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29. Jahrgang

Muköa, Montag, den 28. April 1902.

M 96

Druck und Verlag der Luldaer Acttendruckeret petersgalle H*. 2 ffcaimonk).

Notiz der Magdeburger Zeitung' soll sie „noch nicht die Einzelvorschläge enthalten, die infolge des Abkommen« (in Brüssel) an der deutschen Zuckersteuer • Gesetzgebung nothwendig geworden find". Sie soll sich „vielmehr darauf beschränken, allgemein diejenigen Bestimmungen zu treffen, die da« Abkommen zu rattfiziren und in Kraft zu setzen ermöglichen.... Di« Einbringung der eigent­lichen Novelle zum Zuckersteuergesetze sei bi« zur nächsten Tagung verschoben . . . Nach einer Angabe der .Nalionallib. Korr.' soll die Vorlage „einfach die Konsequenz au« dem Abschluss« der Brüsseler Zuckerkonvention ziehen und dar be­stehende Gesetz für aufgehoben erklären. Daraus folgt — so fährt die genannte Korrespondenz fort — eine Herabsetzung der Verbrauchsabgabe um eine Mark. Sollte es sich in der Folge heraus, stellen, daß hinsichtlich der Kontingentirung be> sondere Bestimmungen sich als unumgänglich er­weisen, so werden solche in Antrag gebracht werden . . . “

Alio ab warten! I n österreichische» Lbge- ordnetenhaufe hat der dortige Finanzminister am letzten Freitag eine längere Auseinandersetzung über die Regelung der Zuckerfrage gegeben und dabei nachzuweisen versucht, daß das Brüffeler Abkommen im Interesse der Zuckerindustrte selbst liege. Für uns im Deutschen Reiche wird die weite' 2 Entwickelung dieser Angelegenheit in Oesterreich von erheblichem Interesse sein.

Die sogenannten Woiflthaten tflr dir deutsche Zuckerindustrie werden sehr fraglich, wenn man folgende Notizen in den Zeitungen liest:

„Der Verein der deutschen Zuckerindustrie, Abtheilung der Rohrzuckersabrikrn, wiederholt nochmals die Aufforderung, den Rübenbau so weit wie möglich etnzuschränken und bet den Lind- wirthen auf die Verminderung des Anbaues hin­zuwirken ..." — und ferner:

„Die im Winter abgebrannte Raffinerie in Neufahrwaffer (bei Danzig), die größte Ab­nehmerin von Zucker für Westpreußen, wird nicht wieder aufgebaut, da die Besitzer sie nicht mehr mit Nutzen betreiben zu können glauben. 1500 Arbeiter verlieren infolge deffen ihre Arbeit."

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Gegenüber einer Zeitungsmeldurlg rm entgegen gesetzten Sinne schreibt die amtliche .Berliner Korrespondenz': „. . . i« einem großen Thefle der Presse wurde auf einen angeblich in der Armee bestehenden großen Mangel an Unteroffizleren hin­gewiesen . . . Die völlige Haltlofigkett dieser Be« Hauptungen wurde damals . . .

wird . . . dies« Behauptung wiederholt. Sie ent- spricht ebenso wenig den Thatsachen, wie da­mals.

4- Die Asuservative« ««d die M1««- Vontaa«. D»e ko»servalive Fraktion des R ichs- mges Hai fich heute (Samstag) mit d-r Vorlage über die Gewährung einer G-lsentschädigunq für die Mitglieder der Zolltarif KommiffioA bcschas- tiat und sich grundsätzlich mit dieser Vorlage einverstanden erklärt. Die Benheilung der Ent­schädigungen an Die verschiedenen Mitglieder wer Zolltarif - Kommission soll, wie verlautet, durch bte Budget > Kommission des Reichstages vor ge­nommen werden.

4- Die Br « uni wew steuer In der zweiten Lesung der Slooelle zum BraurrweinstmeMfetze haben Vertreter des Cmtrurm, der National- liberalen, Freikonservative« ur.b Konservativen einen Kompromißantrag gestellt, folgende Steuer­skala anzunkhme«: Für bk Erzeugung von MO bis 300 hl. jr 2 Mk, über 300—400 nl. je 21/« Mk , über 400-600 hl. j? 3 M. über 600-800 hl. je 31/2 Mk., über 800—1000 hl. je 4 Mk., über 1000—1200 hl. je 4 '- Mk., Über 1200—1400 hl. je 5 Mk. über 1400 bis 1600 hl. je 5*/a Mk., über 1600-1800 hl, je 6 Mk, über 1800—2000 hl. je 61/2 Mk. vom Hektoliter reinen Alkohols. Brennereien die nur Getreide brennen, sollen bis zu bin" Menge von 300 hl. von der Brennsteuer befreit sein, bis zu 600 hl. nur zur Hä.ste der Steuer veran- gezogen werden. Man darf an nehmen, daß der Antrag die Mehrheit t# der Kommission findet. ES ist zu erwarten, daß die Brrathungen in der Kommission am nächsten Mittwoch zu Ende ge­führt werde«. Nachher bat die Sesamwtheit des Reichstages nur noch die dritte Lesung zu erledigen: denn die zweite Lesung führte ja eben zu der Rückverweisung an die Kommission. M ist darum nicht ausgeschloffen, daß das Gesetz roch rot der Vertagung des Reichstages von ürrfem verabschiedet werden kann.

* chreiz. 27. April 1902. Der Landtag des Fürstentvums Reuß S. L wurde gestern Abend im Lanstagsgebäude zu Greiz durch de« Staat'Minister von Gelder«' Er? sp?r- dorf eröffnet. Ek wurde sogleich in die Be- rathung der Regentschaft«frage eingetrelen, nachdem die O.ffentlickkeit für die Dauer der Verhandlung ausgeschloff-n war. Der Lardtaz erklärte sich mit der U-brrnahme der Regent- schäft durch den Fürsten Hernrrch XIV. von Rms i L. einverstanden Md wurde daraus geschloffen. - Fürst Heinrich XXH.H?km» vor seinem Tode noch eine Versüßittrg e^laffe>^ der zufolge her Wildpark, welcher jährlich einen Zuschuß von etwa 80000 Mark erforderte, aufgelöst wird.

sterben'." Und wahrlich, wenn man ihn ansah, war man geneigt, seine Befürchtungen zu theuen.

Er erschien förmlich prädestinirt für diese schreckliche Krankheit, die sich um so mehr aus­breitete, als man sie damals unglücklicherweise nicht für ansteckend hielt. So groß wie ich, war Junker Lehr sehr schmal in der Brust und fast stets von Katarrhen oder Husten heimgesucht. Aus seinem schmalen, gelblichen Gesicht mit den eingefallenen Wangen schauten ein paar unheim­lich große, tief dunkele Augen in die Welt, lieber einem starken Schnurrbart, der den JJtunb mit den. schmalen Lippen ganz verdeckte, sprang eine energisch und schön geformte Adlernase her­vor. Immerhin wäre es ein interessanter Cha- rakterkopf gewesen, wenn nicht das stets dis auf die kleinsten Spitzen, abgeschnittene Kopfhaar den Eindruck total verdorben hätte. Dieser „Stiftekopf" paßte absolut nicht zu der Jmpera- torennase, und deshalb sah Junker entschieden mehr unheimlich, als interessant aus.

Warum er eigentlich so zurückgezogen lebte, wußte niemand, denn seine Mittellosigkeit wäre kein Grund gewesen. Die meisten von uns ent» behrten jeder Zulage. Der Grund war also mehr in seiner Abneigung gegen Geselligkeit, und in ' seiner ganzen melancholischen Gemüthsart zu suchen. Aber daß der arme Kerl lachen konnte, ehrlich und rückhaltlos lachen, wie wir anderen auch, das habe ich doch einmal, freilich nur einmal ge= sehen und gehört. Wir hatten zur Feier irgend eines mir leider entfallenen Ereignisses, vermuth- lich dem Geburtstag des Kurfürsten, eine groß­artige AuWhrung geplant und „Dre Jungfrau von Orleans" dazu ausersehen. Da Damen von der Mitwirkung ausgeschlossen waren, so wurde

bestehe«. Der leidige „Fall Wechselburg- ist zwar betgekgr. Aber damit ist «och lange nicht daS erreicht, was man unter gruadsatzlicher unh voller Toleranz gegen die katholische Kirche versteht. Will sich das Königreich Sachsen wirklich durch daS Großherzogthum Mcklenburg beschämen lassen?

+ Die IkeichstagsersjiHwstzl im Maht- LreisleSaKrSrSeke« hat, wie schon telegraphisch gemeldet, wiederum dem nationLlliberalen Kanbi- baten Justizrath Boltz den Greg gebracht. Derstlbr ist im ersten Wahlgange mit 17 957 Glimmen gewählt worden gegen 14393 Glimmen des C?rtrumska«didaten Sr. Muth und 826 sozialdemokratische Stimmen. * Die Wahlbethei­ligung war diesmal ungleich stärker, als im Jahre 1898, Damals fielen in der Stich mahl 13562 Stimmen auf das CM nm und 16 249 Stimmen auf Herrn Boltz. Gehr bemerkbar rst die geringe Siimmenzahl der Sozialdemokraten in diesem durchaus industriellen Wahlkreise sowohl 1898 als auch jetzt. Man ersteht daraus von neuem, daß echt katholisches Leben der beste Schvtzwall ist gegen die Umerwühlungen der Sozialoemokraiie. Dis Arbeiter halten ganz überwiegend zum Centrum, und dieses unbe­streitbare Verdienst deS CentrumS tröstet das­selbe einigermaßen darüber, daß es den Wahl­kreis jetzt «och nicht erobern konnte. Was jetzt nicht ist, wird aber später noch werden. Dann aber ist es höchst beachtenSwerlh, daß trotz dec ^Brotwucher" - Agitation der Sozialdemokraten diese noch nicht 900 Stimmen aufbringen konnten gegen 30000 Stimmen für die gleichmäßig schvtzröllnerischen Kandidaten des Centrums und der Nrtionalliberalen. Der Freihandel ist auch bei dieser Wahl t« Saarbrücken in geradezu elender Weise blamtrt worden.

X Das Hesetz gegen de« «»laviere« Metldewerd ist der Gegenstand einer Reihe von Petitionen, die beim Reichstage eingtlauf« find. Unter diesen seien besonders die Petitionen des Datschen Bunde« für Handel und Gewerbe in Leipzig erwähnt, der Hand'l?- und Gewerbekam­mer für Oberbayern, deS Allgemeinen Gewerbe- Vereins in München und anderer wirthsckaftlicher Bereinigungen mehr. In allen diesen Petitionen wird um die Abstellung von Mißbräuchen beim AuSverkaufSwese« gebeten; die PetitionS- Kommisfion deS Reichstages beantragt, alle diese Petitionen dem Reichskanzler als Material zu Überweise«. Der anwesende Regierungs-Vertreter erklärte, zunächst seien in Preuße« Erhebungen Über die Bewegung des Ausverkaufswesens vor und nach dem Erlaß des Gesetzes veranstaltet worden. Jttzt erwäge man den Erlaß einer An­weisung für die Staatsanwaltschaften, energisch gegen die Ausschreitungen im AusverkaufSwnen vorzugehen. und besondere Instruktionen für die Gerichtsvollzieher und Konkursverwalter. Man hoffe von einer nachdrücklichen Handhabung des Gesetzes die gewünschten Erfolge, auch ohne Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen.

4- Steil» Mangel «« N«terotfizieee«. Im Reichstage Hot bei der Etatrberathung Kriegs- Minister von Goßler bereite darauf hingeviesen, daß ein Mangel an Unteroffizieren nicht chefieht. «MSWWDWMSWWWMWMWWWDMMWMWMMStWWW»«» klagt, — nicht alle die Degen in -dm Scheiden der Kameraden.

Von den beiden Herren, welche mich bei meiner Ankunft empfangen hatten, trat mir der gleich­altrige Adrian von Kant bald freundschaftlich näher, und durch ihn, der mit den ersten Familien Hanaus verwandt, theils als geborener Hanauer, bekannt war, kam ich bald in die regste Gesellig­keit. Theaterspiel und Tanz, lebende Bilder und Konzerte wechselten in bunter Reihenfolge. Wie genoß ich mein Dasein, wie wonnig lag die Welt vor mir. O Jugend, schöne Jugend!

Nirgends, bei keiner der vielen Unterhaltungen, die Hanau damals bot, traf ich aber mit meinem anderen Kameraden, dem Premierleutnant Erich Junker zusammen. Ganz zurückgezogen lebend, wich er, stets ernst, höflich aber beharrlich jedem Annäherungsversuch aus. Hatte er keinen Dienst, so machte er seinen täglichen einsamen Spazier­gang, durch die Vorstadt über die Kinzigbrücke, bis dahin, wo später der Bahnhof Wilhelmsbad hinkam, von dort nach Philippsruhe einbiegend, kam er über Kesselstadt nach Hanau zurück. — Immer denselben Weg, und immer allein, wenn man nicht seinen einzigen Freund, einen zottigen Köter von unbekannter Raffe und Herkunft, der auf den Namen „Faust" hörte, als „jemand" rechnen wollte. Abend für Abend saß er bis spät in die Nacht hinein in seiner kleinen, dürft tig möblirten Stube und studirte. Es war seines Herzens heißester Wunsch, einmal in den General­stab zu kommen. „Wenn ich es erlebe," setzte er mit trübem Lächeln hinzu, in den seltenen Fällen, daß er mal von sich sprach. „Ich werde wohl wie meine drei älteren Geschwister vor mir, ebenfalls die Schwindsucht bekommen und jung

• Berlin, 36. April 1902.

4- Der Toleranz Antrag de« Aenlrnm« soll am nächste« Mittwoch wiederum auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt werden. Die zweite Berathung desselben ist, wie bekannt, vor längerer Zeit unterbrochen worden. Es ist dringend zu wünschen, daß die Berathung »un mehr zu Ende geführt werde. Wie erinnerlich, hat seinerzeit der sächsische Bundesrattzsbeooll- mächtigte keine Erklä ung abgegeben darüber, ob das Königreich Socksen gesonnen ist, dem vom Reichskanzler geäußerten Wunsche zu willfahren und die Härten zu beseitigen, die in Sachsen noch immer gesetzmäßig gegen die katholische Kirche und die Ausübung des katholischen Kultur that er Tag für Tag seinen Dienst, ohne Hoff­nung auf Avancement, aber auch ohne Ehrgeiz.

Unsere kleine hessische Armee gehörte nächst Preußen, welches in allen Stücken ihr als Vor­bild diente, anerkannterweise zu den besten Truppen des deutschen Bundesheeres. Der Kurfürst hatte aber nicht das Recht, wie es z. B. dem König von Preußen verfassungsgemäß zustand, Offiziere nach Gutdünken zur Disposition zu stellen oder zu verabschieden. Wohl aber hatte er auch nicht nöthig, die unfähigen — ober mißliebigen Herren in höhere Stellungen einrücken zu lassen und das erklärte das Räthsel der vielen eisgrauen Majors und Hauptleute, die wir aufzuweisen hatten.

Das hier erwähnte Gesetz verhinderte wohl einerseits manche Härte, manche Willkür, anderer­seits aber, das muß man zugeben, blieben in seiner Folge in unserem Militär Elemente hängen, die geistig und körperlich absolut un­fähig waren, die Stellung, die fie inne hatten, auszufüllen. Der lang andauernde Frieden, dessen wir uns zu erfreuen hatten, ließ uns diese That­sachen, die uns im Fall eines Krieges hätten sehr verhängnißvoll werden können, nicht so zum Be­wußtsein kommen. — Wirklich, viele von meinen damaligen braven Kameraden und Vorgesetzten hätten in ihrer Erscheinung, in den schlottrigen Uniformen und ihrer nachlässigen Haltung, als wahre Embleme des Friedens, wenn auch des bewaffneten Friedens dienen können.

Von der sogenannten Schneidigkeit hatten fie keine Ahnung, (wir jungen Dachse fteilich auch nicht!) fie waren so stumpf wie ihre Degen, die mehr einem Knabenspielzeug, als der Waffe eines Mannes ähnlich waren. Alle fteilich nicht, nicht alle die älteren Herrn und — Gott sei's ge-

© Die Zucker-Vorlage

W in der letzten Sitzung des Bundesrathes von diesem an seine zuständigen Ausschüsse verwiesen worden. Daß das preußische Staatsministerium seine Zustimmung dazu bereits vorher ertbeilt hat, bevor die Vorlage an den Bundesrath ge­langte, ist bekannt. Wahrscheinlich wird die Vorlage also auch unverändert auS dem Bandes- tat*»e wieder heraus kommen; jedenfalls wird im BundeSrathe sehr schnelle Arbeit gemacht werden, denn Staatssekretär Freiherr von Thielmann hat, wie berichtet, in der Sitzung der Zolltarif Kom- mlsfion am letzten Freitag ganz bestimmt daS Einbringen der Vorlage im Reichstage für die nächsten Tage angelünbigt.

Die Verbündeten Regierungen wünschen äugen- scheinlich der Reichstag möge ebenso schnelle Arbeit machen und die Vorlage kurzer Hand ohne vor- aufgegangene KommisfionSberathung annshme«. Man muß zunächst wessen, um waS es fich dabei handelt. In einigen Blättern ist gesagt wo.ben, KommisfionSberathuna habe keinen Zweck: eS handele fich um die Zustimmung zu der Brüsseler IBereinbarung, und da gebe eS entweder nur ein Ja oder ein Nein. DaS ist aber vollkommen unrichtig. Bekanntlich soll doch auch die In« landSsteuer herabgesetzt und die Kontingentirung beseitigt werden, und das find doch wahrhaftig keine Maßregeln, die man mit einem schlanken Ja und Nein abihun kann. Wenn irgendwo bte Vorberathung in einer Kommission noch, wendig ist, dann ist das hier der Fall; und wenn die Verbündeten Regierungen etwa den Wunsch hegten, diese Vorlage noch vor der bevorstehen, den Vertagung erledigt und verabschiedet zu sehe«, dann hätte fie diese Vorlage eher im Reichstage einbringen müssen.

Nach den Brüsseler Verabredungen soll die neue Zucker-Ksnveittion am 1. September 1903 in Kraft treten. Dieser Zeitpunkt ist auch in Aussicht genommen für daS Inkrafttreten der deutschen Zuckersteuer-Norlage. Es eilt also gar nicht so sehr damit und wenn die Erledigung derselben auch erst gegen Weihnachten erfolgt, so ist das auch noch stütz genug. Der Reichs­tag wird bekanntlich nicht geschloffen, sondern nur vertagt. Die Arbeiten gehen also ruhig weiter, trotz der allernenesten wunderlichen Ent­deckung der .Freifinnigen Zeitung' deS Herrn Eugen Richter, daß eine erneute Vertagung de« ReickStaaeS verfassungswidrig fei. Bisher war die .Freisinnige Zeitung' immer anderer Meinung. Jetzt ist ihr aber einaefallen, daß sie auf diese Weise vielleicht der Bearbeitung der Zollvorlage Schwierigkeiten macken könnte, und darum diese neue Entdeckung. Jmponiren wird dadurch die .Freisinnige Zeitung' keinem Menschen.

einige nationalliberale Organe enthalten Mit- Iheilungen über die Zucker-Vorlage, die augen­scheinlich beschwichtigend wirken sollen. Nach einer

jlkituaatg-SnmkMM riet» alten ßmheffm.

Halbvergefsene Geschichten auS den 30 er und 40 er Jahren deS 19. Jahrhunderts von B. 6. Eoester.

2 ------ (Nachdruck verboten )

Der Nachwinter war von da ab so unge- gewöhnlich mild, daß schon im Februar im „Bangert" die Mandelbäume und in Wilhelms­bad die Veilchen blühten. Natürlich bestärkte mich dies in meiner Ansicht, daß Hanau ein süd­liches Klima habe, wo Eis und Schnee unbe- kannteßSachen wären. Spätere Winter haben mich eines anderen belehrt. — Doch ich greife vor, ich bin ia noch gar nicht ausgestiegen! — Zwei meiner meuen Kameraden empfingen mich in der zuvorkommendsten Weise und stellten sich als Baron von Kant und Leutnant Junker mir zugleich als Angehörige derselben Kompagnie vor.

Diese erste Kompagnie befehligte damals Hauptmann von Raden, und es mag ein Streif­licht auf die Avancementverhältniffe der „soge­nannten" guten alten Zeit werfen, wenn ich hier erwähne, daß ich diesen selben Hauptmann von Raden, als ich ein Menschenalter später zum Kommandeur des Regiments ernannt wurde, dem ich jetzt als jüngster Leutnant angehörte, als Hauptmann noch vorfand. Armer, alter Mann, wie hätte ich rnich da für alle etwa erlittene Unbill rächen können! Aber ich hatte nichts zu rächen, benn Hauptmann von Raden war der gutmüthigste und gemüthlichste Hauptmann der Welt, dem nichts ferner lag als chikaniren oder kujoniren. — Pflichttreu und etwas stumpfsinnig.

mit Zlnterhaltungs -Beilage „Illuflrirte Sonntags-Zeitung!'

Deutsches Reich