei: „Wit jubeln und freuen unS zusammen, wir tragen gemeinsam den Schmerz, wir verbinden und oerheirathen unS unter einander. Wir find ein Volk, und alS ich hierher kam, sah ich. daß es in Wirklichkeit so ist: es ist dasselbe. Wir kennen einander nicht und doch haben die Herzen sich zu einander hingezogen gefühlt, als wäre« wir Kinder eines Volkes."
Sie Burenrenerale erschienen am Freitag auch im Reichstag, wo sie in der Wandelhalle von ollm Seiten lebhaft begrüßt wu de«. Iw Haupt- reflaura'^t nahmen sie am T schr der Koaserra-
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Rücksicht auf England liegen jedenfalls auch die tieferen Gründe dafür, daß sie eine Audienz beim deutschen Kaiser nicht erbeten haben,
Man hat ihnen in solchen Kreisen, die nach Vorwänden haschen, um dem deutschen Volke seine Freude an den Burenhelden zu verleiden, als Verbrechen anrechneu wollen, daß fie in Paris von dem französtschen Blute sprachen, da» in ihren Adern rolle. Jetzt hat Drwet in Berlin mit be- merkenSwerther Wärme von dem deutschen Blute in seinen Adern gesprochen. Man wird nun ver- mnthlich daraus einen Widerspruch koastruiren und dm Buren uachsagen, sie sprächen überall, wohin fie kämen, nur den Leute« nach dem Munde, heute fo und morgen anders. Tatsächlich aber ist eS thöricht, von einem Widerspruch zu reden. ES entspricht einfach dm Thatsachen, wenn die Buren fich sowohl mit den Fraizosen wie mit den Deutschen verwandt fühlen, denn fie find ein Mischoolk, im wesentlichen Abkömmlinge von Holländern und Niederdeutsche«, aber mit einem Einschläge französischen Blutes durch die nach
„Ich anerkenne Ihr Wohlwollen, Herr Graf, allein ich sehe die Zweckmäßigkeit weiteren Ser» handelns nicht ein, wo die Meinungen so weit auseinanset gehen."
„So bleiben Sie wevizstenS hier, bis sich das Gewitter verzogen hat, welches am Himmel hängt", bat Westkirch, indem er auf den Horizont hinwieS, an welchem fich dunkle Wolken drohend zusammenballten.
Abe» Ostmark hörte nichts mehr. Trotzigen Schrittes ging er durch ben Garten nach dem Hof, wo fein Pferd, noch dampfend von dem anstrengenden Ritt, von einem Reitknecht auf und ab geführt wurde.
Der Diener schien erstaunt über die Leistung, die von dem Thier schon wieder verlangt werden sollte, und machte daraus aufmerksam, daß es aufgeregt und von den Fliegen arg gereizt sei.
Ein rauhes Lachen tönte ihm entgegen, während der Gras fich hastig in den Sattel schwang und zur Antwort dem edlen Thiere die Sporen in die Seiten bohrte.
Hoch ausbäumend schoß es voran in die drückende Hitze deS Nachmittags hinein, während Gras Westkirch von der Terraffe auS dem verwegenen Schauspiele kopfschüttelnd zusah und leise vor fich hinmurmelte: „Ich habe meine Schuldigkeit gethan. — Ein atmet, verblendeter Mann. Gebe Gott, daß dar nicht ein schlimmes Ende nimmt!"
18. Kapitel.
Zerschellt.
ES war bereits Abend geworden nach hem gewitterschwülen Sommertag. Die Gräfin Ost-
tioeu Patz bei bet: Abgeorb. Liebermann so: Sonnenberg und First Herbert BiSmarck. Hier wie auch bei dem Eirp'ang und dem Bankett war zu bemerken, daß gerade konservative, antisemitische und alldeutsche Kreise die Buren in Beschlag nahmen; beim Bankett sprach der chrtstlichsoziale Abgeordnete Hosprediger a. D. Stöcker das Tischgebet. Bei der eigeuthümlichen Haltung, welche dir freist,nigen und liberalen Blätter eingenommen, ist eS Mn Wander, daß auch in der Umgebung bet Buren die Gegner deS Freistans und JudenthumS überwiegen. Die Buren selbst können jedenfalls nichts dafür, wenn fie hier vorwiegend in all brutsche Umgebung ge- rirthen. Jedenfalls verhielt man fich allerseits taktvoll — taktvoller, als manche Alldeutsche bei der Vorbereitung des Barenbesuches in Berlin. — Nachher weilten die Generale auch kurze Zett auf der Tribüne d?S Reichstages, wo fie leider nut von der ebenso endlosen wie lang» wüUg'n Rede deS sofialdemokratifchen Abge- ordneten Antrick dtt TiLck zu hören bekamen.
mark hatte ihren Galten schon mehrere Tage nicht gesehen. Als er heute Mittag sich daS Pferd satteln ließ, um zum Grasen Westli ch zu reiten, hatte er nicht daran gedacht, auch ihr einen Willkommeugruß zu bieten,
Trotzdem harte fie mit dem Diner lange auf ihn gewartet, allein vergebens. Jetzt waren die beide» Kinderchen bereits za Belte gebracht, nachdem fie unter Anleitung der Muttir noch ein kindliches Gebet für den Vater gesp ochen.
Unter einem tiefen Seufzet hatte die Gräfin dann an dem gewohnten Erkerfenster Platz ge- rommen und wie Jemand, der schwere Sorge« zu zerstreue« Hai, fich mit verdoppeltem Eifer auf chre Handarbett geworfen.
ES war keine seine Arbeit, die fie unter den Händen hatte, kein Tand und Flitter, mit deffen Anfertigung fie früher wohl manche heitere Stunde bei angenehmer Unterhaltung hingebrachr batte. Nein, ihr gcq iflltet Geist verlangte eine kräftigere Ablenkung, um nicht unendlichem trostlosem Hinbrüten zu verfallen, und so wat fie längst schon dazu gekommen, ihre Fürsorge ben Enterbten bet Welt zuzuwende». Anfangs waren eS nut einzelne Stunden, welche fie der Bearbeitung groben Leinen- und Wollenzeuges für arme Männer, Frauen und Kinder widmete, allmählich aber nahm diese Beschäftigung ihre Hauptzeit in Anspruch; denn uch, derjenrge, welcher am meisten ein Anrecht darauf hatte, daß ihm diese Zeit gewidmet würde, machte immer weniger seine Anrechte geltend, und fie kam fich je länger desto häufiger recht v-r- laffen vor.
Diesem Gefühl entsprang auch bet Seufzer,
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Berlin, 17. Oktober 1902.
X Der Berliner NSrgermeister-Hfaffen wirb diesmal, wie der Ausschuß der Berliner Stadtverordneten am Donners tag Abend beschloffen hat, öffentlich zur Bewerbung ausgeschrieben, jedenfalls damit nicht wieder allerlei Ränke der verschiedenen Kllqaen die Sache erschweren und die Misöce mit bem zweiten Bürgermeister bet Stabt Berlin verewigen. — Der Bank-Direktor Magnus hat, nachdem der.Vorwärts' mitgetbeilt, daß er AufstchtSratyS-Mitglied von 24, zum Theil mit bet Stadt in geschäftlichen Beziehungen stehenden Aktien-Gesellschaften ist, seine Kandidatur für ein unbesoldetes Stadtraths»Amt zurückgezogen. Er hätte fich überhaupt nicht als Kandidaten für ein solches Amt, das unbedingte geschäftliche Unparteilichkeit erfordert, ausstcllen kaffen sollen.
X A« de« KrheS«nge« SSer da« Kar- leikwese« ist, wie die .Kreuzzeitung' mit besonderer Betonung hervorhebt, „als einziger konservativer Parlamentarier" Graf Kanitz zugezogen worden. Das konservative Ha^p organ scheint demnach sich über eine Zurücksetzung der Konservativen beklagen zu wollen. Mit Unrecht: Parlamentarier fi«d überhaupt fast gar nicht ein- geladen. So ist von den Sozialdemokraten auch nur ein Abgeordneter, Molken buht, geladen, vom Centrum aber, der stärksten Partei, ebenfalls nur der einzige Abgeordnete Dr. Spahn, der sich bekanntlich besonders eingehend mit der Frage der Jndustriekartelle beschäftigt und auch bereits gesetzgeberische Vorstudien für eine spätere parlamentarische Behandlung dieser Frage gemacht hat,
X Kitte Ileischnoltz ist nicht Vorhände«. So erklärte bet Bürgermeister Reinhard in Staßfurt in bet bärtigen Stadtverorbnetenfitzung vom 14. b, Mts. Selbst daS freisinnige ,8etl Tagebl.' muß berichten, daß bet Staßfurter Magistrat die Fleischtheuerung erfolgreich b.kämpf?, indem et dazu überging, in eigener Regie zu schlachten. Der erste Versuch, der Ankauf von zwei großen Transporte« Schweinen in einzelnen Stücken, hat fich „glatt und leicht vollzogen". Der Preis stellte fich einschließlich aller Unkosten frei Schlachthof in Staßfurt auf 46,76—47,53 Mark für den Ceutner Lebendgewicht; Rindvieh (Stiere und Ochsen) wurden mit 35—37 Mark bezahlt. Das Fleisch wird im Schlachthofe selbst verkauft, und der Zudrang des kaufenden Publikums ist gewaltig. Eine Brschwerde bet Metzger wurde abgewiesen, und der Bürgermeister erklärte: Seien die Metzger nicht in bet Lage, zu so billige« Preisen einzukaufen, so sollte die Innung im Großen kaufen und au die Mitglieder ab« geben. Die Metzger sollten eben ihren Bebarf nicht einzeln bei den dortigen Händlern decken, du ch deren Z wischenhänblerauffchlag bie Preise natürlich vetlheuert werden. Die Stadtverwaltung hatte fich sür verpflichtet, für den Bedarf uitet welchem die Gräfin vorhin ihre Arbeit wieder zur Hand genommen hatte, während gleichzeitig ihr Blick durch die Scheiben die breite Straße entlang schweifte, die an dem gräflichen PalmS vorbezoz.
Die drückende Schwüle von heute Nachmittag hatte ein heftiges Gewütet im Gefolge gehabt, und nachdem der dicke Staub durch einen reichlichen Regen niedergeschlagen war, lockte eine angenehme Kühlung j tz! Hunderte von fröhliche« Spaziergängern ins Freie.
Ach, wie gerne wäre auch die Gräfin einmal hiuauSgeeilt au8 der bedrückenden Enge ihrer vier Wände, allein eine zarte Rücksicht hielt fie zurück, die Rückficht auf den, der fir fo furchtbar vernachlässigte und dem jetzt wieder ihr sehnsüchtiger Blick galt.
Den Gesuchten entdeckte fie unter ben man« belnben Scharren immer noch nicht. —
Doch was wat das?
Dort eben kam in schnellem Laufe ein Reiter herangesprengt, vor dem die heiter plaudernde« Spaziergänger schnellzurückweichen und erschreckt eine breite Goffe frei gaben.
War vielleicht ein Unglück pasfirt, ober eilte bet Mann, um für einen Schwer kranken bie heilende Arznei zu besorgen? DaS mitfühlende Herz bet Gräfin krampfte fich schmerzhaft zusammen bet ben Gebauken, welche im Anschluß daran durch ihre Seele zogen.
Jetzt kam der Reiter nähet, und fie konnte erkennen, baß er nicht ein edles Thier ritt, beffen seine Glieder nut zum leichten Hettendienst gemacht schienen, sondern eS wat ein grobes Bauern- pfetd, welche» viel beffet zu Pflug und Ernte»