mit Ilnterhattungs-Aeilage „Illuürirte Sonntags-Zeitung"
M 77.
JuLöa, Samstag, den 5. April 1902.
Mochrrr-Rrmdscharr.
. (Nachdruck verboten.)
X Fulda, 5. April 1902.
Der Osterglocken Fe'erklang ist verhallt. Allge- mach hat die christliche Welt ihr Festtagskleid wieder ausgezogen; aber erst ganz allmählich regt sich das politische Leben wieder. So sehr auch die moderne Zeit von dem christlichen Gedanken sich abgewandt hat, so übt die Osterzeit doch noch immer einen mächtigen Einfluß au» auf das Weltgetriebe: In der Zeit des Osterfestes ebenso wie des Weihnachtsfcstes herrscht politische Stille.
Um so mehr trat in den Vordergrund eine Zusammenkunft des Reichskanzlers Grafen Bülow mit Herrn Prinetti, dem italienischen Minister des Auswärtigen, in Venedig. Reichskanzler Graf Bülow ist mit seiner Gattin und Schwiegermutter zur persönlichen Erholung »ach Oberitalien gereist, und er mag dieser Erholung nach einer Zeit angestrengtester Arbeit recht bedürftig gewesen sein. Es ist nichts destoweniger zweifellos, daß dieser Ministerzusammenkunft eine hohe politische Bedeutung zukommt. Es hat sich dabei in erster Linie um die Erneuerung des Dreibundes gehandelt, wofür die Unterhandlungen schon seit längerer Zeit eingeleitet worden waren. Nach den übereinstimmenden Meldungen von ■ Regierungsorganen in Berlin, Wien und Rom sind diese Unterhandlungen durch die Ministerzusammenkunft in Venedig sebr gefördert worden. In Italien erhoben sich gegen Ende des Vorjahres Stimmen, die sehr geringschätzig über den Dreibund urtheilten. Minister Prinetti selbst, ein Sohn der Stadt Mailand, in der man im allgemeinen sehr franzosenfreundlich ist, war früher kein Anhänger des Dreibundes; und Graf Bülow mag bei der zweiten Berathung des Etats im Reichstage wohl mit vollbewußter Absicht den Ausdruck gebraucht haben: daß wir heute den Dreibund nicht mehr so nöthig brauchen, wie in früheren Jahren. Das war für die Italiener eine sehr gute Erinnerung daran, daß bei dem Bundes- verhältnisie Deutschland mehr der gebende, Italien aber unter den drei Bundesmächten diejenige ist, der am meisten die Rolle desien zufällt, der nimmt und empfängt; und diese Erinnerung hat augenscheinlich recht Vortheilhaft gewirkt. Seitdem sind die jmeisten Dreibundkritiker in Italien still geworden, und Herr Prinetti selbst gehört heute wahrscheinlich zu den besten Dreibundsfreunden unter der Sonne. Ein römisches Regierungsblatt die .Tribuna', hat einige Andeutungen darüber gegeben, um welche Punkte er sich vornehmlich bei den Ministerauseinandersetzungcn gehandelt hat: um die politischen Machtintereffen Italiens im Mittelmecrgebiete und um die italienische Anwartschaft auf Tripolis. Daß es eine solche Anwartschaft überhaupt noch erheben kann, verdankt eS dem deutschen Einflüsse. Ohne diesen Letzteren würde längst Frankreich seine Hand auf Tripolis gelegt haben. Jetzt braucht Italien ebenso nothwendig den Rückhalt des Dreibundes, um sich in seiner Stellung unter den Mittelmeermächten zu behaupten.
Trauernd stehen die deutschen Katholiken an dem Grabe eines Mannes, der sich unaussprechliche Verdienste um sie erworben hat: Am zweiten Osterfeier- taze ist Dr. Ernst Maria Lieber in das Jenseits abberufen worden. Noch hatte man ab und zu wieder Hoffnung geschöpft, den Centrumsführer mit seiner glänzenden und überaus schlagfertigen Beredtsamkeit von neuem die Führerrolle nicht nur im Centrum, sondern im Reichstage übernehmen zu sehen; aber während der letzten Monate war diese Hoffnung bereits recht schwach geworden, und nun hat der unerbittliche Tod ihr vollends den Garaus gemacht. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften Dr. Lieber'- war neben seiner außerordentlichen Rednergabe seine Unermüdlichkeit in der Verfolgung seiner Ziele und seine rastlose Thätigkeit im Dienste des CentrumS und der Kirche. Dr. Lieber scheute keine Mühe, keine noch so häufige und umständlichen Reisen, um sich selbst zu unterrichten über die Stimmungen im Volke, und die großartigen Erfolge über die unawsgesetzten Bemühungen blieben nicht aus. Das Centrum hat an Mandaten im Reichstage noch gewonnen und ist trotz aller großen Verschiedenartigkeit der Elemente, aus eenen es zusammengesetzt ist, einiger als je geworden während der Jahre, in denen Dr. Lieber an seiner Spitze stand. Und wie hoch der hl. Vater seine Verdienste um die Kirche schätzte, brachte er zum Ausdrucke durch die hohen Auszeichnungen, die er ihm verlieh. Dr. Lieber war i. I. 1838 in Cambcrg geboren. Dori lag sein Wahlkreis. Dort hat er nun auch, umgeben von seinen trauernden Angehörigen, den letzten Athemzug gethan. Dr. Lieber ist ein Mann der Geschichte geworden, und bei den Katholiken in Deutschland und weit über Deutschlands Grenze hinaus wird sein Name immerdar in ehrenvollem, in glänzendem Andenken gehalten werden. Er ruhe in Frieden!
Im preußischen Kultusministerium ist ein Katholik Ministerialdirektor geworden — unerhört, fürchterlich! Die Blätter des Evangelischen Bundes malen grausige Gespenster an die Wand: Die Schwarzen kommen und machen alles wieder „römisch", der neu ernannte Ministerialdirektor Förster gehört auch zur Prüfungskommission für höhere Verwaltungsbeamte und wird nun alle die- renigen Kandidaten durchsallen lassen, die nicht bekennen wollen, daß die Ehe ein Sakrament sei . . . und so etwas ist möglich im Anfänge des zwanzigsten
Jahrhundert in Berlin, 'das so gern die „Haupstadt der Intelligenz" sich nennen läßt! Dabei hat Heir Dr. Förster nicht einmal mit Kultussachen etwas zu thun; er ist vielmehr Leiter der Medizinalabtheilung geworden, die in Preußen bekanntlich noch immer dem Kultusministerium angehört. Das Bemerkenswerthe ist dabei nur, daß man seit 1871 geflissentlich keinen Katholiken in ein solches Amt beförderte, daß also Dr. Förster der erste katholische Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium ist seit der Aufhebung der katholischen Abtheilung desselben am 8. Juli 1871.
Ein neues Rundschreiben des heiligen Vaters ist erschienen, das das Datum desJosephs- tages, des 19. März trägt und den Eindruck eines Testamentes macht, das das Oberhaupt der Christenheit dieser hinterlaflen will. Es ist gerichtet an alle Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe des Erdkreises und betrachtet die Entwickelung, die Kämpfe und die Schicksale der heiligen Kirche, die aus allen Anfechtungen und feindlichen Anstürmen noch immer als Siegerin hervorgegangen und ist dadurch am besten und deutlichsten Zeugniß ablegt für ihren göttlichen Ursprung. Am eingehendsten beschäftigt sich dieses neue päpstliche Rundschreiben mit dem Atheismus unserer Tage, dem auch staatliche Gewalten huldigen, indem sie vergessen, daß gerade doch die Religion die Hauptgrundlage der Gerechtigkeit und der Ehrenhaftigkeit ist — eine Wahrheit die sogar schon die berühmten Weisen des alten Heidenthums erkannt habe«! Aber auch diese Wahrheit wird, wie so ost in der Welt, erst dann wieder zur Geltung und zum Durchbruche kommen, wenn diejenigen untergegangen sein werden, die sie verhöhnten!
Unmittelbar vor dem Osterfeste verschied in seiner Villa in Hannover Fürst Münster von Derneburg, ehedem deutscher Botschafter in London und zuletzt in Paris. Der verewigte Fürst war ein Sohn Hannovers und stand al» Diplomat in dem Dienste de» Königreiches Hannover bis zu dessen Einverleibung in Preußen. Nachher übte er bis 1873 parlamentarische Thätigkeit au» im Reichstage und im preußischen Herrenhause und von dem genannte« Jahre 1873 an stand er im Diplomatendienste des Deutschen Reiches, bi» er in dem hohe« Alter von 80 Jahren im Dezember 1900 ins Privatleben sich zurückzog. Der Verstorbene hat sich durch seine hervorragende diplomatische Thätigkeit hohe Verdienste um Deutschland erworben.
Gegenwärtig befindet sich Staatssekr-'ör Graf Posadowsky auf einer Rundreise in T utschland. Er besucht nacheinander die Residenzen Dresden, München, Stuttgart und Karlsruhe, und M es sich dabei um die Besprechung wichtiger politisch r Gegenstände handelt, kann man sich ohne weiterer denken. In den Zeitungen wird darüber hi« und her gerathe«: Man denkt an die anderweite Festsetzung der Getreidezölle, an die Verleihung vo« Diäte« an die Mitglieder de» Reichstages, an die Ordnung und Festigung der Reichtfinanzen, und ma« wird damit wohl ungefähr dn» Rechte getroffen haben. Zur Beurtheilung der gegenwärtigen politischen Lage ist von Interesse eine Rede des Centrum»abgeordneten Karl Trimborn in einer Kölner Versammlung. „Ich halte — so führte Justizrath Trimborn u. A. aus — eine Verständigung mit der Regierung über den Zolltarif für möglich. Dann müßte weiter die Kommissionsmehrhcit geschlossener arbeite«, al» bisher .. . auch das ist möglich. Und dann wäre die letzte und gefährlichste Klippe zu umsegeln, die Obstruktion. Auch deren Umsegelung halte ich nicht für uumöglich ..." Trotz alledem traut Abgeordneter Trimborn den Dingen nicht, die kommen werden und kommen können, und deshalb legte er seinen Wählern dringend die Mahnung an das Herz: „Seien Sie nicht müßig und lassen Sie Eines nicht aus den Augen: Rüsten Sie sich für einen Wahlkampf, der vielleicht ffrüher eintreten kann, als Mancher glaubt."
Ein neues schlimme» Anzeichen für die Gärung, die im russischen Volke wiederum sich eingenistet hat und je länger, desto ärger um sich greift, ist ei« Revolver-Attentat gegen den Polizeipräsidenten Trepow in Moskau. Der Polizeipräsident empfing in seinem Amtszimmer Bittsteller. Unter diesen befand sich ei«e Lehrerin Namen» Allart, und sie war es, die unversehens einen Revolver zog, um Trepow zu erschießen. Der Schuß versagte, und die Lehrerin wurde festgenommen. Lebhaft wird ma« durch diese That an die Ermordung des Stadthauptmanns vo« Petersburg durch die Nihilisten Vera Sassulitsch erinnert; auch jener hieß Trepow. Die vorliegenden Nachrichte» geben keine» Aufschluß darüber, ob eS sich bei diesem neuen Falle vielleicht um einen Sohn jenes ermordeten Petersburger Stadtkommandanten handelt; überhaupt schweigen sich diese Meldungen über die Beweggründe zu der That vollkommen aus.
Die Bewegung in der Hafenstadt Fiume, von der bereit» in der letzten Wochenschau berichtet wurde, ist «och nicht wieder zum Stillstände ge- gekommen. Aber in dem Schiffsverkehr sind ernstliche Störungen bisher nicht eingetreten. Die begonnenen Lusgleichsverhandlungen zwischen Unternehmern und Arbeitern werden bald zeigen, ob eS sich hier wirklich uur um Lohnbewegungen handelt.
In Bern ist am 1. April das neue Parlamentsgebäude feierlich eingeweiht worden durch den Bundesrath und die Bundesversammlung. Der Bau, deffen Ausführung die Zeit von acht Jahren in Anspruch genommen hat, kostet acht Millionen Franken.
Das französische Parlament ist endlich nach vollständiger Durchberathung und Annahme der Budgets geschloffen worden. Daß seine letzten Verhandlungen nur noch geringen politischen Werth
hatten, ist bereit» bekannt. Die Neuwahlen sind auf den 27. Juli anberaumt worden. Inzwischen wird c» wohl lebhaft in Frankreich hergehen.
Was im Burenlande nun vorgehen wird, weiß niemand. Dewet und Präsident Steijn sind spnrlos verschwunden, augenscheinlich zu dem Zwecke, um nicht erst mit ihrem LandSmanne Schalk Burger verhandeln zu müssen. Daß der Feldmarschall Lord Wolseley von König Eduard ausdrücklich al» Unterhändler nach Südafrika entsandt wurde, wird von niemand mehr bezweifelt. Aber mit wem svll er denn verhandeln?
O Sehnsucht nach Einheit.
Feinde bei EhrtstenthumS oder auch solche, denen der „Kampf gegen dar Römische" die Hauptsache zu sei« scheint, behaupten gern, nur di« Machtgelüste des Papstes erzeugten den Gedanken einer Wiedervereinigung aller Christen in einer einzigen und einheitlichen Organisation. Die Leugner alles ChristenthnmS kann man auch nicht mit dem Schrift «orte vom Gezrnthrll überzeugen: Und «r wird nur Line Heerde und Lin Hirt sein; denn st« legen auf Schriftworte keinen Werth. Aber beide, sowohl die Leute vom „Kampfe wider Rom", als auch die Feinde de» EhrtstenthumS überhaupt, werden es als Widerlegung jmer falschen Brhaupturg gelte« lassen müsse«, wenn auch ei» preußischer Kultusminister de« Gedanken einer Wiedervereinigung aller Ehrifien als das Endziel aller christliche« 8t- strebu«,e« hinstellt, noch dazu einen, der stets mit Recht als eifriger Protestant angesehen «orde» ist.
Wir meine« den früheren und erst kürzlich »erstorbene« preußischen Kultusminister Dr. B o s s e. Eine bekannte Monatsschrift brachte i« diesen Tagen den Abdruck eine- vosse'sche« Briefe« aus dem Jahre 1900, aus dem mit überraschender Deutlichkeit und Klarheit heroorgeht, wie lebhaft bei dem Rinist r daS schmerzliche Gesühl auS- geprägt war für das Mißltcfte a« der Spaltung der Christenheit wie er geradezu mit Sehnsucht sein geistiger L oe i« die Zukunft schweifen ließ, von der er eine solche erneute Vereinigung aller Christen mit V«x Sicherheit felsenfester lleber- zengung erhoffte. Dr. Söffe ist dabei nur Siner unter sehr vielen Protestanten, Anglikanern und anderen Christen, et? der Mutterkirche entfremdet find, und genau ebenso über diese» Punkt denken.
Der Bries des verstorbenen Ministers Dr. Bosse ist die Antwort auf da« Schreibe» eines ihm befreundete« Mannes vom gleichen Reltgio»Sbeke»»tniffe, der noch weit stürmischer de« schönen Gedanken von der Wiederver- etnigung der verschiedenen christlichen Bekenntnisse huldigt. Dieser Andere befand oder befindet sich noch auf dem wunderliche» Irrwege, eine „Nationalkirche" schaffen zu wolle« . . . . ES lohnt gar nicht, sich hier mit diesem thörichten Wahngebilde «och einmal zu befassen. SS hieße ja noch «etter trennen, aber nicht vereinigen, wen« man „Raltonalktrchen" schaffe» wollte, ganz abgesehen vo» noch höheren und tausend andere« Gründe«, die die Ausführung des thörichten Gedankens unmöglich mache«! SS lohnt sich aber, auf einige Stelle« i« der Antwort einzugehen, die Dr. Boffe jenem Briefschreiber sandte.
„Der große Geoanke „„Sine Heerde und et« Hin"" — so schreibt Dr. Boffe — muß sich «aturnothwendig geschichtlich weiter entwickel« und auS wirken. Mit einer weitherzigen, ad hoc gemachten Organisation ist da» Ziel meines Erachtens nicht zu erreichen; eS muß allmählich, durch das immer tiefere Hineinwachsen in die Wahrheit kommen. Die Wahrheit allein kann und wird die Menschheit frei machen, und je mehr daS geschieht, desto völliger, reiner, beglückender kommt das Reich GotteS. Jeder Einzelne au sei«em Theil muß dazu Mitarbeiten und arbeitet mit, wenn er da, wohin Gott ihn gestellt hat, nach Kräften selbstlos seine Schuldigkeit thut. Ich habe völliges Verständniß für Ihr AuSsidsue« »ach Hilfe um Millionen unserer Volke» zu retten, und wenn man älter wird, drückt einem die Noth unseres Volkes doppelt schwer auf die Seele. Aber so oft ich mich mit diese« Dingen beschäftigt habe, immer wieder habe ich mich für meine Person bescheiden müsse«: Dies ist nicht zu machen, sondern es muß werden. Der Weg kann freilich, wen« gegen den Materialismus, Atheismus und begehrliche« SozialdemokratismuS nicht eine starke, innerliche, gesunde Reaktion sich Bahn bricht, durch viel Unkultur, Schrecke», Blut und Thräne» gehen. Aber dennoch! Die Wahrheit allein kau« und wird zuletzt siege» . . ."
Und an einer andere« Stelle: „Die Seh», sucht nach einer Heerde und einem Hirte» ist so alt wie dar Lhriste»thum. Viele Tausende haben von jeher diese Sehnsucht getheilt. Ma« kann beinahe sagen: jeder anständige, nicht im nackte» Egoismus versunkene Mensch muß sie
29. Jahrgang.
theilen, hat sie auch von jeher getheilt und muß sich in seinem Lebe» irgendwie einmal mit diesem großen, nahe liegenden MenschheitSgedanken abgeben und abfinden."
Daß Dr. Boffe nicht an eine Einfügung der Protestantismus von heute in die katholische Mutterkirche dachte, versteht sich von selbst. Aber wen« „Materialismus, Atheismus und begehrlicher SozialdemokratiSmus" immer mehr sich auSbreiten werde» und diese schreckliche Saat einmal aufgehen wird mit „viel Unkultur, Schrecken, Blut und Thräne«", dann wird aus der heute unklaren Sehnsucht allmählich bei alle» Christen die klare Erkenntniß sich entwickel», daß der „große MenschheitSgedanke" »ur auf eise einzige Art und Weise sich verwirkliche» läßt: durch die Rückkehr zur Mutterkirche. Mit unvergleichlicher Beredtsamkeit hat sich Leo XIII. mit dieser Aufforderung an die Christenheit gewandt, und der Erfolg, sogar der greifbare Erfolg, ist nicht auSgrblieben. Endlich wird der Tag komme«, an dem dieser Erfolg et» voller sein wird, und an dem alle Christe» ei»sehe» werden, daß »ur damit die Wahrheit zu dem ersehnten Siege gelangen kann.
Unpolitische Zeitläuse.
(Nachdruck verboten.)
® Berlin, 3. April 1902.
Im Marz starb Windthorst; am letzten Tage des März hat auch Dr. Lieber seine wackeren Augen für diese Welt geschloffen, da» Frühjahr hält scharfe Auslese unter den Körpern, die durch hohe» Alter, aufreibende Arbeit oder alte Leiden geschwächt sind.
Dr. Lieber stand erst im 64. Lebenrjahr; er ist also um 16 hinter den Jahren Windthorss's zurückgeblieben. „Viel zu früh!" klagen seine treuen Freunde und seine dankbaren Verehrer, die Niemand zählen kann. Viel zu früh für unsere Wünsche und Berechnungen, viel zu früh für die Bedürfniffe der Zeit, die nach menschlichem Er- messen noch dringendst seine verdienstliche Thättg- leit nöthig hatte. Aber wa« dürfen wir einwenden, wenn der Herr den treuen Knecht heim- berust? Da geziemt uns «ehmüthige Dankbarkeit für das Gute, wa« durch ihn der Welt bescheert worden.
63 Lebensjahre und davon 32 Dienfljahre im öffentlichen Lebe», die bei dem Verstorbenen erst recht doppelt gezählt werden müssen — da» geht schon über da» Durchschntttsmaß. Dabei muß bedacht werden, daß Dr. Lieber von Anfang an keine robuste Natur war, sondern schon im Jünglingsalter von den erste« Anfällen seines schmerzlichen inneren Leiden« heimgesucht wurde. Ein so lange» Leben, wie er die berühmten Greise der letzten Jahrzehnte erreicht haben, war ihm von Hause aus nicht beschieden. Daß der Verewigte bei dem schleichenden Leiden noch da» siebente Jahrzehnt seine« Leben» erreichte, ist sowohl auf die Gnade Gotte«, al« auch auf seine Mitwirkung mit der- selben zurückzuführen. Seine strenge Gewissenhaftigkeit in der ganzen Leben»führung, sei« stramme« Pflichtbewußtsein, seine Geduld und sein unermüdlicher Fleiß haben den Kampf gegen die körperlichen Schwächen und Schmerzen lange Jahre mit Erfolg geführt. Der „Wille zum Leden" war bei tbm in außerordentlicher Stärke ausgebildet al« Wille zum Arbeiten und Schaffen. Diese zähe Thatkraft hob ibn immer wieder empor vom Schmerzenslager, sie erhielt ihm die erfrischende Hoffnung auch in den letzten Jahren nach dem furchtbaren Krankheitranfalle von 1900. Er hat dem Tode öfter in'« Antlitz geschaut und ist dabei doch lebensmuthtg und arbeitslustig geblieben. Er dachte ste!« an feine Pflichten und Aufgaben, und wenn er wieder stehen und gehen konnte, so nahm er sofort seine Arbeiten für das Parlament, die Versammlungen rc. wieder auf. Einige meinten, er hätte sich mehr schonen sollen, die Aufregungen und Akstrenaungen de« öffentlichen Auftreten« hätten seine Leiden verschärft. Richtiger ist wohl die gegentheilige Ansicht, daß für seine Natur nicht« schlechter paßte, al« die Unthättgkeit, und daß gerade sein steter A beitrdrang ihn fortriß über "die körperlichen Krisen. Die Willenskraft ersetzte die Mängel der Körperkraft.
Dr. Lieber hat wiederholt gesprochen über die Pflichten bei katholischen Mannes in der Gegenwart. Noch höher, als feine beredten Worte, müssen wir fein Beispiel schätzen. Er «ar vorbildlich für. diese Pflichterfüllung. Sehr schön hat der Reichskanzler Graf Bülow in seinem Beileidstelegramme den Verewigten gekennzeichnet mit den Worten: „Lauterkeit und Selbstlosigkeit des Charakters, Ueberzeuguugstreue und hingehende Thätigkeit."
In den regierenden Kreisen weiß «an ja a« besten, wie Dr. Lteber alle äußeren Vortheile verschmäht hat, die ihm seine hervorragende Stellu» hätte einbringen köngen. Er ist vielfach al „Demokrat" bezeichnet worden. Das stimmte «ich