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FuldaerMZeitung

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Zweites 'Matt.

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(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 17. Mai 1902.

-Um den Bewohnern von Elsaß-Lotbringen einen besondern Beweis meines Wohlwollens zu geben, sowie im Vertrauen auf die reichstreue und loyale Gesinnung, welche sich je länger desto mehr in der Bevölkerung der Reichslande befestigt hat, und die mir bei meinen wiederholten Besuchen dieser dem Vaterlande zurückgewonnenen Länder in unzwei­deutiger Weise entgegengetreten ist, will ich Sie er­mächtigen, wegen Aufhebung des Paragraph 10 des Gesetzes vom 30. Dezember 1871, betr. die Ein­richtung und die Verwaltung, mit dem Reichskanzler in Verbindung zu treten, den ich ermächtigen werde, eine» entsprechenden Gesetzentwurf dem Bundesrathe vorzulegen. Sie wollen diesen meinen Erlaß zur öffentlichen Kenntniß bringen. Hohkönigsburg 9. Mai 1902. Wilhelm II. R." Mit diesem kaiserlichen Erlasse an den Statthalter von Elsaß-Lothringen ist der viel besprochene sogenannteDiktatur-Para­graph" schon so gut wie wirklich und gesetzmäßig aufgehoben. Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat sich noch bis zuletzt gegen die Aufhebung dieses Aus­nahmeparagraphen gesträubt. Er meinte, man könne ihn noch nicht entbehren, obwohl er ja fast niemals angewandt worden war, ausgenommen früher manch­mal, um einige Zeitungen und Druckschriften zu ver- bieten. Da muß man die Aufhebung dieses Para­graphen als einen sehr erfreulichen Umschwung bezeichnen in der Stimmung der leitenden Regierungs­kreise. Der Reichstag hat, wie ja bekannt, schon mehrfach Beschlüsse in diesem Sinne gefaßt, noch zuletzt vor zwei Jahren auf einen Antrag des elsässi­schen Abgeordneten Winterer hin. In Elsaß-Loth­ringen ist der Erlaß, durch Extrablätter bekannt ge­macht, mit Jubel ausgenommen worden. Im ganzen Reiche wiro ihm ungeteilter Beifall gespendet. Augenscheinlich hat Staatssekretär von Köller ein großes Verdienst um die Beseitigung des Diktatur- Paragraphen, der stets von den Elsaß-Lothringer» sehr unliebsam empfunden worden ist. In Paris hat man den Erlaß des Kaisers mit getheilten Ge­fühlen ausgenommen. Manche Zeitungen begrüßten ihn mit aufrichtiger Freude. Andere Blätter aber schrieben in sichtbarem Verblüffe, man sehe es ja nun, daß man sich in Elsaß-Lothringen gar nicht mehr um Frankreich kümmere, dieses vielmehr nur noch als einengeographischen Begriff" betrachte.

Aus dem Elsaß ist der Kaiser nach Wies­baden gereist. Die Kaiserin hat sich zu einem Aufenthalte von vier Wochen mit ihren beiden aen Kindern und ihrer Schwester, der Prinzeffin ra zu Schleswig-Holstein, im herrlichen Schwarz­walde, in Badenweiler am Fuße des Blauen einge­troffen.

Die hohe Politik, namentlich der Dreibund, ist in interessanter Weise von dem gemeinsamen Minister des Auswärtigen in Oesterreich-Ungarn be­sprochen worden. Graf Golnchowski benützte dazu den Budgetausschuß der Delegation des öster­reichischen Reichsrathes. Der Minister stellte zunächst fest, daß die Erneuerung des Dreibundes von 1903 ab bereits gesichert ist woran freilich Niemand mehr gezweifelt hat. Noch wichtiger ist darum eine andere Erklärung des Ministers: Danach stimmen die Bestrebungen des russisch-französischen Zweibundes je länger desto mehr mit denjenigen der mitteleuro­päischen Dreibunds Vereinigung überein. Die Balkan­fragen beurtheilt Gcaf GoluchowSki recht kritisch. Er traut der Ruhe auf der Balkanhalbinsel nicht recht. Aber er fügte hinzu, daß Rußland und Oesterreich in der Behandlung der Balkanangelegenheiten Hand in Hand gehen; und das ist ja wieder eine kräftige Beruhigung. Ueber das Verhältniß zwischen Italien und Frankreich urteilte der Minister ebenso wie Reichskanzler Graf Bülow im deutschen Reichstage: Früher bestehende Differenzen zwischen beiden Länder« find in befriedigender Weise ausgeglichen worden ebenso wie die ehemaligen Meinungsverschiedenheiten zwischen Oestereich und dem Zarenreiche; und es würde geradezu traurig sein, wenn der Dreibund seine Mitglieder in der freien Bewegung so hindern wollte, daß sie nicht auch gleichzeitig mit anderen Staaten freundschaftliche Beziehungen anknüpfen könnten. Es fehlte auch bei dieser Gelegenheit nicht au tschechischen und polnischen Angriffen gegen den Dreibund. Aber Eindruck haben sie so wenig hervor- gernfen, wie ehedem auch.

Die Zolltarif-Frage wurde von dem Grafen Goluchowski nur flüchtig gestreift. Er machte darauf aufmerksam, daß beide Theile, die einen Ver­trag mit einander schließen wollen, gegenseitige Zuge­ständnisse machen müssen, wenn etwas dabei heraus- kommen soll- In entsprechender Weise hat der Centrumsabgeordnete Herold in einer Versammlung in seinem westfälischen Landtagswahlkreise Ahaus- Steinsurt über die deutschen Zolltarif-Verhandlungen sich ausgesprochen: Das Centrum hat das Bestreben, Landwirthschaft und Industrie gleichmäßig zu schützen und langfristige und gute Handelsverträge zu Stande zu bringen. Aber dabei müssen eben auch die Jnte- ressen der Landwirthschaft berücksichtigt werden. Der kleine Landwirth und der landwirthschastliche Arbeiter brauchen eine bessere Entlohnung für ihre Mühe und Arbeit als jetzt. Leider aber mußte auch Abgeordneter Herold feststellen, daß es schlecht bestellt >ei mit den Aussichten dieser Zolltarif-Verhandlungen,

Ä Samstag, dm 17. Mai 1902.

wenn die Regierung bei ihrem ablehnenden Verhalten gegenüber den Mehrheitsparteien des Reichstages verharre--. Er hätte hinzufügen können, daß

auch die Industrie der Landwirthschaft das nöthige Entgegenkommen beweisen müsse.

In der bayerischen Abgeordneten­kammer ist der Antrag auf Reform des Wahl­rechtes berathen worden. Der Ausschuß war, wie bekannt, einstimmig zu einem Kompromisse gelangt, und dieser Thatsache will die Regierung Rechnung tragen. Minister Freiherr von Feilitzsch erklärte, die Regierung stimme der Einführung des direkten Wahlrechtes zu und werde der Kammer einen ent­sprechenden Gesetzentwurf vorlegen.

Die Nürnberger Sozialdemokratie hat noch immer mit schmutziger Wäsche im eignen Hause zu thun. Zwei Führer der NürnbergerGenossen" wurden aus der Partei ausgeschlossen, weil sie Mittheilungen an ein bürgerliches Blatt gegeben haben sollen, nämlich an den ,Fränkischen Kurier'.

Der württembergische Landtag ist am 13. Mai zu einer bedeutungsvollen Tagung zusammen getreten, von der man annimmt, daß sic bis zum Ende des Monats Juli sich hinziehen werde. Es bandelt sich dabei namentlich um die Steuer- Reform, die nun zum zweiten Mal de» Landtag beschäftigt, nachdem sie vorher gescheitert war. Außer­dem steht das neue Gesetz über die Volksschulen zur Berathung und ein vorliegender sozialdemokrati­scher Antrag wird Veranlassung geben zur ernsten Aufrollung der Verfassungs-Revision.

DieLieber-Legende" hat eine neue Be­leuchtung erfahren durch eine Zuschrift, die ein näherer, wohl informirter Freund des verstorbenen Abgeordneten Dr. Lieber" an die.Germania' gerichtet hat. Danach soll es der verstorbene Minister von Miquel gewesen sein, der einmal gesprächs­weise gesagt hat: Es sei doch recht schade, daß die hervorragende Begabung Dr. Liebers für staats­männische Geschäfte nicht direkt für Reich und Staat nutzbar gemacht werden könnte dadurch, daß Lieber in ein höheres Reichsamt oder Staaksamt trete; ob er nicht dazu geneigt fein würde? Dr. Lieber soll daraufeine humorvolle, ober mit einem Tropfen Bosheit getränkte Antwort gegeben haben:Wenn schon, dann erschiene mir nur ein Amt begehrens- werth, das des preußischen Finanzministers." That- sächlich aber hat der Kaiser dem Abgeordneten Dr. Lieber am 28. März 1898, nach Der Verab­schiedung des Flottengesetzes, fein Bildnis mit eigen­händiger Widmung und Unterschrift übern-ichen lassen, wobei besonders die vaterländisch- Gesinnung de» Dr. Lieber hervorgehoben ist. Vor diesem kaiserlichen Gnadenbeweisc hat Dr. Lieber nur wenigen vertrauten Freunden Mittheilung gemacht, aber in einer Art und Weise, die erkennen ließ, daß er ganz besonders dadurch geehrt und erfreut sich fühlte.

Königin Wilhelmina von Holland scheint auch die erneute Lebensgefahr, die ihr drohte, mit Erfolg überstanden zu haben. Seit Sonntag werden ärztliche Tagesberichte nicht mehr ausgegeben. Aber die junge Königin wird recht langer Ruhe be­dürfen, um wieder zu voller Gesundheit und Frische zu gelangen.

Die Stichwahlen in Frankreich haben dem Ministerium Waldeck-Rousseau einen vollen Sieg ge­bracht : die Regierungsmehrheit in der neuen Abge­ordnetenkammer beträgt etwa hundert Stimmen. Der sozialdemokratische Minister Millerand hat in der Stichwahl in seinem Pariser Wahlbezirke sich mit rund vierhundert Stimmen gegen sein.« nationalistischen Gegner behauptet, und im ganzen genommen haben die Nationallisten zwei Sitze in der Kammer einge­büßt, trotz ihrer anfänglichen Erfolge bei der Haupt­wahl.

Das entsetzliche Unglück, das über die französische Insel Martinique in Westindien hereingebrochen ist, spottet jeglicher Beschreibung. Diese Insel gehört einem durchaus vulkanischen Bezirke an, einer Reihe von Inseln, die man als die Bergspitzen einer durch vulkanische Kräfte in das Meer versunkenen Gebirgs­kette zu betrachten hat. Auf Martinique befindet sich der Mont Pelöe, ein Vulkan, dem man Böses gar nicht mehr zutraute; denn seit einem halben Jahr­hundert hatte er Spuren vulkanischer Thätigkeit nicht mehr an sich erkennen lassen. Da auf einmal ist seine Ruhe durch einen Ausbruch jählings gestört worden, der an Schrecklichkeit seines Gleichen sucht. Furcht­bare Massen von Asche und glühendflüssiger Lava gab er eine Woche lang aus vier neu geöffneten Kratern von sich. Aber das war nicht das Schlimmste. Meilen weit schleuderte der Berg auch Stücke glühen­den Gesteins, und diese setzten alles in Brand, womit sie in Berührung kamen, auch Schiffe, die in dem Hafen von St. Pierre lagen, der Haupthandelsstadt der Insel. St. Pierre und die ganze Umgebung der Stadt gleichen einem entsetzlichen Trümmerfelde, und auf 40000 schätzt man die Menge der Menschen, die durch dieses entsetzliche Naturdrama ihr Leben ver­loren haben. In den Betten kleiner Flüsse wälzt sich glühende Lava. Die friedliche, blühende Insel ist in einen Schauplatz der grausigsten Verwüstung ver­wandelt. Auch auf mehreren benachbarten Inseln regt sich die alte vulkanische Thätigkeit möglich, daß eine neue längere Periode derselben angebrochen ist.

Nach den letzten Nachrichten sieht es auf der britischen Insel St. Binzent ungefähr ebenso traurig aus, wie auf der franjöfi chen Insel Martinique. Der ganze nördliche Theil dieser Insel ist ein Flammen­meer infolge der Ausbrüche des Mont gaufriere, der diese Insel beherrscht. Die Zahl der umgekommenen Menschen reicht auf St. Vinzent an 2000 heran.

Der ehemalige Student Balmaschew, der Mörder des russischen Ministers Scipjägin, ist von dem Kriegsgerichte zum Tode durch den Strang

v.-rurtheilt worden. Das Urtheil unterliegt noch der Bestätigung durch den Zaren. Es ist nicht ansge- schlossen, daß es in lebenslängliche Verbannung nach Sibirien umzewandelt wird, da Balmaschew noch nicht volljährig war, als er die That vollbrachte.

Die Bauernunruhen in Kleinrußland sind augenscheinlich vorher nicht ganz richtig in den verschiedenen Zeitungsberichten dargestcllt worden. Vor allen Dingen haben die aufrührerischen Bauern bei ihrem Beginnen nicht die Vorstellung einer Revolution gegen den Zaren: man hat im Segentf,eil eher anzu­nehmen, daß sie int Sinne des russischen Kaisers selbst zu handeln glaubten. Es ist auch nicht wahr, daß die Besitzungen des Herzogs von Mecklenburg ver­wüstet wurden. Sie gerade wurden vollkommen ver­schont, weil man in dem Herzog den Mann respektirte, der der Familie des Zaren nahe steht. Durch Hunger und Elend sind die kleinrussischen Bauern halb zur Verzweiflung getrieben. Da fielen sie den Verfüh­rungen von Leuten zum Opfer, die man zur Strafe in ihre Dörfer verbannt hatte.

In Mittelasien entfaltet Rußland eine un­ausgesetzte Thätigkeit. Die russischen Eisenbahnen und militärischen Vorposten sind so nahe an Afghanistan herangeschoben, daß die russischen und afghanischen Truppen nur wenige Kilometer von einander entfernt stehen. Die russischen Bahnen umklammern förmlich die ganze afghanische Grenze nach der russischen Seite hin.

Eine neue Aufruhrbewegung in der Provinz Tschili hat die chinesische Regierung in Aufregung versetzt. Aber in den ersten Nachrichten darüber ist die Bedeutung dieser Bewegung augenscheinlich stark übertrieben worden. Man sprach von 40000 Rebellen. Aber auf einmal wird nun wieder gemeldet, daß der Ausstand besiegt und alles beruhigt sei vielleicht ist das nun aber auch nicht wahr!

Der Bürgerkrieg in Venezuela hat plötz­lich eine andere Wendung genommen. Man glaubte vielfach, er sei beendigt. Und nun auf einmal be­richtet der Draht von einer schweren Niederlage, die Präsident Castro erlitten hat. Möglicherweise bedeutet diese Niederlage das Ende der Regierung Castro's.

Z«r Frage der desseren Kontrolle der AKtisn-Grsellschafte«.

Die bösen Erfahrungen, die fast jedes Jahr mit bankerotten Aktienaesellschaften gemacht wer­de», wodurch manche Unsummen verloren gehe», fteb ein schlm, - er Zustand gegenüber der volks- wirthschaftliche- Thatsache, doß viele Aktionäre das zu den Bel sligungen gehörende Kapital ge­wöhnlich erst in sauerer Berufsarbeit verdient und erspart hoben. Das wirthschaftliche Rechen- rxemprl gestaltet sich dabet ungefähr so, daß zwanzigtausend und mehr tüchtige und sparsame Männer zehn bis zwanzig Millionen Kapital auf- bringen, das dann in zu Grunde gehenden Aktien- gesi llschaften verloren wird. Dabei darf aber keines­wegs etwa damit di« schlimme Entwickelung be­gründet werden, daß schon von Haus aus be­trügerische Manipulationen die Ursache des Rains sind, nein in den meisten Fällen ist an dem Bankerotte und den schweren Verlusten der Aktien­gesellschaften die Unfähigkeit, der Leichtsinn und dir Vertrauensseligkeit der belr-ffrnden Direktoren, Vorstände und Aussichtsräthe schuld. 'Da nun das moderne wirthschaftliche Leben für die großen Aufgaben der Güterproduktion, deS Maares- und GUdverkehrs die Actienunternehmungeu nicht entbehren kann, so ist es offenbar ein Recht und eine Pflicht der beteiligten Aktionäre, öfter selbst die Augen aufzuthun und Kontrolle zu üben, und zwar nicht etwa erst in der General- oerfümwlung oder kurz vor derselben, sondern durch öftere, von den Aktionären auf eigene Faust einberufene Versammlungen und Bildung einer Kontrollkommission. Ein Vorgang, der sich gst in L:ipz!g in der Generalversammlung der Lebensverstcherungsgesellschaft zu Leipzig ereignete und deffsn Erwähnung in keiner Weise den guten Ruf und das Hohr Ansehen der L?benS- vnstcherungSgesellschaft zu Leipzig beeinträchtigen soll, zeigt übrigens, daß i« interessirlen Kreisen die Gleichgiltigkeit und Lässt leit sich zu einer größeren Antheilnahme aufschwinarn will. Die Lebrrsoersicherungs-Gesellschrst zu Leipzig hielt am 3. Mai ihre ordentliche Generalversammlung ab. Diese warim Vergleich zu früheren Versammlungen außerordentl'ch stark besucht, sodaß einUmzug in einen g-ößeren Raum noch vor Beginn stat-fiaden mußte. Das notarielle Protokoll wies eine Präsenzliste von 97 Mitgliedern mit 163 Stimmen auf. Fragt man sich tun. wie kommt es, daß man jetzt an der wettere» Entwickelung und dem Gedeihen der Gesellschaft so regeS Jntrreffe zeigt, während doch früher kaum 20 Mitglieder einschließlich des Ver« waltungSratheS und Direktoriums die Grneral- vrrsammlung besuchten, so lautet die Antwort: Die vorjährigen bedauerliche» Ereigniffe auf dem Bankgebiete haben sehr viele Betheiligte «ufgerüt- test und ihnen zum Bewußtsein gebracht, daß man sein gutes Recht zur Kontrolle da, wo nur immer ein Jaterrffr vorhanden ist, auch auszuüben verpflichtet ist. Wenn sich die Aktionäre aller anderen Gesellschaften zu gleich reger Thätigkeit aufraffen, dann darf man hoffen, daß Vorkomm- niffe, wie diejenigen des letzten JahreS, für immer

29. Jahrgang.

unmöglich gemacht werden, aber nur dann, wenn die Aktionärs von ihrem Rechte der scharfe» Kon­trolle genügend Gebrauch machen.

Gesammtverband katholischer kaus- männischer Gehilfinnen.

Seitdem auch für das Handelsgewerbe durch Reichsgesetz die Sonntagsruhe eingesührt worden ist, uns sich dadurch für die Handelsgehilfinnen mehr wie früher freie Zeit ergeben hat, stellte sich das Bedürfniß heraus, für diejenigen weib­lichen Angestellten, welche nicht bei ihren Elter« wohnen, auf einen Ersatz des Elternhauses zu denken, da dieselben sonst der GefHr ausgesetzt waren, von der Wohlthat der Sonntagsruhe keinen richtigen Gebrauch zu machen. In ver­schiedenen Städten des deutschen Reiches, in wel­chen stch dieses Bedürfniß besonders fühlbar michte, gründete man zur Befriedigung desselben Vereine kaufmännischer Gehilfinnen, in welch:» für Stärkung des religiösen Sinnes, für Be­lehrung und Unterhaltung gesorgt werden sollte. Solche Vereine bestehen jetzt in Aachen, Bonn, Dortmund, Effrn, Freiburg i. Br., Karlsruhe, Köln, M.-Gladbach, Münster i. Wests, und Trier.

Lange Zeit fehlte aber noch ein engerer Zu­sammenschluß der verschiedenen bereits bestehende« Vereine zu einem Gesammtverbande, welcher wirk amer, mit vereinten Kräfte», die Interesse« des Standes vertreten und fördern konnte. Auf dem CharitaStags zu Aachen im vorigen Jahre ist auch dieses Ziel erreicht worden. Das ge­meinsame Programm der verschiedene« Gehilfinnen- Vereine ist nach dem Master bet bewährte« Vereine junger Kaufleute entworfen worden, uud in dasselbe sind alle Zwecke aufgenommen, welche der fachmännischen Ausbildung, der Fürsorge in Eikrankungsfällen, dem Fortkommen und allen Jutereffe» des Standes in jeder Beziehung dien­lich sind.

Die Stellenvermittelung des Verbandes bietet bei Nachfrage und Angebot den Mitglieder» deS Verbandes unentgeltlich ihre Dienste an und er­freut stch jetzt schon eines lebhaften Zuspruches sowohl von Srite« der Prinzipale als auch von Seiten der Angestellten. Von wie unschätzbarem Vo.theile eine solche Einrichtung für den Ver­band ist, hat sich bei dem Verband jungerKauf- leute auf das Deutlichste gezeigt. Der Verband besitzt weiter eine Krankenkaffe; dieselbe bietet ihre» Mitglieder« weitgehende Vortheile vor anderen ähnlichen Wohlfahrtseinrichtungen. Sie gewährt Unterstützung in Erkrankungsfällen auf längere Frist, sichert standesgemäße Behandlung bei de» Raffen ärgten und in den Krankenhäuser« und läßt die nothw endige Kontrolle durch Damen im Ehrenamts aus üben. In den Fällen, in welchen die Satzungen der Krankenkaffr eine Hilfeleistung nicht gestatten, tritt nach Möglich­keit die eigene Unterstützungskaffe des Verbandes helfend ein. Besonders am Herzen liegt den VeretnSvorftänden die fachmännische Ausbildung und das zeitliche Fortkommen der Mitglieder. Deshalb sind dieselbe» auf die Einrichtung und zeitgemäße Ausgestaltung von Unterrichtskurse» allezeit auf das Eifrigste bedacht. Denn der E<.kenntniß kann sich heut zu Tage Niemand »erschließen, daß die Mitglieder der Vereine auf um so bessere und einträglichere Stellen Anspruch machen können, je mehr sie mit Fachkenntniffen ausgerüstet sind. Zunächst sollen Buchführung und Korrespondenz, Stenographie und Maschinen­schreiben, Schön- und Rechtschreiben, namentlich aber die neueren Sprachen, besonders Französisch und Englisch, Gegenstände des Unterrichts sein. Auch wird die Errichtung eigener Fachschule» erstrebt. Um auch die Wirtschaftlichkeit in den Vereine« zu pflege», werden die Mitglieder nicht bloß für die Z-it der Noth, sondern besonders für dis Zeit brr erwünschten Selbständigkeit zum Sparen angelettet und angeregt durch die Er­richtung eigener Sparkasse».

Nben diesen verschiedenen Zwecken und Be­strebungen kommt aber auch die Erholung und Pfl-ge edler Geselligkeit i» den Vereinen nicht zu kurz. I» alle» Vereinen stehen Räume zur Ver- füfluni, in welchen namentlich an den geschäfts­freien Nachmittagen der Son», und Feiertage zu Spiel uud geselliger Unterhaltung, zu Musik und Gesang und zu sonstigen Vergnügungen aller Art Gelegenheit geboten wird. Lesehallen und Bib­liotheken sorgen für Belehrung und Unterhaltung, ibenso vonZeit zu Zeit anregende Vorträge. Dazu kommen au gewissen Tagen besondere Festlichkeiten mit musikalischen Borträge» und Theater-Auffüh­rungen, Rede« und Deklamationen ec. Alle Zwecke und Bestrebungen des Verbandes beruhe« auf dem Fundamente der Religion. Erneuerung, Belebung und Hebung des religiösen Sinnes ist einer der Hauptzwecke des Verbandes. Seit dem vorigen Monate gibt der Verband ein eigenes,Korre- spondenzblatt' heraus, in welchem sich das Lebe« und die Thätigkeit der Vereine in Ernst und Froh-