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FmoaerMZeitung

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JuLöa, Mittwoch, den 14. Mai 1902.

29. Jahrgang.

.Ausland

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15

(Nachdruck verboten)

^>r»<k ttnb Drrlag bet galbatr XchfnOrultrfl PekreaaSt Nr. 2 (fearmoniek

Erscheint täglich, jpx. Ausnahme der Bonn« und Feier- Hage. Vierteljahr!.

Hejugepreis «hneBrinaerlohn zünd Bestellgeld in Kulda und auS- tvärts 1 SDZ.50$f.

• Schloß Los, 13 Mai 1902. Professor Roefftngh gedenkt morgen feine Thätigkeit als Direktor des Krankenhauses im Haag Nieder aufzunehmen. Dies ist ein deutliches Zeichen für die Besserung im Befindender Königin, deren Kräfte allmählich zunehmen. Ist auch die Frist bis zur Wiederherstellung nicht im Voraus zu bemessen, so find doch die Aerzte von dem V.-rlauf, den dis Krankheit genommen hat, überaus be­friedigt.

® ’&fttts, 13. Mai 1902. Aus Perpignan wird gemeldet, daß Don Carlos, welcher seit einem Monat in Banyuls an der spanischen Grenze weilt, von den französische» Behörden aufgefordert wurde, seinen Wohnsitz nach dem Innern Frankreichs zu verlegen.

• London, 13. Mai 1902. Einr Depesche Lord Kitcheners aus Pretoria meldet, daß in der vergangenen Woche 19 Buren getötet, 6 verwundet und 802 gefangen genommen, sowie 5420 Patronen, 580 Gewehre, 157 Wagen, 400 Pferde und 4300 Stück Vieh erbeutet wurden. Bruce Hamilton säuberte das Gebiet östlich deS Hartflasses und rückte am 7. Mai zur Ver­bindung mit Rochefort von Blömhof aus west­lich vor. Am 11. Mai trafen sämmtliche Kolonnen auf der Westbuhnlinie mit 357 Ge- fangene«, nahezu den ganzen Wagen und dem Viehbestände der in diesen Distrikten sich auf­haltenden Kommandos ein. Durch diesen Zug vermindern sich Delarey's Streitkräfte seit dessen erfolgreichem Angriff auf Major Paris vor zwei Monaten im Ganzen um 860 Mann.

• I-kt do Iraner, 13 Mai 1902. Eine Besichtigung der Unglücksstätte hat ergeben, daß die Opfer her Katastrophe in Folge Ein- athmens giftiger Gase plötzlich erstickt sind. Die Insel ist noch immer von dichtem Nebel umhüllt. Auf btm Meere schwimmen Schiffstrümmer und daneben Leichen, welche die Möoe« anfreffen und die Haifische verschlingen. Heiße Windstöße wechseln mit kalten ab. Die T Ümmer der Stadt St. Pierre brennen immer »och. Eine Landung ist sehr schwer. Die Straßen sind kaum zu pasfiren. Es liegen ganze Haufen von Leichname da, die meisten mit dem Gesicht der Erde zugekehrt.

9 3fefti»a, 13 Mai 1902. Die chinesische Regierung gibt bekannt, daß in zw 'itästgrn Kämpfen die Aufstäidischen in Süd-Tschili völlig besiegt uns ihre Anführer gefangen genommen find.

„Gottlob, da ist Sturm," hörte ich Fräulein Vteier sagen, wenn er nicht tanzen kann, soll er ftd) wenigstens zu uns setzen, bitte Herr von Adlerskopf, holen Sie ihn doch her."

vor Augen zu führen. Das ist ja auch von recht gutem Erfolge gewesen; denn während der letzten Jayre hat sich das landwirthschastliche Genoffen- schaftswesen in einer vorher ungeahnten Weise entwickelt und in seiner vorzüglichen Entwickelung oaS ganze übrige Genoffenschastswesen im Reiche weit hinter sich gelaffen. Aber merkwürdig: das ist nun dem „greiftm»“ und dem von diesem vertretenen HänUerthum auch nicht recht. Die Kornhaus-Genojsenschaften gefallen den Händlern nicht, und so haben verschiedene Ge­treidehändler, aufs feurigste unterstützt von der „freisinnigen" Preffe, eine Eingabe gegen die Kornhaus • Genossenschaft in Halle a. d. Saale an bett preußischen Handelsminister gerichtet. Sie beklagen sich darüber, daß durch die Korn- Häuser der Zwischet handel zu sehr ausgefchaltet würde — als ob das nicht ein Hauptzweck der Kornhäuser mit wäre! Sogreifen diejenigen Zsttungen, die diesen Rummel mitmachen, nicht, daß sie sehr thöricht und folgewidrig handeln? ,, + SchauWweitrstekrer. In Luxemburg »st dieselbe Schaumweinsteuer, wie st; vom deutschen Reichstage beschlossen worden ist, be­reits eingeführt worden. Durch ein luxem­burgisches Gesetz vom 3. Mai wird die Regie- rung ermächtigt, eise Verbrauchsadgabe auf inländische Schaumweine ei?zuführen nach der Maßgabe der Bedtngungsn und Steuersätze, die im deutschen Reiche in Kraft treten werden. Bis zum 1, Jali 1903 soll außerdem ein Ab­kommen mit dem deutschen Reiche getroffen werden Über die Theilung des Ertrages der neuen Verbrauchsabzabe zwischen dem Groß- herzogthum Luxemburg und dem Reiche. Das deutsche Gesetz hat, wie bekannt, die Genehmigung des Bundesrathes gefunden; dieser Letztere maß nun schleunigst die Ausführungsbestimmungen zu.dem Gesetze ansarbeiten. Namentlich handelt es sich dabei auch um die Nachsteuer für den- enigen Schaumwein, der sich am I.Juli außer- -alb einer Schaumweinsabrik ober Zollnieder- age befindet. Dieser Nachsteuer unterliegt, wie bekannt, auch der Bestand in Haushaltungen, o weit er die Zahl von dreißig Flaschen über- leigt.

h Krauk-«vr»fichek«»g der Krim«-- Seiler. Aus einem Erlasse der preußischen Handelrministers geht hervor, daß die allgemeine Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Hstm- arbeitet vorbereitet wird.

h §a- p-luifch- Krwrrkfch»flsL»klelr wollte am letzten Sonntag eine Versammlung in Posen abhalten. Die Abhaltung dieser Ver- ämmlung ist aber von der Polizeibchörde nicht gestattet worden.

[*j WkesSade«, 13.Mai 19?2 Die Reichs- tagsersatzwahl im dritten Wahlkreise de« Negierungrbez'rk« Wiesbaden für den verstorbenen Abgeordneten Dr. Leber ist dem .Rhein. Kurier' »folge, aui den 28. Juli anberaumt worden.

[] Slrrttg-rt, 13. Mai 1902. Die wüttlem- >ergifd)e Kammer ist heute zusammeng-tteten. Man rechnet auf eine Tagung bis August.

war ich nicht, leid that mir der unangenehme Patron gar nicht.

Im Saal drehte sich schon alles lustig im Kreise. Ich berichtete den Damen, wo und wie ich die vermißten Herren gefunden, da trat auch Kant schon heran. „Wo ist Sturm?" fragte Fruulein Dore, auf ihn zueilend. Kant faßte die Kousine am Arm und zog sie ein Stück mit lch fort, lebhaft auf sie emredend. Ich blickte charf hinüber, konnte aber nur sehen, wie die !unge Dame ihn erstaunt anblickte, dann den kkopf schüttelte und irgend etwas an ihrer Toi- ette, wie es schien, erfolglos suchte. Abermals prach Adrian lebhaft und offenbar inständig iiittend auf sie ein. Dore schüttelte wieder mit dem Kopf, lachte aber plötzlich hell auf, nahm chre Bretzelbrosche vom Busen und händigte sie dem sofort damit hinauseilenden Kant ein. Ich war sprachlos vor Erstaunen und konnte mir absolut keinen Vers darauf machen, was der Hallunke mit der Brosche vor hatte; daß es sich um irgend einen dummen Streich handelte, hätte »ch beschwören mögen. Fräulein von Ruberus that, als fei nichts vorgefallen, sie hatte sich bei Fräulein von Sefchen wieder eingehängt und hielt nur wie unabsichtlich den Fächer vor den beraubten Busen. Direkt fragen wollte ich nicht, beschloß aber, die Augen offen zu halten. Plötz­lich sah Fräulein Dore intereffirt nach der Thür und ein Lächeln flog über ihre Züge, als ihre Augen denen Adrians begegneten, der eben mit Sturm eintrat.

Ich war im Begriff schnell ins Haus zurück­zukehren, um die harrenden Damen zu beruhigen, da rief mich Kant, der mit dem allerdings stark humpelnden Sturm nur langsam vorwärts kam, noch mal zurück. „Hör mal, mein Adler," sagte •er _ feierlich, „wenn Du mit diesem" — feine Stimme schnappte über vor Grimm — „mise­rablen, na ich wollte sagen: holden Engel von Lotte Nierenfett einen Schritt tanzest, ist's mit unserer Freundschaft für ewig vorbei. Hast Du Mich verstanden? Schwöre!"

Und ich leistete wirklich einen Eid.

„Ich auch," rief Sturm, „ich will auch schwören, nicht mit ihr zu tanzen!"

„Du", sprach Kant, „Du kannst ja gar nicht tanzen" — und ihm verstohlen einen „Stubbs" Lebend — „Du hast ja den Fuß vertreten!"

„Ja, ach Gott ja," stotterte Sturm in solcher Verlegenheit, daß ich nicht umhin konnte, spöttisch in bemerken: „Sehr schlimm muß es nicht fein, uuß Sie's beständig vergessen. Uebrigens Adrian, ^as ich Dir noch sagen wollte, ich glaube, Lotte Rierenfett wird für alles, was wir je durch •“Oamian litten, furchtbare Vergeltung üben." --Entsetzlich," sagte Kant und schüttelte fidj*„er "ann mir fast leid thun!"

Ich sprang lachend die in das Haus sühren- oen Stufen herauf. Leid, nein, fo weichherzig

» wir ... an eine schönere Kennzeichnung ... er« tnnern; der Heimgegangene Generalsuperintendent Dr. Baur sagte einmal: „die Reformation ist nicht aus dem Wissen, sondern aus dem Gewissen geboren." Die freie Wissenschaft ist gewiß ein kostbares Gut... Aber bte Bekundung dessen, was dem Einzelnen als Ergebniß der freien Forschung erscheint auf den Lehrstühlen der theologischen evangelischen Fakultäten, findet ihre Schranken in der evangelischen Lehre. Andernfalls verflüchtigt sich der Besri deS evangelischen Glaubens . .

Dann, so meint die ,Krsuz-Zeitung', könnte am Ende auch ein protestantischer Theologe au dem Wege der freien Forschung zur katholischen Lehre gelangen und diese den Studenten der evangelischen Theologie vortragen . . . Das if nun ein halbes Scherzwort. Aber es enthäl bitteren Ernst: die sogenamte „freie Forschung" ist unmöglich auf dem Gebiete, auf dem der Glaube die höchste Entscheidung hat. Und gerade mit dem Grundsätze dieser sogenannten „fielen Forschung" hat der Protestantismus seiner ganzen Theologie und seinem ganzen Christen- thum einen schwere« Stoß versetzt — den Todes­stoß, wenn er nach den Anschauungen des Herrn Dr. Dry ander dabei verharrt.

Ki« „Nereirr tz-ttkfcher Asttzslile«' ist »n Brom berg gegründet worden. Von den etwa zweihundert Personen, die der vorbereitenden Versammlung beiwohnten, find nach Zeitungs­berichten 147 dem Vereine beigetreten. Man muß genauere Nrchnchten abwartm, bevor «an ein Uctheil über diese Vereinsgründung fallt. Wenn die Deutschen Vereine in Posen gründen, ist das ganz gut und schön. Aber wenn sie es als „deutsche Katholiken" thun, um sich damit von den anderen Katholiken abzusondern, ist das schwer­lich gut und klug.

X Mstzkprstest im WaMreise Saar- Srücke«. Gegen die Wahl des nattonallrberalen Justtzrathes Boltz im Saarbrückener Wahlkreise ist aufs reue Widerspruch erhoben worden, und zwar von der Leitung der Centrumspartei des Wahlkreises. Unter anderem wird auf die That- fache hingewiefen, daß in den meisten Wahllokalen durch eine lückenlose Auspafferkette von Zettel- vertheilern bis zur Wahlurne die Wahlfreihett verletzt worden ist. Die Wahlzettel für Boltz sind erst unmittelbar vor der Wahl in die Hände der Zetteloertheilrr gelangt, und dadurch ist es den Wählern unmöglich gemacht worden, den auf Boltz lautenden Wahlzettel unbemerkt gegen einen andern zu vertauschen. Somit haben sehr viele Bergleute Zettel für Boltz abgegeben, obwohl eS gar nicht ihre Absicht war, demselben ihre Stimme wirklich zu gebe«. Nichts oestoweuiger übt Herr Boltz jetzt, ebenso wie vorher, sein Mandat aus; und bis der neue Wahlprotest geprüft seinhvtrd, werden wir am Ende der ganzen Mandatsdauer angelangt sei». Dann wird aufs neue eine Kunstwahl herbeigeführt, und so kann es Vor­kommen, daß rin Abgeordneter zu Unrecht einen Wahlkreis Jahre lang hinter einander vertrttt. Die Wahlbestimmungen müßten eben unbedingt ; SU Gunsten besserer Wahrung des Wahlzeheim- uisses abgeändert werden. ।

X SettstML- d-r Lamdmirlyschakt. Es ist ganz richtig, der Landwirthschaft immer und immer wie er den großen Nutzen der Selbsthilfe

. . Die in den obigen Worten liegende Kenn­zeichnung der Reformation erscheint vnS . . . höchst bedenklich. Sie faßt nicht die Reformation in ihrem ganzen Wesen . . . und muß . . . durchaus verwirrend wirken. ... Ihr gegenüber möchten

...........»Migwinium'i i । i i|i jlritMts-EkimkMM riete eilte LmWu.

Halbvergeffene Geschichten aus den 30 er und 40 er Jahren deS 19. Jahrhunderts von B. S. Coester.

Berlin, 13. Mai 1902.

* Das vr-ttRschmsigifch- Katholik chefetz hot die Kommission des braunschweigischen Landtages durchgemacht. Im Allgemeinen hat sich die Kommission den Vorschlägen der Regierung ««geschloffen. WaS an dem RsgierungS-Entwurfe abgeändert worden ist, bedeutet Erleichterungen und Vereinfachungen in der Handhabung des Ge- setzes; ohne Ausnahme ist von den Mitglieder» der Kommission die Norhwendigkeit anerkannt wor­den, das alte Katholiken - Gesetz von 1867 ab- zuändern. Leider hat ob-r auch diese Kommission an der Vorschrift nichts geändert, daß die Kinder aus gemischter Ehe stets in der Konfession des Vaters erzogen werden müssen, oder aber der Vater muß vor der Taufe des ersten Kindes eine ausdrückliche Erklärung vor der Behörde abgeben, daß sämmtliche Kinder in der Religion der Mutter erzogen werden sollen. Nach dem zweiten Para­graphen der in zweiter Lesung vom Reichstage angenommenen Toleranz - Gesetze der Centmms- Partei soll in viel einfacherer Weise für die Be­stimmung des religiösen Bekenntnisses, in dem ein Kind erzogen werden soll, die Vereinbarung der Eltern maßgeb; nd sein, die jederzeit getroffen werden kann vor oder nach Emgehung-der Ehe. Der Antrag des CM-urns geht also in der Frei- heit der Religionsübung und der religiösen Er­ziehung der Kinder viel weiter als die Herren im braunschweigischen Landtage, die zweifelsohne aus- «ahmslos Protestanten sind. Von Wichtigkeit ist es, daß katholische Ki der beim Besuche einer Gemeindeschule rom Religions-Unterrichte befreit bleiben, und daß namentlich auch die ungeheuer­lichen Bestimmungen über die Anmeldung katho­lischer Taufen beim evangelischen Geistlichen w.g- sallen sollen. Bas neue Gesetz ist ohne Zweifel ein Fortschritt. Aber dieser Fortschritt könnte getrost kräftiger ftin.

„ X »freie Iorschusg" »ei de« ’gtoie« starrte«. Im preußischen Herrenhause kritistrte bei der Berathung des Kultus,Etats Freiherr von Durant in abfälliger Weise die evangelische Theologie, wie sie theilweife jetzt von de» Kathedern der Universitäten herab gelehrt wird. Der General-Superintendent Dr. Dryander trat dem Freiherrn von Durant entgegen und sprach dabei — nach dem stenographischen Sitzungs­berichte — u. o. die nachfolgenden Worte:

„Die Reformation ist auS einer That der freien Wissenschaft hervorgegangen Wenn diese Wissen­schaft fich nicht ermannt hätte, fo wäre die Kirche der Reformation nicht da. Das wollen wir alS evangelische Christen nicht vergessen." Damit hat Dr. Dryonder Anstoß in den positiven evangelischen Kreisen erregt. Die »Kreuz-Zeitung' schreibt darüber:

Inserate: Di« einspaltige Petit» zeile oder Deren RaumlSPfA.Re- klamen die Petit­zeile 25 Psg.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt..

Juldaer geschicbtsbläller" und £otlerie-riste

] Die Katastrophe aus den kleinen Antillen.

Allmählich werden immer genauere Mit« theilurgen über das schwere Unglück brkannt, welches am ®os$er3taa die Inselgruppe der leinen Antillen und insbesondere die Stadt St. Pierre auf der J»sel Martinique be- n

fragte Lotte. Ich machte auf Sturms Bein« schaden aufmerksam.

„Aber Sü, Herr von Adlerskopf?"

„Ich," ich legte die Hand aufs Herz und versicherte heuchlerisch, „ich fühle meines Freundes Schmerz, als ob es mein Bein wäre, und kann aus Mitleid und Mitgefühl nicht tanzen!"

„Warten Sü, Sü Schölm, wep» die Damen­polka kommt, dann hole üch Sü!" sagte Lotte im Fortgehen, und drohte mir scherzhaft mit dem Zeigefinger, in der Dicke und Farbe eines Frank­furter Würstchens. Ich verbeugte mich lächelnd. „Gottlob, daß wir gewarnt sind," flüsterte ich Stürmchen zu.

Trotz meines vorgeblichen tiefen Mitgefühls verließ ich jetzt Sturm, um die eben anfangende Mazurka mit Fräulein Thekla von Sefchen zu tanzen. Stürmchen war es gelungen, zu Kants offenbarem Aerger, sich immer an der Wand herumdrückend, sich bis zu dem Platze der Damen heranzufchlängeln. Die Direktorin begrüßte ihn mit theilnehmenden Fragen, und ihm den Stuhl neben sich anweifend, bat sie gleichzeitig ihr Töchterchen, nicht mehr zu tanzen, sondern, da wir bald heim müßten, sich still zu verhalten und abzukühlen. So fand ich, als ich meine Dame der mütterlichen Tante wieder zuführte, den guten Sturm, zwar in einer etwas unglück­lich gezwungenen Haltung, aber befriedigt lächelnd neben feiner niedlichen Flamme fitzen. Ich warf Kant einen schadenfrohen Blick zu und verbeugte mich dann vor feiner Kousine mit der Bitte, den „Kontre" mit mir zu tanzen, der den Schluß des Abends bilden sollte.

Wir standen an unserem Platz, in nächster Nähe der älteren Damen. Das lebhafte Mädchen

„Ihr Wunsch ist mir Befehl," beeilte ich mich der jungen Dame zu versichern, die soeben seitens Kant mit tadelloser Verbeugung um eine Polka gebeten wurde, und eilte zu dem hilflos und ver­legen in der Nähe der Thür stehen gebliebenen Kameraden Sturm. „Ich kann nicht, Adler, weiß Gott nicht," war feine Antwort, als ich ihm Fräulein Mejers Wunsch mittheilte. Un­geduldig packte ich ihn am Arm: „Stürmchen, ich bitte Sie, mir wollen Sie doch den Blödsinn mit dem vertretenen Fuß nicht länger weismachen, also heraus mit der Sprache, warum können Sie auf einmal nicht tanzen?"

Einen Moment sah er sich scheu um: „Ich chill's Ihnen gestehen, aber verrathen Sie mich nicht, lieber Kamerad, allerdings der Fuß ist es nicht, aber ich bin geplatzt!" „Was sind Sie?" schrie ich vor Ueberraschung und Vergnügen, un­vorsichtig taut, „geplatzt?" Er packte mich am Arm. „Um Gottes Willen, Adler, nicht so laut, man hört Sie ja durch den ganzen Saal! Mein Rock ist hinten geplatzt, aber zum Glück hist es Kant bei Zeiten bemerkt. Das Hemd sah schon heraus, aber er hat den Riß zusammengesteckt. Leider ist der Rock dadurch so eng geworden, daß ich die Arme nicht rühren kann." „Zusam­mengesteckt, mit einer goldenen Brosche?" fragte ich athemlos. Stürmchen nickte stumm, weh- müthig, refignirt. Ich durchschaute sofort Kants Teufelei und wäre bereit gewesen, für die tadel­lose Beschaffenheit von Sturms Rückseite die Hand ins Feuer zu legen. Grade war ich im Begriff, dem armen Gefoppten ein paar Trost­worte zu sagen, als das neugebackene Braut- । paar grade vor uns feinen Rundtanz beendend, . - stehen'blieb. „Sü tanzen nücht, meune Hörren?"

WeranIworII!ch:'Lür »jr Srtaftion'3 d CS 4 g

1„niusfrirte Sonntags.-Zeifung",