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M 158.
JuLöa, Samstag, den 12. Juli 1902.
29. Jahrgang.
Wochen-Rrrndschan.
(Nachdruck verboten)
X Fulda, 12. Juli 1902.
Die Erörterungen über den erneuerten Dreibund haben auch während der zuletzt abgelaufenen Woche noch einen breiten Raum in den Zeitungen eingenommen. Die Italiener haben dies veranlaßt. In Deutschland hat man die Erneuerung des Bündniß- vertrages als etwas Selbstverständliches aufgesaßt; deswegen entstand in den deutschen Blättern keine Aufregung weiter, als die Kunde von der erneuten Unterzeichnung des Vertrages in die Oeffentlichkeit drang. Das ist nun in der römischen Zeitung ,Tribuna' gerügt worden, aber mit Unrecht; und zwar mit Unrecht aus dem bereits angefü^ten Grunde, dann aber auch deswegen, weil die Italiener auch sehr viel selbst daran schuld sind, daß wir in Deutschland über den Dreibund nicht mehr in Helle Begeisterung ausbrechen. Viele italienische Zeitungen, Versamm- lungs- und Parlamentsredner mäkeln zu sehr an dem Bunde herum, als daß das ganz spurlos an dem deutschen Volksgefühle vorübergehen sollte. Der Dreibund selbst wird dadurch aber gewiß nicht erschüttert; ber ist zu fest geschmiedet durch die Zusammengehörigkeit der gegenseitigen Interessen. Daß die Franzosen und Engländer sich so sehr um die Freundschaft Italiens bemühen, hat auch manchen italienischen Politikern die Köpfe verdreht; sie vergessen, daß Italien ja erst dem Dreibunde seine Großmacht verdankt, und daß cs sie ganz wahrscheinlich wieder verlieren würde, wenn ihm diese Grundlage unter ven Füßen entweichen sollte.
Im Laufe dieses Monats wird König Viktor Emanuel dem Zaren seinen Besuch machen, erst im Monat August dem deutschen Kaiser. Diese Reihenfolge beruht aber nicht auf politischen Gründen, sondern lediglich auf Aeußerlichkeiten. Kaiser Wilhelm hatte schon die ganze Zeit vergeben — das ist der Thatsache sehr einfache Erklärung. Ob der König von. Italien auch eine persönliche Begegnung mit dem Kaiser Franz Joseph von Oesterreich haben wird, ist noch unbestimmt; wahrscheinlich nicht. Die schuldige Rücksicht auf den Papst macht es einem katholischen Monarchen schwer, wenn nicht ganz unmöglich, am italienischen Königshofe einen Erwiderungsbesuch zu machen.
Die Thronbesteigung des Königs Georg von Sachsen ist nach altem Brauche durch einen besonderen Abgesandten dem Kaiser angezeigt worden. In diesem Falle hatte diese Rolle Kronprinz Friedrich August übernommen. Der Empfang desselben beim Kaiser fand am 3. Juli an Bord der kaiserlichen Jacht „Hohenzollern" statt, ebenso auch das Prunkmahl zu Ehren des sächsischen Thronfolgers. Bei diesem Mahle gedachte der Kaiser in ganz besonders herzlicher Weise des dahingeschiedenen Königs Albert als seines väterlichen Freundes und Berathers in jeder Lebenslage. Auf die Anordnung des Papstes fand in der Sixtinischen Kapelle zu Rom für den verstorbenen König ein feierlicher Gottesdienst statt. Es wohnten ihm bei der Papst, die Kardinäle, alle auswärtigen Diplomaten und viele andere hervorragende Persönlichkeiten.
... Eine Veränderung imsächsischen Ministerium ist höchstwahrscheinlich, obwohl sie bisher noch immer geleugnet worden ist. Man läßt eben erst eine gewisse Zeit verstreichen, bevor man an die Maßregel geht. Ministerpräsident von Metzsch wollte ja schon der dem Konflikte mit der Kammer von seinem Amte zurucktreten, ebenso, wie Finanzminister v. Watzdorff damals zurückgetreten ist. Als muthmaßlicher Nach- folger im Ministerpräsidium wird in erster Reihe der gegenwärtige Kultusminister von Seydewitz bezeichnet. Das wurde nur eine andere Nummer desselben Fadens sem.
In der Provinz Posen werden in diesem ^ahre nn September die Kaisermanöver abgehalten. Bei dieser Gelegenheit si llen Festlichkeiten in größerem Umfange zu Ehren des Kaisers veranstaltet werden; aber die polnischen Notabeln wollen sich alle ohne Ausnahme von diesen Veranstaltungen fern halten. S,e haben dies in einer besonderen Erklärung bereits dem kaiserlichen Hofmarschall angezeigt, versichern aber dabei trotz aller für sie feindseligen Verordnungen auch künftighin treue Untertanen des Kaisers sein zu
Auch das Großherzogthum Baden hat Aussicht darauf, demnächst ein direktes Landtagswahlrecht zu bekommen, ebenso wie Württemberg Bayern und Hessen. Die zweite badische Kammer hat einen Gesetzentwurf gutgeheißen, wonach für diese Kammer an die Stelle des indirekten Wahlverfahrens die direkte Wahl und alle vier Jahre eine Gesammt- neuerung der Kammer stattfinden soll. Staatsminister von Brauer hat dabei erklärt, daß die Regierung des GroßherzogthnmS nicht mehr unbedingt an dem indirekten Wahlrechte festhalte. Auf diesem Gebiete laufen die süddeutschen Bundesstaaten den norddeutschen also den Rang ab. Nun ist die Wahlfrage in Baden vorläufig wieder vertagt: die Erste Kammer hat nämlich beschlossen, einstweilen von der Berathung der Wahlgesetzänderung abzusehen, weil der Schluß des Lanvtages bevorstehe.
Einen ferneren wichtigen Beschluß hat dieselbe Volksvertretung über die Zulassung katholischer Männerorden gefaßt. Mit allen Stimmen gegen diejenigen der Nationalliberalen ist eine vom Centrum beantragte Resolution angenommen worden, in der
die Regierung ersucht wird, von der ihr gesetzlich zu- stehenden Berechtigung — Gesetz vom 9. Okt. 1860! — Gebrauch zu machen und Niederlassungen von Männerorden auch wirklich zu gestatten. Kultusminister von Dusch gab im Namen des Gesammt- ministeriums eine Erklärung ab, daß dieses der Zulassung solcher Orden nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe, vielmehr die Wünsche der Katholiken gern in Erwägung ziehen werde. Wie lange Zeit diese „Erwägung" beanspruchen werde, bleibt abzuwarten.
Die badischen Sozialdemokraten haben diesmal in der zweiten Kammer geschlossen gegen das Budget gestimmt, entgegen ihrem frühern Verhalten, obwohl sie sich eifrig an der Berathung des Budgets betheiligt hatten. Ohne Zweifel haben Berliner Einflüsse diese Veränderung bewirkt. Sehr richtig nannte das das .Berliner Tageblatt' eine „Politik der Kinderstube", sich in den Landtag wählen zu lassen, Anträge zu stellen, Verbesserungen zu erstreben und zuletzt die Mittel zur Ausführung derselben zu verweigern.
In Württemberg ist das Einkommensteuer-Gesetz nach langen Debatten von der Abgeordnetenkammer erledigt worden. Ein besonders lebhafter Kampf entwickelte sich dabei um den neunzehnten Artikel der Vorlage, der der ersten Kammer, der Kammer der Standesherren, eine Mitwirkung an der Gestaltung des Finanzgesetzes einräumen wollte. Bisher hat bie Erste Kammer nur das Recht gehabt, das Finanzgesetz nach den Beschlüssen der Abgeordnetenkammer entweder anzunehmen oder abzulehnen, nicht aber über einzelne Theile desselben zu berathen. Dieses letztere Recht sollte ihr nunmehr cingeräumt werden. Der Artikel ist aber mit 47 gegen 34 Stimmen abgelehnt worden. Das Centrum hat dafür gestimmt, und mit Recht; denn was der einen Kammer recht ist, muß der andern billig sein.
Die Zolltarif-Kommission des Reichstages nahm in der voraufgegangenen Woche einen guten Anlauf zu schnellerem Arbeiten, so daß die Hoffnung lebendig wurde, die erste Lesung des Tarifentwurfes werde bis zum Anfänge des Monats August beendet werden können. Neuerdings hat sich das Bild aber wieder geändert: Die Sozialdemokraten halten wieder stundenlange Reden zu völlig unmöglichen Anträgen, die sie einbringen, und nun ist wiederum kein Ende abzusehen. Staatssikcetär Graf Posadowsky hat wieder einmal seine warnende Stimme erschallen lassen, die Jnoustriezölle nicht zu tief herabzubrücken; sonst sei an ein Zn- stanbekommen des Tarifs nicht zu denken. Die Aus- fichten desselben sind aber ohnehin rech, gering geworden.
Am 4. Juli ist in Baden-Baden Freiherr vonBuol-Berenberg gestorben, ein Veteran ber Centrumspartei und früher Präsident des Reichstages, dem er von 1884 bis 1898 angehörte. Seit 1881 war er Mitglied des badischen Landtages. Freiherr von Buol war am 24. Mai 1842 in Zizen- hausen bei Stockach in Baden geboren und im Jahre 1870 in den Justizdienst eingetreten. Die Centrumspartei bewahrt ihm stets ein Andenken der aufrichtigsten Dankbarkeit!
Im Wahlkreise Bayreuth hat die Ersatzwahl zum Reichstage die Nothwendigkeit einer Stichwahl zwischen dem Nationalliberalen und dem Sozialdemokraten ergeben. Es ist anzunehmen, baß die Stichwahl dem Erstem den Sieg bringen werde. Für die Ersatzwahl im Wahlkreise Dr. Lieber's hat nach dem Rücktritte des Hauptmanns a. D. von Graberg, des Vorsitzenden des Nassauischen Bauernvereins, der Bund der Landwirthe einen eignen Kandidaten aufgestelll, Herrn Brand aus Netzbach. Es stehen nunmehr drei Wahlbewerber einander gegenüber: Dr. Dahlem als Kandidat des Centrums, Herr Brand und Herr Krawinkel als Bewerber der nationalliberalen Partei.
Das Königreich Schweden hat ein neues Ministerium unter Boström erhalten, der bereits früher schwedischer Ministerpräsident war. Er ist ein ausgesprochener Anhänger der konservativen Partei; man glaubt aber, daß er in der Wahlrechtsfrage zu einigen Zugeständnissen bereit sei, so daß jedem unbe- scholteneit Staatsbürger nach dem vollendeten 25. Lebensjahre das Wahlrecht zustehen soll, der ber Wehrpflicht und Steuerpflicht genügt hat.
Eine bemerkenswerlhe Bestimmung hat der Kardmal-Fürsterzbischof Putyna von Galizien ge. troffen: Er verbot, am Gedenktage des Sieges der Polen über die deutschen Ordensritter bei Grunwald-Tannenberg einen Festgottesdienst abzuhalten oder den Sarkophag des Polenkönigs Jagello in der Krakauer Wallwel-Kirche zu bekränzen. Man möge daraus ersehen, daß auch in Galizien die maßgebenden Vertreter der Kirche durchaus bemüht sind, ein zweckwidriges Ueberschäumen der nationalen Polenbewegung zurückzuhalttn.
„Wir wollen den Sieg ber weltlichen Gesellschaft über das Mönchsthum sichern" — mit diesen Worten schloß der französischeMinisterpräsidentCombe» am 4. Juli unter Beifall der radikalen sozialdemokrati- fchcn Kulturkämpfer in der französischenAbge- 5?^ netenkammer feine Rede über bie verfügte Schließung von mehr als hunbert KongregationS- fchulen. Die Verfügung wurde von der Kammer gebilligt. Die Worte stehen einem Manne recht eigenthumlich zu Gesicht, der seine ganze Ausbildung und auch seine erste Versorgung dem Orden der Asfumptwnlsten verdankt, der einstmals eine Schrift über Thomas von «quin als „Abbö Combes" unter- zeichnete.
König Eduard von England befindet sich außer Lebensgefahr. Man hofft, daß er bald so weit sein werde, um zu bessern und schnellem Genesung eine Kreuzfahrt auf ber See antreten zu
können. Die königliche Jacht „Albert und Viktoria" wird bereits mit besonderen Vorrichtungen zu diesem Zwecke versehen. Man spricht davon, daß in der Mitte der Monats August die Krönung werde vor sich gehen können. Herr Minister Chamberlain hat sich bei einem Sturze aus dem Wagen an der Stirn verletzt, aber nicht gefährlich.
fit Die Sozialdemokraten in der Zolltarif-Kommission.
Seit Beginn der Berathung des Zolltarisrs in der Kommission habe« die vier sozialdemo- kratische» Mitglieder derselben zu jeder Tarifnummer den Antrag auf Zolls reih eit gestellt.
I» der erste» Zeit, als es sich um die Positionen für Lebensmittel handelte, konnte man diese Anträge noch einigermaßen erklärlich finden, da dir sozialdemokratische Partei sich ja immer den Anstrich gegeben hatte, daß sie dem Volk die unentbehrlichen Nahrungsmittel nicht vertheuern laffen wolle; die gleichen Anträge wurden aber auch dann noch gestellt, als es sich um die fei»sten LvxuSgenüsse handelte, um französischen Sekt, Hummer, Austern, Kaviar rc.; auffallend war es sogar, daß während der Zollerhöhunzen auf Getreide und Fleisch nur einen sehr lauen Widerstand bei den Herre« Sozialdemokraten fanden, fir bei den feinen Lvxusgenußmittelu sich gegen j'den Zoll in stundenlangen heftigen Reden ereiferte«.
Einigermaßen gespannt konnte man sein, wie sich die Sozialdemokraten bet den Jndustriezöllen benehmen würden, deren Nothwendigkeit ein- sichtige Mitglieder ihrer Partei, z. B. Calwer und Schippel, längst anerkannt haben. Hier hätte man erwarten sollen, daß sie dem deutsche« Arbeiter den wirthschaftlichen Schutz seiner Arbeit wenigstens für fertige Fabrikate, zumal für solche, die mehr dem Luxusdedür;niß dienen, nicht versagen würden.
Indessen r uch hier wurden dieselben ftrrco- type« Anträge auf Zollfreiheit gestellt, gleichviel, ob eS sich um Halbfabrikate für die Weiterverarbeitung durw die inländische Industrie, oder um fertige Wra-en handelte. Die Begründung der A-träze fiel überall recht schwach aus: Dasselbe Motiv >1r die Zollfreiheit, welches schon zu Gunsten der Zollfreihrit von Champagner, Austern, Kaviar uno sonstigen Delikateffen geltend gemacht wurde, mußte auch für Luxuspelze, französisch« Modewaaren, Sobelins, orientalische Teppiche ec. dienen, „es liege einmal in der prin- zipiellen Stellung der Sozialdemokratie, daß alle ausländischen Erzeugniffe zollfrei nach Deutschland eingeführt werden müßten".'
Sachliche Gründe für die schutzlose Auslieferung des gejammten deutschen inländischen Absatzgebietes an die durch hohe Zölle ihrerseits gut geschützte ausländische Industrie wußte keiner der sozialdemokratischen Redner anzugeben, dafür hielten fie um so längere Vorträge über Dinge, die jedermann längst bekannt find, und die sie sich zuvor aus den vor ihnen liegenden Bänden des Mey-r'sche« Konversationslexikons noch aus- führlich eingepaukt hatten. Eff>e solche erbärmliche Komödie hätte man von Männern, die für ernsthaft gelten wollen, doch nicht erwarte« sollen, und man möchte nur wünschen, daß die deutschen Arbeiter einmal diese ihre angeblichem Freunde bei der Berathung des Zolltarifs an der Arbeit sehen könnten, sie würden sich dann vielleicht mit Ekel und Verachtung von ihnen abwenden.
Unbefangene Beobachter haben längst den Eindruck gewonnen, daß die Taktik der Sozial- demokratr» in der Tariskommiisto» nur dazu bestimmt ist, ihre gänzliche Unsähigkett, an der Berathung des Tarifs in sachverständiger Weile mitzuarbeite», zu verdecken.
jedermann konnte nach all' dr« hochtönenden Phrase«, mit welchen sie sich seit 20 Jahren als die berufenen Volksvertreter aufgespielt habe», erwarte«, daß sie hier, wo es sich um die wichtigsten voikswirthschaftlichen Fragen und um die Regelung einer Materie handelt, welche für die Zukunft der deutschen Industriearbeiter von der größten Bedeutung sein muß, sich ganz besonders butffi Fleiß und Sachkenntniß auszerümen und «roße Erfolge erzielen würden. Statt, deff-n bieten sie nur das Bild armseliger Unfähigkeit, an Stelle der gegebenen Vorschläge etwas besseres zu setze«.
Wie ganz anders hätten fie vor den Auzen der Welt, insbesondere auch der deutsche« Arbeiter, die doch in ihrer großen Mehrzahl viel zu intelligent sind, um sich durch das kindische Ge- bahreu dieser angeblichen Arbeitervertreter irreführen zu laffen, dastehrn können, wenn fie in der Tartfkommisflon positive, sachkundige Mitarbeit geleistet hätten. Manche wirkliche Ver- befferungen der Vorlage wären dann vielleicht leichter zu Stande gekommen.
Wenn der Tarif i« Folge der lediglich zerstörenden Thätigreit der Sozialdemokraten manche
Frage nicht in zufriedenstellender Wrtse lösen foDte, so werten die an derselbe« beteiligten Arbeiter die ihnen entstehenden Nachtheile der erbärmlichen Haltung der sich fälschlicherweise als arbritei freundlich ausgebenden sozialdemokratische« Abgeordneten zu batte« habe«.
Unpolitische Zeitläufe.
® Berlin, 10. Juli 1902.
An Hundertjährigen sind bei der letzten Volkszählung im deutschen Reiche 41 Personen gebucht worden. Darunter waren 32 Frauen und nur 9 Männer. Aelter als 105 Jahre war überhaupt kein Mann, wohl aber 3 verwittwete Frauen. In der Lebenszähigkeit ist unS also das sog. schwache Geschlecht bedeutend über. Das zeigt sich auch recht deutlich bei der vorhergehenden Altersstufe von 95—100 Jahren. da gab eS nur 329 Männer gegen 777 Frauen.
Also die „Herren der Schöpfung" sind viel sterblicher. Woran liegt das? Vielleicht an den kleinen und großen Lastern, die dem männlichen Geschlecht eigenthümtich sind, z. B. Rauchen, Trinken, Wirihshausbesuch, Spielen und bergt., oder an der größeren Last von Sorgen, Aufregungen und Mühsal im „Kampf ums Dasein?" Mitwirken werden diese Dinge wohl, doch ist die eigentliche Wurzel der männlichen Kurzlebigkeit wohl tiefer zu suchen. Es steht nämlich fest, daß bedeutend mehr Knaben als Mädchen geboren werden und daß der Ausgleich durch größere Knabensterblichkeit schon in den Kinder« jähren beginnt, wo doch die kleinen Bursche« weder durch Genüffe noch durch Sorgen stärker belastet sind, als ihre Genossinnen in der Wiege und beim Spiel. Unter den Säuglingen werde« 15,000 Jungen mehr gezählt; bei den zehnjährigen Kindern gibt es nur noch 3000 Knaben mehr; auf der Altersstufe von 20—21 Jahre« steigt der Unterschied zu Gunsten der Jünglinge wieder auf 4000. Aber in der Gruppe der 21—25- jährigen schlägt das Blatt um; da bekommt das weibliche Geschlecht das Uebergewicht und zwar mit 6000 Kopf durchschnittlich auf den Jahrgang. Nun sollte man denken, daß gerade in diesen UebergangSjahren, wo schon verhältniß- mäßig viele Frauen die Laste« deS Ehestandes uns die Gefahren der ersten Mutterschaft durchzumachen haben, die Männer im Vorthril fein müßten. Aber das Gegentheil ist der Fall. Unter kleine« Schwankungen vergrößert sich der Vorsprung des weibliche« Geschlechtes in den weiteren Stufe» sehr beträchtlich. An 50- bis 60jährigen werden z. B. rund 2 Millionen Männer, aber 2 300,000 Frauen gezählt.
Es muß also doch wohl von Grund aus im männliche« Köiper ein stärkerer Todeskeim stecken. Die Vorsehung scheint auch mit der größeren Sterblichkeit des männlichen Geschlechtes von vornherein zu rechne« und deshalb eine größere Zahl Knaben in's Leben trete« zu laffen. Sine Art Reservefonds. Auffallend ist jedoch, daß diese natürlichen Reserven «ur bis zum 21. Lebensjahr ausreichen und dann daS männliche Geschlecht in Unterbilanz geräty. Zu dieser letzten Erscheinung trägt gewiß die aufreibende Lebensart, die viele Männer führen. wesentlich bei.
„Der Mann muß hinaus in's feindliche Leben," sagt Schiller. Die Fraueu haben eS wahrlich auch nicht bi quem, wenigstens in ihrer großen Masse nicht. Es schein! aber doch, als ob die häusliche Arbeit trotz ihrer bedeutenden lieber- schreitung des Normal-Arbeitstages den Körper nicht so angreift, wie die meistens kürzere Berufsarbeit deS Mannes. Die Frau hat ja auch ihren Anger, manchmal ihren „ewigen Anger« mit den Kinder«, dem Erfinde und — mit dem Manne. Doch frißt er anscheinend nicht so tief in Gehirn und Nerven hinein, wie die Sorgen und Verdrießlichkeiten des Mannes. Vielleicht kann man das weibliche Gemüth mit einem gekräuselten Binnensee, das männliche mit einem wogenden Meere vergleiche«. Auch i« der Erholung und dem Genuss? hält bie normale Frau besser Maß.
Darous könne« beide Geschlechter sich etwas ad notam nehmen. Giftens die modernen Frauen, daß ihr Hrreindrängen in das öffentliche Leben gesundheitsschädlich und lebensgefährlich ift. Wenn sie recht lange leben wollen, so ergreife« fie am besten den einfachen und schönen Beruf der christlichen Hausfrau, wie es ihre Mütter und Großmütter auch getha« habe«. Unter den 32 Frauen, die über 100 Jahre alt geworden sind, befanden sich nur 2 ledige; die anderen waren verheirathet gewesen (eine war sogar noch verheirathet).
Zweitens sollte» wir Männer uns merken, daß der stärkere TodeSkeim in unserer Mannesbrust niedergehalten werde« muß durch ein ruhiges und solides Lben. Ruhig soll nicht so viel bedeuten, als faul, sondern daS vernünftige Maßhalte« anbeuten und vor Allem daS gute Gewissen voraussetzen. Ich fürchte, daß