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29. Jahrgang.
IuLöa, Mittwoch, dm 4. Juni 1902.
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In der Erklärung, die Gras Bülow verlas, ist die Sache, um die es sich bandelte, nicht mit einem Worte gestreift. DaS deutet auch darauf hi«, daß die Regierung alles vermeiden wollte, das ihr als Stellungnahme zu den schwebenden Fragen selbst auSgelegt werden könnte, daß eS ihr vor allen Dinge« daraus cmkam, einer Erörterung darüber auS dem Wege zu gehen; und daS bedeutet doch sicherlich nicht ein Gefühl großer Stärke, sondern läßt «her darauf schließen, daß die Regierung in der von ihr selbst geschaffenen Lage sich unsicher und schwach sühlt. Die äußere Form, die Gras Bülow gewählt hat, patzt zu dem .Unannehmbar-, das in allen möglichen Tonarten von RegierungSvertretern ausgesprochen und gedeutet worden ist; und gleichzeitig bleibt alles beim alten, doß nämlich der Reichskanzler ich noch gar nicht i« irgendwie bindender Form über die brennende Frage der Gestaltung der landwirthschaftltchen Zölle ausgesprochen hat. Es ist nur die große Frage, ob denn die R-gierung durch dieses Verfahren ihre Lage verbessert und gestärkt hat. Wenn man sich die triumphirenden Betrachtungen der Freihandelspreffe ansteht, wird man dazu gedrängt, diese Frage mit Nein zu beantworte«. Aber es ist ja die Sache der Regierung selbst, sich aus den Faden, die sie um ich herum gezogen hat, wieder herauSzuwickeln. Wenn sie sich wohl dabei sühlt, in allen möglichen wirthschaftlichen Fragen die Mehrheitspar- teien vor den Kops zu stoßen und mit der oppo- fitionellrn Mird-rheit zu liebäugeln, so mag sie er thun. Aber eS wird vielleicht der Tag nicht mehr fern sein, an dem ihr diese Taktik leid thun wird. Gekennzeichnet wird die Lage »ich Übel durch einen Ausspruch, den ein freisinniges Mitglied der Zuckerkommisfion in diesen Tagen that. „Wir sind — sagte der betreffende Abgeordnete — in diesem Falle wieder einmal Regierungspartei Bans phraee" — gleichzeitig ein rührendes Bekenntniß dieser politische» Seele von ihrer Sehnsucht danach, regierungsfähig zu werden
Im preußischen Abgeordnetenhause bat diesmal die Regierung wiederum nur die National- liberalen ganz auf ihrer Seite gehabt. Will sie vielleicht doch die unzuverlässigsten aber parlamentarischen Stützpunkte bet dieser alte- schwachen und dabet unzuverlässigste« aller polins he» Parteien suchen? DaS würde politischer Selbstmord fein. Deswegen wird sich die Regierung die Sache «och recht reiflich überlegen!
Er!<1l«>Nt täglich, m Ausnahme der Sonn- und Feier- tage, B>ertelj»hr<. ßrsng» preis ohneBr-naerlohn und Bestellgeld in Sulba und aut- wäUslM.bOPj,
piranlwerlliid: Siir die Nedaklien 3of. Barna, jür JnirraK 3. parzeUer in Kaida.
„der Landtage«, d. h. eine Unterbrechung der „j tzigen Tagung in Verbindung mit ihrer „Wiederaufnahme im Herbst al« erwünscht be- „trachlet worden sei."
Thatsächlich ist e« auch nicht richtig, daß der Landtag nur «och wenige Tage beisammen bleiben soll, wovon man sich sehr bald durch die folgenden Thatsaten Überzügen wird. Im übrigen kann man freilich nur wünschen, daß in Zukunft da« Abgeordnetenhaus die ihm zugedachtr» wichtigen Gesetzesvorlagen früher bekommen und auch früher einberufen werden möge, wen« es über viele und Über sehr wichtige Vorlagen sich schlüssig wachen soll.
X Khristkiche und „netttrake" Aröeiter- verdäude. In Zürich taat gegenwärtig ein nternationaler Kongreß der Texltlarbeiter. Die Sozialdemokraten find mit der ausgesprochenen Absicht zu dem Kongreffe gekommen, die christ- tche« Arbeitervereiaigungen von demselben zu entfernen. Der hervorragendste Vertreter dieser Letzteren ist Herr Schiffers auS Krefeld, der t» einer am letzten Montag gehaltenen Rede aus- ührte, daß die Christlichen Gewerkschaften mit de» (sogenannten! Red.) Neutrale« Gewerkschaften wohl zusammen arbeiten wollten an der Lösung der sozialen Frage», daß sie aber niemals de« Boden des ausgesprochenen Klaffenkampfes betrete» würden. Den entgegengesetzten Standpunkt vertrat »amen-lich der deutsche sozialdemokratische RrichStagsabg. Baudert. Schließlich wurde der sozialdemokratische Ausschluß-Antrag zur endgiltigen Entscheidung an eine Kommission verwiese«. Da nun in dieser Kommission die Sozialdemokraten das entschiedene Urberge- wicht habe», ist der Antrag Bauder und Gen. der Annahme sicher. Danach würden alle die- jenigen Arbettervereiuigungeu aus dem Kongrefle auSgeschloffen «»erden, die auf dem christlichen Boden stehe« oder auch Arbeitgebern Aufnahme gewähren. ES gehören dazu beispielsweise auch die Hirsch-Dunckerschen Gewerkoereine.
H Englische Aattdwirtye, mehr als fünfzig Herren, bereisen gegenwärtig Deutschland, um hauptsächlich die landwtrthschaftliche Maschinen- baueret im Reiche und di« Organisation des preußischen landwtrthschastltchen Ministerium« und der ihm untergeordneten Behörden kennen zu lernen. Vorher waren die Herren zu gleichem Zwecke in Ungarn, wohin sie ausdrücklich von der Regierung in Budapest eingeladen worden waren.
+ Der Mervarrd der Aaugeschäsle von Merlin «nd be« Dororte« hat in seiner letzte« Generalversammlung folgende Resolution gefaßt und diese dem preußischen Abge- ordnrtenhause zugesandt:
„Die am 29. April 1902 tagende ordentliche Generalversammlung des „Verbandes der Baugeschäste von Berlin und den Vororten" erblickt in der erneuten Petition der baugewerblichen Arbeiter an das preußische Abgeordnetenhaus auf Reform der Unfall-Berhütungs-Vorschriften das Streben unter dem Mantel des Bauarbeiterschutzes auf gesetzlichem Wege eine offizielle Kontrolle der Bauten durch Vertreter der sozialdemokratischen Bauarbeiter-Organisationen zu erlangen. ____________________
• Aufregung überflüssig!
Dl« Freihandelsblätter stellen sich an, als hätten dir Vorgänge im preußische« Abgeordnetenhause eine ungemeine grundsätzliche Bedeutung, als sei die Weigerung be« Reichskanzler«, an der Be- rathurg der Zolltarifanträge thcilzunehmen, so aufzufaffen wie ein Sieg der Freihändler über die Schutzzöllner, wie eine Schwenkung der Regierung i« demselben Sinne--Sand in die Augen
der Leser!
Der Abgeordnete Eugen Richter, der Schaar seiner politischen Freunde an Klugheit weit überlegen, hat die Sache ja auch sofort ander« aufgefaßt. Er erinnerte den Reichskanzler daran, daß dieser ja selbst schon im preußtschen Abgeordnetenhause auf Besprechungen der Zolltarif-Frage sich «tngelaffen habe, daß sein Einwurf also hinfällig sei, derlei Dinge gehörten nicht vor das Forum der Einzellandtage. Diese Erinnerung war sehr a« ihrem Platze. War Herr Richter meinte, ereignete sich im Anfang« der voraufgegangenen Tagung des preußischen Landtages. Damals hatten die Konservativen und Freikonservativen einen gemeinsamen Antrag eingebracht, in dem die preußische Regierung ersucht werden sollte, bei der Neuregelung der Zollwesens auf einen wesentlich verstärkte« Zollschutz für die heimische Land- wirthschdft Bedacht zu nehmen. Auch damalr erschien Graf Bülow im Äbgeordnetenhause, um im Namen der preußischen Regierung eine Erklärung abzugeben. Damals war indessen in dieser Erklärung nicht« zu lesen davon, daß die Angelegenheit den preußischen Landtag nichts anginge. Damals ei klärte vielmehr Graf Bülow in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident, daß die preußische Regierung gewillt sei, dem ausgesprochenen Wunsche Rechnung zu tragen.
Der Graf Bülow von 1901 widerlegt also selbst de» Grafen Bülow von 1902. Da man nun unmöglich annehmen kann, ein Staatsmann von de« hervorragenden Eigenschaften und dem politischen Scharfblick de« Reichskanzlers habe diese Thatsache vergeffe« oder übersehen, muß man nach anderen Gründen zur Erklärung dieser eigenthüm- lichen Gegensätze suchen. Denn die Form der Auftretens war diesmal wirklich so scharf wie möglich. Aber manchmal nimmt man eine barsche Form an, weil man nicht weiß, wie ma» sich sonst auS der Verlegenheit befreie« soll. Graf Bülow ist zwar ei« Meister in der Kunst, um eine Sache an sich herauszureden. Aber diesmal hätte es doch leicht sich ereignen können, daß er fich in irgend einem Punkte festlegte, und ange- fichts der bestehenden Verhältnisse könnte man es fich ganz gut denken, daß Graf Bülow den dringende« Wunsch empfand, jeglicher Auseinandersetzung über die Zollfragen gerade jetzt auS dem Wege zu gehe«. DaS zu bewerkstelligen war nicht leicht; so kann man sich weiter denken, daß der Kanzler auf diese VerlegenhettS. Aus flucht verfiel und alsdann schleunigst dem parlamentarische« Kampfplätze den Rückn kehrte, um fich darauf hin festnagel« zu laffen, daß er selbst vor fünf Vierteljahren dieselbe Angelegenheit im preußischen Abgeordnetenhaufe besprochen hatte, ohne mit einer Silbe dessen Zuständigkeit anzufechten.
mit den Beilagen
„lllustrirte Sonntags-Zeitung", „Fuldaer Oeschicbtsblätlet“ und £otlerie-£i$le.
vitMts-Slittttm-m riet» alte« SuhOn.
tzalbvergeffene Geschichten auS den 80 er und 40 et Jahren de« 19. Jahrhunderts von B. 6. Soester.
strömte, er war auch bedeckt mit Ungeziefer. — Frau von Krafft war inzwischen nicht weit gekommen.
Am Marställerplatz traf sie auf ihren langjährigen Hausarzt, Dr. Stark, dem sie aus fein verwundertes: „Nun Kindchen, wohin, wo'naus?" den Sachverhalt mittheilte und auch die That- sache nicht verschwieg, daß — offenbar in Folge Mißverstehens, die Kathrin geglaubt habe, die die unglücksel'ge Kreatur fei der Herr von Krafft selbst. , .,
Dr. Stark wurde nachdenklich, sagte aber mchts, bat nur Frau von Krafft, mit ihm umzukehren, er wollte sich den Mann erst mal ansehen.
Der Blick des menschenfreundlichen Arztes wurde sehr ernst, als er den am Boden Liegenden betrachtet, und dessen Puls gefühlt hatte.
„Madame Sonntag" begann er, „wer das auch fein mag, ob Freund ob Feind, es ist ein Sterbender, und ihn in's Hospital schicken, wäre fein sicherer Tod. Er muß hier bleiben, aber" fetzte er hinzu, als er die entsetzten Gesichter der Frauen sah, „beunruhigen Sie sich nicht, ich werde für Alles sorgen. Machen Sie in der Einquartirungsstube, (eine solche hatte in jenen schweren Kriegszeiten so ziemlich jedes Haus), ein Lager zurecht und im Waschhaus Feuer unterm Kessel an, und sorgen für Hemde und etwas altes Seinen, ich komme gleich zurück."
Widerspruchslos folgten die Frauen feinen Anordnungen und es war alles bereit, als der Dr. mit zwei Heilgehilfen, die eine große Badebütte schleppten, wieder erschien. Der kranke Mann wurde in die Waschküche getragen und dort seiner blut- und schmutzstarrenden Lumpen entledigt. Auf feiner Brust fand sich eine ver-
Insrrait: Di« einspaltige Petit- -eile oder Deren Rauml5Pfg..Re- Hamen die Pekit- zeile 25 Psg.; bet Wiederholungen wirdenlsprechend. Rabatt gewährt.
Das erschrockene Mädchen war spornstreichs in die Stube gerannt, wo eben die Madame Sonntag aus dem Kanapee ihr Mittagsschläfchen hielt, während die junge Frau, das Kind auf dem Schooße, mit dem sie sich leife unterhielt, am Fenster saß. Obgleich sie innerlich längst jede Hoffnung aufgegeben hatte, den geliebten Mann wiederzusehen, widerstrebte es ihr dennoch, Trauerkleider anzulegen, was ihr seitens seiner ebenfalls in Kassel wohnenden Schwestern sehr verdacht wurde.
Sie war erschrocken aufgefahren, als das Mädchen hereinstürmte, und ohne Rücksicht auf Madame Sonntags Schlummer ausrief:
„Gnädig Frau, draußen is an ganz zerlumpter Kerl, der hat gesproche, er is Ihr Mann!"
Geweckt durch diese Schreckensrufe, hatte die Mutter ihre kurzen Beinchen schnell vom Sopha genommen und rief nun ärgerlich:
„Biste dann befeffen, Kathrine, was is dann los, daß du fo kreischst" und war dann auf die Kunde, baß ein Fremder draußen fei, der nach der Frau von Krafft gefragt habe, gefolgt von ihrer Tochter, nach dem Hausflur geeilt.
Beim Anblick der in schmierige, blutgetränkte Lumpen gehüllten Jammergestalt des wie tobt Daliegenden waren beide Damen zurückgefahren — und Frau von Krafft rief, sich die Auge« bedeckend aus: „Oh, das ist nicht mein Mann!"
am End« dieser Woche zu erwarte« ift. sWie zestern bereits berichtet! Red.) Die Schlußabimmun gen Über die Branntweinsteuer und die suckersteuer tollen an einem Tage stattfinben.
Außerdem solle« noch vor der Beitagung erledigt »erden daS Vogelschutzgesetz, bte Aushebung des Diktaturparagraphen in Slsaß-Lothringen, die oft- afrikanische Bahn, das Toleranz-Gefetz beS Cen- trumS »nd verschiedene Rechnungsfachen. DaS Toleranz-Gesetz soll in der Reihenfolge seine Stelle erhalten zwischen der Branntweinstruer und der Zuckersteuer. Diese Vorschläge haben die Zustimmung deS SrniorenkonvertS gesunden.
fr Die AEaeifkommisfio« de* -teich«- tage» hat heut« (Dienstag) die Beraihung des Esf igzolle« und der damit in Zusammenhang letzenden Zollsätze fortgesetzt und nach längerer Debatte die Ansätze bar R gierungSvorlage mit einigen wenig bedeutungsvollen Abänderungen an» jenommen. Außerdem fanden mehrere weitere Zollsätze für chemische Erzeugnisse Annahme. Am Mtttwoch wirb bte Beraihung fortgesetzt.
< Die Ancker-Aommisfiott de« Aeich«- Inge» hat heute (DienStag) über bte verschiebe- nen Anträge abgefttmmt, bte fich mit her Höhe der Zuckersteuer beschäftigen. Die Sozialdemokraten beantragten die Aushebung der Zuckersteuer: dieser Antrag wurde abgrlehnt. Angenommen wurde der Antrag des natl. Abg. Dr. Paasche: die Zuckersteuer wird vom 1. September 1903 an auf 12 Mark, vom 1. September 1905 an auf 10 Mark festgesetzt. Einstimmig angenommen wurde ferner ein Antrag des C-ntrumSadg. Müller-Fulda, der sich mit ben Steuerkrediten beschäftigt. Drittens handelte eS fich um die Zollsätze und um die Ursprungszeugnisse. MU achtzehn Stimme» wurde auch hier ein Antrag b«S CentrumS angenommen. Danach soll dem § 80 deS geltende« Zuckersteuergesetzes ein dritter Absatz Hinzug sögt werden: der Eingangszoll für Zucker, für d-n im Erzeugungsland« keine Prämie gewätzrt worden ist, beträgt für raffinirten und diesem gleich zu stellenden Zucker 4,80 Mk., für andere Zucker 4 40 Mk. mehr, olS die jeweilige VerbrauchSabg^ b« für inländischen Rübenzucker. Unter dem irn Hchlußprotokoll de« am 5. Mat 1902 in Brüssel abgeschlossenen Vertrage- fest- gestellten Voraussetzungen könne» diese Zollsätze bis zu 80 Pfg. (?) erhöht werden. Der Ursprung deS Zuckers ist bei der Einfuhr nachzuweise«. — Am Mittwoch wird die Beraihung fortgesetzt.
h, Der preußische Fattdtng bleibt bis zum Ende dieses Monat« versammelt. Das Herrenhaus wird erst am 96. Juni wieder zusammentreten.
+ Mertagttttg be» pren hi scheit Land tage» ? In diesen Tagen durchlief eine Nachricht die Presse, wonach der preußische Landtag nur noch wenige Tage beisammen sein sollte. Vorher hieß «8, e« werde eine Vertagung bis zum Herbste anstatt de» sonst üblichen Schlüsse« angestrebt, und man sagte, die Konservativen befürworteten in erster Linie ein solcher Verfahre«. Im Gegensätze dazu schreibt die konservative ,Kreuz-Zeitung':
,,Un« ist nicht bekannt, daß in irgendwelchen „konservativen Kreisen eine wirkliche Vertagung
schlossene Brieftasche und 2 Orden, die, nachdem sie ihrer Schmutzkruste entledigt waren, sich als ein hessisches und ein preußisches Ordenszeichen auswiesen.
Dr. Stark brachte diese Gegenstände den Damen, aber Frau von Krafft erklärte sofort, daß ihr Mann keinerlei Orden besessen und die Brieftasche nicht die seinige sei.
„Ich weiß das ganz gewiß," betheuerte sie; „die seinige war nicht so groß, ich habe ihm noch ein „Souvenir" hineingestickt, ehe er ging, erinnere mich ihr deßhalb noch ganz genau." —
Als mein Oberst bei diesem Punkt seiner Erzählung angekommen war, hielt er einen Moment inne, und holte dann, aus einem Fach seines Schreibtisches, eine alte, arg mitgenommene Brieftasche hervor, die er öffnete, und mir hinhielt. Aus der inneren Seite war ein Vergißmeinnicht in petit points gestickt, unter dem die Worte standen: „Au revoir“, außerdem enthielt die Tasche nur 3 vergilbte Briefe und eine blonde und eine braune Locke. „Das war alles mit in Rußland," bemerkte er, und das theure Andenken wieder fortschließend, erzählte er weiter:
„Jene Brieftasche war verschlossen und Dr. Stark hielt sich, solange der Kranke noch am Leben, nicht für berechtigt, dieselbe gewaltsam zu öffnen. Ein Schlüssel fehlte.
Nun, die Lumpen wurden verbrannt, der mit eiternden Wunden bedeckte Mann gebadet, gebettet und verbunden und lag nun, mit hohem Fieber, und fortdauernd ohne Bewußtsein in der Einquartirungsstube seiner Schwiegermutter. Tags daraus tarnen, von Frau von Krafft von dem
Berlin, 3. Juni 1902.
+ Der Aeichstag wird etwa i« der Mitte der nächsten Woche bis zum Herbste vertagt werde». Bis zur Vertagung soll der Geschäftsgang nach dem Vorschläge des Präsidenten Grafen von Ballestrem der folgende fein: die Branntweinsteuer soll bis zur Schlußabstimmung erledig werde»; dan« soll die Zucker-Vorlage an die Reihe kommen. Über die der KommiifionSbericht
„Na, selbstverständlich nicht, meinte die Mutter, „wer weiß, was d's Kathrine, das dumme Dhier, mal widder gehört hat, aber hierliegen bleiben kann der Mensch doch nit, was fange mer nur mit ’m an, Linchen?"
„Ich gehe aufs Rathhaus, und bitte um Hilfe," antwortete Frau von Krafft, die sic) längst wieder gefaßt hatte, man war in jener schweren Zeit mit solchen Fällen vertraut, „hoffentlich kommt der Unglückliche bald wieder zum Bewußtsein, denn sicher hat er mir Grüße, — vielleicht die letzten — von Karl zu bringen".
Dermaßen hatten Krankheit, monatelanges Elend und das furchtbare russische Klima den Herrn von Krafft enfftellt, daß weder Frau noch Schwiegermutter ihn wieder zu erkennen vermochten !
Die Thüre hatte sich noch nicht lange hinter der jungen Frau geschlossen, als der arme Mann zu stöhnen anfing, und, immer noch in halber Bewußtlosigkeit, das Wort „Hunger" herausstieß.
Madame Sonntag eilte sofort in ihre Küche, schnitt dort einen großen Runken Schwarzbrod ab, goß Schnaps auf einen Suppenteller, und tauchte das in längliche Stücke geschnittene Brod hinein. Dann nahm sie die Kluft (Feuerzange) eilte nach dem Hausflur zurück, und schob die „eingebunden" Stücke Brod dem gierig Essenden in den Mund.
„Merci" lispelte er und fiel dann wieder in den zwischen Schlaf und Bewußtlosigkeit stehenden Zustand zurück.
So unbarmherzig es erscheinen mag, die Vorsicht, dem fremden Mann nicht allzu nah zu kommen, war wohl angebracht, denn nicht nur daß der Unglückliche einen entsetzlichen Geruch aus-