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JK 193.
Muköcr, Samstag, den 23. August 1902.
29. Jahrgang.
Mocheu-R«ndscha«.
(Rachdruck »erböte«.)
X Fulda, 23. August 1902.
Hoch festliche Tage hat der Rheinstrom erlebt, Kaisertage: Der Kaiser hatte der Düffeldorfer Ausstellung den Besuch gemacht, der ihr bereits bald nach der Eröffnung zugedacht war, wegen des Ablebens des Königs Albert von Sachsen aber damalverschoben werden mußte. In der Rede, die der Kaiser bei dieser Gelegenheit gehalten hat, wies der Monarch auf die Wichtigkeit der Wasserwege für die wirthschaftliche Entwickelung des Landes hin. Auf die Ausstellung folgte eine Rheinfahrt von Koblenz aus den herrlichen Strom aufwärts, während ihres letzten TheileS nach Sonnenuntergang, wobei die beiden Ufer des Rheines in herrlichem Leuchtgewande erstrahlten. Ausnahmsweise war das Wetter herrlich und begünstigte die Veranstaltung zu Ehren des Monarchen aufs glücklichste. In Bingen wurde der Kaiser von dem Großherzog von Hessen empfangen, der das Reichsoberhaupt bis Mainz begleitete. Während derselben Zeit tagte in Mainz die Generalversammlung der katholischen kaufmännischen Vereine, so daß die Versammelten in der Lage waren, mit ihrem Schiffe an der Festfihrt de- Kaisers thellzu- nehmen. Kurz hinter dem Kaiserschiffe folgte daS Festschiff der kaufmännischen Vereine.
Selten wird die öffentliche Meinung so stark erregt, wie dies der Fall ist durch die Veröffentlichung eines Depeschenwechsels zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten Luitpold von Bayern. Die Grundlage dieses Depeschenwechsels bildete wieder einmal die Ablehnung der bekannten hunderttausend Mark für Kunstzwecke durch die Mehrheit der bayerischen Abgeordnetenkammer. Der Kaiser hatte unmittelbar nach seiner Rückkehr von Reval von Swine- münde aus dem Prinzregenten diese hunderttausend Mark als Geschenk aus eigenen Mitteln angeboten, damit, wie eS in dem Telegramm des Kaisers heißt, — der Prinzregent „in der Lage sei . . . die Aufgaben auf dem Gebiete der Kunst ... zur Durchführung zu bringen." Außerdem gab der Kaiser seiner „Empörung" Ausdruck über die „schnöde Undankbarkeit", die durch die Ablehnung jener Summe gekennzeichnet worden sei. Der Kaiser ist nicht gut berathen gewesen, als er dieses Telegramm an den Verweser oes Königreiches Bayern sandte. Denn zunächst würde doch auch dieser in der Lage sein, die hunderttausend Mark aus eignen Mitteln herzugeben, wenn er gewollt hätte und wenn diese Summe nicht schon durch die bekannte Stiftung des ReichS- ratheS Grafen Moy gedeckt gewesen wäre. Prinzregent Luitpold hätte das Anerbieten gar nicht annehmen können, auch wenn es noch an Geld gefehlt hätte. Außerdem aber hat die Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes Bayern dort eine allgemeine Zurückweisung erfahren, bei den Liberalen gar nicht anders, als bei den Anhänger« des CentrumS. Prinzregent Luitpold hat zwar das Telegramm des Kaisers in der verbindlichsten Form beantwortet. Aber es ist sehr die Frage, ob er in der Verbindlichkeit so weit gegangen wäre, wenn er gewußt hätte, daß die Telegramme den Weg in die Oeffentlichkeit finden würden. In München hat man dar auf keinen Fall gewünscht. Die Depeschen sind „auf Befehl desKaisers" veröffentlicht worden, wie in einer halbamtlichen Meldung der ,Augsburger Abendzeitung' festgestellt worden ist, nachdem diese Veröffentlichung „von bayerischer Seite, wo man daS Peinliche des Vorganges von Anfang an sehr lebhaft empfand, abgelehnt worden war. Im Hoflager des Prinzregenten machte die Veröffentlichung, die man erst aus den Zeitungen ersah, eine Wirkung, für welche die Bezeichung -Ueberraschung- auch nicht annähernd erschöpfend ist". Man hatte, wie die halbamtliche Kundgebung noch hinzufügt, „trotz manchem Voransgegangenen Derartiges doch nicht für möglich gehalten". Deutlicher als so läßt sich der Eindruck, den der Depeschenwechsel und seine Veröffentlichung hervorgerufen haben, kaum kennzeichnen.
Kaum weniger unglücklich in seiner Wirkung ist ein schwächlicher Versuch gewesen, in einer offiziösen Verlautbarung der Berliner .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' den Fall Löhning zu rechtfertigen — also wie man ja weiß, die Verabschiedung des ProvinzialsteaerdirektorS der Provinz Posen, des GeheimrathS Löhning. Seine Heirath mit der Tochter eines frühern Feldwebel» ist Herrn Löhning vom Posener Oberpräfidenten von Bitter als Grund der Verabschiedung angegeben worden; und mit Recht hat die öffentliche Meinung diese Art der Beweisführung mit Entrüstung zurückgewiesen. Dann schwieg die RegierungSpreffe in sichtlicher Verlegenheit mehrere Wochen lang still, und endlich erschien sie mit dieser lahmen Ecklärung auf dem Plane, wonach «die Finanzverwaltung . . . ihre Zurückhaltung auch fernerhin beobachten wird". In der preußischen Volksvertretung will der Finanzmimster Gelegenheit „zu dem Nachweise finden, daß die den Intentionen der StaatSregierung direkt zuwiderlaufende Haltung Löhning's in der Polenpolitik für die Versetzung in de» Ruhestand entscheidend gewesen". Dieses Herumdrücken um den heißen Brei ist in der genannten Preffe mit dem kühlen Lächeln des Spottes hinge- nommen worden, woraus die preußische Finanzverwaltung — genauer gesagt Minister Freiherr von Rheinbaben — den Schluß ziehen möge, daß der Fall Löhning" daS Gegentheil eines Ruhmesblattes
in der preußischen Geschichte bildet. Minister Freiherr von Rheinbaben muß die Verantwortlichkeit dafür selbst übernehmen. Ein Minister sollte deswegen nicht geopfert werden. Nun muß dieser Minister sich so gut aus der Affäre zu ziehen versuchen wie es eben möglich ist. Aber sehr gut ist das auf keinen Fall möglich. Und das Auffallendste dabei ist, daß durch das Vertuschen der ganzen Angelegenheit ja eigentlich auch der Reichskanzler Graf Bülow als preußischer B inisterpräfident seine Beistimmung zu der Verabschiedung des Geheimrathes Löhning zu geben scheint.
Eine in ihrer Vollkommenheit geradezu vernichtende Niederlage haben die Liberalen im Wahlkreise Kulm- bach-Forchheim-Ebermannstadt erlitten. Die Freisinnigen und Nattonalliberälen hatten sich mit einander verbündet, um gegen daS Centrum zu Felde zu ziehen, und das Ende vom Liede ist gewesen, daß der gemeinsame liberale Kandidat Faber kaum mehr als ein Drittel derjenigen Stimmen erhalten hat, die im Jahre 1898 für die beiden liberalen Wahlbewerber abgegeben wurden. Um ein Haar wäre der liberale Mischmaschkandidat gar nicht mit dem Centrumsmaune in die Stichwahl gekommen, sondern statt dessen der Vertreter des Bundes der Laudwirthe, und das ist den Liberalen in einem Wahlkreise zugestoßen, der zu 55 vom Hundert von Protestanten bevölkert ist. Daraus kann man mit ganz überraschender Deutlichkeit ersehen, daß die Volksthümlichkeit das Centrum für sich in Anspruch nehmen kann, daß es dagegen mit dem Liberalismus in reißender Schnelligkeit zu Ende geht. Bald wird er nur noch in einzelnen verwachsenen Spuren im Deutschen Reiche zu entdecken sein.
Dem Kulturkämpfe gegen die Schulschwestern in Frankreich ist eine Ausweisung von Frauenorden in der Schweiz gefolgt: Nach dem einstimmigen Beschluß des schweizerischen BundesratheS sollen zwölf Frauenorden und Kongregationen, die sich in den Kantonen St. Gallen, Waadt, und Walli» angesiedelt hatten, binnen neunzig Tagen da» Bundesgebiet verlassen. Es handelt sich um Frauenorden, die aus Frankreich im Herbste des Vorjahre» herübergekommen waren; und nach dem Artikel 52 der Bundesverfassung der Schweiz sollen neue Ordens- Niederlassungen verboten sein. Der Form nach hat also der Bundesrath recht. Thatsächlich aber hat er durch seine Verordnung in sehr bedauerlicher Weise mit der Schweizer Ueberlieferung gebrochen, iu religiösen Dingen vollkommen Toleranz zu üben. Die Angelegenheit wird sicherlich noch manche Auseinandersetzungen im Gefolge haben.
In Frankreich felbst setzt sich in der Bretagne und in der Bendee der allerheftigste W berstend gegen die gewaltsame Schließung der Kongregationsschulen fort: in einer Reihe weiterer Ortschaften sind sehr heftige Auftritte vorgekommen, bei denen eS nicht ohne mancherlei Verwundungen abgegangen ist. Es wird noch geraume Zett vergehen, bi» die ganze Angelegenheit zum AuStrage gelangt sein wird. Bon größtem Interesse aber ist die Thatsache, daß auch die Rechtsprechung im Gegensätze sich befindet zu der kulturkämpferischen Gewaltpolitik des Herrn Combes. Der AppellationsgerichtShof in Lyon hat nämlich in einem einzelnen Falle — es handelt sich um die Anlegung von Siegeln an die Schulen der Schwestern von St. Charles — diese Versiegelung für ungesetzlich erklärt und die Abnahme dieser Siegel verfügt; und der Sinn dieses Gerichtsbeschlusses richtet sich unmittelbar gegen die Schließung der Schulen selbst. Nun soll ebenso wie im Falle DreyfuS, ein besonderer Staatsgerichtshof zur Entscheidung über diese Frage eingesetzt werden. Auch in der Armee fehlt eS nach wie vor nicht an Widerstand gegen die Befehle, daß Truppen zur Schulaufhebung als Hilfe herangezogen werden — kurz und gut, es fehlt nicht an allerhand Warnungsmerkmalen für die französischen Machthaber, sich in acht zu nehmen und den Bogen doch ja nicht zu Überspannen.
Ein starkes Stück hat der KriegSminister Andre geleistet, augenscheinlich in dem Bestreben, in heftiger Weise auf das Heer einzuwirken: er hat bei der Enthüllung eines Kriegerdenkmals in Billefranche Revanche- Fanfaren geblasen, daß e» nur so seine Art hat. Auch der eingefleischteste Nationalist könnte es nicht besser machen. Aber freilich hat sich die Diplomatie über den Fall Andrö ebenso wenig aufgeregt, wie über die Nattonallisten.
Die unglückselige AuSgleichefrage zieht in Oesterreich-Ungarn noch immer ihre Kreise, und noch immer ist das Ende davon nicht abzusehen. Ber- muthlich werden noch Monate vergehen, bi« ein Einvernehmen über die Zollfrage zwischen den beiden Hälften der habsburgischen Monarchie erzielt sein wird, trotz de» lebhaften Wunsches deS Kaisers Franz Joseph, bald die Verhandlungen beendet zu sehen.
Die revoluttonäre Strömung in Rußland hat zu einem neuen Mordversuche gegen einen hohen Staatsbeamten geführt. Der Gouverneur Fürst Obolenski in Charkow ist das Opfer dieses Mord- plane» geworden. Er wurde von dem revolutionären Ausschüsse zum Tode verurtheilt, weil er nach den letzten Studentmunruhen in Charkow durch Kosaken harte Prügelsttafen über eine Reihe von Studenten verhängt hatte. Ein gräßliches Sittenbild auS dem Reiche des Zaren: widersetzliche Studenten werden halb zu Tode geprügelt; sie rächen sich durch einen Mordanfall auf den obersten Beamten des Bezirkes, in dem ihre Universität liegt! Der Gouverneur ist indessen mit dem Leben davongekommen. Er war auf solche Anfälle gefaßt und trug ein schußfester Panzerhemd unter der Kleidung.
Ein schlimmer Feind der Menschhett ist aus dem Orient wieder nach Westen vorgedrungen: die Cholera hält in Aegypten eine unheimlich reiche Ernte. Tausende von Erkrankungen stellen sich wöchentlich ein, und die Krankheit endet mit dem Tode in mehr als der Hälfte der Fälle.
* Der Einsturz des Felsen Petri steht nach den Angaben der kundige« Ingenieure der LoS von Rom-Bewegnng unmittelbar bevor; der sächsische TyrtäuS (Kriegssänger) Meyer- Zwickau in diesem Kampfe gegen Rom, ein recht temperamentvoller Herr, läßt hierüber in der „Wartburg" also sei» Prophetenwort ergehe«:
Der UltramontaniSmuS ... hat die kräftigen Böller verlöre«: ... und da soll da« Papstthum der Fel» fein, auf den Christus feine Gemeinde bauen wollte? Nimmermehr! Und wen« dennoch die Römlinge (sehr höflich!) ihre Sache auf einem Felse« sehen wollen — nun dort im Ozean am Ufer ragt ein starres Stein- gebilde empor; die MeereSwogen schlagen an dasselbe, um eS allmählich zu unterwaschen, aber sie eilen weiter . . . unbekümmert um den einsamen Felsen. Dieser ist RomS Bild; daS Meer der Entwicklung wird vom protestantische« Geiste bewegt; in seine Flutheu stürzt der vatikanische FelS. (Nr. 16, S. 128.)
Derartige Auslassungen, die in de« verschiedensten Fassungen beigebracht werde» können, zeige» doch nur daS Eine, daß die Herren auS der Geschichte so gut wie nichts gelernt habe«. Sie müßten sonst wissen, daß solche Leichenreden auf die katholische Kirche so alt find, wie diese selbst. Seit dem Tage, da der römische Kaiser Nero zum erste» Mal die Staatsgewalt mobil gemacht gegen de» Felse» Petri, hat es zu keiner Zeit an Prophetex gefehlt, welche die baldige Ausrottung und den demnächst bevorstehenden Untergang der Kirche verkündigten. Aber wo find fie denn, diese klugen Propheten? Alle fi»d sie inS Grab gesunken. Allen ihren Gegner» konnte die Kirche das Requiem und De profundis finge«. Diese Propheten gleiche« zu allen Zeiten den Eintagsfliege«, die nur eine« Tag leben und am Ende dieses Tages und ihres Lebens alles mit ihrem Maße meffe« wollen und zu eigenem Tröste fich einrede», daß nun alles ebenfalls mit ihxe» uutergehex werde. Und dabei hat man für fie doch nur ein mitleidiger Lächeln.
Wer lacht nicht, wenn er heute die Worte liest, die einst der griechische Philosoph CelsuS (150 x. Chr.) den Katholiken zugerufex hatte: „Ihr Christen, ihr seid wahnsinnig; weil ihr wähnet, daß eure Religion fich ausbreitex werde über die ganze Erde und daß fie dauern werde durch alle Jahrhunderte. Hat doch da- mächtigste aller Reiche, daS Römerreich, feine Grenzen, und wie es entstanden ist, so vergeht eS wieder." Wo ist denn daS Römerreich von ehedem und wo ist di« katholische Kirche von damals? Der „Wahnsinn" der Christen, der an Unzerstörbarkett ihrer Kirche geglaubt, der hat recht behalten. Alle aber, welche seitdem ia dieselbe Trompete geblasen, wie CelsuS, wurden durch die Entwickelung der Geschichte Lügen gestraft, trotzdem sie auf die übermächtigen Gegner htxgewiefen haben, welche gegen dir Kirch« zu Felde gezogen sind.
Da war «S bald die Staatsgewalt, die zur Sturmbatterie gegen den Felsen Petri gemacht worden war und ihre Geschütze spielen ließ, dort trug man im Name« der Wissenschaft die Waffe« «ege« die Kirche, und nicht von des Gedankens Bläffe angekränkelt sprach man das stolze Wort: WaS der brutalen Gewalt nicht gelungen ist, daS wird und muß dem Kampfe mit de» geistigen Waffe» geli»ge«. Ist eS nicht gelungen, den Felsen Petri i« die Luft zu sprenge« mit Pulver «nd Dynamit, so muß es gelingen mit Druckerschwärze.
Da« war der Geist der Aufklärung deS 17. Jahrhunderts, der Voltaire daS Wort in de» Mund gelegt: „Ich habe es satt, immer wieder zu höre», daß zwölf Männer hingereicht haben, das Christexthum zu begründen. Ich habe Lust zu beweise«, daß Einer genug ist, es zu zerstören." Als aber fast hundert Jahre später sei« Gesinnungsgenosse D. F. Strauß die Lebens- geschichte Voltaires schrieb, da mußte er miß- muthig dazu bemerke«: „DaS ist ein keckes Wort, »ie man «S hinwirft, ohne dabei festge- halten twerde» zu wolle«; in der Schal wußte Voltaire sehr gut, daß eS so schnell nicht gehe." (Strauß: Voltaire. S. 189.)
Auch daS 19. Jahrhundert hat derartige Kraftworte 4 la Voltaire gehört, aber sie auch in ihrer Nichtigkeit enthüllt. Am 1. März 1845, als, ebenso wie heute, die Wogen deS Kampfes gegen Rom gewaltig hoch ginge«, schrieb Robert Blum an den abgefallenen Priester Range: „Unsere nächste Aufgabe ist, Rom zu vernichten"; aber schon drei Jahre später, am 12. April 1848, schrieb derselbe Robert Blum an feine Frau: „ES wäre gescheidt, wenn Range fich irgendwo todtschießen ließe; denn seine Zett ist aus" (bei Liebknecht, Robert Blum. 3. Aufl. S. 113 und 358).
Vor 30 Jahren hat Eduard von Hartmann (KrifiS des Christenthums, S. 12) im Christen- thum nur «och «ixe „Mumie" gesehen. Aber trotzdem schreibt der Maxn immer «och Bücher gegen die — Mumie. Aber wer wird doch mit Kanone» auf Spatzen schieße» und wegen einer tobten Mumie sich im Schweiße seines Angesichts
abmühen, sie immer »och einmal zu tödten. Ra« fertige doch den Todtenschein auS und versiegle das Grab.
Auch an die Stürmer der LoS von Rom- Bewegung richten wir diese Mahnung und an all di« recht heißblütigen Rufer zum „netten Kulturkampf". Wozu diese Kräfteoerschwendung, wenn doch der Felsen baldigst zusammenbricht und dann daS Erbe angetreten werden kann? Lasse man dann doch die Todten ihre Tobte« begraben. Warum da«« insbesondere die enttarn Klagen über de« Vormarsch „RomS" und dessen Herrschaft über das protestantische Deutschland? Oder glauben die Herren am Ende selbst nicht recht an ihr« eigene Prophetenweisheit? Einig« Erwägung«» d«S Entweder-Oder von Gamaliel dürften für fie in diesem Sinne wohl am Platze sein und auch eine Erwägung deS „Herrenwort" von den Pforten der Hölle, welche die Kirche nicht überwättigen werde«.
Ist dieses Wort für die Glieder der streiten- den Kirche ein Unterpfand der siegreichen lieber» Windung auch deS neuen KutturkampfeS, so enthält es auf der andern Seite einen energische« Aufruf zur Einsetzung aller Kräfte. ES bedeutet ein toujoura en vedette! (immer Stirn und Äug' gegen den Feind), eS enthält eine« Aufruf tzu einer Politik des Qoi vive? (Halt! wer da?) und nicht einer Politik des StilleliegenS auf der Bärenhaut, zumal in einer Zeitlage, die ma« charatterifire« kann mit den Worten: Feinde ringsum!
□ Buchsührungskurse für Handwerker.
Ein anerkennenSwerthes Verdienst um de« gesummten Handwerkerstand haben die Handwerkskammern erworben durch die Einführung sogenannter Buchführungskurse, wie st« bereits in dem vergangenen Winter seitens einer Reihe von Kammern und in verschiedenen Städte« abgehalten worden find. Wese Buchsührungskurse entsprechen einem dringenden Bedürfnisse; denn ein Grundübel für den Handwerker, daS namentlich auch bei Submissionen zu Tage tritt, ist die Unkennlniß einer geordneten Rechnungsweise und Buchführung. Namentlich erstere läßt viel zu wünschen übrig.
ES ist nätaltch ein bedenklicher Jrrthum, wenn manch«, sonst strebsame Handwerksmeister glauben, der Erwerb der ersorderlichen Handgriffe genüge zur selbständigen Ausübung eines Gewerbes sowie zum wirthschastlichen Fortkommen. Eine derartige Auffassung verräth eine vollständige Verkennung der modernen Er- werbSoerhältniffe. Gewiß ist eine genügende Kenntniß der Handgriffe und die richtige Ausübung derselben' ein Grunderforderniß jede» Handwerksbetriebes, aber nicht minder wichtig ist eine genaue Kostenberechnung der herzustellenden Produkte, die richt'-ge Kalkulation. WaS nützt rs einem Handwerker, wenn er in feinem Fache noch fo tüchtig ist, wenn er eS aber nicht versteht, die Auslagen für die Materialien, Arbeitslöhne, Mafchinenabnutzung re. zwecks Feststellung d«S Verkaufspreises einer Produktes richtig zu berechnen. Manche Handwerker wunder« fich oft darüber, wie die große« Waarenhäufer, Verkaufsgeschäfte, ihre empfindlichsten Konkurrenten, manche Waar« fo billig verkaufen können und dabei doch noch vorwärts kommen. DaS Seheimniß ihres Erfolges liegt eben hier in der Kalkulation; die Inhaber solcher Geschäfte wisse» ganz genau, wieviel fie nach Abzug der Geschäfts- spesen an den einzelnen Artikeln verdienen — an den einen mehr an den anderen weniger. Und daS Gefammtergebniß, der Gefammtrein- gewinn ist für die Bemessung der einzelne« Waarenpreife wie ihre gefammte Geschäftsführung maßgebend. Aehnlich muß auch der Handwerker verfahren, namentlich wenn er mit seinem Werkstattsbetrieb noch einen Ladenbetrieb verbindet.
Wie wichtig ist nicht die Kenntniß der richtigen Bezugsbedingungen und «quellen der Rohstoffe für die Bemessung de« Preis«« eine« Produkte«, rote maßgebend nicht di« äußere Beschaffung derselbe» hinsichtlich der Verarbeitung? Ein gute» Material wird im allgemeinen auch einen höheren Preis de« au« demselben herzustellenden Produktes bedingen; dabei bleibt aber nicht zu vergessen, daß ein gute« Material sich im allgemeinen leichter wird verarbeiten lasse» al« ein weniger gute« oder gar ein schlechter. Wird also allein schon die Verschiedenheit der VerarbettungSmöglichkeit de« Rohmaterial« auf den Preis eine« Produfte« bestimmend einroirken, so ist noch vielmehr der Umstand für di« Preirbemeffung wichtig, ob die Verarbeitung durch die Hand oder vermittelst Dia- schinen erfolgt. Letztere« ist besonder« zu berücksichtigen in den Branchen der Holz« und Metallverarbeitung, der Nahrung«- und Genußmittel. Wird durch di« Maschtnenbenutzung die auf ein