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Isrr0-a, Freitag, den 25. Juli 1902.

29. Jahrgmg.

KinLcröung

«rr 49.Getteralversammlx»gderKatho- Mrn Deutschlands i« Mauuheim 1902. KalhoNke« Dentschkand»!

Zum erstenmal« wird in der von Gott so reich gesegneten Pfalz die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands abgehalten, da auf Mann- heim, die Metropole derselben, durch den Beschluß der letzten Tagung in Ornabrück die Ehre der Wahl als Versammlungsort für 1902 gefallen ist.

Mannheim gleicht an Reichthum historischer Erinnerungen nicht anderen bekannten Städten der Pfalz, — wir nennen nur die Reichsstädte Speier und Worms, da« Kurfürstenschloß Heidelberg; es kann sich auch mit Bezug auf die Zeugnisse katho« lifcher Vergangenheit mit keinem der historischen Orte messen, welche die glänzenden Jahresver­sammlungen der Katholiken Deutschlands bisher beherbergt haben. Erst mit Beginn des 18. Jahr­hunderts unter dem hochsinnigen Kurfürsten Karl Philipp und seinem Nachfolger Karl Theodor ent­faltete sich in Mannheim ein reiches Leben in Kunst und Wissenschaft, wie in religiös-kirchlichen Schöpfungen, in den Werken der Jugendbildung und Charitas. Hervorragende Künstler und Ge­lehrte jenes Zeitalters haben der Stadt ihren Stempel aufgeprägt.

Der in jener Epoche geweckte Bürgersinn, ver­bunden mit Unternehmungsgeist und Thatkraft, hat es alsdann im verflossenen Jahrhundert, zu dessen Beginn die rechtsrheinische Pfalz zum Großherzog- thum Baden kam, verstanden, die glückliche Lage der Stadt an den beiden Flüssen Neckar und Rhein auszunützen und mit reicher staatlicher Unterstützung während der weisen 50 jährigen Regierungszeit Großherzogs Friedrich Mannheim zur Centrale des Handels und der Industrie im Südwesten Deutschland«, zum größten Hafenplatz des Binnen­landes umzufchaffen und in die Zahl der großen Städte des Reichs als jüngste und modernste ein- zureihen.

Die Besucher der 49. Seneraloerfammlunq werben in Mannheim große Unternehmungen des modernen Erwerbslebens, des Handels, der Industrie und der Schifffahrt, wie kaum sonstwo, kennen lernen in der nächsten Umgebung an den Spuren geschichtlicher Größe wie den landwirth- schaftlichen Reizen der weingesegneten Rheinpfalz und des anmuthigen Nkckarthales sich freuen, überall den gemüthvollen pfälzischen Frohsinn finden.

Die Katholiken Mannheims haben, obwohl fie sich der großen Schwierigkeiten bewußt waren, welche die Vorbereitung einer so bedeutsamen Versammlung ihnen bieten, auS den wichtigsten Gründen zur Förderung der kathol. LebrnSinte- reffen, getragen von der Begeisterung des kathol. Volkes des Pfalzgaues den Versuch unternommen, mit Unterstützung Seitens der Katholiken der Schwesterstadt Ludwigshafen der deutschen Katho­likenversammlung für die Tage ernster Arbeit und festlicher Veranstaltungen eine würdige Stätte zu bereiten und freuen sich, recht viele kathol. Männer aller Berufsstände und Erwerbsklaffen aus dem ganzen Reiche und den benachbarten Ländern deutscher Zunge, der Schweiz und Oesterreich, begrüßen zu dürfen.

Die zeitgeschichtlichen Strömungen, die Roth- wrndigkeit des Fortschritts der Katholiken int kirchl chen wie im öffentlichen Leben nach den unwandelbaren Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit, die Stärkung der Einigkeit in «uferen Bestrebungen stellen auch der diesjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bc-chwichtige Aufgaben. Wir laden alle katholischen Männer ein, an ihrer Lösung nach besten Straf­ten mitzuwirken.

Die heurige Generalversammlung steht in der Reihe ihrer Vorgängerinnen an der Schwelle des Zeitpunktes, mit dem die Zahl ihrer 50. Jahres­wiederkehr erfüllt fein wird. Sie tagt gleichzeitig in dem Jahre, das dem Abschluß der viertelhundert­jährigen glorreichen Regierung de« Oberhauptes Serer heiligen Kirche, des heiligen Vaters Leo ll. vorangeht. Die Würdigung vornehmlich der letzten Ereignisse« wird der Generalversammlung in Mannheim eine besondere Weihe geben.

Die 49. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands wird am 24. August beginnen und die Tage bis einschließlich 28. August umfassen.

Da« katholische Deutschland sei hiedurch zu diesen Tagen mit aller Herzlichkeit eingeladen!

Mannheim, im Juli 1902.

Das LokaMornitee.

A-r Porstaud:

«n? sitzender: Virßirr, Joseph, «mtSgerichtSdirektor

n.d Luuu«k,Srlbg?ordneter. 1. SteH»ertreler:

Kauer, Joseph, Sradtdekan. 2. Stellvertreter: König, Andreas, Mechaniker, Stadtverordneten.Vorstand.

Algrldingrr, Johann, Stadtpfarrer, Käferthal, Angst- mmm. Fr., Senior deS katholischen SesellenveretnS. K-Hmer, Joseph, Vüterexpeditor. Körst-, Ludwig, Pfarr. kirrst. Dürrk, Franz, Etadtpfarrrr. Fri-r, Paul, Redakteur und Stadtverordneter. Freund, Anton, Stadt­pfarrer, Neckarau. Funk, 8., Bankiirektor und StiftungS- rath. «riestr, Enge», Stadtverordneter und Etiftun,s- rath. Dr. Karlmann. Chr., Rechtsanwalt. Aelffrich, Christ., Kaufmann. Atldedrand, Gtadtpfarrer, Ludwigs­hafen. Köllerbach, Adolf, Prokurist. Kirfer, Pfarr- kurat, Waldhof. Knebel, Joh. Bapt. Pfarrkurat. Krnmm, Franz, Güterexpeditor. Kill, Hubert, Hofphotograph. Dr. Maier, ®., LehramtSpraktikant. Wem, Joseph, Geistl. Gymnasiallehrer und Sefängnißpfarrer. Kridel, Jakob, Architekt, Stadtrath. Schrubly, August, Apo- theker a. D., StiftungSrath. Schenk, Florian, Arbeiter, fekretär, Stadtverordneter. Kchweikart, K , Architekt, Stadtverordneter und StiftungSrath. Siegel, Georg, Händler. StrMthaus, Hermann, Oberlehrer. Wißler, Fr., Kaufmann. Wurth, Ludwig, Hauptlehrer. Winter- Halder, Karl, Kaplan. Zehnter, Joh. Aut., Landgerichts­direktor, Reichs- und Landtagsabgeordneter.

s Förderung des Handwerks.

Der CentrumSanttag (Trimborn und Gen.) betr. Förderung des Handwerks verlangt be­kanntlich nicht nur eine Reihe staatlicher Einzel- maßnahmen (Maschinenausstellungen, Meister- turfe, Förderung des Genossenschaftswesens rc.) sondern ein systematisches und planmäßiges Vorgehen zu einet durchgreifenden Hebung und Kräftigung des Handwerkerstandes. Von be­sonderer Bedeutung ist daher auch der Theil des Antrages, welcher die „Errichtung einer Zentral­stelle beim (preußischen) Ministerium für Handel und Gewerbe sowie von Zweigstellen in den Provinzen für die Zwecke der Sewerbeförderung und Bildung eines sachverständigen Beiraths bei der Zentralstelle und bei den Zweigstellen" fordert.

Wenn die preußische Regierung auf den vor- geschlagenen Wegen überhaupt systematisch und planmäßig vorgehen will, — waS man nunmehr doch wohl mit einiger Zuversicht erwarten darf, — so ergibt sich die Schaffung einet solchen Organi- sation mit innerer Nothwendigkeit, gewiffer­maßen von selbst. Sobald übrigens erst be­stimmte Mittelpunkte geschaffen find, von denen aus man planmäßig weiter vorgehen kann, so wird sich aus diesen Anfängen heraus nach und nach auch eine vollständige Organisation ent­wickeln. Die Grundlage derselben dürften zweck­mäßig wohl die Meisterkurse bilden, mit denen dann zunächst Maschinenhallen für die Aus­stellung kleingewerblicher Maschinen, Motoren und Werkzeuge, sowie fachliche AuSkunftsstellen zu verbinden wären. Von da auS müßten dann — nach den vom Abgeordneten Trimborn in der Kommission des preußischen Abgeordneten­hauses gemachten Vorschlägen — in jeder Provinz nach bestimmtem Plane Fachkurse (Wanderkurse) eingerichtet und gewerblicher Wanderunterricht ertheilt werden. So wird sich mit der zunehmen­den Ausbildung geeigneter Kräfte eins ans andere anschließen, um so mehr wenn Staat, Provinz, Handwerkskammer, JunungSausschüffe, Gewerbevereine und Gemeinden nach einem gewiffen System Hand in Hand arbeiten. Jeden- falls ist also am bringenden und wichtigsten, daß wenigstens in jeder Provinz ein derartiger Organisations-Mittelpunkt bald geschaffen wird. Den Schlußstein der gesummten Organisation wird bann schließlich eine besondere „Ab- theilung für Fördern« gdeS Handwerks" beim Ministerium für Handel und Gewerbe bilden. Auch in preußischen RrgierungS kreisen scheint man die Grundgedanken des Centrums- antrageS bezüglich der Nothwendigkeit einer Zentralstelle zu theilen. Wenn man fich auch noch nicht klar darüber ist, ob diesem Bedürfniß zweckmäßiger durch organisatorische Aenderungen im Ministerium selbst oder durch Schaffung einer besonderen, unter dem Ministerium stehenden Be­hörde Rechnung zu tragen fei, so hat doch bet preußische Handelsministet in den Kommisstons- betathungen des Abgeordnetenhauses bereits aus­drücklich zugegeben, daß daS Ministerium bei der Bearbeitung der Angelegenheiten, die fich auf die Förderung der Kleingewerbetreibenden und ins­besondere ihre technische Ausbildung beziehen, jedenfalls eines Beiraths von sachverständigen Persönlichkeiten bedürfe.

Da es fich für Preußen darum handelt, die ganze im A ntrag Trimborn vorgesehene Sewerbe- förderung hauptsächlich als neue Aufgabe syste­matisch, nach einheitlichen großen Gesichtspunkten auf bet ganzen Linie aufzunehmen, so muß auch vor allem Klarheit geschaffen werden, was nach den verschiedenen Richtungen bereits geschehen ist. Die Regierung wird daher hoffentlich dem Ver­langen nach einer Denkschrift Über den gegen­wärtigen Stand bet FSrberung des Handwerks entsprechen. Ist hierdurch eine gewiffe Grund- läge für ein planmäßiges Vorgehen geschaffen, so muß weiterhin eine regelmäßige Bericht- erstattung, deren Nothwendigkeit in den Stern.

misfionsberathungen ebenfalls allseitig anerkannt wurde, einen fortlaufenden Ueberblick über die Ausgestaltung und Erfolge der getroffenen Maß­nahmen gewähren. Ein derartiger regelmäßiger „Rechenschaftsbericht" muß um so mehr verlangt werden, als darin zweifellos ein Ansporn zu neuen Versuchen und Fortschritten liegen wird.

D Woher die Überlegenheit der amerikanischen Arbeiter?

Im Herbst vorigen Jahres erschien in ,Caffiers Magazine', einer englischen Zeitschrift, eine Folge kurzer Aufsätze aus der Feder hervorragender amerikanischer Ingenieure und Industrieller. Englische, französische, belgische und zuletzt auch amerikanische Blätter beschäftigen sich mit ihrem Inhalt, der aber merkwürdiger Weise so gut wie unbeachtet gelassen wurde.

Gelegentlich der vergleichenden Beleuchtung, in welcher die industriellen Verhältnisse der wirth- fchaftltch wetteifernden Nationen bei diesem inter­nationalen Meinungsaustausch erschienen, trat nicht nur abermals klar hervor, daß gegenwärtig die amerikanischen Maaren den Weltmarkt be­herrschen, sondern — was den übrigen Nationen weit ernster ist — daß in erster Linie der amerikanische Arbeiter fich diesen Triumph zuschreiben darf.

Er versteht seine Zeit besser auSzunützen und neigt weniger zum Trunk, als der englische, fron» zöfische und deutsche Arbeiter. Walter Mac gar« land aus Pittsburg bezog fich auf das Zuge- ständniß einer der ersten britischen Schiffsbau- firmen, nach welchem sie einen im wesentlichen auf Trunkenheit der Arbeiter beruhenden Zeit­verlust von nahezu 20 pCt. im Jahre erleidet. Derselbe lasse fie gegenüber gewiffen amerikanischen, über eine enthaltsame Arbeit erschuf t verfügenden Mitbewerbern trotz der hohen Ar­beitslöhne, welche diese zaylen müssen, nichtauf- kommen.

Aber auch auf die Ursachen der größeren Nüchternheit des amerika- nischenArbeiters wureein«CrffiersMagazine' eingegangen.

Vor ungefähr zwanzig Jahren heißt eS, begann in den Vereinigten Staaten von Nord­amerika mit der Einführung des obligatorischen Unterrichts in Physiologie und Gesundheitslehre auch die planmäßige Belehrung bet Schuljugend über die Natur und die Wirkungen des Alkohols. Die Kinder brachten daS in ber Schule Gelernte den 75 Millionen Einwohnern bes Landes mit nach Hause. Was war die Folge? Fabrik. Herren nicht nur, sondern Arbeitgeber aller Art lehnten es mehr und mehr ab (nach Angabe von Wrights ArbeitSvermittlungs-Bureau, jetzt über 75 pCt. aller Arbeitgeber), Personen zu be­schäftigen, die, wenn auch nur mäßig, trinken. Die Etsenbahmen z. B. stellen mit wenigen Aus- nahmen nur noch solche Leute an, die weder während noch außerhalb des Dienstes geistige Getränke zu sich nehmen. Und sie finden Leute genug, welche dieser Aufforderung entsprechen. Denn die Vereinigten Staaten zählen gegen zehn Millionen organifirter Abstinenten.

Dabei find die stolzen Amerikaner fich wohl bewußt und sprechen es offen aus, daß ihr wirthschaft- lichesUebergewicht ihnen von andernNationen durch Schutzzölle schon gar nicht, aber auch durch Ent- fuselung ber Massen sobald nicht streitig gemacht werden kann. Denn da, wo die Schule nicht von langer Hand oorgearbettet habe, dürften eS die Fabrikherren nicht wagen, das Abstinenzvrr- langen an ihre Arbeiter zu stellen.

Die,New-Iork Tribüne' vermag daS leider durch das Beispiel deS noch in frischer Erinne­rung stehenden BierkrawallS in ber Borsig- scheu Maschinenfabrik in Berlin schlagend zu be­legen. Die über 2000 Arbeiter dieser Firma von Weltruf lehnten sich gegen bas Verbot des Direktors, Bier oder andere geistige Getränke mit in die Fabrik zu bringen, auf. Alle Be­lehrung half nicht, auch nicht bet Hinweis auf die Abstinenz bet so klugen, geschickten und gut gestellten amerikanischen Arbeiter. DaS Ver­bot mußte zurückgenommen werden.

Auch den Engländern wird ber Spiegel vor- gehalten und zwar in Gestalt einer Auslassung des von der Königin Viktoria noch kurz vor ihrem Ableben geadelten bekannten Erfinder- Sir Hiram Maxim, eines geborenen Amerikaners, über die englischen Trabe Union« in der Juni­nummer von ,The WorldS Work'.

„Der englische Arbeiter vergeudet [einen großen Theil seine« Einkommens in Tabak, Bier und Wetten. Sr hat keinen Ehrgeiz. Natürlich nicht; denn daS Bier schläfert mit dem Gehirn auch den Ehrgeiz ein. Der amerikanische Arbeiter strebt votwärtS. Seine Tagesleistung ist eine größere, als die irgend eines andern Arbeiters in der Welt."

England beginnt den Unterschied zwischen ben gelegentlichen Ansprachen seiner Mäßigkeit-- apostel an Schulkinder und dem systemathischen, durch Staatsgesetz vorgeschriebenen Schulunter­richt in den Volksschulen der Vereinigten Staaten einzusehen. In einer vom Erzbischof von Canterbury nach Birmingham einberufenen BolkS- verfammlung erklärte der Präsident Edwin Smith:

„Wir find durch Amerika geschlagen. Diese- hat fein Geld verschwendet an die Erziehung der Gehirne, England an die Vergiftung der Gehirne. Menn wir uns pro Kopf mit dem amerikanischen Alkoholkonfum begnügten, würde unsere Jahresrechnung für geistige Getränke sich um 66 Millionen Pfund Sterling ermäßigen. Weil die Amerikaner nach dieser Richtung vor uns einen Vorsprung von 48 Prozent haben, können wir fie im wirthschastlichen Wettlauf nicht einholen. Die große Masse unseres Volke- lebt in völliger Unwissenheit über Folgen des Trunkes."

Smith verlangt, daß die Aufklärung über diese Dinge nicht den Temperenz-Gesellschaften überlassen, sondern vom Staate in die Hand genommen werde. Alle Kinder in den öffent­lichen Schulen müßten über die Gefahren des Alkohols und über den Segen völliger Enthalt­samkeit belehrt werden.

Diese Betrachtungen sind ja zweifeliohne in­sofern einseitig, al« sie eine Reihe anderer Vortheile,, welche den Amerikanern im internationalen Wett­bewerb zur Seite stehen, unberücksichtigt lassen, so namentlich die Billigkeit ber Rohmaterialien, einschließlich ber Lebensmittel, und dis enorme Entwickelung de« maschinellen Großbetriebe«. Aber auch diese Vortheile find zum Theil begründet in ber unleugbar hervorragenden Qualität de« ameri­kanischen Arbeiter«. Jedenfalls bringt es den Vereinigten Staaten großen Gewinn, daß es Leute mit — dank der Enthaltsamkeit — klarem Gehirn und festen Nerven sind, denen die Bear­beitung der Rohstoffe und die Besorgung ber Maschinen obliegt. Wir Deutschen aber sollen keine Zeit verlieren, uns eine Arbeiterbevölkerung von gleichet Tüchtigkeit nach dem von beit prak­tischen Amerikanern aurproknrten Rezept heran­zuziehen.

Mündliche Nebenabreden.

(Nachdruck d-rb-teu.)

Im Geschästsvetkeht ereignet es fich fast all» täglich, daß man einen Vertrag zwar schriftlich abschließt, sei es, weil das Gesetz dies ausdrück­lich vorschreibt, sei es nur, weil man diese Form der größeren Sicherheit wegen wählt, baß man aber trotzdem noch allerlei Vereinbarungen trifft, bei beten man fich auf mündliche Feststellung be­schränkt und eS aus Bequemlichkeit unterläßt, fie ebenfalls zu fixiren. Gerade aus einem solchen Verhalten ergeben sich bann zahllose Prozesse, in denen eS fich immer um die Frage dreht, ob solche Nebenabreden Geltung haben oder nicht. Nun hat das Oberlandesgericht zu Dresden unter dem 3. Januar 1902 ein Erkenntniß gefällt, in dem folgende sehr wichtige Sätze auSgesprochm werden: Wenn das Gesetz für die Giltigkett eines Vertrages die Beobachtung einer bestimmten Form vorschreibt, so find alle Nebenabreden, die unter Außerachtlassung dieser Form getroffen worden find, unverbindlich. So schreibt z. B. das B. S. - B. in § 313 vor, daß «in Vertrag, durch den sich der eine Theil verpflichtet, das Eigen- thum an einem Grundstücke zu übertragen, der gerichtlichen oder der notariellen Beurkundung be­dürfe. Nun war im Streitfälle zwar ein form­gerechter Kaufvertrag um ein Haus errichtet wor­den, nebenher aber noch mancherleiZmündlich fest­gesetzt worden, so insbesondere, daß die Miethe» für daS laufende Quartal schon dem Käufer zu- stehen sollte«, selbst wenn die Uebergabe erst im nächsten Quartale erfolgen sollte. Auf dieses Ab­kommen vermochte sich nun der Käufer angesichts des soeben entwickelten Grundsctzes nicht mit Er­folg zu berufen, seine Klage ist vielmehr abge­wiesen worden. Nu« stellt aber das Gesetz die Vereinbarung einer bestimmten Vertragsform dem Falle gleich, in dem eine solche Form ausdrück­lich angeordnet ist. Wenn mithin bei einem Engagements- Vertrage oder bergt von den Par­teien beliebt wird, daß das Abkommen schriftlich geschloffen werden soll, so hat die- zur Folge, daß auch hier Nebenabreden, und mögen fie von noch so untergeordneter Bedeutung fein, keine Beachtung beanspruchen können. Es gilt hier viel­mehr stets nur daS, waS in der eigentlichen Ver­trag- »Urkunde enthalten ist. Frellich ist damit nicht auSgefchloffen, daß die nur mündlich ge­pflogenen Verhandlungen benutzt werden können, um etwaige Unklarheiten in den fchrifttiche« Auf­zeichnungen aufzustellen, Stteitigketten über die Tragweite irgend eine- Ausdrucke- zu löse«. Ab« an fich bindet neben einem solchen mündlichen Vertrage die mündliche Abrede nicht,