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JuL'ba, Samstag, den 28. Juni 1902.
M 146.
29. Jahrgang.
Moche«-K«udschan.
(Nachdruck verboten )
X Fulda. 28. Ium 1902.
Fünf Tage lang bat sich daS kaiserliche -Paar in der Rh ein Provinz aufgehalten. V»n Bonn ist die Reise nach Aachen gegangen; nachher wurden Mör», Krefeld, Ruhrort und Weset besucht — aus Rücksicht auf das Ableben des Königs Albert von Sachsen und der selbstverständlichen Noth- wendigkeit, daß Kaiser und Kaiserin bei der Beisetzung zugegen sein wollten, mußte das rheinische Programm ein wenig abgekürzt werden.
Im Rathhause zu Aachen hat der Kaiser eine Rede gehalten, die unauslöschlich im Gedächtnisie deS deutschen Volker aufbewahrt bleiben muß. „Aachen ist die Wiege des deutschen Kaiserthums" — sagte der Kaiser darin mit einem Hinweise auf Karl den Großen; deswegen wählte er gerade Aachen als Ort dieser Kundgebung. Er erinnerte daran, wie jener alte Kaiserthum seinen Schmerpunkt eigentlich nicht in Deutschland, sondern in Rom hatte, und im Gegensätze dazu an die Aufgaben der neuen deutschen Kaiserthums, das „nach außen beschränkt ist auf die »Grenzen unseres Lande», um unS von neuem innerlich stählend auf die Aufgaben vorzubereiten, die unserem Volke jetzt werden . . . Dem Charakter der Germanen entsprechend beschränken wir uns nach außen, um nach innen unbeschränkt zu sein. Weithin zieht unsere Sprache ihre Kreise auch über die Meere; weithin geht der Flug unserer Wissenschaft und Forschung . . . Und diese» ist da» Weltimperium, das der germanische Geist anstrebt ..." Aber der Urgrund dieses Reiches wurzelt „in der Einfachheit, Gottesfurcht und den hohen sittlichen Anschauungen unserer Vorfahren . . . Zusammen müßen wir arbeiten, um de« germanischen Stamme seine gesunde Kraft, seine sittliche Grundlage zu erhalten. Da» geht aber nur, wenn man ihm die Religion erhält, und da» gilt in gleicher Weise für beide Konfeffionen . . . Wer sein Leben nicht auf die Basis der Religion stellt, der ist verloren. So will auch ich mein Gelöbniß hier aussprechen, daß ich das ganze Reich, da» ganze Volk, mein Heer, mich selbst und mein Hans unter das Kreuz stelle und unter den Schutz deffen, von dem der große Apostel Petru» gesagt hat: E» ist in keinem Andern Heil, e» ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, und der von sich selbst gesagt hat: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen."
Mit aufrichtigem Danke, ja mit Begeisterung haben wir Alle diese Worte vernommen. Gerade auf die deutschen Katholiken kann der Kaiser stets rechnen, wenn es gilt, dieses Reichsprogramm in die That umzusetzen!
Montag Abend find die sterbliche» Ueberreste de» Königs Albert von Sachsen in der Gruft der Dresdener Hoskirche beigesetzt worden. Kaiser Franz Joseph von Oesterreich hatte sich bereits Vormittags in Dresden eingesunden; gegen Abend kamen auch Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria in der sächsischen Haupistadk an, um dem abberufenen Freunde die letzten Ehren zu erweisen. In der Proklamation, mit der König Georg, der Bruder des Entschlafenen, die Zügel der Regierung ergriffen hat, sagt er, daß er dies „mit festem Vertrauen auf Gottes Beistand und die Liebe seiner Sachsen" thue, - und daß er „der festen Zuversicht sei, daß das Sachsenvolk, das ihn ja kenne, die Liebe, die es dem theuern Entschlafenen gewidmet hat, auch auf ihn übertragen werde."
Der Beginn der dierjährigen Nord land fahrt des Kais et8 ist auf den 10. Juli festgesetzt. Die Rerse soll diesmal nur drei Wochen dauern. Denn nachher braucht der Kaiser noch eine Woche, um den letzten Besuch des Kaisers von Rußland zu erwidern. Dies wird bei den russischen Flottenmanövern vor Reval geschehen.'
Die einheitliche deutsche Rechtschreibung wird nun wirklich nicht mehr lange auf Uch warten lassen. In der bayerischen Abgeord- verenkammer erklärte Kultusminister v. Landmann, daß die Erledigung der Sache im Bundesrathe für die allernächste Zeit in Aussicht stehe, wie ihm neulich der Staatssekretär Graf Posadowsky in Nürnberg mitgctheilt habe.
, Im Gcoßherzogthmn Hess en hatte man eben- saus aus die baldige Einführung des direkten Wahlrechtes zum Landtage gehofft. Der Haupt- arttkel des entsprechenden Gesetzentwurfes wurde in oer Kammer «it großer Mehrheit angenommen; aber ,5?" stet eine andere wichtige Bestimmung, daß näm«
.^tischen Vertreter von zehn auf fünfzehn "brmehrt werden sollen, ohne einen Ausgleich herbei- durch gleichzeitige Vermehrung der länd- tlchen Abgeordneten. Es ist noch die Frage, was aus diesem Zwiespalte sich entwickeln werde.
Langsam und schleppend ziehen sich die Arbeiten der Zolltarif-Kommission des Reichstage» hin. Die Herren von der Linken bleiben bei ihren ewig lange» Reden und unaufhörlichen Abänderungsanträgen. Rühmte sich doch kürzlich der freisinnige Abgeordnete Golhcim in einer pommerschcn Wählerversammlung, t c „-an. die hundert Abänderungsanträge gestellt habe. ES rst noch gar nicht abzusehen, wann dle Kommissw» nut ihren Arbeiten wohl fertig werden tonnte.
Mehrere Mitglieder der Kommission mußten einstweile« durch andere ersetzt werden, da sie auf die Einladung de» Marine-Staatssekretärs von Tirpitz hin eine Flottenbesichtigungsreise nach Kiel an getreten haben. Es sollen dabei die Werften der kaiserlichen Marine und die verschiedenen Schiffstypen besichtigt und auch einige Seefahrten unternommen werden. Höchst wahrscheinlich wird es also nicht mehr lange dauern, bis die bereits erwartete Ergänzung der Auslandsflotte vom Reichstage gefordert werden wird. •
Leider ist in diesen Tagen unsere Marine von einem schweren Unfälle betroffen worden: da» deutsche Torpedoboot 8 42 ist bei dem Elbfeuerschiff 4 durch den englischen Kohlendampfer „Firsby" überrannt worden. Der englische Dampfer rannte das Torpedoboot von Cuxhaven direkt an der Backbordseite an, so daß der Torpedo sofort sank. Die Bemannungen der englischen Kohlendampfer haben schon zu sehr vielen Klagen Veranlassung gegeben. Wahrscheinlich waren wieder einmal alle Mann an Bord betrunken. Da» Unglück geschah bei vollkommen klarem Wetter 12^2 Uhr Nachts. Das Torpedoboot hatte eine Besatzung von 24 Mann. Davon sind fünf er- trunten, auch der Befehlshaber de» Schiffe», Kapitänleutnant Rosenstvck von Rhöneck, und drei verbrüht worden durch da» heiße Waffer de» Kessels.
Die Jubelfeier deSGermanischenMuseums in Nürnberg hat ein unerquickliche« Schauspiel in der Schweiz veranlaßt. Der UniversitätsprofefforVetter au? Bern hatte in Nürnberg eine Rede gehalten, worin er unter anderem sagte: „Als Schweizer sind und bleiben wir Deutsche". Das haben die französischen Schweizer gewaltig übel genommen, und einige Zeitungen der deutschen Schweiz haben sich an der Hetze ve- theiligt. Die Folge davon war, daß in der Nacht vom Sonntag zum Montag an die 100 Studenten vor die Wohnung Better's zogen und ihm eine Katzenmusik brachten. 6» entwickelte sich ein Straßenkampf zwischen der Polizei und den Studenten, wobei mehrere der Letzteren verwundet und andere verhaftet wurden.
Der erwartete Ministerwechsel hat sich in Preußen vollzogen: der Eisenbahnminister von Thielen hat den Abschied erhalten und ist durch den srühern Generalmajor Budde ersetzt worden. Minister Budde ist ein Rheinländer, geboren in Bens- berg und fünfzig Jahre alt. Als Oberst im Großen Generalstabe leitete er dessen Eisenbahnabtheilung.
Königin Wilhelmine von Holland fühlt sich in der Schaumburg an der Lahn sehr wohl. Ihre i Genesung hat bereit» erfreuliche Fortschritte gemacht, | so daß sie während der letzten Tage schon mehrfach kleine Spaziergänge unternehmen konnte. In den meisten Fällen wird sie bei ihren Ausgängen und Ausfahrten von Leuten begrüßt, die sich ausdrücklich zu diesem Zwecke eingefunden haben.
England rüstete sich zur Krönungsfeier. Alle Vorbereitungen waren getroffen; mit dieser Woche sollten die Festlichkeiten beginnen. Da hat schwere Krankheit den König darniedergeworfen. Schon vor einiger Zeit vernahm man, daß der König leidend sei. Indessen wurde bald danach versichert, es handele sich nur um eine vorübergehende Unpäßlichkeit. Jetzt plötzlich kommt mit der Nachricht von seiner ernstlichen Erkrankung die Meldung, daß eine schwere Operation an dem König vollzogen werden mußte, um ein eiteriges Geschwür am Blinddarm zu entleeren. Es handelte sich ursprünglich um Perityphlitis, das heißt um eine Entzündung desjenigen Gewebes, das den Blinddarm umgibt. Diese Entzündung hat die Bildung de» eitrigen Abscesse» veranlaßt. Die Krankheit hat einen sehr ernsten und gefährlichen Charakter. Die Krönung ist „auf unbestimmte Zeit" verschoben worden. Es werden sehr wahrscheinlich mehrere Tage vergehen, bevor die Aerzte über den muthmaßlichen Verlauf der Krankheit sich werden ein einigermaßen sicheres Urtheil bilden können.
Im französischen Senate ist in diese» Tagen von Der Einführung der zweijährigen Dienstzeit die Rede gewesen. Der Senator Rolland hatte einen entsprechenden Antrag eingebracht — wahrscheinlich bestellte Arbeit! Denn die zweijährige Dienstzeit steht auf dem Programm des neuen Ministeriums. Bei dieser bemerkte der Krieg»minister Andrs: durch die Einführung der zweijährigen Dienstzeit würde die Friedensstärke des Heeres um 50000 Mann verringert werden. Dann aber sollte diese Lücke durch die Herabsetzung des M litärmaßeS und die Feststellung der Zahl dec jährlichen Kapitulanten um 25000 Mann kleiner gemacht werden. DaS ftanzösische Heer würde also dadurch an Zahl stärker, an Qualität der Mannschaften aber geringer werden.
Da» neue Ministerium des Herrn CombeS hat kürzlich ein Rundschreiben an die Präfekten erlaßen, in dem es die Einführung eines auSge - sprochenenParteiregimentes ankündigt. Als Beamte sollen von jetzt ab nur noch solche Leute angestellt und im Amte geduldet werden, die auf das polittsche Programm deS Ministeriums eingeschworen sind — ganz nach dem Muster de» Losungswortes der deutschen Sozialdemokratie: wer nicht parirt, fliegt hinaus! Damit ist natürlich einer elenden GefinnungSriecherei und einem erbärmlichen Denun- ziautenthum Thür und Thor geöffnet ; und da» nennt sich republikanische Freiheit." Wir bedanken uns er» gebenst dafür!
In Spanien ist es gekommen, wie e» kommen mußte. Der bisherige Handelsminister Canalejas, ein radikaler Kirchenhaffer, reiste im Lande umher und hielt Brandreden gegen die Kirche und die Freiheit der religiösen Orden; und nun ist es infolge dessen wieder zu Ruhestörungen in dem ohnehin aufgeregten Barcelona gekommen. Da endlich ist Herr Canalejas zenöthigt worden, seine widerwärtige Hetzerei aufzugeben. Seine Gesinnungsgenoßen werden wohl das Geschäft jortsetzen und damit selbst dem
fortgesetzt das Nöthtge mitgtthrtlt wäre, so wär-
seiner Sommerfrische Sibyllenort plötzlich wn den die riesigen Vorbereitungen zum Feste ein« einem neuen Anfall seiner alten Leidens fw «schränkt worden sein, daS Risiko sich verringert
geworfen, und eS zeigte sich, doß das Leiden bte Widerstandskraft der robusten und gestählten Körpers schon untergraben hatte. Es war dem König Albert nicht einmal gestattet, i.i seinem
sal heraus.
Da in dem Punk e Krankheit und Tod die hohen und die gewöhnlichen Menschen alle gleich sind, so können auch wir von reu dortigen 6t« sahrungen lernen.
Ei gibt wehleidige und ängstliche Leute, die gleich bei dem ersten Uubehaaen sich krank melden uns mit Gier sich auf alle öffentlichen und heimlichen Heilmittel stürzen. Daneben haben wir aber auch zähe Elemente, die durchaus nicht krank sein wollen und sich immer einreden, ihre kräftige Natur werde daS bischen Unwohlsein schon überwinden. Gie wollen durchaus nicht von ihrer Arbeit oder von ihrer Vergnügungen laffen; sowohl die fleißigen wie die genußsüchtigen unter ihnen scheuen das Bett und den Doktor. Der Eine redet sich ein, er sei ganz unentbehrlich im Geschäfte oder in der HauSwirthschaft und hält sich deshalb krampfhaft auf seinem Posten, biet kraftlos zusammenbricht. Der Andere scheut die ärztliche Untersuchung und die ärztliche Behandlung. Der Arzt könnte am Ende ein ernste-, gefährliches Leiden feststellen, und diese Schreckensbotschaft möchte er möglichst spät hören. Der Arzt könnte auch eine gründliche Aenderung der L-benSweise fordern, die Einstellung des Trinkens, Rauchens, Tanzens oder sonstige Genüffe — und da will man doch liebet erst versuchen, ob matt nicht auch „so" wieder gesund werden kann. Der E.ne ist übermäßig tapfer, der andere leistet auS Feigheit passtoen Widerstand. Das Ende vom Liede ist nut zu häufig, daß det endlich gerufene Arzt in bedauerndem Tone fragt: Aber warum find Sie nicht früher gekommen? Warum hab« Sie das Leisen verschleppt und dadurch verschlimmert? ’ -4
Eine besondere Spielart bet Arztschau bildet daS Quacksalben mit allerhand Hausmitteln und das Laufen zu Kurpfusck ern. Dadurch wird dar Urbel oft noch erheblich gesteigert.
Ein vernünftiger Mensch muß doch unterscheiden können zwischen einem örtlichen Schmerz, der für Lech und Leben nicht weiter gefährlich ist, wie z. B. etwas Zrhnweh, oder eine Beule, oder eine oorübergehenoe Magenverstimmung aus einem bestimmten Anlaß, und einem Unwohlsein, daS auf eine ernste Erkrankung des Organismus schließen läßt. Wenn sich eine allgemeine Abgc« spanulheit einstellt, der Pulsschlag und die Temperatur nicht mehr in Ordnung find und vielleicht sogar, wie bei dem König von England, Schüttelfrost auSbricht, so ist sofort Bettruhe geboten und dann Den Arzt zuzuziehe». Sollte man einmal ohne Noth einen Tag im Bette verbracht und b« Arzt geholt haben, so wäre das ein ganz gering- süaiget Verlust an Zeit und Gels, der gar nicht u.'s Gewicht falle» kann gegenüber den große« Gefahren und schweren Schädigungen, die eine Verschleppung so häufig herbeiführt.
Auf jeden Fall sollte man aber bei ein tretendem Unbehagen uns Mattsein so viel Klugheit und Selbstbeherrschung habe», um seine Lebensweise alsbald etwas grsuudheitsmäßig einzurichten. Was man sich so-tst erlauben zu könne« glaubt an Genüffe», Geselligkeit, Wirthshausbesuch und dergleichen, sollte man dann vorsichtshalber einschränken, bis die alte Frische wiedergekehrt ist. Auch in der Auswahl der Speisen, in der Zeit und der Menge des EffenS, in der Kleidung und in der Rücksicht auf Zugwind rc. kann man bei körprrlicht m Unbehagen vorläufig vor sichtig werden, ohne sich dadurch etwas zu vergeben oder die Umgebung zu ängstigen.
Und schließlich, wenn es trust wird: gehorche dem Arzt! Muß operirt werde», dann sttätbe Dtch nicht; dieVerzögetung macht es nur schttm- niet; und tollst Du Deine Lebensweise änaer», so fei auch zu bt fet „Operation" bereit, wen« sie Dir auch schwer wird I
Krankheit und Tod sind die rücksichtsloseste» Demokraten, die ärgsten Gleichmacher. Die junge Königin von Holland, die da strahlte in be> neidenSwerther Schönheit und Glückseligkeit, sank a*f ein Kraukhetts- und Schmerzenslager, dabei alle« fühlende» Herze» das tiefste Mitleid erregen mußte. König Albert von Sachsen, der gefeierte Heerführer von 1870/71, wurde in
eigenen Lande zu sterben.
Und nun der plötzliche Zusammenbruch des Könias Eduard von England — zwei Tage vor seiner Krönung, zu der sich Millionen von Menschen in Bewegung gesetzt halte»! Zwischen Lipp' und Bechersrand schwebt der dunklen Mächte Hand. Der König, der schon seit vierzehn Tagen leidend war und schon am vorletzten Sonntag (den 15.) von Schüttelfrost befallen war, wollte sich mit aller Gewalt aufrecht er- halten diS zur Vollendung der Feier. Er ertrug auch standhaft die SttspaM der Fahrten, Zrpfenstrriche, Einzüge rc, bis et am vorletzten Tage vollständig zusammenbrach. Die Aerzte mußten sofort zur Eröffnung deS Unterleibes schreiten, um einen Eiterherd in den Eingeweide» zu entleeren. Eine derartige Entzündung und Eiterung ist eine der schlimmste« Krankheiten und die Operation wegen der Gefahr einer Verunreinigung der Bauchhöhle und Entzündung des Bauchfells sehr gefährlich. In dem vor- liegenden Falle um so mehr, als König Eduard schon 61 Jahre alt ist und bekanntlich nicht sehr nach den Vorschriften der SesundheitSlehre gelebt hat. Nach den neuesten Nachrichten scheint die erste, unmittelbare Gefahr überwanden zu fein. Die Hoffnung auf Genesung hängt allerdings »och davon ab, ob die kranke Stelle am Wurmfortsatz und Blinddarm sich jetzt beruhigt oder ob die Entzündung wieder ausbrlcht.
DaS Schicksal des Königs hat in der That etwa- Tragisches an sich. Er hat ja bisher für die Unsterblichkeit noch nicht viel gethan, aber ein Verdienst hat er sich zweifellos erworben, nämlich die Herbeiführung des Friedens in Südafrika. Der König wollte zu seiner Krönung Frieden im Lande haben. Wen» er nicht gedrückt und gedrängt hätte, würde» die Machthaber auch die geringen Zugeständnisse an die besiegten Buren nicht gemacht haben. Mag an dem Friedensschluß manche« zu bedauern sein, so ist doch jedenfalls der Friede für beide Theile viel brffer, als die Fortdauer des blutigen Kampfes, der schließlich zur Ausrottung des Burenvolkes hätte führen müsse». Die K önung war mit Rücksicht auf den erhofften Frieden«- schluß verschoben worden. Und nachdem nun der Abschluß gelungen, ja über Erwarte» schnell und glatt die Ruhe in den früheren Republiken hergestellt war, wollte der König gerade den Lohn für seine erste That ernten — als plötzlich die Krankheit ihn von de« Krönungsseffel zurück und auf daS Krankenlager riß, das ein TodeSbett zu werde» drohte und vielleicht auch noch ein Todesbett wird.
Daß König Eduard die Krankheit zu unterdrücken und zu verheimlichen suchte, um die Krö-ung vicht zu versäumen, ist wohl zu verstehen. Es kommen da nicht ölos seine persö». licken Gefühle und Wünsche in Betracht, sondern auch die Rücksicht auf fein Land und Volk. Die sonst so trockenen Engländer waren in einen wahren Festtaumel gerathe». Das deutsche Volk ist bekanntlich sehr geneigt und befähigt zur begeisterten Theilaahme an militärischen und höfischen Festlichkeiten. Aber so etwas, wie ei sich sitzt in London entwickelte, hat Berlin doch «och nie gesehen. Die Ausschmückung der Straße» und Gebäude, der Umfang der Tribünenbauten, die Preise für die Plätze auf bex Tribünen und an den Fenstern, die Völkerwanderung nach London, das Getriebe der buntgemischten Menge, zu der daS ganze britische Weltteich bis in die entferntesten Länder Beiträge geliefert hatte — das alles war »ach dm Schilderungen der Augenzeugen wirklich koloffal. Die plötzliche Unterbrechung mußte zu einem wahren Krach führen; auch auf wirthschaftlichem Gebiete. Unzählige Millionen waren angelegt für die Verpflegung, die Unterbringung oer Mafien sowie für die Befriedigung ihrer Schaulust. Diese« ganze Kapital war nun mit einem Schlage in Frage gestellt. Es wird Konkurse un) Prozesse in Unmass: geben und '
und die Verluste verkleinert haben. Nachher ist man bekanntlich klüger als vorher. Der König hat es gewiß gut gemeint und hat bei dem Versuche das meiste aufs Spiel gesetzt, nämlich fei« Leben. Durch die Verschiebung der Operativ« und die fortgesetzte Anstrengung des schwer kranke» Königs forderte er in der That fein Schick-
daneben wird in aller Stille manche wirthschaft« liche Existenz in Armuth sinken.
Der König wollte das Unheil verhüte» und feine nächste Umgebung half ihm dabei, indem daS G«heiW»tß der Krankheit bis auf das äußerste gewahrt wurde. Aber der Versuch scheiterte schließlich an der Unmöglichkeit, den kranken Körper noch länger ausr-chr zu erhalte», und nun erheben sich auch scyon Stimmen, die da sage», man hätte lieber von Anfang an der Wahrheit freien Lauf laffen sollen. Wen» es schon vor acht Tage» ober gar noch früher bekannt geworden wäre, daß der König sich unwohl fühle, und wenn bann über die Entwickelung der Krankheit
ihnen befreundeten Ministerium des Herrn Sagasta da» Grab graben. Es würde nicht weiter schade darum sein!
Unpolitische Zeitläufe.
G Berlin, 26, Juni 1902.