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J£50.

Jutöcr, Samstag, den 1. März 1902.

29. Jahrgang.

Bon dem Zoll tarif-Kriegsschau Platze sind als Neuigkeiten za verzeichnen eine Erklärung des Staatssekretärs Grafen Posadowsky, daß die Vorschläge des von dem Centrum tabg. Herold auSge« gangenen Kompromisses für die Verbündeten Regie­rungen unannehmbar seien, und außerdem eine Kund-

Mochen-R«ndscha«.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 1. März 1902.

Unser hl. Vater Leo XIII. ist in das fünfund- iwanzigste Jahr seines Pontifikates eingetreten. Wie sehr die Welt an dieser Jubelfeier Antheil nimmt, dafiir sprechen erfreuliche Kundgebungen der gesammten Aulturwelt. Der deutsche Kaiser entsendet den General- ,bersten Freiherr von Los in besonderer Mission in die ewige Stadt, um dem Jubilar seine Glückwünsche ju überbringen; Prinzregent Luitpold von Bayern hat den gleichen Auftrag dem Fürsten Spielberg «theilt. Ebenso wird der König von Sachse« zu dem­selben Zwecke eine besondere Gesandtschaft nach Rom schicken, und dasselbe ist beschlossene Sache bei den Regierungen von Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Portu­gal, Spanien und Belgien. Der Kaiser von Rußland «ird durch seinen diplomatischen Vertreter beim Vati­kan ein Handschreiben überreichen lassen; nur Eng­land hat noch nichts hören lassen darüber, wie es den hl. Vater ehren wolle. Die Katholiken der Welt ver- nehmen freudig die Kunde von diesen Ehrungen für bas Oberhaupt der Christenheit, und namentlich die deutschen Katholiken empfinden es als dankbar, daß Deutschland und seine Bundesfürsten in der hervor­ragendsten Weise daran theiluehmen.

Bei schwerem Unwetter ist das stattliche Schiff .krouprinz Wilhelm" mit dem Prinzen Heinrich »on Preußen an Bord in Newyork angekommen zwar in Folge des rasenden Sturme», gegen den es ankämpfen mußte, ein wenig später als anfänglich angenommen war; aber desto eiliger haben nach der Ankunft de» Prinzen die Empfangsfestlichkeiten ihren Anfang genommen. Nach Newyork ging selbstverständ­lich die Reise zuerst nach der Bundeshauptstadt Washington, um dort den Präfidenten Roosevelt zu begrüßen und die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt in Augenschein zu nehmen. Auch einer Sitzung des Kongresses der Vereinigten Staaten wohnte Prinz Heinrich bei. * **w*W'*

Von ganz besonderer Bedeutung ist aber der Be­such des Prinzen Heinrich in dem Newyorker Rath­hause, wo er den Ehrenbürgerbrief von Newyork in Empfang nahm. Man muß wiffen, daß diese Ehre sehr selten vergeben wird! Der Oberbürgermeister von Newyork hieß in einfachen und schlichten Worten den Prinzen willkommen und sprach die Hoffnung au», daß dessen Besuch dazu beitragen möge, die Freund­schaft zwischen Deutschland und Amerika zu befestigen. Prinz Heinrich antwortete darauf in sehr bemerkens- werther Weise. Er sagte unter anderem:Ich bin nicht hier in eigener Sache, sondern ick Auftrage «eines Bruders, Herrn und Souveräns. Ich kann Ihnen daher auf alle Ihre Güte nichts Bessere» er­widern, gls daß ich komme, Ihnen die Freund­schaft meines kaiserlichen Bruder» anzu­bieten." Von Newyork ist Prinz Heinrich wieder nach Washington zurückgekehrt, wo er bis Samstag bleibt. An diesem Tage tritt er seine siebentägige Reise nach dem Westen der Bereinigte« Staaten an.

Als Prinz Heinrich sich bereit» auf offener See befand, hat Herr White, der Botschafter der Ver­einigten Staaten in Berlin, in einer Tischrede noch einmal die Anerkennung seine» Landes für Deutsch­lands korrekte Haltung ihm gegenüber ausgesprochen. Dies geschah bei einer Feier der amerikanischen Kolonie in Berlin:Die Haltung der deutschen Regierung so sagte unter anderem Herr White war während unsere» Kriege» mit Spanien ausgezeichnet; sie be­obachtete die strikteste Neutralität und zeigte von An­fang bi» zu Ende keine unfreundliche Haltung . . . Es ist unwiderleglich bewiesen worden, daß der verehrte und allbeliebte Herrscher diese» Landes auf- entschiedenste sich weigerte, an irgend welchen Schriften theilzunehmen, die als eine Einmischung in den Streit ausgelegt werden konnten . . . Und zu dieser Stunde, in der wir hier versammelt sind, findet ein neuer Austausch der freundschaftlichen Gesinnung zwischen der deutschen und der amerikanische« Regierung statt." Die Amerikaner sind un» als politische Freunde durch­aus werth und willkommen. Auf dem wirthschaftlichen Gebiete werden wir nichtsdestoweniger unsere Selb, ständigkeit zu wahren wiffen.

| Der Reich-tag hat nach dem Justiz-Etat de« Militär - Etat durchberathen und genehmigt. Die Herren von der linken Seite haben auch dabei durch Reden sich ausgezeichnet, die erheblich länger und zahl­reicher al». nöthig waren. Daß die Duellfrage eine Wichtige Rolle bei diesen Berathungen spielte, ist in der letzten Wochenschau bereits hervorgehoben worden. Rachzutragen ist noch, daß der CentrumSsührer Groeber eine Kritik an dem Prozeffe von Gum» Runen wegen der Ermordung de» Rittmeister» von Pösigk übte, gegen die Niemand im Reichstag ein Wort des Widerspruches erhob, auch nicht die mili­tärischen Vertreter der Bundesstaaten. Kriegsminister don Goßler beschränkte sich darauf, die Hoffnung ^szusprechen, daß nach und nach die neue militärische ^trasprozeßordnung sich besser einbürgern werde. Au d« Anregung deS konserv. Abg. Dr. Oertel hin wurde zuletzt auch von den Verhältnissen der Unter- Miere gesprochen: Ein Mangel an Unteroffizieren Mehl nicht, so stellte ein Vertreter des preußischen ?driegSministeriums fest, indem er gleichzeitig Mitthei- Mg von begonnenen Erhebungen machte, die als Zuleitung zu, einer Verbesserung der Stellung der ifc "nteroffiziere zu betrachten sind.

gebung des amtlichen ,Staatsanzeigers für Württemberg. Die Württembergische Regierung o heißt es in dieser Kundgebung glaubt die Grenze »es Möglichen und Erträglichen mit den Zollsätzen de» 1 liegieruugsentwurfes erreicht z« haben; und mit diesen Anschauungen stehen sie im Buvdesrathe nicht allein. Solche Kundgebungen haben die Hoffnungen auf eine Verständigung in der Zollfrage auf das denkbar ge­ringste Maß herabgedrückt; ohne Zweifel aber ist es richtig gehandelt, daß die Mehrheit in der Zolltarif- Kommission deswegen nicht sofort die Flinte in da» körn geworfen, ihre Berathungen über das vorge» chlagene Kompromiß vielmehr fortgesetzt hat. Da im Dienstag und am Mittwoch der Reichstag keine Plenarsitzungen abhielt, konnte die Kom­mission desto ungestörter arbeiten. Von besondorer Wichtigkeit ist eine Erklärung, die der ReichSschatz- ekretär Freiherr von Thielemann in der kommission abgab. Sie war in der Gestalt einer Antwort an den freisinnigen Abgeordneten Fischbeck gekleidet und besagt, daß die Verbündeten Regie­rungen die in der Vorlage aufgeführten Zollsätze für jede einzelne Getreideart als da» Höchstmaß des Zulässige« be­trachten. Diese in scharfem Tone abgegebene Erklärung de» Reichsschatzsekretär» hat alsbald die richtige Antwort in der Kommission gefunden: Diese hat mit einer Mehrheit von vierzehn gegen zehn Stimmen den von den Regierungsvertretern bekämpften Kompromiß-Antrag Herold- Graf Schwerin angenommen. Diese zehn ablehnenden Stimmen gehören de« Liberalen und Sozialdemokraten an. Am entgegengesetzten Flügel haben sich die Abgeordneten Freiherr von Wangen­heim (konservativ) und Dr. Heim (Centrum) der Abstimmung enthalten. Es fehlten je ein Gegner und ein Freund des Kompromisses, nämlich der freisinnige Abgeordnete Müller-Meiningen und der freikonservative Abgeordnete Gamp. Die Politik der Regierung beruht also auf ganzen drei nationalliberalen Stimmen unter den achtnndzwanz'g Stimmen der Zolltarif -Kom- Kommission!

Da» preußische Abgeordn-keuhau» hat bei der Berathung des Etats des Ministe­rium» de» Innern ausnahmsweise auch ein­mal stürmische Tage gesehen: E» h »bette sich dabei um Auseinandersetzungen über die R-ich-tags- nachwahl in dem pommerschen Wahlkreise Greifs- wald-Grimmen und über die verweigerte Bestätigung für die Wahl des Stadtraths Kauffmann in Berlin zum zweiten Bürgermeister. Freiherr vo« Hammer st ein, der neue Minister deS Jnnern, hat dabei sehr kräftig gegen die Linke vom Leder gezogen, und nicht ohne Erfolg, denn eS war nicht immer leicht, feine Stellung zu vertheidigen. Herr Kauffman« hätte auch nach den Anschauungen mehrerer Redner des Centrums und der National­liberalen nachträglich noch bestätigt werden können.

In der Budgetkommiffion de» Abgeordneten­hauses ist mit elf gegen zehn Stimmen von neuem die Forderung der Regierung für die AuSbil- düng altkatholischer Priester an der Universität in Bonn abgelehnt worden. Im Plenum des Abgeordnetenha«seS soll der Versuch gemacht werden, die Forderung doch noch durchzu­bringen.

Die Ehescheidung des großherzoglichen Paare» in Hessen wird voraussichtlich auch noch die Kammer beschäftigen, allerdings nicht in öffentlicher Sitzung. I« einer vertraulichen Sitzung der Bureau- und Fraktionsvorpände der zweiten heffischen Kammer wurde der Beschluß gefaßt, den Großherzog darum zu ersuchen, der Kammer die Gründe seiner Ehescheidung mktzutheilen. Nach ei«er entgegenkommenden Erklärung deS Staats­ministers Rothe werden die gewünschten Mitthei­lungen wahrscheinlich in einer geheimen Sitzung der Kammer erfolgen.

Eigenartig ist ein Schritt, den die Vertreter der Provinz Schlesien im preußischen Abge­ordnetenhause unternommen haben. Mitglieder aller politischen Parteien haben eine Vereinigung gebildet, «m die von der Regierung vernachlässigten Inte­ressen Schlesiens besser zur Geltung zu bringen, namentlich auf dem Gebiete der Berkehrseinrich- tungen aber auch in anderen Fragen. Auch die Errichtung einer technischen Hochschule in BreSlau gehört zu den Programmpunkten dieser Bereinigung. Der Vorsitzende derselben ist der konservative Abge­ordnete Freiherr von Richthose« dessen Stellver­treter der Centrumsabgeordnete Dr. Porsch und zum Schriftführer ist Herr Wetekamp von der freisinnigen Volk-Partei gewählt worden.

Ueberraschend für alle Welt ist eine Minister» krise in Italien gekommen. Dort stellt die, Regierung in aller Form einen Kandidaten auf für daS Präsidium der Abgeordnetenkammer. Fällt dieser Herr dann bei der Präsidentenwahl durch, so ist das von vorn herein eine parlamentarische Miß­trauenskundgebung für daS Ministerium. So geschah es diesmal, und sofort nachher erklärte Minister­präsident Zanardelli in der Kammer, daß das Kabinet sich seine weiteren Schritte Vorbehalte. DaS Ministerium bat den König um seine Entlassung. Nach genaueren Erwägungen wird es aber vor­läufig doch im Amte bleiben; nur der Arbeits­minister wird zurücktreten und durch eine andere Per­sönlichkeit ersetzt werden. Bei nächster Gelegenheit

will Herr Zanardelli eine besondere Vertrauens­kundgebung der Abgeordnetenkammer einfordern.

Auf die Bewegung in Triest ist eine ähnliche Bewegung in Italien gefolgt, deren Mittelpunkt Turin war. In Turin wurde durch gewerbs­mäßige Hetzer ein allgemeiner ArbeiterauSstand' ent- ächt, mit dem ein Ausstand von Eisenbahnern in weiterem Umfange in Verbindung stand. In diesem Falle ist nun endlich auch einmal die italienische Regierung mit Nachdruck vorgegangen. In Turin ft die Ordnung durch kräftiges Eingreifen der be­waffneten Macht bald wieder hergestellt worden, und die Stellen der fortgelaufenen Eisenbahner ind mit Soldaten ausgefüllt worden. Schon nach wenigen Tagen verkehrten die Eisenbahnen wieder überall ganz regelmäßig, und daß die Arbeiter nur verhetzt waren von außen her, geht ganz klar daran» hervor, daß sie verständigen Zureden zugänglich sich zeigten und sich willig dem Schiedsgerichte unter« varfen, das der Bürgermeister von Turin ihnen vor- chlug. Seit Mittwoch ist die Arbeit wieder allge­mein ausgenommen. '

Auch in Barcelona ist die Ruhe äußerlich durch die Anwendung der Waffengewalt wieder her- gestellt worden. Die Straßenbahnen und Eisen­bahnen verkehren wieder, die Läden sind wieder geöffnet, und die Arbeit ist von neuem aufgenommen. Aber die Regierung traut dieser Art von Ruhe augenscheinlich selbst nicht recht. Denn trotz de» Anscheine» der Ruhe hat die Regierung noch weitere Truppen nach Barcelona entsandt, ganz augenschein­lich dazu bestimmt, die Aufwiegler in Schach zu halten. Auch die Zensur der nach außerhalb ent- andten Telegramme wird nach wie vor streng ge­handhabt, und man hat auf keinen Fall anzunehmen, daß die Ruhe in Barcelona und in der ganzen Provinz Katalonien nun auf längere Zeit gesichert fei. Auch in verschiedenen Städten, so namentlich in Valencia, ist es zu Ruhestörungen gekommen, bei denen das Militär eingreifen mußte und e» Tobte und Verwundete gab, und überall haben augenscheinlich Anarchisten die Hand im Spiele bei der Erregung der Unruhen. Aus mehreren spani­schen Städten wird berichtet, daß italienische Anar­chisten angekomm-n feien, um bei der Erregung von Aufruhr thätig zu sei«.

Im österreichischen Abgeordneten­hause hat Ministerpräsident von Körber eine interessante Rede gehalten, die augenscheinlich nicht »hne Eindruck hei den Parlamentariern geblieben ist und diesen wieder einmal die unleugbare Thatsache in Erinnerung gebracht hat, daß Herr von Körber bisher sich unabhängig von den verschiedenen politi­schen Parteien zu erhalten gewußt hat. Gleichzeitig war die Rede toie.er einmal eine Mahnung an daS Parlament zu rechter Zeit, die Pflicht der Arbett nicht über Parteigezänk und Nationalitätenstreit zu vergessen.

Daß Christian Dewet den Engländern wiederum entschlüpft ist und die Kette durchbrochen hat, die um ihn herum von britischen Truppen ge­schlossen worden war, wurde bereits in der letzten Wochenschau berichtet. Lord Kitchener berichtete darauf nach London, der berühmte Burenführer sei au» der einen Umzingelung zwar entkommen, gleich­zeitig aber in eine andere gerathen; damit hat sich der gute Kitchener indessen wieder einmal arg ge­täuscht. Dewet ist der englischen Heeresmacht durch einen weiteren Durchbruch nach Norden vorläufig wieder vollkommen entrückt, so vollkommen, daß die Engländer gar nicht wisse«, wo er sich gegen­wärtig aufhält. Beinahe möchte man glauben, Dewet mache ei sich zum befonbern Vergnügen, an der einen Stelle der Blockhaus-Linien einzubrechen, um daun zum Hohne auf die Engländer an einer andern Stelle wieder zum Vorschein zu kommen!

Unpolitische Zeitläuse.

(Nachdruck verboten)

G Berlin, 27. Frbr. 1902.

Was soll der Junge werden? Zu Oster« muß wieder über den künftigen Lebens­lauf manche» jungen Menschenkindes entschiede«' werden. Wer die Wahl bat, hat die Qual. In gewissen Fällen ergibt sich freilich der künftige Beruf von selbst; die Neigungen und Fähigkeiten deS Spcößltngs, sowie die Wünsche und Be­dürfnisse der Familie weisen gleichmäßig mit voller Klarheit und Entschiedenheit auf eine be­stimmte Laufbahn hin. Dann wächst der junge Jüngling einfach in den betreffenden Bern hinein und für kein n von den Betheiligten gib eS Zweifil oder Gewisser,sbiffe.

So glatt und leicht geht es aber nicht immer ab. Ost kostet die Berufswahl viel Prüfung und Ueberlegung, ja manchmal schwflosr Nächte. ES ist auch wirklich der Eltern oder Pfleger heilige Pflicht und Schuldigkeit, daß sie die Entscheidung über ein ganzes Menschensch'ck al nicht zum Würfelspiel machen. Schon bte Liebe zu ihren Kindern muß alle Sinne schärfen und die Denk- kraft mächtig anregen.

Jawohl, die Liebe soll treiben, aber nicht die Affenliebe, nicht die Eitelkeit oder Habsucht.

Affenliebe ist es, wenn du deinen Sprößling für ein Wunderkind hältst, für das allegewöhn lichen" Lebensstellungen viel zu schlecht find, das durchaus zu Pracht und Herrlichkeit berufen sein soll. Selbstsucht ist eS, wenn du deine väterliche oder mütterliche Eitelkeit zu befriedigen suchst,

statt blos an das Glück des Kindes zu denken Ind die häßlichste Art von Eigennutz ist eS, wenn du dem Kinde die geeignete Ausbildung versagst, um es nur schnell zum ,V er dien en" zu bringen und so die eigene Kaffe zu entlasten.

Für das Kind ist der Beruf zu wählen; raS Kind soll glücklich werden in diesem u«d n jenem Leben. DaS allein muß der Leitstern ein. Die Eltern sollen nicht nach ihren Rei­zungen und Vortheilen den Berus des KindeS wählen, sondern unbefangen die Eigenschaften, Neigungen und Bedürfnisse des Kindes prüfen und darnach entscheiden.

Freilich ist das nicht so leicht, wie es sich an- )8rt. Manche Eltern sind gewöhnt, die Fähig- etten ihrer Sprößlinge zu überschätzen; sie wollen durchaus hoch hinaus mit ihren Kindern, wenn auch die Flügel viel zu klein und schwach find, häufig kann man die Redensart hören: Der Junge soll es im Leben besser haben, als ich! Dahinter steckt die Anschauung, daß die Hand­arbeit zu anstrengend und zu wenig ehrenvoll ei, während doch in der Wirklichkeit oft die Handarbeit ein schönes Lebensglück begründet und diehöhere" Kopfarbeit manches glänzende Unglück herbeiführt. In jedem Beruf kann man glücklich sein, auch in dem gewöhnlichsten, wenn es nur der rechte, wirkliche Beruf ist. Der herrlichste Rock ist eine Qual, wenn er nicht paßt.

Es gibt auch Eltern, welche die Fähigkeite« ihrer Kinder unterschätze». Sie haben fich vielleicht früher in Träumen gewiegt,-als ob ihr Sprößling über alle seine Genossen hinausragen müsse, wie Saul über die J-raelite», in der Schule einer der ersten, auf dem Spielplätze der kräftigste, kühnste, am Arbeitstisch der geschickteste. Da gab eS nun Enttäuschungen über Ent­täuschungen; das Wunderkind zeigte menschliche Schwächen und Fehler. Nun seufzt die gekränkte Eltern-Eitelkeit: Mit dir ist gar nichts loS! Und doch kann der Junge, der keinUebetflieger" ist, ein sehr tüchtiger Mensch werden; im All­gemeinen ist sogar die Durchschnittsbegabung mit dem nöthigen Fleiß eine solidere Grundlage für eine glückliche Lebensführung, als die lieber« fliegerei. Auch ein bischen Unart gibt noch keinen Anlaß zur Verzweiflung; waS ein guter Wein werden soll, muß gähren.

Also weder die blühende Eitelkeit, noch die gekränkte Eitelkeit der Eltern darf zu einer ungerechten Beurtheilung der Fähigkeiten deS KindeS führen. Wird de» Eitern daS un­befangene Urtheil schwer, so können fie ja bei sachverständigen und gewissenhaften Leuten auch Rath holen. Nicht bei redseligen Nachbarn, sondern bei den Lehrern, Seelsorgern und er­fahrenen Angehörigen, die daS Kind wirklich kennen.

Schwierig ist e« auch, die Neigungen de» Kindes richtig einzuschätzen. So ein Guckindiewelt hat vom menschlichen Leben und Treiben nur einen kleinen Ausschnitt oberflächlich gesehen. Em selbständige« Urtheil über die guten und schlechten Seiten eines Berufe» kann er noch nicht haben. Trotzdem darf man feine Wünsche und Instinkte nicht achtlos bei Seite schieben, sondern muß genau zusehen, ob dahinter besondere Anlagen und ernste Neigungen für die eine ober andere Tätig­keit stecken. UebrigenS ist es auch recht gut, wenn die Eltern rechtzeftig den heransachsenden Kindern den Gesichtskreis zu erweitern suchen, ihnen Ein­blicke in da» gewerbliche Leben und Treiben ver­schaffen, sie auf die Vortheile und Lasten der ver­schiedenen Berufszweige aufmerksam machen. Natürlich ohne die Absicht merken zu lassen, fie für ben oder jenen Beruf einzufangen.

Wa« nun den sogen,höheren Beruf" an­geht, so kann die katholische Minderheit in Deutsch­land nur bringend wünschen, daß fich recht viele tüchtige Sprößlinge von katholischen Familim emporarbeiten. Nur so kommen wir zur vollen Parität.

Freilich müssen fie tüchtig fein. Aber das soll nicht heißen, daß nur Genies berufen seien. Wenn der Junge die höheren Schulen ohne be­sondere Schwierigkeiten glatt durchlaufen kamt, so find seine geistigen Fähigkeiten schon al« aus­reichend anzusehen. E» müssen jedoch noch sitt­liche und körperliche Fähigkeiten hinzu­kommen. Je höher der Mensch im Leben stehen wird, desto größere Anforderungen werden au seinen Charakter gestellt; er muß Vorsicht mit Ent- schiedmheit, Geschmeidigkeit mit Festigkeit zu ver­einigen wiffen. E» ist ein großer Jrrthum, wenn mau glaubt, körperlich schwache Kinder seienzum Studium" berufen. Ja den höheren Regionen wehen scharfe Winde; der Kampf um« Dasein geht da nicht so glatt und leicht ab, wie mau nach der übertünchte» Außenseite oft vermuthet. Schwächlinge bringen e» dort zu nicht« Rechtem und bleiben lieber unten im Thale in bescheidener Stellung. Natürlich ist die rohe Kraft bet Knochen und Muskeln, wie fie Steinträger ober Athleten