FuldaerMZeitung
HL 123
IM'öa, Montag, den 2. Juni 1902.
29. Jahrgang.
OTUl und Drrlag 6rr 5nl6arr 3ctltn8nt<ferrt peteregaSe ar. 8 ("barmontrl.
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mit den Beilagen
4,(rantT»Ttlid>: Sir die Redaktion 3«f. Saum, _ . ,
(ür juferaie j. parjetter in.^uita. Jllustnrte 8onntag§ - Leitung", „Fuldaer Ges cö i cb tsbl ätt er unä f ott en e - Eiste.
G Wiedereröffnung des Reichstages.
Nach einer Pfiltgstpause von vier Wochen beginnt der Reichstag an bk fern DienStag rot neuem mit seinen Plenarfitzungen. Es hat nicht an spöttelnden Stimmen gefehlt, die sich lustig machten über die langen Pfinastferiex. Aber recht hatten sie damit nicht. Den Mitgliedern -es Reichstages muß unbedingt ausreichende Gelegenheit geboten werden; und das kann nur geschehen durch eine auskömmliche Bemeffung bet Ferien. Das war ganz besonders diesmal noth- wendig. Allgemein hatte man vorher angenommen, der Reichstag würde noch vor Pfingsten bis zum Herbste vertagt werden; und danach hatten wohl schon die all rmeisten Mitglieder des Reichstages ihre Zrtteintheilunz gemacht. Da auf einmal änderte sich bas ganze Bild. Unmittelbar vor Thoresschluß erschien bie Regierung mit ihrer Luckervorlage auf bem Plane, und nun galt es, den Abgeordneten Zeit und ausreichende Gelegen- Helt zu geben, auf einen erneuten Tagung?abschnitt sich vorzubereiten. Das ist geschehen. Hoffentlich beweist eine reichliche Fälle im Sitzungssaals des Reichstages, daß die Maßregel angebracht war und ihren Zweck erfüllt hat.
Auf der Tagesordnung dieser ersten Sitzung nach der Pfingfipause sicht neben der dritte« Lesurg der Branntweinstkuer die zweite Br- rathung des SüßstoffxesetzeS. Was dieser Brannt- weinstkuerentwurf w.ll, ist alten geläufi;. U:= mittelbar vor den Pfingfiferten fino Die Verhandlungen darüber in der Kommiffion ausführlich besprochen worden. Es sei nur nochmals daran erinnert, daß das Branniweinsteuergesitz in der Gestalt, wie es aus der Kommission gekommen ist. für bie vnendlich vielen kleinen Korn. unb Fruchtbrennereien im w.stlichex und südlichen Deutschland von dem allergrößren Wrrthe ist. Wenn also freifinnige und sozialdemokratische Blätter noch immer von einer Liebesgabe für bie agrarischen Kartoff lbrennereieu der ostelbischen Großgrundbesitz'r schreiben, so begehen sie damit eine kräftige Fälschung der Thatsachen. Auch den landwirthschafttichen Brennereien wird ihr Recht. Aber wer gegen die Vorlage in ihrer j tzlqen neuen Gestalt noch immer Widerspruch erhebt, handelt unmittelbar gegen die LebenSintereffen eines anserordentlich zahlreich entwickelte« Kleingewerbes.
Von dem Tüßstoffgesetzr kann man nicht, ober doch nicht mehr sagen, baß man es als allgemein bekannt vorauSsetzen bürse. Die Vor- sage ist so lange zurückgestellt gewesen, daß fie beinahe ganz der Brrgeffenheit anheimgefallen war. Der Bericht der Kommiffion liegt bereits länger als ein Jahr vor, seit dem 14. Mai 1901. Das Gesetz sollte nach der ursprünglichen Absicht sogar schon am 1. April dieses JahreS in Kraft treten — nun wird man froh sein können, wenn eS überhaupt noch vor der Vertagung des Reichstages zur Verabschiedung g, langen wird.
DieseAüßstrff-Voiläge verdankt ihrEntstehen einem Äeschluffe, den der Reichstag im Jahre 1900 gefaßt hat. Bei der Berathung der Flotten- Vorlage wurden die Verbündeten Regierungen um ein Gesetz ersucht, durch das die Besteuerung des
ftntnraMninmmp nnes alten LmWi.
tzalbvergeffene Geschichten aus den 80 er und 40 er Jahren deS 19. Jahrhunderts von B. S. E o e st e r.
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Ich bat den Major, mir verzeihen zu wollen, wenn ich dieser Einladung nicht eher entspräche, als bis ich die französische Sprache besser beherrsche. Dann erzählte ich ihm freimüthig wie es mir ergangen und bat ihn, mich bei seiner Frau entschuldige« zu wollen. Der gute Mann lachte, daß ihm das Bäuchlein wackelte. „Sie Unglücklicher," rief er aus und schlug mich vor Vergnügen dabei wiederholt derb auf die Schulter, was ihm bei mir langem Kerl nur möglich war^ weil er zwei Stufen höher als ich stand. „Sie Unglücklicher, warum mußte ich aber auch gerade nicht zu Hause sein. Da hat sich Mama mit ihrem französisch schwätzen mal wieder ein rechtes bene gethan. Bin ich zu Haus, muß sie nämlich deutsch sprechen, so gut und so schlecht wie sie kann, denn" setzte er ernst hinzu, „wir sind hier in Deutschland, nicht in Frankreich."
Trotz dieser freundlichen Versicherung und ver damit verbundenen Aussicht, daß ich so bald wieder in die Lage kommen würde, fran= höfisch sprechen zu müssen, war es mir bitter ernst wlt meiner Absicht, daß Studium dieser schönen Sprache, die, wie ich selbst gestehen mußte, so viel schöner und eleganter klang, als mein ge- Uebtes Englisch, von neuem zu betreiben.
Bei der nächsten Gelegenheit bat ich Bruder Henry um Zusendung der nöthigen Bücher, und
Saccharins unb ähnlicher Süßstoffe in einer Höhe gesichert werden sollte, bie der bestehenden Zucker- steuer unb ber Süßkraft ber künstlichen Süßstoffe entsprechen sollte. Später hatte noch bie Budget- Kommission des Reichstages einen Beschluß gefaßt, wonach künstliche Süßstoffe nur nach ärztlicher Verordnung abgegeben werben sollten; aber biefer Bischluß ber Kommission hat im Plenum des Reichstages keine Mehrheit gefunden.
Nach dem ursprünglichen R?gierungs> Entwürfe sollte bas Kilogramm künstlichen Süßstoffes einer Steuer von 80 Jfc unterliegen. Aber in ber Kommission, der bas Gesetz zur Vorberathung überwiesen vurde, ist breseBestimmung geändert worben. Nicht alle künstlichen Süßstoffe haben gleiche Süßkraft; diese Süßkraft schwankt vom 120 fachen bis zum 7OOfachen des Zuckers, unb deswegen wurde rs als ungerecht angesehen, alle künstlichen Süßstoffe nach einer emzigen Struerschablone zu behandeln. Das würde nur die eine Folge gehabt haben, daß die Fabrikanten sich nur auf die Herstellung ber Stoffe mit sehr hoher Süßkraft verlegt hoben würden. Deswegen wurde in der Kommission bie Vorlage dahin abgeänoert, daß 60 A an Steuer für das Kilogramm derjenigen Süßstoffe entrichtet werden soll, welche die Süßkraft des Zuckers um das 550 fache übet ft eigen. Diese Steuer soll um je 5 Jfc. erhöht werden für jedes weitere 50 fache der Süßkraft. Dir Vertreter des Bundesrathes haben in der Kommission erklärt, daß sie gegen eine solche Besteuerunzsart nichts einzuwenden hätten.
Diese wirthschafilichen Fragen haben für die Allgemeinheit geringeres Jnterrffe, als rein politische Dinge. Dennoch stehen sie an Wichtigkeit diesen letzteren nicht nach, denn das Wohl unb Wehe großer Volkstheile hängt von ihrer Gestaltung ab. Desto schneller werden fie im Reichstage erledigt werden, je zahlreicher btffen Besuch sich gestaltet.
Berlin, 31. Mai 1902.
X Die nette prentzische Nolenvorlüge ist von der zuständigen Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses mit dreizehn gegen sieben Stimmen angenommen worden — rasche Arbeit! Daß bas Centrum nicht für diese Art ber Politik zu haben ist, braucht nicht mehr besonbers betont zu werden. Diesen bekannten Standpunkt des C.-ntrum haben in der Kommission bie Ab- geordneten Fuchs und Szmula nochmals vertreten. Aber auch von den Freunden b-r Vorlage wurden allerhand Bedenken geäußert, so namentlich von dem nationallibiralen Abgeordneten Ho brecht: dieser erhob lebhaften Widerspruch Dagegen, daß die bewilligten Staatsgelder dazu verwandt würden, wirthschaftlich verkrachte Grundbesitzer zu „faniren*. Auch die Freisinnige Vereinigung hat sich nachträglich bekehren taffen; ihr Vertreter in der Kommission, ber Adg. Ernst, hat erklärt, sie wolle die Forderungen bewilligen, als diese angekommen, stürzte ich mich mit Feuereifer auf die Grammatik von Noel et Chapsal und mit zunehmendem Verständniß, wenn auch unter Zuhilfnahme eines Diktionärs, erst die rührende Geschichte von Paul et Virginie, dann Xavier de Maistres-Voyage autour dema chambre, Lafontaines Fabeln u. A. m.
Sehr befördert wurden diese Studien durch die gutmüthige Art, mit der Olga und Kathinka meine schüchternen Versuche, Konversation ’zu machen, unterstützten. Oft genug mag ich noch tolles Zeug produzirt haben, denn wenn Natalia oder die sehr aufgeweckten Zwillinge mich hörten, wollten sie sich wälzen vor Lachen.
„Dumme Blagen", nannte ich sie dafür heimlich.
Aber der Lohn für mein redliches Mühen blieb nicht aus, und als wir Weihnachten das Fest in der Familie unseres braven Majors feiern dursten, konnte ich mich bereits mit wohlgesetzten Worten bei der guten Frau Luna für die so unerwartet reichen Gaben — (jeder von uns hatte, wohlgezählt, ein Lebkuchenherz, sechs Aepfel und zwölf Nüsse!) meinen Dank anbringen, ohne daß Natalia oder die boshaften Zwillinge dazu gelacht hätten.
Triumphirend berichtete ich diesen Erfolg Freund Paul, der mit dem 17jährigen Bruder Wladimir, welcher in Kassel die Schule besuchte, zum Fest gekommen war.
„Ach," meinte der lachend, „irr’ Dich mal nicht, die hatten den Mund grab vollgestopft und konnten nicht feixen," gab aber dann doch zu, daß ich wirklich ordentliche Fortschritte gemacht hätte.
Herrlich waren diese Weihnachtstage. Durften
um .nicht das Ansehen ber Regierung zu schädigen". Von Interesse ist eine Mittheilung des Ministers von PodbielSki: danach ist eine neue Kreis- orbnung für bie Provinz Posen in Vor- bereituag unb wird in ber nächsten Tagung bem preußischen Abgeordnetenhause vorgelegt werden.
* Die A»,führ««g*vestimm««ge« zum Ilerfchschxrrgesetz werden im .Centtatblatt für das Deutsche Reich' veröffentlicht. Die Fest- setzung deS Zeitpunktes, mit welchem das Gesetz feinem Gefammtumfange nach in Kraft tritt, ist darin noch offen gehalten. Nach der.Nordd. Allg. Ztg.' soll hierüber eine besondere Beschluß- faffung erfolgen, sobald seststeht, bis wann die Einzelstaa en mit ihren Vorbereitungen und Einrichtungen für bie Durchführung des Gesetzes fertig sein werden. Ei» paar Jährlein wird das wohl schon noch dauern! vSm Fteischschaugesrtz sind dem Bundesrath ausgedehnte Vollmachten gegeben, im § 1 in Bezug auf die Ausdehnung der Fleischscyau auf anvereS Schlachtvieh, Rindvieh, Schw-ine, Schafe, Ziegen, Pferde und Hunde, im § 12 in Bezug or-f bie Ausdehnung ber Vorschrift, daß mit ben Thie^körpern Brustund Bauchfell, Large, Herz unb Nieren bei der Einfuhr in natürlichem Zusammenhang v rbunden sein mfiffen, im § 14 über bie Anwendung des Fleischschaugesetzrs auf das zum Reiseverbrauch witgesührte Fleisch, im § 15 über weitergeht nde Einfuhrverboie und Einfuhrbeschränkungen, im § 18 über bie Ausdehnung der Bestimmung, daß Fleischhändler Pferdefleisch nicht in Räumen feil« ballen dürfen, in welchen Fleisch von anderen Thieren verkauft wird, auch auf Eseifleisch, Maulesel- und Hundefleisch, im § 19 über bie Art ber Kennzeichnung des aus bem Auslande eingesührten Fleisches, im § 21 über das Verbot von Zusätzen gesundheitsschädlicher Stoffe zum Fleisch (— diese Bestimmungen sind alb „Bor- säureverbot" schon ertaffex —), im § 22 über die Vorschriften für die Kenntniffe von Fleisch- beschauern, und endlich in Bezug auf ben Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes. Auf die wichtigsten Bestimmungen werden wir noch zurückkommen.
h Zsorsauee DrrSat bringt bie halbamtliche ,Norbb. Allgem. Ztg.' eine lange Darlegung, namentlich für diejenigen bestimmt, bie über bas Verbot ergrimmt waren. Auf der Grundlage praktischer Erfahrungen und wiffenschastltcher Versuche wird darin dargethan, daß die mit Borsäure behandelten Fleischwaaren für die menschliche Ernährung erheblich an Werth verlieren, sogar bi« zu einem gewissen Grade unverdaulich werden. Diese« Verbot ist also durchaus gerechtfertigt, was für diejenigen nicht mehr besonders zu beweisen war, die ihm aus denselben G.ünden von Anfang an zugestimmt haben.
* Zu amtlichen Erhebungen Über sen Irühschoppeu hat ber UtterrichtSministkr die Unioersitätibchörde» veranlaßt. Es werden, wie die ,T. R.' mitthrilt, zu dem Zweck jetzt die Vor- sitzendex der Vereine und Vrbindungen vor den Universitätsrichter geladen, um diesem Auskunft darüber zu ertheilex, ob in ihren Vereinen oder Verbindungen ein offizieller Frühschoppen statt- sindt.
wir auch nicht heraus, so bot doch der große geräumige Jnnenhof einen herrlichen Tummelplatz für unsere Spiele.
Hatte uns der Schnee Gelegenheit gegeben, unser Können mit der Ausstellung wahrhaft künstlerisch ausgeführter Schneemänner zu zeigen, heiße, aber zum Glück unblutige Schlachten zu liefern, so wurden die schneefreien Tage, an denen die Januarsonne schon ganz freundlich herablächelte, nicht minder zum frohen Spiel benutzt. Selbst die älteren Jahrgänge, zu denen auch Dr. Eg gehörte, sahen lächelnd aus den Fenstern zu, wenn wir jungen Leute uns mit den Kindern vereint im Hof herurfttummelten.
An der „Rothen Pforte", (jetzt ist sie schwarz) war „Kunst," (Gunst, Vergünstigung, soviel wie Freistatt,) und wenn wir „kriegen", (fangen) spielten oder „verstecken", bann tönte beständig im echten Kasseler Dialekt der Ausruf eines der Kinder: „Anschlag sor mich!" oder „Anschlag for's Lottka!"
Wer sich versteckt hatte, rief „Zippi," und Ehrenfache war's, vor dem Suchenden die „Kunst" zu erreichen und „Anschlag für mich" zu rufen.
Wie eifrig zählte die kleine Lenka: „Ene, demene, demicke, demo, Ave debate de bom- bado,“ oder „Müllers Esel, Müllers Kuh" und wie ärgerlich konnte das Ding werden, wenn ich sie, indem ich fortgesetzt meinen Platz wechselte, beständig irr machte.
Ja, es waren schöne, frohe Tage, die' uns mehr als einmal vergessen ließen, daß wir Gefangene waren.
Aber es kamen auch schwere Zeiten, nicht nur für uns, sondern auch für unseren Major. Die jüngsten bekamen die Masern, und Sascha
* Zu einer Ilmsormäxderttx- für die deutschen Besatzung«truppen tu Ostasien liegt nach der halbamtlichen .Berliner Korrespondenz' ein Bedürsntß nicht vor. Eine solche sei auch nicht beabsichtigt. Die für die deutschen Truppen in Ostasien im Jahre 1901 neueingeführte Bekleidung und Ausrüstung habe sich nach den v,. liegenden Berichten durchaus bewährt; inebefoabeie würden bie mit Katzenfell gefütterten Litewken, von denen sich übrigens nur 5000 Stück in Ostasien befiaden, als sehr zweckmäßig bezeichnet. Auch mit der bis jetzt verwendeten Fußbekleidung habe man nur gute Erfahrungen gemacht.
* Mit Rücksicht auf die günstigen Erfolge, die mit bet durch staatliche Beihilfen geförderten Entsendung von Handwerksmeistern unb gewerblichen und kunstgewerblichen Arbeitern nach Pari« zum Besure der Weltausstellung erzielt morde« sind, beabsichtigt der Handelsminister, etwa 400 Handwerksmeistern sowie gewerblichen und kunstgewerblichen Arbeitern Reise bei Hilfen von je 50 bis 150 Mk. zum Besuche der Aüffel- dorfer AnsfleKrmg zu gewähren. Es soll Bedacht darauf genommen werden, soweit möglich, solche Personen auszuwählen, bie im Stande find unb sich verpflichten, über ihre Beobachtungen auf der Ausstellung auf sachgewerblichem Gebiete ben Städten, Innungen, Handwerker- oder Gewerbevereinen unb dergl. schriftlich oder mündlich Bericht zu erstatten.
ft Waiv-Zlrckar-Mayre. Den Gesetzentwurf über die Verwaltung der Main-Neckar-Bahn hat die Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses einstimmig genehmigt. Es besteht also kein Zweifel mehr an der Annahme dieser Vorlage im Plenum de« Abgeordnetenhauses.
* ^eU6am, 31. Mai 1902. Vom herrlichen Weiter begünstigt, sand heute Vormittag 9 Uhr im Lustgarten die Parade über die gesamunen in Potsdam garni- foniccMb n Truppen statt. Den Beseht über die Truppe» führte Generalleutnant von Mottke. Der Kaiser begab sich, vom Neuen PalaiS kommend, in Begleitung deS Prinzen Heinrich zu Pferde »ach dem Stadtschloß. Der Kaiser trug Gardes-du-KorpS-llniform mit dem schwarzen Küraß, Prinz Heinrich die Uniform de« Ersten «Sardr-RegimentS z. F. Der Schah von Persien kam im offenen Vierspänner nach dem Stadt, schloß. Auf dem Schloßhof verließ derselbe den Wage» üiib begab sich auf die Rampe. Der Kaiser ließ darauf dir T-uppen, die ein dreifaches Hurrah ausbrachten, präsenttren, ritt die Front der Truppen ab und nahm dann gegenüber dem Denkmal Aufstellung, um den Vorbeimarsch der Truppen abzunehmen. Hinter dem Kaiser nahmen Aufstellung die hier weilenden Prinzen, darunter Prinz Friedrich August von Sachsen, der Gcoßherzog von Mecklenburg, sowie Prinz Heinrich. Vom Fenster des Stadtschloffes aus sahen dem glänzenden Schau- spiel der Schah vou Persien mit Gefolge, dcr Kronprinz von Siam mit Gefolge» der Herzog von Koburg, Prinz Wolrad zu Schaumburg und Prinzessin Friedrich August von Sachsen zu. Der erste Vorbeimarsch fand in Züge», der zweite in Kowpagniefronl statt. Die Kavallerie führte den Vorbeimarsch beide Male im Schritt auS. Die Garde-Mas chinengewehrabiheilung war dem Garde-JLgervataillon angeschloffen. Das Erste Gardcregiment oefilirle mit dem neuen Präsentir« griff. Der Kaiser führte beide Male daS Regiment Gard«-du-Korps vor. Prinz Heinrich cotopirte das Erste Garderegimeni, der Ches des Grneralftabs, General der Kavallerie, Graf Schlifft», daS Erste Garde-Ulanen- regiment Prinz Eitel Friedrich war beim Erste» Garderegimrnt eiugetreten. Nach dem Vorbeimarsch fand eine kurze Kritik statt. Der Kaiser begab sich so-
war fast aufgegeben. Jrn Spätherbst, ungefähr ein Jahr nach Spinnerns Ankunft, wurde erst Natalia, dann die sie treu und unermüdlich pflegende Mutter von schwerem Neroensieber ergriffen. Still und lautlos verlies in diesem Jahr das Weihnachtsfest, Paul und Wladimir tarnen nicht und wir waren schon dankbar, die lieben Damen außer Gefahr zu roiffen. Verschiedene der Gefangenen wurden im Januar entlassen, darunter auch, was mich besonders schmerzte, Dr. Eg, und seine Briese waren mir eine karge Entschädigung für den täglichen Verkehr mit dem geistvollen, hochgebildeter Mann. Im demselben Monat starb auch mein in Kassel als Leutnant bei der Garde des Korps stehender Bruder Karl, ein ebenso guter, als kluger und ungewöhnlich schöner Mann. Ich war lange Zeit ganz trostlos durch den Gedanken, ihn nicht noch einmal gesehen zu haben. Ich hatte ihn innig geliebt und hoch verehrt, denn er hatte sich uns jüngeren Brüdern in aller Noch des Lebens, die oft genug an uns herangetreten, stets in selbstloser, aufopfernder Weise angenommen. Nun hatte ihn das traurige Erbe der so früh geschiedenen theuren Mutter, die Schwindsucht, hinweggerafft, noch nicht ganz 30 Jahre alt!
In diesen trüben, stillen Zeiten sand ich nut’ Trost und Zerstreutheit bei meinen Büchern. Mathematik und Sprachen, besonders die neuem, war das, was mich am meisten fesselte und was ich darum auch am gründlichsten ftubirte. Dabei kam mir zu gut, daß ich im Verkehr mit den Spinnernschen Töchtern beständige Gelegenheit hatte, mich in ber französischen Sprache zu üben, unb daß ich mein Englisch nicht vergaß, dafür forgten die jetzt sehr zahlreich in die Welt fliegen-