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Juköa, Samstag, dem7. Juni 1902.
29. Jahrgang.
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Rechte anwenden : Auf dem Dache fitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß! Der junge König ist zu bedauern, daß er gleich im Anfänge mit solchen schwankenden Gestalten rechnen muß.
In Mittelamerika dauern die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen unentwegt fort; angeblich sollen diese Letzteren kürzlich bei BocaSdel Toro einen großen Sieg über die Regierungstruppen errungen haben. Gewisses weiß man aber noch nicht. Angenehm wirkt im Gegensätze dazu die Meldung, daß der Zwist zwischen C Hile und Ar gentinien wegen der Grenzen im Andengebiete endgiltig und in befriedigender Weise beigelegt ist — lange genug hat es gedauert, bis die beiden Republiken eingesehen haben, daß ein guter Vergleich weit bester ist, als ein theurer Krieg!
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 7. Juni 1902.
Schön ist der Friede! Ein lieblicher Knabe Liegt er gelagert am ruhigen Bach! — aber ob die Engländer so gänzlich ruhig und lieblich des Friedens sich erfreuen können, den sie mit den Buren geschlossen haben, ist sehr die Frage. Die Freude freilich über den Abschluß des Friedens stt unbeschreiblich in England. Wie ein Alb lag es beängstigend auf dem englischen Volke, daß am Ende doch q(L die Riesenanstrengungen gegen das heldenhafte Völkchen in Südafrika vergeblich aufgewandt sein könnten und der Krieg schließlich mit einer unver hüllbaren Niederlage für Großbritannien enden möchte; und nun äußert sich das Gefühl der Befreiung von diesem Albdrücke in lauter Freude.. Aber ob „Gesang und Tanz nach blutigen Schlachten" lange anhalten werden? Der Friede ist theuer. Von den englischen Soldaten find etwa 30000 tobt auf dem Schlachtfelde geblieben; doppelt so viel mußten als Kriegsinvaliden nach der Heimath entsandt werden, und die bereits geleisteten Ausgaben für den Krieg übersteigen drei Milliarden Mark. Weitere Ausgaben werden folgen, denn England muß den Buren die verwüsteten Farmen wieder aufbauen. Und die Engländer werden Herren von Länvern, die blühend waren, es jetzt aber nicht mehr find, sondern erst mit vieler Mühe wieder in ihre frühere Kultur zurückgebracht werden müssen. Und außerdem ist es fraglich, wie viele Buren denn überhaupt in den Ländern bleiben werden, die nunmehr den britischen König als ihren Souverän anerkennen: Verrnuthlich werden Viele von ihnen nach deutschem und portugiesischem Gebiete auswandern, nur um nicht unter ver verhaßten britischen Herrschaft zu leben, obwohl durch die vereinbarten Friedensbedingungen die Erhaltung der holländischen Sprache verbürgt worven ist. Die holländische Sprache soll in öffentlichen Schulen gelehrt und auch vor Gericht gebraucht werden, wenn dies für eine bessere Gerichtspflege nöthig befunden wird. Von der Erhebung einer Kriegssteuer ist abgesehen. Umgekehrt muß England die noth- wendigen Mittel gewähren zur erneuten Auflichtung der zerstörten Farmen, und von einer kriegsgerichtlichen Aburtheilung der sogenannten Kap-Rebellen ist nicht die Rede, also derjenigen Buren, die als Bürger der Kapkolonie britische Unterthanen waren und als solche mit ihren Landsleuten die Waffen gegen England ergriffen haben. Allerdings sollen diese Leute bekennen, daß sie sich des HochverrathS schuldig gemacht haben, und sie sollen nach kolonialem Rechte deswegen abgeurtheilt werden. Aber die Todesstrase ist von vorn herein ausgeschlossen worden, und wenn die Engländer verständig sind, dann sorgen sie dafür, daß den Leuten nicht allzu viel geschieht. Es ist hart, daß die Buren — in der That unbesiegt! — wie Besiegte ihre Geschütze, Kriegsgewehre und Munition an die Engländer auSliesern müssen und zukünftig nur gegen einen Erlaubnißschein Waffen zum Schutze gegen die Eingeborenen und gegen die wilden Thiere führen dürfen, und daß sie ihre Unabhängigkeit verlieren. Aber auch ihre Widerstandskraft ging zuEnde; und dieBurenführer, die mit denEngländern über den Frieden verhandelten, werden wohl genau gewußt haben, was sie thaten, als sie die britischen Friedensbedingungen annahmen. Auf die Dauer können zwanzigtausend auch allertapferste Leute einer Uebermacht nicht widerstehen, die eine Viertelmillion Köpfe zählt! Als Einer der Ersten hat der Papst auf dem Drahtwege dem König von England seinen Glückwunsch zum Abschlüsse des Friedens ausgesprochen.
Fremdartigen Besuch hatte der Berliner Kaiser- Hof: Mofsaffer-ed-din, der Schah von Persien, weilte mehrere Tage als Gast des Kaisers in Potsdam, ebenso der Kronprinz von Siam; und beide hatten Gelegenheit, die Frühjahrsparade der Berliner Garnison auf dem Tempelhofer Felde anzusehen, das großartigste militärische Schauspiel, da« wir m Deutschland aufzuweisen haben.
Eine recht wunderliche Unterhaltung hat Reichskanzler Graf Bülow mit einem französischen Schriftsteller gehabt, einem Mitarbeiter des Pariser .Figaro'. „In Deutschland — so sagte der Kanzler— sind gegenwärtig zwei Fragen an der Tagesordnung: Die polnische Frage und die Zollfrage. Unsere Politik gegenüber den Polen kann nur eine entschieden nationale sein. . . . Wenn ich in diesen Park, den Sie hier vor sich sehen, zehn Hasen und fünf Kaninchen setze, dann habe ich das nächste Jahr fünfzehn Hasen und hundert Kaninchen. Gegen eine Öe Naturerscheinung wollen wir in den polnischen restheilen unsere nationale Einheit vertheidigen. .." Ob der Kanzler selbst nachttäglich Gefallen gefunden hat an diesem brutalen Vergleiche? Wir wiffen es nicht. Aber die Thatsache ist jedenfalls hervorzuheben, daß er dafür auch nicht den Beifall derjenigen Prcffe gefunden hat, die sonst in der Polenfrage mit ihm durch Dick und Dünn geht. Bon der Zolltarif- Frage hofft Graf Bülow, daß „wir zur rechten Zeit auch in dieser Frage zu einer für daS Land befliedigenden Lösung kommen werden".
Von dieser seiner Anschauung, wenn sie das wirklich ist, hat er freilich im preußischen Abge- ordnelenhause kein Wort verlauten lassen. Dort waren die Anträge der Konservativen und Frei- konservativen zu derathen, die eine Verstärkung deS
landwirthschastlichen Zollschutzes anstreben. Aber Graf Bülow that nicht mit. Er verlas eine Erklärung, in der die preußische Regierung es ablehnte, an der Berathung sich zu betheiligen, weil diese Äerathung nicht in den Landtag eines einzelnen Bundesstaates gehöre. . . Und dabei hat derselbe Graf Bülow in demselben Abgeordnetenhause fünfzehn Monate früher ganz eingehend an einer Berathung derselben Art sich betheiligt! Aber er fürchtete, man könne ihm ihm in die Karten gucken; und so wich er dieser erneuten Besprechung der Zollfrage aus, freilich in einer Form, die unmittelbar verletzend war für die Antragsteller. Der Antrag der Konservativen wurde nichts destoweniger von den Konservativen und vom Centrum geschloffen angenommen, so daß er eine starke Zweidrittelmehrheit erzielte; und Graf Bülow bekommt möglicherweise noch Gelegenheit zum Nachdenken darüber, ob es denn wirklich klug war, in dieser Weise die Mehrheit vor den Kopf zu stoßen!
Der Reichstag hat nun auch wieder mit seinen Plenarsitzungen begonnen. Zunächst handelt es sich um die Branntweinsteuer in dritter Lesung! aber eine Gesammtabstimmung darüber ist noch nicht vorgenommen worden. Diese soll zusammen mit der Schlußabstimmung über die Zuckervorlage erfolgen, also nicht vor dem Anfänge der nächsten Woche. Etwa am 12. Juni hofft man den Reichstag bis zum Herbste vertagen zu können. Vorher sollen außer den genannten beiden Gesetzen noch, nachdem der Toleranz- antrag angenommen ist, die ostasrikanische Bahn und mehrere Rechnungssachen erledigt werden. Wann der preußische Landtag mit seinen Arbeiten fertig sein wird, ist noch unbestimmt, man glaubt die Session werde am 14. d. Mts. geschlossen.
Eine grausige Sühne hat die Blutthat gefunden, die aus der Insel Neu-Pommern im deutschen Bismarck-Archipel von Eingeborenen an der deutschen Ansiedlersfrau Hedwig Wolf und ihrem Kinde ver- übt wurde: die beiden Eingeborenen, die die Blutthat verübten, sind von ihren Stammesgenossen erschlagen und — verzehrt worden. Der eigentliche Anstifter der Blutthal, der Häuptling Towagira, der alle Weißen bitter haßt, ist aber noch nicht ergriffen worden.
Einen wichtigen Beschluß hat das österreichische Abgeordnetenhaus gefaßt: dasselbe hat das Gesetz angenommen, wodurch der börsenmäßige Ter- minbandel mit Getreide und Mühlenerzeugniffeu verboten wird. Oesterreich geht damit den outen Weg nach, den wir in Deutschland vorausgeg >»gen find. Bei uns in Deutschland aber wollen .gern sse Minister den guten Weg wieder verlassen zur I ende aller Börsenjobber!
Der Bulgarenfürst Ferdinand hat nun seine Reise zum Zaren nach Petersburg von Ebenthal aus angetreteu. Der Kriegsminister von Paprikow und der Leiter des Generalstabes, Radko Dimitriew, begleiten ihn- auf seiner Reise. Ministerpräsident Danew, dir anfänglich auch mitreisen wollte, ist aber daheim geblieben, um auf die Sobranje ein väterliches Auge zu werfen, damit diese in seiner Abwesenheit keine Dummheiten mache. Kurz vor der Abreise hat der edle Bulgarenfürst noch Freundschaftsversicherungen mit Alexander dem Kleinen von Serbien ausgetauscht. Der Serbenkönig ließ durch den Generalkonsul Dr. Marinkowic dem Bulgarensürsten sagen, er hege aufrichtige Freundschaft für ihn und werde vollen Eifer bethätigen in dem Ausbau des bestehenden Freundschaftsbundes - . . Sein Thron wackelt; deswegen hascht Alexander der Kleine nach allen Stützpunkten, deren er nur irgend habhaft werden kann, und wenn es auch nur der ebenso wackelige Thron des edeln Bulgarenfürsten ist.
Dem Zweibunde Rußland-Frankreich sollte angeblich auch das kleine Dänemark beigetreten sein. Man zog diesen Schluß aus der Thatsache, daß Präsident Loubet bei seiner Rückreise von Petersburg auch dem dänischen Königshofe in Kopenhagen einen Besuch abstattete. Man fabelte von einem „neuen Dreibunde" und dergleichen mehr — als ob es auf das kleine Dänemark nun besonders ankäme! Daß der dänische Hof mit Vorliebe auf Petersburg und Paris blickt, weiß man ja ohnehin längst.
In Frankreich haben am letzten Sonntag die Verhandlungen der neugewählten Abgeordnetenkammer begonnen. Die Wahl des neuen Kammerpräsidenten ist beachtenswerth. Herr Deschanel, der bisherige Kammerpräsident, ein Mann von der rechten Seite der Kammer und ein Freund der Nationallisten, unterlag mit 267 Stimmen dem bekannten Radikalenführer Leon Bourgeois, der 303 Stimmen auf sich vereinigte. In der Rede, mit der dieser die Wahl annahm, wies er auf die Reise des Präsidenten Loubet nach der Zarenstadt und auf deren glänzenden Verlauf hin — auch in der Brust des Radikalen steht obenan die Freundschaft für den Selbstherrscher aller Reußen! DaS Ministerium Waldeck-Rousseau ist nunmehr in aller Form zurückgetreten. In das neue Kabinet werden aber jedenfalls wiederum ein» treten die Minister des Aeußern, des Krieges und der Marine. Was sür eine Färbung dar neue flanzösische Ministerium haben werde? — das ist nun die Frage. Darin wird er allem Anscheine nach kaum von dem Ministerium des Herrn Waldeck-Rousseau abweichen. Herr Waldeck-Rousseau selbst hat eine Reise nach Dänemark und Schweden angetreten.
Die spanische Ministerkrisis ist noch immer nicht beendet. Der sozialdemokratisch gesinnte HandelS- minister C a n a l e j a S will durchaus den Kongregationen zu Leibe; aber der Ministerpräsident Sagasta weiß recht gut, daß er nicht nach dem Willen Canaleja's handeln kann, ohne die ganze liberale Regierung in Gefahr zu bringen. Und doch möchte er auch den Handclsminister nicht verlieren, weil ihm bange ist vor dem Zorne von dessen engeren politischen Freunden. Da kann man auch den alten Reim mit vollem
Unpolitische Zeitläufe.
® Berlin, 5. Juni 1902.
-------- Nachdruck »erboten.
Friede wird verkündet und die Welt freut sich. Denn mag auch manchen der Verlauf des Kampfes unangenehm gewesen sei», ersteht doch allmählich ein, daß auch rin Frieden unter harten Bedingungen immer noch beffer ist, als die Fortdauer von Mord und Zerstörung.
Friede ernährt, Unfriede verzehrt! So alt, so einfach und klar und so zweifellos wahr ist kaum ein anderer Spruch. Aber nur zu oft wird diese Wahrheit erst anerkannt, wenn man t« grimmigen Erfahrungen sich die Hörner ab- gelaufen hat. Im Herzen der Völker, die sich ihres Christenthums und ihrer Kultur rühmen, steckt doch noch eine gewiffe barbarische Kampf- lüft. Wer sich wirklich friedlich zeigt, gilt leicht als schlapp und feige. Wer sich aber in den Kampf stürzt, und mag er noch so aussichtslos sein, der findet die bewundernden Zuschauer in Maffe.
Wenn irgendwo in der Welt Kämpfe aus- brechen, so sorgen die Zeitungen dafür, daß die ganze eivtlifirte Menschheit daS Schauspiel mit genießen kann. Je schärfer die Gegner aufeinander hauen, desto „interessanter" wird die Sache, mit desto größerer Spannung verfolgt die zuschauende M »chhett den Kampf, desto heftiger werden die r $•:« erregt, DaS Böse ist in der Regel kurzweilig c als daS Gute; darum erregt auch der Kampf mehr Neugierde und Theilnahme, als der „langweilige" Zustand des Friedens und der Ruhe, liebet die spanische Begeisterung für die Stierkämpfe rümpfen mir die N»se; über die altrömischen ZirkuS^bchauspiele entsetzen wir uns. Aber in gewiffem Sinne ist noch die ganze Welt eine Art Circa« maximal, in de« blutige Kämpfe daS grausige Mttzücken der Zu- schauer bilden.
»Raufen" nennt man in Süddeutschland die volkSthümliche Kraftprobe, die bei sonn- und fest- täglichen Zusammenkünften theilS aus Eitelkeit, thrils zum Zeitvertreib veranstaltet wird. Es ist wenig Bosheit dabei und viel Unverstand. ES ist ein VvlkStheater mit äußerst realistischer Darstrllungs weise; die Mitspieler erhalten keine Gaze, sondern nur Beulen und Wunden, die sie mit wunderbarer Opferwilligkeit tragen. Die Rauflust in der feinere» Form hütet sich mög- lichst vor solchen unangenehmen Zuthaten; aber Rauflust ist es auch, was die vorsichtigen Za- schauer ergötzt.
Das Unsinnigste in dieser Hinsicht wird bekanntlich beim Duell geleistet. Wenn der „feine Mann" gegen einen Bekannte» mchöflch gewesen ist, so darf er bei Leibe nicht diese Ueberellung durch eine ehrliche Srlbstberichtigung und Abbitte gut machen; dann gilt er in den Kraftkreiseu als Feigling uuv „Kaetfer". »brr schießen soll er sich, und wenn er in Folg« des dummen Zwischen, falle« entweder eine L iche oder ein Mörder ge- wocdrn ist, so gilt er als ein interessanter Held und vollenseter Ehrenmann.
Dec Rest von Barbarei, der unS noch in den ©liebens fi ckt, fordert die blutige Kraftprobe, auch wenn sie keinen ver»ü«ftigen Ntmi undZveck hat. Auch bei den weiften Kriegen kann was ganz bestimmt Voraussagen, «er siegen und wer unterliegen wird. Alle Welt weiß, welches Volk das schwächere ist; aber dieses Vrlk selbst will seine Schwäche nicht eiusrhm und ,„gestehen. Ja, man würde eS ihm auch übel nehmen, wen» es so vernünftig wäre! Ma» berauscht sich ge-en- fettig mit den hochtönendsten R densarten und rennt tapfer mit dem Kopfe gegen die Mauer an. Ist der Kopf eingerannt, so heißt eS: „Alles verloren, aber die Ehre gerettet!" Bei rechtzeitige« Verzicht auf daS Unmögliche hätte ma» noch etwas mehr retten können als die sogenannte Ehre.
Ein magerer Vergleich ist beffer als ein fetter Prozeß, sagt die VolkSweiSheit. Wahr ist eS, aber längst nicht alle Menschen handeln danach, auch nicht alle Staaten. ,34 will mein Recht haben, Recht muß doch Recht bleiben, bange machen laffe ich mich nicht, lieber brechen al« biegen lassen rc." Mit einer solchen Rechthaberei und
Hartköpfigkeit hat schon Mancher fich und ble Setnigen in das größte Unglück gebracht. Vielleicht hatte er sogar von Hause au« Recht; aber er gerieth doch in'S Unrecht und in'S Verderben, als er die Macht der Gegenpartei unterschätzte. Eia wildes Thier rennt gegen ei» Automobil an; der Mensch geht dem fauchenden Ungethüm aus dem Wege, und daran thut er gut und schön.
Die Buren haben jetzt nach schwerem Verluste und unsäglichen Leiden ihre politische Selbständigkeit vollständig verloren. Hätte» sie vor drei Jahren den drängenden Engländern einige Zugeständnisse gemacht, so würden ihre Präsidenten Krüger und Sttjin aller Wahrscheinlichkeit »ach noch a» der Spitze der beiden Burenrepubliken stehen. Sie wollten damals nicht auf einen Vergleich sich einlaffe», sondern riSkirten den „fetten Prozeß" des Krieges. Das war recht, wenn sie gute Aussichten hatten, im Kriege zu bestehen. Tie habe» das geglaubt; aber dieser Glaube hat sich als ein Jrrthum erwiesen, und für den ver« hängnißvollen Jrrthum haben viele Tausende ihr Leben lasse» müssen. Wäre der Jrrthum »icht zu vermeide» gewesen? O ja, wenn die Staatsmänner der Buren nicht ausschließlich ihre» eigenen Ansichten und Wünschen gefolgt wären, sondern schon vor dem Kriege sich Raths erholt hätten bei den Mächte», die sie nachher, als die Sache schlecht gi»g, i» Anspruch nahmen. Vo» Berit» ist ja thatlächlich der gelegentliche Rath zu einer friedlichen Verständigung erga»|ett. Die leitenden Staatsmänner der Großmächte wußten schon mit aller Sicherheit, daß eine Einmischung zu Gunsten der Buren nicht zu erwarten sei und flrner war es ihnen zweifellos, daß das kleine Burenoolk aus eigener Kraft den Ansturm deS ganzen englische» Weltreiches nicht dauernd auShalten könnte.
Warum hörten die Bureasührer »tcht auf die Warnungen wohlmeinender Unparteiischer? Wer ihnen darob Vorwürfe machen will, mag erst sein eigenes Gewissen erforsche». Welche Stimme» hören wir de»n lieber: die anstachelnden oder die abmahnenden? Wenn unS jemand sagt: „Du hast ja so Recht, du brauchst dir das nicht gefallen z» lassen, du mußt nut fester auftreten, dann wird es dir an Freunden nicht fehlen" — dann schmeckt u»S daS prächtig, wir berauschen uns daran nnd erkläre» diesen Rathzeber für de» »Hifefte« Daniel. Aber wenn da einer mit ernstem Gesichte unS darlegt, daß man seine eigene Kraft »icht überschätzen darf, daß der Gegner a»ch ein starker und entschlossener Mann ist, daß auf Frennde in der Roth nicht zu rechnen ist und durch Nachgiebigkeit mehr zu retten iß, als durch Tollkühuheit — dann verhärtet sich das Trommelfell und die Eitelkeit bänuet sich ans gegen diesen Rathgeber, aus dem „offenbar" Rißmuth und Feigheit sprechen: „Rath mir gut, aber rmh mir nicht ab," heißt ei ie de« Spruche, der die Abneigung der Mensche» gegen unangenehme Rathschläge trefflich verspottet. Ser u»S zustimmt, der überzeugt uns sofort; wer uns widerspricht, erntet Haß und Verachtung. „Nun gerade," sagt schließlich der vige»fi»»ige. Und wen» der unglückliche Ausgang der G-schichte zeigt, daß der Warner Recht gehabt, so schenkt er doch diesem „unangenehmen Menschen" »och lange nicht seine Liebe und sei» vertrauen wieder. Der freimüthige Warner kau» »och froh sei», wenn er nicht schließlich »och verantwortlich gemacht wird für de» Mißerfolg, vor dem er gewarnt hatte.
„Wem nicht zu rathe» ist, dem ist auch nicht zu helfe«." Leider ist die Zahl der „rathlosen" Mensche» sehr groß. Und rathlos im vollen Sinne des Wortes ist derjenige, der nicht unbefangen und einsichtig genug ist, um sich selbst de« richtigen Rathfchluß zu bilden, und auch nicht sähig ist, den guten Rath klügerer Leute zu würdige« usd zu befolge». ES ist traurig, aber manchmal zugleich zu« Lachen, wen» ma» sieht, daß die Lute de» berufene» Rath- gebet» sorgfältig aus dem Wege gehen, um nicht ei«e Abmrhsung zu höcen, und dafür zu söge- Bannte» Freunden laufen, von denen sie annehmen, daß fie nicht klüger seien, alS fie selbst, und ihnen also »aS Gewünschte rathei würden. Es ist da« eine äh^lrhe Klugheit, wie sie z. B. der Trinker entwickelt, wenn er krank wird. Von dem vernünftigen Arzt, der ihm Eathaltsam- keit vorschretbt, wag er nicht- hören oder sehen; lieber geht er zu einem gewiffenlosen Pfuscher, der ihn weiter trinken läßt und ihn mit einigen scheinbaren Hrilmitteln beruhigt.
Wer Hilfe sucht, muß vor Allem lernen, fich rathen zu laffen. Und das ist eine Kunst, die einem nicht angeflogen kommt. Erst muß man seine Einbildung und Eitelkest herunterdrücken und fich klar machen, daß es noch klügere Leute gibt, dann muß man fich bewußt werden, daß unbefangene Augen schärfer sehen als befangene, und daß ein unbetheiligter Kopf nüchterner mtheilt, als ein erregte- Gehirn. Dann muß man daS pochende Herz mit seinen W titsch