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29. JahrgMll.
gjuföa, Samstag, den 5. Juli 1902.
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Wustrtne Sonntags-Zeitung", „Suldaer ßesdMtsblätter“ und rotterie-Oste.
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Wochen-RKNdscha«.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 5. Juli 1902^
Das hervorragendste politische Ereigniß der letzten Tage ist die Erneuerung des Dreibundver» träges. Dieser ist am 28. Jnni in den Vormittagsstunden in Berlin von dem Reichskanzler Grafen von Bülow und von den diplomatischen Vertretern Oesterreich-Ungarns und Italiens aufs neue unterzeichnet worden. Bei uns in Deutschland hat man das nicht anders erwartet, und auch in den anderen Vertragslänvern hat die überwiegende Mehrzahl der Zeitungen darauf hingewiesen, daß die erneute Unterzeichnung des Dreibundvertrages durchaus keine Ueberraschung mehr bedeutet nach den letzten Erklärungen der leitenden Minister in Wien, Budapest und Rom, in den parlamentarischen Körperschaften. Die radikalen Tschechen, einige Querköpse in Ungarn und Kroatien sind natürlich höchst unzufrieden mit dieser Verlängerung des Dreibundes; aber das schadet weiter nichts. Besonders zu verzeichnen ist die Thatsache, daß man allem Anscheine nach vielfach mit der Möglichkeit gerechnet hatte, der Dreibund werde aushören zu bestehen und Italien werde sich mehr und mehr aus die Seite des russisch-französischen Zweibundes neigen. Das deutsche Reich braucht den Dreibund nicht mehr so durchaus nothwendig, wie früher — so erklärte Reichskanzler Graf Bülow am 8. Januar im Reichstage. Das war inoessen nur die Einleitung zu eingehenden Verhandlungen, deren Er- gebniß nunmehr die unveränderte Erneuerung des Dreibundvertrages geworden ist. Man kann von ihr sagen, daß sie auf der Zustimmung der weitaus überwiegenden Mehrheit der Völker ausgebaut ist. Der Dreibund zählt zu seinen vornehmsten Aufgaben die Erhaltung des Friedens, und darin liegt in erster Reihe die Erklärung für seine große Volksthümlichkeit.
Die Aachener Kaiserrede hat am letzten Sonntag noch einen Nachhall gesunden. Eine große katholische Festv.rsammlung in Bonn war veranstaltet zu Ehren des sünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläums des Papstes, und dabei hat Generaloberst Freiherr von Lo« eine Rede gehalten, in der er noch einmal das Thema von dem Verhältnisse des Papstes zu Deutschland besprach, als der Sendbote des Kaisers, um im Februar dessen Glückwünsche dem hl. Vater zu dessen Jubelfeier zu überbringen, wie er in derselben Eigenschaft dem Papste schon im Jahre 1893 des Kaisers Glückwünsche zu dem fünfundzwanzigjährigen Bischofsjubiläum überbrachte. Den verschiedene» Zweiflern hat es nun General von ßoe noch einmal wiederholt, daß „der hl. Vater die Persönlichkeit des Kaisers, seine Gerechtigkeit gegen seine katholischen Unterthanen, die geordneten staatlichen Verhältnisse in Preußen rückhaltlos lobend anerkannt hat ... . Daß ich damit — so fuhr der Generaloberst fort — nicht habe aussprechen wollen, der Papst fände nun alles nach seiner Ansicht für die Katholiken in Deutschland gut bestellt und er sei in Folge dessen nicht mehr berechtigt, irgend einen Wunsch auszusprechen, das bedarf wohl kaum der Erwähnung .... Jedenfalls ist das freundliche Verhältmß zwischen Kaiser und Papst, wie es heute besteht, ein nützlicher Faktor für die sachgemäße Erledigung dieser Fragen." An einer andern Stelle seiner Rede sagte der General: „Die Thatsache ist unbestreitbar, daß Preußen in Bezug auf die Glaubensfreiheit seiner Bewohner fast allen Staaten voransteht. Daß dieser Vorzug ganz besonders im Vergleiche mit dem katholischen Frankreich gilt, ist weltkundig und wird auch int Vatikan bereitwillig anerkannt ... Die gläubigen Franzosen bewundern rückhaltlos die Kaiserreve in Aachen . . . Der Kardinal-Stratssekretär R a m p o l l a hat keinen Anstand genommen mir zuzugestehen, daß Dank der Weisheit und Gerechtigkeit unserer Regierung, speziell Sr. Majestät des Kaifers, unsere kirchlichen Zustände hoch über den französischen stehen."
Vor etwa einer Woche ist der Abgeordnete Freiherr von Hertling vom hl. Vater in Rom empfangen woroen. Der Empfang trug prwaten Charakter und dauerte länger als eine halbe Siunde. Auch bei dieser Gelegenheit sprach sich der Papst sehr eingehend und mit hoher Genugthuung über Deutschland und Kaiser Wilhelm aus, wie aus zuverlässiger Quelle berichtet worden ist. Ebenfalls in diesen Tagen, nämlich am 28. Juni, hatte der Herr Kardinalfürstbischos von Breslau GeorgKopp eine Unterredung mit dem Reichskanzler Grafen Bülow. In der Presse tauchten in Folge dessen Gerüchte auf, daß die Errichtung einer Apostolischen Nuntiatur in Berlin bevorstehe. Es ist aber kein Wort an diesen Gerüchten wahr. Die Unterredung diente anderen Zwecken. Der Herr Kardinal kehrte von einer Reise zurück, die er nach Hildesheim unternommen hatte.
Eine wunderliche Auseinandersetzung hat sich in einigen Zeitungen entspannen über die geplante Verlegung des Husaren-Rrgiments von Düsseldorf nach Krefeld. Die Verlegung an sich ist längst beschlossene Sache. Die Anwesenheit des Kaisers in Krefeld war aber als willkommene Gelegenheit aufgespart worden zur öffentlichen Ankündigung durch den Kaiser. Der Kaiser hatte einen sehr harmlosen Scherz damit verbunden, indem er den Ehrenjungfrauen, die ihn empsingen, die Ankunft tanzlustiger Leutnants ankündigte, und darob entrüsteten sich einige Zeitungen gewaltig. Eugen Richter's .Frei
sinnige Zeitung' im Verein mit dem sozialdemokratischen .Vorwärts' drohte sogar mit der Verweigerung der Mittel im Reichstage . . . Viel Lärm um nichts I Die Verlegung war längst beschlossen, und inzwischen hat auch schon die nöthigen Geldmittel tm Betrage von vier Millionen Mark die Stadt Krefeld selbst bewilligt. Die Erfinder der „Tanz-Husaren" sind blamirt!
Einen wichtigen Beschluß hat die bayerische Kammer der Reichsräthe gefaßt. Dieselbe hat dem einstimmigen Beschluß der Abgeordnetenkammer ihre Zustimmung ertheilt, daß die indirekten Wahlen zur Abgeordnetenkammer durch Wahlmänner ersetzt werden sollen durch allgemeine Wahlen direkt durch die Wähler. Nicht ohne innerliche Belustigung kann man daran denken, wa» im preußischen Hcrrenhause geschehen würde, wenn diesem der entsprechende Beschluß zugemuthet werden sollte.
Recht eigenartig sind diesmal die Gemeinde- wahlen in Elsaß-Lothringen ausgefallen, die — ebenso wie in Frankreich — allgemein an einem and demselben Tage vorgenommen werden. Das Eigenartige liegt nicht darin, daß in mehreren Städten wie Straßburg, Mülhausen, und dergleichen mehr die demokratischen und sozialdemokratischen Gemeinde- rathSmitglieder im Gegensätze zu den katholischen erheblich an Zahl verstärkt worden find, sondern vielfach hauptsächlich darin, wie dieser Wahlausfall zu Stande kam. Von großen Interesse ist ein Urtheil der konservativen ,Kreuz-Zeitung' darüber. Diese schrieb:
„Wir sind der Meinung, daß der elsaß-lothringische Klerikalismus, soweit er deutschfeindlich ist . - auf der ganzen Linie zu bekämpfen ist. Wir bezweifeln, ob es richtig ist, das in der Weise zu thun, daß die Klerikalen durch Sozialdemokraten ersetzt werden .. . Ueberhaupt können wir die Empfindung nicht unterdrücken, daß in den liberalen alldeutschen Kreisen deS Reichslandes noch immer gewisse Kulturkampfgelüste herrschen, die mit der Parität beider christlicher Bekenntnisse nicht recht verträglich sind. Ausfallen muß es jedenfalls, daß selbst Deutsche in Beamtenstellung hier und da zu den Erfolgen der Sozialdemokratie mittelbar beigetragen haben.
So urtheilt ein protestantisch-konservatives Blatt. Thatsache ist es z. B., daß in Mülhausen auf der demokratisch-sozialdemokratischen Kandidatenliste nicht nur der Bürgermeister Wick, sondern auck ein Land- gerichtsdirekior Rummel und ein Staatsakte-tt Schulz standen. Das muß doch seine ganz befände en Gründe haben- Anderwärts sind von den Altdeutschen Centrumsleute auf der Wählerliste gestrichen uub Sozialdemokraten dafür eingesetzt worden.
Die Ausgleichsverhandlungen zwischen Oesterreich und Ungarn gehen ihren alten Schneckengang weiter, ohne daß man eine Ahnung davon hat, wann sie einmal zum Austrage kommen könnten. Es kennzeichnet die Sachlage am besten, daß das amtliche Telegraphenbureau triumphirend verkündet: In einer dreistündigen Berathung des Kaisers, des Ministers des Aeußeren Grasen Goluchowski und der beiden Ministerpräsidenten sei „eine Brücke gefunden worden, um über die persönlichen Schwierigkeiten Hinwegzukommen und die Ausgleichsverhandlungen fortzusetzen". Das ist wahrhaftig der Gipfelpunkt der Bescheidenheit — man ist schon froh, daß man überhaupt die Verhandlungen noch fortsetzen kann.
In der neuesten Zeit ist das Gerücht aufgetaucht, zwischen Rußland und Bulgarien sei eine Mili- tärkonvention in aller Form abgeschlossen worden. Das klingt an sich gar nicht unwahrscheinlich. Fürst Ferdinand von Btllgarien weilte bekanntlich kürzlich zum Besuche des Zaren in der russischen Hauptstadt, und daß er sich gern vollkommen zum russischen Trabanten machen lassen würde, nur um „König" zu werden oder auch nur Aussicht darauf zu bekommen, weiß die Welt. In einigen Blättern wurde nun weiter berichtet, Reichskanzler Graf Bülow und Minister Graf Goluchowski wollten in Karlsbad zusammentreffen, um sich über den Fall auszusprechen; ob dies sich bewahrheiten werde, bleibt abzuwarten.
Der Streit um die Einführung der zweijährigen Dienstzeit in Frankreich erregt die Gemüther heftig. Man muß nach der Lage der Dinge indessen annehmen, daß die Sache mit der Einführung der zweijährigen Dienstzeit enden werde. Kriegsminister Andre hat im Senate ausgeführt, diese Maßregel werde dazu beitragen, die Friedensstärke des Heeres um etwa 25 000 Mann herabzusetzen — zunächst sogar um 50000. Aber diese Herabsetzung werde zur Hälfte wieder ausgeglichen werden durch Die Herabsetzung der Ansprüche an die militärische Tauglichkeit der Rekruten — also Vermehrung der Heereszahl auf dem Kriegsfüße, aber Verminderung der soldatischen Tüchtigkeit. Uns Deutsche kann das kalt lasse»! Von Interesse ist, daß General Galli- fet, der letzte Kriegsminister vor Andre, mit an die Spitze der Opposition gegen die zweijährige Dienstzeit getreten ist.
Der Feldzug gegen die Kongregationen hat bereit» begonnen, und zwar mit einem Erlasse der Regierung, der 120 Kongreganistenfchulen aufhebt, die seit der Bekanntmachung des sogenannten „Vereins- gesetzes" vom 1. Juli 1901 ohne gesetzliche Ermächtigung gegründet worden sind. 180 andere solcher Schulen erhielten die gesetzliche Ermächtigung.
In Spanien hetzt der frühere Handelsminister Canalejas unentwegt weiter gegen Kirche und kirchliche Genossenschaften, unterstützt durch die demokratischen und republikanischen Feinde der Monarchie — ein unerhörtes Benehmen für einen Mann, der soeben erst aus dem Ministeramte schied!
König Eduard von England scheint die schlimmste Gefahr, die in Folge der Operation seinem Leben drohte, überstanden zu haben. Augenscheinlich sagt man nicht recht die Wahrheit über sein Leiden.
Unpolitische Zeitläuse.
® Berlin, 3. Juli 1902.
Wo gibt e< die größten und vollsten MiethSkasernen? Natürlich in Berlin, sagt Jeder ohne Wettere». Ganz genau stimmt da« nun nicht; denn nach einer Statistik kommen in Charlottenburg auf je 1 Wohnbau« &21/? Einwohner, in Berlin aber „nut* 50. Allerdings ist Charlottenburg eine Vorstadt von Berlin. Eine Vorstadt von 200000 Einwohnern, die auf ihre Selbständigkeit sehr stolz ist, aber doch nur ein Stück Neu-Berlin vorstellt.
Wenn nun Charlottenburg die größten Mieth«- kasernen am üppigsten ausgebildet hat, so muß e« dort wohl die ärgste Wohnungrnoth gebe»? O nein! Charlottenburg gehört zu den wohl- habensten Städten de« Reiche«; in der durchschnittlichen Einkommensteuer wird e« wohl gleich hinter Frankfurt und Wiesbaden rangiren. I« Berlin selbst ist viel mehr Dürftigkeit und Roth zu finden, und an engen, ungesunden und überfüllten Wohnungen wird Berlin seine hübsche Vorstadt bei Weitem Übertreffen. Die Sache erklärt sich einfach so, daß Charlottenburg fast durchweg eine neue Stadt ist, bei deren Ausbau man alle modernen Fortschritte in der Auenutzung der theueren Grundstücke zu Wohnzwecken rasfinirt ausgenutzt hat. Dort hat man dar Riesen-Wohnhaus, die sog. Miethskaserne, zur höchsten Blüthe entwickelt. Man würde sich sehr irren, wenn man sich die Häuser, in denen durchschnittlich 52 Personen wohnen, al« vollgepfropfte He-bergen vorstellen wollte, in denen eine Heringssülle herrscht und Luft uno Licht ausgeschlossen find. Chat- lottenburg liegt im noblen Westen von Berlin, und dort ist mit wirklich schlechten Wohnungen kein Geschäft zu machen. In den dortigen Mieths- kasernen, die an breiten Straßen liegen und reinliche Höfe sowie vielfach Vor- und Hintergärtchen haben, wohnen die Leute besser, al« in mancher älteren Stadt, r o auf jedes Hau« nur halb so viel oder noch meniget Bewohner kommen.
Der Unterschied in der Besetzung der einzelnen Wohnhäuser ist Zwischen den verschiedenen Städten ganz kolossal. Jt und bei Berlin mehr als 50 Einwohner, in B «men dagegen noch nicht einmal 8 ganz« Einwohner auf ein Haus! Z eischen diesen Extremen oronen sich die anderen Groß städte so, daß der Osten die höchsten Zahlen aufweist, während im Süden und namentlich tm Westen die kleineren Häuser vorherrschen. So z. B. beträgt die durchschnittliche Einwohnerschaft eine« Hauses in Breslau 40, in Posen 39, in Stettin 38, in Königsberg 32 Personen; in München noch beinahe 29, in Stuttgart nur noch 21; in Düsseldorf und Dortmund sogar nur 20, Essen rund 19, in Aachen 17^, in Straßburg 17, in Köln nicht ganz 16, in Krefeld schließlich nicht ganz 14.
Die Zahlengelehrten, die das ausgerechnet haben, werfen die Frage auf, wie sich so tief- greifende Unterschiede zwischen den großstädtischen Wohngebräuche« im Osten, Süden und Westen wohl erklären? Sie wollen die Vorliebe für das kleinere Haus auf das Beispiel und den Einfluß Hollands zmückführen. Aber Westdeutschland ist nicht der Schleppenträger Hollands, sondern beid« Theile werden in ihren Wohngebräuchen von denselben Ursachen beeinflußt werden. Ich möchte zur Erklärung auf die Gitte d.'s Giebel- Hauses in den urdeutschen Landestbeilen hin- weiten. Es macht einen weittragenden Unterschied, ob man das Wohnhaus mit der Schmalseite an die Straße stellt oder mit der Breitseite. Im ersteren Falle wird der Giebel zum Schaustück und wird demgemäß künstlerisch ausgestaltet, wenn die Finanzen und der nörhige Kunstsinn dazu da find. Daher haben wir in alten Städten, dis tute wohlhabende und stolze Bürgerschaft hatten, die herrlichen Giebelbautsn, die noch j-tzl das Entzücken aller Kenner bilden. J.i den östlichen Landeslheiken, wo die vordtingenden Deutschen eine« schwereren Kampf um's Dasein kämpfen mußten und dec Kunstsinn nicht so früh und nicht so r«ich emporblühen konnte, stellte man lieber dar HauS mit seiner Breitseite, also mit der eine« Dachseite zur Straße, so daß die abseits liegenden Giebel fchmuckios un» billig gehalten werden konnten. Nun bedingt die letztere Bauart eine breitere Front der Hrusgrundstücke, während die Giebelhäuser sich mit einer schmale« Front begnügen konnten. Als das Wohnungs-Bedürf- niß und die Grundstücks - Wsrthe stiegen, wurde in den älteren Städten ein schmales HauS neben das andere gefetzt, währen» in den anderen Städten auf den bretteren HauSgrundstücke« sich größere Gebäude mit einheitlichem Thorweg und Treppen- haus erheben konnte.
Mögen die Fachmänner nachprüfen, ob nicht das Ueberwiegen der kleineren Häuser auf die alte Giebelstellung zurückzuführen ist. Jeder Landestheil hat nach seiner Geschichte und Eigenart versucht, auf dlm Wohnungsgebiete selig zu werden. Und. jede der verschiedenen Bauarten
hat auch seine Vorzüge und zugleich, wie alles menschliche, seine Schattenseiten. Das Einfamilienhaus ist ja das Ideal; aber wenn nun einmal in den Städten das Einzelhaus nicht mehr zu erhalten ist, dann kann unter Umstände» ei« HauS für 10 oder gar 20 Familien besser sein, als ein Häuschen, in dem 2 oder 3 Familien zusammengepfercht find. Es kommt dann bet der Beurtheilung nicht bloß auf die Kopfzahl der Einwohner an, sondern auf die Größe des Hauses, die Einrichtung der Gänge und Treppen, die Entwässerung, die Zahl, Größe und Lage der Räume jeder Wohnung, die Gestalt der Seiten- und Hinterbauten, de« Umfang u»d die Sauberkeit der Höfe u. s. w. In Berlin,. B. gibt eS auch kleinere Häuser, in denen längst nicht 50 Personen hausen; aber diese Zwerge unter den MiethSkasernen sind keineswegs immer die besten. Wenn die Zahlengelehrten eine wirklich brauchbare Statistik machen wollten, so müßte» sie nachforschen, wieviel Quadratmeter Wohnungr fläche und wievielKubikmeterWoynungs- raum auf den Einwohner kommen. Dabei würde manche moderne MiethSkaserne schönere Ziffern aufweise», als kleinere Häuser, und manche Großstädter würde« besser dastehen, als gewisse Mittelund Kleinstädter mit ihren älteren Einrichtungen.
In solchen Dingen darf kein Theil den Pharisäer spielen und sich selbstgerecht erheben wollen über die Anderen. Es giot auch auf dem Lande, dem sog. platte» Lande, viel Wohnungselend, und wer über Wohnungsfrage redet, sollte auch den ländlichen Gemeinden die Fürsorge für gute Wohnungen empfehlen. Wen« man nicht dicht zusammen oder aufeinander wohnt, so wohnt man deshalb noch nicht sauber und gesund für Leib und Seele. Anderseits macht auch die äußere Eleganz des HauseS oder der Wohnung den Kohl noch nicht fett; es gibt da übertünchte Gräber, die von thörichten Menschen theuer bezahlt werden.
Wie verschieden die Dinge auf diesem Gebiet liegen und wirken, zeigt sich z. B. von der Tiefe der Grundstücke. Unter ländlichen oder kleinstädtischen Verhältnissen ist eS sehr gut, wenn recht viel Zwischenraum zwischen den parallel lausende» Straßen liegt, so daß die Häuser an jeder Seite einen geräumige» Hintergarten haben, der eine zweckmäßige Verwendung der Abwässer ec., sowie Gemüse-, Obstbaum- und Viehzucht ermöglicht. I« den größeren Städten aber, wo die Grund- stückSwerthe hoch find oder werden, siid diese tiefen Blocks vom Uebel. Das tiefe Grundstück kan» durch ei« Bordergebäude nicht genügend ausgenutzt werden; also baut man noch Seitenflügel und wo möglich «och ei» Qaergebüude hinzu, und das gibt daun die MiethSkasernen in ihrer schlimmen Gestalt. Mit strengen Bauordnungen läßt sich daS Uebel nur etwas mildern, nicht ganz beseitigen. Hätte man aber bei guter Gelegenheit «inen besser» Straßen- und Bebauungsplan aufgestellt, so würde sich weniger Hinterbau und mehr Straßenfront, also auch mehr Vordergebäude und weniger Hintergebäude habe» erziele« lass««, womit zweifellos manche lüft-und lichtarme Wohnungen vermieden worden wären.
I, dieser Beziehung haben nun eifrige Leute schon oorgrschlage«, man solle die Verkleinerung der Blocks und die Vermehrung der Straßen dadurch erreiche», daß man Nebenstraßen mit geringerer Breite schafft. Gewiß reicht ehe geringere Straßenbreite für de« Verkehr in de» weniger belebten Straßen aus; aber w-n« mau die Straßen auffällig schmal macht, so schafft ma» untergeordnete, mißachtete £hattiere, soze- nannte Armenreviere, die von den besseren Elementen geflohen werde», und man beschränkt die Zufuhr von Licht uab Lust i« bedenklicher Weise. Ich glaube, man sollte die Kosten für Anlegung und Unterhaltung der Straßen lieber dadurch zu mäßigen suchen, daß man de» Fahr- dämm i» den Nrbesstraßen schmäler macht, dagegen die Fußsteige um so breiter läßt. Werde» letztere mit Bäumen bepflanzt, so ist eine solche Straße nicht minderwerthig, sonder« wird von den Wohrmrgluchende» vielleicht noch be» vorzuzt werden vor den geräuschvollen Haupt- straßen.
Das W'chtigste ist aber die Fürsorge für reine Lust, genügend Luft, stete Sauberkeit und gute Entwässerung in de« Häusern selbst. ES gibt scho» manche gemeinnützige Bauvereine. Od nicht vielfach gemeinnützige Mieths vereine am Platze wäre«, die ganze Häuser auf möglichst lange Frist mtethrn, um darin eine bessere Ordnung zu schaffe» und auch, waS die Hauptsache ist, zu erhalten? Da ließe sich mit bescheidenem Kapital schon manche schlechte Woh- «unfl in eine gute verwandeln.
I« Uevrigen ist zu wiederholen, daß die Selbsthilfe, die gewissenhafte Fürsorge für eine gute Wohnung allen Eltern heilige Pflicht ist. Ob Mtethrkaserne oder Einzelhaus, man muß aufpassen und arbeite» vor seinem Nest!