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3. ii Seite. mit Antertzaltungs-Beilage „Illugrirte Sonntags-Zeitung" z:”*“'“
42 89 Jufüa, Samstag, den 19. April 1902. 29. Jahrgang.
Zweites Wlatt
worden zu sein. Jedenfalls aber muß d.r Mord als em Ausfluß politischer Beweggründe, nicht nur als eine persönliche Handlung der Rache angesehen werden.
Furchtbare Ereignisse haben sich in Belgien abgespielt. Die Wahlrechtsbewegung ist in volle Revolution »usgeartet, angezettelt von den Führern der Sozialdemokratie, obwohl diese wiederholt versicherten, sie hätten das nicht gewollt, was geschah. Es kann ja sein, daß die Ereignisse ihnen wirklich über den Kopf gewachsen sind. Aber man weiß ja, wie es in Belgien unter solchen Verhältnissen zugeht; und die Verantwortung für die blutigen Auftritte in der Hauptstadt Brüssel und sonst im belgischen Lande fällt den Häuptern der Sozialdemokratie zu, Mögen sie dagegen sagen, was sie wollen. Sind doch auch durch die Verwaltung des leitenden Sozialdemokratenblattes in Brüssel Revolver zu vielen Tausenden unter die Massen vertheilt worden! In Brüssel ist es zu regelrechten Straßenschlachten gekommen. In den Straßen wurden Barrikaden erbaut; die Straßenbeleuchtung wurde zerstört, und Stunden lang hat mitunter der erbitterte Kampf gewährt zwischen den Aufrührern auf der einen und der Bürgergarde und der Polizei auf der andern Seite. Viele schwer verwundete Leute wurden in die Krankenhäuser ver» bracht; und auch an Tobten hat es auf beiden Seiten nicht gefehlt. Die Liberalen und Fortschrittler hatten bekanntlich in der Wahlrechtsfrage mit den Sozialdemokraten gemeinsame Sache gemacht, und zu spät erkannt, wozu sie eigentlich die Hand geboten hatten. Aber nun haben sie sich vollkommen von der Sozialdemokratie losgesagt und fordern von der Regierung sogar Schließung des Parlamentes, ohne in diesem noch das Wahlrecht zu berathen. Im ganzen Lande und bei allen Parteien, ausgenommen eben die Sozialdemokratie, ist man darin einig, daß volle Strenge gegen die Revolution angewandt werden muß. Die bewaffnete Macht ist durch die Einberufung von Reserven erheblich verstärkt worden, und somit darf man wohl hoffen, daß es in absehbarer Zeit gelingen werde, wieder äußere Ruhe und Ordnung im Lande Belgien zu schaffen. Durch einen
Die russischen Nihilisten sind wieder in voller Aufruhrbewegung. Auf die zwei mißglückten Mordversuche gegen Herrn Trepow, den Oberpolizeimeister von Moskau, ist ein blutiger M o r d a n - schlag gegen den Minister des Innern Ssip- jägin gefolgt, der leider nur zu gut gelungen ist. Minister Ssipjägin hat gerade das Reichsrathsgebäude in Petersburg betreten, um zu einer Sitzung des Staatsministeriums zu gehen. Da näherte sich ihm ein Mann in Offiziersuniform mit dem Bemerken, er
i und als Student der Universität in Kij -o bei den Studentenunruhen dort im Vorjahre gemaßregelt
Ausstand von sehr bedeutendem Umfange find Zehntausende von Arbeitern ohne Arbeit und vermehren das Volk auf der Straße!
Friedensklänge ertönen aber wiedereinmal aus Südafrika; und fast sieht es so aus, als handele es sich diesmal um wirklich ernsthafte Verhandlungen in der Transvaalhauptstadt Pretoria. Die Engländer sind dort vertreten durch den britischen OberbesehlShaber Lord Kitchener und den Gouverneur der Kapkolonie M,lner; und Dienstag ist dem Londoner Ministerium ein Drahtbericht aus Südafrika zugegangen, der „errnuthigenv" über die FriedenSaussichten aussagen soll. Die Stimmung in London ist wirklich umgeschlagen. Die Staatskasse hat einen Fehlbetrag von mehr als neunhundert Millionen Mark, und die Herren Minister reden im Parlamente nicht mehr von den Baren als „Räubern und Mördern", sondern von „ehrenwerthen und tapferen Leuten". Die Bedingungen, die die Buren stellen, find noch nicht anerkannt. Jedenfalls ist nicht anzunehmen, daß fie ihre Unabhängigkeit voll-
Pfälzer Eisenbahnen. Gewisse Schwärmer möchten gern diese Bahnen nach dem Ablaufe ihrer Konzessionen auf das Reich übergehen sehen. Natürlich denkt Bayern gar nicht daran, diesen Schwärmereien nachzugeben: die Pfälzer Eisenbahnen werden i. I. 1905, wie Minister Graf Crailsheim auseinandersetzte, vom bayerischen Staate übernommen werden. „Wir wollen aber — sagte der Minister wörtlich — bei dem Erwerbe der Pfälzer Bahnen für den Staat kein Geschäft machen, sondern betrachten ihn nur als eine Maßnahme im wirthschaftlichen Interesse der Pfalz".
Die langwierigen AnSeinandersetzungen innerhalb des katholischen Lehrervereins in Württemberg haben nunmehr dadurch ihren Abschluß gefunden, daß der Ausschuß beschlossen hat, seinen Rücktritt zu erklären. Der Sinn dieses Beschlusses ist der, daß die konservative Richtung unter den katholischen Lehrern Württemberg- den Sieg errungen hat
Der „herzoglich sächsische Hof-Sozialdemokrat", nämlich der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bock, erster Vizepräsident des Landtages von Gotha, hat in einer öffentlichen Versammlung zu Koburg dem gegenwärtigen Ministerium des Herzogthums fein „volles Vertrauen" ausgesprochen. Da kann man Herrn Staatsminister Hentig ja gratuliren!
Bon verschiedenen Seiten war die Behauptung ausgestellt worden, daß bei den Ministerzusammenkünften auch die Handelspolitik eine hervorragende Rolle gespielt habe, daß auch darüber ganz bestimmte Verabredungen getroffen worden seien. Die Ver- muthung lag natürlich sehr nahe, und gesprochen ist sicherlich auch worden von der Erneuerung ber Handelsverträge. Nun aber ist in mehreren halbamtlichen r „ ., . .
Kundgebungen sehr entschieden der Annahme wider- D“e 'hm em Schriftstück im Auftrage des Großsprochen worden, daß Graf Bülow bereits irgend- surften Sergius überreichen. Der Minister griff welche bestimmte Zusage gemacht habe. Man nimmt' angeblichen Schriftstück des Großfürsten,
aber nach diesen Versicherungen in Italien und in “nb babet feuerte der Mörder kurz hinter einander Oesterreich-Ungarn übereinstimmend an, daß auf der $nJ Revolderschüsse gegen Ssipjägin aus allernächster Grundlage des deutschen Zolltarifentwurfes der Ab- Nähe ab. Dieser brach, tödtlich getroffen, zusammen, schluß neuer Handelsverträge erfolgen kann. Nun, s ßr wurde in das nahe gelegene Maximilianowski- anch daran hat im Ernste Niemand bei uns in Deutsch- gebracht und verstarb dort nach etwa einer
land gezweifelt, wenn auch unsere Händler- und Frei- i Stunde. Der Mörder war vorher in einer ele- handelspresse sich den Anschein der entgegengesetzten s «anlen Equipage vor dem Reichsrathsgebände vorge- Anficht zu geben suchte. Und die Handelsverträge ' fahre». Er hat angegeben, Balschauei i zu heißen werden auch bann noch ebenso leicht abzuschließen "" *a — e- -
fein, wenn der Reichstag einige nothwendige Veränderungen an diesem Zolltarifentwurfe vorgenommen haben wird.
Wocherr-Rrmdscharr.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 19. April 1902.
Die Reise des Reichskanzlers Grafen Bülow von Oberitalien zurück nach Berlin ging über Wien, wo man dem Kanzler des befreundeten Reiches einen glänzenden Empfang bereitet hat. Bei dem Kaiser Franz Joseph hatte Graf Bülow eine Audienz, die länger als eine Stunde gewährt hat; und alle Aeuße- tungen Wiener Blätter über diesen Besuch des deutschen Reichskanzlers und seine Wirkungen lauteten sehr befriedigt. Daß es bei den Ministerunterredungen in erster Reihe um die Erneuerung des Dreibundes sich handelte, wußte man ja schon aus den Darlegungen der römischen Regierungsoigane nach der Zusammenkunft zwischen dem Grafen Bülow und dem italienischen Minister Prinetti. Nach den Tagen in Wien ist von augenscheinlich unterrichteter Seite als der Haupterfolg dieser Tage die Gewißheit bezeichnet worden, daß der Dreibund erneuert würde. Es hat auch schon vorher schwerlich Jemand im Ernste daran gezweifelt.
Die Zolltarif-Kommission des Reichstages' hat ihre Arbeiten um ein gutes Stück gefördert. Vor i allen Dingen hat eine sehr starke Mehrheit der Kommission wichtige Beschlüsse über die Zölle für Vieh, I Fleisch und Erzeugnisse aus Fleisch gefaßt, die der deutschen Erzeugung einen wirksamem Schutz sicheren, ; als dies mit den Sätzen des Tarifentwurfes des Bundesrathes möglich sein würde. Staatssekretär Graf Posadowsky, soeben von seiner Rundreise durch Süddeutschland zurückgekehrt, hat zwar im Verein mit mehreren anderen Herren vom Bundes- rathe von neuem versichert, daß es ganz unmöglich sei, mit solchen Zollsätzen neue Handelsverträge abzuschließen ; aber er hat sich wohl gehütet, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Er hat vielmehr die Hoffnung ausgesprochen, daß in der zweiten Lesung der Vorlage in der Kommission etwas Brauchbares zu Stande kommen werde. In einem Sinne hat der Staatssekretär ganz recht: Ein endgiltiges Urtheil kann Niemand über einzelne Zollsätze abgeben, bevor nicht der ganze Tarifenlwurf fertig vorliegt und somit eine vollständige lieber ficht über das ganze Zoll- gebäude ermöglicht. Sollte aber Gras Posadowsky damit haben sagen wollen, er hoffe auf die Bekehrung der Kommissionsmehrheit zu den Tarifsätzen des Bundesrathes, so würde er damit einen vollkommen unmöglichen Wunsch ausgesprochen haben: An die unveränderte Annahme des Regierungsentwurfes ist nach wie vor gar nicht zu denken!
Der Reichstag ist feit Dienstag wieder versammelt und hat von neuem die schwierige Arbeit der Seemannsordnung begonnen — schwierig, ober wenigstens langwierig gemacht durch die massenhaft eingebrachten, wenn auch meist von Anbeginn an vollkommen unmöglichen Anträgen der Sozialdemokratie. Es ist dadurch von neuem fraglich geworden, ob dieses Gesetz vor der erneuten Vertagung des Reichstages zu verabschieden sein werde.
Das preußische Abgeordnetenhaus ist seit dem Wiederbeginn seiner Verhandlungen mit dem Eisenbahnetat beschäftigt. Diese Berathung fördert alljährlich ungezählte örtliche Wünsche und Beschwerden ans Tageslicht, und so auch diesmal. Es wurden bereits wieder Abendsitzungen nothwendig zur rechtzeitigen Bewältigung dieses Beralhuugsstoffes. Ganz besonders rührig in der Vertretung ihrer provinziellen Interessen zeigten sich diesmal die Schlesier aller Parteien, namentlich aber die schlesischen Centrumsabgeordneten. Die Provinz Schlesien liefert für die Staatsbahnen sehr reiche Einnahmen, wird aber stiefmütterlicher behandelt, als alle anderen preußischen Provinzen in der Befriedigung seiner Verkehrsbedürf- «isse, so daß dieses besondere Hervortreten der Schlesier diesmal berechtigt und nothwendig ist.
Die Berliner Bürgermeistersrage ist nun-' «ehr in eine neue Entwiekelvngsstufe eingetreten: Stadtrath Kaufsmann, von den Stadtverordneten zweimal zum zweiten Bürgermeister gewählt, hat end- giltig auf das Amt verzichtet. Die Stadtverordneten müssen jetzt also zur Neuwahl schreiten.
Eine interessante Auseinandersetzung gab es in der bayerischen Abgeordnetenkammer über die
kommen aufingeben bereit sind, wie die Engländer bisher stets gefordert haben.
Zur Deckung des Fehlbetrages in der Staatskasse ist in England ein Zoll für (betreibe und Mehl eingeführt worden. Aber Niemand redet dort von „Brodwucher" und dergleichen mehr!
Unpolitische Zeitläuse.
(Nachdruck verdate».)
® Berlin, 17. April 1902.
Eine 62jährige Frau, die nach dem ererbten ' Rezept eine« Hingerichteten Verbrecher« sich mit der Heilung. von Wadenkrämpfen, Kovfschinnen 1 und Gicht befaßte, wurde hier wegen „Betruges" angeklagt. Ihre „Kur", die au« lächerlichen „Sympathiemitteln" und einer harmlosen Salbe bestand, ließ sie sich mit 50 Pfg. bis l1/» Mark bezahlen. Der Gerichtshof mußte die Kurpfuscherin freisprechen, weil ihr nicht nachzuweisen war, daß sie bewußterweise ihre Kunden getäuscht habe, i Uebrigen« führte sie mehrere „Zeijen" vor, die beschworen, daß ihnen die „Kur" geholfen habe; ein Mann ist B. von der Gicht dadurch geheilt worden, daß er die sechs Kastanien, die ihm die Angeklagte gegeben, 4 Wochen lang Tag und Nacht bei sich trug.
Sehr schön, wenn Polizei und Staatranwalt gegen Kurpfuscher, Wahrsagerinnen und ähnliche Schwindler zu Felde zieht. Aber hier gilt der Spruch: „Greif' niemals in ein Wespennest, doch wenn Du greifst, so greife fest." Freisprüche sind schlimmer, als gar keine Anklage. Diese« alte Mütterchen mit dem Scharfrichter-Rezept war nicht berufen zum „abschreckenden Exempel". Sie berechnet ihr Honorar in Pfennigen; er gibt Kurpfuscher genug, die außer den Goldstücken höchsten« noch harte Thaler kennen und ihre Kunden so scharf al^ möglich schröpfen. Die Alte behandelte ungefährliche Krankheiten mit unschädlichen Mitteln, konnte also te'n großes Unheil anrichten; man sollte lieber oft die Pfuscher vor Gericht schleppen, die bei schwe en Verletzungen oder gefährlichen inneren Krankheiten mit täppischer Hand die Sache verschlimmern ober wenigsten« die rechtzeitige Hilfe de« wirk tdben Arzte« hintanstellen.
Wenn auch hie Polizei neuerdings gegen die spiritistischen „M bien" und gegen die gewerbsmäßigen „Gesundbiter" kräftig vorgegangen ist, so bleibt doch auf diesem Schwindelgebiete noch furchtbar viel zu thu«. Die moderne Welt ist bei all' ihrer „Aufgeklärtheit" so abergläubisch, daß die Spekulation auf den Aberglauben sich vorzüglich lohnt und deshalb in allen möglichen Arten und Formen versucht wird. Die Anziehungskraft der Kurpfuscher beiderlei Geschlechts beruht im Grunde auch auf dem Aberglauben; die Leute werden zunächst ungläubig in Hinsicht auf die wissenschaftliche Htilkunst und füllen dann die Lücke durch den Aberglauben, daß irgend e’n Mensch, der nicht« gelernt hat, Wunderdinge an ihnen vollbringen könne. E« gibt unter den klugen Frauen und sonstigen Kurpfuschern beschränkte Leute, die ebenso dumm und verblendet sind, wie ihre Kunden, und an den Hokuspoku« selbst glauben; aber die große Mehrzahl der Pfuscher lacht sich in'« Fäustchen über die Leichtgläubigkeit ihrer Opfer. Vor Gericht spiegeln sie Alle die ehrlichste lieber» zeugung vor, und unsere Richter sind im Allge- nteinett bei solchen Betrugsprozessen viel vorsichtiger, al« bei Preßprozeffen ober sonstigen politischen Anklagen. Bi« ans'« Aeußerste wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß der Kurpfuscher doch wohl selbst an die Heilkraft seiner tollen Mittel geglaubt haben könme. Darum meine ich, die Polizei sollte nicht bei den alten Weibern anfangen, die in ihrer Dummheit Mitleid erregen, sondern bei den „feinem* Schwindlern, denen auch bet mildeste Richter soviel Urtherlskraft zu- schreiben muß, daß sie ihren eignen Schwindel durchschauen.
Sehr schwierig und oft wenig glücklich ist auch da« Borgehen gegen die Verfälscher von Nahrungsmitteln. Für die aller- schlimmste Sorte unter diesen Betrügern hatte ich die Milchoerfälscher, die am jüngsten Gericht oermuthlich neben den Kindesmördern ihren Plotz finden werden. In Berlin leben wir nun in einem mehrfachen „Milchkrieg". Einerseits kämpfen die Milchbauern in ihrer ge- noffenschaftlichen Milchzentrale gegen dis Berliner Milchhändler um einen höheren Preis, und andererseits kämpft die Polizei gegen die Ent- rahmung und Verwäfferung der Handelsmilch. Z»m 1. April hatte die Polizei eine neue Verordnung fit den Milchverkauf erlassen, die sonderbarer Weise an Stelle der Vollmilch (b. h. der reinen Milch, wie fie von der Kuh kommt) den Begriff „Marktmilch" setzte, d. h. die Verschneidung der Vollmilch durch abgerahmte Milch zulaffen wollte, soweit nur ein Fettgehalt von 2,7 Prozent gewahrt bliebe. Die Anforderungen an Gehalt sollten also herabgesetzt werden. Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens sagt die Polizei,
daß bisher die angebliche „Vollmilch" bei den entnommenen Proben sich in schrecklich vielen Fällen als verdünnt erwiesen habe. Die Händler erhoben dagegen Einspruch und die Frage, warum denn die Polizei nicht die massenhaften Fälschungen, die sie entdeckt haben wollte, vor das Gericht gebracht habe.
Nun hat gestern eine Gerichtsverhandlung wegen Milchverfälschung stattgefunden. DiS Ende war Freisprechung. Der angeklagte Milch- Händler focht nämlich mit Erfolg die Unter- suchungsmethode des neuen Polizeichemik rs Dr. Juckenack an. Dieser Chemiker macht die Probe anders, wie fein Vorgänger Dr. Bischoff Der Angeklagte führte an, daß Dr. Juckenack schon einmal vorher sich bei ihm geirrt habe, indem er einen Milchvorrath beanstandet und zur Vernichtung gebracht habe, von dem eine amtlich versiegelte Gegenprobe bei der Untersuchung durch einen anderen gerichtlichen Sachverständigen einen Fettgehalt von 3,89 Prozent ergeben habe. (Letzterer Fettgehalt ist allerdings so ungewöhnlich hoch, daß er Verwunderung erregen muß ) Der Gerichtschemiker Dr. Rich trat gestern unter Berufung auf feine eigenen Studien und die Forschungen des städtischen Chemikers von Frankfurt e. M. der Methode des Dr. Juckenack entgegen. Bei diesem Zwist der Sachverständigen unter einander konnte natürlich das Gericht den Schuldbeweis nicht für geführt erachten. Es kam hinzu, daß auch die übliche polizeiliche „Milchprobe* in diesem Falle versagt hatte; , beide Sachverständige erklärten, daß die Abweichung vom vorschriftsmäßigen Fettgehalt durch Anwendung deS MilchprobenS nicht hätte festgestellt werden können.
Ich freue mich, daß ich nicht mehr kleine Kinder mit Berliner Milch aufzufüttern habe. Wenn die amtlichen Sachverständigen sich noch nicht einmal klar find über die richtige Methode zur Bestimmung des Fettgehaltes, dann schwebt ja die ganze Kontrolle über dieses wichtigste Nahrungsmittel in der Luft. Die Milchprobe versagt, die chemische Untersuchung bleibt strittig, die Polizei fällt vor Gericht durch — da haben die Fälscher freies Feld.
Was ist denn daS für eine Nahrungsmittel- chemie? Wein, Bier, und waS sonst d.e ausgepichten Mägen der Erwachsenen genießen, kann man ruhig in der zweiten Reihe stehen lassen; zu allererst und nochmals zuerst muß doch die Milch in die chemische Obhut genommen werden, weil von der Beschaffenheit der Milch Leben und Tod unzähliger Kinder abhängt. Und nach all den Lobgesängen auf die Kulturfortschrilte im 19. Jahrhundert haben wir noch nicht einmal einen zuverlässigen Milchprober, ja noch nicht einmal ein einwandfreies Prüfungsoerfahren in dem chemischen Laboratorium!
Also einerseits der Mangel an Kontrollmitteln, andererseits die Freigabe von Milchner- schneidung bis zu 2,7 Prozent Fett herunter! Bei der polizeilich eingesührten „Marktmilch* bleibt der bescheidene Fettgehalt der einzige Maßstab für die Milch, und dieser Maßstab versagt auch noch in der Praxis.
Zum Glück fteint die „Mnrktmilch".Verordnung nicht zur Durchführung zu kommen, da weder die Händler noch das Publikum auf die „Marktmilch* anbeißen wollen. Wir hatten die sonderbare Erscheinung, daß die Polizei alsbald nach dem Inkrafttreten der neuen Polizeimr. orbnung eine „Erklärung* erlassen mußte, die den Kernpunkt der Verordnung wieder ausbohrte. Die Entwicklung der Dinge war kurz folgendermaßen: Früher wurde hier die gewöhnliche Milch (abgesehen von den besondern Qualitäten der Sanitätsmilch, Kindermilch in Flasch-n ec.) aus dreierlei Bottichen verkauft, als Magermilch, Halbmilch und Vollmilch. Das Zwitterding „Halbmilch" war von Anfang an die Quelle von Aergerniffen. Es war überflüssig, da sich jedermann durch Mischung von Magermilch und Voltmrlch selbst eine Halbheit Herstellen kann, und sie war gefährlich, da der Betrüger die verdünn tr Milch vor der Polizei als Halbmilch aus- geben und doch den Kunden als Vollmilch auf- hängen konnte. Dem Verein der Berliner Milchhändler muß man es anrechnen, daß er schon feit Jahren gegen die „Halbmilch* gekämpft hatte; et wollte nur Vollmilch und Magermilch gugelaffen wissen. Die Polizei aber sträubt» sich dagegen, da fie meinte, eS käme doch verschnittene Milch in den Handel und eS müsse also eine besondere Klaffe dafür vorhanden fein. AlS nun unter der Einwirkung deS „Milchkampfes* die Umgestaltung der Verordnung in Fluß kam, wurde leider nicht einfach die Halbmilch herausgeworfen, sondern für Vollmilch und Halbmilch zusammen eine Art Drei- viertelmilch unter dem Titel „Marktmilch* ein- geführt. Fortan sollten die Verkaufsgefäße der Händler entweder die Aufschrift „Marktmilch* oder „Magermilch* tragen. Wo blieb dann die