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mit dtn Beilagen
„lllustrirte Sonntags-Zeitung", „5uldaer KeschichisblAtet" und kotletie-Nstr.
Julöa, Samstag, den 2. August 1902.
OM AN» Verla« «er Anlbaer XcterutraXy* ’ veler^leLellr. 1. (Uonunia
29. JahrgMg.
Mschen-Rrrndschan.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 2. August 1902.
Der Kaiser ist früher von seiner Nocdland- reise zurückgekehrt, als im Anfänge beabsichtigt war. Die ganz eigenartigen Sommerlüfte dieses Jahres haben ihn aus den nordischen Breiten vertrieben, es ihm dafür möglich gemacht, dem neuen Hafen in Emden den Besuch abzustatten, der schon im Vorjahre stattfinden sollte, aber wegen der tödtlichen Erkrankung der Kaiserin Friedrich unterbleiben mußte. Kürzlich wurde in verschiedenen Blättern gemeldet, der Kaiser wolle in den ersten Augusttagen dem britischen Königspaare einen persönlichen Besuch in Cowes auf der Insel Wight abstatten. Nach ander- weiten Meldungen ist „an amtlicher Berliner Stelle nichts davon bekannt". Es könnte sein, daß die Reise wirklich geplant, dieser Plan nachträglich aber aufgegeben wurde. Das Befinden des englischen Königs scheint in der allerneuesten Zeit wirklich gute Fortschritte gemacht zu haben; die Operationswunde soll vollkommen geheilt sein, und die Krönung ist nunmehr durch amtlichen Erlaß endgiltig auf den 9. August angesetzt worden. Natürlich werden unter den obwaltenden Umständen die Krönungsfestlichkeiten aufs Aeußerste eingeschränkt werden müssen. Der Besuch des Königs von Italien in Berlin wird bestimmt im letzten Drittel des Monats August stattfinden.
Die Erneuerung des Dreibundes und die Gestaltung des neuen Dreibundvertrages sind während der letzten Zeit noch immer in der Prefle erörtert worden, und zwar in einer Weise, daß es ganz danach aussah, als hätten gewisse Leute ein ganz besonderes Vergnügen daran, den Dreibundmächten Verlegenheiten zu bereiten. Wenn man nun 'vorher in den Zeitungen gelesen hatte, wie ärgerlich die Franzosen und wie enttäuscht sie waren über Italien und dessen erneuten Anschluß an den Bund ohne eine Veränderung des Vertrages, dann konnte man schon einige Schlüsse darauf ziehen, woher wohl dieser Wind wehen mochte. Auch wollte man vielleicht «uf diesen Umwegen eine Veröffentlichung des Dreibundvertragrs bewirken; aber alle diese Treibereien sind natürlich vollkommen ersolglos geblieben. Der Dreibund ist in vollkommen unveränderter Form erneuert worden. Bestimmte militärische Verabredungen für Kriegsmöglichkeiten sind in dem Vertrage selbst nicht enthalten, weil solche Verabredungen ja gar nicht für die Dauer getroffen werden können, sondern ab und zu nach den gegebenen Verhältnissen verändert werden müssen. Der Zweibund wird sich auch hüten, seine Vertragsbedingungen zu veröffentlichen. Also kann man das auch vom Dreibunde nicht verlangen.
Die internationale Konferenz zur Unterdrückung des Mädchenhandels in Paris ist wieder geschlossen worden, ohne daß man viel von ihrem Verlaufe oder von bestimmten Beschlüssen gehört hätte, die dabei gefaßt wurden. Nur über die Schluß-Sitzung ist ein offiziöser Waschzettel versandt worden. Da wurde gesagt, Justizminister Balls habe eine Ansprache gehalten und ausgeführt: Frankreich wünsche sich Glück dazu, daß es in Paris habe Männer versammeln können „von verschiedener Herkunft und verschiedenen Meinungen, aber geeint durch die Liebe zum Guten, die Sorge für die öffentliche Sittlichkeit und das brüderliche Band der Wissenschaft des Rechtes und der Menschenliebe". Das sind ja recht schöne Worte. Aber ob etwas Handgreifliches dahinter stecken mrij,? Man möchte fast fürchten, daß die fein gedrechselte Rede nur den Mangel an wirklichen Erfolgen verdecken sollte. Dann würde also dieser schmachvolle Sklavenhandel zu schmutzigen Zwecken wahrscheinlich ungestört seinen Fortgang nehmen — o zwanzigstes Jahrhundert!
Noch von einer anderen internationalenBerathung ist in diesen Tagen die Rede gewesen; eigentlich nur von einem Vorschläge dazu: Nämlich von einer internationalen Berathung über die handelspolitischen Wirkungen der Syndikate aus den Vorschlag der russischen Regierung hin. Im englischen Parlament hat Ministerpräsident Balfour auf die Frage eines Abgeordneten den Bescheid gegeben, daß die russische Regierung wirklich einen solchen Vorschlag gemacht, aber — wenigstens von England — bis jetzt noch keine Antwort darauf erhalten hat.
Die Handelspolitik in der Zolltarif-Kommission des Reichstages hat während der abgelaufenen Woche wieder einmal etwas mehr von sich hören gemacht. Staatssekretär Graf Posadowsky hatte sich geärgert darüber, daß auch ein Bundes- rathSmitglied, nämlich ein badischer Geheimrath, in Gemeinschaft mit Reichstagsabgeoroneten gegen einzelne Zollsätze des Tarifentwurfes Widerspruch erhob und eine Erhöhung des Zolles für Mauersteine verlangte. In seinem Unmuthe hatte der Staatssekretär eine Aeußerung gethan, die man allgemein so deutete, als habe er sagen wollen: Er glaube gar nicht mehr an das Zustandekommen des Zolltarifes. Gedacht hat das der Herr Staatssekretär augenscheinlich; aber sagen wollte er es nicht. Und deswegen kamen die bekannten Beschwichtigungshofräthe und suchten die Rede des Grasen Posadowsky wieder auszuwischen und umzudeuteln. Es kommt darauf nicht weiter an. Mehr kommt es auf etwas Anderes dabei an. Der
Staatssekretär hat von neuem dabei gesagt: Der Zolltarifentwurf der Bundesrathes sei nach langen Verhandlungen zu Stande gekommen und bilde in sich bereits „ein Kompromiß, das man nicht durch das Geltendmachen von Einzelwünschen und örtlichen Interessen gefährden solle." Das bedeutet doch nichts Anderes, als daß Graf Posadowsky sagen wollte, der ganze Entwurf sei eigentlich etwas Unantastbares, und gegen diese Auffassung muß man stets von neuem nachdrücklichen Widerspruch erheben. Es ist eine vollkommen unhaltbare Auffassung der Regierung, nichts an ihrem Zolltarife ändern lassen zu wollen. Dazu kommt, daß sie sich wohl Abstriche gefallen lassen, aber in keinem Falle Erhöhungen; und das kann doch nicht die „Verständigung" sein, die allgemein von den zollfreundlichen Parteien und angeblich auch von der Regierung gewünscht wird. Denn unter einer Verständigung versteht man einen Ausgleich zwischen zwei verschiedenen Standpunkten, nicht die bedingungslose Unterwerfung des einen Theils unter den andern.
Bis zum 8. August soll die erste Lesung des Tarifentwurfes von der Kommission beendet werden und alsdann eine Pause in den Berathnngen desselben eintreten.
In dem Reichstagswahlkreise Montabaur- S t. Goarshausen hat am letzten Montag die Ersatzwahl für Dr. Lieber stattgefunden. Es handelt sich dabei um den Centrumskandidaten Dr. Dahlem, den nationalliberalen Wahlbewerber Krawinkel und den Gutsbesitzer Brand, der vom Bunde der Land- Wirth e als besonderer Kandidat aufgestellt worden war. Dr. Dahlem hat im ersten Wahlgange glänzend gesiegt: er hat mehr als 2500 Stimmen über die absolute Mehrheit erhalten. Die Kandidatur des Bundes der Landwirthe hat namentlich den National- liberalen Abbruch gethan, die weniger Stimmen als bei den letzten Wahlen erhielten. Die Centrumsstimmen aber haben sich gegen 1898 nicht unerheblich vermehrt. Ein Sozialdemokrat vereinigte etwa 660 Stimmen auf sich.
In Bayern wird es io kommen, wie von An- ftng an vermuthet wurde: Freiherr v. Podewils wird der Nachfolger des Herrn von Landmann im Kultusministerium werden. Er wollte anfänglich nicht dieses Ministerium übernehmen, scheint aber nachträglich seine Bedenken aufgegeben zu haben, und jetzt ist seine Ernennung so gut wie sicher. Frhr. v Pooewils ist i. I. 1850 geboren, gehört einer gut katholischen Familie an und war bisher nur im d ramatischen Dienste Bayerns thätig. Zuletzt war e bekanntlich bayerischer Gesandter in Wien. Die Stellung des Centrums zu dem neuen Minister hängt i diglich davon ab, wie dieser sich zu den schwebenden Fragen verhalten wird.
Von einem Anschlages gegen den Prinzen Arnulf von Bayern war in diesen Tagen in den Zeitungen die Rede; jedoch in übertriebener Weise. Es handelt sich um einen anonymen Drohbrief, der dem Prinzen zuging. Die Ermittelungen wegen des Absenders haben bis jetzt zu keinem Ergebnisse geführt.
Eine entscheidende Rolle hat Deutschland gespielt bei der Aussöhnung'zwischen Italien und der Schweiz. Der Zwist ist vollständig aus der Welt geschafft, und zwar hauptsächlich durch das freiwillige Vermitllereingreifen der deutschen Reichsregierung, vertreten durch den deutschen Gesandten von Bülow in Bern. Sowohl in der Schweiz als auch in Italien ist man für diese Vermittelung sehr dankbar. Eine halbamtliche italienische Kundgebung in einem römischen Regierungsblatte bezeichnet diesen Vorgang als einen „allgemeinen Beweis dafür, daß „der Dreibund" nicht nur nach den Buchstaben des Vertrages, sondern auch seinem Geiste nach mit unvermindertem Werthe erneuert worden ist, und daß die Verbündeten Mächte auch außerhalb des Rahmens verbriefter Pflichten zu gegenseitiger Unterstützung bereit sind."
In Oesterreich-Ungarn haben sich leider die Hoffnungen auf eine endliche Erledigung der Verhandlungen über den Ausgleich von neuem als trügerisch erwiesen. In Ischl hat unter dem persönlichen Vorsitze des Kaisers eine neue Berathung der Minister stattgefunden; aber die Berathung hat wiederum geschlossen werden müssen, ohne daß das lang ersehnte Uebereinkornrnen erzielt worden wäre.
Sehr nachdrücklich will man in Oester, eich gegen die Verbreitung der Tuberkulose vorgehen. Ein Erlaß des Ministerpräsidenten ordnet ähnliche Maßregeln dagegen an, tote gegen andere ansteckenden Krankheiten, worüber sich manche Stimme verwundert aussprach: Anzeigepflicht, Desinfizirung der Räume, Vereinzelung der Kranken. Wenn man aber weiß, daß Tuberkulose ansteckt, dann muß man doch auch ebenso dagegen verfahren, w e beispielsweise gegen Scharlach und Blattern. Außerdem aber geht der Staat mit einer Reihe von Maßregeln vor, um auch die Heilung der Kranken zu befördern; es sollen namentlich Heilstätten und Asyle für die Kranken errichtet werden, und das ist ganz besonders lobenswerth.
In ihrem Kulturkämpfe mußte die französische Regierung einen theilweisen Rückzug antreten. Eine ganze Reihe von Niederlassungen mußte wieder freigegeben werden, obwohl im Anfänge auch sie der Aufhebung verfallen sollten, weil sie der Waisenpflege gewidmet sind, also mildthätigen Zwecken. Am letzten Sonntag ist es in Paris zu lärmenden Straßenkundgebungen und dabei auch zu verschiedenen Personenverletzungen gekommen; aber im allgemeinen find schlimme Ereignisse nicht dabei zu verzeichnen gewesen. Daß die Katholiken in ihrem Widerstande gegen die Eingriffe der Regierung in die verfaffungs- gemäß gewährleistete Schulfreiheit beharren, versteht sich von selbst.
Neuerdings find in London amtliche Schriftstücke über den Burenkrieg erschienen. Darin ist auch
die Entschließung des Friedenskongresses zu Vereem- ging enthalten und ihre Begründung. Man ersieht daraus von neuem, daß die Burenländer vollständig von den Engländern verwüstet worden find — ein hoher Ruhm für das edle Britannien!
Unpolitische Zeitläuse.
G Berlin, 31. Juli 1902.
(Nachdruck »erböte».)
Heute wollte ich wahrhaftig nicht vom Heirathen reden; aber geht'« denn anders? Da kommt der Herr Finanzminister mit dem neuesten Beamtengesetz : „Du sollst nicht heirathen die Tochter eines Feldwebel«, sonst wirst du zwangsweise pensionirt!" So ein Beitrag zur Kulturgeschichte der 20. Jahrhundert« muß doch gebührend gewürdigt werden.
Die Wirklichkeit dichtet manchmal noch sonderbarere Romane, al« die Feder. Ein verwittweter Provinziaisteuerdirektor ist noch nicht alt geworden, obschon er nah« an Sechzig stehl. Er besuchte im vorigen Herbst eine Festlichkeit de« Poftner Vereins deutscher Katholiken und lernte dort die feine, liebenswürdige und tugendhafte Tochter eine« Re- gierungS-Sekretärs krnuen. Daraus ersieht man nebenbei, daß dis katholischen Vereinsftste den guten Zweck erfüllen, zu »icht-gemifchten Ehen den Grund zu legen. Im Februar kommt e« zur Verlobung. Am 16. Februar ist der Prosinzialsteuer- direktor mit der betreffenden Familie in dem dortigen „Eichwalde-Etablissement zusammen; am 17. Februar trifft man sich auf der Eisbahn (ein Umstand, der für die Rüstigkeit und Frische des Herrn spricht) und darauf findet die Verlobung statt. Al« der Bräutigam Abends nach Hause kommt, findet er dort bereits einen „Tropfe.» Gift" für seinen Freudenbecher: einen anonymen Brief. Der Verfasser oder di« Verfasserin hat beobachtet, daß oer Provinzialsteuer- direktor mit ter betreffende« Familie im Eich- wald-Etablissemeot verkehrt hat. Sollt« er die Tochter heiraten wollen? Hn, da muß er gewarnt werden! Da muß man ihm schleunigst unter die Nase reiben, daß der Vater der Braut, der jchige RgerurgSsekretär, früher ein — schrecklich zu sag'i! ein — Feldwebel gewesen ist. Da« war übrigen« nicht der einzige anonyme Brief. Sogar der Finanzminister, der oberste Vorgesetzte de« Bräutigam«, erhielt namenlose Zuschriften über die Verlobung, und sein Dezernent in Personalsachen sprach die Vermuihung au«, daß einzelne davon aus dem eigenen Amte de« Steuerdirektor« stammten. Der dortige Bureau-Vorsteher erklärte zwar, daß er keinem der Beamten eine solche Gemeinheit zutraue; aber nach den sonstigen Enthüllungen über da» Verhalten einiger Beamte» gegen ihren Chef, ist der Verdacht nicht so ganz ausgeschlossen.
Doch da« ist Nebensache. Die Hauptsache ist, daß nun der ganze hohe Apparat in Bewegung gesetzt wird gegenüber dem fürchterlichen Aergerniß, daß ein Prooinzialsteuerdirektor die Tochter eine« Feldwebel« heirathet. Ei« Steuerrath reiste nach Berlin z«m Finanzministerium, der Finanzminister schickte feiren Bearbeiter der Personalsachen an O.t und Stelle; der Oberpräfident wird mit in die Haupt- und Staatsaktion gezogen. Letzterer zieht Eikundigungen über die Braut ein, die nichts Nachtheiliges ergaben; aber er hält auch m>t dem kommandirenden General wiederholt Rücksprache und läßt sich von diesem bestätigen, daß ein Provinzialsteuerdirektor nicht die Tochter eine« ehemaligen Feldwebel« heirathen kann, ebensowenig wie ein Oberst da« könnte!
Was gehen nun die Personalien der bürgerlichen Beamte« den General an? O, der General ist dort zu Lande tonangebend für das ganze oesellschaftliche Leben. In allem, was mit dem „Ehrenpnnkt" iraendwie zusammenhängt, ist die ganze „feine Welt", auch das bürgerliche Beamtenthum, der gaiz ergebene Nachbeter der militärischen Parole. Wäre der Bater der Braut früher Gehilfe in irgend einem bürgerlichen Geschäft gewesen, statt al« biederer Feldwebel einem Haiptmemn zur Seite zu stehen, so hätte man wayrschrinlich von der Vergasgenbeit wenig Aufhebens gemacht. Aber wer einmal Feldwebel gewesen ist. der untersteht zeitlebens dem militärische» Rangmaße. Wie körne» dis Herren Offiziers es dulden, daß sie und ihr« Gemahlinnen die Tochter eines untergeordneten Feldwebels als „Frau Provinzialsteuerdirektor^ wieder treffen? MU großartiger Nobleffe haben denn auch alsbald Offiziere den bekannten RegierungSräthen ins Ohr geraunt: Aha, dir Tochter von unserem früheren Feldwebel wird also Eure Cheseuse! Und die Herren Regierungsräthe weifen diese starke Einmischung nicht zurück, sondern berichte» das Urtheil des militärische» Kastengeistes de- müthig weiter.
Der bedrängte Bräutigam schreibt nun «och einen Entschuldigungsbrief und Rechrfertigungs- brief an den Finanzminister, aber vergebens. Er ,
bekommt keine unmittelbare Verantwortung, sondern erhält vom Oberprästdenten mündlich ein Uitl* matum mitgethrilt, wonach er sofort stehenden Fußes ohne schriftlichen Bescheid und ohne lieber« legungsfrist, sich entscheiden soll, ob er in die angebotene Penfionirrmg willige. Natürlich war da nicht der Feldwebel-Ursprung der Braut alS entscheidend hingestellt, sondern der formelle Verstoß der Unterlassung der Anzeige und gereifte politische Amßerungen des armen SünderS heran- gezogen. Diese politischen Dinge waren schon älteren Datums; wenn der Minister sie wirklich für anstößig gehalten hätte, so würde er schon längst den betreffenden Beamten versetzt oder zur Rechenschaft gezogen haben. Aber es wat alles gut und schön, bis die Verlobung mit der Feldwebels-Tochter kam, da war in 14 Tagen dem beleidigten Kastengeist daS Sühnopfer gebracht und der preußische Staat von der schrecklichen Gefahr befreit, daß ein ehemaliger Feldwebel sich der Schwiegervater eines ProvinzialsteuerdirektorS nennen könnte.
Nach erfolgter Pensionirung ist nun die Hei- rath glücklich zu Stande gekommen. Für die Nächstbetheiligken ist also die Frage gelöst. Ich aber, als sorgsamer Familienvater, fitze nachdenklich da. Mein Junge, der zur Zeit seine Hosen auf Untertertia verschleißt, kann doch auch »och Beamter ober wenigstens Reserveleutrmnt werden? Wen darf er dann heirathen und wen darf er nicht heirathen? Welche Begriffe von Miß- heirath und standesgemäßer Heirath soll ich ihm anerziehen? Unsereins hat ja, vermuthlich wegen der erbliche» plebejischen Belastung, gar kein Verständniß für das rechte Kastenwesen, wie es von unserem moderne» Mandarinenthum aufrecht erhalte» wird. Ich hätte z. B. ebenso wie der Herr Steuervirektor einen braven Feldwebel, der es zum Regierungssekretär gebracht hat, für einen recht ansehnlichen Schwiegervater gehalten. Wenigstens kann man als steuerzahlendes Familienoberhaupt doch Klarheit Über diese wichtige Frage verlangen. Ich schlage also vor, daß der Herr Finanzminister, als erprobter Fachmann, einen Gesetzentwurf ausarbeitet, betreffend die Gliederung des Volkes in Kasten nach indischen und chinesische» Muster». Die dazu gehörige Kastengerichtsbarkeit kann ja von de» verschiedenen Offizierkorps für ihren Bezirk auS- geübt werde». Die oberste Instanz ist überall der kommandirende General. Die Minister, die etwa noch heirathen möchte», haben den Hriraths- confenS vom Oberbefehlshaber in den Marke» beizubringe». — Natürlich darf bei diesem strenge» Gericht über die Abstammung der Braut nicht der praktische Gesichtspunkt übersehen werde», daß eine Vergoldung des Wappens manchmal sehr nünschenswerth ist. Also Töchter von reich gewordenen Börsen- und Bankleuten muß man schon in die höheren Kaste» aufrücken lassen, wenn auch di« Vorfahren »och weniger, als Feldwebel gewesen find. Gin goldenes Kalb ist bekanntlich ei» Edelwild. Solche mitgiftreiche Emporkömmlinge können um so eher zügel affen werde«, als sie in de» höchste» Kreisen schon viele Genossinnen vorfinde».
Wenn wir die Sache ernsthaft betrachten, so ist es im Grunde eine Grausamkeit und ei« Unrecht gegen des weibliche Geschlecht, wen« man der Tochter einer „gewöhnlichen" Familie den Eintritt in die höhere Gesellschaft verwehrt, während der Sohn einer solchen Familie die Möglichkeit hat, Minister und sogar Ritter vom Schwarzen Adler zu werben. Dagegen sollten sich die Frauenrechtlerinnen entschieden zur Wehr setzen; aber die haben leider keinen Sinn für die hetrathSlustige Weiblichkeit.
Ich kann mir keine andere Mißheirath vorstellen, als die Verbindung mit einer unwürdige» Perfönlichke t. Ist die erkorene Person gut und liebenswerth, so muß der liebende Marn auch die Kraft Haden, über die mangelnden Vorzüge an Geld, Rang oder vortheilhaste Verwandtschaft hinwegzusehrn und auch dem Nasengerümpfe der Gesellschaft zu trotzen. Hat er diese Kraft nicht, so soll er überhaupt nicht mit Familien verkehre», dre außerhalb seiner Kaste stehen. Eine Mißheirath tm schönsten Sinne des Wortes ist eS aber auch, wenn ei» Mädchen au8 eigener Eitelkeit oder aus Familien - Spekulation einen Man» heirathet, eet an Rang ober Geld groß dasteht, aber reeb r Liebe noch Achtung verdient. Mag die Kaftemmrmmr des Mannes noch so erhaben sei», das Mädch-» erniedrigt, entwürdigt sich doch.
Eine besondere Rolle spielten in dem erwähnten Romane die anonymen Briefe. Das find auch so liebliche Blüthen, die aus dem Sumpfe der modernen Gesellschaft üppig hervorschieße». Ma» lebt alle Tage in klein-ichem Klatsch und häßlichem Tratsch, und aus dem gewohnten mündliche» Verfahren entwickelt sich dann leicht daS schriftliche. Die anorymen Briese find um so beliebter, als man fich dabet vor Verantwortlich-