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mit Zlnterhattungs -Message ^AKustrirte Sonntags-Zeitung"

■ Jutöa, Mittwoch, den 5. März 1902.

M 53.

29. JahrgMg.

G Italienische Zustände.

Dir überraschende Thatsache, daß die italie­nische Abgeordnetenkammer gleich bei der Präsi­dentenwahl dem Ministerium Zanardelli-Siolitti ein Bein stellte, hat die allgemeine Aufmerksam­keit von neuem auf die Zustände in Italien ge­lenkt. Man wußte freilich, daß hinter dem Ministerium keine feste Kammermehrheit steht; aber für so stark gefährdet hatte Niemand die Stellung der Regierung gehalten.

Die Gefahren, von der sie bedroht wird, hat sie zum größten Theile selbst sich geschaffen. Die sozialdemokratische Wühlerei ist in Italien seit einem Jahre und länger heftiger und erfolg­reicher, als in alle» anderen Ländern. Sie wirbt nicht nur in den Städten und in der Industrie mit Erfolg, sondern auch auf dem Lande. Denn de« italienischen Bauern geht es seit Jahrzehnte» sehr schlecht; und noch niemals hat eS eins Re­gierung deS neuen italienischen KSnigthumS für nörhig gehalten, in ernstlicher Weise der vielge­plagten kleinen Landleute sich anzunehmen, die zu einem großen Theile nicht Herren auf ihrer Scholle, sondern Pächter riesiger Latifundienbr- fitzer sind. Das rächt sich nun. Der Landmann hat im allgemeinen nur geringe Anlage zum Umstürzler. Aber auch seine Fähigkeit im Er­tragen von Plage, Last und Ungerechtigkeit hat eine geseifte Grenze, und diese Grenze ist in Italien überschritten worden. Dadurch wurde nach und nach auch der italienische Landmann empfänglich für die sozialdemokratische» Einfiüfte, und nun geräth das ganze Staatswesen dadurch in schwere Gefahr.

Das Ministerium Zanardelli-Giolitti nament­lich hat geradezu mit dem Feuer gespielt, an dem es sich jetzt die Finger verbrennt. Man ließ die Dinge gehen, wie sie gehen wollten, und die Sozialdemokratie thun, was zu thun sie gerade Lust hatte; denn die Regierung wollte im Par­lamente von dieser Sozialdemokratie unterstützt sein. Von verschiedenen Seiten ist Herrn Zrnar- delli und seinen Ministerkollegen sogar der Vor­wurf gemacht worden, daß sie im Stillen die sozialdemokratischen Umtriebe begünstigten. Jeden- falls hob die Ümsturzpartei ihr Haupt mit einer Frechheit empor, wie niemals vorher, und alle Augenblicke kam es NU» zu Arbeiterausständen aus rein politischen Beweggründen. Ein ein­ziges Beispiel möge genügen, um dies zu kenn­zeichnend : in einer Schiffswerft in Lioorne, Eigen- thum der Gebrüder Orlando, legten aus einmal sämmtliche Arbeiter die Arbeit nieder auS dem einzige» Grunde, weil der Chef der Firma nicht i» Beziehungen zu der sozialistischen Arbeiter- kammer treten wollte! AuS dieser Einzelbewegung wurde dann ei» allgemeiner Ausstand, der so­gar auf diejenigen Arbeiter sich erstreckte, die im Dienste deS öffentlichen Verkehrs standen! In Turin ging eS ähnlich zu, und nun sieht sogar das Ministerium Zanardelli-Giolitti ein, daß es so nicht weiter gehen könne. Man that endlich das, waS man längst hätte thun sollen: man mischte sich in diese Vorgänge ein und sorgte zum Beispiel dafür, daß in Turin du ch die Ein­stellung von Arbeiter bei de» Beleuchtungswerken die Stadt während der Nach? wenigstens ihre Straßenbeleuchtung bekommen konnte.

Die Sozialdemokratie antwortete mit einem Generalstreik in Turin und nur durch sehr nach­drückliches Auftreten der bewaffneten Macht konnte diese Stadt vor ähnlichen wüsten Auftrittm be­wahrt werden, wie sie zu derselben Zeit Triest und Barcelona durchtobten. Dem allgemeinen Ausstande der Eisenbahnangestellten in ganz Italien konnte nur im letzten Augenblicke noch dadurch »or- gebeugt werden, daß alle noch militärpflichtigen Bahnbeamten mobil gemacht wurden — „unter die Waffen gerufen". Das bedeutete nur, daß sie nunmehr unter militärischer Disziplin standen und als Deserteure behandelt wurden, wenn es ihnen einfallen ssAe zu streiken.

Die Arbeiterkammern in Italien find- rein sozialdemokratische Einrichtungen und eine Haupt- stütze der sozialdemokratifchen Wühlarbeit. Das hat die Regierung nun auch eingesehen, aber auch zu spät. Sie will, so sagt man, diese Arbeiter- kammern auflösen; aber die Folge dieser ver­spätete» Maßregeln ist naturgemäß die, daß die Sozialdemokratie und die Republikaner a»8 Freunden des Ministerium zu heftigen Gegnern desselben geworden find; uud wahrscheinlich wird sich diesen Gruppen auch ein Theil der Radikalen in der heftigsten Opposttion gegen die Minister Zanardelli und Giolttti beigesellen. Dafür erstens ist es sehr die Frage, ob diese Unterstützung den Abfall der Linken ausgleichen wird in der parla­mentarischen Machtstellung des Ministeriums;

und zweitens hat doch unter alle» Umständen die Zanardelli'sche Politik Schiffbruch gelitten, die mit den Republikanern und Sozialdemokraten liebäugelte und radikalen Grundsätze» huldigte. Und wenn nun auch die neuen Freunde des Ministeriums dessen Maßregeln zur Bekämpfung der sSozial- demokratie unterstützen werden, so werden sie fich höchst wahrscheinlich doch sehr hüten davor, diesem Ministerium dauernd ihr Vertrauen zu schenke». DaS Ministerium hat die gegen- wärtlge Lage zum größten Theile selbst ver- schuldet und trägt also auch selbst die Verant­wortung dafür; und außerdem wird die Rechte unter allen Umständen lieber ei» Ministerium der eignen Farbe am Ruder sehen und im ge­gebenen Augenblicke alles thu», was sie thun kann, um dieser Ziel zu erreiche».

Das Ministerium Zanardelli ist jetzt ein Jahr im Amte und muß bekennen, daß eS nach vollkommen verfehlten Grundsätze« regiert hat — von unten her aber nagt die Flnth deS Umsturzes unaufhörlich an den Grundfesten deS StaatSgebäuder. Der moderne italienische Staat kann keine Autorität finde», weil er selbst aufgebaut worden ist auf den gröbsten Verstößen gegen Recht, Eigenthum und Auto­rität.

][ Ueber die Freiheit des katholischen Gelehrten

bei seinen wiffeuschaftlichen Forschungen zerbreche» sich sozialdemokratische' und liberale Zeitungs­gelehrte und Nichtgelehrte bett Kopf. Sie thun dabei gerade so, als ob die katholische Kirche für alle Zweige menschlichen Wissens bestimmte Wahr­heiten festgesetzt hätte. Die guten Leser werden nun wahrscheinlich glauben, der katholische Gelehrte müsse diese Wahrheiten hübsch aufgezeichnet vor sich a«f dem Studiertische liegen haben und bei seinen wissenschaftlichen Studien unverwandt darauf schauen, um nur ja nicht mit der Kirche in Konflikt zu kommen. Die Kirche kümmert sich aber doch nur um Glauben und Sitten. Die allermeisten Gebiete menschlichen Wissens überläßt sie daher sich selbst. Wer wollte auch mit kirch- lichen Lehrsätzen Prozesse führen, eine Krankheit beurtheilen und Rezepte verschreiben? Weder für das Studium der alten, noch der neuen Sprachen, weder für Physik, noch Chemie, noch Mathematik, Geographie, Astronomie usw. usw. hat die Kirche Dogmen, da« heißt Sätze aufgestellt, die zu glauben sind.

Der katholische Gelehrte ist In diesen Dingen gerade so frei, wie jeder andere. Aber auch in den Wissenszweigen, die in enge Berührung mit den geoffenbarten Wahrheiten des Christenthumr kommen, ist er keineswegs unfrei oder gebunden im Sinne der liberalen oder sozialdemokratischen Zeitnngsgelehrten. Diese thun gerade so, al« wenn katholische Gelehrte ihren Glauben wie eine drückende Last empfänden, unter der sie gezwungen seufzen, wie eine Fessel, die sie wohl abstretfen möchten, aber nicht können. In Wahrheit aber gibt e« genug katho­lische Männer, die in den verschiedensten Wiffen«- gebiete» thätig sind und allseitig mit Ehren ge­nannt werden, die aber doch mit Liebe und Freude an ihrer Kirche hängen und in ihrem Glauben nicht eine Last, sondern eine Stütze sehen. Wer zwingt sie anders zum Glauben, al« ihre eigene »issrnschastliche Ueberzeugung? Sie haben fich von ihrem Glauben Rechenschaft abgelegt. Sie haben sich den wissenschaftlichen Brwet« geführt, daß für alle Welrdinge eine über der Welt stehende Ursache vorhanden sein muß, daß diese ewige, un> gewordene Ursache — Gott — fich den Menschen geoffenbart hat, daß die Vollendung der göttlichen Offenbarung erfolgt ist durch den menschgewordenen Gottessohn, daß dieser zur Fortsetzung seiner Lehr-, Priester- und Hirtenthätigkeit eine Kirche mit un­fehlbarem Lehramte eingesetzt hat. Alle« die« steht für den katholischen Gelehrten fest, weil er fich in freier Seisterarbrit von dem Dasein Gotte« und der geschichtlichen Thatsache seiner Offenbarung überzeugt und die darau« fich ergebenden Folge­rungen gezogen hat; kein blinde« Unterwerfen unter irgend welche Dogmen ist sein Glaube, sondern ein freies Annehmen der erkannten Wahr­heit. Wozu also da da» Gerede von Unfreiheit der Wissenschaft, wo der Glaube eine freie That ist?

Der katholische Forscher ist aber auch nie gehindert, eine sicher und gewiß erkannte Wahr­heit an-zusprechen. Er wird vielmehr durch seine katholische Weltanschauung ver­pflichtet, die als gewiß festgestellte Wahrheit auSzufpreche« und zu vertreten.

„Aber" — so wird man ein werfen — „dann wird er mit den katholischen Glaubenssätzen als­bald in Konflikt gerochen!" Wir fragen mit dem bekannten Wiener Meteorologe«, dem gläubig katholischen Professor Dr. I. M. Pernter (Bor- auSsetzungSlofe Forschung, freie Wissenschaft und Katholizismus G. 6):

„Wieso? Es ist eine leere, bisher nie bewiesene, wenn auch noch so oft wiederholte Behauptung, sagen wir eine Voraussetzung, welche der .voraus setzung»- lofen Forschung' keine Ehre macht, daß irgend ein sicher und gewiß feststehendes Resultat der Wissenschaft, ein fest und erweiSbar wahres Ergebniß der Forschung mit irgend einem katholischen Dogma in Widerspruch stehe. Ich habe schon wiederholt offen ausgesprochen und wiederhole es heute, daß es keinen solchen Fall gibt. Die katholischen Forscher werden auch gerne bereit sein, für jeden beliebigen Fall, den man bei- bringen zu können glaubt, den Beweis zu erbringen, daß ein Widerspruch mit dem Inhalt des Dogmas nicht besteht. ES ist klar, daß dies nur für vollkommen sichere und zweifellos erwiesene und stets beweisbare Forschungsresultate und Sätze der Wissenschaft gilt, nicht aber in Bezug auf Meinungen, Hypothesen oder Systeme, mögen dieselben von ihren Trägern und 8er- theidigern noch so hoch gehalten werben. Nur die sichere Wahrheit hat Anspruch auf allgemeine An­erkennung; Meinungen, und wären sie selbst die der Weisesten, konnten sich und werden sich auch immer wieder nur allzu häufig als irrig erweisen, »ft gerade zur Zeit, wo man es schon für frevelhaft anzusehen ge­neigt war, wenn man anderer Meinung gewesen wäre. Und hier liegt ja wohl vorwiegend daS Mißverständ- niß, das so vielfach in der Behauptung zu Tage tritt, daß die Wissenschaft mit den katholischen Dogmen in Wtderspruch stehe."

Der Glaube strebt nach Wahrheit. Auch der Zweck aller Forschung ist die Erkenntniß der reinen Wahrheit. Die Wahrheit ist aber nur eine, wie auch Sott, die Quelle aller natür- lichen und übernatürlichen Wahrheit, nur Einer ist. Der katholische Forscher kann also den Zweck jeder Forschung, die Feststellung der Wahrheit, mit voller Freiheit verfolge«, ohne daß ihm die Weltanschauung, welche seine katho­lischen Dogmen ihm bieten, irgendwo ein Hinder- niß bereitet. Ja, wir dürfen mit Pernters Schriftchen (S. 16) noch einen Schritt weiter gehen und behaupten:

„Kein Forscher anderer Weltanschauung kenn un­bekümmerter und sicherer auf allen Forschungsgebieten fich bewegen, in alle Untersuchungen freier sich ein­lassen, al« der katholische, ohne jede Sorge, jemals auf irgend eine Wahrheit zu stoßen, die den kath»lischcn Dogmen widerspricht: denn er forscht und untersucht mit der klaren und sicheren Ueberzeugung, daß er nie und nimmer auf ein sicher stehendes, zweifellos erweiS- bareS Resultat stoßen kann, daS ihm wegen feiner religiösen Anschauungen auch nur unangenehm fein könnte."

Wie gebunden hiergegen die Forscher anderer Weltanschauungen find, beweist schon allein der Sozialismus zur Genüge, der jeden Genossen verketzert, welcher in seiner Forschung zu pro- grammwidrigen Resultaten kommt. Ssonstein, Calwer, Schippe! können davon erzählen. Und wie steht es denn mit den protestantische» Ge- lehrten, z. B. mit den Theologie-Profefforen. Darf ein solcher bei seinen freien Forschungen in der Bibel auch zu dem Resultate kommen, daß die katholische Lehre richtig und in der Bibel begründet ist? Alles andere darf er in der Bibel finden, nur das nicht — da hört die Freiheit der Forschung für ihn auf.

Vn Hosthmecher des NM

Eine« Morgens ging der Papst SixtuS V. in der einfachen Kutte eines Dominikaner-Mönches zu Rom durch eine der kleine» Gaffen in der Nähe des Platzes Navona. Da bemerkte er einen ärm­lichen Uhrmacher-Laden. DaS Aushäuge-Schild desselben zeigte die künstlichste« Uhrwerke in allen Dimenstonen; aber in auffallendem Gegensätze dazu bemerkte man hinter de» Glasscheiben deS Gewölbes selbst nur ganz vereinzelte und gewöhn­liche Uhrmacher-Arbeiten und müßig daliegender Handwerkszeug. Mit einem Worte, dis Beweise von den Talenten der Künstlers waren nur ge­malt und Alles verrieth gezwungener Feiern und Elend.

Auf der Schwelle der Ladens trieben fünf oder sechs schlecht gekleidete Riebet allerlei Spiele unter de« Augen ihrer Mutter, welche wohl noch jung war, in deren bleichen Zügen sich aber die deutlichen Spuren der auf den höchsten Gipfel gestiegenen Nsth zeigten. Ein Lächeln umspielte dennoch zuweilen die Lippen der armen Mutter, wenn sie sah, wie ihre theuren Kleinen im Eifer ihrer Spiele daS ausgefallene Frühstück deS Mor­gens und das sehr zweifelhafte Mittagsmahl zu vergeffen schiene».

Sixtus V. betrachtete einige Augenblicke de» Laden wie Jemand, der einen Einkauf zu machen beabsichtigt und redete dann die Frau deS Uhr­machers an.

„Wie ich sehr," sagte er, „ist Euer Mann nicht zu Hause, und man kann sich daher bei ihm nicht nach dem Preise dieser verschiedene» Uhr­werke erkundigen/

„Ach nein, hochwürdiger Pater,- antwortete die Frau. „Mein Mann ist in diesem Augen­blicke nicht zu Hause. Einige Geschäfte haben ihn gezwungen, auszugehen; aber er muß bald zurückkehren, und wenn Euer Hochwürde» sich die Mühe nehmen wollen, einzutreten und sich zu setzen, so hoffe ich, daß Ihr nicht lange werdet warten mflffett."

Das war eS eben, waS SixtuS V. im Sinne trug. Er trat deshalb in den Lade« ei«, setzte fich auf einen Schemel, de» die Herrin des Hauses ihm anbot und betrachtete aufmerksam die ein­zelnen, noch nicht zusammengesetzte« Theile sehr kunstreicher Uhrwerke. Die Neugierde deS Papstes wurde um so lebhafter angeregt, als mehrere dieser Stücke eine große Geschicklichkeit deS Arbeiters bewiese».

Sixtus V. betrachtete gerade voll Interesse eine» kunstvollen Theil einer großen Seeuhr, als ein Man» von kaum 40 Jahren in den Laden trat. Es war der Uhrmacher selbst — Pamphilio Bonelli.

„Nun?" fragte ihn seine Frau mit leiser Stimme.

„Nichts!" entgegnete ebe«so ihr Man«. „Keinen Paolo! Keinen Obole!"

„Was sollen wir denn heute a»fa»ge», um den armen Kinder» etwas zu essen zu geben?" fragte tief besorgt die Mutter.

„Gott wird uns nicht verlassen!" antwortete Pamphilio ruhig und ergebung-voll.

Dieser Austausch wahrhaft schmerzlicher Worte «ar dem Papste nicht entgangen, und er wendete fich jetzt um und nach der Fra« Bonelli hin, welche ihm ihren Man« vorstellte.

Der Papst war mit den Künsten, selbst mit der Mechanik und Astronomie vertraut genug und fand bald in Pamphilio einen Mann von tiefem Wissen. Die Erklärungen, welche er dem Papste gab, wußte er mit geschichtlichen Erinnerungen an den Entwickelung«gang der Uhrmacherkunst zu ver- zleren, sodaß Sixtu» V. fich nicht enthalten konnte, zu sage«: „Wie ich sehe, Meister Pamphilio Bo­nelli, seid Ihr nicht nur ein geschickter Uhrmacher, sondern auch ein litterarisch gebildeter Mann voll Schärfst«« und Geschmack."

„Ich nehme Eure Lobsprüche nicht a«, hoch, würdiger Pater," entgegnete Pamphllio, „denn ich bin weit entfernt, sie vollkommen zu ver­dienen. Aber, wenn Ihr erfahret, daß ich mein Studium auf der berühmten Pavia gemacht habe, daß ich meine Kunst unter dem berühmten (Kett« dius VeSperelli in Mailand erlernte und daß ich mich dann in derselben mit den berühmten Dok- toten Michaeli Octavini und Bruno Labinni, Professoren der Astronomie und der Mathematik an den Unlverfitäten Bologna und Florenz, ver­vollkommnete, dann werdet Ihr Euch über die Geschicklichkeit und Kenntnisse nicht mehr wundern, welche ich in einer Kunst besitze, die ich auS Neigung ergriff und in der ich noch mehr auS Vorliebe als aus Gewohnheit beharre."

„Und diese Kunst ist sehr undankbar gegen Euch, wie es scheint," sagte SixtuS V.; „denn ich bemerke nur zu deutlich, daß daS Glück Euer« Anstrengungen und Euerer Bildung nicht ent- sprachen hat!"

„Ach, leider nein, hochwürdiger Pater! Doch würde ich mich darüber leicht trösten, hätte .ich nicht sechs kleine Cherubim'zu ernähren, die jeden Morgen ihr täglicher Brod unter Thränen er- bitte«. Oft befinde ich mich in der Unmöglich­keit, eS ihnen zu gewähre»; ich empfange mit Freude» ihre Liebkosungen, aber ich kann sie ntcht»mit Brod vergelten."

„Ist eS möglich, Signor Pamphilio?" rief SixtuS V. tief gerührt. „Aber seid Ihr den« nicht im Stande gewesen, Euch durch Euer Talent eine einträgliche Kundschaft zu gewinnen?"

„Jeder Talent bedarf eines Fußgestells, um sich bemerkbar zu mache», wie die Kerze einer Leuchters bedarf, um ihr Licht leuchte» zu taffe». In eine kleine Seitengasse des Platzer Navona werden die Kardinäle, die Prinzen und die Geld- männer Roms nicht kommen, um fich einen Uhr­macher zu suchen."

„Aber Ihr müßt Euch bekannt machen, Euch an das Licht stellen!" erwiderte der Papsi.

„Wenn eine ansgebotene Waare an ihrem Preise verliert, so verliert ein angebotener Talent a» seiner Würde und seinem Werthe. DaS Kloster des OrdenS Mariä Verkündigung bedurfte eines Uhrmachers, um die Beschädigung auSzu- bessern, welche der Blitz an der Klosteruhr ange­richtet hat, einem Meisterwerke des großen Hieronymus Blandinelli. Ich bin diese» Morgen nach dem Kloster gegangen, um diese schwierige Arbeit zu unternehmen; aber ich bi» abgewiesen worden. Man «rtheilte über dar Talent deS Künstlers nach der Einfachheit seiner AnzngeS und nach der Lage seiner Wohnung! — Ja, so handelt die Welt!"

Der Papst zuckte die Achsel» und sagt: „Mel- leicht ließe fich dem abhelse«?"

„Wo wäre daS Mittel dazu?" entgegnete der Künstler. „Ich sehe keine-. Ich hatte eine Bitt- schrift an den Heiligen Vater gerichtet, daß er mir zu Hilfe kommen möchte; aber der Vatikan hat für mich ebenso wenig Ohren gehabt, wie die Paläste der Kirchenfürsten und die Klöster!"

„Und waS verlangt Ihr von dem Papste?" fragte Sixtnr V.