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Irr0öa, Donnerstag, den 24. Juli 1902.

168:

29. JahrgMg.

0 Aufregung und Beschwichtigung.

Di« Vorgänge in der Zolltarif - Kommission tzxs RrichStageS am letzten Dienstag stno ron eerfd)tebestn Zeitungen unter allerhand aufregen, tze, Uiberfchriften beschrieben und beurthiilt wor- hen, wie „Sturm in der Zolltarif. Kommission« __ „Krisis in der Kommission" und bergt, mehr.

Es handelte sich um den Zoll für Mauersteine. Die Vorlage drS BundkSrathks schlägt folgende Zollsätze vor: 15 s? für Hohlsteine, Lochsteine, Formsteine rc., 5 sf für rauhe Mauersteine und 10 % für glatte Mauersteine. Vorher hatte ge­wiß Niemand erwartet, daß gerade bei diesen Zöllen etwas Besonderes sich ereignen würde; am allerwenigsten hatte Jemand an dre Möglich« M gedacht, daß gerade hierbei Verfaffuvgssragen und Machtvmgrenzungen der Bundesstaaten in allerfeierlichster Form erörtert werden würden. Aber Staatssekretär Graf PosadowSky beginnt augenscheinlich nervös zu werde«, und dos ist eigentlich kein Wunder. DaS erste Hundert der Kommissions-Sitzungen ist bald voll, urd eise solche Kampagne auszuhalten, ohne einmal nervös zu werden, heißt beinahe auch einem Staatssekre­tär zu viel zugemuthet. Graf PvsadowSky hatte sich am Montag über einige Aeutzelungen des uationallibrral.n Abgeordnete« Dr. Paasche geärgert; darauf hi» mochten dre Herren Regie- rungs - Vertreter eine Kundgebung für Dienstag verabredet haben, um wieder einmal ihre eigenartige Ansicht in den Vordergrund zu schieben, daß es dem Reichstage nicht zukomme, Aenderungen an dem Zolltarifevtwucse des Bundesrathes vorzunehme«. Da wollte es nun das Unglück, daß auch der Vertreter der badischen Regierung, Geheimerath Scherer, gemeinsam mit dem Äbg. Dr. Blan­kenborn höhere Zölle sür die verschiedenen Mauer stein arten befürwortete, und darauf platzte die Bombe. Sehr erregt und hitzig sprang der Herr Staatssekretär auf und hielt eine Rede, in der er wieder einmal vor der Gefahr warnte, daß schließlich der Zolltarif gar nicht zu Stande kommen möchte. Nach dem Berichte der ,Deu schen Tageszeitung' schloß Graf Posa- dowsly mit folgenden Worten:

„Trotz vielfacher, lebhafter und eindrisglicher War­nungen, die von mir ausgegangen find, hat die Kom­mission Erhöhungen gegenüber der Vorlage beschlossen. Dies muß ich schmerzlich bedauern. Ich kann Ihnen verrathen, meine Herren, daß ich glaube, unser Zolltarif kommt niemals zu stände.*

Derselbe Bericht stellt fest, daß nach dieser Rede des Staatssekretärs „allgemeine Verblüffung und Stillschweigen herrschte und aus den Ge­sichtern der Sozialdemokraten sich Schadenfreude widerspiegelte«. Nachdem dann die Kommission sich von der Ueberraschung erholt hatte, riech der Cintrumsabg. Herold zur Verständigung; die Abgg. Schrempf (kons.) und Dr. Paasche (tiotl) erwiderten dem Staatssekretär, man dürfe doch dem Reichstage nicht fein Recht nehmen wollen, Anträge zu stellen; die Regierung solle doch ja nicht glauben, die Mehrheit des Reichs­tages wolle den Tarif des BundrSrathes so ohne weiteres annehmen, wie er da sei, sie denke gar nicht daran. Thatfächlich wurde durch den KommisfionSbeschluß der Zollsatz sür Hohlsteine, Lochsteine, Formsteine u. f. w. von 15 auf 20 Pfennig erhöht, und Staatssekretär Graf Posa-

Ongeli und Dämon.

Roman von Johann Marius.

7 ------ (Nachdruck verboten.)

In diesem Bugerbl'cke schlich ein kleine«, zartes Mädchen hinter dem Ofen hervor. Er war Martha, da» tinjife Kind der Wittwe. Die Kleine war reinlich aber armselig gekleidet. Sie zitterte vor Kälte und hielt ihre Händchen zu- fammengepreßt vor die Brust.

„Mich friert, Mama«, sagte sie mit bebender Stimme. „Ach, der Ofen ist ganz kalt geworden.«

Frau Helmer» legte rasch ihre Arbeit nieder, nahm ihr eigene» Tuch von den Schultern und hüllte da» Kind fest darin ein, sodaß nur Martha'» Kopf daraus hervorsah. Hierauf nahm Re e» auf den Schooß und liebkoste e» mit Zärtlijkeit.

Der Schein der Lampe, der aus da» Gesicht der Kleinen fiel, ließ Ernst ein reizende», kind­liche» Antlitz gewahren. Ein paar große, blaue Augen blickten den fremden, jungen Mann ver­wundert und ängstlich an. Da» blonde, gelockte Haar fiel in reicher Fülle an ihren Wangen her­nieder und zwischen den Purpurlippen schimmerten zarte, weiße Zähne hervor.

Dieser Anblick hob die Verlegenheit de« jungen Diethelm.

„Gute Frau", sagte er mit weichem Tone, „Sie haben die zwei Thaler zurückgewiesen, aber um de» Kinde» willen müffen Sie da» Geld be­halten. Ich versichere Sie, ich entbehre-e» nicht. Ich bin der einzige Sohn wohlhabender Eltern

dowsly hatte damit eine Niederlage in der Kommission erlitten.

Nachträglich scheinen ihm selbst Bedenken ge­kommen zu sein darüber, ob er mit seinem scharfen Auftreten auch wirklich gut that. Das halbamt- liche T legraphenbureau mußte nachträglich, nach­dem Berliner Abendblätter am Dienstag er­schienen waren, die nachfolgende Meldung ver­breiten :

Gegenüber ander» lautenden Meldungen wird fest­gestellt, daß der Staatssekretär Graf Posadowsky am Schluffe seiner Rede in der heutigen Sitzung der Zolltarif-Kommisfion Folgende? erklärter „Wenn Sie gegenüber dem Tarifentwurfe solche Zollerhöhungen annehmen, wie ste kürzlich beschlofse» und heute wieder dea^trart stod, fürchte ich, wird unsere handels­politische Rüstung schließlich zu schwer werden, um darin erfolgreich zu kämpfen.*

Einige Stunden danach kam ein zweiter halb­amtlicher Waschzettel heraus, verbreitet durch das­selbe Bureau, in dem schlankweg behauptet wird: es fei „durchaus unzutreffend«, daß Graf Posa- dowsly erklärt habe, er glaube, der Zolltarif komme niemals zu Stande.

Der Wortlaut der Rede des Grafen Posa- dawsky mag in keinem Zeitungsberichte in voll­kommen genauer Weise wiedergegeden worden sein. Aber dem Sinne nach stimmen, die ver­schiedenen Berichte miteinander überein im Gegen­sätze zu dem nachfolgenden osfiz'ösen Waschzettel. Man hat also anzunehmen, daß dem Staats­sekretär Grafen Posadowsky nachträglich feine eigene Worte unangenehm waren, und daß er darum hinterher eine Korrektur daran vorzu­nehmen suchte. Diese Korrektur an sich wird schwerlich allzu tragisch genommen. Aber es kennzeichnet die gan<.e Sage, daß der Staats­sekretär in der Erregung des Augenblickes sich einen Aufdruck entschlüpfen ließ, der augenschein­lich seine wahre Meinung über die Geschicks des Zolltarifs vrrrieth, nachträglich aber als übereilt wieder cusgemerzt werden sollte.

Angeblich hofft die Kommission, bis zum 8. August die erste Lesung des Tarisentwurfes zu beenden. Nachher soll eine Ferienpause in de» Beraihungen der Kommission eintrettn.

König Grorg von Sachsen ist an einem leichten mit Fieber verbundenen Bronchialkatarrh erkrankt und genöihigt, da» Beit zu hüten.

4- Dom Aligeordnel-« Ireitzerrn vo» M»«ge«heim, dem Präsidenten des Bundes bet Land wir the, bestätigt die .Deutsche Tages- zeitung', daß derselbe aus der parlamentarischen Thätigkeit ausscheiden werde: Diese Absicht des Bundesoorsitzenden sei schon längst kein Geheim- niß mehr gewesen.

* Die Gtzronfolge i« Kesse«. Die Schei- düng der Eye des Großherzogs Ernst Ludwig von Heffen hat natürlich auch die Regelung der Thronfolge nothwendig gemacht. Die Regierung im großherzoglich hessischen Hause ist nach Erst­

und mache mir eine Freude daran», Ihnen vorerst diese schwache Hilfe zu gewähren. Aber bei Gott, e» soll dabü nicht bleiben! Ich komme wieder, bevor Sie noch mit der von mir bestellten Arbeit fertig sind. Die heilige Weihnachtszeit, auf die sich olle Welt freut, ist nahe. Auch Ihnen soll die Freude nicht fehlen, Ihr Kind bescheren zu können."

Er beugte sich über die Kleine und fragte: „Wie heißt Du, mein liebe« Kind?" „Martha Helmer»", antwortete da« Mädchen beherzt.

„Und hast Du Deine Mutter lieb?"

„Ach ja, sehr lieb!"

Sie küßte ihre Mutter.

„So nimm die» und gib e« Deiner Matter." Er zog eine ihrer Hände unter tum Tuche hervor und legte die zwei Thaler hinein.

Hierauf drückte er der tiefgerührten Frau die Hand.

„Gute Nacht, Frau Helmer«, auf Wiedersehen!" Noch ehe diese ihren Dank zu äußern ver- mochte, hatte Ernst die Stube verlaffen.

Nach drei Tagen wiederholte er seinen Besuch. Diesmal fand er die Stube gut gehetzt. Die kleine Martha hockte nicht hinter dem Ofen, sondern spielte zu den Füßen ihrer Mutter.

Ernst hatte unterwegs eine reichliche Quantität Lebensrnittel eingekauft, die er in einem Tuche bei sich führte. Um feine Gaben nicht zurück- gewiefeu zu sehen, nahm er zu einer Ausrede seine Zuflucht. Ec brachte Frau Helmers von seinen vorgeblichen Eltern einen Gruß und bat sie in­ständig, ihm zu gestatten, ihrer Noth abzuhelfen.

gebürt und Linearsolge erblich, vermöge Abstam- mung auS ebenbürtiger Ehe. Nur in Ermange­lung eines zur Nachfolge berechtigten Prinzen geht dis Erbfolge auf das weibliche Geschlecht über. Die nächsten Vettern der Großherzogs, der Graf zu Nidda und der Freiherr von Dörn­berg, stammen auS morganatischen Ehen, der Thron geht mithin an die ältere, bisher nicht regierende, landgräsliche Linie des HauseS Hessen über. Dieser Sachverhalt wird nun auch amtlich sanktionirt durch ein Gesetz betr. die Regentschaft im Großherzogthum Heffen, das soeben im Regierungsblatt veröffentlicht wird. Dasselbe lautet in der Hauptsache:

Artikel I. Da der zur Zeil unserem Throne am nächsten stehende Agnat des Gesammthauses Heffen dauernd verhindert ist, die Regierung deS Großherzog- IhumS zu führen, so findet, im Falle dieselbe auf ihn übergehen sollte, eine Regentschaft statt. Damit ist die eventuelle Thronfolge deS Landgrafen Alexander Fried­rich von Heffen, bezw. der Agnaten desselben, für daS Großherzogthum Hessen hiermit frst-estellt.

Der am nächsten stehende Agnat, Landgraf Alexander Friedrich, der erst 39jäbrige, namentlich musikalisch hochbegabte Fürst ist blind und daher dem Haurgesetz zufolge zur persönlichen Heber» nähme. der Regierung nicht im Stande. Die Regentschaft für ihn würde somit seinem jüngeren Bruder, dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen zufollen, btffert Ehe mit mit der jüngsten Schwester des Kaisers, Pcinzeffin Margaretha, bekanntlich sechs blühende Söhne entsprösse z sind.

X Aso Arpe v»K Aeemstede, der Heraus­geber der bekannten schöngeistigen Zeitschrift .Dichterstimmen der Gegenwarf, begeht am morgigen Tage seinen 60. Geburtstag. Als Dichter hat sich Tepe durch die Dramen „Mathu- sala«, „Arnold von Brekcia« und „Boleslaw" sowie in neuester Zeit du ch seine unter dem Titel „Höherlüft« herausgegebenen ausgewählten Gedichte eben Namen gemacht. Mährend er fiere, die in einer gesunden christlichen Tendenz gipfeln, trotz bühnenwirksamer Serien und oft hinreißender Sprache sich den Weg über die Bühnen nicht haben erzwinge« können, fand der Gedichtband „Höhenluft" so großen Anklang, daß er dem­nächst schon in zweiter Auflage erscheinen wird. Drm eifrigen Förderer der katholischen Literatur und Poesie seien noch viele Jahre fruchtbaren Schaffens vergönnt.

X Nufere englischen Freunde. In Deutschland sind einige Männer verschiedener Berufsstände mit einem Aufrufe hervorgetreten, der ein freundlicheres Verhältniß zwischen dem deutschen und dem englischen Volke an« bahnen soll. Auch einige Engländer haben diesen Ausruf unterschrieben. Die Absicht ist gut und wird als gut auch in der gesammten deutschen Preffr anerkannt. Aber es ist sehr die Frage, ob man solche Voiksstimmungen durch einen. Fitzen Papier lenken und ändern kam. Sehr viele Leute werden der Meinung sein, daß das nicht so ohne weiteres gehe, daß man die Heilung solcher Schäden der Zeit und ibrem besänftigenden Einflüsse flberlaffen müsse. Und auf englischer Seile thut man vorläufig sehr wenig, um diesen AvSgleichsbestrebungen Vorschub zu leisten. Höhnisch schreibt die Londoner ,TimeS':

„Diese Erörterungen nehmen unsere Tym- pathie und Billigung in Anspruch, aber wir

Dse fortwährende Weigerung der Wittwe schlug er dadurch au» dem Felde, daß er auf da» Kind deutete.

„Wollen Sie, was ich Ihnen bringe, nicht für sich selbst nahmen, so thun Sie e« für Ihr liebe» Kmd", sagte er; „wie kann e» gedeihen, wenn Frost und Hunger et quälen?"

Er rief die Kleine zu sich, nahm sie auf den Arm und empfand mit innigem Vergnügen, daß sie ihren blonden Leckenkopf an seine Brust legte.

„Möchtest Du mich wohl zum Bruder haben, Martha?" fragte er lächelnd.

Das Kind schien seine Frage zu verstehen, denn e« richtete sich in seinen Armen empor und nickte.

„Gut, so will ich Dein Bruder sein, Martha", versetzte er. „Ich habe mir immer eine kleine Schwester gewünscht, aber diese» Glück ist mir- nicht zu theil geworden. Jetzt habe ich e» auf einmal gesunden."

Die Wittwe erschöpfte sich in Danksagungen.

„Die Vorsehung hat sich doch nicht ganz von mir und meinem Kinde gewendet", sagte sie, „sonst wären Sie nicht hier erschienen. Jetzt fühle ich, daß ich dem Himmel Viele« abzu­bitten habe/'

E» waren nur noch acht Tage bi» Weihnachten.

Zwei Tage vor dem Feste kam Ernst, eine große Schachtel unter dem Arm, aus'« neue zu Frau Helmer«. E» war zur Zeit, al» die kleine Martha schlief, und in dieser Voraussetzung war Ernst gkkommmen, um für seinen kleinen Schütz­ling die von ihm ausgewählten Spielsachen der W'.ttwe zu bringen und sie mit der Besorgung

müffen bedauern, daß ihre Urheber das Uebel nicht eher erkannten . . . Der Feldzug der Lüge und Verleumdung, der in Deutschland so rücksichti loS gegen uns geführt wurde..., wird von dem britischen Volke nicht so leicht vergeffen werden . . .«

Weniger f'edj, aber desto hochnäsiger bemerkt zu demselben Gegenstände das Londoner Re­gierungsblatt .Daily Graphic':

„Die Nachricht.... wird sicherlich vo« allen denkenden Engländern mit großmüthiger Befriedigung aufgenommen werden. Groß­britannien braucht jedoch weder die Gunst, noch hat eS die Feindschaft einer Macht zu fürchten. . ."

Wo die „Lüge und Verleumdung" war, daS ersieht man immer wieder am allerdeutlichsten aus dem britischen Verfahren, Deutschland zu verdächtigen, es habe feiner Zeit die Vereingten Staaten von dem Kriege gegen Spanien abhalten wollen. Dieses „aroßmüthigs" Verfahren sollte dazu dienen, dem Prinzen Heinrich von Preußen einen schlechten Empfang in Amerika zu bereiten. Und thatfächlich war es nicht Deutschland, sondern gerade Großbritannien gewesen, das den Krieg gegen Spanien verhindern wollte, um die Ver­einigten Staate« nicht noch mächtiger werden zu taffen. Für solche sogenannte „Großmuth« be­danken wir uns in Deutschland ergebest

X IrauKreich ««d der DreiSnnd. Die Pariser Zeitung .Temps' Hst eine neue Erfindung gemacht: angeblich sollen die Botschafter Oester- reich<U«garnZ in Berlin und in Petersburg An­weisung erhalten haben, dem König von Italien aus dem Wege zu gehen. Der Zweck dieser Hebung ist ein erneuter Versuch, die Dreibunds- Mächte unter einander zu verhetzen. Aber der Versuch ist einigermaßen kläglich. Der Bot­schafter in Petersburg hatte einen Urlaub ange­treten, um sich zu verheirathen, wozu thm öffentlich auch der .TemvS' Urlaub noch ge­währen wird; unv der Botschafter ix Berlin, Herr von Srö^yeny wird bei dem Empfange deS Königs Vctsr Emanuel in Berlin zugegen sein. Die ganze Geschichte beruht auf der er­regten Phantasie des Pariser Blattes.

+ Auch ein „Kultur 'Klement. Die russischen, d. h. zumeist jüd scheu Studenten, aus Rußland gebürtig, werden allgemach zur Plage an manchen deutschen Hochschulen. Ein noch bedenk­licherer Element find die fludirenden Russinnen. Die Berliner Universität hat deren Zulassung zum Studium demgemäß neuerdings auch be­schränkt. Ihr sittliche» Verhalten hat manchmal geradezu die Behörden herausgefordeit. Das Treiben der bösen Elemente unter den studirenden Russinnen war mitunter so arg, daß sogar einzelne Berliner Z'mmervermietherinnen sich fortan weigerten, an Russinnen noch ju vermiethen, ob­wohl ja gerade diese Vermictherinnen nicht nur gern ein Auge, sondern allermeist auch alle beide Augen zudrücken. Unter solchen Umständen ist die Beschränkung in der Zulassung solcher Elemente nur mit Freude und Genugthuung zu begrüßen. Daß e» unter den russischen Studentinnen auch anständige Damen gibt, versteht sich von selbst.

+ Nrverwrrchung der Zieh Linder. Eine nachahmenswerthe Neuerung hat die Stadt Char- lottenburg eingrsührt: Auch die Stadtärzte

der weiteren Weihnachtseinkäufe zu betrauen. Am hl. Christabend versprach er, sich rechtzeitig einzustellen.

Ernst hielt Wort.

Nachdem er von seinem Prinzipal am Weih- nachttabeud ein reiches Geldgeschenk empfangen hatte, eilte er der Wohnung der Wittwe zu. In die kleinen Fenster hineiudlickeud, sah er, daß die Stube hell erleuchtet war Al« er da« Zimmer betrat, blickten ihm die glücklichsten Gesichter ent­gegen. Die Wittwe stand, die Hände gefaltet, vor dem Tische, auf dem ein mit vergoldeten Aepfeln und Nüssen wie mit Lichtern verzierter Weihuachtsbaum prangte, und sah mit vor Selig­keit leuchtenden Augen aus Martha, die mit den erhaltenen Geschenken spielte.

„Es ist seit langer Zeit der erste, glückliche Abend meine« Leben»", iagle Frau Helmer«, „und wie das Kind süh't, das können Sie woyl an seinen Augen sehen.« Und mit einem tiefen Seufzer setzte ste hinzu: „Ob ich wohl je wieder einen solchen.Abend erleben werde?"

Ein heftiger Husten machte der Frau da« Weitersprechen unmöglich und es bedurfte längerer Zeit, ehe sie sich von diesem Anfall erholte. Dann umfaßte sie da» Kind, küßte e» zärtlich und sah. den ihr unbekannten jungen Wohl'häter flehend an, al« wollte sie sagen:

„Wenn ich tobt bin, wirst Du denn auch noch der Freund der armen, mutterlosen Waise bleiben?"

Ernst verstaub diese Gebärde der stummen Angst, doch er that, al« bemerke er sie nicht. Er suchte die traurigen Gedanken der von Siechthum urb Angst g> quälten Frau in eine andere Bahn zu leiten. Er beugte sich zu der Kleinen nieder.