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Iluk-a, Samstag, bett 9. August 1902.

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29. Jahrgang«

L.-T. Lehrertagung

0ei der 49. chexerolversemmk««- der Katholiken De«rschla«ds.

Seit Jahren ist es ein weiser Brauch, daß gelegentlich der Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands die katholische Lchrerschaft in einer eigenen Tagung der hohen Bedeutung ihres Berufes Ausdruck gibt, die christlichen Er- ziehungSideale stet« aufs neue verkündend. Mannheim, die unbestrittene Handelsmetropole Süddeutschlands, die wafferumgürtete Stadt, wo Neckar und Rhein sich vermählen, nennt auch ein ausgedehntes Schulwesen sein eigen; Mann- Heims eifriges Lokalkomitee ruft im Jahre 1902 die Katholiken Deutschlands und damit auch die katholische Lchrerschaft zur Heerschau. E3 sind weitgehende Vorbereitungen getroffen zu einem gemüthlichen Begrüßungs-Abende und einer glänzenden Festoersammlung der katholischen Lehrerschaft und ihrer Freunde. Hervorragende Redner sind gewonnen; alles wird bereit setr! Drum auf, katholische Lehrer AlldeutschlardS, auf zum Lande seltener Färstentreue, auf zur Fahrt nach Baden und dem ewig jungen Mann­heim. Willkommen Euch katholischen Lchrern und Erziehe'-« bei der 49. Generalversammlung der Kathol k n Deutschlands vom 24. bis 28. August 1902 j« Mannheim; willkommen bei der Begrüßung und Frstverfcmmlung katholischer Lehrer!

I. Nies, Lehrer, Mitglied deS Loka,komttees der 49. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

Mochen-Rnndscha«.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 9. August 1902.

Kaiser Wilhelm ist, begleitet von dem Reichskanzler Grafen Bülow und dem Marinestaats­sekretär von Tirpitz, am Montag an Bord sein Jacht Hohenzollern" nach Rußland abgereist, um den Be­such zu erwidern, den ihm der Zar im Vorjahre gemacht hat. Der Zar wohnte den deutschen Flotten­manövern bei. Ebenso ist Kaiser Wilhelm dazu von dem Zaren eingeladen worden, die russischen Flotten­manöver vor Reval zu besichtigen. Im Vorjahre besuchte der Kaiser nach der Abreise des Zaren die Stadt Danzig, und dort erwiderte er die Ansprache des Oberbürgermeisters mit einer Rede, in der er mit ganz besonderem Nachdrucke die volle Friedenszuver­sicht, die er aus dem mehrtägigen Beisammensein mit dem russischen Herrscher gewonnen habe. Nichts so erklärte damals Kaiser Wilhelm lasse daraus schließen, daß die ruhige, friedliche Entwickelung Europas in absehbarer Zeit von irgend einer Seite in Frage gestellt werden dürfte. Unter demselben Zeichen erfolgt diese erneute Zusammenkunft der beiden Herrscher. Man darf sich darüber nicht täuschen, daß in Rußland noch immer Feindseligkeit genug gegen Deutschland vorhanden ist. Aber so schlimm wie früher ist es doch nicht mehr damit be­stellt; unter dem Zaren Nikolaus sind die gegen­seitigen Beziehungen ohne Zweifel besser geworden. Das politische Testament Kaiser Wilhelm I, gute Be­ziehungen zu Rußland zu Pflegen, wird inne gehalten und trägt gute Früchte für uns nicht nur, sondern auch für die Erhaltung des Friedens in ganz Europa.

Die Wiederherstellung der freundlichen Be­ziehungen zwischen Italien und der Schweiz, vermittelt durch den deutschen Gesandten von Bülow in Bern, soll ihren öffentlichen Ausdruck dadurch finden, daß König Viktor Emanuel bei seiner Rückkehr von Berlin den Weg über Luzern wählen und dort ein feierliches Gabelfrühstück von derSchweizer Bundes­regierung annehmen wird.

In Europa find mehrere Führer aus dem Buren- kriege angelangt, um die Hilfe berühmter Aerzte auf­zusuchen. Bor allen ist zu nennen Präsident S teij n vom Oranje-Staate. Die ungewohnten An­strengungen und fürcherlichen Entbehrungen des Krieges haben ihn auf ein schmerzvolles Krankenlager ge­worfen: Seine Gliedmaßen sind beinahe gänzlich gelähmt, seine Augen schwer angegriffen. Die an­fängliche Besorgniß, eS möchte ein unheilbares Hirn- «nd Rückenmarkleiden vorliegen, hat sich aber zum Glück nicht bestätigt. Man hofft die Gesundheit des Wackern Helden wieder herstellen zu können. Auch der Burengeneral Lukas Meyer ist in Europa angelangt und vom König von England eingeladen worden, der Krönungsfeierlichkeit beizuwohnen. Er hat sich aber höflichst dafür bedankt mit dem Hin­weise darauf, daß er auf dem europäischen Festlande eine Badekur durchzumachen habe. Die Krönung am 9. August wird König Eduard tm Rollstuhle mitmachen müssen. Mittwoch ist er in London einge- troffe«. Ob er die Krönung ohne erneuten Schaden für seine Gesundheit wird aushalten, wird sich zeigen. Prinz Heinrich von Preußen nimmt the.l an den Feierlichkeiten, diesmal aber nur als Privatpctson, nicht als Abgesandter des deutschen Kaisers.

Größtes Aufseben hat der Fall Löhning in Posen erregt. Der Geheime Oberfinanzrath Löhnung

war Provinzialsteuerdirektor in Posen. Er verlobte s und verheirathete sich mit der Tochter eines Regie« c rungssekretärs Namens CocciuS, der ftüher Feldwebel I gewesen war, und daraus ist ihm nun ein Verbrechen s gemacht worden. Der Oberpräsident hat ihm gesagt, i ) er deswegen seinen Abschied nehmen müsse, < augenscheinlich mit der ausgesprochenen Billigung des Finanzministers Freiherrn von Rheinbaben. Nach- i träglich hat man sich Mühe gegeben, den ungeheuer \ ungünstigen Eindruck zu verwischen, den diese Maß- . regelung als ein Ausfluß widerlichen und albernen ' Kastengeistes erzeugt hat; man hat behauptet, Löhning 1 ei in den Ruhestand versetzt worden, weil er ein Gegner des neuesten PolenkurseS ist. Daraus hat er aber niemals ein Geheimniß gemacht, und dennoch ffat ihm der Finanzminister mehrfach ganz besondere Anerkennung für seine Amtsführung ausgesprochen. Reichskanzler Graf Bülow dürfte kaum mit der Art der Behandlung dieser Angelegenheit einverstanden rin, und man hat deswegen noch Weiteres darüber y erwarten.

Als bayerischer Kultusminister ist Freiherr von Podewils auserkoren worden, wie das von allem Anfänge her erwartet wurde. Seine Er­nennung ist zweifellos, nur noch nicht amtlich ange­zeigt, weil die Verabschiedung des Herrn von Land­mann auch noch nicht in amtlicher Form vollzogen st. Die Behauptungen der liberalen Presse, das Centrum werde dem neuen Minister in der Abgeord­netenkammer von Anfang an grundsätzliche Opposition machen, sind durchaus unwahr; es wird ganz und gar von dem neuen Minister und von der Art seines Auf­tretens abhängen, wie das Verhältniß zwischen ihm und dem Centrum sich gestalten wird.

Die Zolltarif-Kommission desReichs- tages steht nun endlich am Ende der ersten Lesung des Zolltarifentwurfes. Die wichtigen Eisen- und Maschinenzölle haben weniger Schwierigkeiten gefunden, als man vorher wohl angenommen hatte; fast alle ihre Zollsätze sind unverändert nach dem Regierungs- entwurfe angenommen worden. Damit ist aber noch nichts entschieden. Die Entscheidung wird ja diesmal auch gar nicht in der Kommission, sondern erst im Plenum des Reichstages fallen. Das Eine ist gewiß: Werden der Landwirlhschaft nicht Schutzzölle in der er­forderlichen Höhe zuerkannt, würden diese Eisenzölle eine große Ungerechtigkeit für sie sein.

In diesen Tagen ging die Meldung durch die Presse, die Verhandlungen über die ®rru lang einer katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Straßburg, geführt durch den Abge­ordneten Freiherrn von Hertling in Rom, feie t aufs neue gescheitert, und zwar infolge bestimmter Forderungen des Kardinals Rampolla. Diese Meldung ist mit großer Vorsicht aufzunehmen. Die Wahrheit dürfte sein, daß die Angelegenheit zwar noch nicht bis zur endgiltigen Entscheidung gediehen, aber thatsächlich der Entscheidung, und zwar der bejahenden Entschei­dung, um einen Schritt näher gerückt ist.

Die Errichtung einer apostolischen Nuntia­tur in Konstantinopel ist ein Thema, von dem bereits seit längerer Zeit die Rede ist. Jetzt ist vom Vatikan bei mehreren Mächten angefragt worden, wie sie sich zu der Ausführung dieses Planes ver­halten würden. Frankreich will nichts davon wissen. Frankreich verfolgt daheim die Kirche, will sich ihrer aber im Auslande bedienen zur Verstärkung seiner politischen Machtstellung, und will deswegen auch sein Protektorat über die Katholiken im Orient nicht auf­geben. Wenn in Konstantinopel eine Nuntiatur er­richtet würde, müßte das Protektorat noch faden­scheiniger werden, als es ohnehin schon ist, und des­wegen sind die Franzosen gegen die Errichtung der Nuntiatur. Rußland richtet keine Stellung nach der Haltung Frankreichs ein, so daß wohl von den Mächten auf dem europäischen Festlande nur Deutschland und Oesterreich-Ungarn dem Plane volle Beistimmung zollen. Es ist somit fraglich, ob es zu der Errich­tung der Nuntiatur kommen wird.

Inzwischen schreitet der Kulturkampf inFrank- reich immer weiter fort. Es hat in verschiedenen Orten schon sehr aufgeregte Szenen gegeben bei der Aushebung der Kongregationsschulen, und es ist zu vermuthen, daß noch stürmischere Auftritte folgen werden, namentlich in den gut katholischen Provinzen an der Meeresküste. Die Lage wird am besten da­durch gekennzeichnet, daß auch in liberalen Zeitungen an der Vortrefflichkeit der Politik der Herren Combes und Genossen gezweifelt wird. Erstens gefällt die rohe Art des Vorgehens gegen die Kongregationen keinem anständigen Menschen. Zweitens aber halten auch liberale Organe der französischen Regierung vor, daß sie ja gar nicht im Stande sei, alle die Kinder, die auf so brutale Weise ihrer Schule betäubt werden, bald auf andere Art mit geeignetem Unterricht toteber zu versorgen. Ungemischte Freude empfinden an den Thaten des Ministeriums Combes nur die Sozial­demokraten; und auch nur Sozialdemokraten sind es, die in Frankreich mit Straßenkundgebungen zu Gunsten der Schulaustreibungen dem Ministerium zu Hilfe kommen. Auch von Petersburg aus ist dasselbe bereits abfällig kritifirt worden. Es kann sehr leicht vor­kommen, daß am Ende bei dem Kampfe zwischen den Kongregationen und dem Ministerium dieses Letztere unterliegt.

In Spanien ist das liberale Regiment des greisen Liberalenführers Sagasta bald an seinem Ende an­gelangt. Herr Sagasta hat bereits selbst in einer für die Otffentlichkeit berechneten Unterredung erklärt, daß er glaube, es habe die Stunde der Ruhe für ihn ge- ! schlagen. Ex hat das mit der schönen Redensart be­gründet, daßseine Mission erfüllt sei mit der Thron­besteigung des jungen, klugen und guten Herrschers". Aber daß das nur leere Vorwände sind, ist ohne weiteres klar. Die Verhandlungen mit dem Vatikan

sind noch nicht beendet; man weiß augenscheinlich auch nicht, bis wann sie etwa zum Ende gelangen könnten. Der Vatikan wird sich, auch schwerlich allzu sehr damit beeilen. DaS Parlament wird vermuthlich in der zweiten Hälfte des Monats Oktober wieder einberufen werden.

Die «usgleichsverhandlungen zwischen Oester- reich und Ungarn stehen noch immer auf dem alten Flecke. Nach den letzten Meldungen sollen sogar die Zolltarifverhandlungen aus neue Schwierizkeiten ge­stoßen sein. Von einem baldigen Abschluß ist also keine Rede.

Nicht minder unliebsam ist der Ausstand der Feldarbeiter im östlichen Galizien. Der AuSstand ist gut organistrt. Aber so sehr man Mit­gefühl haben muß für die schlimme wirthschaftliche Lage der Arbeiter unter dem rückständigen Regimcnte der meisten adeligen Grundbesitzer in jener abgelegenen Gegend, so muß man doch Widerspruch erheben, gegen die schwindelhafte Art und Weise, in der die be- dauernSwerthen Leute durch die Agitatoren systematisch aufgehetzt werden. Diese Agitatoren stellen sich vielfach an, als handelten sie im Sinne des Kaisers! Es bleibt gar nichts anderes übrig, als nun der Gewalt mit Gewalt zu begegnen; und das Ende vom Liede wird eine schlimme Ernüchterung der betrogenen Ar­beiter sein, denen gerade eine Verbesserung ihres Looses recht sehr zu wünschen wäre. Daß die Grund, besitzer durch die Verzögerung der ohnehin verspäteten Ernte Schaden erleiden, ist selbstverständlich. Aber was nützt das dem Arbeiter, wenn für diese nicht gleichzeitig wirthschaftliche Vortheile erzielt werden?

Die Kämpfe in Mittelamerika und in Vene­zuela haben in der letzten Zeit eine erneute Leb­haftigkeit angenommen. In Venezuela scheint eS dem Präsidenten Castro gar nicht gut zu gehen, denn ine Regierungstruppen erleiden eine Niederlage nach der anderen, und Castro fürchtet sich augenscheinlich vor einem entscheidenden Treffen. In Columbia dagegen tehen die Dinge anders: dort werden die Aufständischen vermuthlich bald als Besiegte am Boden liegen und Friede und Ruhe werden wieder am Isthmus von Panama cinkehren.

X Arbeiterstatistik.

So dürftig im allgemeine» auch dir Pflege gewesen ist, di- mix in Deutschland bisher amt. licherseits d?r Arbeiterstatistik hat an gedeihe« laffen, so lebbä'H Jnterrffe wird augenblicklich seitens der J?r r-ffenoeitteiuxgen der Arbeiter ihr entgegenßebrr cLt. Wir denken hier weniger an die allgemeine Staustik, welche seitens der <8e« wsrkoereine über ihre Verhältniffe, Mitglieder­zahlen, Lohnhöhe rc. veröffentlicht wird, sondern mehr an die lokale« Statistiken, welche von de« Arbeitersekretariaten mit Hilf« der Ge­werkschaftskartelle vorgrnommen werden und auf deren Gebiet wohl zuerst Nürnberg bahn« brechend vorgegangen ist.

Je mehr die Gewerkschaften namentlich auch in den Zentren der Industrie an Ausdehnung gewinne», umsomehr erweist sich eine solche lokale Statistik als nothweudig; die Gewerkschaften haben sich die Hebung der gejammten Lebens- Haltung des Arbeiterstandes zur Aufgabe gesetzt, und wollen sie nun zu diesem Zwecke mit For- derungen an die Arbeitgeber oder die Gemri«deir herantreten, so müffen ste vor allem eine Grund« läge haben, auf welcher sie diese begründen können, und diese soll eben di« Statistik über die wtrth- schaftlichen Verhältniffe deS ArdetterstandeS in einem Orte bieten. Die orennendste soziale Frage ist augenblicklich wohl di« Wohnungsfrage und die Mitwirkung an ihrer Lösung ist eins der vor- nehmltchsten Aufgaben der Gemrindrpolitik. Wie oft kann man aber seitens mancher Städte höcen, eine Wohnungsfrage cxmirt bei ur3 nicht oder doch mit in g'ringem Maße, während im Woh- nupgSwesen vielleicht Zustände herrsche», die voll­kommen unwürdig sind und sich nur der allge­meinen Kenntntß entziehen. Gerade in das Ge­biet des Wohnungswesens soll die Arbeiter« statistik ihr Licht htneinlruchten laffen und die Gemeinde zu Maßnahmen einer gesunden Woh- nungspolitik zu bewegen suchen.

Eben die Beyauptung in der städtische« itörper« schäft in Hanau, es bestände k-ine Wohruagsnoth, gab z. B. dem dortigen Gewerkschaftskartell Ver- anleffung, statistische Erhebungen über diewirth- schastliche Lage der Arbeiter Hanaus" zu veran- stalten, wobei die Wohnungsverhältmffe besonders ' berücksichtigt wurden. Und was ergab sich? Es verfügten über 1 Zimmer 7,1 pCt. der an der Erhebung Brthetligten, über 2 71,1 pCt., 3 18,0 pCt., 4 3.3 pCt. und über 5 und mehr Zimmer 0,4 pTt. Hierbei ist aber zu bemerken, daß alle die Zimmer mitgezählt find, welche der eigentlichen Benutzung des Miethers durch Wieder- vermtethung entzogen wird; dies war bet 10,2 pCt. der Fall, so daß auf die vom Inhaber al­lein benutzte Wohnung durchschnittlich nur 2,05 Zimmer entfallen. Wie mögen ober diese Zimmer beschaffe» sein? Witviele Dachkammern möge« mitgezählt worden fein; dazu kommen Klagen der Mikther über kaum paffirbare Trepp;«, Mangel an Licht und Lust, sowie feuchte Woh- »ungen.UFür Wohnungsmiethe wurden in

Hanau durchschnittlich 21,6 pTt. auSgegeben, am meiste» von den Tabakarbeitern 30,3 pCt,, am wenigsten von den Fuhrleuten 15,9 pCt. Sine Uebersicht über das Verhältniß der Zahl der Zimmer zur Kinderzahl ergibt, daß die Zahl der mittleren Wohnungen mit 2 Zimmern bis zu 3 Kinder« mverändert bleibt und erst bei 47 Kinder« etwas zurück geht, während erst die größeren Wohnunze» von 3 und mehr Zimmern wieder eine stufenweise Steigerung' mit jeder Vermehrung der Kinderzah! erkennen laffen. Trotz­dem können wir es mit den Erhebungen gewiß nicht als ein befriedigendes Resultat bezeichnen, wenn von de« Familien mit 5, 6 uxb 7 Kindern nur etwa 30 pCt. eine Wohnung von mehr als 2 Zimmern bewohnen können. Wir sehe« ab von den au diese Resultate geknüpften Bemer­kungen gegenüber den städtischen Behörde« Hanaus über das wirkliche Bestehen einer Wohnungsnoth, sowie de« oorgeschlagenen Abhilfsmilte! und weitere« Ausführungen; haben vielmehr an diesem einen Beispiele nur zeigen wolle», wie verdienst­voll und werthvoll zugleich solche Erhebungen der Gewerkschaftskartelle sein können.

Den Hanauer Erhebungen waren 2382 Frage­bogen zu Grunde gelegt, die von 4000 überhaupt vertheilten beantwortet worden waren. Bei der Beantwortung der Fragebogen ergab sich, daß unter den einzelne« Berufe« die besser bezahlte» Berufe sich an der Erhebung betbeiligten, während die schleckt bezahlten sich gefliffrntlich zurück- hielten. U«d doch sollte man meinen, die letzteren hätten das größte Jnteteffe daran, daß über ihre Lags möglichst viel Licht verbreitet und der Bode« dadurch für gewerkschaftliche Aktionen geebnet würde. Wir möchten diese mangelhafte Betheiligung der sogenannte« schlechter Bezahlten darauf zurückführen, daß letztere in Folge ihrer schlechtere« wirthschaftliche« Lage erfahrungs­gemäß geistig mehr abgestumpft sind und des­halb weniger Aufmerksamkeit bekunden für ihre Standesintereffen. Es zeigt sich, daß eine allge­meine Arbeiterbewegung nur möglich ist bei einer Hebung deS Kulturnioeaus, auch der untersten Klaffe», daß andererseits eine gewisse beffere wirthschaftliche Position die Beschäftigung mit den Standesfragen fördert und den Arbeiter zum Denken anregt, ihn zu geistige« Arbeiten befähigt. <

Wir würden uns lebhaft freuen, wenn us8 demnächst auch einmal von einem Kartelle unserer christliche« Gewerkschaften eine derartige Erhebung vorgrlegt würde, u«d wir auf dieselbe Hinweise« könnte«. Wir wolle» ja nicht verkennen, daß die Verarbeitung des Materials bet der Jugend der christliche« Gewerkschaften ihre Schwierig­keiten haben würde; vor einem Versuche sollte« diese jedoch nickt unbedingt zurückschrrcken. Grundbedingung für den Erfolg statistischer Er­hebungen bleibt eine genügende allgemeine wirth- schastliche, soziale und geistige Bildung unserer Arbeiter, die sie befähigt, nicht allein den Nutzen statistischer Erhebungen einzusehen, sondern auch an ihrer Aufstellung wirksam mitzuarbeiten.

Unpolitische Zeitläuse.

® Berlin, 7. Aug. 1902.

Kürzlich war in Berlin ein großer Steno- grapbentag versammelt. Die Schönheiten und Vorzüge der Kurzschrift wurden dabei natür­lich in Helles Licht gestellt. In der That, es ist sehr angenehm und nützlich, wenn man steno- graphiren kann. Aber die schöne Kunst zu erlernen, ist schwer.

Die Vereine, welche dieses oder jenes System der Kurzschrift zu verbreiten suchen, oder Privat- lehrer, die ihren stenographischen Kursus füllen wolle«, erloffk« manchmal Ankündigungen, als ob man «ach etuige« Unterrichtsstunden und kurzer Uebung schon ei» perfekter Stenograph sein und Vorträge wörtlich nachschreiben könne. So schnell u«d leicht geht's aber doch nicht. Man kann sich das ja auch bei ruhiger Ueberlegung selber klar machen. Wenn ein Redner drei Sil­ben oder »och mehr in der Sekunde spricht, so muß der Stenograph, der ihm folgen will, in jeder Sekunde die nöthigen Zeichen für ebensoviele Silben machen und zwar muß er die Zeichen recht genau machen, da jede kleine Abweichung zu Unklarheit oder gar zur falschen Wiedergabe führt. Bei der gewöhnlichen Schrift macht es ja nicht viel aus, wenn mal der eine oder andere Buchstabe nicht zu lesen ist; man liest da nach der Gesammtheit der Zeichen für ein Wort nach dem Wortbilde. Ja der Stenographie aber hat jedes Zeichen eine weittragende Bedeutung und zugleich nur einen geringen Unterschied gegenüber mehreren anderen Zeichen. Die Handführung muß also zugleich sehr schnell und peinlich korrekt sein, und diese starke Anstrengung deS Gehirns und der Muskeln muß für längere Zeit unge­schwächt fortgesetzt werde». Einige können es lernen, andere nie.