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Hlustrirte Sonntags-Zeitung”, Juldaer Gescbichtsblätter" und Coflerie-Üiste.
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Jutda, Samstag, den 14. Juni 1902.
M 134.
Wocheu-K«ndscha«.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda. 14. Juck 1902.
„Innere Krisis" — so lautete neuerdings da» Schlagwort bei den regierungslüsternen Liberalen. „Wir und die Sozialdemokraten werden Ihnen zur Seite stehen!" — ries der Abgeordnete Dr. Barth von der sreisinnigen Vereinigung am Montag bei der Berathung der Brüsseler Zucker-Konvention der Regierung zu, indem er sie aufforderte, mit „der agrarisch-klerikalen Mehrheit des Reichstages" kurzen Prozeß zu machen. Ob Herr Dr. Barth meint, damit dem Grafen Bülow ein angenehmes Anerbieten gemacht zu haben? Die Regierung aber kann daraus ersehen, daß sie ihre Politik sogar auch nach gewissen Wünschen der Sozialdemokratie einrichten müßte, wenn sie jemals daran denken wollte, „von der Linken sich umgarnen" zu lasten; und derlei Dinge wird sie sich wohl noch zehn Mal genau überlegen. Die Freisinnigen gelangen in den Reichstag nur noch durch die Unterstützung der Sozialdemokratie; die Regierung würde also einen politischen Selbstmord begehen, wollte sie diesen kindlichen Verlockungen auch nur einen einzigen Schritt weit folgen. Die Herren Barth und Genossen werden ihre Hoffnungen auf Regierungsfähigkeit genau ebenso zu Grabe tragen müssen, wie früher auch. Aber das schroffe Auftreten des Grafen Bülow im preußischen Abgeordnetenhaus« hatte ihnen doch gar zu viel Hoffnung gemacht!
In verschiedenen Blättern, auch in solchen, die häufig aus dem Regierungslager selbst unterrichtet werden, erschienen Mittheilungen, die eine ganz besondere Erklärung dafür zu haben vorgaben. Danach hätte Graf Bülow selbst gar nicht so schroff im preußischen Abgeordnetenhause austreten wollen. Im letzten Augenblicke habe eine Audienz beim Kaiser stattgefunden, und in dieser Audienz sei .„energischesAustreten" beschlossen worden. Ein wenig verspätet ist gegen diese Gerüchte in einer hochoffizi- öfen Mittheilung der .Norddeutschen Allgemeinen .Zeitung' Widerspruch erhoben worden. Daß die entsprechende Audienz stattgefunden habe, wird darin nicht geleugnet. Aber es wird gleichzeitig festgestellt, daß es „für den Reichskanzler und Ministerpräsidenten keinen Augenblick des Schwankens darüber gab, welche Haltung ihm durch die Interpellation (eigentlich war er ein Antrag! D. Red.) aufgenöthigt war, und daß er hierbei ebenso auf da« Vertrauen der Krone wie auf die einstimmige Unterstützung de» Staat-Ministerium« rechnen konnte." Wenn die Dinge sich so verhalten haben, kann man es de« Reichskanzler nicht verdenken, daß er da» öffentlich feststellt. Bermuthlich werden aber die phantastischen Hoffnungen der Liberalen neue Nahrung dadurch erhalten, und da» politische ® et trauen zwischen dem Grafen Bülow «ck> den Mehrheitsparteien des Reichstage» wird noch -.mehr sich abkühlen.
Der Reichstag ist bis zum 14. Oktober vertagt worden. Die letzten Tage hat er noch mit Hochdruck gearbeitet, am Mittwoch sogar zwei Sitzungen abgehalten, von denen eine fünf, die andere drei Stunden und eine halbe dauerte. Es galt, die hoch > wichtigen wirthschaftlichen Gegenstände der Zuckersteuer, der Brüsseler Zucker-Konvention, des Gesetzes über die künstlichen Süßstoffe und der Schlußabstimmung über die Branntweinsteuer zu erledigen. Hoch wichtig find sie deswegen, weil sie mit den höchsten Steuereinnahmen des Reiches zusammenfallen und tief ein- fchneiden in das ganze wirthschaftliche Leben unseres Volkes. Was beschlossen worden ist, läßt sich in kurzer Form mit folgenden Worten kennzeichnen. Die inländische Zuckerverbrauchsabgabe ist auf 14 Mk. für den Doppelzentner Zucker festgesetzt worden. Die Mehrheit des R ichstages wünschte eine stärkere Herabsetzung dieser Steuer, die gegenwärtig 20 Mk. beträgt; aber man einigte sich schließlich auf diesen Satz, um nicht eine der Haupteinnahmen des Reiches — jetzt 120 Millionen im Jahre! — gar zu sehr zu gefährden. Dafür ist wiederum die Zuckersteuerfabrikation tontin« gentirt worden, und zwar an 21 Millionen Doppelzentner jährlich für das ganze deutsche Reich. Die Herst-llung und Einfuhr künstlicher Süßstoffe ist vom 1. April 1903 ab verboten. Die Verwendung derselben soll nur gestattet fein für wissenschaftliche und für Zwecke der Heilkunst, der Verkauf darf nur durch Apotheken stattfinden, die die Erlaubniß dazu haben. Die Brüsseler Zuckerkonvention ist genehmigt worden: Danach wird der Einfuhrzoll für Zucker vom 1. Sept. 1903 ab auf 4 80 Mk. anstatt jetzt 20 Mk. herabgesetzt. Die Branntweinsteuer ist mit allen Stimmen gegen diejenigen der Freisinnigen und Sozialdemokraten in der bereits beschlossenen Form in der Schlußabstimmung angenommen worden.
„Ein schwüler Brodem in dem durch Tabaks- Wolken verfinsterten Sitzungssaal — die Fenster verhüllt zum Schutze gegen die sengende Sonne — hie und da eine träge Feder, die ab und zu ein paar Worte kritzelt, sonst alles in Ruhe — Abspannung, Ermattung auf allen Gesichtern — schneckeuhaft langweilig verzögert sich die Verhandlung . . ." So schildert ein Abgeordneter die Sitzungen der Zolltarif-Kommission des Reichstages in einem freisinnigen Blatte. „Wer in sechzig langen Sitzungen ... bie eintönige Bereotsamkeit des Abgeordneten Stadthagen und dann noch die öderen und schlimmeren Ergüsse der „Genoffen" Hoch und Antrick auf sein Trommelfell einwirken ließ, der hat ein läuterndes
Fegefeuer durchgemacht. Aber schlimmer täglich werden ihm die Qualen, wenn Stunde auf Stunde in leeren Worten nutzlos verrinnt . ." So wird eS ja wohl fein. Aber die „Genoffen" tragen an der Verschleppung nicht allein die Schuld daran; der Spott der freifinnigen Abgeordneten paßt auch aus andere Leute. DaS ernsthaft Bedauerliche ist dabei, daß die Aussichten immer geringer werden, den Zolltarif noch im Laufe dieser Tagung irn Reichstage zu verabschieden. ES wäre besser gewesen, die Regierung hätte den Reichstag heimgeschickt und einem neuen Reichstage die Zollsache aufgebürdet! Jetzt hat sich die Zolltarif-Kommission nur mit Chemikalien, Farbstoffen und bergt beschäftigt, von denen täglich nach stundenlanger Sitzung einige Wenige erledigt werden, und am Ende immer nach den Ansätzen des Regie» rungSentwurfeS. Biel Lärm um nichts!
Die Wiederherstellung der herrlichen Marienburg in Westpreußen ist durch eine große Feierlichkeit begangen worden, an der der Kaiser theil- genommen hat. Man sagt, d^r Kaiser habe im Sinne gehabt, die alte, von dem katholischen Ritterorden einst erbaute Schloßkirche beiden Bekenntnissen zu öffnen, dem katholischen und dem evangelischen; deswegen sei an den Bischof von Ermland die Anregung ergangen, bei dem Weiheakt mitzuwirken, der vom evangelischen Hofprediger Dryander auSgesührt wurde. Bisher war in der Schloßkirche zu Marienburg nur katholischer Gottesdienst abgehalten worden. Sollte jene Anregung an ben Herrn Bischof wirklich ergangen sein, dann konnte er gar nicht anbers als ablehnend antworten. Die bedauerliche Thatsache ist nicht Hinwegzuleugnen, daß die Katholiken aus dem herrlichen Gotteshause hinauSgewiesen worden sind, in dem sie sechs Jahrhunderte hindurch daS heilige Opfer gefeiert und gebetet haben.
Bei dieser Gelegenheit sprach der Kaiser von dem nothwendigen „Kampfe gegen den polnischen Uebermuth". Daß die Polen darauf antworten würden, konnte man sich denken. Sie haben diesen Ausspruch benützt, um sowohl im deutschen Reichstage als auch im österreichischen Parlamente von neuem Lärm zu schlagen. Auch die Bewilligung der weiteren 250 Millionen Mark „zur Förderung deS Deutsch- thumS" durch das preußische Abgeordnetenhaus scheint nicht unbeantwortet zu bleiben bei den Polen. Nach Berichten österreichischer Blätter steht auch die Bildung eines polnischen AnfiedelungSfonds in der Höhe von 100 Millionen Mark bevor. Polnische AdelS- und Finanzkreise in Preußen, Galizien und Russisch» polen wollen sich, wie er heißt, zusammenthun, um diese Kampfgelder aufzubringen.
Die Polen sind bisher still geblieben im österreichischen Abgeordnetenhause. Dafür hab«» die Tschechen angefangen zu lärmen. Fünf radikale Tschechen richteten wegen der Marienburger Rede deS Kaisers eine Jnterpellatton an den Ministerpräsidenten von Körber, wobei der 86g. Klofaisch die Behauptung aufstellte, Kaiser Wilhelm habe sich mit dieser Rede an die Spitze der Alldeutschen gestellt. ES erhob sich ein wüster Lärm, der dann der Sitzung ein frühzeitiges Ende bereitete, ohne daß Herr v. Körber geantwortet hätte. Der Präsident schloß die Sitzung, bevor der Ministerpräsident Gelegenheit bekam. Am Mittwoch konnte die Sache also erst imn Austrage gelangen. Graf Vetter, der Präsident deS Ab. geordnetenhauseS, sprach sein tieffteS Bedauern über die Vorfälle deS voraufgegangenen Tages aus. Ministerpräsivent von Körber drückte fein Betrüb- niß darüber auS, baß das Oberhaupt eines Verbündeten Staates so beschimpft wurde und lehnte die Beantwortung der Interpellation rundweg ab.
DaS Toleranz-Gesetz, daS vom Reichstage enbgittig in dritter Berathung angenommen worden ist, findet im Königreiche Sachsen keine Gnade: auf eine Interpellation in der Zweiten sächsischen Kammer hat Kultusminister von Seydewitz geantwortet, daß die sächsische Regierung im BundeSrathe gegen das Gesetz stimmen werde. DaS hatte man erwartet. Vorläufig — so wurde in der Regierungs- Presse angedeutet — werde sich der BundeSrath nicht damit beschäftigen. Soll etwa das Toleranz-Gesetz zu dem Jesuiten antrag ein Seitenstück und dort versenkt werden, wo die BundeSrathS-Akten am tiefsten sind?
Von schwerer Krankheit ist in seinem an- muthigen Schlöffe Sybillenort in Schlesien König Albert von Sachsen befallen worden. Wie der Ausgang dieser Krankheit sich gestalten werde, steht dahin. Das hohe Alter des Königs gibt zu Besorgnissen Anlaß, die in weniger hohem Grade vorhanden sein würden, wenn der Kranke sich noch in den jüngeren Jahren befände. Der Kaiser wurde in diesen Tagen zum Besuche in Sybillenort erwartet.
Am 10. Juni ist die Königin Wilhelmine von Holland auf Schloß Schaumburg a. Lahn eingetroffen, um dort in erfrischender und belebender Höhen- und Waldesluft ihre Genesung zu beschleunigen. Anfänglich hieß es, der Kaiser wolle bie Königin in Wesel persönlich begrüßen. Es ist aber nichts au8 dieser Begegnung geworden.
DaS neue französische Ministerium hat als Oberhaupt den bisherigen Senator Co mb es erhalten, einen waschächt in der Wolle gefärbten, modernen Radikalen, der ein ausgesprochener Feind der Kirche und deS Christenthums ist. Die Männer, die er als Ministergenossen um sich versammelt hat, schillern in denselben Farben; General Andrö, der bereits Kriegsminister unter Walbeck-Rousseau war und dies in dem neuen Ministerium geblieben ist, kann sogar als Kriegsminister seinen gottesleugnerischen Fanatismus nicht zügeln, sondern hält bei Osfiziers- banfetten flammende, haßerfüllte Reden über ben nach seiner Meinung veralteten Gottesbegriff, ben abzulegen als alten Plunder er den französischen Offizieren
dringend anräth. Von demselben Holze geschnitzt ist der Unterrichtsminister Tronillot, ein vollendeter Gottesleugner. Deswegen kann es nicht weiter überraschen, daß in dem politischen Programm deS neuen Ministeriums die Aufhebung des bestehenden Unter» richtSgesetze» eine hervorragende Rolle spielt. Man steuert auf die Alleinherrschaft der Staatsschule zu; und diese moderne französische Staatsschule kennt keinen Religionsunterricht in ihrem Stundenpläne. Man will also die Heranwachsende französische Jugend religionslos und gotteSleugnerisch erziehen. Aber hoffentlich rüttelt gerade diese kulturkämpferische Ueber- schärfe die christlichen franzöfischen Familien wach und gibt selbst den Anstoß zu einem Umschwünge im guten Sinne. Daß nunmehr auch da» sogenannte Vereinsgesetz, also das Unterdrückungsgesetz gegen die religiösen Genossenschaften, in allen seinen harten Bestimmungen wirklich durchgeführt werden wird, ist beinahe selbstverständlich. Das wird in der Programmerklärung des Herrn Combe» auch ausdrücklich angekündigt.
Die Buren unterwerfen sich willig den Friedensbedingungen. Die letzte Amtshandlung der nunmehr aufgelösten Transvaalregierung ist ein Aufruf an die Transvaalburen gewesen, in dem ihnen für ihre opfer- muthige Treue gedankt, nun aber ihnen anS Herz gelegt wird, ehrlich in die neue Ordnung der Dinge sich hineinzufinden. Der Auftuf trügt die Unterschriften von Schalk Burger und Locks Botha, und man lieft darin unter andern folgende Sätze:
Wir danken Euch herzlich für Euern Heldenmuth und dafür, daß Ihr so viel, was Euch lieb und theuer war, geopfert habt, für Euern Gehorsam und für Eure treue Pflichterfüllung . . . Wir rathen Euch Allen, Euch bei diesem Frieden zu beruhigen, Euch ruhig und friedlich zu verhalten, die neue Regierung zu achten und ihr zu gehorchen . . . Auch unfern Frauen und Kindern, die fo heldenhaft die schwersten Opfer und Leiden auf sich genommen haben, möchten wir ein Wort des Lobes und Dankes sagen. Jetzt ist nun Friede, und obwohl es nicht der Friede ist, nach dem uns verlangte, so laßt uns dennoch da auSharren, wohin Gott uns geführt hat. . .
Präsident Krüger wird wahrscheinlich nicht nach Südafrika zurückkehren, sondern feine Tage in Holland beschließen. WaS mit den sogenannten „Kap-Rebellen" geschehen werde, ist noch ungewiß. Man nimmt an, daß König Eduard bei seiner Krönung eine allgemeine Amnestie über sie au-sprechen werde, und daß dieS eine vertrauliche Verabredung gleich bei den Friedensverhandlungen in Pretoria gewesen sei. WaS sonst von geheimen Nebenverträgen zu Gunsten der Buren erzählt wird, ist schwerlich ernst zu nehmen. Nach der amtlichen Feststellung hatten die Briten in diesem Kriege an Todten 1072 Offiziere und 21942 Mann, an Invaliden und Verwundeten 74000.
Unpolitische Zeitläufe.
® Berlin, 12 Juni 1902.
-------- Nachdruck Verbote-.
Zucker undAlkohol standen auf der Berliner Tagesordnung. Im Reichstage hieß tl: genießt mehr Zuckerl Und im pieußischen Abgeordnetenhause wurde ein ganze» Bündel von Maßregeln gegen die Trunksucht beratheu.
Mehr Zucker! da« ist keine bittere Mahnung. Warum sollen wir nicht da« Leben un« möglichst versüßen! Fü.'» Vaterland sterben, ist ehrenvoll; für'« Vaterland Zucker genießen, ist angenehm. Und da» Vaterland braucht jetzt wirklich di« Lecker» zähnchen und Zuckermäulchen. Vom l. September nächsten Jahre« ab hört die Ausfuhrprämie für den Zucker auf. Die Zuckerfabrikanten und Rübenbauer fürchten, daß ste dann nicht mehr fo viel Zucker im Ausland Io« werden können. Also muß da« Inland mehr Zucker verbrauchen, sonst müssen die Fabriken stillstehen und der Rübenbau eingeschränkt werden. Da« thäte vielen Leuten weh. Außerdem rechnet die Reichskaffe aus stärkeren Zuckerverbrauch. Di« Steuer ist herabgesetzt von 10 auf 7 Pfennig für da« Pfund. Wenn nun auch etwa« an den Ausfuhrprämien erspart wird, so gibt i« doch immer noch einen Ausfall, wenn nicht überall ein Klümpchen mehr genommen wird. Und jeder Ausfall in der Reichskaffe ist jitzt sehr gefährlich; denn der Sieuerlöwe geht so wie so schon knurrend herum und sucht, wen er verschlinge. Wenn wir nicht tüchtig Zucker lutschen, so gibt es eine höher« Bier- oder Tabaksteuer oder vielleicht auch «inen höhern Kaffeezoll. Also sowohl die Kaffeeschwrstern al« die Biertrinker und Raucher haben ein dringende« Jatereffe daran, sich an der Verttlgung d.r Zuckervorräthe energisch zu be- thefl'gen.
Die Jugend ist bekanntlich die Hoffnung der Vaterlandes. Auch in der Zuckerfrage. Wenn man die Kinder mobil macht, wird in den Zucker- vorrälhen bald Biesche gelegt. Die Kinde»zähne haben e« so gern, wenn sie von Süßigkeiten verdorben werden.
Nun sagen aber die gestrengen Erzieher, man dürfe dir Kinder nicht naschhaft und genußsüchtig machen. Gewiß, alles mit Maß! Doch ist cs ganz natürlich und berechtigt, wenn wir unseren Kindern etwas mehr Zucker zukommen lasse», als wir s. Z. bekommen haben. Als die älteren Jahrgänge roch jung waren, galt der
29. Jahrgang.
Zucker als ein Genußmittel, das eigentlich nu* zum Gaumenkitzel diene. Jetzt hat man erkannt, daß er ein wirkliches und werthvolles NahrungS- mittel ist, das de» Körper kräftige. Die Begierde der Jugend nach Zucker ist keine ungesunde Leckermäuligkeft, sondern ein naturgemäßer Hunger. Der Umschwung der Ansichten zeigt sich am deut! chsten darin, daß man jetzt auch den Soldaten zur Erfrischung und Stärkung Zucker gibt — was vor einem Menschenalter noch jeder Feldwebel für die höchste Verrücktheit erklärt haben würde. Bedenklich ist eS ja, de« Kindern in jedem Augenblick, wenn sie ei» Lüstchen anwandelt, den Mund voll Zuckerzeug zu stopfen oder sie daran zu gewöhnen, daß sie in jeden Automat einen Groschen stecken müffen. Regelmäßig muß ihnen ihr Deputat an Zucker gewährt werden, ebenso wie die sonstige Nahrung, und dann braucht man die Zuckerporttonen nicht so knapp zu bemess«. Bei besonderen Anläffe», z. B. zur Belohnung für die- oder daS oder bei einem Besuche, kann man dann noch eine Kleinigkeit zulegen, sowett es den Umständen entspricht. Unfug ist eS natürlich, wen» man einem Kinde, daS noch keine« Verstand und keine Selbstbeherrschung hat, eine Menge Zuckerzeug auf einmal in die Hand gibt Das geschieht aber nicht etwa bloß bei reiche» Leuten, sonder« man kann öfter sehen, wie ärmere Kinder mit einer ganzen Düte Bonbon» herumlausen, die sie den besonderen Launen ihrer Eltern und Verwandten oder sonst einem Zufall verdanken. Vernünftige Eltern werden solche Schätze l« Verwahrung nehmen und den Kinder« in angemessenen Theilen znkommen lassen, damit sie sich nicht de« Mage« verderbe« und länger etwas davon haben. Dabei werden die Kinder zugleich au da» Maßhalten gewöhnt. ES wäre ein verfehlter Eifer, wenn man den Kinder« die volle Entsagung und Enthaltsamkeit auch von erlaubten Genüssen beibringe« wollte. Allzu scharf macht schartig. In den erlaubten Dingen muß man nur die vernünftige Mäßigung predig« und übe«, um desto «tschiedener de» volle» Verzicht auf alle unerlaubt« Genüsse anzurrzieh«.
nebligen» ist e« gar nicht nöthig, den Mehrverbrauch von Zucker durch Bonbon» oder Lutschstücke zu erzielen. Die sog. BonbonS, namentlich di« gefärbten, find ost recht minderwerthig, viel« fach sogar mit schädlichen Zusätzen versehen. Obendrein schabet das Verarbeiten de« Zucker» im Munde d«Zähn«. Besser ist e«, der Zuckerbedarf der Kinder durch die angemessene Versüßung von Speisen und Setränken zuzuführen. Ein sehr gute» Nahrungsmittel für Kinder ist i. B. Kakao, und wenn der Zucker billiger wirb, so darf man hoff«, daß der Kakao, zu dem bekanntlich viel Zucker gehört, sich mehr In der Familie einbürgert. Er ist für die Kinder besser, al« die gewürzte Chokolade, und wenn er ben Kaffee von dem Kindertische verdrängt, so hat er ein heilsames Werk gethan, weil im Kaffee Gift steckt, daS die kindliche« Körper am wenigst« vertragen können.
WaS «u« u«S Erwachsene angeht, so urtheil« wir gar gern recht scharf über die Lecker- mäuligkeit der Jugend, wollen aber selber immer genießen und genießen. Die Frauen könne» nicht ohne ihre» Kaffee leben un) manche leistet sich auch noch ihren täglichen Bierschluck daneben. Die Männer haben nun erst recht von Morgens früh bis Abends spät Bedarf an Genußmitteln: Bier, Wein, Schnaps, Pfeife, Ctgarren, Cigaretten, Schnupftabak und manchmal auch noch ein Priemchen. Alles nur Nervenreizung, aber kein Nährstoff. Wäre es nicht gesürider, billiger und zugleich b quemer und sauberer, wenn wir unfern Genuß mehr im Zucker suchten, der weder die Nerven »och daS Herz angreift, aber dem Körper Nahrung zuführt? Wer Den sanften Reiz deS Zuckers liebt, hat wenige. Neigung für den scharfe« Reiz des AlkobolS.
Insofern paßt eS ganz gut zusammen, wenn zugleich im Reichstage das Lob deS Zuckers gesungen und im andern Parlamente bet übertriebene Alkoholgenuß bekämpft wird.
Im preußisch« Landtag sind nun nicht weniger alS 12 Mittel zur Bekämpfung der Trunksucht beschloss« worden. Aus der großen Zahl ersieht man schon, daß ein durchschlagende», vollkräftiges Heilmittel gegen diese Zeitkrankheit noch nicht gesunde» ist. Der Staat kann hier und da die Verführung etwas einschränken und die bösen Folgen der Trunksucht etwa» zu mildern suchen. Aber der Schnaps und seine Genossen sind nicht aus der Welt zu schaffe», und wer so dumm und schlecht ist, daß er sich betrinken will, dem kann man nicht vorher die Zwangsjacke anlege». An die Wurzel des Uebels kann man nur durch die verbesserte Volkserziehung kommen, und dabei fällt der Religion und der Kirche die Hauptaufgabe zu. Gut ist es aber, wenn auch der Staat das ©einige thut, um den Lrrgernissen zu steuern. Die öffentliche« Der-