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29. Jahrgang.
IuLöa, Samstag, den 13. September 1902.
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Wochen-Krrndscha«.
(Nachdruck verboten.) X Fulda, 13. September 1902.
Die Kaisertage in Posen haben in ihrem zweiten Theile noch eine Rede des Kaisers gebracht, die großes und berechtigtes Aufsehen erregt hat. Sie wurde vor den versammelten Landständen der Provinz Posen gehalten und beschästigte sich eingehend mit der Polenfrage, diese in einer Tonart behandelnd, die in angenehmer Weise von der entsprechenden Marienburger Rede des Kaisers absticht. In dieser Rede hat man eS mit wohlüberlegten Regierungsakte zu thun. Im Gegensätze zu sonstiger Gepflogenheit ist diese Rede nämlich nicht allein im amtlichen .Reichsanzeiger' abgedruckt, sondern auch überall in der Provinz Posen öffentlich angeschlagen worden. Den Polen ist also aus diese Weise Gelegenheit gegeben, diese Reoe im Parlamente zum Ausgangspunkte von Debatten zu machen. Die Hauptsache in dieser Rede ist, daß jeglicher Kampfton gegen die Polen vermieden wird. Es wird ihnen im Gegen- theil an'S Herz gelegt, sich versöhnlich in die gegebenen Verhältniffe hinein zu finden; sie sollen nur „brave Preußen sein". Sie sollen dafür weder in der Ausübung ihrer Religion beschränkt, noch in ihren vererbten Stammeseigenthümlichkeiten gekränkt werden. Ja, wenn wirklich nach diesen Grundsätzen verfahren würde in der deutschen Ostmark, wo die beiden Völkerstämme neben einander Hausen müssen, dann würde es möglicher Weise gar keine Polensrage geben. Bisher aber ist nicht danach verfahren worden, namentlich nicht unter dem neuesten Polen- kurse; und es ist wohl auch einiger Zweifel daran berechtigt, daß in der Zukunft die Ausübung der preußischen Regierungspolitik diesen Worten des Kaisers voll und ganz entsprechen werde.
Ein deutsches Kriegsschiff, das Kanonenboot „Panther", ist genöthigt gewesen, in den westindischen Gewäffern nachdrückliche Anwendung von seinen Geschützen vorzunehmen. Auf der Insel Haiti gibt es seit Monaten schon politische Wirren und heftige, blutige Parieikämpfe, so daß die ganze Insel in dem Zustande vollendeter Anarchie sich befindet. Einer der leidenschaftlichsten Parteigänger gegen den einflußreichsten Bewerber um das Amt des Präsidenten der Republik war bisher der sogenannte Admiral Kill», d. h. der Befehlshaber des einzigen brauchbaren Kriegsschiffes der Negerrepublik; und dieser fühlte das Bedürfniß, so nebenbei auch seinem Haffe gegen Deutschland Ausdruck zu geben, indem er gegen alles Seerecht und Völkerrecht den Hamburger Dampfer „Markomannia" durchstöberte und ihm seinen Vorrath an Waffen und Munition wegnahm. Die Vertreter der auswärtigen Mächte in der Hauptstadt Port au Prince erklärten das für Seeraub, und daraufhin wurde das Schiff des Herrn Admirals von den Geschützen des „Panther" in den Grund gebohrt, nachdem die Mannschaft es schleunigst verlassen hatte. Das deutsche Kanonenboot ist dasselbe, das den Rhein herauf gekommen war und eine Zeit lang neben dem AusstellungSplatze in Düsseldorf lag.
Am 5. September ist ein Mann gestorben, dem die Wiffenschait ungemein viel verdankt: Rudolf Virchow. In einer Sommerfrische am Harz hatte er Erholung gesucht. Als er aber merkte, daß es mit ihm zu Ende ging, ließ er sich nach seinem Ber- liner Heim zurückbringen, um dort seine letzten Athemzüge zu thun. Die Stadt Berlin ehrte den großen Mann dadurch, daß im großen Saale des Rathhauses seine sterblichen Reste mehrere Stunden hindurch aüsgefiellr wurden, bevor die eigentliche Traucrseier begann und die Beerdigung erfolgte. Rudolf Virchow war keiner der Unseren. Er gehörte auch nicht zu den Anhängern der christlichen Weltanschauung. Aber er war ein gerader und ehrlicher Charakter vom Scheitel dis zur Sohle, und als Mann der Wissenschaft hütete er sich sehr davor, die vielen unverstandenen Träumereien von der Entwickelung des Menschengeschlechtes mitzumachen. Mehr als einmal hat der große Gelehrte Veranlassung genommen, in Gelehrten-Versammlungen darauf aufmerksam zu machen, daß alle die Versuche vollkommen gescheitert sind, das berühmte „fehlende Glied" zu entdecken in der angeblichen Entwickelungskelte vom Affen zum Menschen. Was Virchow auf dem Gebiete der Wissenschaft bedeutet, ist zu bekannt, als daß daS an dieser Stelle noch einmal wiederholt werden müßte. Aber ohne Weiteres kann man sein Urtheil dahin zusammenfassen, daß Rudolf Virchow einer der größten und vielseitigsten Forscher war, die daS neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat. Auch in der Politik war er lange Jahre als ein hervorragendes Mitglied der Fortschrittspartei vorn an; und in dieser Eigenschaft wurde er zum Erfinder des Wortes „Kulturkamps". Als die ersten Maigesetze herausgekommen waren, verfaßte Virchow einen Wahlauftus, in dem es hieß: Der begonnene Kampf nehme mit jedem Tage den Charakter eines großen Kulturkampfes der Menschheit an." Nun, der Poli- tiker Virchow hat keinen ersten Platz in der Geschuhte Deutschlands zu beanspruchen. Das thut indessen der Größe des Gelehrten Virchow keinen Abbruch .
Zwischen den Freisinnigen und Sozial- demokraten herrscht gegenwärtig eine sehr gereizte Stimmung. Die Freisinnigen haben einen „Allge- gemeinen deutschen Genoffenschaftsverband . Die,er war kürzlich in Kaiserslautern versammelt, und bei dieser Gelegenheit wurden fast hundert Konsumvereine
aus dem Verbände ausgeschlossen, weil sie sozialdemokratischen Tendenzen huldigen. Mn erregter Zeitungsstreit hat sich diesen Vorgängen angeschlossen, der sich gleichzeitig mit den bevorstehen- den Wahlen zum preußischen Landtage beschästgt; und es kann sehr leicht sein, daß der Streit aus Kaiserslautern seine Fortsetzung findet bei den nächsten Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause zum Schaden der Freisinnigen. Die Sozialdemokaten haben es augenscheinlich satt, nur die „Krücken" für den Freisinn abzugeben. Sie wollen jetzt auch selbst im preußischen Landtage vertreten fein, waS bisher noch gar nicht der Fall gewesen ist.
In der Diplomatie werden sich demnächst einige wichtige Veränderungen vollziehen. Die französische Republik beseitigt nach und nach die Adeligen aus den Reihen ihrer diplomatischen Vertreter, so namentlich die Botschafter Marquis Noailles in Berlin und Marquis Montebello in Petersburg. Von dem Letzteren weiß man es ganz bestimmt, daß er nicht freiwillig seinen Platz räumt, sondern hinw^- geräumt wird von der neuen Richtung in Frankreich; aber auch von dem Marquis ist anzunehmen, daß er die kircheufeindliche Politik der neuen französischen Machthaber nicht billigt. Marquis Montebello hat große Verdienste um die Festigung des Zweibundes zwischen Frankreich und Rußland und hielt sich für unentbehrlich; nun muß er die Erfahrung vom Gegen- theil machen.
Kürzlich fand in Nantes die kriegsgerichtliche Verhandlung gegen den Obersten von Saint Remy statt, der sich geweigert hatte, auf den Befehl der bürgerlichen Behörde mit seinen Truppen bei der Schließung von Ordensschulen Hilfe zu leisten. Die Anklage lautete aus Gehorsamsverweigerung; aber einstimmig hat das Kriegsgericht die Frage, ob eine solche vorliege, verneint. Denn es handelte sich nicht um den Befehl eines Vorgesetzten, sondern um die Anordnung einer Civilbehörde, wie auch Generalleutnant Frater bekundete, der unmittelbare Vorgesetzte des Obersten. Somit wurde St. Remy nur zu einem Tage Arrest verurtheilt, und das Ministerium hat das Nachsehen. Freilich werden nun die beiden Offiziere in Pension geschickt; aber die Niederlage hat das Ministerium Combes weg.
Was aus den Verhandlungen zwischen Spanten und dem Vatikan herauskommen könnte, ist noch immer so unklar wie bisher, denn die Antwort des Vatikans wird von dem spanischen Minin cium aufs strengste geheim gehalten. Man glaubt, her Vatikan habe geantwortet, er wolle nur auf der Grundlage der gegenwärtig bestehenden Bestimmungen über die Orden verhandeln. ,
In dem ewig unruhigen Barcelona ha'en aufs neue Ruhestörungen stattgefunden, angeblich veranlaßt durch ein ergangencs Versammlungsverbot. Ganz augenscheinlich besteht aber der eigentliche Grund in anarchistischen Umtrieben. Mehrfach ist es zwischen der Gendarmerie und den Truppen auf der einen und den VolkSmaffen auf der anderen Seite zu blutigen Zusammenstößen gekommen, bei denen Todte und Verwundete auf dem Platze blieben. Jetzt ist die Ruhe wieder hergestellt.
Auch Italien hat wieder feine fast allwochent- liche Streikunruhe gehabt. Diesmal waren es Landarbeiter in der Gegend von Foggia, in Candela, die wegen Lohnstreitigkeiten die Arbeit niederlegten und nun mit Gewalt den Zuzug fremder Arbeiter verhindern wollten. Ein Gendarmeriewachtmeister, der den Leuten gut zureden wollte, wurde schwer ge- mißhandelt, worauf die bewaffnete Macht auch hier eingreifen mußte. ES kam zu leidenschaftlichen Kämpfen, bei denen fünf Todte und zehn Verwundete auf dem Platze blieben. , „ t
Die Unruhen in der kroatischen Landeshauptstadt Agram sind unterdrückt worden. Es wurde das Standrecht verkündet und durch diese Maßregel unverzüglich die Ruhe wieder hergestellt. Sofort haben alsdann die Maßregeln der Regierung begonnen, die zunächst in der Ausweisung von 120 Unruhestiftern aus der Stadt Agram bestanden. Ein angesehener Kaufmann Namens Soutot, der auch zweiter Vorsitzender der Handwerkskammer ist, wurde wegen des Verdachtes verhaftet, hauptsächlich bei der Anstiftung der Unruhen mitgewirkt zu haben.
Ausnahmsweise haben auch einmal die Russen von den Ungezogenheiten der säbelschwingenden Ar- n aut en zu leiden gehabt. In Mitrowitza sollte ein neues ruffischeS Konsulat errichtet werden, und Herr Schtscherbatschew, der ruffische Geschäftsträger in Konstantinopel, sandte mehrere Beamte mit Möbeln und anderen Geräthschasten zu diesem Zwecke nach Mikowitza. Aber hundert bewaffnete Albaner unter dem bekannten Häuptling Jffa Boljetinaz erwarteten die Russen am Eingänge der Stadt und nahmen sie ganz einfach gefangen. Die Ruffen wurden volle drei Tage gefangen gehalten und dann zwangsweise nach Uesküb gebracht. Rußland verlangt natürlich Sühne in der Gestalt der Gefangennahme des Arnautenhäupt- lingS; die Arnauten aber wollen das russische Konsulat auf keinen Fall dulden, so daß die türkische Regierung noch ihre liebe Noth mit der Sache hab n wird.
Ein wunderlicher Zwischenfall hat in Amerika unliebsames Aufsehen gemacht. Der russische Großfürst B o r i s weilt gegenwärtig in der großen Staatenunion, hat sich aber in Chicago derart leichtsinnig mit ebenso leichtsinnigen Theaterprinzeffinnen betragen, daß die Frau des Präsidenten Roosevelt ihn nicht empfangen mochte und mehrere Frauenvereine auch selbst darum baten, den Vetter des Zaren nicht zu empfangen. Aus politischen Rücksichten konnte aber dieser Bitte nicht entsprochen werden und so verreiste die Frau des Präsidenten, als der leichtlebige Herr Großfürst ankam.
Neues schreckliches Elend ist über die schwergeprüften westindischen Inseln Martinique und St.Bincent
hereingebrochen. Auf beiden Inseln haben erneute Vulkanausbrüche stattgefunden, namentlich aber auf V artinique, wo wiederum gegen 2000 Menschen ums Leben kamen. Man erwägt jetzt daS vollkommene Verlassen der Insel, die dem gänzlichen Untergange geweiht zu sein scheint.
Unpolitische Zeitläuse.
(Nachdruck »erboten.)
® Berlin, 11. Sept. 1902.
„Halt den Mund"! Diesen unfreundliche« Befehl kann man sehr häufig hören. Ost wird statt Mund noch ein derberes Wort gesetzt, daS auch mit M. anfängt. Mit der Redefreiheit im gewöhnlichen Leben scheint es demnach schlecht bestellt zu sein. Aber der Befehl, de« Mund zu halte", wird beinahe ebenso oft übertreten, wie er gegeben wird. Die Leute wollen sich meistens den Mund nicht verbieten lasten. Nur Kinder und Untergebene müssen der unfreunvltchen Aufforderung manchmal Folge leisten, obschon ihnen etwas Brennendes auf dem Herzen und auf der Zunge liegt. , ~
„Mund zu", sagt auch der Gesundheitspfleger, wenn er uns lehren will, durch die Nase zu athmen. Drr geschlossene Mund wird also aiS gesund sür Leib und Seele empfohlen.
Es ist wahr, daß zu viel geredet wird, und daß namentlich in Augenblicken der Erregung die verschluckten Worte besser find, als die ausgesprochenen. Doch in allen Dingen ist Maß geboten, auch in der Mundoerschließung.
Wenn eine Hausfrau ihr Dienstmädchen, oder ein Geschäftsmann feinen Gehilfen zurechtweisen muß, so kann man eS ihnen nicht verargen, daß sie ein Wortgefecht mit der getadelten Person ablehnen. Aber etwas anderes als et» Wortgefecht ist die Anhörung des Beschuldigten über den thatsächlichen Hergang. DaS nothwendige Wort zur Au k ärung, und gegebenenfalls zur Berichtigung t><nf man Niemanden versagen: Vor dem Streu q» richt steht eS sogar dem Mörder zu, der auf frischer Thal ertappt ist. Man kann die Gegenpartei oaS Nothwendige sagen lasten, ohne sür leere R denSarten Platz zu geben. Jeden- falls muß man aber ft ine eigene Zunge recht hübsch im Zaume halten, wenn man von der anderen Seite den geschloffenen Mund verlangt. Heftiges Poltern und beschimpfende Ausdrücke reize» zu scharfer Antwort und schädigen überdies die Wirkung der Zurechtweisung; denn bei allzu heftige» Vorwürfen bekommt der Beschuldigte daS Gefühl, daß ihm nun doch unrecht geschehe, und dadurch wird die Selbsterkenntniß und die Reue wieder im Keime erstickt. Bei de» Strafgerichten im Hause, in der Werkstatt und auf dem Kaserne«. Hose wird viel zu viel gescholten. Viel wirksamer ist eS, mit wenige» bestimmten Worte» dem Be- triffe«den sei« Unrecht darzulegen und ih« mit bedächtigem Ernste auf die unangenehme« Folgen im Wiederholungsfälle hinzuweisen. — Die Kinder sind insbesondere sehr schlau i« diesem Punkte, sie wiffen sehr bald, ob das Gepolter bloß wirkungsloses Theaterdrama ist oder ob sich ein ernstes Gewitter zusammenzieht, das ein- schlagen wird.
ES gibt Eltern, die nicht blos den Kindern auf der Anklagebank, sonder» auch im gewöhn- lichen Verkehr fortwährend das „Halt den Mund" zurufev. Andere wieder laffen die „lieben, süßen Kinder" fort und fort in die Gespräche der Er- wachsenen hineinplappern. Da findet man nun bei den einen redselige, altkluge Kinder, deren Zunge keinen Augenblick still st-ht und die sogar de» Besucher« ihrer Eltern rückstchtsloS in die Rede sollen, um ihre kindischen Einfälle an den Mann zu bringen, und in der andere« Familie triffc man Kinder, die b:öoe dastede», wen» ein Besucher sie anspricht, und aus alle freundlichen Versuche, sie ins Gespräch zu ziehen, nichts PaffendeS herauszubrtngrn vermögen.
Das Richtige liegt auch hier in der Mitte: die Kinder dürfen nicht vorlaut sein, aber auch nicht blöde. Sie müffen wohl schw igen l-rnen, aber auch sprechen zu seiner Zeit.
DaS einfache Kommando „Halt den Mund wäre jr allenfalls ausreichend, wenn das Kind ewig ein Kind am Gängelbande bleiben könnte. Aber es wird doch groß und es soll nicht nur lese» und schreibe«, so»dern auch spreche« und sich in der menschlichen Gesellschaft bewegen lernen. Wer schwimmen lernen soll, muß ins Waffer gelaffen werden, u«d daS Kind, taS Lebensart und Lebens kunst lernen soll, muß an dem geselligen Verkehr betheiligt werden. Darum darf man die Zurückhaltung und Dämpfung nicht so weit treiben, daß das Kind «icht auch im engeren Familienkreise, z. B. beim Mittagstisch, einen Ton mitreden dürfte. Da findet stch ja gerade dir beste Gelegenheit, um dem Ki«de daS rechte Maß und die rechte Form beizubringen.
Fällt es vorlaut einem Erwachsenen in die Rede, so muß eS entschiede« zurrchtge wiese» und
nöthigenfallS zu zeitweiligem Stillschweigen ver' urtheilt werden. So lernt auch das Schwatz" mäulchen bald, daß man erst andere Leute aus- prechen laffen muß. Will das Kind altklug von dinge» mitrede», die über f>i»e« Horizont gehen, o sagen ihm die Eltern einfach und bestimmt: moon verstehst du noch nichts, und wen» du iberhaupt den Mund hierbei aufthun wolltest, so konntest du höchstens bescheiden fragen, ob i>a8 nicht so oder so ist. Nun schweig hübsch still, bis wir von Dingen sprechen, die dich an« zehen; daun wirst du auch gefragt werde«! — Kachsichtiger kann man die kindliche Weisheit behandeln, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, die im Kreise der Beobachtungen und Erfahrungen des Kstdrs selbst liegen. Dann gibt es natürlich auch falsche und taktlose Bemerkungen; aber die muß man verbessern, statt fie unbedingt unterdrücken zu wollen. Urtheilt das Kind schief, so zeige man ihm, warum eS in dem und dem Punkte Unrecht Hal; dadurch lernt eS fein eigenes Urtheil kontrolliren und berichtigen. Braucht eS unpaffenbe Ausdrücke, die nicht vom bösen Willen, sondern von Ungeschick herrühren, so mache man ihm klar, wie häßlich das klingt, und wie man das viel hübscher in der und der Weise sagen kann. Durch solche geduldige Zurechtweisung und Anleitung lernt daS Kind immer mehr, sich während des Gespräches eine vernünftige Ansicht zu bilden und sie in an- gemeffener Form zum Ausdruck zu bringen. Verbietet man ihm aber fort und fort den Mund, so wird eS entweder verschüchtert und blöde, oder eS sucht sich bei der ersten besten Gelegenheit, wo der Mundzwang fortfällt, durch Drein« fahren ohne Maß und Form schadlos zu halten.
Die Hauptsache bei diesem Stück Erziehung ist wie bei ben meiste« anberen nicht daS Wort, sonder« daS Beispiel. Das Kind lernt jene Art der Unterhaltung, an die es im elterlichen Hause gewöhnt worben ist. Darum sollte« die Elter« und Erzieher sich in ihrer Unterhaltung Urner etwas zusammennehme«, wenn die Kinder dabei find. Ja. auch schon die kleine« Kinder, die mit dem Finger im Munde zuhölen, etfor« der« diele Rücksicht. Auch fie fangen schon a«, sich a» dem Beispiele ver Erwachsenen zu bilden.
Die unfreundliche Aufforderung, den Mund zu halten, wird ost begleitet von der schroffe« Bemerkung: „Du bist dumm!" Gewiß, eS gibt Kinder und auch Erwachsene, denen dieses E grn- schaftSwort von Rechtswegen zukommt. Aber ich halte »ichtS davon, daß man den kleine» oder großen Dummköpfen ihren Titel laut i» die Ohren schreit. Von dem bloßen Znruf glauben fie eS noch lange »icht. Im Segentherl. manchmal komme» fie auf de» Verdacht, der Schrlter selbst fei dumm und wolle sie „dumm machen". Nein, man muß durch fachliche Belehrung de» Zurecht- gewiesenen zeige», daß man klüger ist alS sie, und daß fie noch manches zuzulernen habe». Die überlegene Belehrung ohne Schelt «orte führt viel eher zur Bescheidenheit.
Vor Allem aber muß ma« ben Kinder« und im Bedarfsfälle auch sich selbst die Kunst beibringen, die für ben geselligem Verkehr ton größtem Werth- ist, nämlich die Kunst, gut zuzuhören. Wer aufmerksam und freundlich, mit Jntereffe und Verständniß zuzuhöre» versteht, macht sich in der Regel viel mehr beliebt, alS ein lebhafter Plauderer. Und für Leute, die nicht übermäßig gebildet und geistreich find, ist auch das aeschickte Zubören der sicherste Weg, um in den Ruf eines taktvollen und interessanten,Gesell« schafters zu kommen.
Urberyaupt ist ja die Regel empfehlen! wrrlh, viel zu hören und wenig dazu zu faeen. Doch kann diese Vorsicht im Gebrauche der Zunge auch lang wellig und schädlich werden. Man will doch nicht immer mit Leuten verkehre«, die von oben bis unten zugekröpft find und jedes Wort, das sie von stch geben, erst auf die Goldwaage legen.
'Muß man denn immer fein P apprrmäulchen im harten Zü;el halten? Dorf man es nie frisch und fröhlich traben oder saloppsten laffen? Ich möchte b'e folgende Regel aufstellen: Wen» Du Dir bestimmt bewußt bist, daß nur edle Gefühle, wie Theilnahme an fremdem Geschick, Begeisterung für eine schöaeSache, Bewunderung sür verdiente Leute und dergl., Dein Herz und Deine Zunge bewegen, dann laffe das Zünglein mal mit lockerem Zügel laufen. Aber wenn Du auch nur eine Spur von Eitelkeit, Pcahlsucht, Neid, Sehäsflgkett ober .dergleichen sich regen fühlst, dann ziehe den Zungenzügel scharf an und wenn eS geht, schließe die Flüzrlthüren des Sprech- Apparates vollständig.
MMrstt AuBekW-Siün.
Bon Jos. Grunau.
IX.
Ja der ersten Woche deS September- hatte das britische „Jron and Steel Institute" seine