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•"SS?“mit Ilnterhattmtgs-Message „Illustrirle Sonnlags-Aeitung"
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Juköcr, Samstag, den 26. April 1902.
Mochru-Rrmdscharr.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 26. April 1902.
Ausnahmsweise haben einmal die Leute recht behalten, die immer das Beste von der Zukunft erwarten und deswegen angenommen hatten, die Sozialdemokraten würden einmal gegen ihre sonstige @2- wohnheit bei der Berathuug der Seemannsord- «ung im Reichstage nicht be- jedem ihrer unzähligen AbänderungSanträge Stunden lange Reden halten. Die Herren „Genossen" fingen ja ganz so an, wie früher auch, nämlich durch ganz unsinnige und einfach unmögliche Forderungen eine gute Reformarbeit zu Gunsten arbeitender Berufsstände zu durchkreuzen. So verlangten sie bei dieser zweiten Berathung der Seemannsordnung, die Seeleute sollten das Recht erhalten, auf dem Schiffe während der Fahr t desselben zu--streiken! Wer eine entfernte Ahnung von
EchiffSwesen hat, weiß, was das bedeutet, und natürlich standen die Sozialdemokraten mit dieser tollen Forderung allein im Reichstage. Schließlich haben sie sich die Sache überlegt und die Berathungsarbeit nicht unnütz aufgehalten, so daß die Seemannsordnung nun wirklich noch vor Pfingsten zur Verabschiedung gelangt, nachdem sie länger als zwei Jahre im Reichstage um gegangen ist. Die Seeleute haben sehr wesentliche Verbesserungen des ursprünglichen ReqierungS- entwurfes in erster Reihe der Thätigkeit des CentrumS zu verdanken.
Außerdem hat der Reichstag in diesen Tagen die ersten Lesungen der Servistarif-Vorlage und des Gesetzentwurfes über den fliegenden Gerichtsstand der Presse erledigt. Die erste dieser beiden Vorlagen ist au die Budgetkommission zur Borberathung gegangen, nachdem der Regierung von allen Seiten die Wahrheit darüber gesagt worden ist, daß die Vorlage als vollkommen ungenügend bezeichnet werden muß. Man hat wieder einmal nach dem altberühmten Rezepte gehandelt: den Anschein erwecken, als thue man etwas. Aber thatsächlich fehlt so ziemlich Alles in dieser Vorlage, das man als eine wirkliche Reform bezeichnen könnte, und doch wäre gerade auf diesem Gebiete und in den Wohnungsgeldzuschüssen der Beamten eine durchgreifende Reform außerordentlich nothwendig. Der leidige „fliegende Gerichtsstand" der Presse wird aller Voraussicht nach nur zum Theil beseitigt werden; bei uns in Deutschland ist und bleibt die Preffe das Aschenbrödel der Parteien. Und dabei hat Staatssekretär Nieberding auch noch versichert, eS thue den Verbündeten Regierungen sehr leid, diese- quälende Ausnahmerecht, das aus der Preffe lastet, auch nur theilweise abzu- schaffen; man wolle damit nur dem Reichstage ent« entgegenkommen — auch ein Zugepändniß eigener Art.
Am Mittwoch ist dem Reichstage nun endlich die viel schon im voraus besprochene Vorlage zugegangen über die Gewährung einer Entschädigung an die Mitglieder der Zolltarif-Kommission. Für jede« Mitglied derselben ist eine Gesammtentschädigung von 2400 Mark vorgesehen. Die Vorlage wird voraussichtlich glatt im Reichstage angenommen werden.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat eine lange Reihe kleiner Vorlagen und die dritte Lesung des Etats erledigt. Dabei hat die vornehmste Rolle gespielt der--Bahnhof in Hom
burg v. d. Höhe l Nicht weniger als 5Mi Millionen Mark soll die Erweiterung dieses Bahnhofes kosten, dessen täglicher Durchschnittsverkehr ganze 12 Güterwagen und etwa achthundert Personen umfaßt. Kann man es den Abgeordneten verargen, daß sie Bedenken tragen gegen solche Riesenauswendungen unter so unbedeutenden Verhältnissen? Sicherlich nicht! Aber da ist in der .Kölnischen Zeitung' ein Artikel aus Byzanz — ach nein! — aus Berlin erschienen, mit der Behauptung, die Ablehnung der Forderung richte sich „direkt gegen die Krone". Daraufhin haben sich die Freikonservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen förmlich überschlagen in ihrem Eifer, bei der dritten Lesung die Forderung doch noch durchzusetzen; das Centrum und die Konservativen haben aber den entsprechenden Antrag geschloffen abgelehnt. Es wurde dafür ein Vermittelungsantrag angenommen, der einst- weilen eine kleinere Summe für Borbereimngsarbeitm bewilligt. Der Vater dieses BermittelungsantrageS ist der Abg. Krieger aus Königsberg von der frei- finnigen Volkspartei.
Die bayerische Abgeordnetenkamm er hatte wieder bewegte Tage mit der Berathung des Schul- dedarfsgesetzes. Mit guter Mehrheit ist gegen Regierung und Liberale der Katecheienparagraph angenommen worden, wonach die Gemeinden aus ihren Mitteln für die Anstellung geeigneter Religionslehrer zu sorgen haben, wenn die in der Seelsorge beschäftigte Geistlichkeit und die noch vorhandenen Kräfte nicht zur Bewältigung dieses wichtigen Unterrichtes ausreichen sollten. Da- ist eine selbstverständliche Forderung. Aber die Liberalen sind dem Religionsunterrichte nicht grün und rufen Ach und Weh darüber, daß k- noch Leute gibt, die mit Nachdruck auf der uneingeschränklen Erhaltung dieses Unterrichtes bestehen. Die Regierung Hilst ihnen ein wenig dabei ■— jene Bestimmung soll nämlich angeblich gegen die Versüssung sein! Außerdem ist der ebenfalls stark an- gefeindete Artikel 14 des Gesetzes angenommen worden, wonach anstatt der bisherigen DienstalterSzulagen an «le Volksschullehrer künftighin den Gemeinden mit wehr als 10000 Einwohnern Bauschbeträge gezahlt
werden sollen. Auch hier opponirten Liberale und Sozialdemokraten!
Wer wird denn nun Führer des Centrums im Reichstage werden? — darüber zerbrechen sich alle möglichen Blätter die Köpfe. Abwarten, ganz ruhig abwarten! Ein solcher Führer, wie es Dr. Lieber war, fehlt doch auch in den anderen Parteien, die freisinnige Volkspartei ausgenommen. An geeigneten Männ in fehlt es dem Centrum ganz und gar nicht. Aber eine solche Führerschaft kann nicht gemacht werden, sie muß sich allgemach selbst entwickeln! Interessante Untersuchungen hat Heinr. Held über die Herkunft des Geschlechtes Lieber angestellt. Danach ist i. I. 1719 ein Mitglied oer reichsfreien schweizer Bauernfamilie Calivers (Casa Livers gleich HauS der Liver) aus dem Schweiz-rdorfe Lidar oberhalb Jlanz im Kanton Vorderrhein nach Kantberg ausgewandert, wo aus dem Namen Liver»allmählich Lieber entstanden ist.
Fürst Heinrich XXII von Reuß ä. L. ist am 19. April in Greiz verschieden. Er war, wie man ja weiß, längere Zeit leidend und erst vor wenigen Wochen aus dem Süden zurückgekehrt. Der Fürst hat ein Alter von 56 Jahren erreicht; bi« zu seinem Tode konnte er sich nicht mit den neuen Verhältnissen im Reiche befreunden. Das erste Beileidstelegramm lief vom Kaiser ein. Der verstorbene Fürst hinterläßt einen Sohn und fünf Töchter. Der Sohn ist regierungsunfähig; auch andere erbfolge- berechtigte männliche Anverwandten gibt es nicht, so daß die Herrschaft auf die jüngere Linie übergehen muß. Die Regentschaft für den verstorbenen Fürsten hat dem zu Folge der Erbprinz von Reuß j. L. übernommen, Heinrich XXVII., der an Stelle seines Vaters regiert.
Im deutschen Bismarck-Archipel, auf der Insel Neupommern, ist eine deutsche Pflanzung von den Eingeborenen überfallen, die Frau des Besitzers, Frau Hedwig Wolff, mit ihrem Säugling in ihrem Hause in Paparatava während der Abwesenheit ihres Ehemannes abgeschlachtet worden. Der schuldige Stamm ist bestraft worden durch Zerstörung aller seiner Pflanzungen. Es wurden bei dem Kampfe etwa dreißig Leute dieses Stammes durch die Polizeitruppe gelobtet und zehn gefangen genommen. Eine Ausdehnung der Unruhen auf andere Bezirke ist nicht wahrscheinlich.
Die Schweiz ist weiter vorgeschritten mit ihren Zollberathungen, als wir in Deutschland; denn ihr neuer Zolltarif wird bereits im Plenum des Nationalrathes verhandelt. Bei diesen Be- rathungen hat die Regierung eine Niederlage erlitten: Mit sehr großer Mehrheit von 11 unter 145 Stimmen sind zunächst die Viehzölle im Sinne der berechtigten Anforderungen der Landwirthschaft erhöht und mit 50 statt mit 35 Franken für das Stück Rindvieh festgesetzt, mit 20 statt mit 10 Franken für ein Pferd u. s. w. „Die Legende von der Versteuerung der Lebenshaltung durch die Zölle — so führte bei dieser Debatte der bernische Staatsrath von Steiger aus — hat ihre Zeit gehabt; ober niemand mehr glaubt daran."
Das Befinden der schwer erkrankten Königin Wilhelmina von Holland hat sich während der letzten Tage ein wenig gebessert, so daß weder Hoffnung entstanden ist auf die Erhaltung des Lebender jugendlichen Königin, an deren Wiederauskommen man schon ernstlich zu zweifeln begonnen hatte. In Folge deffen ist auch während der letzten Tage von der Einsetzung einer Regentschaft nicht mehr die Rede gewesen.
In Belgien ist der angebliche „Generalausstand" ebenso schnell wieder aufgegeben worden, wie er begonnen worden war: Schon am letzten Sonntag haben die Herren Anführer die Flinte ins Korn Semorfen und die Arbeiter zur Wiederaufnahme der Irbeit aufgefordert. Die genasführten Arbester haben sich an verschiedenen Orten gegen die Herren Obergenoffen aufgelehnt und die Redner von der sozialdemokratischen Brüffeler Parteileitung verhöhnt, Ader da- hilft den atmen Leuten nun nichts mehr. Sie haben sich wieder einmal völlig vergebens al« Kanonenfutter der Sozialdemokratie mißbrauchen lassen. Die letzten schlimmen Ereignisse spielten sich in der Stadt Löwen ab, wo in der Nacht von Samstag auf Sonntag sieben Personen bei den entstehenden Straßenkämpfen getödtet wurden. Da- Militär gab erst Feuer, als das durchaus nicht mehr zu vermeiden war. Der ganze Aufstand ist an der lvben-werthen Festigkeit der Regierung gescheitert.
Auch in Schweden ist eine Bewegung zu Gunsten de- Allgemeinen Stimmrechtes entstanden. Im ganzen Lande haben am letzten Sonntag Kundgebungen ix diesem Sinne stattgefunden, die an einigen Orten, so in der Hauptstadt Stockholm, auch zu blutigen Zusammenstößen mit Polizei und Militär führten. Getödtet wurde aber Niemand. Eine Volksmenge in Stockholm wollte nach dem königlichen Schlosse morschsten, so daß diese- von Truppen umstellt werden mußte.
Das neue Ministerium in No rwegen ist gebildet: Der neue Ministerpräsident, zugleich Minister des Innern, heißt Blehr — ein anderer Foden, aber dieselbe Nummer!
DaS Zarenreich wird fortgesetzt in Spannung erhalten. Die sonst so ruhigen Finnländer haben unter unaufhörlichen Drangsalirungen die Geduld verloren, und sind in der finnischen Hauptstadt Helft ngforS am letzten Montag anläßlich einer dort abgehaltenen Rekrutengestellung schwere Unruhen entstanden, an denen sich auch Angehörige der gebildeten Volksschichten beteiligten. Die Finnen dienten bis- >er nur im eignen Lande. Nach den neuen Erlassen ollen die finnischen Rekruten an alle möglichen ruffi- chen Regimenter vertheilt werden, und darum ist
das finnische Volk so erbittert. Die Ordnung konnte von der Polizei allein nicht aufrecht erhalten weroex; es mußten Kosaken dabei Helsen — schlimme Anzeichen l Der Mord, der an Minister Ssipjägin verübt wurde, beruht auf einer nihilistischen Verschwörung, wie jetzt feststeht. Der Unterrichtsminister Wannowski hat abgedankt. Sein Nachfolger Senger ist ein Mann der schärfsten Richtung — arme« Rußland!
In Budapest ist der neue Handelsminister Horanszky gestorben nach nur fünfwöchentlicher Amtsführung. Der Verstorbene war ehemals in schärfster Gegnerschaft gegen die liberale Regierungspartei, wurde nach und nach aber ein fester Anhänger derselben. Als Mann war Horanizky allgemein hoch geachtet.
Die südafrikanischen Friedensunterhandlungen haben eine Unterbrechung erfahren, damit — wie man sagt — die verschiedenen Burenführer mit einander beraten können. Was daraus werden wird, muß man ruhig abwarten. Die Londoner Staatsweisen setzen kritische Gesichter auf, als wäre a« Frieden noch gar nicht zu denken. Das ist aber schwerlich tragisch zu nehmen!
Unpolitische Zeitläufe.
® Berlin, 24. April 1902.
. . Und was war das für eine dicke Freundschaft! Die taten ja, als ob sie sirmesiichr Zar Hinge wären! Aber ich sage immer: so was schlägt leicht um. Erst liegen sie sich in den Armen, dann in de» Haaren!"
Go hörte ich gestern im Eisenbahnwagen rai» sonntren. Auf diesen tägliche« Fahrten wird einem mehr Klatsch und Tratsch seroirt, al« man vöchig hat. Mitunter gibt's auch eine interessante Moment-Aufnahme aus der rauhen Wirklichkeit.
Also t,je Milch der Freundschaft war wieder einmal über Nacht sauer geworden l Der traurige Verfall ging mich eigentlich gar nichts an, aber et schlug mir doch tnsosern auf das Gewissen, als neulich eine liebenswürdige Leserin mich auf» gefordert hatte, ich solle nicht immer über Heirathen und Zubehör, sondern auch einmal Über die Freundschaft meine unmaßgebliche Meinung sage«.
lieber Freundschaft zu schreiben, ist gar nicht so leicht. Das Ding ist nicht faßbar. Die echte Freundschaft steht nach gar nicht« auS, wie ein Flunder im Seesand; war sich aber als dicke Freundschaft aufspielt und ein Pfauenrad der Liebe und Treue schlägt, dem ist nicht zu trauen.
Ich kenne zwei Graubärte, die in scharfen DiSput geraten, so oft sie sich treffen, und ein um's andere Mal fia> zanken, daß fie mit rotem Kopf auseinander laufen. Sie haben sich oft gegenseitig für Quer- und Schaftköpfe erklärt, ober noch niemals für geliebte Freunde. Und doch find fie es; wenn einem etwas zustößt, so sucht und findet er die Hilfe bei dem „eigen- finnigen, unausstehlichen Menschen", und wenn der Tod daS zornige Paar einmal trennen wird, io wird der Überlebende mit trockenen Augen die drei Schollen werfen, aber mit zuckendem Herzen, „als wär'S ein Stück von mit". Sie reiben sich an einander, well sie sich lieb haben, und fie verbergen ihre Gefühle, weil sie ihnen zu heilig sind. Ihre Freundschaft ist mit Stachel- draht umwehrt.
Die Gegenstücke zu diesem Bilde findet man Überall massenhaft. Da heißt es in einem fort: mein Freund, mein lieber Freund, mein alter guter Freund u s. w. Ein ewiges Händedrücken, bei der ersten besten Gelegenheit sogar Schmätze. Man freut fich „unendlich", so oft man sich trifft, und beweihräuchert sich gegenseitig mit Siebes« beteuernden, — so lange es nichts kostet Bei >er ersten ernsten Probe, wenn die „Freund- schäft" ein Opfer vrlangt, platzt die glitzernde Seifenblase der Liebe und Treue. Nein, „unge- müthlich" darf die Sache doch nicht werden; bann ist fich Jeder selbst der Nächste und hat mit fich genug zu tu«!
Die Kaffee- Freundschaften der Dame« und die Bier-Freundschaften der Männer gehöre« zumeist i« dieses Kapitel von „Taits Diamanten der Freundschaft". Ein angenehmer Freundschafter st noch lang kein Freund. Unser Ohr hört ihn gern, und unsere Zunge setzt er in Bewegung; >as Herz aber sitzt tiefer. Wenn die „gute Freundin" ober der „liebe Kamerad" nach der ibliche« Durchhechelei der Abwesenden fich ent ernt hat, fo geht eS auch über sie oder ihn her. Wir benutzten ihn zum Zeitvertreib, aber sonst st uns nichts an ihm gelegen. Wehe, wenn uns der Spaßmacher mal auf die Hühneraugen tritt! Dann schlägt die hohle „Freundschaft" sofort in Grimm und Feindschaft um.
Auch die „Skatfreunde", die „Jagdfreunde" und ähnliche Vergnügungkfreunde können auf diesen schönen Namen meistens keine« Anspruch machen. Die „Hausfreunde" sehen schon etwas ernster auS; aber auch da ist wenig Weizen unter der Spreu. Man muß sich doch die Langweile vertreten und „etwas Abwechselung" habe«;
29. Jahrgang.
darum spricht man gern mal in einer bekannte» Familie vor, plaudert und bewundert, genießt die Liebesgaben und wechselt Komplimente auf Gegenseitigkeit. Sollte es dieser „werthen Familie" mal schlecht gehen, so will man nicht zudringlich fei« und lästig fallen; dann verzieht man fich ge» räuschlos bei Zeiten.
Es gibt aut wahre,, edle, segensreich wirkende Hausfreunde. Wenn fie selten find, dann find sie um so werthvoller. Da spielt z. B. eine allein» stehende Dame die „Tante", obschon sie gar nicht verwandt ist mit der Familie, und durch ihr freundliche« Wesen bringt fie Sonnenschein in die Kinderstube und in da« Wohnzimmer, manchmal sogar in die Herzen der Eheleute, wenn dort Nebel aufsteigen wollen. Durch hilfreiche Handgriffe ober gute Rathschläge im Bedarfsfälle kann sich die „Tante" sehr verdient machen; durch ein kluge« Wort zur rechten Zeit kann sie manchmal ernste« Unheil verhüten. Sv ein fteiwilliger Schutzengel wird bei unangenehmen Zwischenfällen sich nicht zurückzteben, sondern erst recht zusehen, ob nicht zu helfen ist. Ober eine ältere, erfahrene Hausfrau befreundet sich mit einer jüngeren Kameradin und läßt in kluger Liebe, ohne sich etwas Schulmeister» liche» ober Schwiegermütterliche« merken zu lassen, einen heilsamen Wink, eine gute Lehre einfließen, wenn e« am Pmtze ist. — Zu derartigen Diensten stiller Freundschaft find die Frauen im Allgemeine« besser geeignet, al« die Männer. Aber die männ» lichen Hausfreunde, di« mit edler Theilnahme sich an dem Aufblühen der Familie freuen und gelegentlich etwa« frische Luft in die Behausung bringen, soll man auch nicht verachten. Sie führen eine gewisse Verbindung der Familie mit der Außenwelt herbei, die auch ihr Gute« haben kann und manchmal dem flatterhaften Familienoberhaupt da« häu«liche Leben erleichtert. Wenn der Hauefreund ein wirklicher Freund ist, mit Liebe und ohne Selbstsucht, so wird e« ihm auch nicht an dem nöthige« Takte fehlen, sooaß er da«rechte Maß in der Häufigkeit und der Dauer seiner Besuche und in seiner Einmischung in die innere« Angelegenheiten zu bewahren weiß. Ein Man« muß i« dieser Beziehung noch viel mehr Rücksicht und Vorsicht gebrauchen, al« eine Frau.
DaS Sprichwort do« den „Freunden in der Roth" hat sehr recht. Schon oer alte Römer Ovio fang:
Lebst du in Glück und Glanz, so kommen die Freunde zu Haufen;
Aber geht es dir schlecht, stehst du wieder allein!
Die Roth ist der Prüfstein für die Freundschaft. Leg' aber diesen Prüfstein nicht bloß bei anderen an, sondern zunächst bei dir selbst. Sehe mal alle deine sogen. Freunde durch und frage dich: Wem würde ich nach besten Kräften mit Rath und That beHpringen, wenn es ihm mal ernstlich schlecht ginge? Ich fürchte, daß bei dieser ehrlichen Probe nicht viele übrig bleibe«! Die zweite Frage lautet: Wen« mich das U«» glück Heimsuchen sollte, zu welchem Freunde kau» ich dann vertrauensvoll meine Zuflucht nehmen? Ach, da schmelzen fie dahin, rote Butter in der Sonne. Wohl dir, wen« wenigstens noch Einer oder Eine übrig bleibt, die volles Vertraue« wirklich verdienen! Und noch besser ist eS, wen» Jemand schon die Probe thatsächlich bestanden und im Unglück sich al« treue Stütze bewährt hat. DaS ist ei» Schatz, sen man halten und hegen muß.
Das schlimmste Gegentheil find die falsche« „Freunde", die mit unS in nichts anderem verbunden find, als in gemeinsamen Fehlern und Lastern. Diese Sorte von Thorheit- und Sünden-Freundschaft ist leider zu häufig. Bei den Kindern fängt eS oft schon an, indem die Bengel fich zu dummen Streichen verbrüdern. Unter den jungen Semen b'Üht dieses Unkraut erst recht; der gewissenhafte Jüngling wird als „langweiliger Philister" bei Seite geschoben und mit leichtfinnigen Kumpanen wird Brüderschaft getrunken und Freundschaft geschworen. Unter den Erwachsenen grasstrt das liebel noch weiter in der schon erwähnten Form der Ser» znÜgungSfreundfchaft. Die Leser innen werde« >ie Freundschafts-Verhältnisse zur gegenseitigen Förderung der Eitelkeit, der Naschsucht, der Lese- wuth ober gar noch schlimmere Dinge besser kennen, als ich.
So haben wir drei Klaffen: Erstens >ie falschen Freunde, die uns in Schlechtigkeiten bestärke« oder zu Schlechtigkeiten verführen. Wölfe oder Füchse im Schafskleid« der Freundschaft, die rücksichtslos und sofort hinaus» fetrieben werden müsse» I Die Eltern und onftigen Pfleger können nicht forgfom genug tarauf achten, daß ihre Schützlinge nicht mit gefährlichen Genossen sich einlassen. Man muß )en Brunne» zudecken, ehe das Kind ertrunken ist.
Zweiten- die sog. Freunde, die nicht gerade Böse« im Schilde führe», aber auch keine Grund- age« zu einem echte» und wirksamen Freund- chaftsverhältniß mitbringen. DaS gibt eine