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Jutöa, Samstag, bett 6. September 1902._______________

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29. Jahrgang.

Wocheu-Ruudscha«.

(Nachdruck verboten.) ,

X Fulda, 6. September 1902.

Die Kaisertage in Posen sind fast in der gesammten Presie als ein hervorragendes politisches Ereigniß besprochen worden, und zwar mit vollem Rechte. Es handelte sich dabei nicht um großes Gepränge von prächtigen Uniformen anläßlich eines Kaisermanövers, sondern um den Besuch des Herrscher­paares, vor allen Dingen des Monarchen selbst, in einer Stadt, die gegenwärtig in den politischen Auseinandersetzungen eine bedeutende Rolle spielt. Und gleichzeitig waren Persönlichkeiten zugegen, die durch ihre Anwesenheit dem Ganzen eine noch höhere Bedeutung gaben. Vor allen Andern sei unter diesen Prinz Ludwig genannt, der muthmaßlicheThron­folger des Königreiches Bayern. Reichskanzler Graf Bülow ist ebenfalls nach Posen gereist; als hervor­ragender Gast des Kaisers ist der russische General­gouverneur von Warschau zu nennen, General Tscherkow, vom Kaiser mit besonderer Aufmerk­samkeit behandelt. Mehrere Blätter wollten wissen, Erzbischof von Stablewski werde sich von allen Empfängen und Feierlichkeiten fern halten; natürlich ist aber nicht die Rede davon gewesen. Am Dienstag hat int Generalkommando, wo das kaiserliche Paar Wohnung nahm, großer Empfang stattgefunden, und an diesem hat der Herr Erzbischof gleich anderen Würdenträgern als vornehmster derselben theilge- nommen. Für Donnerstag wurde eine besondere Audienz des Herrn Erzbischofs beim Kaiser verab­redet. Von Mitgliedern regierender Häuser, die in Posen anwesend waren, sind noch zu nennen der deutsche Kronprinz und die Prinzen Albrecht und Friedrich Leopold von Preußen. Der öffentliche Empfang und Einzug des kaiserlichen Paares in der Stadt Posen hat nicht das Geringste erkennen lasten von den nationalen Zwistigkeiten in der Ostmark Die Feststraße ist unbeschreiblich reich geschmückt gewesen, die Stimmung der Bevölkerung entsprechend; die wenigen Häuser, die keinen Schmuck trugen, sind vollkommen verschwunden unter den anderen, kurz und gut, der Empfang ist so glänzend ausgefallen, daß er glänzender sich gar nicht gestalten konnte. In seiner Erwiderung auf die Begrüßungsrede des Ober­bürgermeisters hat der Kaiser die bestehenden Streit­stagen vollkommen unberücksichtigt gelassen.

König Viktor Emanuel von Italien ist am Sonntag wieder in seine italienische Heimath gereist, nachdem er vorher in der katholischen Kirche zu Potsdam der Frühmesse beigewohnt hatte. Die Gastfreiheit des Kaisers erstreckte sich aber noch bis Frankfurt a. M., wo im Hotel Imperial in den eigens vom Kaiser gemietheten Räumen dem König ein glänzendes Mahl dargeboten wurde. In vielen französischen Blättern ist wiederum der Aerger über den guten Verlauf dieser Monarchenbegegnung zum deutlichen Ausdrucke gekommen. Desto fröhlicher quittiren darüber die italienischen Zeitungen.Die Berliner Trinksprüche so schrieb u. A. das ,Gior- nale d' Italia' haben einen hohen politischen Werth, der, weil er stiedlich ist, auch allen anderen Nationen Europas ... nur angenehm sein kann . . . und mit entschiedener Sympathie von den Italienern empfunden wird, die in Deutschland den treuen Ge­fährten ihrer größern Zukunft erblicken." Ganz ähnlich tönte es wieder aus den Spalten aller größeren Blätter in Rom und anderwärts in Italien.

Nicht geringem Widerhall bei der öffentlichen Meinung hat der Katholikentag in Mann­heim erweckt. Unsere intimsten Gegner, die Blätter der Kulturkämpfe:ei, bemühten sich zuerst krampfhaft, den Verlauf dieser .schwarzen Heerschau" als platt und bedeutungslos hinzuflellen. Aber die Bemühungen schlugen fehl, und am Ende konnten sie sich gar nicht mehr beruhigen darüber, daß Alles so harmonisch, so wuchtig, so glanzvoll verlaufen war. Als ein sachliches Ürtheil einer unbetheiligten, nicht katholischen Zeitung sei hier ausgeführt, was die Berliner .Deutsche Tageszeitung' über den Katholikentag zu sagen hatte, das leitende Organ des Bundes der Landwirthe. Sie schrieb u. A.:

Gegen den Ton, in dem zu Mannheim ver­handelt wurde, wird sich, wenn man gerecht sein will, wenig sagen lassen. Daß bei Massen­versammlungen die Worte etwas schärfer ge­prägt und zugespitzt werden, ist nicht anoers zu erwarten; aber auch in dieser Beziehung wurde kaum übers Ziel hinausgeschossen . . . Was über Wissenschaft und Kunst gesagt wurde, war uns in manchen Punkten sympathisch. Freilich wurden in Mannheim Idealbilder entworfen, die mit der Wirklichkeit nicht allenthalben über­einstimmen . . . Alles in allem geommen bot der Katholikentag zwar nichts Neues, nichts Ueberraschendes, aber auch keinen zwingenden Anlaß zu besonderer Kritik. Die G e s ch l o s s e n - heit und Einmüthigkeit, die Hingabe und Begeisterung, die den srüheren Katbo- likentagen das bezeichnende Gepräge ausdrückte, trat auch diesmal in einer Weise in Erscheinung, die selbst den Gegnern Achtung, Anerkennung und Bewunderung abnöthigte."

Diesem Urtheil ist nichts hinzuzufügen.

Die Errichtung einer katholisch-theologi­schen Fakultät an der Universität zu Straß­burg scheint nunmehr bald Thatsache werden zu

, sollen. Nach übereinstimmenden Zeitungsmeldungen ist zwischen der Berliner Regierung und der Kurie eine Vereinbarung darüber geschloffen worden, die aus beiden Seiten als befriedigt angesehen wird. Nament­lich soll die Stellung des Bischofes gegenüber der Fakultät in entsprechender Weise gewahrt sein. Ueber den genauer« Inhalt dieser Vereinbarung ist Zuver- läffiges aber noch nicht bekannt geworden.

Die gebührende Strafe hat die Offiziere ge­troffen , die in Gumbinnen dem Oberleutnant Hildebrandt den festlichen Abzug bereitet hatten, als dieser aus der Festungshaft entlassen war und nach dem Bahnhofe zur Abfahrt nach seiner Garnison sich begeben wollte. Man erinnert sich ja noch dieser Veranstaltung: Vor dem Wagen und hinter dem Wagen ritten militärische Eskorten, die Soldaten im Parade-Anzuge eine vollkommen gesetzwidrige Ehrenkundgebung für einen Offizier, der wegen Zwei­kampfes soeben eine Festungshaft abgebüßt hatte. Die Veranstalter der Kundgebungen sind mit Ruhegehalt zur Disposition gestellt oder versetzt worden. Ersteres gilt für den Hauptmann von Frankenberg und Prosch- litz und für den Oberleutnant Rumbauer; zum Train nach Altdamm wurde versetzt der Leutnant George. Zur Einreichung ihres Abschiedsgesuches sind auf tele­graphischem Wege ersucht worden: Oberstleutnant Weiß und Major Dieckerhoff als Vorgesetzte, die den Rummel geduldet hatten. Merkwürdigerweise ist der Oberleutnant Hildebrandt selbst von jeder Strafmaß­regel verschont geblieben.

Bei wenigen Völkern und Politikern ist die poli­tische Heuchelei so daheim, wie bei den Magyaren. Sie sind unduldsamer gegen andere Völkerstämme in ihrem Bereiche, als alle Völker sonst, Juden ausge­nommen; aber sie geben sich stets das Ansehen, als seien sie die gastfreundlichste Nation, die man sich nur denken kann. So hielt neulich in Temesvar bei einer großen Versammlung deutscher, österreichischer und ungarischer Bienenzüchter der ungarische Landwirth- schastsminister Daranyi eine Rede, in der er u. a. sagte:Ungarn kennt keine Stiefkinder; jeder Bürger wird derselben Liebe und der gleichen Behandlung theilhaftig! daher kommt es, daß diejenige Bewohner dieses Landes, die der ungarischen Sprache nicht mächtig sind, ohne Unterschied der Nationalität ge­deihen können . . Und gleichzeitig wurde aus Buda­pest gemeldet: Die gute, alte siedenbürger Stadt Kron­stadt bat aufgehört zu bestehen; nach einem ungarischen Ministerialerlasse heißt sie fortanBrasio" . . . Und ebenso gleichzeitig wurde eine andere Bet' .gung des ungarischen Ministeriums bekannt, toonacit nirgends mehr in ungarischen Städten deutsche Theatervor­stellungen gestattet werden dürfen . . . Das genügt zur Kennzeichnung dieser geradezu elenden Heuchelei der ungarischen Machthaber!

Wüste Auftritte, die an eine förmliche Revo­lution erinnern, haben sich in der kroatischen Landes­hauptstadt Agram abgespielt. Seit langen Zellen besteht ein Nationalhaß zwischen Kroaten und Serben, welche Letztere in starker Zahl in Kroatien angesiedelt sind. Eine serbische Zeitung, die in Agram erscheint, gab dieser Abneigung wieder einmal sehr groben Ausdruck; der Zeitungsstreit ging hin und her, und schließlich begann eine allgemeine Volkshetze gegen die Serben, tooM viele Geschäfte, Gastwirthschaften, Kaffeehäuser und Banken von der wüthenden Menge geplündert und verwüstet wurden. Agram war wegen der Manöver von Militär entblößt, so daß erst nach zwei Tagen durch schleunigst herbeigerufene Hilfs­truppen die Ordnung äußerlich wieder hergestellt wer­den konnte. Auch in vielen anderen kroatischen Städten spielte sich Aehnliches ab, so daß man an­nehmen muß, es sei vorher ein allgemeiner Feldzugs­plan gegen die Serben verabredet worden. Ein Generalboykott gegen die serbischen Geschäftsleute soll folgen; alle serbischen Angestellten sollen entlasten werde«.

Unter der Mithilfe anarchistischer Elemente sah Italien wieder einmal einen Generalstreik, nämlich in der Stadt Florenz. Auch die Angestellten der Verkehrsanstalten und der Gasanstalten betheiligten sich an der Bewegung, die vorübergehend Schlimmes befürchten ließ. Aber die Bevölkerung hegte keine Sympathie für die Streiker, und vor der ruhigen und stetigen Energie der Behörden brach alsbald die ganze Bewegung in Nicht» zusammen. Es waren wohl an 6000 Soldaten und Gendarmen in Florenz zu­sammengezogen. Jetzt hat Florenz wieder sein ge­wohntes Aussehen angenommen.

Der Sultan hat durch einen Erlaß die Aufhebung der Ausnahmemaßregeln gegen die Armenier ange­ordnet. Ob die Beamten des Sultans auch dem Er­lasse gemäß handeln werden, bleibt abzuwarten. Man hat in dieser Beziehung schon recht wundersame Sachen erlebt.

In den Verhandlungen zwischen der spanischen Regierung und dem Vatikan über das Konkordat ist nunmehr der lang ersehnte Bescheid des' Vatikans in Madrid eingetroffen. Da aber das Ministerium den Inhalt dieses Bescheides verheimlicht, hat man anzunehmen, daß das liberale Ministerium des Herrn Sagasta auch hiermit sich eine Niederlage geholt hat. Gerüchtweise verlautet, daß die Kurie auf der Grund­lage der von Sagasta gemachten Vorschläge gar nicht verhandeln wolle, namentlich in der Behandlung der Kongregationen nichts geändert zu sehen wünsche.

Die Engländer behaupten immer, in Irland stehe alles gut. In der Thal aber wird die Lage dort immer bedenklicher statt bester. Eine Ausnahme­gerichtsbarkeit wurde bereits in zehn Grafschaften ein­gesetzt und neuerdings auch auf die Städte Limerick und Dublin ausgedehnt armes Irland!

Eine interessante Meldung brachte der Draht aus Kapstadt: Im Kap Parlamente hat der berühmte Dr. Jameson öffentlich Abbitte gethan für feinen

dereinstige« Räuberzug in das Burenland und um Vergessenheit dafür gebeten . . . Das kann man doch nicht vergesten!

* Ländliche Krankenpflege.

Die Fortschritte de» Krankenpflegewcsen« im allgemeinen sind unverkennbar. Sie bewegen sich in doppelter Richtung. Einmal wird infolge der staatlichen Regulirung der Krankenversicherung und be« Ausbaues der privaten Krankenkaffen einer stet« wachsenden Anzahl von Pflegebedürftigen die Wohlthat einer geordneten Kraokenhaurpflege zu Theil. Dann aber hat auch die Krankenhaus­pflege selbst an Vo'.treffltchkeit gewonnen: die medizinische Wissenschaft hat ihr mehr Aufmerk samkell geschenkt, das Pflegepersonal, das freie sowohl wie das veeoffenschaftlichs bezw kirchlich organisirte, hat sich auf eine bessere Ausbildung bet einzelnen Kräfte bedacht grze'gt und die Krankenhausverwaltungen tragen für eine den Fortschritten der Medizin angepsßte Ausstattung ihrer Anstalten fortwährend Sorge.

Diese Fortschritte sind aber wesentlich nur der Bevölkerung in den Städten und Industriegebieten zu gute gekommen. Freilich hat die Zahl der Krankenhäuser auch auf dem Lande zugenommen. Insbesondere find unter der kaiholischen Lindbe­völkerung die Niederlassungen von Barmh-rzigen Schwestern zahlreicher geworden. Aber wer die Verhältnisse im großen kennt, wird dem Geschäfts­führer der Ausschüsse« für Wohlfahrttpfl ge auf dem Lande, Sohnrey, wohl Recht geben müssen, der in seinem vortreffliche«Wegweiser für länd­liche Wohlfahrts- und H.imathpflege" (Berlin, Deutscher Dorfschriftenverlaä, Preis 5 Mark) sagt:

In ben meisten Gemeinden fehlen Einrichtungen zur Krankenpflege ganz und gar; wo solche bestehen, sind sie äußerst mangelhaft und verbesterungsbedürstig; nur in vereinzelten Bezirken unb Orten gibt es muster- gütige Einrichtungen. Das in Bezug auf ländlche Krankenpflege am günstigsten gestellte Großherzogthum Babe« hat bei 1526 Landorten nur 284 mit geord­neter und die übrigen 1242 Orte gänzlich ohne Krankenpflege."

Woher da- kommt, weiß jeder, der die zer­streute Wohnw-'.'e der ländlichen Bevölkerung zu­mal im Stbiris" kmnt und die Mittellosigkeit ge­rade dieser G meindev. Und wenn auch mit fremden Mitteln vie Niederlassung einer Pflege- genoffenschaft in einem ländlichen Bezirke bewerk­stelligt worbe« ist, so ist damit eine Besserung der Krankenpflege noch nicht für den ganzen Bezirk erreicht. Die Unterbringung im Schwesternhause wird immer die Ausnahme bleiben, ebenso die ständige Pflege der Erkrankten bei ihren Ange­hörigen durch «ine Barmherzige Schwester.

Schon seit Jahren ist daher in einigen Linder- thrilen vereinzrlt der Versuch gemacht worden, Hilfskräfte au« den Landgemeinden selbst, ä'tere Mädchen und Wsttwen, zu gewinnen, die theoretisch und praktisch ausgebildet, in ihrer Heimath das Amt einer Landkrankenpfleger in neben ih em alten Beruf übernehmen. Sohnrey zählt d ese Versuche ziemlich vollständig auf und erwähnt als ersten den des badischen Fraum- ö rein« aus dem Jahre 1885, wonach solche Kräfte 6 Wochen in einem Karlsruher Kranke,ihausr theo­retisch und praktisch ausgebildet, für weitere 6 Wochen einem anderen Krankenhaufe überwiesen und dann gegen Jahrerg-halt (100570 Mk.) oder Grldentschädigung für Einzelleistungea in der Heimath fest angeftellt werden. Die Zahl ähn­liche^ Besuche ist nicht groß, noch nicht ein Dutzend. Sie stad zumeist von K eirverwaltungen gemacht worden, nur in Bayern von einem eigen« zur Förderung der Landkrankenpflege gegründeten Verein.

Von dielen Versuchen unterscheidet sich da« $orgeben de« CharitaSverbande« für des katho Usche Deutschland dadurch, daß er freiwillige un­besoldete L indk ca» kenpfl egerin» e« vorbildet. Seit einigen Jahren sieden»ltch für brave Jung­frauen vom Lande im Alter voi 2545 Jahr n eigene 6wöchige Kurse im Krankmhause der Do­minikanerinnen in Areoberg bet Kabsinz statt. Kursus, Reise unb Vs>pfl:gung sind kostenfrei. Für etwaig?« Lohnverlust wird unter Umständen Entschädigung gewährt. (Für dm «äckstm Kursus im kommenden Winter find briefliche AnmeldunLen bi« zum 15. Oktober an Herrn Rektor Kinn In Arenberg zu richten.) Diese Krai krnpfltgerinnen ober Krankenbafucherinnen, wie m«n sie nennt, um sie von den berufsmäßigen Pflege­kräften za unterscheiden, haben sich aufs beste be­währt. Die Mannheimer Katholikenversammlung hat darum die Unterstützung der dahingehenden Bestrebungen be« Chrrttasverbande« nach früherem Vorgänge wieber nachdrücklichst empfohlen.

Erst wenn das letzte Dorf mtt derartigen an­sässigen Hilfskräften versehen ist, dürfte man von einem Fortschritte der ländlichen Krankenpflege im cögemeinen reden könne». Ebenso vothwendig wie eine solche Vermehrung vorgebildeten Personals ist aber auch noch die Belehrung des Landvolkes

durch Vorträge über die Pflegeerfordernisse, die Behandlung des Krankenzimmers, die Verhütung von Krankheiten und eine rationelle Hygiene (ver­nünftige Gesundheitspflege) Jeder Landarzt wird gerne zu derartigen Vorträge« bereit fein. Sie können mit Versammlungen des Volksvereins ver­bunden ober in eigenen Veranstaltungen der ein­zelnen sozialen Standesvereiue (Müttervereine, Jünglings-und Jungfrauenvereine) gehalten werden.

Unpolitische Zeitlärrse.

(Nachdruck »erboten.)

G Berlin, 4. Sept. 1902.

Wie die Israeliten sich nach den Fleischtöpfen Ezypien's sehnten, so bekomme ich als Reisender bald Sehnsucht nach der Küche vonMuttern". Jr älter man wird, desto schlechter findet man sich in die ungewohnte Verpflegung. War da« T r i n k e n angeht, so ist freilich in dem durstigen Deutsch­land'meisten« dar Gewünschte zu bekommen; und e« ist auch kein Unglück, wenn man einmal ein ungeratene« Gla« Bier stehen lassen muß. Wer sich aber im Wuthshause eine Mahlzeit bestellt, ist der Gnade de« Wirthes und feine« Küchen« oberhanptes aulgeliefert. Ist da« Essen schlecht, so trifft da« nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Stimmung und die Gesundheit.

Auf einem früheren Katholikentage waren wir bei einem VeretriSeffen am Sonntage so bitterlich hereingefallen, daß eine wahre Jagd nach einem guten MittagStisch veranstaltet wurde. End­lich wurde die richtige Futterstelle entdeckt, und zwar im sogen. Logenrestaurant. Dar Lokal war schon am zweiten Tage überfüllt von den ent­schiedensten Gegnern der Freimauerei, und der unparteiische Wirth erntete verdientermaßen Lob und Geld. Beim Nachtisch wurde der Spruch ge­prägt: die Katholiken verstehen sich am besten auf« Beten, die Juden auf« Geschästemachen und die Freimaurer aufs Kochen!

In Mannheim haben wir auch am Sonntag ein gemeinsame« Mittagsmahl unter der Partei- sahne eingenommen. Da« allgemeine Urtheil lautete: Da« sind gewiß recht brave Leute, aber von der Kochkunst haben fU keine blaffe Ahnung; hier effen wir nicht wieder b

In den anderen Wirthschasten war auch nicht alle« Gold, was auf den Schüsseln glänzte. Die süddeutsche Küche hat ja ihreberechtigten Eigen- thümlichkeiten". Für das Fleisch scheint dort die Parole zu gelten: die Maffe muß k» bringen! E« gibt viel; aber einen rechten, echten, saftigen Braten, der noch die ganze Kraft und Würze ent­hält, findet man dort kaum. Und was das Ge­müse angeht, wie steigt da nachträglich in meiner Achtung die rheinische Weinstube in der Leipziger- straße zu Berlin, wo wir als Junggeselle so lange für mäßige« Geld tüchtig aßen! Da gab e« eine tiefe Schüssel voll gut gelochtem Gemüse, in die man ordentlich hinein greifen konnte. Draußen im Reich muß man schon froh sein, wenn neben bleichsüchtigen Roastbeef Schnitten einige Schoten und Carottcn liegen, die man sorgfältig zusammen- kratzen muß, um einige Mund voll Gemüse zu be­kommen. Und dann noch vielleicht Gemüse nach englischer Manier: einfach in Waffrr abgekocht unb au«gelaugt, ohne Salz und Schmalz, fade zum Abgewöhnen.

Auf einem Abstecher in ben Schwarzwald kam ich «och Wildbad unb dort mit einem ort«- kundtgen Freunde in einer einfachen unb sauberen Wirthschaft, wo lauter behäbige Schwaben beiderlei Geschlechts die Speisezimmer füllten. Preis nur 1 Mk. 20 Pfg, wofür wirklich viel geleistet wurde. Nach der Suppe gab f.« Ochsenfleisch, was man in Norodeulschland Rinderbrust nennt Ich liebe dieses gekochte, aber nicht ausgekochte Rind­fleisch sehr, unb in Wckbbad war e« au,gezeichnet. Auch mit den mannig^achstcn Zathaten versehen: Sauce, Kresse, Ochsenmaulsalat 2c jr sogar ge­schmorte Birnen gab c« dazu, welch' letztere man hier zu Lande al« Kompott zum Braten betrachtet. Der gekochte Gang war ersten Range«; aber als der Braten kam (auch vom Rind), da zeigte sich Lieder die süddeutsche Neigung zur Halbheit : halb gebraten und bald gekocht, die Würze und Kraft de« schönen Fleische« halb vergeudet.

Nun rümpft DUÜeiftt schon mancher würdige Leser die Nase und meint, ich soll nicht so breit 80« solchen Lappalien reden. Halt da; Kochkunst und guter Tisch find keine Lappalien» sondern haben eine fthr große wktbschaftliche, soziale und sittliche Bedeutung, sowohl sür daS Vereins-, wie für das Familienleben. ES ist auch nicht richtig, die Küche nur für eineW ibersache" zu erklären. Ich wollte, daß 1) alle geistlichen und 2) alle weltlichen VereinSleiter wenigstens dir Grund­lagen der Kochkunst sich aneigneten; sie könnten damit viel Gutes stiften.

Kann denn in katholischen Vereinshäusern nicht ebenso gut gekocht werden, wie in den kon­fessionslosen ober gegnerischen Wirlhschaften und Klubs? Ich spreche natürlich nicht von den Fein»