IHustrirte Sonntags »Zeitung0,
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JuL-a, Freitag, den 30. Mai 1902.
29. Jahrgang.
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! Beim Erwachen fühlte er, wie eine Hand leise fein Hemd aufknöpfte, er faßte darnach und hielt eine schlanke, kleine Gestalt, die laut auf« schreiend sich ihm zu entwinden suchte und als dies nicht gelang, ihre Zähne in leinen Arm grub. Aus einer Fallthüre des Bodens blitzte Licht, er sah die drei Alte» unten in einem teilet» artige» Raume, sah, wie sie fich beeilten, dem Idioten zu Hilft zu kommen, der »och immer steif u»d schlangengleich an seinem Arm hing.
Den Kapitän beschlich Entsetzen beim Anblicke der nahende» Mörder. Mit ei»em wilden Schrei warf er ihnen die leichte Sestalt deS blödsinnigen Junge» durch die Fallthür entgegen, ergriff de« Revolver, riß, er wußte selbst nicht wie, die Thür
schlafen vermochte, dachte er seiner Braut und der Vergangenheit, versank in süße Tränmereien und schlief endlich doch ein.
strichen; hatte er eine» Schlaftrunk erhalte«, so «ar deffe« Wirkung vorüber, er hatte sich nie wacher gefühlt. Und war er nicht mit all seine« Werthsachen sicher eingeschloffen? Er legte Rock und Stiefel ab, steckte den Revolver unter'-Kopf-
Schluck Thee. Ernst und feierlich-antwortete l C... ir____ , u„
dar Kleeblatt auf jede Frage. Rach dem Effe» hellige« Hermaudad dar Sasthaus zur Ceder um» setzte er fich a»S Feuer und begann seine Pfeife stellt, die drei „Wtttwen" jedoch, die weutge Wochen zu stopfen. früh« die einsame Herberge eröffnet batten, waren
Jedem Rheinreisendea fällt bei feinem Besuche der am Fuße der Niederwald« gelegenen welt» berühmten Wetnstädtchen« Rüdisheim die alte Brömserburg in die Angen. Eine getreue Nachbildung dieser Burg ist von den Wetngutr- befitzern L. von Beckerath, M. Beiderlinden, A. Reuter, Scholl und Hillebrand, Joh. Bapt. Sturm und den Sektfirmen Ewald u. Co und C. H. Schultz auf der Düsseldorfer Ausstellung errichtet worden. Ueberraschend und wie eine Erscheinung au« alter, grauer Zeit wirkt in all den Hellen modernen Aurstellnng-gebäuden diese ver
früh« die einsame Herberge eröffnet batten, wäre« mit dem Schlitten d-S Kapitäns entflohen. Sein- Koffer fand man erbrochen, aber nur Ooldsachen entwendet, die übrigen Kostbarkeiten waren zu selten und markant, um fliehenoen Mördern nicht gefährlich zu werden. —
witterte, alte Burg, mit ihren dunklen Gestein«- maffen. Unsere beistehende Illustration gibt ein getreue« Abbild dieser malerischen Burg. Die innere Ausstattung ist im Stile des Zeitalter« der Merowinger nachgebildet und originell find die Trinkgefäße, besonder» die Rüdesheimer Wein- Hörner. Hier wird jener weltberühmte Trank aur- gelchenkt, der des Leben« Mühen und Sorge« vergeflen läßt und in der Burg herrscht jene Fröhlichkeit, wie fie nur der echte Rheinwein her-
während der Schueeflürme verirrt hätten. Nu» aber fand ma« i» de« Keller unter dem Zimmer, in da- man den Seemann geführt hatte, die Ueberreste von mehr als einem unseligen Reisen« den und auch die Leiche des idiotischen Knaben in der gleichen Stellung des epileptischen AnsalleS, in welchem die Mörd« ihn erdolcht hatten.
I« brr Ecke deS KüchenfensterS fand mg« einen leeren Glasbehälter mit dn Aufschrift: .Morphium.--- '
„Es ist nur eine Hautverletzung", bemerkte der Kapitän trocken, .aber ich fror und so wickelte ich ihn ein."
.Kommen Sie weit her?"
„Rein", entgegnete er, .ich habe etwa drei Stunde« von hi« Geschäfte gemacht. Ich werde in Bashforth erwartet, ich soll dort um acht Uhr ein« Versammlung präfidiren und glaube, man wird mich abholen."
„Um acht Uhr können Sie nicht dort fein, es ist bereit« halb acht Uhr."
Kapitän Webb zog eine große goldene Uhr, ein Geschenk feine« Schiffrheder« heran« und betrachtete die Zeiger. Da« beinahe erstorbene I«, tereffe der Alten lebte ans.
„Ja, St« haben Recht, geben Sie mir eine Tasse Thee nnd ich mache mich auf den Weg; tkomme ich auch nicht zeitig, ich komme doch."
Die Aelteste machte den Kolleginnen ein Zeichen und ging den Thee zu bereiten, wozu fie etwa« lange brauchte.
Zuftieden mit dem Erfolg seiner Angaben, aß I der Kapitän nach Herzenslust und ahnte nicht, daß der Thee eigen« für ihn bereitet «ar.
„Bor etwa drei Jahren kam ich hi« burch, damalr hatte ein Herr Well die Wirthschaft. Wo ist er?"
.Heimgegangen."
„Wirklich? D« arme Edward tobt?" rief«, au« der Rolle fallend, „und « war ei« solch guter Nachbar. So, so, tobt ist er. Unb wo kam die Familie hi«?"
Seit einiger Zeit hatten fich seltsame Gerüchte üb« daS Verschwinden von Reisenden verbreitet.
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auf und entfloh dem grausige» Orte.
ES «ar eine kalte Winternacht, und « hatte «ed« Rock noch Stiefel, ab« er achtete eS nicht und eilte vorwärts, vorwärts wie gejagt vom Entsetzen.
Seine Mutt« schlummerte «och und Mary hatte ebe« daS Frühstück bereitet, als eine grausige Gestatt mit blutende« Füßen, beeistem Haar und graue»verzerrte« Gesichte erschien und bewußtlos vor ihr »iedersank. Sie beugte fich zu ch« und erkannte de« Berlobten. Sie schob ei« Kiffen unt« fei* Haupt und schreckensbleich küßte fie die blutleer ex Lippen.
Als der Wand«« zu sich kam, befand « sich „ ... , , - -------- । i” warmen, behaglichen Räume«, seine Braut saß
Um «icht auszulachen, «ahm «einen tüchtigen I tröstend an feinem Lag«.
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„Lassen Sie gefälligst mein Pf«d vorfahren," sprach er, „wenn ich auch mit Bedauern von Ihnen und dem warmen Ofen scheide, muß ich ebe« doch fort."
Der Junge wurde beordert.
Schweigend und müßig schaute b« Kapitän den kräuselnden Rauchwolke« zu, die Furcht vor Gefahr war verschw««den, die VerdachtSgründe v«geffen. Ei» köstliche- Gefühl behaglicher Ruhe durchströmte ih», « begann de» feige» Entschluß der Abreise zu bereue» u»b schauderte bei dem Gedanke«, mtt dem lahmen Pferd u«d dem schadhafte« Schlitten hi«auS zu solle» i» die kalte Mitternacht. Eine d« Alle» schüttelte ih».
„Fremder, bäumen Sie?"
Fast «ar eS so, die Pfeife war dem Munde entfallen, die Augen hatten sich unwillkürlich ge> | schlossen.
„Hallo, was gibt-?" tief « aufspringend.
„JameS sagt, Ihr Pferd fei ganz lahm, und wenn Sie fort wollen, müssen Sie gehen."
„WaS, lahm? Unsinn!" Er schöpfte Verdacht, „ich will selbst nachsehen, geben Sie mit eine Laterne." JarneS brachte da- Verlangte. ES war ein kleiner, bleicher, idiotischer Junge von etwa dreizehn Jahren mit seltsamem Blick und einem verdächtigen Zug um den Rund.
Der Seeman war nicht fähig, »achzusehen.
„Gebt dem Pferde genug Full« und sorgt für sei» Bein", murmelte «, in den Stuhl zurück» finkend, „mit ab« weist ein Zimmet an, ich bin tobtmflbe."
Man führt ihn in ei» kaltes, leeres Gemach.
„Holt Alles aus dem Schlitte« herauf", befahl er.
Die Kälte, die im Zimm« herrschte, minderte feixe Lethargie und mit Erstaunen sah er, daß es fast Mitternacht war. WaS hatte er in den vi« Stunden gethan? Doch nicht geschlafen? Rein, er hatte dar Bewußtsein nicht verloren, glaubte sich an Alles zu erinnern. ES war nur ein traumhaft« Zustand gewesen. Während er noch verdutzt stand, kam Jame- mit den Koffern herein. Sie waren gefüllt mit Geschenke« für feine Lieben, Sold und Eilberkästchen auS Japan, Perlschnüre, Diademe auS Indien, Koralle», Seide», Muscheln, LaschmirS, Erzeugnisse der Länder, die er bereist.
„Ich muß eia Auge auf all da- haben", murmelte er, und untersuchte, al- er allein war, fein Quartier. Die Thüre war mit Schloß und Riegel versehen und die Fenster so eng, daß selbst JarneS nicht durchkonnte, weder Alkoven, noch Kamin fand fich, um Räuber zu bergen. Der Bode« war hier und da mit Teppichen bedeckt, die Einrichtung bestand auS Bett, Stuhl und Tisch. Hätten fie falsches Spiel beabfichtigt, fie hätten mich sicher nicht hierhergebracht", sagte er fich, „und wozu sollt' ich mich vor drei alten Weibern und einem Kinde fürchten?"
Räthselhaft war nur, wie der Abend ver»
Morphium.
Erzählung nach de«Englischen von Th e!l a ». r h a lau.
(Nachdruck verboten.)
Die Hand auf der Klinke lauschte Kapitän Webb. Draußen ächzten die Bäume im etfigen Wind unb der Schnee knirschte unter den Füßen, drinnen befahl leises, geheimntßvolle« Flüstern ihm Vorsicht, und da« Erlauschte trieb ihm da« Blut schnell« durch die Adern.
Dem Sturm und Schiffbruch hatte er getrotzt, vom Verdeck de« Schiffe« ruhig de« Feinde« Breitseiten empfangen, mit zerfchoffenem Arm noch de« Steuermann« Platz ansgefüllt. Nun war fein Schiff in sicherem Hafen, feine Taschen waren gefüllt mit Gold, er kehrte heim zur Mutter und Braut, und kaum eine Stunde von der Heimath erfaßte ihn eine Furcht, wie er nie sie gekannt, ein Vorgefühl nahenden Unheil«. Er Hütte eine weite Reise an dem Tage zurückgelegt, sein Pferd lahmte, sei» Arm blutete, und so wollte er im Gasthan« zur „Eeder" Hilfe suchen.
„Schließen wir den Laden, heut kommt ohnehin Niemand mehr", sagte eine Stimme.
„St! hörst Du nicht da« Schlittengeläute? Ein Herr mit vielen Koffern voll Gell» und Gelder- werth kommt und er trägt den Arm in ein« Schlinge."
„Weißt Du da« gewiß?"
„Versteht sich, der Mond scheint taghell, unb ich sah ihn aussteigen."
„Prächtig; er soll hier übernachten, und bann werden wir wohl mit dem Inhalt der Koffer be- kannt werden."
„Ja, und fein Pferd ist zehn Pfund werth."
„Der kleine unschuldige Jame« mag un« helfen", sprach eine dritte Stimme.
„Wo ist er? Weshalb schaut er nicht nach dem Fremden? Jame«, kleiner Schlingel, hinaus zu de« Mannes Pferd, hörst Du?"
Und die Thüre öffnet sich plötzlich vor dem Kapitän, ein verdächtig aussehende« alte« Weib betrachtet ihn forschend vom Scheitel di« zur Zehe.
„Was wollen Sie?" krächzte fie, „'S ist kalt, kommen Sie herein."
Der Seemann zögerte, aber des Zimmer« Wärme lockte, er rief den alten Muth zurück und trat ein, entschlossen, den Folgen zu trotzen. I» der Stube befanden fich drei häßliche alle Weiber und ein Junge, der hinaurging, al« er eintrat.
„Mein Pferd soll nicht in den Stall gebracht werden", befahl er, „gebt ihm Futter und bandagirt feinen Vorderfuß, « ist etwa« lahm." Die Frauen machten sich daran, den Verband von feinem halb erfrorenen Arm zu lösen.
„Da« ist schlimm", rief Maud, „der ist gebrochen."
„Ich und »eine Schwester kannten fie nicht", antwortete die Netteste, „wir kauften da« Ha«« von einem Manne, und da wir drei einsame »ittwen find, wissen wir wenig von d« Nachbarschaft. Also lebten Sie vor drei Jahre» hi« in bet Gegend?"
„Ich?" sprach b« Kapitän sich sammelnd, „gewiß, bei ein« Familie Namen- Bridge. Ich »«lebte dort einen Somnr«."
" Kchweig Konpeeo für Kis«u»ahnAeiscude. I» einem Pariser Blatte fordert eine Dame oon den Eisenbahnen, fie mögen so wie fie CoupeeS für Nichtraucher haben, nun auch besondere Toupee« für Passagiere einführen, die nicht durch Gespräche gestört sein wollen. Diese Dame wird durch die an fie gerichteten Ansprachen, Anfragen und zumeist recht allgemeinen Betrachtungen in ihren Gedanken unterbrochen. Allzufreundliche Nachbarn vermeinen ihr den gtS^ten Gefallen zu erweisen, wenn fie ein Gespräch kiffe« und begab' fich zur Rübe. Da er «töt’hi I rbe?. btt8 Wetter, die Waggon?, den Fahrplan und
I °"?uk'0pf» versuchen. Ebenso stört da, Ge- spräch der Mitreisenden untereinander. Man wird um den reinen Genuß der Reise verkürzt, muß zuhören und alle Plattheiten vernehmen, alle völlig uninteressanten Privatangelegenheiten. Diese Dame ist eben zart von Empfinden, diSkret, fie verzichtet darauf, Reisebekanntschaften zu schließen, fie will weder keimen lernen, noch gekannt fein. Die Vertraulichkeit zwischen Eonpee-Geuoffen, die fich während einer mehrstündigen gemeinsamen Fahrt zu entwickeln pflegt, paßt ihr nicht und Gespräche kurz abzuweisen, erscheint ihr auch wenig taktvoll und vornehm. Diese feinfühlige Frau kennt den Werth und die Bedeutung deS Schweigen«, be« genießenden, betrachtenden, reflektirenden Schweigen«. Da« endlose Geschwätz neben ihr beraubt fie aller ihrer Gedanken unb Gefühle. De-Halb verlangt fie ein Loupee für schweigenbe Reisende. Ein kleine« Blech, täfelchen wäre ja ohne große Kosten zu beschaffen und bequem auzuhängen!
* Er ahnt es nicht. Dame: „Sie, da« ist mein Schwiegersohn, den hab' ich meiner Tochter ausgesucht." — Herr: „WaS? Der junge Doktor, er hat mir ja noch gar nicht« davon gesagt." — Dame: „Er weiß e« ja selbst noch nicht!"
Marktberichtr.
0 Aoffek, 28.Stai 1902. (Getreide-, Futter» und Düngermarkt.) Die Stimmung war für sännnlliche Körnerfrüchte fest, wegen mangelndem Angebot konnte da« Geschäft jedoch größere Regsamkeit nicht gewinnen; e« blieb solche« vielmehr auf den Handel in Futter, uud Düngemitteln beschräntt, in welchem auch größ«e Umsätze erzielt wurden.
Wir uottren: Weizen 16,90—17,00, Roggen 16,00 btt l»,40, Hafer 16,80-17,50, Gerste 14,00-15,50 Mk. alle« per 100 Kg. ab ober Parität. Hier für Doppel- ladnngeu.
A Ltirchhain, 27. Mai 1902. Der he^te hier stattgefundene Rtndvtehmarkt erfreute fich eine« außerordentlich guten Antriebe«. Weit Über IOC»
Stück standen zum Verkauf. Den Händlern gelang ei nur mit großer Mühe, die Lhtere unterzubringen Trotzdem daß Kirchhain eine Menge G-stwirthschaft« hat, so waren doch viele Händler gezwungen, Privat- logi« zu beziehen. Der Handel war in Folge der leb haften Nachfrage so flott, daß im Vorverkauf ein großer Theil der Waare umgesetzt wurde und heute Morgen I um 10 Uhr der Markt schon vollständig geräumt war. | Die Preise waren sehr hoch. Mastvieh uud Kälber wurden mit 64-68 Mk. pro Gentner Lebendgewicht bezahlt. Ein großer Posten Kälber, 250 Stück, gingen nach dem Frankfurter Schlachthaus. Mit der Bahn wurden annähernd 900 Stück in 70 Waggon« versandt. Da« Verladen ging diese« Mal gegen früher sehr flott von statten, da die Bahnverwaltung schon um 7 Uhr eine große Anzahl Wagen zur Verfügung hatte, während früher erst um 9 Uhr mit dem Verladen begonnen werden konnte. — Auch der gleichzeitig stattgefundene Schweinemarkt war wie der Rindviehmartt der bestbefchickteste in diesem Jahre; ungefähr 700 Stück, meisten« Ferkel, waren zugefahren. Die Preise waren so hoch, daß der Handel etwa« flau war und ein Rest- bestand blieb. Die vielen Händler sollen die Preise immer sehr hoch halten, sodaß man einen Rückgang be« Marktes befürchtet. Für ein Paar Saugferkel zahlte man je nach Alter unb Qualität 40—52 Mk., Läufer kosteten 60—100 Mk. per Paar.