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Jutöa, Dienstag, den 22. April 1902.

29. Jahrgang.

mit Anterhaltungs -Aeilage »Mustrirte Sonntags-Zeitung"

Berlin, 21. April 1902.

* Tine recht peinliche @rimt<r##g Bis. marck'schen Andenkens ,st in derRechnungS-

griff die bewaffnete Bertheidigung entgegensetzen. Die Niederlage der Sozialdemokratie besteht also nicht nur darin, daß sie in diesem Aufruhrspiele besiegt worden ist mit der Gewalt der Waffe«. Sie hat sicherlich auch in den Lugen aller ihrer bisherige» Mitläufer ganz erhebliche Einbuße erlitten an Einfluß und Ansehen und an Freund­schaft, und damit hat die belgische Sozialdemo­kratie gleichzeitig der Sozialdemokratie aller Länder eine Niederlage mit verursacht. Di« Parteileitungen in Parts und Berlin legten sich für die belgische Bewegung i«S Zeug mit Gelb- spenden und sogar mit öffentlichen Aufrufen; und nun haben die belgischen Sozialdemokraten, sührer die Flinte noch rascher ins Korn geworfen, als sie in unbedachtem und frevelhaftem Leicht­sinn das Strohfeuer eine« Eintagsaufruhrs a». gefacht hatten. Der Rest ist Schweigen und ein erbärmlicher politischer Katzenjammer!

Die Folge» werde« sich erst »och zeigen, nämlich bst den nächste« Neuwahlen zur belgische» Abgeordnetenkammer. Da wird die Sozial­demokratie aller Voraussicht nach gewahr werde», daß ihre Anhängerschaar jetzt bei der Aufstands, bewegung ihr nicht treu bleibt auch nach der Niederlage. Viele, die jetzt zur Sozialdemokratie hielten, werden nunmehr sich mit dem Klugen berathen und bei der nächste« Wahl lieber auf die Seite der Rechten und der Regierung sich stellen, und dann wird der politische Katzen­jammer bei der Sozialdemokratie seine zweite Auflage erlebe».

Ma» soll doch ja nicht sagen, daß hier etwa das Unternehmerthum über die Arbeiter gesiegt habe. Biele Unternehmer, die dem liberalen und fortschrittlichen Lager angehöre», haben im Gegentheil die Ausstandsbewegung unterstützt, um damit nach ihrer Meinung auch ihre poli­tische» Bestrebungen zu fördern; und im allge­meinen fehlte doch eben dieser Art von Aui. standsbewegung jegliche wtrthschastliche Grund­lage. Sie sollte eine politische Kraftprobe für die Sozialdemokratie sein und ein Theil der voll­ständig zerfahrenen Liberalen und Fortschrittler in Belgien ließ sich dazu verleite», d-r Sozial­demokratie sich zu bediene«, um auf dieses Esel- Rücken wieder einen höheren und « 'gesehene» Standpunkt auf dem Schauplatze der politischen Thate« zu erklimmen, weil sie allein »as nicht mehr fertig bringen. Nun haben Tyler und Reiter eine« böse» Sturz erlitte«. DaS ge­schlagene Thier hinkt Übel zugerichtet von dannen; der Reiter aber liegt mit verstauchten Glied­maßen am Boden und es gilt wieder einmal daS Sprichwort von ihm, daß für de» Spott nicht zu sorgen braucht, wer den Schade« er­litten hat. Und was für ihn daS Schlimmste ist: der Spott trifft ihn mit vollem Rechte!

die Falten des Abschiedsgesuches durch seine Finger ziehend, in feixen Stuhl zurück und sah gespannt za Karl htnüber, deffen Antwort er­wartend.

Dieser, der nicht recht wußte, was er aus der Erklärung seines Vorgesetzte» machen sollte, dachte eine Weile nach und antwortete dann:Sie würde« mich trotzdem zu Dank verpflichtet haben, wenn Sie mein Gesuch auch ohne Ihre Befür­wortung «eiter gegeben hätten."

Kann ich mir denken," gab der Andere zurück,damit doch am Ende vielleicht jemand, der Sie nicht kennt, und etwas von der dummen Geschichte da in Warendorf gehört hat, auf den Gedanken kommt. Sie lausen zu taffen."

Karl war ganz erstaunt zu vernehme», daß der Vorgesetzte feine geheime Gründe kannte und konnte den Ausruf nicht unterdrücken:

Herr Inspektor, Sie wiffen?

Wiffen, nein, da- darf ich nicht behaupten," sagte der Andere, dem die Freude über daS Zu- geständniß Wagner- über das ganze Gesicht leuchtete, aber ich vermuthe zunächst einen unbe. stimmten Grund, den ich in Warendorf suchte und bis zu einem gewissen Grade auch mit der Schmuggler-Affaire in Verbindung brachte, da ihr Urlaubsgesuch so kurz auf die Anzeige folgte und ich mir sagen mußte, daß Sie, der den Schmugglern doch so energisch zu Leibe ging, nicht gerade so dringend Urlaub gewünscht hätte», al- diese Geschichte zum Klappe» kam, wenn nicht irgend ein Zusammenhang bestanden hätte. Nehmen Sie mir e- nicht über, Herr Oberkon­trolleur, ich dachte mir zuerst nichlS besonders Gutes, wollte aber der Sache auf de» Grund gehe«

kommst ston de- Reichstages aufgefrischt worden. Der CentrumSabg. Horn fragte, woher eS komme, daß in den Rechnungen, welche der Kommission zur Prüfung vorlagen, Poste» stände«, die 25 Jahre alt seien. Ei« Regierungsvertteter er- widerte, daß es sich um Posten aus der Arnim-Affäre handele. Die Rechnungen seien verlegt gewesen und erst so spät wieder zum Vor­schein gekommen. WaS für ein Kobold es wohl gewesen sei« mag, der diese Rechnunge« auf so viele Jahre verlegt hatte? Und ob derselbe ge­wußt habe« mag, daß diese Rechnungen, wen« sie erst »ach 25 Jahre» zum Vorschein kommen würde», nicht mehr daS lebhafte Jntereffe er­weckten. als we»n sie bald nach dem Abschluß jener Affäre, die den Kanzler als unerreichten Haffer zeigte, vorgelegt worden wäre»? Be. kanntlich brachte Bismarck de» frühere« Ge« sandten Grafe« v. Arnim, de« er im Verdacht hatte, daß derselbe seine Politik kreuze» wolle, i»S Zuchthaus.

+ Ao« Kaiser Attkhelm Zga«al. Im Reichstage ist eine Vorlage eingegangen über eine« neuen Gebührentarif für de» Kaiser Wilbelm-Kanal.

* Ja das preußtsche Staa1ssch«ldv»ch wäre» Ende März 1902 auf 30337 Konten 1577323650 Mark eingetragen. Gegenüber dem Vorjahre hat eine Steigerung um 1428 Konten und 111 Millionen Mark stattgefunden.

* Die Hpechselßempelsterrer hat im Rech- nunß-jabr 1901 eine Bruttoeinnahme von 12,420,328 Mk. ergeben und bleibt damit hinter der Einnahme de- EtatSjahns 1900 um 605,457 Mark zurück. Im Etatsanschlag für 1901 war die Einnahme auf 11,939,000 Mk. angenommen, sodaß das thatsächliche Ecgebntß ttotz des Rück­ganges «icht ungünstig ist, da es den An- schlag um nahezu eine halbe Million übersteigt.

+ AnsairfS, sorge fix Beamte. Der Gesetzentwurf über die Unfallsürsorge für Beamte al« Ergänzung zum UnfallverficherungSgesetze au- dem Jahre 1887 ist dem preußischen Abgeord- netenhnuse vom Ministerium für öffentliche Ar­beiten zugegnngen.

* chege» »en Alüoholism»» im Aeere wendet sich ei» Befehl, den der Erbprinz Bern­hard von Sach'en-Meiningen als Kommandeur des 6. Armeeko p8 erlassen. Die wichtigsten Sätze des Befehls lauten:Der Genuß von Alkohol und alkoholischen Getränke» auf Mär­schen, Hebungen aller Art und auch während der ManöverÜbung ist verböte». Es dürfen daher keinerlei alkoholischer Getränke, wie SchnapS, schnapSähnliche Getränke (Cognac, Liköre aller Art, alkoholische Essenzen) oder Bier in Feld­flaschen mitgenommen oder von Seiten der Mar­ketender an die Mannschaften verkauft werde». Unter ManöverÜbung ist nicht der Zustand der Ruhe im Biwak und in der Ortsunterkunst zu verstehen. Der Vertrieb von Schnaps und schnapSähnliche» Getränken in be» Kantinen ist für die Gemeine» im Winter von 9 Uhr Abends, im Sommer vo» 10 Uhr Abends ab, für Unter­offiziere im Winter von 10 Uhr Abends, im Sommer von 11 Uhr Abends ab bis zur Aus­gabe des MittagSeffenS am nächsten Tage unter» fagt. Derartige Getränke dürfen überhaupt nur

und zog bei der nächsten Inspektionsreise in Warendorf Erkundigungen ein. Schon der Kreis­richter wußte mir richt viel Licht über daS Dunkel Jhr«S Abschiedsgesuchs zu verbreiten, den Rest erfuhr ich durch Nachforschungen an andern Stellen, kurz und gut," schloß er seine Er­klär r»g,ich weiß so ziemlich, au8 welchen Gründen Sie um JhrenAbschied eingekommen find."

Und Sie achte» diese Gründe so wenig, daß Sie mein Gesuch nicht befürworte» wollen?" fragte Wagner gespannt.

So hätte» Sir nicht fragen sollen," entgeg­nete der Inspektor,denn ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben. Aber," fuhr er fort,ich hatte eS für thöricht Ihrerseits, wegen dieser Sachen den Dienst zu quittiren. Zudem könne« wir pflichttreue, erprobte Beamte, die uns sehr noth tbu», auch bann nicht entbehren, wenn sie stch zufällig in ein Mädchen verlieben, dessen Vater ein Schmuggler war und dessen Bruder, dem Befehl diese« Vaters gehorchend, ebenfalls ein paar mal mit Kvnttebande die Grenze pzsfirte. In solchen Fällen thut der betreffende Beamte gut daran, seinen Vorgesetzten i«S Vertrauen zu ziehe», der ihm bann m der Regel eine Ver­setzung nach einem entfernten Lanbestheile be« fergt, wo et sich mit seiner Frau ungestört niederlaffe» kann, unb wo kein Hahn nach btt Schmugglergeschichte des Schwiegervaters kräht."

Sie würden mir also hn Ernste vorschlage», mein Abschiedsgesuch in ein Versetzung-gesuch umzuwaudeln?" lautete Karls weitere Frage.

Nut um Ihne» diese Möglichkeit zu laffe», habe ich Ihr Gesuch als vorläufig nicht existirend behandelt," war die Antwort.

Der 'DäLer Schuld.

Original-Roman von Fr. Sollet.

Bl ------(Nachdruck verboten.)

Schon einige Tage vorher hatte mm. an Karl geschrieben, der fich den nächste» Brief nach Münster erbeten hatte, und ihm die Ankunft rnttgetheilt. Auch er war jetzt entlaffen und mig seit einigen Tagen den Zivil rnzuz. Zunächst rief eS feine Verwunderung hervor, daß fein Abschiedsgesuch, das doch schon Ende des vorigen Monats eingereicht war, »och keiaerlei Folge» gezeitigt hatte.

Da er Über den Stand seiner Angelegenheit Gewißheit haben wollte, so begab er fich eines TageS zum Steueramt und ließ fich bei seinem Vorgesetzten melden.

Aha, da ist ja auch unser wackerer Kanonier wieder!" begrüßte ihn dieser recht kordial.Ich kann mir schon denken, was Sie hertreibt," schnitt er eine Erklärung Wagners ab,Sie wollen Auskunft über Ihr Abschiedsgesuch haben. Ja, sehen Tie, da liegt eS noch, genau so, wie ich eS hingelegt habe, als ich eS zum ersten Mal gelesen." Dabei nahm er daS betreffende Schrift- stück aus einer Lade seines Schreibtisches, vor dem er saß und neben dem Karl Wagner Platz genommen.

Mein lieber Herr Oberkonttolleur, ich muß Ihnen ein für allemal erklären, daß ich das Ge­such nicht befürworte» kann und alles daran setze« werde, daß eS abgelehnt wird," beendete der Beamte seine Erklärung, lehnte fich dann,

Die Niederlage der belgischen Revolutionäre.

Die belgische Revolution hat ein rasches Ende gefunden. Die Sozialdemokratie hat eine ganz durchschlagende Niederlage erlitten; sie hat fich in Demuth vor der klugen und entschlossenen Hal­tung der belgische« Regieru«g beugen müssen so ruft eine Kundgebung der belgischen sozialdemo­kratischen Partei vom letzte» Sonntage daS Ende des Ausstandes aus. Diese Kundgebung sagt zwar: Der Kamps dauere fort. Aber das ist nichts weiter als eine schwächliche Ausrede, ein jammer­voller Versuch, die Thatsache der erlittene» Nieder­lage ein wenig zu beschönigen. Der König der Belgier denkt nicht daran, ganz ohne Noth in den Streit der Parteien fich zu mischen; es war ein mehr als naives Verlangen von seinen grund­sätzlichen Feinden, de« Sozialdemokraten, er möge nach ihrem Wunsche für ste, feine unterlegenen Feinde, unb gegen die siegreiche Regierung ein« treten, bie in so glücklicher unb erfolgreicher Weise den Monarchen unb feine Autorität gegen be» Ansturm der sozialdemokratischen und radikale» Unterwühlung schützte. Den Arbeiter» aber hat die Sozialdemokratie wiederum be» benlbar schlech­testen Dienst geleistet. Mit erstaunlichem Leicht- sinne würbe bie Arbeiterschaft zum Eintreten in den Ausstanb aufgeforbert. ES würben ihr herbe Verluste zugefügt, ste würbe in eine häßliche Er- bitterung hineingetrieben, in blutige Straßenkämpfe verwickelt, theilweise mit ihren Arbeitgebern ent­zweit unb dar Alles um nichts und wieder nichts. Den 20,000 Revolvern, welche die Macher der belgischen Sozialdemokratie den Arbeitern in die Hände gedrückt haben, setzte die Regierung die Gewehre und Bajonette der geschulten Militär- macht entgegen, wie ste es ja auch gar nichi an­ders konnte und wie es die Pflicht einer jede« Regierung in einem geordneten Staatswesen ist. Run habe» diese Macher der belgischen sozial­demokratischen Ausruhr-Bewegung nicht de» ge­ringste» Vorwand, in erfolgreicher Weise der Re­gierung eine Schuld an den letzte» Ereignissen zu­schiebe» zu könne». DaS gegenwärtige belgische Wahlrecht ist kaum erst eingeführt worden in theilweiser ausdrücklicher Uebereixftimmung mit denjenigen, die sich jetzt auf einmal an die Spitze der Bewegung für das allgemeine Wahlrecht stell­ten; wie kann es im Ernste einer Regierung ver­dacht werde», daß sie nicht sofort bereitwilligst auf die neu gewünschte VerfaffungS - Aenderung einging?

Die Sozialdemokratie machte den Angriff. Die Regierung vrrtheidigte stch. Die Sozial­demokratie hetzte zum Aufruhr eine That­sache, bie trotz ber scheinbaren Ermahnungen ihres AnsührerS Vanberoelde nicht Hinweg­zuleugnen ist. Der eine Führer spielte ben Friedlichen. Die anderen Obergenossen aber hetzten im stillen desto kräftiger und leidenschaft­licher. Die Regierung mußte diesen Angriff abwehren, und sie mußte dem bewaffneten An-

glasweise, nicht in Flaschen oder anderweitige» Behälter« verkauft werden. Weitere Einschränkung zu befehlen, bleibt den Vorgesetzten Überlaffen."

V Merkt«, 21. April 1902. Der Reifer hat der ® enetalobetin, Schwester Bonaventura vom Mutterhause der Elisabethertnnen in Aachen zu deren SOjährigeu Ordensjubiläum durch den RegierungS- prästdeuten v. Hartmann seine besten Glückwünsche dar­bringen kaffen. Gleichzeitig wurden der Jubilarin alS Beschenk des Kaisers dieBier Bücher ThomaS von Kempen von der Nachfolge Christi" in Prachtband über­reicht. Der Kaiser hat besohlen, daß zum 24. dS. Mts. anläßlich des Rezierungsjubtläums des Groß­herzogs von Baden eine Abordnung des ersten EeebataillonS nach Karlsruhe geht. Fürst Anton Radziwill, General der Artillerie und General­adjutant, feierte gestern sein »VjährigeS mili­tärisches Dienstjubiläum. Sem Kaiser erhielt er ein in sehr huldvollen Worten abgefoßteS Glück­wunschtelegramm. Heute Abend findet bei dem Offizierkorps des 1. Gardefeldartillerie-Regiment» zu Ehren des Fürsten ein Jubiläamsfestmahl statt, an dem auch der Kaiser theilnehmen wird, wie er das in seinem Telegramm ausgesprochen hat. Im amtlichen Justiz- Ministerialblatt werden die Richter -und EtaatS- anwaltSstellen namhaft gemacht, die durch die Be­setzung der im EtaatshaushaltSetats für 1902 an- gesetzten reuen Stellen vorausfichtlich zur Erledigung kommen werden. Es find die» eine Stelle eine» KammergerichtSraths, eine Landgerichtsdirettorstelle, 7 Landrichterstellen, Amtsrichterstellen bei 29 Amtsgerichten, sowie die Wellen von 3 Ersten Staatsanwälten und 2 Staatsanwälten. Man schreibt dem,Hann. Rom/: Für jüngere Juristen find gegenwärtig recht günstige Aussichten zum Eintritt in das Marinejustiz­personal. Wir hören, daß eine erhebliche Bermehruna desselben auch weiter in Ausficht steht. Der Central- veretn für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschifffahrt hält am 2. Mai im Architekten­hause eine Sitzung de» großen Ausschuffe» ab, auf deren Tagesordnung außer geschäftlichen Angelegen­heiten ein Bortrag deS Assessors Seibt-Berlin über die verkehrSwirthschaftliche Bedeutung der Wafferstraße« steht.

* Kera, 21. April 1902. AIS erstes Bei- leib8telegramm an bie Familie beS verstorbenen Fürste» ist ei« Telegramm bei Kaisers Wilhelm eingegange«. Der Verstorbene hat 43 Jahre regiert, zunächst alS 13 jähriger unter ber Vor­mundschaft seiner Mutter. Mit ihm ist in Reuß ä. 8. ber letzte Herrscher ber Linie Reuß ä. L. dahingeschieben. Er hinterläßt fünf unser- mähtte Töchter vo» 11 bis 21 Jahren unb eine» 24jährige» Sohn, der als unheilbar geistes­krank regierung« unfähig ist. ES muß eine Regentschaft eingesetzt werben, bie nach be« bestehe«ben HauSgesetze« bem Fürsten Heinrich XIV. do» Reuß j. L. zufallen dürfte. Da btefer in feinem eigenen Fürstentum bie Regie­rung nicht selbst ausübt, sondern mit der Regie­rung des FürsteuthumS ber Erbprinz Heinrich XXVIL beauftragt ist, wirb vermuthlich dieser auch bie Regentschaft im Fürstentum Reuß &. L. übernehme». Anderseits gilt eS nicht völlig als ausgeschlossen, baß zwischen ben reuß,scheu Linien ein Prioatadkommen zu Stanbe gekommen fein kann, wonach Fürst Reuß-Köstritz bie Statthalterschaft ausführen würde. Der Ver­storbene, Fürst Heinrich XXII. litt an einem Nierenleiben, zu bem gegen Ende vorigen Jahre- hochgradige Nervosität hinzutrat. Im Oktober begab fich ber Fürst nach Egypten und von dort nach Südtirol, von wo er in diese» Tagen nach Greiz zurückgebracht wurde, um in seinem Lande zu sterbe«. Am Sonntag ist ber Sohn de- verstorbenen Fürsten, Erbprinz Heinrich XXIV.,

Wagner mochte zwar noch nicht ganz von be» Gründen seines Vorgesetzten überzeugt fein, aber fein Wille, aus bem Steuerbienfi zu scheiden, hatte einen mächtigen Stoß erlitten unb e- war mehr bie Flucht vor einer bestimmte» Zu­sage, al» ein sonstiger Grund, wo- ihn aufzu­brechen bewog.

Ich erwarte morgen meine Brattt unb anbere mir Nahestehenbe," sagte er, fich erhebend,ge­statten Sie mir, erst mit diesen Rücksprache zu nehmen und Ihne« bann meine bestimmte Er­klärung abzugebe«."

Gewiß, mein Lieber," gab ber Inspektor zu, Ihr Urlaub ist zur Zeit durch die Mobilmachung unterbrochen worben, er gilt also selbstoerstänb« lich als weiter bestehend, wie bereits entschiebe» worden ist. Sie haben also Muße genug, Ihre Entschließungen zu fasse», die hoffentlich in meinem Sinne auSsalle« werden."

Mit diesen Worten hatte er Karl bis zur Thüre geleitet, wo er ihn mit herzlichem Hände­druck verabschiedete.

9. Kapitel. Schuld und Sühne.

ES ruht die Welt in Schweige«, Ihr Tose» ist vorbei Stumm ihrer Freude Reigen Unb stumm ihr Schmerzensschrei Hat Rosen fie geschenket. Hat Dornen fie gebracht, Wirf ab Herz, «aS Dich kränket Und was Dich bange macht.

Gottfried Kinkel.

Wie Karl erwartet hatte, trafen am nächste» Morgen Bernard uno bie beide» Mädchen mit ber Bahn ei». Wenn auch eine ungetrübt« Freud«, wie fie eigentlich ein solche- Wieder»

Deutsches Reich